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Full text of "Sexualleben und Nervenleiden [6. Auflage]"

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SEXUALLEBEN 



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NERVENLEIDEN 




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NEKYENLEIDEN 



NEBST EINEM ANHANG 

ÜBER PROPHYLAXE UND BEHANDLUNG DER 

SEXUELLEN NEURASTHENIE 



VON 



HOFRAT Dr. L. LOWENFELD 

SPEZIALARZT FÜR NERVENKRX'nKHEITEN IN MÜNCHEN 



SECHSTE VERMEHIiTE UND ZUM TEIL UMGEARBEITETE AUFLAGE 



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MÜNCHEN UND WIESBADEN 

VERLAG VON J. F. BERGMANN 

198S 



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Naohdrack Terboteo, 

ÜbeTwtBungsreoht in ^e Spraohen, auch ina BusBitohe, und Unguiflohe 

Torbdiftltea. 

Copyright 1022 by J, F. Bergmum^ Httnohen und WiMbadon. 



DiO-dJco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV Of CALIFORNIA 



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Vorwort zur fünften Anflage. 



Die vorliegende neue Auflage weist ■wiederum ihrer Vorgängerin gegenüber 
zahlreiche Änderungen und umfängliche Mehrungen auf. Die Seitenzahl ist von 
404 auf 495 angewachsen. Es erklärt sich dies aus mehreren Umständen. Dieses 
Werk ist aus sehr bescheidenen Anfängen hervorgegangen, und die Umfangs- 
mehrung von Auflage zu Auflage mußte sich in gewissen Grenzen halten. Einige 
Lücken, welche die IV. Auflage noch enthielt, konnten daher erst in der gegen- 
wärtigen beseitigt werden. Es geschah dies durch Einfügung der Abschnitte V 
und VI, welche die nervösen und psychischen ßtörungen während des Geburts- 
verlaufes, des Wochenbettes und der Stillperiode behandeln. Auch die Umarbei- 
tung und Erweiterung des I. Abschnittes, die sich allmählich als notwendig erwiesen 
hatte, war erst in dieser Auflage durchführbar. 

In den seit dem Erscheinen der IV. Auflage verflossenen Jahren ist die Literatur, 
die sich mit dem Sexuellen beschäftigt, ganz enorm angeschwollen, und wenn dies 
auch zu keiner einigermaßen entsprechenden Mehrung unserer Kenntnisse führte, 
so war doch die Zahl der Fubhkationen, welche Berücksichtigung erheischten, 
erbeblich genug. Dazu kam, daß meine eigenen in den letzten Jahren veröffent- 
lichten Arbeiten zu den in diesem Buche behandelten Thematen manche Beiträge 
geliefert hatten, deren Aufnahme nicht unterbleiben konnte. Dagegen war ich 
nur in wenigen Punkten veranlaßt, die Ansichten, zu denen ich mich früher be- 
kannt hatte, zu ändern. 

Die Meinungaverschiedenheiten, die über manche Fragen des sexuellen Gebietes 
(so insbesondere sexuelle Abstinenz und Malthusianismus) in medizinischen Kreisen 
seit langem bestehen, sind in den letzten Jahren z. T. in verschärftem Maße zutage 
getreten. Ich habe, unbeirrt von der Parteien Eifer, mich bemüht, in den be- 
treffenden Abschnitten meine aus breitester Erfahrung erwachsene Auffassung 
darzulegen, und hoffe, daß meine Ausführungen einiges zur Ausgleichung der 
gegensätzlichen Meinungen beitragen werden. 

München, Dezember 1918.. 

L. Löwenfeld. 



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DiOH.zeo UV ^.eXVj;^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 




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Vorrede zar sechsten Auflage. 



Auch die hier vorliegende ochste Auflage meines Werkes „Sexualleben und 
Nervenleiden" weist wieder eine erhebliche Beihe von Änderungen und Zusätzen 
auf. Der Weltkrieg und seine Folgen, die Bevolution und die Umgestaltung unserer 
pohtischen Verhältnisse, sowie die immer mehr anwachsende Veischlechterung 
unserer materiellen Ijage, all dies vermochte nicht, das Interesse und den Eifer 
für das Studium der Sexualwissenschaften irgendwie einzuschränken, und die 
Ergebnisse dieser Tätigkeit mußten, soweit sie die Themata dieser Schrift betrafen, 
Berücksichtigung finden. Insbesondere gilt dies von den zur Zeit noch viel um- 
strittenen Entdeckungen und Theorien Steinachs. Ben Zeitverhältnissen ent- 
sprechend mußte sich der Verlag mit Bücl^icht au! die Preisgestaltung dazu 
entschUeßen, das Werk in einer Form erscheinen zu lassen, welche bei gleicher 
Größe trotz Beschränkung der Bogenzahl eine Aufnahme all des durch den der- 
zeitigen Stand der Literatur gebotenen Neuen ermögUchte. 

Die völhge Umarbeitung des Abschnittes XII (Präventivverkehr) mit Weg- 
lassung der entbehrlichen Krankengeschichten erleichterte die Durchführung 
dieses Planes nicht unwesentlich. 

Irfi darf wohl hoffen, daß das Werk in der vorUegenden Form wieder die An- 
erkennui^ finden wifd, die den früheren Auflagen zuteil wurde. 



München, Juni 1922. 



Der Verfasser. 






\y^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



Inhaltstibersicht. 



Seite 

Vorwort zur fünften und sechsten Auflage V — VI 

Vorbemerkungen . 1 

T, Entwicklung und Dauer der ßexuelfen Punktionen fi 

II- Die nervösen Störungen der Pubertätszeit 22 

III. Die nervösen und psychischen Störungen der Menstniation£zeit 26 

IV. Die nervösen und psychischen Störungen der SchwangerschGüEt 32 

Anhang, über den Kinfluß der Schwangerschaft auf Neurosen und Pflycho^en 41 

V. Diemitdem Geburteakte zusammenhängenden nervösen und psychischen Störungen 14 

VI, Die nervösen und psycbüchen Störungen im Wochenbett und in der Säugeperiode 46 

Die Puerperalpeyebosen 48 

VII. Die nervösen Störungen im natürlichen und künstlichen Klimakterium der Frau 63 

Das Klimakterium virile 60 

Steinaohs Verjüngnngstheorie 62 

VIII. Die sexuelle Abstinenz beim Manne , . 67 

IX. Sexuelle Abstinenz und Mangel sexueller Befriedigung beim Weibe 93 

X. Sexuelle Exzesse und ähnliche Schädlichkeiten 99 

XI. Onanie 109 

XII. Der sexuelle Präventivverkehr 134 

XIII. Über den Einfluß sexuellen Verkehrs auf bestehende Nerven* und Geisteskrank- 
heiten und die Disposition zu solchen 144 

XIV. Erkrankungen der Sexualorgane bei Männern als Ursache von Nervenleiden. , 151 

Anhang. UberPoUntionenundpollutiongartigeVorgängebeibeiden Geschlechtem 154 

XV- Erkrankungen der Sexualorgane bei Frauen als Ursache von Nervenleiden. . . 165 

XVI. Die Freudsche Theorie von der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. . - 178 

Meine Ansichten über die Kolle der Sexualität in der Ätiologie der Neuroeen 180 

XVII. Eigene Untersuchungen über die sexuelle Ätiologie der neurotischen Angstzustände 189 

XVIII. Die Anomalien des Sexualtriebes 196 

I. Quantitative Anomalien des Geschlecbtetriebes 196 

-A. Mangel und krankhafte Herabsetzung des Geschlechtetriebes. Sexuelle 

Anästhesie, Anaphrodisie (Eulenburg) 196 

B. Krankhafte Steigerung des Geschlechtatriebes. Sexuelle Übererregbarkeit, 

Sexuelle Hyperästhesie» sexuelle Hyperlagnie (Eulenburg). Libido nimia 198 

II. Qualitative Anomalien 206 

A, Homosexualität 206 

Konträre Sexualempfindung 206 

1. Konträre Sexualempfindung beim Manne* UranismuSr Umingtum. . 206 

2. Die konträre Sexualempfindung beim Weibe. (Viraßinitat, Ma*kulinität, 
Gynandrie) 226 

Anhang. Narzismtrs 228 

Transvestitismud 229 



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t^'^ UNIVERSITVOf CALIFORNIA 




VTII Inhftltaübersicht. 

Seit« 

B. Substitutive Formen heteroeeKueller Perverdioo. Geschlechtlicher Sym- 
boJiBmus 230 

I, FetiBchj&muB 230 

II. Andere substitutive Formen heteroeexuelter Perveraion 239 

Exhibitionismus 239 

C. Algolagnie 240 

SodismuB und Maeochiemua 240 

I. Sadismus 241 

IX. MasocbismuB 248 

Anhang. Periodisches Auftreten von Anomalien des äexualtriebea . . . 252 

XIX. Prophylaxe und Behandlang der sexuellen Neurasthenie 254 

Literatur 281 

Sachregister ." 290 



DiO-dJco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Vorbemerkangen. 



Vorgänge des sexuellen Lebens stehen un^r dem Einflüsse des Nerren* 
s^tems; sie sind von der Funktion ge'wisser zentraler Apparate abhängig. Von 
Budge, £okhard, Goltz, Spina> ^. L. Müller u. a. wurden auf experimen" 
tellem Wege bei Tieren in d^i unteren Bückenmarksabschnitten (oberes Lumbal- 
mark und unteres Sakralmark) Zentren für die Vorgänge der Erektion und 
Ejakulation nachgewiesen, und es besteht kein genügender Grund, zu bezweifeln, 
daß auch beim Menschen in den gleichen Markabschnitten Zentren für den Ge- 
schlechtsakt vorhanden sind ^). Auch in der Großhirnrinde hat das sexuelle Leben 
seine Vertretung; die demselben angehörigen psychischen Geschehnisse, Vor- 
stellungen, Gefühle und Dränge, sind jedenfalls an gewisse kortikale Territorien 
gebunden. Ob jedoch eine einheitliche, umschriebene Zentralstelle für den 
Geschlechtssinn in der Großhirnrinde existiert, bheb bis in die neuere Zeit zweifel- 
haft ^. Die Theorie G alls , nach welcher das Kleinhirn den Sitz des Fortpflanzungs- 
triebes beherbergen soll, ist schon lange als irrtümhch erkannt* Ferrier glaubte 
aus gewissen experimentellen Tatsachen schUeßen zu können, daß die Zentren 
der sexuellrai Vorstellungen wahrscheinHeh in jenen Begionen des Gehirns zu 
suchen seien, welche den Hinterhauptslappen mit dem tieferen und inneren Teile 
des Schläfenlappens verbinden. Die fraglichen Beobachtungen Ferriers sind 
jedoch mehrdeutiger Natur*) und die darauf basierte Vermutung hat bisher 
weder durch physiologische, noch durch pathologische Beobachtungen eine weitere 



^) Naoh dem Vorgange von B. -L, Müller (klinjBche und experimentelle Stadion Über 
die Innerration der Blase, des Mastdarms und des Genitalappftrates* Deutsche Zeitschrift für 
Nervenheilkunde. 1901 und Weitere Beitr&ge zur Pathologie und zur pathologischen Anatomie 
des onteroi Bückenmarksabsohnittes, eb^da 1901) wurde ^^n einra Anzahl von Autoren 
angenommeoi» dafi die Zentren fttr die Erdetion und Ejakulation ausschließlich oder weni^tens 
z. T. aufierhalb des Bttckenmarks und zwu in den Gangliengefleohten des kleinen Beckens 
(Plexus prostaiicus odcff Plexus Tesicae seminalis) liegen. Diese Annahme wurde nachtiftglich 
von R. L. Müller selbst als irrtümlich aufgegeben (R. L. Müller und W. Dahl, „IHe Iimer- 
vierung der m&nnlichen Cteuhleohtso^ane". Deotaches Archiv f. klin. Medizin 107 B.» 1912). 

') So hielt es z. B, v. Kraf f t*Sbing für gerechtfertigt^ als Stelle für die Auslösung sexualer 
Gefühle» Vbrstellungai und Dringe eine bestimmte Region der Hirnrinde (zerebrales Zentrum) 
zu Termut^L J. Roux (Pathologie de Tlnstinet aexuel, Paris 1899) erachtete es dag^en für 
nutzlos, nach einem bestimmten Zentrum fttr die sexuelle Funktion im Gehirn zu suchen» da 
ein solches Zentrum nicht existiert. 

') S. Ferrier, Die Funktionen des Q^ims» deutsch von Obersteiner 1879, S. 216; 
und Philosophical Transactions of the Royal Society of London, Vol. 166, p. 484. Ein Affe, 
welchem Ferrier die Hinteriiauptslappui des GeMms abgetragen hatte* machte nach der 
Opeo^tion wiederholt einem m&nnlichen Getfthrten geg^ittlm Veifiucfae sexudler Axmäherung. 
Ferrier glanbt, dies auf Reizung eines Zentrums für die sexuellen Empfindung^ in der Nach- 
barschaft der Läsionsstelle beziehcoi zn dttrfen. 

LOwenfeld» Seznalletwo nnd Niffvealeldsii. Sechste Aufl. « 1 



Diomzeo uy '^«eXVjlH. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



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S Vorbemerkongen. 

Stütze t'rhalten. Nach Flechsig sind die Wüllustgefüble> „soweit sie durch 
die Haut und Schleimhaut der äußeren Geschlech Steile vermittelt werden", 
in der Körperfühlsphäre (Zentralwindungen, hintere Partie der Stimwindongen, 
Pärazentrallappen, Gyruß fomicatus) lokalisiert, da auch diese Teile der Körper- 
oberfläche bei Zerstörung des Stabkranzes der Körperfühlsphäre unempfindlich 
werden. Ob jedoch auch der Geschlechts trieh> soweit er von den inneren Sexual- 
organen, insbesondere den Keimdrüsen abhängt, in der Körperfühlsphäre repräsen- 
tiert ist, hält der Autor für fraghch. Experimentelle Untersuchungen an Hunden, 
die zu Anfang dieses Jahrhunderts von russischen Autoren angestellt wurden, 
haben zwar die Existenz eines umschriebenen Bindenzentrums für den Geschlechts- 
trieb beim Mei^chen sehr wahrscheinUch gemacht, für die Lage desselben jedoch 
keine Fingerzeige gehefert^). 

Nach den Untersuchungen Eckhards, Goltz u. a. an Tieren stehen das 
Gehirn und die höheren Bückenmarksabschnitte mit den genitalen Bücken- 
markszentren durch Bahnen in Verbindung, welche diesen erregende und hemmende 
Einflüsse übermitteln. Pathologische Tatsachen und Erfahrungen des täglichen 
Lebens lehren, daß solche Verbindungen zwischen den höheren Zentralteilen 
und den spinalen Zentren des Geschlechtsaktes auch beim Menschen existieren. 
Bei Erkrankungen der höheren Bückenmarksabschnitte werden Erscheinungen 
sexueller Beizung (andauernde Erektionen, selbst Samenergießungen) beobachtet; 
bei Bückenmarksaffektionen mit ausgedehnterer Leitungsunterbrechung kommt 
es mitunter bei Einwirkung peripherer Beize, die unter normalen Verhältnissen 
sich unwirksam zeigen, zu reflektorischer Auslösung von Erektionen. Wir wissen 
femer, daß psychische Vorgänge, Vorstellungen sinnUchen Inhaltes geschlecht- 
liche Erregungen wachrufen, daß aber ebensogut gewisse Vorstellungen vor- 
handene sexuelle Begungen hemmen oder deren Eintritt verhindern können. 
Indes sind es nicht bloß zentrifugale, sondern auch zentripetale Bahnen, welche 
die spinalen Geschlechtszentren mit dem Gehirne verknüpfen. Die Nerven, 
welche die Sexualorgane versorgen, laufen in den unteren Bückenmarksabschnitten 
zusammen, und die Erregungen, welche von diesen Organen dem Gehirne über- 
mittelt werden, strömen zunächst in die erwähnten spinalen Zentren, um von 
hier aus erst nach oben geleitet zu werden. 

Der innige Konnex der einzelnen Zentralteile untereinander bedingt es, 
daß Tätigkeiten und Zustände des einen Teiles nicht ohne Belang für die übrigen 
sind. Erschöpfende Inanspruchnahme eines Zentrums wirkt erschöpfend auf das 
Nervensystem im allgemeinen, Steigerung der Erregbarkeit eines Teiles zieht 
ähnliche Veränderungen in anderen Zentralteilen nach sich. Vergleichen wir 
die Intensität und Ausbreitung der Erregungen, die sieh an die Funktion der 
genitalen Bückenmarkszentren beim Geschlechtsakte oder bei der Samenent- 
leerung überhaupt knüpfen, mit der jener Erregungen, welche z. B. die Entleerung 
der Büse und des Mastdarms und die Tätigkeit des Magens begleiten, so sehen 
wir, daß die sexuell-nervösen Vorgänge an sich besonders geeignet sein müssen. 



') L. PuBsep (Über die Gehirasentren der Erektion dee Penis und der SamenabBondening. 
DisflOTtation 1902. St. Petersburg) fand bei Hunden eine unmittelbar hinter dem Sulous cruciatus 
gdegene kleine RindensteUe, deren elektriBche Beizung Erektion und Ejakulation und deren 
ExBtirpation Schwinden der Libido zur Folge hatte. Bechterew (Anhiv f. Anatomie u. 
Physiologie 1906) fand bei Hunden am hinteren Teile des Gyms sigmoideus eine Stelle, deren 
Beisung Spannung und Größenzunahme des Gliedes herromift, femer bei Brazung einer benach- 
barten und z. T. mit dem Erektionszentrum zusammenfallenden Bindenstelle gesteigerte Samen- 
absondening. 






^^■^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



Vorbemerkungen. 3 

das Nervensystem in weitem Umfange und in intensivster Weise zu affiziei-en. 
Ebenso zeigt sich, daß die von den Generationsorganen den genitalen Lenden- 
und Sakrabnarkszentren kontinuierlich zufließenden und deren Erregbarkeits- 
zustand modifizierenden Eindrücke von großer Bedeutung für das Nervensystem 
im allgemeinen sind. Es genügt hier ein Hinweis auf die Veränderungen der 
Gemütslage und Vorstellungswelt bei maimlichen und weibhchen Individuen 
während der Pubertätsperiode, den Einfluß der Kastration auf den Charakter 
bei Menschen und Tieren und die Störungen in den verschiedensten Nerven- 
gebieten infolge gewisser Erkrankungen und abnormer funktioneller Zustände 
der Sexualorgane ^). 

Die Natur hat den Akt, an welchen sich die Erhaltung der Art knüpft, mit 
Sensationen ausgestattet, deren Beschaffenheit viele Personen bestimmt, den 
Genuß derselben unabhängig von irgendwelchen weiteren Zwecken zu erstreben. 
Dies führt sowohl zur Unmäßigkeit im sexuellen Verkehre wie zu sexuellen Ver- 
irrungen, deren Kosten in erster Linie das Nervensystem zu tragen hat. Anderer- 
seits ist das, was man gewöhnhch als sexuelles Bedürhiis bezeichnet, nicht ein 
so klar und unzweideutig sich kundgebender Zustand wie bei den meisten anderen 
Bedürfnissen. Wenige Menschen sind im Zweifel darüber, ob sie gewisse Gefühle 
als Hunger oder Durst deuten sollen, und das Bedürfnis der Nahrungs- und Ge- 
tränkeaufnahme wird von niemand geleugnet. Dagegen machen sich sexuelle 
Begungen auch nach der Pubertäteperiode noch bef'sehr vielen Personen (ins- 
besondere solchen weibhchen Geschlechts) nur in nebelhaft verschwommener 
Weise oder in völUger Idealisierung bemerkUch, in Form eines gegenstandslosen 
Sehnens oder einer Gefühlsschwärmerei für Personen oder Dinge, deren innerer 
Wert zum Teil den entgegengebrachten Kultus nicht rechtfertigt. In den Fällen 
hinwiederum, in welchen Gefühle vorhanden sind, welche unverkeimbar auf 
sexuelle Erregtheit hinweisen, mögen diese ebensowohl durch die Einwirkung 
von Vorstellungen auf die genitalen Zentren des Bückenmarkes als durch auf 
rein somatischem Wege erzeugte Erregungszustande der spinalen und kortikalen 
Sexualzentren bedingt sein. So kommt es, daß manche ihre sexuellen Leistungen 
psychisch erzeugten, d. h. imaginären Bedürfnissen anpassen, während andere 
durch äußere Verhältnisse oder irrtümliche Anschauungen verhindert werden, 
dem physiologischen Drange ihrer Natur Rechnung zu tragen. 

Alle diese Umstände machen es begreifUch, daß Vorgänge im sexuellen Leben 
häufig Ursache von Störungen im Nervensystem werden. In der Tat hat sich 
bereits von alters her die Aufmerksamkeit der Ärzte auf die nervösen Leiden 
gerichtet, welche durch geschlechthche Tätigkeit oder Zustände der Generations- 
organe hervorgerufen werden. In der Neuzeit, in welcher die Lebensverhältnisse 
und angeborene Konstitution das Nervensystem bei einer ungeheueren Anzahl 
von Menschen für Beize jeder Art empfänglicher machen, drängt sich dem beob- 
achtenden Arzte der Zusammenhang vieler nervöser Erkrankungen mit Vor- 
gängen und Zuständen in der Sexualsphäre in überzeugenderer Weise auf als 
wohl je in früherer Zeit. Auf der anderen Seite haben wir aber auch in neuerer 
Zeit für viele Nervenübel, deren Quelle man früher auf gesehlechthchem Gebiete 
suchte, andere Ursachen kennen gelernt. Im nachstehenden werden wir die- 
jenigen Verhältnisse des sexuellen Lebens und pathologischen Veränderungen 

') Daß die in Frage stehenden Ver&nderungen nicht lediglich durch nervöee, von den 
Generationsoi^nen ausgehende Erre^ungoi, sondern auch, und zwar wahrscheinlich ilber- 
wi^end, durch Vozg&nge der sog. inneren Sekretioa zustande kommen, mUssm wir hier, um 
irrtümlichen Auffassungen voreu beugen, vorgreifend bemerken. 






^^■^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



4 Vorbemerkiungeiu 

der Grenitalorgane besprecben, welche am häufigsten zu Störungen im Nerven- 
hereiche führen, deren pathogenetiBcher Einfluß sohin das Interesse des Arztes 
am meisten in Anspruch nimmt. 

Wir hahen im vorstehenden lediglich den Zusammenhang des Nervensystems 
berücksichtigt, wie er für die sexuellen Funktionen in Betracht kommt. Diese 
Funktionen stehen aber auch unter dem Einflüsse von sogenannten Blutdrüsen, 
Drüsen mit innerer Sekretion, und manches, was man bisher dem Nervensystem 
allein zugeschrieben hat, fällt überwiegend oder ausschließUch den inkretorischen 
Leistungen von Drüsen zu. Diese lassen sich ganz allgemein in anregende und 
hemmende sondern und wirken nicht nur auf das Nervensystem, sondern auch 
direkt auf die Organe und untereinander. Erregende Wirkungen kommen zu: 
der Hypophyse, der Thyreoidea, den Keimdrüsen; hemmende Wirkungen: der 
Zirbeldrüse (Glandula pinealis), der .Nebenniere usw. 

Der ganze Komplex von Wirkungen, die hier in Frage kommen, ist noch 
nicjit erforscht und wir können auf das hierüber Peststehende, soweit es die 
sexuellen Funktionen betrifft, erst im nächsten Abschnitte eingehen. 



DiOH.zeo UV '^.OtVj;^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



r. 



Entwicklung nnd Dauer der sexuellen Funktionen. 



Die kindliche Sexualität bildete erst in neuerer Zeit den Gegenstand ein- 
gehenderer Studien, die unsere Kenntnisse in vielen Beziehungen vermehrten, 
aber auch zu Heinungsverschiedenheiten geführt haben, welche früher nicht 
bestanden. Bis 1905 war in den ärztlichen Kreisen die Ansicht alleinherrschend, 
daß der Komplex von Vorgängen, die man als sexuelle Funktionen bezeichtiet, 
beim Kinde normalerweise mangelt. Die alltägliche Beobachtung schien diese 
Ansicht genügend zu stützen. 

Der Sexualapparat unterscheidet sich in funktioneller Hinsicht beim neu- 
geborenen Kinde von den übrigen Organsystemen ganz wesentlich. Der Zirku- 
lationsapparat ist bereits vor der Geburt in Tätigkeit, der Bespiiutionsapparat 
beginnt diese unmittelbar nach der Geburt, der Verdauungs- und der Hamapparat 
folgen alsbald nach, die Muskeln, die peripheren Nerven und die Sinnesorgane 
üben ebenfalls von dem Moment an, in welchem das Kind das Licht der Welt 
erblickt, die ihnen zukommenden Verrichtungen. Bei den Sexualorganen und 
den diesen zugehörigen nervösen Mechanismen liegen die Dinge wesenthch anders. 
Was dieser Apparatenkomplex in der ersten Zeit des kindlichen Lebens, abgesehen 
von seiner Beteiligung an den Ernährung- und Wachstumsvorgängen, im Organis- 
mus leistet, hierüber sind wir noch im unklaren. Wir können nur vermuten, daß 
die Keimdrüsen in bezug auf die sogenannte innere Sekretion eine ähnUche Bolle 
spielen wie im späteren Leben. Hierbei handelt es sich jedoch nur sozusagen um 
eine Nebenfunktion dieser Organe. Das Verhalten des ganzen Sexualappar^tes 
läßt unter normalen Verhältnissen durchaus nichts erkennen, was auf die später 
ihm zufallenden spezifisch sexuellen, d. h. der Fortpflanzung tatsächlich oder 
möglicherweise dienenden Funktionen hinweist. Dieses eigenartige Verhalten 
beschränkt sich jedoch nicht auf das Säuglingsalter, es erstreckt sich wenigstens 
bei einem erheblichen Prozentsätze der Kinder über den größeren Teil des infan- 
tilen Lebens und hat dazu geführt, daß man als das Normale für die Kindheit 
bis in die letzten Jahre dieser Lebensperiode einen asexuellen Zustand be- 
trachtete. Daß bei Kindern und zwar schon vom 1. Lebensjahre an verschiedene 
dem sexuellen Gebiete angehörige Erscheinungen beobachtet werden, ließ sich 
allerdings nicht in Abrede stellen. Man glaubte jedoch diesen Tatbestand mit 
der erwähnten Annahme dadurch vereinbaren zu können, daß man die fraglichen 
Sexualäußerungen als abnorm oder krankhaft betrachtete, oder auf äußere Ein- 
flüsse (Lokalaffektionen an den Genitalien, Verführung, Mißbrauch durch Er- 
wachsene usw.) zurückführte. Zwar mehrten sich allmähhch etwas die Mit- 



Diomzco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



8 Bkilwicklung und Daaer der sexuellen Fujü^tioiten. 

teiloDgen, welche die Asexualität der Kindheitsperiode als Normalzustand zweifel- 
haft erscheinen ließen. Doch hat erst Freud in seinen 1905 veröffentlichten drei 
Abbandlungen ^) zur Sexualtheorie es unternommen, die Lehre von der kindlichen 
Asexualität in eingehender Weise zu widerlegen. Nach Freud beginnt die Vita 
sexuahs normalerweise schon in der Säuglingsperiode, nicht erst in den letzten 
Kindheitsjahren. Es mangelt nach ihm schon beim Säugling nicht an gewissen 
Sexualäußerungen, an die sich weitere anschUeßen, so daß man an der infantilen 
Sexualität einen bestimmten Entwicklungsgang wahrnehmen kann. Daß dieser 
tTatbestand nicht schon früher eruiert wurde, glaubt der Autor auf die infantile 
Amnesie zurückführen zu dürfen, welche nach seiner Ansicht bei den meisten 
Menschen die Erlebnisse bis zum 6. oder 8. Lebensjahre verhüllt. Das Beweis- 
material, welches der Autor in der erwähnten Schrift gegen die ältere Theorie 
und zugunsten seiner Auffassung vorbrachte, war jedoch nicht ausreichend, 
letzterer allgemeine Anerkennung zu verschaffen. 

Bei einem Teile der von Freud angeführten Sexualäußerungen im Säuglings- 
alter und in der späteren Kindheit handelt es sich um Eracheinungen, die auch 
in anderer (nicht sexueller) Weise gedeutet werden köimen. Die Vorgänge anderer- 
seits, deren Charakter als Sexualäußerung nicht zu bestreiten ist, ermangeln 
der Regelmäßigkeit; sie bilden zum Teil sogar seltene Vorkommnisse. Bei alle- 
dem erscheint der Grundgedanke des Autors, daß auch die infantile 
Lebensperiode normalerweise nicht frei von Sexualäußerungen ist, 
die gewisse regelmäßige Züge darbieten dürften, gerechtfertigt. 
Vorerst können wir jedoch, wenn wir uns begnügen, uns an die gesicherten Tat- 
sachen zu halten, nur konstatieren, daß es zwar schon vor dem Eintritt der 
Geschlechtsreife bei den Kindern an sexuellen Vorgängen nicht mangelt, diese 
aber weder in ihrem Auftreten, noch in ihrer Aufeinanderfolge eine Regelmäßig- 
keit zeigen und zum erheblichen Teile nicht durch den natürlichen Gang der 
Entwicklung bedingt, sondern auf äußere Einflüsse (Verführung, Mißbrauch, 
krankhafte Zustände) zurückzuführen sind. 

Wir müssen uns hier dar^^f beschränken, zürn Beweise für das eben Bemerkte 
einigejenerTatsachen, auf welche Freud seine Auffassung der kindlichen Sexualität 
stützt, anzuführen. Die Lippen des Kindes bilden nach Freud eine erogene 
Zone, i. e. ein Hautgebiet, durch dessen mechanische Reizung sexuelle Erregung 
ausgelöst werden kann. Die Nahrungsaufnahme durch Saugen führt daher schon 
zu sexueller Erregung und Befriedigung. Das sexuelle Lustgefühl, welches das 
Kind beim Saugen kennen gelernt hat, veranlaßt es, sich den gleichen Grenuß 
durch das sogenannte Ludein oder Wonnesaugen zu verschaffen. 

Diese Annahme stützt sich auf eine Deutung der Mimik des gesättigten Säug- 
lings. Freud findet in dieser den Ausdruck der sexuellen Befriedigung, während es 
doch wohl nahe liegt, in derselben lediglich den Ausdruck eines einfachen Wohlbe- 
hagens zusehen, wie es auch der Erwachsene nach der Befriedigung des Hungers durch 
einegute Mahlzeit empfindet. Das LudelnoderWonnesaugenandererseits kann nicht, 
wie ich schon anderen Orts erwähnt habe, unter allen Umständen als sexueller Vor- 
gang gedeutet werden. Die unter dieser Bezeichnung zusammengefaßten Vorgänge 
sind sehr verschiedenartig, und es hängt von der individuellen sexuellen Konstitution 
ab, ob es hierbei zu einer sexuellen Miterregung kommt oder nicht. Bei der großen 
Mehrzahl der Kinder ist dies nach meinen Beobachtungen nicht der Fall '). 

>) A. Auflage 1920. 

*) Der Auffassung des Ludeins als einer SexuiJ&nBerung trat in neuerer Zeit insbesondere 
HoU (Sexualleboi des Kindes S. 165] entgegen. Auch Bleuler ist keineswegs übeneugt^ daß 






^^■^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



Entwickhing und Dauer der sexuellen Funl;iiotten. 7 

Besonders bemerkenswert ist der Umstand, daß die Onanie beim Säuglinge 
von !Fread als ein gewissermaßen regelmäßiges Vorkommnis betrachtet wird, 
während tatsächlich die Säuglingsonanie nicht nur nach meinen eigenen Er- 
fahrungen — auf diese allein würde ich wenig Gewicht legen — , sondern auch 
nach denen einer großen Anzahl von Kinderärzten, wie mir bekaxmt wurde, zu 
den Seltenheiten zählt. 

Nach Freud folgen der Masturbation in den ersten Kindheitsjahren andere 
Sexualäußerungen, die Triebe der Schau- und Zeigelust und der Grausamkeit, 
welche Quellen sexueller Erregung bilden sollen. Bas kleine Kind kennt noch 
keine Scham und besitzt eine Neigung, seinen entblößten Körper, insbesondere 
die Genitahen, zu zeigen. Das Gegenstück, der Trieb, die GenitaUen anderer 
Personen zu betrachten, tritt nach Freud wahrscheinUch erst in späteren Kinder- 
jahren hinzu und kann als spontane Sexualäußerung sich geltend machen. Auch 
die hier angeführten Triebe bilden keine regelmäßigen Erscheinungen im Kindes- 
alter. Die Neigung, sich zu entblößen, insbesondere die Genitalien zu zeigen, 
findet sich nur bei einem Teile der Kinder und muß nicht in der Art wie der 
Exhibitionismus gedeutet werden. Die Annahme hegt wohl näher, daß das Ver- 
gnügen des Kindes bei der Entblößung lediglich auf der Befreiung von der von 
ihm lästig empfundenen Umhüllung beruht. Der Schautrieb andererseits läßt 
sich ungezwungen als eine Teilerscheinung der Wißbegierde oder Neugierde des 
Kindes deuten, die sich auf alles erstreckt, was seinen Bücken und seinen Händen 
unzugängUch ist. Und was schheßUch die kindliche Grausaml^eit betrifft, so 
beruht dieselbe zumeist auf Unverstand, Mangel an Kenntnis der Tatsache, daß 
die Menschen und Tieren zugefügten Unbilden Schmerz verursachen. Von einem 
förmlichen Triebe zur Verübung derartiger Handlungen kann bei nonpalen Kindern 
kaum gesprochen werden; wo ein solcher deutlich zutage tritt, handelt es sich 
gewöhnUch um pathologische Erscheinungen, die man dem Gebiete des Sadismus 
zurechnen darf. 

Bevor ich daran gehe, eine kurze Übersicht über die wichtigsten Sexual- 
äußerungen der infantilen Lebensperiode zu geben, muß ich mir einige Bemer- 
kungen über die schon berührte sexuelle Konstitution gestatten. Nach meinen 
Untersuchungen ') gibt es eine von der allgemeinen Konstitution unabhängige 
Sexualkonstitution, deren besondere Artung sich schon im Kindesalter kund- 
geben mag. Die sexuelle Konstitution bedingt die Zeit des Eintritts, d. h. das 
frühere oder spätere Eintreten jener sexuellen Voi^änge, die in den letzten Jahren 
der Kindheitsperiode regelmäßige Vorkommnisse bilden. Sie bedingt femer, 
daß bei manchen Kindern sexuelle Erregungen durch Einwirkungen hervor- 
gerufen werden, welche in der großen Mehrzahl der Fälle ohne derartige Folgen 
bleiben. Sie ist auch von größerer oder geringerer Bedeutung für die Gestaltung 



das Ludein im Prinzip etwas Sexuelles sei (Jahrbuch für peychoanaljrtische usw. Forschungen. 
II. Bd. 2. H&lfte. S. 647). 

Wenn Dr. Qalant, wie Freud erwähnt, ^>n einem erwachsenen Mädchen berichtet, 
das beim Luddn Sensationen hatte, die sich nicht wesentlich von denen untesficheidm, welche 
andere weibliche Personen bei der Kohabitation empfinden, kann ich diesen gegenüber auf 
die Aussagen zweier mir als völlig suverlässig bekannter Frauen Tcrweisen, die das Luddn mit 
einer Brotrinde vor dem Schlafoigehen bis etwa sum 10. Jahre betrieben und dadurch ihre Zähne 
geschädigt hatten. Beide erklärten mit BestimmUieit, daß ihre Empfindungen beim Ludein 
keinerlei Ähnlichkeit mit denen beim sexuellen Verkehr hattrai. 

^) S. LOwenfeld: Über die sexuelle Konstitution und andere Sezualproblone. Wies- 
baden. J. F. Bergmann. 1911. 



DiOiriz™ I.V '-.OÜ^j;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



8 Entwicklung und Dauer der sexuellen SVinlctionen. 

der SexnaläußeruQgen, welche 'während der mfantilen Periode durch 
Sinflüsse (Verführung, Mißbrauch, krankhafte Zustände) herbeigeführt werden. 

Sexuelle Empfindungen und Erregungen können schon im Kindesalter durch 
äußere und psychische Beize hervoi^erufen werden. Als äußere Beize Irommen 
vorwaltend mechanische Einwirkungen auf den Damm und die Genitalien in 
Betracht, wie sie bei Knaben durch Beibung enger Hosen, zufäUiges Andrücken 
weicher oder harter Gegenstände gegen die gebannten Partien, besonders häufig 
aber durch Butschen auf Geländern, Balken, Klettern an Stangen, Beiten auf 
Schaukelpferden und lebendigen Queren zustande kommen. Die hierbei zufällig 
ausgelösten sexuellen Lustempfindungen veranlassen häufig eine Wiederholung 
der erregenden Prozedur, die zu onanistischer Neigung sich entwickeln kann. 
Streicheln der Genitahen durch Pflegepersonen usw. kann ähnhche Folgen haben. 
Ein selteneres Vorlrammnis bildet die Auslösung sexueller Empfindungen durch 
mechanische Einwirkungen auf die Mastdarm- und Hamröhrenschleimbaut (Freud s 
Analerotik, SadgersUrethralerotik). Daß auch schmerzhafte Einwirkungen, ins- 
besondere Schläge auf das Gesäß, sexuelle Empfindungen verursachen können, 
ist seit langem bekannt. Die Fälle dieser Art sind jedoch nicht sehr häufig, ebenso 
wie diejenigen, in welchen die gleiche Erscheinung durch schaukelnde Bewegungen 
oder intensive Körperanstrengungen, „Baufen" (Freud), hervorgerufen wird. 

Als psychische Beize können sowohl Vorstellungen als Affekte wirksam 
werden. Bei Knaben beginnt die EmpfängUchkeit für sinnlich erregende Eindrücke 
(Anbhck des ganzen oder teilweise entblößten weiblichen Körpers) mitunter 
schon sehr früh — im 6. oder 7. Lebensjahre. ÄhnUch verhält es sich mit dem 
Einfluß des Verkehrs mit Individuen des anderen Geschlechts, von Berührungen 
solcher usw. Bei älteren Knaben spielt auch die Phantasietätigkeit, indem sie 
sich mit sexuell erregenden Vorgängen beschäftigt, mitunter eine Bolle (psychische 
Onanie). Daß der Affekt der Angst sexuelle Erregungen, die bis zu Pollutions- 
vorgängen sich steigern können, bei jugendlichen Individuen hervorrufen kann, 
wurde zuerst von mir eruiert imd in der Folge von einer Beihe von Beobachtern 
(Janet, Freud, Bernhardt u. a.) bestätigt. Diese Wirkung der Angst tritt 
zumeist bei Schülern ein, die sich fürchten, mit einer Schulaufgabe nicht fertig 
zu werden, oder eine Strafe zu erwarten haben, kann aber auch nach meiner 
Erfahrung bei Kindern in noch nicht schulpflichtigem Alter vorkommen. 

Erektionen können bei Knaben schon in sehr zartem Alter auftreten. Sie 
bilden selbst in der Säuglingsperiode durchaus keine Seltenheit. In der Mehr- 
zahl der Fälle, aber keineswegs immer, steht diese Erscheinung mit Lokalaffek- 
tionen an den Genitalien, welche Beizzustände hervorrufen (Phimose, entzünd- 
liche Prozesse an der Eichel, juckende Exantheme usw.), in Zusammenhang. 
Man darf die im frühen Kindesalter vorkommenden Erektionen, die nicht durch 
äußere Beize hervorgerufen werden, im allgemeinen nicht als Äußerungen sexueller 
Erregung betrachten, da, wie die Morgeo^rektionen der Erwachsenen lehren, 
die Ghedsteifung auch ohne solche Vorgänge zustande kommen kann. Es mangelt 
aber auch schon im Kindesalter nicht an Fällen — sie sind aber bei Knaben unter 
10 Jahren sehr selten — , in welchen Erektionen durch Eindrücke oder Vor- 
Stellungen hervorgerufen werden, die auch bei Erwachsenen sinnlich erregend 
zu wirken vermögen. Zu einer regelmäßigen und physiologischen Erscheinung 
werden die Erektionen jedoch erst von der Pubertätszeit an, d. h. infolge der 
Beifung des Geschlechtsapparates. Sermit ist schon die Facultas coeundi gegeben, 
die mitunter von älteren Knaben, insbesondere unter dem Einflüsse von Ver- 
führung, zu regelrechtem sexuellen Verkehr ausgenutzt wird. 



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Entwicklung und Dauer der sexuellen Funktionen. 9 

Erotische Neigungen vom CharaTcter der sexuellen Liebe bilden bekannt- 
lich bei älteren Kindern beider Geschlechter keine Seltenheit, mitunter zeigen 
sie sich jedoch auch schon bei: sehr jungen Kindern in deutlicher Weise. Das 
Objekt der infantilen Neigung kann ebensowohl eine erwachsene Person als ein 
Kind sein und auch bei Individuen, welche in ihrem späteren Leben ein völlig 
normales sexuelles Verhalten zeigen, nicht nur dem anderen, sondern auch dem 
eigenen Geschlechte angehören. 

Ich kann nicht umhin, jenen Teil der Freudechen Theorien hier noch kurz zu berühren, 
den man unter dem Titel „Ödipuskomplex" zusammengefaßt hat. Nach Freud entbehrt auch 
die Liebe der Kinder zu den Eltern nicht ganz des sexuellen Charakters, und, wenn die Ent- 
wicklung des Geschlechtstriebes in der Zeit vor der Pubertät in die Phase der Objektwahl gelangt 
ist, richtet sich diese in der Phantasie zunächst auf die Eltern, bei Knaben auf die Mutter, bei 
den Mädchen auf den Vater, was in vorübergeheaden inzestuösen Phantasien zum Ausdruck 
gelangt. Diese transitoriscbe Objektwahl ist nach Freud für das spätere Leben namentlich 
bei Neurotikem von weittragender Bedeutung. Ich habe hiergegen. a. O. geltend gemacht, 
daß ich dieser Annahme auf Grund meiner Beobachtungen an meinen eigenen und fremden 
Kindern, sowie meiner psychoanalytischen Erfahrungen nicht beij^ichten kann und, daß ich 
speziell die Entwicklung eines Ödipuskomplexes bei Kindern, die von ihren Eltern, bei Söhnen, 
die von der Mutter, bei Töchtern, die vom Vater strenge behandelt werdoi, als ganz ausge- 
schlossen erachte. Es ist zu berücksichtigen, daß die Lehre vom Ödipuskomplexe in der Haupt- 
sache auf psychoanalytischen Ermittlungen bei Neurotikem fußt. Nach Freud ist es auch 
durch den Fortschritt der psychoanalytischen Arbeit dahin gekommen, daß die Anerkennung 
des Ödipuskomplexes zum Sohiboleth geworden ist, welches die Anhänger der Psychoanalyse 
von ihren Gegnern scheidet. Adler hat jedoch ebenfalls auf Grund psychoanalytischer Er- 
fahrungen den ödipus- oder Inzestkomplex auf eine Fiktion, eine ErinnerungsfälBchung der 
Patienten zurückgeführt, welche diese zu ihrer Sicherung gewählt haben ^). 

Die Entwicklung des Sexualapparates während der Kindheitsperiode findet 
nicht gleichmäßig entsprechend der der übrigen Organsysteme statt. Gegen 
Ende der Kindheitsjahre setzt ein stärkeres Wachstum der Geschlechtsorgane 
ein — es beginnt die Zeit der Pubertätsentwicklung, mit welcher sich auch jene 
gewebhchen Veränderungen verknüpfen, welche zur Bildung der Zeugungsstoffe 
führen. Der frühere oder spätere Beginn dieser für das Individuum in körper- 
licher und seelischer Hinsicht so wichtigen Periode hängt von der sexuellen Kon- 
stitution ab, die ihrerseits wieder durch Bässen- und Familieneigen tümUchkeiten, 
sowie die Lebensverhältnisse des Individuums (Stadt- und Landbevölkerung usw.) 
modifiziert wird. 

Im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Pubertätsentwicklung für beide 
Geschlechter bei den Bewohnern südUcher Länder früher einsetzt und deshalb 
auch früher zum Abschlüsse gelangt als bei den Völkern des Nordens, wobei es 
sich jedoch, wie wir sehen werden, mehr um Rassen- als um Klimaeinflüsse handelt. 
Die beiden Geschlechter verhalten sich bezüghch der Zeit des Eintritts der 
Geschlechtsreife nicht gleich. Die weibhchen Individuen eilen in dieser Hinsicht 
den männlichen im allgemeinen um zwei Jahre voran. Bei beiden Geschlechtem 
entwickeln sich mit dem Wachstum des Sexualapparates mehr und mehr die 
sogenannten sekundären Geschlechtsmerkmale. Bei Knaben gesellt sich zur 
Vergrößerung der Hoden und des Penis das Keimen des Bartes und Haarentwick- 
lung an anderen Stellen (Mens veneris und Achselgegend). Die Vergrößerung 
des Kehlkopfes, welche zu einem Länger- und Stärkerwerden der Stimmbänder 

*) Adler: „Über den nervßsen Charakter." Wiesbaden 1912. S. 72. „Das heißt, er arbeitet 
mit einer aus dem Endzweck al^eleiteten Fiktion, um sich zu sichern, ähnlich wie Sophokles 
die ödipussage formt und ausgestaltet, um die heiligen Gebote der Gdtter zu festigen." An 
einer anderen Stelle 8. 104 äußert sich der Autor dahin, daß der Inzestkomplex lediglich die 
Übertragimg der kindlichen Liebesbeziehungen zu Vater oder Mutter in ein sexuelles Schema 
darstellt. 






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10 Entwicklung und Dauer der Bexuellen fWikUonen. 

führt, verursacht eine auffällige Veränderong der Stimme (das Mutieren). Der 
Beginn dieser Entwicklungsvorgänge schwankt bei unserer Bevölkerung im all- 
gemeinen s^wischen dem 18. und 15. Lebensjahre und findet seinen Abschluß^) 
gegen das 18. Lebensjahr. 

Mit dem stärkeren Wachstum der Keimdrüsen entwickelt sich bei den männ- 
lichen Individuen neben der Erektionsfähigkeit und der dadurch bedingten 
Facultas coeundi auch die Ejakulationsfähigkeit als normale physiologische 
Erscheinung. Hiermit ist jedoch die Zeugungsfähigkeit noch nicht gegeben. 
Jene Entwicklungsstufe der Keimdrüsen, an welche die Bildung der Haupt- 
bestandteile des Samens, der Spennatozoen, geknüpft ist, wird im allgemeinen 
erst erreicht, nachdem die Erektionsfähigkeit schon einige Zeit besteht, bei unserer 
Bevölkerung im Durchschnitte zwischen dem 14. und 18. Lebensjahre. Ein 
Ejakulat kann zwar schon früher, selbst schon vor dem 10. Lebensjahre bei 
sexuellen Vorgängen entleert werden, doch enthält dasselbe nur ganz ausnahms- 
weise Spermatozoen. Findet, nachdem die Spermabereitung einmal im Gange 
ist, keine Entleerung des in den Samenblasen angehäuften Sekrets durch sexuelle 
Betätigung statt, so kommt es früher oder spater zum Auftreten von Pollutionen. 
Bei Individuen, die von Masturbation frei bleiben, treten nach meinen Erfahrungen 
Pollutionen vor dem 16. Lebensjahre nur selt(>n auf, während bei solchen, die 
der Selbstbefriedigung kürzere oder längere Zeit ergeben waren, Pollutionen 
nach dem Aussetzen der Gepflogenheit schon erhebUch früher auftreten können. 

Das erste Auftreten von Pollutionen kann, da das Ejakulat der Spermatozoen 
noch ermangeln mag, nicht als gleichbedeutend mit dem ersten Erscheinen der 
Menstruation beim weiblichen Geschlechte erachtet werden. Letzteres Ereignis 
(die Menarche nach Kisch) fällt großenteils noch in die Kindheitsjabre, bildet 
aber trotzdem in Anbetracht des Zusammenhangs von Ovulation und Menstruation 
ein sicheres Anzeichen dafür, daß der Sexualapparat die für die Konzeptionsfähig- 
keit erforderliche Entwicklung erreicht hat. An die Menarche schheßt sich, soweit 
dieselbe nicht schon früher begonnen hat, die Entwicklung der sekundären Ge- 
schlechtsmerkmale (Schamhaare, Brüste, Verbreiterung und Erweiterung des 
Beckens, Abrundung der Formen, insbesondere in der Schulter- und Hüftgegend 
durch stärkere Ausbildung des Fettpolsters usw.) an. In dem Zeitpunkte des 
ersten Eintritts der Menses finden sich sehr erhebliche Schwankungen, die man 
früher vorwaltend auf kUmatische Einflüsse zurückführte, was nicht auffallen 
kann, da z. B. in Ägypten die Mädchen schon mit 10 Jahren, in Indien mit 12 Jahren, 
im schwedischen Lappland dagegen erst mit 18 Jahren menstruiert werden. Daß 
es sich dabei aber mehr um Bässen- als klimatische Einflüsse handelt, geht aus 
dem Umstände hervor, daß auch bei einzelnen im hohen Norden wohnenden 
Volksstämmen die Mädchen bereits mit 12 und 13 Jahren menstruiert werden. 
In Europa betragen die Unterschiede im ersten Eintreten der Menses fast 6 Jahre, 
in Deutschland 3 Jahre. Die Menarche fällt hier zumeist zwischen das 13. und 



*) Über deu B^jinn der Pubert&teMitwicklung schwanken die Angaben der Autoren sehr. 
Moll (1. c.) verl^ dieselbe an das Ende der zweiten nach seiner Einteilung vom 8. bis zum 
B^nn des 15. Lebensjahres sich erstreckenden Kindheitsperiode. Kohl (Pubertät und Sexualität 
1911) nimmt als untere Grenze für die Zeit der Pubertätsentwicklung für Mädchen das 14. 
und 16., für Knaben das 15. und 16. Lebensiahr an. Diese Angaben sollen jedoch nur ftir die 
Landbevölkerung gelten. Dörnberger (Deutsche Praxis Nr. 24. 1905} bemerkt, daß man als 
Beginn der Pubert&t im aUgemeinen das 12. — 16. Jahr annimmt. Nach Sered Ribbing soll 
die Pubertätszeit beim Manne meist zwischen das 17. und 21. Lebensjahr fallen, eine Angabe, 
die zwar ffir Skandinavien, aber für die mitteleuropäische Bevölkerung keine Geltung bean- 
spruchen kann. 






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Entwicklung und Dftuer der sexuellen Funktionen. 11 



16. Lebensjahr. Die Erfahrung, die sioh schon lange aufgedrängt hatte, daß 
bei Mädehen der wohlhabenden Klassen in den Städten die Menses früher auf- 
treten als bei den Töchtern der ländhchen und hart arbeitenden BeTÖlkerung, 
wurde in neuerer Zeit durch die Untersuchungen Theilhabers bestätigt. Theil- 
haber fand als Zeit für die Menarche für die letztere Kategorie von Mädchen 
15,67 Lebensjahre, für die ersteren 13,8, also einen Unterschied von fast 2 Jahren. 
Außerdem konstatierte dieser Autor, daß die Mädchen jüdischer Abkunft zumeist 
um 1 Jahr früher menstruiert werden als die Töchter wohlhabender Familien 
im Durchschnitt. Neben diesen in der Breite des Normalen liegenden Schwan- 
kungen mangelt es auch nicht an Fällen von abnorm frühem Auftreten der Menses, 
die noch der Aufklärung harren. In der Literatur findet sich über eine Anzahl 
von weiblichen Individuen berichtet, bei welchen die Menses schon in der ersten 
Hälfte der Bondheitsperiode, selbst schon mit 2 Jahren und noch früher sich 
einstellten. Häufiger sind, wie es scheint, die Fälle von abnorm spätem Auftreten 
der Menarche. Lisbesondere bei unserer Landbevölkerung kommt es nicht selten 
vor, daß Mädchen, bei denen kein Zurückbleiben der ganzen körperlichen Ent- 
wicklung vorliegt, erst mit 20 Jahren'oder noch später menstruiert werden. Einem 
analogen Verhalten begegnen wir auch bei männlichen Lidividuen. In manchen 
Fällen kommt es (bei Mangel von Masturbation und sexuellem Verkehr) erst 
im 18. Lebensjahre oder später zum Auftreten von Pollutionen. Auch die psycho- 
sexuelle Entwicklung kanp, und zwar bei völlig normaler Ausbildung des äußeren 
Geschlechtsapparates, verspätet eintreten. Manche junge Mäimer bekunden bis 
zum 20. Lebensjahre und noch länger kein sexuelles Interesse für das zarte Ge- 
schlecht, ebengowenjg aber auch homosexuelle Neigungen. Ihr Verhalten jüngeren 
weiblichen Personen gegenüber verharrt noch auf der Stufe infantiler Indifferenz, 
während ihr« geistige Entwicklung im übrigen vöUig ihrem Alter entspricht. 
Von den psychischen Vorgängen, welche normalerweise mit der Beifung des 
Geschlechtsapparates zusammenhängen, spielt jener Komplex von Erscheinungen, 
den man unter der Bezeichnung „Geschlechtstrieb*' zusammenfaßt, die Haupt- 
rolle. Die Erfahrung hat gelehrt, daß die an der Bildung dieses Triebes beteiUgten 
psychischen Elemente (Komponenten) in den Einzelfällen schwanken oder wenig- 
stens in ungleicher Stärke vertreten sind. Man hat früher vielfach angenommen, ■ 
daß der Geschlechtstrieb sich aus zwei ihrem Wesen nach vei^chiedenen und 
auch für die Erhaltung der Art nicht gleich wichtigen Partialtrieben zusammen- 
setzt: dem BegattungB- oder Kopulationstrieb (der Libido sexuahs im 
engeren Sinne) und dem Fortpflanzungstriebe. Bei dem zivilisierten Manne 
der Gegenwart beruht jedoch das Verlangen nach Nachkommenschaft, wo das- 
selbe überhaupt vorhanden ist, in der Begel lediglich auf vollbewußten, kühlen 
Überlegungen, denen nichts Triebartiges anhaftet. Ähnlich verhält es sich bei 
dem zivihsierten Weibe, wenn auch bei diesem ein lebhaftes Verlangen nach 
Kindersegen ungleich häufiger als bei dem Manne sich findet. „Der Schrei nach 
dem Kinde", von dem so viel die Rede ist und der in manchen weibUchen Kreisen 
als Ausfluß eines mächtig nach Befriedigung drängenden Triebes hingestellt 
wird, darf nicht als Äußerung eines Fortpflanzungstriebes ohne weiteres aufgefaßt 
werden. Es bandelt sich hierbei im Grunde zumeist um den Schrei nach dem 
Manne, von dem man Befriedigung ebensowohl ideeller als sinnlicher Bedürfnisse 
erwartet. Was man als Beweise für das Bestehen eines Fortpflanzungstriebes 
beim Weibe erachtet hat und zum Teil noch erachtet (Schrei nach dem Kinde), 
sind Äußerungen des mütterlichen Instinktes, der seine Befriedigung nicht ledig- 
hch durch Fortpflanzung findet. 



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12 Entwicklung und Dauer der sexuellen Funktionen. 

Li neuerer Zeit bat die MoUsche UnterscheiduDg des GeschlechtstriebeB 
in einen Detnmeszenz- und einen Kontrektationstrieb manche Anbänger gefunden. 
Der Detnmeszenztrieb ist auf Beseitigung der in den Sexualoiganen bestehenden 
Spannung und Schwellung gerichtet, der Kontrektationstrieb auf körperliche 
Berührung einer Person, gewöhnlich des anderen Geschlechts. Bei Berück- 
sichtigung aller in Betracht kommenden Umstände bin ich dahin gelangt» als das 
Wesentliche des Greschlechtstriebes den Trieb mr Erlangung der spezifisch sexuellen 
Wollustgefühle und zur Beseitigung gewisser der Sexualspbäre entstammenden 
Unlustgefühle und zwar, wenn m^Iicb, durch den als Beischlaf bezeichneten 
Akt zu betrachten ^). 

Diese beiden Komponenten sind bei den Einzelindividuen je nach der Ge- 
staltung ihres sexuellen Lebens (Abstinenz oder Nichtabstinenz)| ihrer psychischen 
und sexuellen Veranlagung und verschiedenen anderen Umstanden in sehr un- 
gleicher Weise vertreten, und es kann sich zeitweilig oder dauernd lediglich eine 
derselben mit Ausschluß der anderen geltend machen. So mag sich für den ethisch 
hochstehenden Maxm, der durch seine Lebensstellung oder andere Verhältnisse 
zur Abstinenz verurteilt ist, das sexuelle Verlangen im wesentlichen auf die zweite 
Komponente beschränken, während bei dem sinnlich veranlagten Individuum» 
das an häufigen sexuellen Verkehr gewöhnt ist, die erste Komponente die Haupt- 
rolle spielt. Um die erwähnten beiden Faktoren gruppieren sich andere im Einzel- 
falle wechsehide psychosexuelle Elemente von mehr oder weniger ausgesprochenem 
triebartigen Charakter. Zu diesen zählt in erster Linie das Verlangen nach körper- 
hcher Berührung des Sexualofojektes oder einzelner Körperteile desselben (Küssen, 
Umarmen u. dgl.). 

Moll sondert» wie wir gesehen haben, den Gesohlechtstrieb in swei Partialtiiebe: De- 
tumeszenztrieb and Kontrektationatrieb. Der Autor hat die Beseicbnung Detozneszenztrieb 
auB dem Qninde gewählt, weil den OeBchlechtsakt eine Abechwellung des äußeren Genitale 
beim Hanne beschließt. Er Ic^ hierbei jedoch auch auf die Herausbeförderung des Samens 
Gewicht. Diese beiden Momente sind jedoch nicht das Objekt des Triebes» weder die Anschwellung 
des Penis beim Hanne, noch die Anhäufung von Spenna sind fflr die Anr^pmg der Libido nötig. 
Diese kann auch bei Impotoiz, i. e. Hangel der Erektlonsf&higkeit sehr wohl bestehen und 
kurze Zeit nach wiederholter Kohabitatton sich schon wieder geltend macfaoo» in EUlen also, 
in welchen von einer Spermaanh&ufung keine Bede sein kann. Andererseits wissen wir, daß 
die mechanisch bedingten morgendlich«! Erektionen^ auch w^m sie sehr kifif tig sind, mit keiner 
Libido verknüpft sind, d. h. keinen Detumeszoiztjieb auslöscoi. 

Was den UoUschen Kontrektationstdeb betrifft, so fftllt derselbe bei der Libido vieler 
Uasturbanttti ganz weg; es gilt dies inabesondere für jugendliche Individuell welche sexuellen 
Verkehr noch nicht gepflogen haben. Außerdem ist der lYieb nach körperlicher Berührurg 
von Individuen des anderen Geschlechtes bei Bl&nneni äußerst verschieden entwickelt und beim 
weiblichen Qeschlechte im allgemeinen geringer als beim m&nnlicfaei. Dieser Trieb kann schon 
im Kindesalter vor der Entwicklung der Libido sexualis sich geltend machen tmd nach dem 
Schwinden derselben und der Fot^is im Greiscnalter noch erhaltet bleiben. Hierauf sind die 
von Greisco verübten unsittlichen Handlangen zumeist zurückzuführen. Daß der Borührungs- 
trieb nicht eine der Libido gleichwertige Komponente des Geschlechtstriebes bildet, erhellt 
auch aus d«i Wirkungen der Befriedigung beider. Die Befriedigung des Berührungstricbee 
hat lediglich Steigerung der Libido zur fV)lge, w&hrend Befriedigung der Libido den BerUhrungs- 
trieb aufhebt. Havelock Ellis sondert an dem Sexualtrieb zwei Stadien oder Prozesse: 
Tumeszenz und Detumeszenz. Der erstere hat das Ziel, eine gewisse sexuelle Spannung herbei- 
zuführen, der zweite, diese Spannung zur Entladung zu bringen und instinktiv das Ereignis 
herbeizuführen, durch welches die Art fortgepflanzt wird Der Tumeszenzprozeß beim Manne 



') Hierdurch ist auch den Verhältnissen bei dw Masturbation Rechnung getrag^i, da 
bei dieser der Trieb nicht auf Begattung, sondern lediglich auf Herbeiführung gewisser sexueller 
Lustgefühle und — vielfach in erster Linie — auf Beseitigung gewisse- dra Sexualspfafire ent- 
springenden Unlustgeftthle gerichtet ist« 



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Entwickluxtg und Dauer dar sexuellen FonkUonen. 13 

soU zugleich dos Ziel haben, einen ähnlichen Vorgang beim Weibe (affektive Erregung und 
sexuelle Tuigeszenz) herbeizuführen. 

Nach meiner Aulfassung bilden die oben angeführten Momente, Erlangung der spezifisch 
sexuellen WoUustgefühle und Beeeitigung spezifisch sexueller Unlustgefühle den Kern des 
Sexualtriebes, tun welchen sich im Einzdfalle, wie bereits erwähnt wurde, andere Blemente 
von mehr oder weniger triebajtignn Charakter gruppieren. Für die Unterscheidung eines 
besonderen Tumeszenztriebes als erster Phase des Oeschlechtstriebes nach Ellis gilt das gleiche 
wie von dem MoHschen Kontrektationstriebe. Von einem auf Herbeiführung sexueller Span- 
nung gerichteten Triebe ist bei vielen zivilisierten Menschen nichts nachweisbar. Die sexuelle 
Spannung stellt sich häufig infolge innerer und äußere« Vorgänge ein, ohne daß derselben ein 
bewußtes Verlangen voriiergeht, ja selbst trots Ifeidung jeder Gtel^enheit, die solche herbei- 
führen könnte. Man dürfte sc^ar bei manchen Individuen statt eines Tumeszenztriebes einen 
Äntitumeezenztaieb unterscheiden. Dagegen unterli^^ es keinem Zweifel, daß die sexuelle 
Spannung einen Trieb auslöst, der auf Beseitigung dersdben gerichtet ist. 

Die Stärke des natürlichen, durch äußere Einwirkungen unbeeinflußten 
Sexualtriebs bei beiden Geschlechtern und insbesondere beim weiblichen ist ein 
Faktor, dessen Beurteilung auf große Schwierigkeiten stößt. Es ist daher nicht 
befremdlich, daß die Ansichten hierüber vom Altertum bis in die Gegenwart 
weit auseinander geben. Es sei hier nur an die bekannten Äußerungen Buddhas 
und Luthers über den Geschlechtstrieb und die hierzu in Gegensatz stehenden 
Auffassungen der christlichen Asketiker des Mittelalters erinnert. Letztere sind 
auch gegenwärtig (wenigstens in den christlichen Ländern) noch nicht völlig 
überwunden, und es läßt sich nicht verkennen, daß in der Beurteilung des Ge- 
schlechtstriebes sich noch immer zwei Bichtungen geltend machen: eine, welche 
diesen Trieb nur sozusagen als notwendiges Übel anerkennen und ihm nur eine 
sehr beschränkte Existenzbei^chtigung zugestehen will, und eine andere, welche 
der Libido sexuahs die Bedeutung eines den Menschen übermächtig beherrschenden 
Dranges zuschreibt, der aber nicht lediglich zu sexuellen Akten den Anreiz liefert, 
sondern auch auf das Cbistesleben des Individuums einen weittragenden Einfluß 
äußert. Auch in den ärztUchen Kreisen haben diese Meinungsverschiedenheiten 
bezüglich des Geschlechtstriebes noch in der Gegenwart Vertretung gefunden. 
Während z. B. v. Krafft-Ebing in demselben einen Naturtrieb erblickte, „der 
allgewaltig, übermächtig nach Erfüllung verlangt", und das Geschlechtsleben als 
den „gewaltigsten Faktor im individuellen und sozialen Dasein, den mächtigsten 
Impuls zur Betätigung und die Wurzel aller Ethik" betrachtete, glaubt Hegar, 
daß der naturgemäße Geschlechtstrieb bei dem jetzigen zivilisierten Menschen 
gar nicht so exzessiv stark sei, als er geschildert wird, wohl aber durch künst- 
liche, in unseren gesellschafthchen und kulturellen Zuständen begründete Er- 
regungen gesteigert wird. Aufschluß über die Stärke des Triebes geben uns nur 
die subjektiven Empfindungen sexuellen Dranges und die tatsächhchen sexuellen 
Leistungen des einzelnen Lidividuums, Faktoren, welche erfahrungsgemäß durch 
äußere Einflüsse (sinnlich erregende Eindrücke verschiedenster Art, Gelegenheit zu 
geschlechtlichem Verkehr usw.) und innere Vorgänge (Denkgewohnheiten, religiöse, 
ethische, hygienische Grundsätze) in ihrer Intensität, respektive Frequenz eben- 
sowohl gesteigert als herabgesetzt werden können. Da wir einen Maßstab für 
die Taxierung des subjektiven Empfindens sexuellen Dranges (der Libido) nicht 
besitzen, müssen wir, wenn wir uns eine Vorstellung von der Stärke des Sexual- 
triebes bei gesunden Männern in den Jahren der größten körperlichen und sexuellen 
Leistungsfähigkeit verschaffen wollen, die Frequenz des geschlechthchen Ver- 
kehrs bei annähernd gleicher (Gelegenheit, i. e. bei Verheirateten in Betracht 
ziehen. Da begegnen wir den auffallendsten Schwankungen. Ich habe einerseits 
Männer kennen gelernt, welche nach ihrer Verheiratung nicht nur einige Zeit, 



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14 Entwicklung und Dauer der sexuellen Funktionen, 

sunderii vii'le Jalire hindurch, soweit es die Verhältnisse gestatteten, tägUcIi 
die Gattenpflieht leisteten, andererseits aber auch solche getroffen, welche in den 
ersten Jahren nach ihrer Verheiratung wie später nur in niehrwöchentlichen und 
selbst mehrmonatlichen Zwischenräumen den Akt vollÄogen ^), Berücksichtigen 
wir auch den Umstand, daß manche Männer von Beginn ihrer Ehe an aus hygie- 
nischen oder anderen Bücksichten sich gewisse Beschränkungen im sexuellen 
Genüsse auferlegen, während andere dem ifio&ientanen Verlangen jederzeit ohne 
irgendwelche Bedenken nachgeben, auch die sexuellen Ansprüche der Frauen 
sehr verschieden sind, so sind wir doch zu dem Schlüsse genötigt, daß die Libido 
bei normalen Männern ganz außerordentlichen Schwankungen unterliegt. Auch 
gänzlicher Mangel des Geschlechtstriebes (Frigiditas) bei sonst völlig gesunden 
Männern kommt vor, doch sind Fälle dieser Art sehr selten. 

Noch schwieriger zu beurteilen und daher noch kontroverser ist die Stärke 
des Geschlechtstriebes beim Weibe, bei welchem Sitte, Erziehung, und nicht 
zum wenigsten Erwägungen der Folgen geschlechthchen Umganges auf eine 
Verhüllung des sexuellen Fühlens hinwirken. Die Meinungsverschiedenheiten 
betreffen hier sowohl die absolute Stärke des Triebes väe das Verhältnis dieser 
zu der Intensität des Triebes beim Manne. In letzterer Hinsicht haben alle über- 
haupt möglichen Anschauungen Vertreter gefunden. Während eine Reihe von 
Autoren dem Manne den stärkeren Geschlechtstrieb zuschreibt, so z. B. Hegar, 
Für bringer, P. Müller, Naecke, Moll, Lombroao, erkeimen andere dieses 
Prä dem weiblichen Geschlechts zu *). Da»eben mangelt es aber auch nicht an 
Autoren, welche einen Unterschied in der Entwicklung des Sexualtriebes bei 
beiden Geschlechtern nicht annehmen (v, Winkel, Kisch, Bloch u, a,). 

Wenn wir zu einem richtigen Urteile über den weibhchen Geschlechtstrieb 
gelangen wollen, dürfen folgende Tatsachen nicht unberücksichtigt bleiben: 

1. Ein Geschlechtstrieb im engeren Sinne (Begattungstrieb) fehlt bei sexuell 
unberührten und nicht erotisch erregten weiblichen Personen gewöhnhch gänzHch *)- 

2, Dieser Mangel (sexuelle Anästhesie, absolute Frigidität) verbleibt bei einem 
nicht unerheblichen Teile der Frauen auch nach der Einleitung des Greschlechts- 
verkehrs, und zwar für die Dauer, und bei einem noch größeren Teile derselben 
erhebt sich die Libido nie über ein sehr bescheidenes Niveau (relative Frigidität). 
Die im einzelnen sehr abweichenden Zahlenangaben verschiedener Autoren *) 
über die Häufigkeit der relativen und absoluten Frigidität können schon aus 

^) Der extremste Fall meiner Beobachtung war der eüies gesunden Beamten, der in einer 
24jährigen Ehe mit seiner ertieblich jüngeren Frau durohBcbnittlich nur zweimal im Jahre 
SDXueU verkehrte. 

*) Dies war inabesondere bei Mantegazza der Fall, In einem späteren Werke: „Fisio- 
logia della donna^* hat der Autor jedoch seine früher vertretene Ansicht modifiziert und sich 
dahin erklärt, daß die Geschlechtsempfindung in ihrer Stärke beim Weibe größere Schwankungen 
aufweise als beim Manne, 

*) Die Richtigkeit dieses Satzes, der sich nicht altein auf theoretische Erwägungen, sondern 
auch auf Erfahrungstatsachen stützt, wird, wie mir sehr wohl bekannt ist, von manchen Seiten 
bestritten. Ich habe mich bisher jedoch von der Irrtümliohkeit meiner Ansicht nicht zu tiber- 
zeugen vermocht und kann nur zugeben, daß sie in einer sehr geringen Minderzahl von Fällen 
nicht zutrifft. 

*) Effertz taxiert die Zahl der Frauen mit absoluter Frigidität auf lOVo» Fehling auf 
ungefähr 50%. Fürbringer schreibt der großen Mehrzahl der deutschen Hausfrauen die Eigen* 
Schaft der sexuellen Frostigkeit zu, während Adler bei 26 Vo ^^^ Frauen mangelhafte Geschlechto- 
empfindung (mit Einschluß des Mangels der Libido) annimmt. Pfister dagegen, dessen An- 
gaben sich auf Schweizerinnen beziehen, ermittelte unter 72 Frauen, bei welchen Dr. Kuhn 
in St. Oallen die Operation d^ Kastration vorgenommen hatte, nur bei 5 gänzlichen Mangel 
und bei 8 sehr geringe Entwicklung der Libido schon vor der Operation. 






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EntwioUung and Dauer der sexuellen Funktionen. 16 

dem ürumlt! woiiig Wert beanspruchen, weil die Verbreitung dieser Eigenscliiiften 
in verschiedenen Bevölkerungsschichten — wenigstens in Deutschland — , wie 
wir sogleich sehen werden, erheblich variiert. Als sichergestellt läßt sich nur 
erachten, daß die beiden Arten der Frigidität beim zarten Geschlechte weit häufiger 
vorkommen als beim männhchen. 

8. Diese größere Häufigkeit läßt sich jedoch nach meinen Erfahrungen nur 
für einen Teil der weiblichen Bevölkerung behaupten. Der Prozentsatz der 
Frigiden ist in den sozial höheretehenden und gebildeteren Klassen unzweifelhaft 
weit beträchtlicher als in den unteren (Arbeiterinnen, Dienstboten, bäuerliche 
Bevölkerung). Hierfür spricht eine Reihe von Tatsachen: die große Zahl außer- 
ehelicher Schwängerungen und von Verhältnissen mit geschlechtlichem Verkehr 
bei Dienstboten, Arbeiterinnen und sozial letzteren nahestehenden weiblichen 
Elementen, die Häufigkeit von Eheschließungen, die eine Verschlechterung der 
materiellen Lage der Betreffenden mit sich bringen, der größere Kinderreichtum 
bei den Verheirateten. Was man von der geringeren Stärke der Libido des Weibes 
behauptet hat, kann demnach, wenigstens bei uns, nur für die sozial höherstehenden 
Klassen gelten, in welchen ererbte Anlage, Erziehung, Milieueinflüsse, zum Teil 
auch der höhere Stand der Intelhgenz zusammenwirken, das Niveau der Libido 
herabzudrücken. 

4. In bezug auf die Häufigkeit höherer Grade sexueller Leidenschaft, die 
beim weiblichen Geschlechte sich seltener als beim männlichen finden, ist ein 
ähnlicher Unterschied in den einzelnen Bevölkerungsschichten nicht nachzuweisen. 

5. Außerdem kommt in Betracht, daß die Stärke der libido bei den weib- 
hchen Einzelindividuen auch mehr oder weniger erheblichen Schwankungen 
unterHegt. Der Menstruationsvorgang wird häufig von einem Anwachsen der 
Libido eingeleitet oder häufiger gefolgt. Von einem lediglich periodischen Auf- 
treten und Wiederverschwinden der sexuellen Erregbarkeit beim Weibe kann 

jedoch keine Rede sein ^). 

Aus dem Angeführten dürfte sich ergeben, daß mit allgemeinen Angaben 
über die Stärke des menschhchen Geschlechtstriebes den tatsächhchen Verhält- 
nissen nicht Rechnung getragen werden kann. Die Litensität des Triebes xmter- 
hegt in der Breite des Normalen sehr bedeutenden Schwankungen, für welche 
eine Reihe von Faktoren: Lebensalter, Abstanunung (Rasse, Famiüe), äußere 
Lebensverhältnisse, Klima, Ernährung, Kultur, Beruf, sexuelle Konstitution 
und endüch auch die Gestaltung der Vita sexualis von Bedeutung sind. Diese 
Faktoren äußern ihren Einfluß dadurch, daß sie auf die physiologischen Momente, 
welche die Stärke des Geschlechtstriebes zunächst bestimmen, modifizierend 
einwirken. Von den angeführten Faktoren kann im folgenden nur das Lebens- 
alter kurze Berücksichtigung finden. 

Bezüghch der übrigen die Stärke des Sexualtriebes beeinflussenden Momente 
muß auf meine Schrift „Über die sexuelle Konstitution und andere Sexual- 
Probleme", Wiesbaden, J, P. Bergmann 1911, verwiesen werden. 

^} Meine Angabe in der V, Auflage dieses Werkes über den Einfluß der Menstruation 
auf die Stärke der Libido bezog sich nur auf die Zeit vor und nach den Menses, Fürbringer, 
der sich in sehr eingehender Weise mit dem Verhalten der Libido während der Menstruations- 
zeit beschäftigte, ermittelte bei 60 Frauen, vorwiegend der höheren Oesellschaftsklasse, im 
Alter von 26 — 56 Jahren, daß 52, also 87 V© jede stärkere Regung des Geschlechtstriebs während 
der Menfltruationszeit in Abrede stellten. Ich muß hier, ohne die Angabe Fürbringers irgend« 
wie bezweifeln zu wollen, auf den von mir hervorgehobenen Unterschied in der Stärke der 
Libido der sozial höherstcJienden und der unteren Klassen hinweisen, dessen Berücksichtigung 
vielleicht ein anderes Resultat ergeben hätte. 



Diomzco I.V '-.eXVj;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



16 KntwioUung und Dauer der sexueUen Funktitmen. 

Der Gieschlechtstrieb in dem von mir definierten Sinne kann schon sehr früh 
im Kindesalter durch Einwirkungen auf die Genitalien und deren Umgebung 
(juckende Lokalaffektioneu, welche zum Kratzen Anlaß geben. Mißbrauch, Ver- 
führung usw.) geweckt werden und führt dann gewöhnhch zu onanistischen Vor- 
gängen. Normalerweise; d. h. bei Mangel der erwähnten Momente, bildet der 
Trieb das Ei^ebnis eines längeren Entwicklungsprozesses, der in den letzten 
Jahren der Kindheitsperiode beginnt und mit der Beifong des Geschlechtsapparates, 
wie wir schon andeuteten, zusammenhängt. Dabei können einzelne Komponenten 
des Triebes in ihrem zeitlichen Auftreten erhebliche Unterschiede aufweisen. 
So macht sich der Trieb zu körperHcher Berührung eines Individuums des anderen 
Geschlechts (Molls Kon trektations trieb) häufig schon längere Zeit vor dem 
Einsetzen der Fubertätsentwicklong und dem Auftreten der eigentlichen Libido 
geltend. Meist, aber keineswegs immer, steht das Auftreten dieser Komponente 
in Verbindung mit erotischen Neigungen, die ja, wie wir sahen, bei Kindern schon 
sehr früh entstehen und als Objekt ebensowohl ein Kind als eine erwachsene 
Person haben können. Andererseits kann die libido, wenn sie im Kindesalter 
auf die eine oder andere Weise geweckt wurde, lange Zeit bestehen, ohne daß sich 
daneben Kontrektationserscheinungen zeigen. Für die Entstehung der Libido 
beim männhchen Geschlechte ist das regelmäßige Auftreten von Erektionen 
von erheblicher Bedeutung. Dieser Vorgang kann allein schon zur Weckung 
der libido genügen; zumeist ist jedoch in dieser Bichtung das Auftreten von 
Pollutionen wirksamer, da das Individuum hierdurch die mit der Ejakulation 
verknüpften Lus%efühle klonen lernt und sich daher auch bei ihm ein Trieb 
entwickeln kann, der auf Erlangung dieser Gefühle gerichtet ist. WesentUch 
anders liegen die Dinge beim weiblichen Geschlechte. Bei weiblichen Personen, 
die von jeder sexuellen Berührung frei bleiben, mangelt es nicht nur vor der 
Pubertätsentwicklung, sondern auch unbegrenzte Zeit nach dieser noch gewöhn- 
hch an Vorgängen, die der Erektion und Pollution beim Manne entsprechen. 
Die spezifisch sexuellen Gefühle bleiben ihnen daher unbekannt^), weshalb es 
auch nicht zu einem auf Erlangung derselben gerichteten Triebe kommen kann. 
Soferue ein Verlangen nach sexuellem Un^^ge auftritt, kann sich dieses nur 
als Begehren nach einem seiner Natur nach ganz unbekannten Genüsse charak- 
terisieren. Die Kontrektationskomponente des Sexualtriebes kann sich dagegen 
bei Mädchen schon vor der Pubertätszeit deutlich zeigen und nach dieser unbe- 
grenzte Zeit erhalten, auch wenn die Entwicklung einer Libido völlig ausbleibt. 
Zu berücksichtigen ist ferner der Umstand, daß das Objekt infantiler erotischer 
Neigung, und zwar auch bei Individuen, welche in ihrem späteren Leben sich 
sexuell völlig normal verhalten, nicht nur dem anderen, sondern auch dem gleichen 
Geschlechte angehören kann. Es hängt dies damit zusammen, daß der Geschlechts- 
trieb auch bei älteren Kindern in bezug auf das Objekt noch nicht die Differen- 
zierung und Fixierung besitzt, wie bei Erwachsenen. Die homo- und hetero- 
sexuelle Bichtung der Erotik können auch abwechseln. Bei Knaben wendet sich 
die homosexuelle Neigung zumeist gleichalterigen oder wenig älteren Freunden 
zu, bei Mädchen sehr häufig erwachsenen Personen ihrer Umgebung (einer Lehrerin, 
Gouvernante usw.). Im großen und ganzen ist jedoch die heterosexuelle Bichtung 
in der infantilen Erotik vorherrschend, d. h. die Indifferenziertheit des Geschlechts- 
triebes findet sich zwar sehr häufig, aber doch nicht bei der Mehrzahl jugend- 

*) £b mangdt nicht an Ausnahmen in dieser Beziehung, sofeme ob auch bei Mädchen, 
und zwar vor wie nach deat Ribert&tflseit unabhängig von sexuellen Beizungen, zum Auftreten 
sexueller Empfindungen, auch von Pollutionen (Freud, Moll) kommen kann. 






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Entwicklung und Dauer der Bexuellen Funktionen. 17 

lieber Individuen. Die zeitliche Bauer dieser Phase in der Entwicklung des Ge- 
schlechtstriebes schwankt erheblich. In der großen Mehrzahl der Fälle dürfte 
sie sich nicht über das 17. Lebensjahr hinaus erstrecken. Bei einzelnen Individuen 
erfolgt jedoch die definitive Fixierung der Objektwahl erst gegen das 20. Lebens- 
jahr oder noch später. Dies gilt insbesondere für das weibliche Geschlecht. 

Bei letzterem läßt sich der mütterliche Instinkt als normale Komponente 
des Geschlechtstriebes betrachten. Dieser Partialtrieb zeigt sich in seinem Auf- 
treten und seiner Stärke von der Libido mehr oder weniger unabhängig. Er 
macht eich sehr häufig schon vor der Geschlechtsreife in verschiedenen Formen 
in deutlicher Weise geltend (Spiel mit Puppen, Bemutterung jüngerer Geschwister, 
Zärtlichkeiten gegen fremde Kinder) und erhält sich auch nach dem Erlöschen 
der sexuellen Funktionen. Die Großmutter pflegt im Bedarfsfalle ihre Enkel 
mit derselben Hingebung, wie früher ihre Kinder. Bei völlig unberührten Jung- 
frauen und Frauen, bei welchen die sexuellen Bedürfnisse sehr gering sind oder 
auch ganz fehlen, ist der Trieb häufig sehr lebhaft, andererseits kann er bei Per- 
sonen mit starkem Geschlechtstrieb (im engeren Sinne) ganz fehlen, was jedoch 
als ein Entartungszeichen zu betrachten ist. Die Befriedigung des Triebes, die 
ebensowohl durch Fürsorge für fremde wie eigene Kinder geschehen kann, ist 
wenigstens in vielen Fällen für das körperhche und seelische Befinden der Frau 
wichtiger als der sexuelle Genuß. 

Über die körperlichen Vorgänge, durch welche der Sexualtrieb angeregt 
und unterhalten, sowie dessen Intensität bestimmt wird, ermangeln wir noch 
genügender Aufklärung, wexm auch die Forschungen der neueren Zeit unsere 
Kenntnisse in dieser Bichtung nicht unerheblich gefördert haben. A priori hegt 
der Gedanke gewiß nahe, daß die Libido durch Erregungsvorgänge im Bereiche 
der kortikalen Sexualzentren zustande kommt, Erregungsvorgänge, welche durch 
von den peripheren Sexualorganen ausgehende Beizungen ausgelöst und in ihrer 
Intensität bestimmt werden. Für eine derartige Axmahme ließe sich der Umstand 
geltend machen, daß mit der Beife des Geschlechtsapparates gewöhnlich auch 
die völhge Ausbildung des Sexualtriebes zusammenfällt und die jeweilige Stärke 
desselben von wechselnden Zuständen des Sexi^alapparates abhängt (beim Manne 
starke Libido bei längerer Bententio seminis, sinkender Libido nach sexuellen 
Akten und Pollutionen, letzteres auch bei der Frau). Auf der anderen Seite mangelt 
es jedoch nicht an Tatsachen, welche die Abhängigkeit des Sexualtriebes von den 
peripheren Sexualorganen, speziell dem Funktionieren der Keimdrüsen, zweifel- 
haft erscheinen lassen. Hierher gehören vor allem die Erfahrungen über die 
Wirkung der Kastration bei Menschen und Tieren. Nach Entfernung der Keim- 
drüsen kann bei beiden Geschlechtem die Libido erhalten bleiben. Beim Manne 
kann auch die Potenz fortbestehen. Im alten Bom erfreute sich eine gewisse 
Gattung Kastrierter, die als Spadones bezeichnet wurden, bei den Lebedamen 
einer besonderen Beliebtheit. Und bei den Skopzen der Gegenwart, welche sich 
aus religiösen Gründen entmaimen, sollen nach den Berichten einzelner Autoren 
sogar geschlechtliche Exzesse vorkommen. 

Die EigebnisBe der neueren Untenuchungen über die Wirkungen der Kastration beim 
Manne Btimmen zwar nicht soweit Uberein, wie man a priori erwarten sollte, bestätigen jedoch 
das oben Bemerkte vollkommen. Tandler und Groß, welche €relegenheit hatten eine Anzahl 
von Skopzen zu untersuchen, fandoi, daB bei Spätkastrierten die Libido kaum eingeschränkt 
war, aber auch bei Frühkastrierten nicht fehlte. Hirschfeld bonerkt, daß bei Kastration 
im reiferen Alter nur. die IntensitAt des Triebes vermindert, aber keineew«^ aufgehoben wird. 
I>agegen findet sich unter drei von Oberholzer mitgeteiltoi Fällen von Kastration bei Männern 
anfangs der dreißiger Jahre einer, in welchem der Geschlechtstrieb nach dem Eingriffe erlosch, 

Löwenfeld, Sexu&lkben und ITeTTenleiden. Sacbite Aufl. 2 



DiOHiZM UV '^.OÜ^jlH. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



18 Entwicklung und Dauer der aexnellen. FünktionMi. 

während bei d«i beiden anderen fallen der Detumeeseiutrieb (nach Molls Bezeichnung) 
schwankte, der Kontrektationstdeb dag^oa unverändert erhalten blieb. Zu «w&hnen ist hier 
auch der Umstand, daß in zwei von Hirschfeld untersuchten F&Uen von angeborenen Hoden- 
maoigd der Geschlechtstrieb nicht fehlte. 

Tandler und Groß: Untersuchungen an Skopzen nsw. I^enrol. Zentralbl. Nr. 17, 1909. 
Oberholzer: Kastration und Sterilisation von Geisteskranken in der Schweiz. Halle 1911 
mul „Über die Wirkungen der Kastration auf die Libido sexualis." Sexual-Probl. 1912. 12. Heft. 
Magnus Hirschfeld: Semal-Frobl. 1912, 2. Heft. 

Auch bei kastrierten Tieren, Ochsen, Wallachen, mangelt es nach den Er- 
fahrnngen der Tierärzte nicht an Äußerungen eines Geschlechtstriebs. Wallache 
können auch ihre Potenz behalten. Hiermit stimmen die experimentellen Er- 
fahrungen Steinacbs^) an weißen Mäusen überein. Dieser Autor fand, daß 
die Kastration bei reifen Tieren die sexuelle Erregbarkeit nicht aufhebt und die 
Vornahme des Eingriffs vor der Pubertät die Entwicklung einer beträchtlichen 
sexuellen Erregbarkeit nicht verhindert. An diese Erfahrungen reihen sich andere 
Tatsachen an: das Bestehen eines rudimentären Geschlechtstriebes unter normalen 
Verhältnissen im Kindesalter, die vorzeitige Entwicklung erhebhcber Libido vof 
der Pubertätszeit in pathologischen FäUen, das Fortbestehen beträchtlicher 
Libido im Greisenalter trotz Atrophie der Sexualorgane, die in Krankheitsfällen 
(bei Keurasthenie usw.) zu beobachtende Steigerung der Libido bei Herabsetzung 
der sexuellen Leistungsfähigkeit, femer der Umstand, daß bei Männern Orgasmus 
mit folgendem Sinken der Libido ohne Ejakulation eintreten und andererseits 
das Zustandekommen letzterer beim sexuellen Verkehr ohne Einfluß auf die 
Libido bleiben kann. 

Schon bei Erwägung aller dieser Momente wird man zu der Annahme gedrängt, 
daß die Intensität der Erregung der kortikalen Sexualzentren, die sich subjektiv 
als Libido fühlbar macht, nicht ]edighch und nicht hauptsächlich durch von den 
peripheren Sexualorganen ausgehende, mechanisch (durch Druck, Spannung) ver- 
ursachte Beizvorgänge bedingt wird. Neben diesen Quellen sexueller Erregung 
muß noch eine andere existieren, und es Uegt hier am nächsten, an die Einwirkung 
gewisser chemischer, im Blute kreisender Stoffe zu denken. Zu einer derartigen 
Auffassung ist bereits Jastrowitz speziell durch Berücksichtigung des Verhaltens 
der Tiere zur Brunstzeit gelangt, und er hat die in Frage stehenden chemischen 
Stoffe als erogene oder eragoge bezeichnet. Ich habe dieselben anderen Orts 
als libidogene benannt und halte diese Bezeichnung für zutreffender, weil die 
in Betracht kommende Wirkung bei Menschen und Tier die Libido betrifft, mit 
der der Affekt der Liebe nicht notwendig zusammenhängt*). 

Eine sehr wertvolle Stütze hat die Annahme libidogener Stoffe durch Be- 
obachtungen von Lanz (Amsterdam) an thyreopriven Tieren und Menschen 
erhalten. Der genannte Autor stellte an einer Reihe von Tieren (Ziegen, Hunden, 
Katzen, Hühnern) sehr sorgfältige Experimente über den Einfluß der Thyreodek- 
tomie auf die Fortpflanzungsfähigkeit an, und er fand, daß diese durch den frag- 
hchen Eingriff bei beiden Geschlechtem in der Begel dauernd aufgehoben wird. 
Die Erfahrungen, welche der Autor bei Menschen in zwei Fällen machen konnte, 
stimmen damit vollkommen überein. Bei einem Manne, bei welchem nach voll- 

^) Steinaoh: UaterBuchujigen zur vergleiohendcn PhyBiologie der m&nnliohen Gfischleohts- 
organ^ insbeaondere der akzessoriBchen OeBchlechtfidrüsoL (Arch. f. d. gesamte Pbysiok^pe 
1894» Bd. 06, S. 304— 33S.) 

*) H. Hirsohfeld hat die in Frage stehenden Stoffe beim Afaume bAb Andrin, beim Weibe 
als Gyn&un beseiohnet. Ich habe der Vereinfachung halber die Bezeichntmg «^Ubidogene Stoffe** 
fflr beide Geschlechter beibehalten, obwohl deren Aufgabe sich nicht auf Erregung von Libido 
beeohr&nkt. 






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EntwicUung und Dauer der Bexuellen Funktionen. 19 

släudiger Thvreodektomie die sexuellen Funktionen erloschen waren, machten 
sich dieselben nach Gebrauch von Jodothyrin wieder geltend. Bei einer Frau, 
bei welcher nach der gleichen Operation die Menses zessiert hatten, stellten sich 
dieselben nach der Darreichung von Schilddrüsen table tten wieder ein. Noch 
entschiedener spricht eine ex|»erimen teile Erfahrung Marshalls *) für die Existenz 
Hbidogener Stoffe. Der genannte Autor fand, daß bei Hündinnen und weiblichen 
Ratten durch die Einspritzung eines Extraktes von Eierstöcken aus der Brunst- 
zeit sexuelle Erregung erzeugt werden kann ^). 

Die zur Zeit vorliegenden Erfahrungen sprechen dafür, daß die Keimdrüsen 
bei beiden Geschlechtem zu den Organen mit sogenannter innerer Sekretion 
zählen, jedoch nicht ledighch der Produktion von Keimstoffen dienen. Was 
die männlichen Keimdrüsen anbelangt, so geben die Veränderungen in der phy- 
sischen und psychischen Oi^anisation, die nach Entfernung derselben eintreten 
(Neigung zur Fettbildung, weiblicher Typus der Körperformen, spärhcher Bart- 
wuchs, weibischer Charakter bei Kastraten) gewichtige Fingerzeige für die Be- 
deutung dieser Organe für den Stoffwechsel, Ebenso verhält es sich mit den 
Störungen, die bei Frauen nach Entfernung der Ovarien und im natürhchen 
Klimakterium eintreten, auf die wir an späterer Stelle zu sprechen kommen werden. 

Zur Zeit ist die Annahme^ daß in den Keimdrttsen Stoffe, Inkrete oder Hoiraone, gebildet 
werden» welche imstande sind, den Geflchlechtatrieb anzuregen, in den Kreisen der Forscher 
allgemein anerkannt. Die Keimdrüsen enthalten jedoch, und zwar bei beiden Geschlechtern* 
zweierlei Gewebe: ein generativee und die Leydigschen Zwischenzellen. Die generativen Ele- 
mente werden beim Manne von d^i Samenkanftloh^i, aua der^i Epithelien die Keimzellen 
hervorgehen, und beim Weibe von den eibildoiden Elementen des EierstockB geliefert. Die 
Leydigschen Zwischenzellen, welche aus den bindegewebigen Elementen hervorgehen, sind 
ein akzessorisches Element. Darüber, von welchen von den beiden Gewebselementen die Inkrete 
gebildet werden, welche man den Keimdrüsen zuschreibt, bestehen unter den Forschem Meinungs- 
verschiedenheiten. Steinach und seine Anhänger sind der Ansicht, daß diese Inkrete von 
den Leydigsohen Zellen (Zwischenzell^i) gebildet werden, die er jn ihrer Gesamtheit als Puber- 
t&tsdrüse bezMchnet hat, da sie nach seiner Auffassung um die Zeit der Pubert&t sich stark 
vermehren und die Ersoheinungen, die man ata Pubert&t zusammenfaßt, bedingen sollen. Nach 
der Ansicht der Gegner Steinachs (Stieve, Kyrie, Romeia, Bukura u. a.) ist dies nicht 
der Fall. Den Leydigschen Zwischenzellen kommt lediglich eine trophische Funktion zu, sie 
sammeln nur Ernährunj^material an« das sie an die Keimzellen zu derwi Aufbau übermitteln. 
Kyrie sieht die Aufgabe der Zwischenzellen darin, ein ttophisches Hilfsorgan für das Samen- 
epithel zu bilden, wenn für diese pathologische Verhältnisse eintreten. In den Zeiten dw Ge- 
schlechtsruhe erscheint im Hoden die Menge der Zwischensubstanz am größten. 

Die Erfahrungen, die man an Kastraten machte, sprechen aber dafür, dafl den Hoden 
nicht nur die Produktion des Samens zufällt, sondern auch die Erzeugung der sogenannten 
sekundären Qeschlecbtsmerkmale und der Abschluß des Knochenwachstums. Auch Über diese 
Funkte bestehen Meinungsvemchiedenheiten. W&hr^id Steinach und seine Schüler die An* 
sieht vertret^i, daß es lediglch die Inkrete der Hodenzwischenzellen sind, welche diese Vor- 
gänge einleiten, äußert Stieve, Romeis u. a, die Auffassung, daß nur die inkretorische Tätig- 
keit der Samenzellen die in Frage stehende Aufgabe zustande bringt, Wir können hier nicht 
auf die Details der beiderseitigen Beweisführung eingehen, müssen jedoch betonen, daß, wenn 
auch zur Zeit die Auffassungen der Gegner Steinachs berechtigter erscheinen als die seiner 
Anhänger, letztere doch nicht als völlig widerlegt erachtet werden könnrai. Es handelt sich 
hier um die Beurteilung htstologischer Details, die in manchen Beziehungen sehr schwierig ist. 



^) Marshall: The Fhysiology of Reproduktion 1910. Hier sind auch experimentelle 
Beobachtungen Steinachs, Zentralbl, f, Physiologie, Bd. 24, Nr. 13, 1910, zu erwähnen* Der 
Autor fand, daß bei kastrierten und impotenten Fröschen durch Einspritzung der Hoden oder 
von Teilen des Nervensystems brünstiger Männchen sich geschlechtliche Erregung (der Um- 
klammenmgstrieb) auslösen lieS. Bei in jugendlichem Alter kastrierten Ratten, bei welchen 
die Hoden mit Erfolg an die innere Bauchwand implantiert wurden, mangelte es nicht an einem 
starken Geschlechtstrieb, obwohl das spermatogene Gewebe sich nicht entwickelt hatte. 

*) Für die Abhängigkeit der Libido von im Blute kreisenden chemischen Stoffen ist auch 
Freud (^ Abhandlungen zur Sexualtheorje) eingetreten. 

2* 






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20 Entwicklung und Dauer der sexuellen Funktionen. 

Die Erfahrungen über den Einfluß der Kastration auf den Sexualtrieb sprechen 
dafür, daß die Bildung der libidogenen Stoffe sich nicht auf die Keimdrüsen 
beschränkt. Biese bilden unter normalen Verhältnissen allem Anscheine nach 
die Haupterzeugungsstätten dieser Stoffe, doch nehmen an deren Produktion 
wahrscheinhch noch andere Teile des Sexualapparates (beim Manne Prostata 
und Samenblasen, vielleicht auch andere Organe [Niere]) Anteil, so daß bei Aus- 
fall der Funktion der Keimdrüsen ein gewisses Vikariieren anderer Organe mög- 
lich ist. 

Daß nicht die Anhäufung von Spermaflüssigkeit in den Samenblasen, sondern 
ein im Blute kreisendes Agens die Intensität der Libido bedingt, hierfür sprechen 
auch noch andere Momente, auf die schon von Jastrowitz hingewiesen wurde. 
Zunächst kommt das Verhalten vieler Tiere zur Brunstzeit in Betracht, ihre 
Unruhe, Beizbarkeit, Wildheit, Kampfeslust usw., was mehr auf die Wirkung 
eines im Blute kreisenden, gewissermaßen toxischen Stoffes, als eine vom Sexual- 
apparate ausgehende mechanisch verursachte Erregung hinweist. Auch die Er- 
scheinungen, die bei in sexueller Abstinenz lebenden Menschen mit beträcht- 
lichem Sexualtriebe gelegentlich beobachtet werden — Zustände hochgradiger 
allgemeiner Erregtheit — , lassen sich 'kaum auf die mechanische Wirkung der 
Spermaanhäufung zurückführen. Dieser Erfahrung steht die Tatsache zur Seite, 
daß bei sehr beträchthcher Libido durchaus nicht selten auch durch in kurzen 
Zwischenräumen aufeinanderfolgende sexuelle Akte keine nachhaltige Herab- 
setzung derselben herbeigeführt wird. 

Aus dem Angeführten dürfte sich ergeben, daß, wenn auch für die Entwick- 
lung des Sexualtriebes die von den peripheren Sexualorganen ausgehenden Er- 
regungen von Bedeutung sind, die Litensität der Libido doch von anderen Faktoren 
im wesentlichen abhängt. Als solche kommen in Betracht: 1. die Erregbarkeit 
der kortikalen Sexualzentren (vielleicht auch die der spinalen). Daß in dieser 
Beziehung bedeutende, auf angeborener Veranlagung beruhende Unterschiede 
vorkommen, hierfür sprechen insbesondere die Fälle, in welchen schon vor der 
Pubertätszeit, unabhängig von Verleitung zur Onanie und von peripheren 
Heizungen irgendwelcher Art, Zustände sexueller Erregung auftreten, z. B. beim 
Anbhck von Vorgängen, die auf normale Kinder keinerlei Eindruck machen. 
Die Bedeutung des kortikalen Momentes erhellt auch deutlich aus der Beein- 
flussung der Libido durch verschiedene Gehimaffektionen und krankhafte Zustände 
des gesamten Nervensystems. 

Den zweiten für die Intensität des Sexualtriebes in Betracht kommenden 
Faktor bildet die Produktion der libidogenen Stoffe, die allem Anscheine nach 
höchst bedeutenden Schwankungen unterhegt, die mit Bässen- und FamiUen- 
anlagen, der sexuellen Konstitution, dem allgemeinen Gesundheitszustande, 
Lebensalter, der Ernährungsweise und äußeren Verhältnissen zusammenhängen. 
Für den Mann liegt die Annahme nahe, daß die hbidogenen Stoffe in größerer 
Menge in der Spermaflüssigkeit enthalten sind und mit dieser in den Samen- 
blasen angesammelt werden. Die vorhegenden Erfahrungen weisen jedoch darauf 
hin, daß der Übergang der hbidogenen Substanz in das Blut nicht ledighch 
von den Samenblasen aus erfolgt. Bei beträchthcher Entwicklung der Ubido 
findet wahrscheinhch beständig eine Resorption gewisser Mengen hbidogener 
Substanzen von den Keimdrüsen und vielleicht auch anderen Bildungsstätten 
aus statt, während bei geringerer Entwicklung des Triebes erst nach einer gewissen 
Anhäufung des Stoffes in den Samenblasen der Übertritt desselben in das Blut 
erfolgt. Beim weiblichen Geschlechte kann nur ein direkter Übergang hbidogener 



Diomzco I.V '-.eXVj;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Entwicklung und Dauer der sexuellen Funktionen. 21 

Substanzen von den Keimdrüsen und den etwaigen anderen Bildungsstätten in 
das Blut in Frage kommen. 

Was die Weiterentwicklung and Dauer der sexuellen Funktionen betrifft, 
so nimmt nach meinen Erfahrungen der Sexualtrieb bei männlichen Bidividuen 
bis zum 25. oder 26. Lebensjahre zu, um sich dann etwa ein Dezennium auf gleicher 
Höhe zu halten. In den folgenden drei Dezennien sinkt der Trieb anfangs langsam, 
dann rascher, so daß er in der zweiten Hälfte der 60er Jahre zumeist erloschen 
oder dem Erlöschen nahe ist. Das Verhalten der Potenz (Facultas coeundi) zeigt 
einen ähnUchen Verlauf. Der Mann gelangt erst anfangs der 80er Jahre zum 
Höhepunkt der Potenz; von dieser Zeit an sinkt dieselbe, und zwar im ersten 
Dezennium wenig und langsam, im zweiten Dezennium dagegen schon viel eiiieb- 
licher und noch mehr im dritten Dezennium, um gegen die Mitte der 60er Jahre, 
weni^tens bei der Mehrzahl der Männer, zu erlöschen. Es mangelt jedoch keines- 
wegs an Fällen, in welchen Männer eine gewisse Potenz bis in die 70 er Jahre 
(vereinzelt sogar noch darüber hinaus) bewahren, wie andererseits ein Schwinden 
der Potenz schon in den 50 er Jahren und noch früher (vereinzelt selbst Ende 
der 30er) vorkommt. Die IJbido überdauert die Erektionsfähigkeit nicht selten 
längere Zeit. 

Beim weibUchen Geschlecbte hält die Tätigkeit der Generationsorgane, an 
welche die Fortpflanzungsfähigkeit gebunden ist, Ovulation und Menstruation, 
soweit die europäische Bevölkerung in Betracht kommt, im Durchschnitte 80 bis 
40 Jahre an. Der Geschlechtstrieb scheint bei Frauen im allgemeinen etwas später 
als beim Manne seinen Höhepunkt zu erreichen (gegen das 30. Lebensjahr). Ein 
erhebliches Sinken desselben tritt zumeist zwischen dem 40. und 50. Lebensjahre 
ein; häufig überdauert er den Eintritt der Menopause. Bestimmte Angaben über 
den durchschnittlichen Zeitpunkt des definitiven Erlöschens der Libido bei Frauen 
lassen sich nicht machen. Die Konzeptionsfähigkeit überdauert in vereinzelten 
Fällen die Menopause noch eine gewisse Zeit. 






\y^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



n. 



Die nervösen und psychisclien Störungen der Pubertät 



Die Pubertät, die Jahre der Greschlechtsreile, bilden nicht nur eine Zeit sehr 
verstärkten Wachstums des ßexualapparates, sondern auch des Gesamtkörpers, 
insbesondere des Skeletts. Mit diesem Wachstum geben Veränderungen der 
Erregbarkeit und der Funktionen des Nervensystems einher, die sich insbesondere 
auf seelischem (Gebiete äußern. Neben einer Steigerung der allgemeinen nervösen 
Erregbarkeit begegnen wir als durchgehendem Zuge bei beiden Geschlechtem 
einer erhöhten gemütlichen Beizbarkeit, auffälligen Schwankungen des Gemüts- 
zustandes ohne ersichtliche Veranlassung, unverhältnismäßigen Gefühlsreaktionen 
auf geringfügige Beize, z. B. leichtem Tadel, Nichterfüllung einer belanglosen 
Bitte, mitunter auch explosiven, jede Bücksicht beiseite setzenden Affekt- 
äußeruDgen. 

Auf intellektuellem Gebiete machen sich im allgemeinen, abgesehen von 
dem normalen geistigen Wachstum, weniger Veränderungen geltend als auf 
emotivem. Eine quantitative Abnahme der Leistungen kann durch Mangel an 
Aufmerksamkeit, Zerfahrenheit, Verminderung des Interesses für die Unterrichts- 
gegenstände, Faulheit bedingt werden, während die Qualität der Leistungen 
bei normalen Jugendlichen nur sehr selten leidet. Daneben machen sich in dem 
seelischen Verhalten beider Geschlechter Unterschiede geltend, wie schon aus dem. 
Umstände hervoi^eht, daß man nur bei männlichen Individuen von „Flegel- 
jahren" spricht, die gleichalterigen Mädchen dagegen in Anbetracht ihres im ganzen 
weniger anstößigen Verhaltens als „Backfische" bezeichnet. Auf der männUchen 
Seite ist die Eckigkeit, selbst Ungeschlachtheit der Bewegungen, erhöhter Taten- 
drang und Selbstüberschätzung, die mit (Jeringschätzung von Eltern und Lehrern 
einhei^eht, eine ziemUch häufige Erscheinung. Ebenso bei Mädchen verträumtes 
Wesen, auffällige Schüchternheit, schwärmerische Neigung für einzelne Personen, 
die solchen Gefühlsaufwand nicht verdienen. 

Der Grad, der durch die Pubertätsvorgänge bedingten seelischen Verände- 
rungen ist jedoch in den einzelnen Fällen sehr verschieden, derart, daß neben 
den Individuen, die unter dem Einfluß der Pubertätsvorgänge nur sehr wenig 
Abweichungen von ihrem gewöhnlichen Verhalten zeigen, sich in nicht geringer 
Zahl andere finden, die auf nervösem und psychischem Grebiete Erscheinungen 
darbieten, die man als Störungen bezeichnen darf und bei denen sich eine scharfe 
Grenze zwischen dem noch in die Breite des Physiologischen Fallenden und dem 
ausgesprochen Pathologischen sich nicht ziehen läßt. Diese Unterschiede hängen 

wohl in erster Linie mit der durch die Erbmasse des Individuums bedingten Ver- 



_ /^^■\^-,,*L^ Orrgrnöffrom 



^^■^ UNI VERSITV Of CALIFORNIA 



Bie nervösen and psychiBcbra St^iingen der Pubert&t. 23 

V , 

anlagung und der damit wahrscheinlich zusammenhängenden Tätigkeit der 
endokrinen Drüsen ab. 

Bei den weitgehenden Veränderungen, welche der Oi^anismus in der Pubertät 
erfährt, hegt es auch nahe, daß normale wie abnorme Veranlagungen in dieser 
Periode stärker hervortreten und daher auch bei neuro- und psyohopathischer 
Disposition die durch diese bedingten Störungen stärker oder schwächer sich 
geltend machen^ oder, wenn schon früher vorhanden, zunehmen. Es ist auch 
zu berücksichtigen, daB beim weiblichen Geschlechte, bei welchem die Pubertäts- 
voigänge tiefer in den Oi^anismus eingreifen als beim männhchen, auch der Ein- 
fluß dieser auf die Nervensphäre sich ipi allgemeinen stärker geltend macht als 
bei männlichen Individuen. 

Das erste Auftreten der Menstruation — die Menarche nach Kischs Be- 
zeichnung — kann sich ohne jede Beschwerde vollziehen; häufig geben jedoch 
diesem für das junge weibliche Wesen so wichtigen Ereignisse Beschwerden vor- 
her, ähnhch denjenigen, welche auch später in vielen Fällen die Menses begleiten: 
Kreuzschmerzen, Gefühle von Druck, Schwere oder Ziehen im Unterleibe, Empfind- 
lichkeit der Ovarialgegend. ErhebU<^ seltener sind nervöse Herzstörungen, auf 
deren Vorkommen in der 7^it der Menarche, insbesondere von Kisch, die Auf- 
merksamkeit gelenkt wurde. Nach den Beobachtungen dieses Äutora handelt 
es sich zumeist um Herzklopfen, das auch bei bis dahin gesunden Mädchen auf- 
treten kann, vor dem ersten Erscheinen der Menses anfallsweise sich einstellt, 
die erste Periode überdauert und nach mehrmahger regelmäßiger Wiederkehr 
derselben sich wieder verhert. Hierbei besteht nicht immer eine objektiv nach- 
weisbare Veränderung der Herzaktion. Jn der Mehrzahl der Fälle ist jedoch 
Pulsbeschleunigung vorhanden (120—140 Schläge), der Puls hierbei voll, mit- 
unter auch unregelmäßig; hiermit vergesellschaften sich öftere Schmerzen in der 
Herzgegend, Brustbeklemmung und Angstzustände. Mit den Herzbeschwerden, 
welche von Kisch teils auf psychische Voi^änge, teils auf von den Ovarien aus- 
gehende, reflektorisch auf die Herznerven wirkende Beize zurückgeführt werden, 
stellen sich mitunter noch andere nervräe und psychische Erscheinungen ein: 
unruhiger Schlaf, auffällige gemütliche Beizbarkeit, Verstimmungszustände, 
Unlust zur Beschäftigung, Verdauungsstörungen. Kisch fand, daß die jungen 
Mädchen, bei welchen diese Zustände zur Beobachtung kamen, zum ^ßten 
Teil lebhaft erregbare Naturen, Kinder nervöser Eltern waren, welche frühzeitig 
schon Tanzstunden und Bälle besucht hatten. 

Anfälle von Herzklopfen, ähnlieh diin erwähnten, treten auch bei Mädchen 
auf, bei welchen sich das erste Erscheinen der Menses auffällig verspätet oder 
die Menses nach ihrem ersten Erscheinen einige Zeit hindun;h sich sehr unregel- 
mäßig verhalten, länger ganz ausbleiben oder nur in Spuren sich zeigen. In diesen 
Fällen Uegt zumeist Chlorose vor und mangeln auch andere bei Chlorotischen 
gewöhnliche nervöse Beschwerden nicht. Neben diesen zeigen sich bei Mangel 
der Menstruation in Zwischenräumen von drei oder vier Wochen mehr oder minder 
erhebUche Molimina menstruaUa. 

Wenn schon bei normal veranlagten Jugendhchen durch die Pnbertätevor- 
gänge auf nervösem und seelischem Gebiete Erscheinungen hervorgerufen werden 
können, die über das Gebiet der Norm hinausgehen, ist es begreifUch, daß bei 
neuropsychopathisch Disponierten ein- solcher ungünstiger Einfluß sich noch 
in stärkerem Maße geltend macht. In der großen Mehrzahl de^ Fälle handelt 
es sich jedoch nur um Erscheinungen, die dem. großen Grenzgebiete zwischen 
Geistesgesundheit und Geisteskrankheit angehören, die man als psychopathisoho 



Diomzco I.V '-.eXVjlH. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



24 Die nervösen und psychischen Störungwi der Pubert&t. 

Minderwertigkeiten oder kurzrweg als Psychopathie zusammengefaßt hat. Die hier 
in Betracht kommenden Störungen, auf die ^r nicht näher eingehen können, 
betreffen alle Seiten des Seelenlebens, IntelHgenz, die Gemütsspbäre und die 
Willenstätigkeit, und es ist besonders bemerkenswert, daß unter den durch die 
Pubertät bedingten seelischen Veränderungen die die Gefühlssphäre betreffenden 
am ausgesprochensten sind. 

Was die Beziehungen der Pubertät zu den Psychosen anbelangt, so ist nicht 
zu bezweifeln, daß ein deutliches Anwachsen der letzteren in die Zeit vom 15. bis 
20. Lebensjahre, d. h. zum Teil noch in die Pubertätszeit fällt. Die Frage, ob 
es eine durch die Pubertät bedingte, besonders charakterisierte geistige Erkrankung 
gibt, ist zur Zeit noch strittig. Von Schönthal und Fried mann wurde als 
„primordiale menstruelle Psychose" eine bei Mädchen in der Pubertätszeit auf- 
tretende, anscheinend mit Störungen in der Entwicklung der Menstruation zu- 
sammenhängende periodische geistige Erkrankung beschrieben, Klingeberger ^) 
dagegen äußert sich entschieden dahin, daß es eine der Pubertät eigene oder 
ausschließlich durch sie bedingte nervöse oder geistige Erkrankung, eine Pubertäts- 
neurose oder Pubertätspsychose im engeren Sinne nicht gibt. Auch Pappen - 
heim*) und Grosz führen in ihrer eingehenden Schrift über die Neurosen und 
Psychosen des Pubertätsalters eine primordiale menstruelle Psychose nicht an*). 

Daß die Pubertätsentwicklung bei gesunden männlichen Individuen als 
Ursache ausgesprochener nervöser Störungen wirksam wird, hierfür liegt kein 
genügender Beweis vor. Dagegen läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die 
gesteigerte nervöse Erregbarkeit während dieser Lebensepoche bei beiden Ge- 
schlechtem das Auftreten einzelner Nervenleiden, so insbesondere der Migräne 
und der Epilepsie, begünstigen mag. Gowers fand, daß bei last Va seiner Fälle 
die Epilepsie zwischen dem 13. und 18. und zwar zumeist im 14., 15. oder 16. Lebens- 
jahre ausbrach. Der Einfluß, welchen die Entwicklung der Menstruation bei 
Mädchen auf die Epilepsie äußert, ist jedoch, wie wir an späterer Stelle sehen 
werden, verschiedenartiger Natur. 

Weniger deutlich ist der Einfluß der Eeifung des Geschlechtsapparates auf 
die Entwicklung der Hysterie. Briquet fand bei einer statistischen Verwertung 
von 426 Fällen von Hysterie, daß sich ein Fünftel der Fälle in Frankreich vor 
dem Alter der Pubertät (dem 15. Lebensjahre) entwickelt, vom 15. — 20. Lebens- 
jahre sowohl die Häufigkeit der hysterischen Disposition als der manifesten 
Hysterie bedeutend wächst, dagegen vom 20. — 25. Jahre wieder erheblich herab- 
sinkt. Briquet betont jedoch, daß die rasche Zunahme der Hysterie in der 
erwähnten Lebensperiode keineswegs lediglich auf den Einfluß des Sexualapparates, 
sondern auch auf eine Beihe psychischer Momente zurückzuführen ist, die sich 
beim weiblichen Geschlechte in den betreffenden Jahren geltend machen. Beim 
männlichen Geschlechte tritt nach Bataults Statistik, welche 192 Fälle umfaßt, 
die Hysterie am häufigsten zwischen dem 10. und 20., sodann zwischen dem 
20. und 30. Lebensjahre auf. 

Ich habe bei meinen Beobachtungen von Hysterie, die auf das Alter vom 
10. — 20. Lebensjahre fallen, ein besonderes Überwiegen einzelner Jahre bisher 



*) Klingeberger: Über Pubert&t und PBychopathie. Wiesbaden, J. F. Bergmann, 1914. 

') Pappenheim und Grosz: Die Neurosen und Psychoeen des Puberiätealters. Berlin, 
J. Springer, 1914. 

') Eaist mir daher wahrscheinlich, daß die von Fried mann und Schön thal beschriebene 
Psychose von den angeführten Autoren als dem Gebiete de» manisch depressiven Irreseins 
angehörig erachtet wird. 






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Die nervösen und psychischen Störungen der Pubertät. 25 

nicht finden können, so daß ich die Bedeutung der Pubertäts Vorgänge für das 
Auftreten hysterischer Zustände nur gering veranschlagen kann ^). 

Mönke möller hat darauf hingewiesen, daß bei neuro- und psychopathischer 
Veranlagung die dadurch bedingten Mängel und Störungen vielfach erst in der 
Pubertätszeit stärker hervortreten, so das intellektuelle Defizit bei Imbezillen 
und krankhafte Charaktereigenschaften, daß aber auch der Prozentsatz der 
Psychosen in dieser Periode rasch und bedeutend anwächst. Die erste Stelle 
unter den hier in Betracht kommenden Geistesstörungen nimmt die Dementia 
praecox ein. Kräpelin fand unter 296 Fällen ein Erkrankungsalter bis zum 
15. Jahre in 6%, bis zum 20. in 32,5Vo; Wolfsohn bei 618 Patienten der Anstalt 
BurghölzU bis zum 15. Jahre 4%, vom 15. — 20. 18%*). Man nimmt gegenwärtig 
vielfach an, daß das Jugendirresein durch eine Autointoxikation bedingt wird, 
und wenn dieses der Fall ist, kann man sich wohl vorstellen, daß es zu einer solchen 
bei den Veränderungen des Stoffwechsels in der Pubertätszeit (vielleicht durch 
Anomalien der inneren Sekretion) leichter kommt als in anderen Lebensperioden. 

An die Dementia praecox schließt sich in bezug auf Häufigkeit des Auf- 
tretens in den Pubertätsjahren das manisch depressive Irrsein an. Nach Pappen- 
heim und Grosz pflegt die erate Phase des manisch depressiven Irreseins und 
der Zyklothymie (leichte Form des maniäch depressiven Irreseins) in der gro^n 
Mehrzahl der Fälle in oder bald nach der Pubertät aufzutreten. Die Bedeutung 
dieses ersten Anfalls für die Zukunft des Befallenen wird, da er gewöhnlich in 
Genesung ausgeht, vielfach verkannt. Das frühe Einsetzen der Erkrankung in 
der einen oder anderen Form ist bei der dominierenden Bedeutung, welche der 
Heredität bei dem Leiden zukommt, nicht auffällig und die erhöhte gemütUche 
Erregbarkeit der Pubertätsperiode mag die Wirksamkeit der ererbten Veran- 
lagung mehr oder weniger verstärken. 



*) Pitres fand das Einsetzen der Hysterie bei weiblichen Personen am häufigsten im 
Alter von 16—20 Jahren (34 unter 69 Fällen), Landoucy unter 355 Fällen 307« i^ Alter von 
16 — 20 Jahren, dag^en im Alter von 11—15 Jahren nur 137b- Binswanger (Die Hysterie, 
1904, S. 89) stimmt mit Jolly darin überein, daß nur das Alter der Pubertätsentwicklung im 
weiteren Sinne — etwa vom 12. — 20. Lebensjahre — die Zeit ist, in welcher die H^terie vor- 
nehmlich zunl erstmaligen Ausbruch gelangt. 

') S. Bleuler: Dementia praecox. 1911. S. 278. 






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III. 

Die nerrö»en und psyoliigclien Störungen der 

Menstmationszeit. 



Die immer mehr sich einbürgernde Bezeichnung der MenstruatioQ als 
Unwohlsein ist nicht ledigHch eine Bedefigur. Die Zahl der Mädchen und Frauen, 
bei welchen der Vorgang der Menstruation ohne Beschwerden ii^endwelcher Art 
verläuft, ist zwar nicht so gering, daß man sie mit dem englischen Frauenarzte 
Emmet als Ausnahmen von der Begel betrachten müßte, und unter unserer 
ländlichen Bevölkerung sind jedenfalls diese Glücklicheren noch immer reichlich 
vertreten; allein in den Städten sind offenbar diejenigen weibUchen Wesen bei 
weitem in der Überzahl, für welche die Menstruation in der Tat eine Zeit des 
Unwohlseins bedeutet und insbesondere mit nervösen Störungen verschiedener 
Art einhergeht. Da die ohne Beschwerden Menstruierenden gewöhnhch Personen 
von robuster nervöser Konstitution sind, darf man wohl annehmen, daß die 
während der Menstruation bei im übrigen gesunden weiblichen Personen auf- 
tretenden nervösen Störungen die Folgen einer erhöhten Reizbarkeit des Nerven- 
systems, die angeboren oder erworben sein mag, sind. 

Man kann die mit der Menstruation zusammenhängenden nervösen Störungen 
in lokale, entferntere und allgemeine sondern. Unter den lokalen Beschwerden 
sind wohl Schmerzen in den unteren Partien des Abdomens oder im ganzen 
Abdomen, im Kreuz und in den Beinen die häufigsten. Denselben reihen sich 
die bei einer sehr großen Zahl von Frauen vorkommende Neigung zu häufigen, 
zum Teil diarrhoischen Darmausleerungen und als seltenere Erscheinungen 
Schmerzen im After und vermehrter Harndrang an. Von den entfernteren Stö- 
rungen sind zu erwähnen: Bücken- und Kopfschmerzen, Kopf druck, Magen- 
beschwerden in der Form von Übelkeit, Erbrechen und Kardialgien, mehr oder 
minder erhebliche Schmerzen in den Brüsten (Mastodynie), seitens des Zirku- 
lationsapparates Herzpalpitationen — Kisch fand bei 8,5Vo ^^^ Frauen mit 
normalem Herzen und regelmäßiger Menstruation eine Beschleunigung der Herz- 
tätigkeit um 10 — 28 Schläge in der Minute — und vasomotorische Störungen, 
Kälte der Hände und Füße, Wallungen nach dem Kopfe, da und dort auftretende 
fliegende Hitzen, Schweißausbruch. Oft wird auch über ein allgemeines körper- 
liches Angegriffensein und Neigung zu rascher Ermüdung bei jeder einigermaßen 
anstrengenden Tätigkeit geklagt. 

Von besonderem Interesse sind die während der Menstruationsperiode auf- 
tretenden psychischen Veränderungen, die von den harmlosesten Erscheinungen 
alle Übergänge bis zu den schwersten psychotischen Zuständen aufweisen. Ab- 






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Die oervösen und psyohisohm Störungen der IfonBtmationszeit. 27 

-weichungen in dem gemütlichen Verhalten, erhöhte emotionelle Erregbarkeit 
mit Neigung zum Weinen, Gereiztheit, leichtere Verstimmungszustande und 
rascher Stimmungswechsel finden sich sehr häufig. Die gemüthche Beizbarkeit 
erreicht bei Belasteten mitunter so hohe Grade, daß äußerst geringfügige Anlässe 
zu tobsuchtartigen Ausbrüchen führen. Bei Frauen, die an Zwangsangstzuständen 
leiden, nehmen solche während der Menses an Intensität und Häufigkeit gewöhn- 
lich zu. Manche weibliche Personen, deren gemüthches Verhalten in der inter- 
menstruellen Zeit völlig normal ist, werden während der Menses von Zwangs- 
verstimmungen heimgesucht, die sich gelegentlich bis zum völligen Lebensüberdruß 
steigern können, wobei jedoch die äußere Buhe nach meiner Erfahrung gewahrt 
bleiben kann. Die Menses begünstigen auch das Auftreten anderer Zwangs- 
eischeinungen, was unter Umständen forense Bedeutung erlangen kann; ins- 
besondere kommen hier gewisse Zwangaimpulse, Kleptomanie, Pyromanie und 
Dipsomanie in Betracht ^). 

In manchen Fällen nehmen die seelischen Veränderungen, welche sich mit 
der Menstruation verknüpfen, den Charakter einer ausgesprochenen Psychose 
an. Das „menstruelle Irresein" (Menstruationspsychose) ist eine Form periodischer 
Geistesstörung, deren Anfälle sich in ihrem zeitlichen Auftreten an den Ovulations- 
voi^ang gebunden zeigen, brüsk einsetzen und gewöhnUch ebenso enden. Die 
Anfälle sind weit vorherrschend prämenstruell, selten postmenstruell und werden 
oft durch gewisse Prodromalerscheinungen, Schlafmangel, Unterleibsbeschwerden, 
Herzklopfen, Beklemmungsgefühle usw. eingeleitet. Bei prämenstruellem Ein- 
setzen zessieren sie mit dem Eintreten der Blutung. Nach Beobachtungen von 
v. Krafft-Ebin^ kann in Fällen, die mit Dysmenorrhöe einhergehen, auch 
bei Ausbleiben der Blutung die Psychose zur Zeit der Menses wiederkehren. 

In klinischer iCnsicht zeigt das menstruelle Irresein die verschiedensten 
Form^. Melanchohe und Manie finden sich am häufigsten (letztere oft mit 
sexueller Färbung), Verworrenheitszustände mit massenhaften Halluzinationen 
sind ebenfalls nicht selten. Nach Ziehen kommt bei belasteten Frauen prämen- 
struell ein systematisierter Eifersuchtswahn vor, der in der übrigen Zeit nicht 
nachzuweisen ist. Die Anfälle menstruellen Irreseins währen meist nur einige 
Tage, können aber auch eine Dauer von 1 — 2 Wochen erreichen. Der Genitalbefund 
ist zumeist negativ (v. Krafft-Ebing). 

Der sogenannte „Ovulationsreiz" bildet natürlich nicht die einzige oder 
wesentliche Ursache dieser Psychosen, sondern eher lediglich den Tropfen, der 
das Gefäß zum Überlaufen bringt. Die in dieser Weise Erkrankten sind zumeist 
Personen von jugendlichem Alter tmd erbUcher psychopathischer Belastung, 
die zum Teil schon früher von neurotischen Leiden (Hysterie) oder nicht periodischer 
Geistesstörung heimgesucht wurden. Körperliche Leiden und gemütliche Er- 
regungen spielen öfters die Bolle der Agents provocateurs der Krankheit, zu 
deren Ausbruch die nächste Menstruation den letzten Anstoß gibt. Die Anfälle 
schwinden zumeist wieder, nachdem sie sich einige Male wiederholt haben ; doch 
kommen auch Fälle vor, in welchen die einzelnen Anfälle sich immer mehr ver- 
längern und schließlich in dauernde Geistesstörung übergehen. 



^) Die Impulse können auch dem sexueUoi Gebiete angehören. In einem von An j &l (Aitb. 
f. Psych. XV. Heft 2) mitgeteilten Falle stellte sich bei einer erbUch Bchwer belasteten, dem 
Klimakterium naheeteiiendm ¥Vau während der Mensee neben Insomnie ein Drang ein, Knaben 
unter 10 Jahren an sich zu locken, zu klissen und ihre Genitalien zu betasten. Die Frau, welche 
intermenstruell keinerlei sexuelle Begehrlichkeit zeigte, verlangte selbst Überwachung in der 
kritischen Zeit. 



Diomzeo uy '^«eXVjlH. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



28 Die nerrSeen und psychisohen Störongen der MenatnistiooBzeit. 

Es ist begreiflich, daß Menstruationsanomalien in noch höherem Maße geeignet 
sind, nervöse Störungen herbeizuführen, als die normal verlaufende Menstruation. 
Am erheblichsten sind zweifellos die Beschwerden, welche durch dj^menorrhoische 
Vorgänge veranlaßt werden, deren Ursachen hinwiederum sehr verschiedenartig 
sind. Anfallsweise eintretende wehenartige Schmerzen im Ünterleibe (Uterin- 
koliken) oft von großer Heftigkeit, häufiger Harndrang, Schmerzen in den Beinen, 
im Kreuz und Bücken, ähnlich wie zum Teil auch bei normaler Menstruation, 
nur noch erhebUcher, Kardialgien, Übelkeit und Erbrechen sind gewöhnliche 
Erscheinungen bei Dysmenorrhöe; seltener sind reflektorische Störungen der 
Herztätigkeit, Anfälle von beschleunigter Herzaktion mit kardialer Dyspnoe 
bei geringen Bewegungen und Angst oder Anwandlungen von Her^chwäehe 
mit kleinem, sehr frequentem Pulse, unter Umständen bis zur völhgen Ohnmacht 
sich steigernd (Kisch)^). 

Nach Theilhaber stellt sich die Uterinkolik manchmal Vi — 1 oder gar 
mehrere Tage vor dem Eintritte der Blutung ein. Nach dem Auftreten der Blutung 
dauert sie häufig nur einige Stunden, zuweilen jedoch auch noch 1 — 2 Tage an 
(selten während der ganzen Dauer der Menstrualblutung). Solange die Schmerzen 
sehr heftig sind, fließt häufig das Blut nur tropfenweise ab. 

Die Anschauungen über die Verursachung der dysmenorrhoiachen Besehwerden 
haben sich in neuerer Zeit erheblich geändert. Man hat früher und zwar insbe- 
sondere unter dem Einflüsse von Marion Sims vorwaltend angenommen, daß 
es sich um eine Betention des Menstrualblutes infolge verschiedenartiger krank- 
hafter Veränderungen des Uterus (Lageveränderungen, Zervixstenosen, Tumoren, 
Endometritis usw.) handle. Theilhaber und Wille fanden jedoch, daß in der 
großen Mehrzahl der Fälle von Dysmenorrhöe organische Veränderungen nicht 
nachweisbar sind (nach Theilhaber in '/* ^^^ Fälle), sohin eine idiopathische 
Dysmenorrhöe vorhegt. Nach dem letztgenannten Autor werden die wehen- 
artigen Schmerzen der Dysmenorrhöe durch spastische Kontraktion der zirkulären 
Muskelfasern am inneren Muttermunde (des Sphincter orificii intemi) herbei- 
geführt. Eine Eetention des Menstrualblutes hält Theilhaber für die Entstehung 
der Uterinkolik nicht für nötig, da Kohkschmerzen auch bei krankhaften Kon- 
traktionen anderer muskelhaltiger Organe (Darm, Magen usw.) entstehen. Für 
das Auftreten der in Frage stehenden Spasmen bei Mangel lokaler Veränderungen 
halten Theilhaber und Wille eine gewisse nervöse Disposition (neuropathische 
Veranlagung, Neurasthenie, Hysterie) für erforderÜch. Wille wies darauf hin, 
daß mit dieser Disposition noch gewisse Gelegenheitsursachen sich verknüpfen 
müssen, wenn es zur Entwicklung der Dysmenorrhöe kommen soll. Er konnte 
mehrfach wie Krönigkonstatieren, daß die Dysmenorrhöe nicht von der Pubertät, 
sondern erst von einer bestimmten Gelegenheit (Überanstrengung) an bestand. 
Hiermit stimmen auch meine Erfahrungen überein. Ich habe ebenfalls Fälle 
beobachtet, in welchen bei nervösen Personen die Einwirkung gewisser Schädhch- 
keiten um die Zeit der Menses (gemüthche Erregungen, Überanstrengungen) 
Dysmenorrhöe zur Folge hatte und dieser Zustand längere Zeit hindurch sich 
wiederholte, ohne daß weitere Gelegenheitsursachen im Spiele waren. Für den 
weit vorherrechend nervösen Ursprung der dysmenorrhoi sehen Beschwerden 
spricht auch der Umstand, daß sich dieselben sehr häufig durch verschiedenartige 
Einwirkungen auf bestimmte Stellen der Nasenschleimhaut (Ätzungen, Kokain- 

^) FunkeUtein stellte fest, daß bei gesunden Frauen während der normalen Mraistniation 
eine Einschränkung des Gesichtsfeldes eintritt ; diese Einschränkung ist nach den Untersuchungen 
Salo Oohns bei Dysmenorrhöe in den Tagen der größten Beschwerden am erheblichsten. 



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Die nerrfieen und psychischen Störungen der Menstruationszeit. 29 

eiupinselungen, unter Umständen auch durch Einpinselung mit Aq. dest.) be- 
seitigen lassen ^). 

Die Beziehungen zwischen Uterus und Nasenschleimhaut bildeten längere 
Zeit den Gegenstand von Diskussionen in der Literatur, wobei zum Teil sehr 
abweichende Ansichten zutage traten. So berichtet Malherbe ^) (Fans), daß 
er eine Anschwellung der Schwellkörper der Nasenschleimhaut zur Zeit der 
Menstruation fand und bei heftigen dysmenorrhoischen Schmerzen eine besonders 
intensive Kongestion am vorderen Ende der unteren Nasenmuschel und am Tuber- 
culum septi beobachtete. Nach den Erfahrungen Malherbes sind nicht nur 
die Fälle rein nervöser Dysmenorrhöe, sondern auch ein Teil der Eälle mit Er- 
krankungen des Genitalapparates durch nasale Therapie günstig zu beeinflussen. 

Kuttner auf der anderen Seite erklärt es für unrichtig; daß sich bei den 
„meisten" oder gar „allen" Frauen zur Zeit der Menses Veränderungen der Nase 
finden; er erachtet dies nach seinen Erfahrungen geradezu für eine Ausnahme. 
Für richtig hält Kuttner nur, daß menstruelle Beschwerden von der Nase aus 
beeinflußt werden köimen, aber nicht lediglich durch Bepinselungen des Tuber- 
culum septi und der Muscheln durch Kokain usw. Der gleiche Erfolg ist durch 
Bepinselung des Kachens und Kehlkopfes mit verschiedenen anästhesierenden 
Lösungen und sogar mit Brunnenwasser zu erzielen. Kuttner erachtet den 
Zusammenhang zwischen Nase und Menstruationsbeschwerden für eine Erscheinung 
der Hysterie. Der Autor hat auch den Einwänden Koblancks*) gegenüber, 
der sich gegen die suggestive Erklärung der Erfolge der Nasenbehandlung bei 
Dysmenorrhöe aussprach, seine Auffassung aufrecht erhalten. Nach ihm sind 
die in Frage stehenden Erfolge bedingt durch bewußte oder unbewußte psychische 
Beeinflussung der Patientinnen, durch die Allgemeinwirkung des Kokains und 
sicher oft genug auch durch die Verbesserung des Allgemeinbefindens, wie sie 
nach der Ausheilung einer nasalen Stenose einzutreten pflegt*). 

Bei kritischer Würdigung der vorhegenden Erfahrungen kann man sich 
wohl dem Schlüsse nicht entziehen, daß es sich bei der Beeinflussung der Dys- 
menorrhöe von der Nasenschleimhaut aus nicht um reflektorische Vorgänge, 
sondern um Suggestivwirkungen handelt. 

Bela Schick gelang ea nachzuveisea, daß die längst vermutete giftige Beschaffenheit 
des Menstrualblutes eine Tatsache ist. £r konnte jedoch diwen Kachweis nicht in allen ^Fällen 
bringen. Der Autor fand, da0 die Wirkung des Menstruationsgiftes nicht immer gleich stark 
i0t und, wenn vorhanden, am ersten T^e am stärksten. Das Henstrualgift findet sich femer 
im Schweiße der Achselhöhle und im Blute, in dieson wahrscheinlich an die roten Blutkörperchen 
gebunden. Als Kntstehtmgsort muß wohl das weibliche Genitale angesehen werden. 

Die Amenorrhoe, i. e. das Ausbleiben der monatlichen Blutung bei einer 
bis dahin regelmäßig menstruierten, nicht schwangeren weiblichen Person führt 
an sich wenigstens sehr häufig zu keiner Belästigung, während die dieselbe ver- 
anlassenden Momente, Krankheitszustände, Unterernährung und psychischen 
Einflüsse (Kummer, Angst usw.) mannigfache nervöse Störungen nach sich ziehen 

*) Man hat, um die Beeinflussung der Dysmenorrhöe von der Nase suä zu erklären, kom- 
plizierte Reflextheorien ausgesonnen. Die menstruellen Veränderungen im Uterus sollen auf 
reflektorischem Wege Anschw^ungen bestimmt««- Stellen der Nasenschleimhaut herbeiführen 
und diese hinwiederum refloktorisch die dysmenorrhoischen Erscheinungen auslösen (Schiff, 
Fließ). Nach dem letztgenannten Autor haben besonders zwei Stellen der Nasenhöhle Be- 
ziehungen zum weiblichen Sexualapparat: die untere Muschel und das Tubeiculum septi. 

>} Malherbe, Paris (Le Bull. m6d. Nr. 82. 1903). 

*) S. Koblanck: Über nasale Keflexe. Deutsche med, Wochenschr. 1908. Nr. 24. 

*) S. Kuttner: Die nasalen Reflexneuroeen und die normalen Nasenreflexe. Berlin 1904; 
femer: Die nasale Dysmenoirböe. Deutsche med. Wochenschr. 1908. Nr. 24. 



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30 Die nervösen und psychisohen Stönmgm der Hmstrustionseeit. 

küimen. Nach Kiscb konuut es hierbei zuweilen zu tachykardischen Anfällen, 
welche entweder unregelmäßig oder in bestimmten Perioden, d. h. einige Tage 
vor dem Termine, au welchem die Menses erscheinen sollten, wiederkehren. Bei 
amenorrhoischen H^terischen werden mitunter vikariierende Blutungen aus 
inneren Organen (Blntbrechen, Hämoptoe) beobachtet, deren Eintritt mit ver- 
schiedenen Beschwerden verknüpft sein kann. Plötzliches Zessieren der bereits 
im Gange befindlichen menstruellen Blutung infolge heftiger Qemütserregungen 
kann verschiedenartige nervöse Zufälle zur Folge haben, wobei es jedoch fraglich 
bleibt, was auf Bechnung der ursächHchen gemütUchen Erregung zu setzen und 
was der Suppressio mensium zuzuschreiben ist. Die Krankheitserscheinungen 
seitens des Nervensystems, welche bei zu starker Menstrualblntung (Menorrhagie) 
auftreten, sind in der Begel auf hierdurch verursachte Anämie oder das Grund- 
leiden zurückzuführen, durch welches der übermäßige Blutverlust bedingt ist 
(Neubildungen im Uterus, Endometritis usw.). 



Anhang. 

Einfluß der Menstruation auf bestehende Nervenlcrankheiten 

und Psychosen. 

Berücksichtigen wir den Einfluß, welchen der Menstruationsvorgang auf 
das Nervensystem bei gesunden und nur nervösen Frauen äußert, so kann es nicht 
befremden, daß bei verschiedenen Nervenkrankheiten die Menses mit einer 
Steigerung beständig oder zeitweilig vorhandener Symptome einhergehen und 
unter Umständen auch zum Auftreten von Erscheinungen Anlaß geben, welche 
in der übrigen Zeit fehlen. Eine derartige Einwirkung des Menstruationsvorganges 
zeigt sich am meisten bei den Neurosen. Bei an Neurasthenie leidenden Frauen 
ist es etwas Gewöhnliches, daß während der Menses und schon vor Einleitung 
derselben die Kopf- und Bückenbeschwerden, die Gefühle allgemeiner körper* 
lieber Schwäche oder speziell der Schwäche und Müdigkeit in den Beinen sich 
mehren, Schwindel, Angstzustände und Zwangsvorstellun^n stärker hervor- 
treten und, wo Erscheinimgen der nervösen Herzschwäche bestehen, sich diese 
im besonderen Maße geltend machen. Dabei ist es bemerkenswert, daß diese 
periodische Verschlimmerung des Zustandes nach meinen Beobachtungen im 
allgemeinen bei geringfügiger menstrualer Blutung, also relativer Amenorrhoe 
viel erheblicher ist als bei reichlichem Blutabgange. Bei der Angstneurose und der 
Hysterie verhält es sich ähnlich. Bei Hysterischen, welche an Krampfanfällen 
oder Attacken anderer Art (hysterischem Somnambuhsmus, Schlaf zuständen usw.) 
leiden, treten diese Anfälle mit YorUebe oder mit besonderer Schwere zur Zeit 
der Menses auf; es mangelt auch nicht an Fällen, in welchen sich hysterische 
Anfälle lediglich zur Menstruationszeit einstellen. In diesen Fällen ist die Be- 
ziehung des Menstruationsvorganges zu den Anfällen nicht immer die gleiche. 
Bei manchen Patientinnen ist der Zusammenhang ein zufälhger, psychisch ver- 
mittelter. Die Anfälle traten zum ersten Male zur Zeit der Menses infolge zufälliger 
Einwirkungen (gemüthcher Erregungen usw.) auf, und es scheint hier die Wieder- 
kehr der Erinnerung an die betreffenden Vorfälle zur Menstruationszeit als anfall- 



Diomzco I.V '-.exvj;»^. m\mm of California 



Die nervSsen und psychischen Störungen der M^istniationszeit. 31 

au8lö»eudes Moment zu wirken. Hier kann in der Zeit zwischen den einzebien 
Menstruationsperioden das Befinden ein ganz befriedigendes sein. In anderen 
Fällen handelt es sich dagegen um Hysterische, deren Nervensystem beständig 
in einem solchen Zustande erhöhter Erregbarkeit sich befindet, daß die mit der 
Menstruation verknüpfte Erregung genügt, Krampf attacken oder Anfälle anderer 
Art (Asthma uterinum, Tremor usw.) herbeizuführen. Die Menstruation begünstigt 
auch das Auftreten von Migräneanfällen. Von den mit Migräne behafteten Frauen 
leiden manche nur während oder vor der Menstruationszeit an dem Übel, und 
bei anderen bevorzugen die Anfälle diese Zeit, oder sie stellen sich während der- 
selben in besonderer Schwere ein. Ähnlich ist die Beziehung der epileptischen 
Anfälle zur Menstruation. Bei epileptischen Frauen, bei welchen die Anfälle nicht 
häufig sind, treten dieselben mit Vorüebe um die Zeit der Menses, und zwar zu- 
meist vor Beginn derselben auf; ich habe auch Fälle gesehen, in welchen in der 
Zeit zwischen den Menstruationsperioden lediglich leichte Anfälle (Petit mal) 
bestanden, während der Menses dagegen Anfälle schwerster Art in größeror Zahl 
regelmäßig sich abspielten *). Der Einfluß, welchen das erste Erscheinen der 
Menses in bezug auf die Epilepsie äußert, ist ein sehr verschiedener. Wir begegnen 
einerseits Fällen, in welchen die ersten epileptischen Anfälle sich mit dem Ein- 
setzen der Menstruation zeigen; andererseits kommt es aber auch vor, daß bei 
an Epilepsie erkrankten Mädchen die Anfälle nach dem Beginne der Menstruation 
aufhören; ich habe dieses Verhalten namentlich in Fällen gefunden, in welchen 
ledighch Anfälle von Petit mal vorhanden waren. Auch auf die neuralgischen 
Affektionen äußert die Menstruation häufig eine ungünstige Wirkung; besonders 
auffälüg macht sich dieselbe mitunter bei Trigeminusneuralgien bemerklich. 

Der Einfluß der Menstruation auf bestehende Psychosen ist in der Begel 
ein ungünstiger. Erregungszustände erfahren während dieser Zeit meist eine 
Steigerung, treten mitunter auch bei sonst ruhigen Kranken auf. 

Es muß hier femer bemerkt werden, daß die Psychosen häufig zu Störungen 
der Menstruation, und zwar namentlich in der Form der Amenorrhoe führen. 
Am häufigsten begegnet man letzterer bei melancholischen Zuständen. Beim 
manisch depressiven Irresein wird mitunter in der Depressionsphase Zessieren der 
Menses beobachtet, während sie in der manischen Phase nicht ausbleiben. Bei 
akuten Geistesstörungen stellt sich die Menstruation gewöhnhch mit der Besserung 
des Zustandes wieder ein. Bei manchen Geisteskranken (so bei Dementia praecox 
nach Kräpelin) ist jedoch auch der Übergang in Verblödung von der Wiederkehr 
der Menses begleitet *). 



^) Dieee Eifahrui^ bezieht sich auch auf Fälle, in welchen organische Gehimerkrankungen 
mit epileptischen Symptomen bestanden. 

") Skeene (zitiert bei Jaworski, Wiener klin. Wocfaenschr. 1910. Nr. 40) fand, daß 
unter 192 psychisch kranken Frauen im Alter von 17 — 46 Jahren nur 27 normal menstruierten. 






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IV. 



Die nervösen und psychischen Störnngen der Schwangerschaft. 



Mit dem Einflüsse der Schwangerschaft auf das Nervensystem verhält es 
sich in ge\nssem Maße ähnlich wie mit dem der Menstruation. Wir begegnen 
Frauen, welche die Schwangerschaft von Anfang his zu Ende ohne jede auf den 
Zustand zurückzuführende nennenswerte Störung des Befindens durchmachen, 
und daneben wieder anderen, welche während der Schwangerschaft von mehr 
minder bedeutenden, zum Teil selbst das Leben bedrohenden nervösen Störungen 
heimgesucht werden. Die Veränderungen, welche der weibUche Oi^anismus 
während der Gravidität erfährt, das allmähhche Anwachsen des Uterus, die 
Modifikation der Blutbeschaffenheit und des Stoffwechsels und der Übertritt 
fötaler Stoffwechselprodukte in das mütterliche Blut, machen es begreiflich, 
daß Personen, deren Nervensystem die Merkmale der reizbaren Schwäche (i. e. 
der sogenannten neuropathischen Disposition) in irgend einem Grade aufweist, 
während der Schwangerschaft von nervösen Zufällen heimgesucht werden, während 
Personen von robuster Nervenkonstitution unter sonst gleichen Verhältnissen 
vei^chont bleiben. Daß übrigens auch bei gesunden Frauen die Schwangerschaft 
an sich, d. h. infolge der mit ihr verknüpften physiologischen Veränderungen des 
Organismus die Erregbarkeit des Nervensystems nicht unbeeinflußt läßt, ist 
sehr wahrscheinlich. Hierfür könnte der Umstand geltend gemacht werden, daß 
Naumann bei den meisten von ihm untersuchten Schwangeren eine Steigerung 
des Kniephänomens fand, die im Verlaufe der Schwangerschaft zunahm^). 

Die am häufigsten zu beobachtenden nervösen Beschwerden sind gastrischer 
Natur: Übelkeit, Brechreiz und Erbrechen. Diese Erscheinungen treten zuweilen 
schon in den ersten Wochen der Gravidität ein und bilden für manche Frauen 
ein Symptom, das sie noch vor dem Ausbleiben der Menses über die stattgehabte 
Konzeption in untrügUcher Weise aufklärt. Häufiger stellt sich das Erbrechen 
im zweiten und dritten Schwangerschaftsmonate ein. Nach einer Zusammen- 
stellung von Horwitz trat das Erbrechen unter 179 Fällen von Schwangerschaft 

zwischen der 5. und 6. Woche bei 16 






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Frauen auf. 



^) Die Angaben anderer Autoren Über die Häufigkeit der Steigerung der Sehnenreflexe 
in der Schwangerschaft stinvmen hiermit jedoch nicht ganz überein. So fand Bauchnitz (Ver- 
änderung«! des Nervensystems in der Gravidität, Inaugural-Diss. München 1903) die fragliche 
Erscheinung nur in 27 7fl der von ihm untersuchten Fälle und nurgegen Ende der Schwangerschaft. 






^^■^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



Die nervösen und psychischen Störungen der Schwangeischaft. 33 

Zwischen Übelkeit und Erbrechen besteht in der Schwangerschaft keine 
kunstante Beziehung. Bas Erbrechen stellt sich zum Teil nach größerer oder 
geringerer Kausea bei leerem Magen (z. B. des Morgens) oder nach den Mahl- 
zeiten, zum Teil nur nach letzteren ohne Vorhergejien irgendwelcher Beschwerden 
ein. Der Ernährungszustand der Schwangeren wird durch das Erbrechen gewöhn- 
lich nur wenig oder überhaupt nicht beeinträchtigt. In manchen Fällen beschränkt 
sich die Störung auf zeitweilig auftretende oder mehr andauernde Übelkeit. Nicht 
selten ist auch Appetitmangel und insbesondere Abneigung gegen einzelne Speisen, 
namentlich Fleischspeisen, Das Auftreten der erwähnten gastrischen Störungen 
schon in der ersten Zeit der Gravidität spricht für deren reflektorische Ver- 
ursachung, die wahi^cheinlich vom Uterus ausgeht. 

Die gewöhnliche Emesis gravidarum, die von manchen wegen ihrer Häufig- 
keit und relativen Belanglosigkeit als eine physiologische Erscheinung betrachtet 
wird, erfährt in vereinzelten Fällen eine Weiterentwicklung, durch welche sie 
nicht nur einen sehr ernsten, sondern selbst lebensbedrohlichen Charakter an- 
nehmen kann. Man spricht dann von Hyperemesis gravidarum (dem unstillbaren 
Erbrechen der Schwangeren). Die Brechanfälle nehmen in den betreffenden Fällen 
allmähUch an Häufigkeit und Litensität zu; sie stellen sich sowohl nach der 
Nahrungsaufnahme als zwischen den Mahlzeiten ein, und die Art der aufgenom* 
menen festen oder flüssigen Speisen bleibt ohne Einfluß. Appetitmangel und 
Schmerzen in der Magengegend gesellen sich hinzu, mitunter auch Diarrhöen und 
lästiger Speichelfluß. Die Zeichen hochgradiger Störung der Ällgemeinemährung 
bleiben nicht lange aus (rasch zunehmende Abmagerung, Beschleunigung und 
Kleinwerden des Pulses, Sinken der TJrinsekretion, mitunter mit Eiweißgehalt 
des Urins, schließhch auch Inanitionsdelirien). Gelingt es in diesem Stadium nicht, 
dem Erbrechen auf die eine oder andere Weise ein Ende zu machen^ so erfolgt 
der Exitus. Walzer hat in einem schweren Falle von Hyperemesis gravidarum 
die Ehrlichsche Diazoreaktion nachgewiesen und leitete daraufhin den künst- 
lichen Abortus ein. 

Über die Pathogenese der Hyperemesis gravidarum sind zur Zeit die Ansichten 
noch geteilt. Früher waren die Gynäkologen vorwaltend geneigt, das Leiden 
auf Femwirkungen zurückzuführen, die von pathologischen Zuständen des Sexual- 
apparates (Lageveränderungen des Icterus, perimetritischen Verwachsungen usw.) 
ausgehen sollten. Seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts gewann die 
Anschauung mehr und mehr Anhänger, daß das unstillbare Erbrechen der Schwan- 
geren psychogenen Ursprungs, d. h. ein Symptom der Hysterie ist oder wenigstens 
sein kaim. 

Kaltenbach hat erstere Auffassung mit Nachdruck vertreten und sie mit 
dem Hinweis auf den ganz unberechenbaren Verlauf des Leidens gestützt. Neben 
der Kaltenbachschen Auffassung hat aber in den letzten Dezennien auch die 
Anschauung, insbesondere in gynäkologischen Kreisen, zahlreiche Vertreter 
gefunden, daß die Hyperemesis gravidarum überhaupt oder wenigstens in einem 
Teil der Fälle auf einer Intoxikation beruht. Über die Quelle der Intoxikation 
gehen die Ansichten der einzelnen Autoren auseinander: Magendarmkanal (Dir- 
moser), Leber (Williams und Planchen), Plazentaveränderungen (Veit u, a.). 
Bemerkenswert ist femer, daß jene Autoren, welche neben dem psychogenen 
auch einen toxischen Ursprung der Hyperemesis gravidamm annehmen, hinsicht- 
lich der Frequenz der einen oder anderen Ursache sehr abweichende Meinungen 
vertreten. 

LOwenfetd, Sexualleben und NerrenleideD. Seohite Aufl. 3 



DiOHizra UV '^.eXVjlH. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



34 Die nerrösen nnd psychischen Störungen der SchwangetBchaft. 

H. Müller ^), der 34 ^älle der Universitäts&auenklinik in Zürich analysierte, 
kam zu dem Schlüsse, daB die Hyperemesis gravidarum in der Mehrzahl der 
Fälle psychogenen Ursprungs ist und in seltenen Fällen ein Symptom, eventuell 
Frühsymptom von Blasenmole, Chorionepitheliom, Eklampsie, Neuritis puer- 
peralis bildet. S aenger*) dangen, welcher selbst Fälle von Hyperemesis gravi- 
darum mehrfach beobachtete, in welchen die Transferiemng In das Krankenhaus 
Rchon kurativ wirkte, hält es trotzdem für wahrscheinlich, daß der Zustand in 
der Begel toxischer Natur ist •). 

Wie die Hyperemesis bildete auch die Schwangerschaftschorea bis in die 
neuere Zeit den Gegenstand zahlreicher Diskussionen. Dieselbe ist kein häufiges 
Vorkommnis und soll nach Mongeri in den südUchen Ländern Europas seltener 
auftreten als in den nördlichen. Die Erkrankung befällt vorwaltend jugendliche 
Individuen und Piimipare und kann in jeder Periode der Schwangerschaft zum 
Ausbruch gelangen; doch ist, wie aus den Statistiken von Gowers und Kroner 
sich ergibt, die erste Hälfte *) der Schwangerschaft entschieden bevorzugt. Bestand 
schon vor der Schwangerschaft Chorea, so kann es während derselben zu einem 
Rezidiv kommen. 

In ätiologischer und symptomatologischer Hinsicht präsentiert das Leiden 
kein einheithchea Krankheitsbild. Ein Teil der hierher gehörigen Fälle ist offenbar 
der Hysterie zuzurechnen tmd auf psychische Traumen zurückzuführen. So 
bestanden in zwei von mir beobachteten Fällen neben den choreatischen Erschei- 
nungen andere hysterische Symptome und war das Leiden infolge gemütlicher 
Erregungen [bei der einen Patientin nach Mißhandlung seitens des Gatten •)] 
aufgetreten. Die Ätiologie der übrigen Fälle ist noch unklar und wahrscheinhch 
keine gleichartige. Ein Teil derselben mag infektiösen Ursprungs sein (rheu- 
matisches Virus), während bei einem anderen Teile vielleicht eine gewisse Auto- 
intoxikation vorhegt. Mongeri erbUckt in letzterem Momente die Hauptursache 
der Schwangerschaftschorea, und er glaubt im Anschlüsse an die Theorie von 
Labadie-Lagrave Störungen der Leberfunktion als die Quelle der in Frage 
stehenden Autointoxikation betrachten zu dürfen. Die Chorea gravidarum ver- 

*) Hermann Hüller: Beitrftge zur Kenntnis der Hyperemesis graTidarum. Sonder- 
abdruck aus der psychiatrischen neurologischen Wochenschr. X. Jahigang. 

*) Saenger: Nervenerkrankungen in der GraviditAt. Mtlnch. med. Wochenschr. 1912. 
Nr. 41. S. 2214. 

>) Es muß hier noch bemerkt werden, daß die psychogenen Momente, welche die Hyper- 
emesis gravidarum herbeiftthrea, allem Anscheine nach nicht immer die gleichen sind. Man 
hat früher angenommoi, daß es sich hierbei gewfihnlioh um Autosuggestionen handle, wofür 
ja auch die Erfahrungen über suggestive Beeinflussung des Zustandes sprachen. H. Müller 
hat jedoch darauf hingewieeen, daß die Hjrperemesis auch von unbewußten stark affektbetonten 
Vorstellungskomplexen ausgehen und ein Symbol der Abneigung g^en den Gatten oder d&s 
(unerwünschte) Kind bilden mag, 

'} Nach der 125 f%Ue umfassenden Statistik von Kroner begann die Chorea 

im 1. Monat in 10 F&Üea 



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1 Fall. 



^) Dieser Fall nahm nach der Transferierung der Patientin in eines der hiesigen Hcwpit&ler 
einen tödlichen Ausgang. 



Diomzco I.V '-.eXVj;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die nerviSsen und peycliischen Störungen der SchwangeiBchaft. 36 

liert sich zumeist schon im Laufe der Schwangerschaft, nur selten hält sie bis 
zur Entbindung an, um dann gewöhnUch in den ersten Tagen des Fuerperiams 
zu schwinden. Ein tödlicher Ausgang bildet keine Seltenheit, doch ist derselbe 
in der Eegel auf Komplikationen, namentlich seitens des Herzens, zurückzuführen. 
Der Prozentsatz der Todesfälle bei Chorea gravidarum schwankt in den bisher 
mitgeteilten Zusammenstellungen von 12 — 32*'/o. 

Bezüglich der Eclampsia gravidarum et parturientium wollen wir uns auf 
die Bemerkung beschränken, daß dieselbe nach den neueren Untersuchungen 
ebenfalls auf eine Autointoxikation zurückzuführen ist, und zwar soll es sich 
hierbei nach den neueren Forschungen um die Einwirkung vom Fötus gebildeter 
Toxine handeln, welche infolge einer Störung der Nierenfunktion im Körper 
zurückgehalten werden. Endhch ist hier noch zu erwähnen, daß in einzelnen 
Fällen wiederholtes Auftreten einer anderen, wahrscheinUch ebenfalls auf Auto- 
intoxikation beruhenden Erkrankung, der Tetanie, während der Schwangerschaft 
bei Frauen beobachtet wurde, die außerhalb der Gravidität von dem Leiden 
verschont blieben. 

Unter den sonstigen während der Schwangerschaft auftretenden nervösen 
Leiden stehen die Neuralgien und neuralgiformen Affektionen obenan. Wir müssen 
dieselben in zwei Gruppen sondern: 

a) in solche, welche durch direkte oder indirekte mechanische Einwirkungen 
des wachsenden Uterus auf benachbarte Nervenstäuime zustande kommen, 

b) in solche, welche in entfernteren Nervengebieten infolge nicht näher 
bekannter Ursachen auftreten. 

Die Neuralgien der ersterwähnten Gruppe treten gewöhnlich in den letzten 
Schwangerschaftsmonaten und vorwaltend einseitig im Gebiete des Nervus 
ischiadicus auf. Unter den entferntere Nervengebiete befallenden Neuralgien 
finden wir die Trigeminusneuralgien am häufigsten; dieselben setzen meist in 
den ersten Schwangerschaftsmonaten ein und können eine außerordentliche 
Intensität erreichen. Windscheid berichtet über zwei Fälle, in welchen die 
Schmerzattacken schheßlicb einen so exorbitanten Charakter annahmen und 
so un beeinflußbar wurden, daß man sich veranlaßt sah, die künstliche Frühgeburt 
einzuleiten, was beide Male das sofortige Schwinden der Neuralgie zur Folge 
hatte. Die Neuralgien im Trigeminusgebiete treten häufig in Form von Zahn- 
schmerzen bei gesunden Zähnen auf und kehren bei manchen Frauen während 
jeder Schwangerschaft wieder. Von neuralgiformen Affektionen sind die anfalls- 
weise in der Brust eintretenden Schmerzen (Mastodynie) wohl die häufigsten. 
Man darf dieselben wohl mit fluxionären Vorgängen nach der Brustdrüse in Ver- 
bindung bringen, wie dies bei der menstruellen Mastodynie der Fall ist. 

Im Verlaufe der Schwangerschaft können sich femer die verschiedensten 
orgatüschen Erkrankungen des Gehirns, Bückenmarks und der peripheren Nerven 
entwickeln, da dieser Znstand die Wirksamkeit keines der ätiologischen Momente 
ausschließt, die zu organischen Erkrankungen des Nervensystems führen. Der 
Verlauf der die Gravidität kompUzierenden oi^anischen Affektionen des Nerven- 
systems kann sich in der gleichen Weise gestalten wie bei ihrem Auftreten unter 
anderen Verhältnissen, auch muß durch dieselben der Fortgang der Schwanger- 
schaft keine Störung erfahren. So erUtt, um ein Beispiel zu geben, in einem Falle 
meiner Beobachtung eine im achten Schwangerschaftsmonate befindliche Frau 
durch einen Sturz aus dem Wagen eine traumatische Gehirnblutung, welche 
eine leichte Hemiplegie und Aphasie zur Folge hatte. Die zerebralen Funktions- 
störungen besserten sich alsbald, und die Entbindung erfolgte zur normalen Zeit 

3* 






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36 Die nervösen und psychischen Störungen der Schwangerschaft. 

ohne Störung. Abgesehen von den als reine Komplikationen zu betrachtenden 
können jedoch im Verlaufe der Schwangei^chaft auch organische Erkrankungen 
des Nervensystems sich entwickeln, denen eine ursächliche Beziehung zu dem 
bestehenden Zustande nicht abzusprechen ist. Mit diesen Erkrankungen hat 
sich insbesondere v. Hoeßlin*) eingehend beschäftigt, dessen Ausführungen 
im folgenden in erster Linie Berücksichtigung finden werden. 

Was zunächst die Erkrankungen des Gehirns betrifft, so hat man eine 
genuine Schwangerschaftsapoplexie uhterschieden, deren Ätiologie jedoch 
noch wenig geklärt und allem Anscheine nach keine einheitliche ist. So berichtete 
Ahlfeld *) über den Fall einer Frau, welche an dem Tage, an welchem sie die 
Menses erwartete, die jedoch wegen inzwischen eingetretener Gravidität aus- 
blieben, von einer Hemiplegie befallen wurde. Hier liegt die Annahme nahe, 
daß eine sogenannte vikariierende Blutung im Spiele war. In der größten Mehr- 
zahl der Fälle treten die hier in Betracht kommenden Apoplexien jedoch erst 
in der letzten Schwangerschaftszeit auf; Lebensälter und Zahl der Schwanger- 
schaften scheinen hierbei keinen Einfluß zu äußern. Unter 27 von v. Hoeßlin 
zusammengestellten Fällen*) betrafen 12 Frauen unter, 15 solche über dem 
30. Lebensjahre. Unter den Befallenen sind Erat- bis Drittgebärende zwar in der 
Mehrzahl vertreten, doch finden sich unter denselben auch Frauen mit zahl- 
reichen Schwangerschaften. In einzelnen Fällen wurden Frauen während mehrerer 
Schwangerschaften wiederholt von Apoplexien heimgesucht, v. Hoeßlin hält 
es für mögHch, daß bei den in Frage stehenden Apoplexien eine mit der Schwanger- 
schaft Hand in Hand gehende Herzhypertrophie und die Erhöhung der Wider- 
stände im Gefäßsystem der unteren Extremitäten während der letzten Schwanger- 
schaftsperiode eine Eolle spielen. Er hält auch durch Toxine bedingte Gefäß- 
veränderungen nicht für ausgeschlossen. Was die Symptome der sogenannten 
genuinen Schwangerschaftsapoplexien betrifft, so handelt es sich hierbei zumeist 
um jäh einsetzenden Verlust des Bewußtseins, begleitet von Hemiplegie, die sehr 
häufig mit Aphasie verknüpft ist. Der Fortgang der Schwangerschaft erfährt 
hierdurch gewöhnlieh keine Störung. 

Zu Gehirnblutungen kann es femer in den während der Schwangerschaft 
so häufig sich entwickelnden urämischen, durch parenchymatöse Nephritis be- 
dingten Zuständen kommen. Der Umstand, daß hierbei nicht selten mehrere 
Blutherde sich finden, spricht, wie v. Hoeßlin mit Recht bemerkt, dafür, daß 
hierbei eine Erkrankung der Blutgefäße vorhegt. Schwere zerebrale Funktions- 
störungen, insbesondere Hemi- und Monoplegien und Aphasie, können aber bei 
den fraghchen urämischen Zuständen auch unabhängig von Gehirnblutungen 
auftreten. In einem Teile der betreffenden Fälle wurde zirkumskriptes Ödem 
des Gehirns und der Meningen gefunden, in einem anderen mangelten makro- 
skopische Läsionen. Den schweren Gehimerscheinungen bei der Schwangerschafts- 
urämie gehen meist kürzere oder längere Zeit neben der Albuminurie noch andere 
Prodromalsymptome vorher, besonders häufig Kopfschmerzen und Übelkeiten. 
Die Kopfschmerzen können eine außerordentliche Intensität erreichen und die 



1) V. Hoeßlin: Münch. med. Wochenschr. 1904. Nr. 10 und Archiv f. Psychiatrie. Bd. 38. 
H. 3. 1904. femer Münch. med. Wochenschr. Nr. 14. 1905. Dmi Angaben v. HoeBlins hat 
sioh auch Anton (Über Geistes- und Nervenkrankheitoi in der Schwangerachaft, im Wochen- 
bett und in der Säugungszeit, Wiesbaden 1910} im wesentlichen angeechloesen. 

«) Arohiv f. Gyn&k. Bd. XI. S. 584. 

*) In dieser Zahl sind jedoch auch FiMe mit Gehirnblutungen eingeschlossen, die inter 
partum und während des Wochenbettes auftraten. 



Diomzco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die nervösen and psychischen Störungen der Schwangerschaft. 37 

Nachtruhe andauernd stören. Zum Eintritt von Lähmungen kommt es in der 
Mehrzahl der Fälle erst nach einem oder mehreren eklamptiscben Anfällen; letztere 
können aher auch, wie v. Hoefilin hervorbebt, an die Lähmung sich anschließen 
oder auch ganz ausbleiben. Der Verlauf der Lähmungen ist von ihrer anatomischen 
Grundlage abhängig; bei Mangel einer Gehirnblutung oder Embolie können die- 
selben sich rasch zurückbilden. Die Prognose der durch letztere Momente ver- 
ursachten Ijähmungen ist viel ungünstiger, v. Hoeßlin ermittelte, daß von 
40 Frauen mit albuminuriachen Lähmungen nur 11 am Leben blieben. Zu er- 
wähnen ist hier femer, daß alte Endokarditiden während der Gravidität exazer- 
bieren oder rezidivieren können, wodurch EmboUen von Gehimarterien ver- 
ursacht werden mc^en. Von Olivier wird jedoch eine der Gravidität eigentüm- 
liche schleichende Endokarditis beschrieben, die in ihren Symptomen und ihrem 
anatomischen Bilde völlig mit der rheumatischen übereinstimmen und ebenfalls 
zu Embohen der Gehimarterien führen soll. Mir erscheint die Existenz einer 
besonderen Schwangerschaftsendokarditi» vorerst noch zweifelhaft, dagegen muß 
zugegeben werden, daß in der Schwangerschaft wie im Wochenbette eine erhöhte 
Neigung des Endokards zu Erkrankungen besteht (Anton), wodurch die Ent- 
wicklung embolischer Lähmungen begünstigt wird. 

Chronische oi^anische Rückenmarksaffektionen, insbesondere Tabes, die 
schon vor der Gravidität bestanden, werden durch diese zumeist nicht beeinflußt; 
umgekehrt wird auch der Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt durch die 
fraglichen Erkrankungen gewöhnhch nicht alteriert. Bei vorgeschrittener Tabes 
kann es jedoch vorkommen, daß die Geburt sich verzögert [Beobachtungen von 
Macdonald und Litschkus^)] und die Wehen nur in sehr geringem Grade 
schmerzhaft empfunden werden. 

Bezüghch der Frage, ob eine Rückenmarkserkrankung, welche während 
einer Schwangerschaft sich entwickelt, in ätiologischer Beziehung zu dieser steht, 
ist ein gewisser Skeptizismus sehr gerechtfertigt. Man hat früher Öfters die 
Schwangerschaft als Ursache von Spinalerkrankungen in Fällen angenommen, 
in welchen andere ätiologische Momente im Spiele waren oder überhaupt kein 
Spinalleiden vorlag. Windscheid äußerte sich dahin, daß mit der zunehmenden 
Kenntnis der Ätiologie mancher Rückenmarkserkrankungen die sogenannten 
spinalen Schwangerschaftslähmungen mehr und mehr verschwinden werden. 
Wenn wir die zur Zeit vorUegenden Beobachtungen prüfen, so ergibt sich jedoch, 
daß ein ätiologischer Zusammenhang zwischen Spinalerkrankung und Gravidität 
nicht in allen in Betracht kommenden Fällen auszuschließen ist. Es sind hier 
zwei Reihen von Beobachtungen zu berücksichtigen: La der ersten Reihe handelt 
es sich um myelitische Prozesse, die während der Gravidität sich entwickelten, 
nach derselben sich besserten, bei folgenden Schwangerschaften exazerbierten. 
Größere Beweiskraft kommt jedoch den viel selteneren Fällen von rezidivierender 
SchwangerschaftsmyeUtis zu. Ein sehr beachtenswerter Fall dieser Art kam in 
v. Hoeßlins Beobachtung: 

„Ganz merkwürdig war mein eigener Fall. Eine Kranke kam mit ausgesprochen mye- 
litischen Erscheinungen zu mir. die in der letzten Zeit der Gravidit&t eingesetzt hatten und 
sich nach dem Wochenbett noch steigerten. Die Kranke wurde geheilt entlassen. Nach einiger 
Zeit kam die Kranke wieder zu mir in die Anstalt mit einer spastischen Parese der unteren 
Extremit&t«n, Blasenstörung und Sensibilitätsstörungen von ausgesprochen eegmentalem Typna. 
Das Kranlüieitsbild war im großen und ganzen das gleiche wie früher, die Frau war im vierten 



*) Zitiert bei Müller: Krankheiten des weiblichen Kürpers in ihren Wechselbeziehungen 
zu den Geschlechtsfunktionen. S. 37. 






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38 Die nervösen und psyclÜBchen Störungen der Schwangenchaft. 

Monat der Gravidit&t, und seit zwei Monaten hatten sich die Symptome hh zur jetzigen Höhe 
entviokelt. Da der Zustand eich noch andauernd versohlimmerte und die Krankheit, wie auH 
der Mitbeteiligung der Beapirationsmuskulatur geechlosBen werden konnte, einen auegeeprochen 
aszendierenden und somit akut bedrohlichen Charakter hatte, entschloeeen wir uns — Geheimrat 
von Ziemssen war damals noch am Leben — zur Einleitung des künstlichen Aborts, die Herr 
Professor Gustav Klein durchführte. Nach dem Abort trat im Verlaufe einiger Monate wieder 
völlige Genesung ein. Die Kranke kam ein drittes Mal, diesmal nicht gravid; sie wurde wieder 
geheilt entlassen. Ein weiteres Mal kam sie wieder im vierten Monat der Gravidität und, da 
auch diesmal wieder ein deutliches Aszendieren des Krankheiteprozesses — wir konnten von 
einer Woche zur anderen das Ergriffenwerden höherer Doisalsegmente durch die Sensibilitäts- 
bestimmimg nachweisrai — konstatiert wurde, mußten wir uns wieder zur Einleitung des Aborts 
entschlieSen. Wieder rasche Genesung. Nun kam die Frau ein fünftes Mal mit spastischer Fara- 
plegie der unteren Extremitäten imd Sensibilit&tsstdrungen, die bis ins erste DorsiÜB^ment 
hinaufreichten. Ich konstatierte eine faustgroße Geschwulst, die links vom Uterus und sehr 
hart war. Ich empfahl der Kranken, eiaea Gynäkologen aufzusuchen; erst einige Monate später 
entschloß sie sich zu einer Operation, die Herr Dr. Si mon in Nttmbeig ausführte; er entfomte 
ein khidskopfgroBee Fibrom des Imken Ovariimis und ein kleines des rechten. Der Zustand 
der Myelitis blieb unbeeinflußt durch die Operation ; die Kranke war >/< Ja^ später auch wiedw 
für längere Zelt in meiner Anstalt, aber ohne Erfolg. Ungefähr Vt J<^ später berichtete sie 
mir über ihre völlige Wiederherstellung. Seitdem ist eine neue Erkrankung nicht eingetreten." 

Der Autor glaubt, daß die Markerkrankung in dem geschilderten Falle auf 
eine Autointoxikation zurückzuführen ist, wie sie auch anderen während der 
Schwangerschaft auftretenden Nervenleiden zugrunde liegt. Ein sehr seltenes 
Vorkommnis bei Schwangeren sind die Spinalapoplexien, die unter denselben 
Verhältnissen aufzutreten scheinen, wie Gehirnblutungen (in Verbindung mit 
Eklampsie bei Urämischen). Was die Beziehungen der multiplen Sklerose zur 
Schwangerschaft betrifft, so kann diese Erkrankung während der Gravidität 
bedeutende Verschlimmerung erfahren. Es sind aber auch Fälle beobachtet 
worden, in welchen die ersten Erscheinungen des Leidens während der Schwanger- 
schaft auftraten. Ob hier ein ätiologischer Zusammenhang mit der Gravidität 
vorlag, bleibt vorerst zweifelhaft. 

Die wählend der Schwangerschaft einsetzende Neuritis ist in einem Teile 
der Fälle zweifellos durch ätiologische Momente bedingt, die auch außerhalb 
der Gravidität diese Erkrankung verursachen (insbesondere Alkoholismus und 
Infektionskrankheiten). Dane"ben finden sich jedoch nicht selten Fälle, in denen 
der Schwangerschaft selbst eine ätiologische Bedeutung zuerkannt werden muß, 
so daß man von einer speziellen Neuritis gravidarum sprechen kann. Besonders 
bemerkenswert ist hier der Umstand, daß die Schwangerschaftsneuritis öfters 
in Verbindung mit Hyperemesis gravidarum auftritt und mehrfach auch in Fällen 
beboachtet wurde, in welchen eine abgestorbene Frucht längere Zeit im Uterus 
zurückgehalten war. Die Annahme einer Toxinwirkung liegt in diesen Fällen 
gewiß nahe. Bei der Kombination von Hyperemesis mit Neuritis sind zwei Mög-' 
Üchkeiten in Betracht zu ziehen. Besteht das Erbrechen längere Zeit vor dem 
Auftreten der Neuritis, so kann die durch die Inanition bedingte schwere Störung 
der Allgemeinemährung die Ursache der Neuritis bilden (dyskrasische oder 
kachektische Neuritis). Es sind aber auch Fälle beobachtet worden, in welchen 
Hyperemesis und Neuritis (Polyneuritis) fast gleichzeitig auftraten oder die Neuritis 
nach kurzer Dauer des Erbrechens einsetzte, so daß man, wie v. Hoeßlin mit 
Recht bemerkt, an die Möglichkeit einer Verursachung beider Affektionen durch 
das gleiche toxische Agens denken kann ^). 

Die Symptomatologie der Neuritis gravidarum zeigt je nach der Ausbreitung 
und Intensität des Prozesses alle die Schwankungen, die bei Neuritis überhaupt 

*) Diese Auffassung wird auch von Saenger vertreten. 



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Die nervösen luid psychischen Stöningen.der Schwangerschaft. 39 

beobachtet werden. Fast ebenso häufig wie die Beschränkung des Prozesses auf 
ein einzebies Nervengebiet oder eine Extremität kommt die generelle Polyneuritis 
mit schweren atrophischen Lähmungen der Extremitäten, öfters auch mit Be- 
teiligung der Grehimnerven vor. Letztere Form des Leidens zeigt nicht selten 
einen ausgesprochen aszendierenden Charakter ; bei demselben kann auch Lähmung 
der Blase und des Mastdarms eintreten, was diagnostische Schwierigkeiten herbei- 
führen mag. Die in der Literatur gewöhnhch als Korsakowscher Bymptomen- 
komplex bezeichneten, in der Tat von G. Fischer ^) und mir *) zuerst beschrie- 
benen psychischen Störungen, unter denen die Gedächtnisschwäche eine besonders 
hervorragende Kolle spielt, bilden eine häufige Komplikation der Schwanger- 
schaf ts-Polyneuritis. 

Der Verlauf der Neuritis gravidarum gestaltet sich nicht verschieden von 
dem anderer toxischer Neuritiden. Bei Lokahsation des Prozesses ist Heilung 
das (Gewöhnliche. Bei den schweren polyneuritischen Formen zeigt sieh nach 
der Entbindung nicht immer sofort ein Bückgang der Symptome. Die Heiliuig 
erfolgt hier mitunter erst im Verlaufe von mehreren Jahren. Nicht selten kommt 
es jedoch hier wie bei anderen Formen der Neuritis auch zum letalen Ausgange. 

Ln Anschlüsse sei hier erwähnt, daß sich im Verlaufe der Schwangerschaft 
auch selbständige Muskelerkrankungen entwickeln können; zumeist handelt es 
sich um die die Osteomalazie häufig komphzierende Dystrophia musculorum. 
Ungleich seltener begegnet man der Polymyositis. Wie mit dieser verhält es sich 
mit der M3^sthenia gravis, einem Leiden, dessen anatomische Grundlage noch 
nicht genügend aufgeklärt ist. Li vereinzelten Fällen ist das Auftreten dieser 
Affektion während der Schwangerschaft, deren Bückgang nach der Entbindung 
und deren Exazerbationen bei Wiederkehr der Gravidität beobachtet worden. 

Die psychischen Stdrungen der Schwangerschaft 

Unter den während der Schwangerschaft auftretenden psychischen Stö- 
rungen sind die krankhaften Gelüste (Picae) allbekannt. Dieselben richten sich 
zum großen Teile auf iinverdauhche Stoffe, wie Kreide, Siegellack, Kaffeebohnen 
usw. Es handelt sich hier um Erscheinungen, die dem Gebiete des psychischen 
Zwanges angehören und nicht mit AnomaUen der Geschmacksempfindung, wie 
man vielfach annimmt, zusammenhängen. Dieselben finden sich wahrscheinlich 
nur bei hereditär psychopathisch belasteten Lidividuen ^sbesondere Hyste- 
rischen). Die Schwangerschaft kann jedoch auch das Auftreten weniger harm- 
loser Zwangstriebe begünstigen, von denen wir hier zunächst nur die Kleptomanie 
erwähnen wollen '). Häufig begegnet man bei Schwangeren, namentUch Erst- 
geschwängerten, Zuständen leichter gemütlicher Depression, und Mongeri ist 
sogar geneigt, diese als eine regelmäßige Begleiterscheinung der Gravidität zu 
erachten. Diese Auffassung ist entschieden irrtümlich. Wir begegnen gemüt- 
licher Depression insbesondere in den Fällen, in welchen die Konzeption für die 
Frau ein unerwünschtes Ereignis oder geradezu ein Unglück bedeutet (so ins- 
besondere bei außerehelicher Schwängerung, nach Vorbergang schwerer Geburten 
oder Erkrankungen u. dgl.), so daß es zumeist an einer gewissen Motivierung 

1) Fiicfaer: Archiv f. Psychiatrie. Bd. 13. I. Heft. 1882. 

<) Loewenfeld: Ibidem. Bd. 16. Heft 2. 

') Bei den von unbeBchoItenen Schwangeren ausgeführten DiebBtählen handelt ea sich 
jedoch nicht immer um Zwangatriebe. Von FiBcher wurde (AUg. Zeitachr. f. Psychiatrie. Bd. 61. 
Heft 5) der Fall einer schwangeren Frau mitgeteilt, welche in einem hysterischen Dämmer- 
zustande währcoid eines QeechiitegajigeB eine Anzahl von Diebstählen ausführte. 



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40 Die nervösen und psychiacfaen Störungen der Schwangerschaft. 

der Veistimmniig niofat fehlt. Auf der anderen Seite kann aber auch die Schwanger- 
schaft, namentlich wenn sie nach längerer vergebhcher Erwartung von Kinder- 
segen sich einstellt, eine Quelle freudiger Erregung bilden. 

Die eigentlichen Schwangerschaftspsychosen sind keine sehr häufigen Vor- 
kommnisse; die an solchen erkrankten Frauen bilden nur 3% von den Patientinnen 
der Irrenanstalten. Die erste, resp. die ersten Schwangerschaften geben am 
häufigsten den Anstoß zu diesen Erkrankungen, und das Auftreten derselben 
fällt überwiegend in die zweite Hälfte der Schwangerschaft. In klinischer Hin- 
sicht zeigen die einzelnen Fälle eine sehr verschiedene Gestaltung. Die Schwanger- 
schaftspsychosen bilden keine einheitliche, selbständige Gruppe geistiger Stö- 
rungen, wie dies noch in neuerer Zeit von Mongeri angenommen wurde. Am 
häufigsten treten sie in der Form der MelanchoHe auf (nach Fürstner in SO^/q, 
nach Bipping in 84,4"/o der Fälle); an zweiter Stelle rangiert die Manie. 

Auf die melancboUsche wie die manische Stimmungsveränderung kann eine 
Beaktion, ein Umschlag in das Gegenteil erfolgen, und zwar nach Anton auch 
bei Nichtdegenerierten. An Stelle der schmerzlichen, angstvollen Gemütslage 
tritt heitere, euphorische Stimmung, an Stelle der Denk- und Tätigkeitshemmung 
Redseligkeit und Geschäftigkeit. Besonders prononciert ist dieser Umschlag in 
den Fällen von manisch depressivem Irresein. 

Nach Kräpelin scheint die Schwangerschaft auch nicht selten zur Ent- 
wicklung der Dementia praecox den Anstoß zu geben. Im Zusammenhang mit 
melancholischen Zuständen kann es zum Auftreten suizidaler und krimineller 
Impulse (Mord, Brandstiftung) kommen, die mitunter auch zti den betreffenden 
Handlungen fähren. 

Bei mit Epilepsie behafteten Frauen kommt es zuweilen im Verlaufe der 
Schwangerschaft zur Entwicklung einer Psychose, ebenso im Anschluß an 
eklamptische Anfälle. Die eklamptische Psychose tritt meist in Form der halluzi- 
natorischen Verwirrtheit mit angstvoller oder depressiver Erregung auf und 
nimmt gewöhnlich, wenn nicht schwere körperliche Komplikationen vorUegen, 
alsbald einen günstigen Ausgang (Anton), wobei jedoch längere Zeit eine retrograde 
Amnesie bleiben mag, die sich weit über die Krankheitsperiode, selbst über die 
ganze Gravidität erstreckt. Halluzinatorische Verwirrtheit kann aber auch unab- 
hängig von Eklampsie in der Schwangerschaft sich entwickeln. 

Die Pathogenese der in Frage stehenden psychischen Erkrankungen ist noch 
wenig geklärt. Mongeri wollte die Geisteskrankheiten der Schwangeren auf 
Intoxikationsvoi^änge, verursacht durch Störungen der Leberfunktion, zurück- 
führen und deshalb in die Gruppe der von ihm nach Klippel als „Fohe h6patique" 
bezeichneten Fälle einreihen. 

Auch von Auton (1. c. S. 13) wurde Leberveranderungen große ätiologische 
Bedeutung für die nervigen und psychischen Erkrankungen der Schwangerschaft 
beigelegt. „In der Gravidität", bemerkt er, ,4st wahrscheinhch eine mehrfache 
Abänderung des ganzen Stoffwechsels gegeben, einesteils durch die veränderte 
innere Drüsensekretion sowohl vom Ovarium als auch von der Schilddrüse. 
Außerdem aber wirken die Bestandteile und Produkte der Plazenta selbst reizend 
auf den mütterhchen Oiganismus, vielleicht unmittelbar, sicher auch durch eine 
vielfach variierende Erkrankung der Leber, welche Erkrankung für das gesamte 
Nervenleben des Individuums von einschneidender Bedeutung ist.'* 

Daß es sich in einem Teile der in Betracht kommenden Fälle um Auto- 
intoxikationsvorgänge handeln mag, ist nicht in Abrede zu stellen. In einem 
anderen Teile handelt es sich um schwere psychische Traumen, so namentlich 






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Die nervösen und psychischen Störungen der Sohwangersofaaft 41 

bei außerehelich Greschvängerten, die aaf dem Boden ererbter oder erworbener 
neuropsychopathischer Disposition ihre Wirkung entfalten. Letzterer -wird auch 
in den Fällen von Autointoxikation eine ent^hiedene Bedeutung zugeschrieben 
werden müssen ^). 



Anhang. 

4 

Über den Einflnft der Schwanfferschaft auf Neurosen nnd Psychosen. 

Es ist nicht selten, daß nervöse Frauen während der Schwangerschaft eine 
Besserung ihres Befindens erfahren und von Beschwerden verschont bleiben, 
von welchen sie in der extragraviden Zeit heimgesucht wurden. Diese Erfahrung 
hat dazu geführt, daß manche Ärzte in der Schwangerschaft eine Art Heilmittel 
für gewisse neurotische Affektionen erblicken. Es ist nicht immer klarzustellen, 
wodurch der günstige Einfluß der Schwangerschaft zustande kommt. Die un- 
behinderte Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse, die Ablenkung der Gredanken 
in eine neue Richtung, mitunter auch die Freude über den bevorstehenden FamiUen- 
zuwachs, vielleicht auch die Änderung in den Stoffwecfaselverhältnissen mögen 
hier eine Bolle spielen. Unglmch häufiger äußert jedoch die Gravidität keine 
ausgesprochene oder eine ungünstige Einwirkung auf bestehende Neurosen. 
Schwerere nervöse Erschöpfungszustände, namentUch solche, die mit schlechter 
Allgemeinemährung einhergehen, werden durch die Schwangerschaft gewöhnlich 
verschlimmert, und rasch aufeinanderfolgende Schwangerschaften können Frauen 
mit derartigen Affektionen in einen beklagenswerten Zustand versetzen. 

Die Erfahrungen über den Einfluß der Gravidität auf die Hysterie sind 
anscheinend sehr widersprechend; man wird dies jedoch begreifUch finden, wenn 
man berücksichtigt, wie verschiedenartig die Einwirkung der Gravidität auf die 
Psyche der Frauen an sich sich gestaltet und wie sehr die durch die Lebensver- 
hältnisse und die Umgebung bedingte psychische Atmosphäre variiert, in welcher 
die Schwangere lebt und wirkt. In dem einen Falle bildet die Gravidität für die 
Frau eine Quelle angenehmer gemüthcher Erregungen und wird dieselbe von 
der Umgebung, insbesondere dem Gatten, in hebevollster, schonendster Weise 
behandelt. Im anderen Falle bildet die Schwangerschaft den Gegenstand schwerer 
Sorgen oder geradezu ein Unglück und ist die Gravide roher Behandlung seitens 
des Mannes oder des Gehebten ausgesetzt. Es ist wohl verständlich, daß in ersterem 
Falle die Gravidität zum Schwinden gewi^er hysterischer Zufälle führen mag, 
während sie in letzterem Falle vorhandene Beschwerden steigert und das Auf- 
treten neuer hysterischer Erscheinungen bedingt. Indes können auch bei zweifellos 
günstigen äußeren Verhältnissen und in Fällen, in welchen die Schwangerschaft 
an sich keine peinhchen gemüthchen Erlegungen verursacht, zufälhg einwirkende 
Umstände zur Steigerung vorhandener hysterischer Beschwerden oder zum Auf- 
treten neuer hysterischer Symptome führen, die sich kürzere oder längere Zeit 
erhalten und von größerer oder geringerer Tragweite sein mögen. Insbesondere 
begünstigt die Gravidität das Auftreten einzelner hysterischer Zufälle; als solche 
haben wir bereits das unstillbare Erbrechen nnd gewisse Formen der Chorea 
kennen gelernt. Dazu gesellen sich Lähmungen, die mitunter durch plötzUches 

^) über die Frognoee dra Sohwangerschaftopeychoeen siehe an spftterer Stdlle (Fn^nose 
der GenerationB|)eyohoBen). 



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42 Die nervösen und psyclusolien Störungen der Schwangenohaft 

Auftreten und rasches Verschwinden schon ihren hysterischen Charakter kund- 
geben. 

Baß es bei Personen mit hysterischer Konstitution während der Schwanger- 
schaft zur erstmaligen Entwicklung ausgesprochener hysterischer Symptome 
kommen kann^ ist nach dem Angeführten wohl verstuidlich. Man darf jedoch 
in diesen Fällen die Gravidität an sich, wenn auch der mit derselben einhergehenden 
nervösen Erregbarkeit eine gewisse Bedeutung nicht abzusprechen ist, nicht 
als agent provocateur der Hysterie betrachten. Gewöhnhch sind hier psychische 
Traumen im Spiele, die bei derselben Konstitution auch außerhalb der Schwanger- 
schaft nicht ohne pathog^ie Wirkung bleiben würden. 

Was den Einfluß der Gravidität auf die Epilepsie anbelangt, so ist derselbe 
ebenfalls sehr verschieden und dabei einer Erklärung kaum zugänglich. Während 
in einem Teile der Fälle Abnahme der Attacken an Zahl und Intensität, selbst 
ein völhges Zessieren derselben beobachtet wird, zeigt sich in anderen Fällen 
eine mehr oder weniger erhebhebe Verschhnmierung des Leidens. Je nach den 
persönlichen Erfahrungen der Autoren schwanken daher auch die Ansichten der- 
selben über den Einfluß der Schwangerschaft. So berichtet Pinard *), daß unter 
11 epileptischen Frauen bei vier die Anfälle während der Schwangerschaft aus- 
bUeben, bei fünf sich verringerten und bei zwei keine Änderung erfuhren. F6r6*) 
beobachtete eine seit ihrem 15. Lebensjahre an Epilepsie leidende Frau, welche 
im Alter von 23 Jahran heiratete und von ihrer ersten Schwangerechaft anfangend 
bis zu ihrer dritten Entbindung fünf Jahre später von Anfällen verschont bheb. 
Guder*) andererseits, welcher die Erfahrungen der Binswangerschen Klinik 
zusammenstellte, fand, daß die Epilepsie in den meisten Fällen durch die Gravidität 
eine Verschhmmerung erfuhr. Es kommt auch vor, daß während der Schwanger- 
schaft epileptische Anfälle zum ersten Male auftreten, die nach der Entbindung 
zessieren oder fortbestehen können *). Man darf in derartigen Fällen jedoch die 
Gravidität keineswegs als die einzige oder auch nur die Hauptursache der Er- 
krankung betrachten. Bei einer Bauemtochter, die vor Jahren sich in meiner 
Beobachtung befand, kam es während einer außerehelichen Schwangerschaft 
zum erstmaligen Auftreten epileptischer Anfälle, die nach der Entbindung nicht 
schwanden und namenthch zur Zeit der Menses gehäuft sich einstellten. Zu den 
Anfällen gesellten sich im Laufe der Zeit Erscheinungen, welche auf das Bestehen 
eines Hirntumors hinwiesen. In einem weiteren Falle meiner Beobachtung kam 
es ebenfalls bei einer Primipara während der Gravidität zum Ausbruch einer 
Epilepsie, die in der Folge mit schwankendem Verlaufe sich erhielt, ohne daß 
jedoch weitere zerebrale Symptome hinzutraten. Nach den vorhegenden Er- 
fahrungen kann es auch während der Gravidität zum Bezidivieren einer an- 
scheinend geheilten Epilepsie kommen. 

Bezüghch des Einflusses der Gravidität auf bestehende Psychosen sind die 
Ansichten geteilt. Marcö, Bipping und Bittmar äußern sich dahin, daß eine 
im Verlauf einer Psychose eintretende Schwangerschaft deren Prognose äußerst 
ungünstig gestaltet. Gegen diese Auffassung wurde von Erlen mey er unter 



') Art. Giosseese, Dict. encycl. des scioices medicalefl. 

*) Färö: LeB 6paep6ie6 et Ina ^pileptiques 1S90. S. 285. 

*) Guder, siehe Binswanger, Artikel Epilepsie in der Eulenburgschen Kealenzy- 
klop&die. 

*) Anton beobachtete einen Fall, in welchem c^leptische Kr&mpfe zum ersten Male 
während der Schwangerschaft sich einstdlten und duich Unterbiechnng derselben dauernd 
beseitigt wurden. 






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Die nervösen und psychischen Störungen der Schwangertichaft. 43 

Hinweis auf günstige eigene Erfahrungen Einspruch erhoben, denen jedoch die 
sehr abweichenden Beobachtungen Perettis gegenüberstehen. Dieser Autor 
fand, daß in 15 Fällen psychischer Erkrankung, während deren Verlauf es zu 
einer neuen Schwangerschaft kam, nur bei zwei Genesung eintrat; in den übrigen 
Fällen äußerte die Gravidität einen verschUmmemden Einfluß auf die Psychose, 
und bheb diese ungeheilt. Mongeri äußerte sich dahin, daß die Schwangerschaft 
auf akzidentelle Geisteskrankheiten einen günstigen, bei erbHch schwer Belasteten 
dagegen einen verschUmmemden Einfluß ausübt und den Übei^ang in chronische 
Formen fördert. Letztere Ansicht dürfte nicht ganz der Begründung entbehren. 
Es kann nicht als wahrscheinhch erachtet werden, daß an und für sich heilbare 
und noch nicht lange bestehende psychische Störungen durch den Hinzutritt 
einer Gravidität allein den Charakter der Unheilbarkeit annehmen. 



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V. 



Die mit dem Gebnrtsakte znaammenhängenden nervösen 

nnd psychischen Störungen. 



Wenn mau die Art der Voi^änge berücksichtigt, welche während des Geburts- 
verlaufes im weiblichen Oi^anismus sich abspielen, kann es nicht befremden, 
daß der Geburtsakt mitunter unmittelbar nervöse oder psychische Störungen 
herbeiführt. Die hochgradige Steigerung des Blutdrucks und die Schmerzen, 
welche die Wehen tätigkeit verursacht, sowie die psychische Erregung, in welcher 
sich die Kreißende befindet, der Blutverlust und die bei zarteren Naturen sich 
hinzugesellende Erachöpfung sind Momente, welche das psychische Verhalten 
mehr oder weniger zu alterieren vermögen. Dazu kommen örtliche schädigende 
Einwirkungen auf die Beckennerven bei protrahiertem Geburtsverlauf infolge 
von Wehenschwäche, abnormer Kindeslage und Beckenverengerung, sowie bei 
operativen Eingriffen, speziell der Anwendung der Zange, Der Geburtsakt kann 
zu dem Auftreten von Gehirnblutungen führen, doch ist es zweifelhaft, ob die durch 
die Wehen bedingte Blutdrucksteigerung ohne gleichzeitiges Bestehen von Gefäß- 
verändeningen genügt, dieses Ereignis herbeizuführen. Bei älteren Gebärenden 
treten derartige Hämorrhagien jedenfalls leichter ein, und exzessives Toben und 
Schreien mag hierbei, wie eine Beobachtung Quinckes zeigt, eine gewisse Bolle 
spielen. Die intra partum entstehenden Blutergüsse sind zumeist beträchtlich 
und deren Prognose daher auch vorwaltend ungünstig. 

Konvulsionen sind während der Entbindung keine Seltenheit. Soweit es 
sich hierbei nicht um eklamptische oder epileptische Anfälle handelt, dürften 
die Krämpfe, wie auch Windscheid annahm, psychogenen Ursprungs, d. h. 
als hysterisch aufzufassen sein. Die durch den Druck des austretenden Kinds- 
kopfes oder die Zange auf die Beckennerven ausgeübte Kompression führt viel- 
fach zu tiefergebenden Schädigungen und daher auch längerdauemden lokalen 
nervösen Symptomen. Daneben mangelt es aber auch nicht an Fällen, in welchen 
der Durchbruch des Kopfes lediglich zu transitorischen sensiblen oder motorischen 
Störungen führt: Parästhesien (Gefühlen von Taubsein, Kribbeln) oder neuralgi- 
fonuen Beschwerden im Bereiche des Nervus ischiadicus und der Nervi coccygei 
(Coccygodynie), Zuckungen im Gebiete des Nervus obturatorius, insbesondere 
der Adduktoren, passagere Lähmungen im l^^hiadikusgebiete. 

Wichtiger sind die während der Gebm*t und im unmittelbaren Anschluß 
an diese auftretenden psychischen Störungen, zumal sie nicht selten forensische 
Bedeutung erlangen. Anton bemerkt hierüber folgendes: „So ist zunächst wohl 
bekannt, daß krankhaft gesteigerte Affekte sich häufig ereignen und weiterhin. 






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Die mit dem Oeburt«akto zusammoihtogenden nervSeen und psychischen Störungen. 45 

daß der Bewußtseinszustand sehr häufig ein getrübter, traumartig veränderter 
ist. Schon Marcä schildert plastisch die krankhaft veränderte Affektlage der 
Gebärenden. Die Kranken sind verzweifelt und zornig erregt, verkennen die 
Intentionen des Arztes, zeigen Haß und Abneigung gegen den Gatten, besonders 
gegen das Kind. Die Entäußerungen zeigen sich mitunter in sinnlosen Hand- 
lungen. Sie suchen die Nachgeburt herauszureißen, sind gewalttätig gegen das 
Kind, schlagen um sich." Auch bei rüstigen Frauen ist nach Anton die Erinnerung 
an die Voi^änge der Geburt oft nur eine summarische, mitunter auf nebensächhche 
Erlebnisse beschränkt. Bei Hysterischen kann der ganze Geburtsakt in einem 
Zustande verlaufen, für welchen nachträghch völlige Amnesie besteht. Auch 
längerdauemde Bewußtseinsabsenzen kommen vor, und zwar bei Frauen, welche 
früher weder an Epilepsie noch an Hysterie litten. Besonders bemerkenswert 
ist die Neigung zu impulsiven Gewaltakten, die gegen das Kind gerichtet sind 
und auch bei Ehefrauen nicht mangeln (Hinauswerfen, Strangulieren des Kindes 
usw.). Seltener sind Selbstmordversuche. Auch länger dauernde, über Tage 
und Wochen sich erstreckende Psychosen können sich an die Geburt anschließen 
(Zustände von traumartiger Bewußtseinstrübung mit Halluzinationen und moto- 
rischer Erregung). 

Auch nach dem Zurücktreten der ausgesprochen psychotischen Symptome 
erscheint, wie Anton bemerkt, „häufig die klare Überlegung noch länger beein- 
trächtigt und die ganze Auffassung der Lebenslage krankhaft verändert" ^). 

^) E. Meyer (Die PuerperaIpBychoeen. Archiv f. Psychiatrie u. Nervenkiankh. 48. Bd. 
2. H^t. 19U) weist durauf hin, daß sehr gzoße Scfamerzhaftigkeit der Weh»i für das Auftreten 
psychischer Störungen w&hr«id der Entbindung von Bedeutung zu sein scheint. 






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VI. 



Die nervösen und psychischen Stömngen im Wochenbett 

und in der Sängeperiode. 



Die Unterscheidung der beiden im Titel genannten Generationsphasen ist 
rein konventionell, da für das Wochenbett gewöhnlich eine Frist von 6 Wochen 
angenommen wird, während welcher Zeit auch die Säuge tätigkeit, wo eine solche 
überhaupt statthat, im Gange ist. 

Nervöse und psychische Erkrankungen^ treten im Wochenbett häufiger auf 
als während der Gravidität und der Stillperiode. Dies erklärt sich aus den gewal- 
tigen Veränderungen, welche der mütterliche Organismus durch den Geburtsakt 
erfährt, und die dadurch bedingte Krankheitsdisposition. 

Die Ausstoßung des Kindes führt zu einem Umschwünge in den Zirkulations- 
und Stoffwechselvorgängen der Frau, zu welchem sich die Folgen der mit dem 
Gebärakte verknüpften nervösen und psychischen Erregungen und des oft sehr 
erheblichen Blutverlustes gesellen, um einen Erschöpfungszustand hervorzurufen. 
Die Thrombenbildungen im Bereiche der Genitalorgane können zum Eindringen 
von EmboUe in die Blutbahn und damit dere* Einschleppung in die Zentralorgane 
führen. Das Eindringen von Infektionskeimen verschiedener Art wird durch 
den Zustand des Sexualapparats wesentlich erleichtert. Dazu kommt in vielen 
Fällen ererbte oder erworbene neuropsychopathische Veranlagung, die begreif- 
licherweise einen günstigen Boden speziell für die Entwicklung psychischer Stö- 
rungen (Puerperalpsychosen) bilden mag. Ziehen wir zunächst die Erkrankung 
des peripheren Nervensystems in Betracht, so handelt es sich vorwaltend um 
neuritische Prozesse, deren Ätiologie in den einzelnen Fällen jedoch sehr ver- 
schiedener Natur ist. v. Hoeßlin'), dem sich Anton anschUeßt, unterschied 
vier Formen neuritischer Lähmungen: 

1. die tmumatische Neuritis puerperalis, die traumatische Geburtslähmung; 

2. die Neuritis puerperalis per contiguitatem (durch Fortleitung der Ent- 
zündung) ; 

3. die Neuritis puerperaUs postinfect^osa; 

4. die toxische Neuritis gravidarum et puerperarum. 

Die traumatische Geburtelähmung kommt nicht lediglich bei schweren Ge- 
burten mit oder ohne Kunsthilfe zustande. Unter 80 Fällen, welche v. Hoeßlin 
sammelte, war 66 mal Kunsthilfe, und zwar 61 mal die Zange nötig. In den übrigen 
14 Fällen bandelte es sich um normale oder präzipitierte Geburt und Gesichts- 

>^ V. Hoeßlin: Münch. med. Wochenschr. 1905. S. 637. 



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Die norrösen und psychischen Störungen im Wochenbett und in der S&ugeperiodc. 47 

lagen. Häufig waren Beckendifformitäten vorhanden. Die Lähmung entsteht 
häufiger durch den Druck des zu lange in dem kleinen Becken verweilenden Kopfes 
auf die Nerven als durch die Einwirkung eines Zangenlöffels. 

Die neuritischen Symptome, Schmerzen, setzen schon während oder unmittel- 
bar nach der Geburt ein. Die Erkrankung betrifft weit vorwaltend Nerven einer 
Extremität und auch hier gewöhnlich nur einzelne Nervenstämme. Die anato- 
mischen Verhältnisse machen es, wie v. Hoeßlin gezeigt hat, erklärlich, daß 
am häufigsten der Truncus lumbo-saeralis ^) und dei: Nervus obturatorius affiziert 
werden. Es kann zu vollständiger atrophischer Lähmung im Gebiete des Nervus 
obturatorius und des Nervus ischiadicus kommen (das letztere ist das häufigere), 
während die Schädigung des Nervus cruraha zumeist nur zu neuralgischen Affek- 
tionen führt. In vereinzelten Fällen wurde im Anschlüsse an operative Eingriffe 
auch Lähmung beider Beine beobachtet. 

Die Prognose der traumatischen Neuritis hängt von der Intensität und Aus- 
breitung der Lähmungserscheinungen ab. In schweren Fällen bleibt mitunter 
im Peroneusgebiete dauernde Lähmung. 

Die zweite oben angeführte Form puerperaler Neuritis entsteht dadurch, 
daß entzündliche Prozesse im Becken, vor allem parametritische Exsudate durch 
Druck oder durch direkte Fortleitung der Entzündung die Erkrankung benach- 
barter Nervenstämme herbeiführen; der Plexus ischiadicus wird am häufigsten 
ergriffen. Die Pathogenese dieser Neuritisform bedingt es, daß sie sich allmählich 
entwickelt und auch meist nicht zu schweren Lähmungen und Gefühlsstörungen 
führt. 

Die dritte (postinfektiöse) Form puerperaler Neuritis tritt vorwaltend im 
Gefolge leichter puerperaler Infektionen auf und zeichnet sich durch das Vor- 
herrschen einer bestimmten Lokahsation aus, die sie von den beiden vorher- 
genaimten Neuritisformen unterscheidet. Moe bius hat zuerst darauf hingewiesen, 
daß diese Neuritis die oberen Extremitäten und an diesen speziell die Endäste 
des Nervus medianus oder ulnaris oder beider Nerven bevorzugt, und er glaubte 
diesen Lokalisations typus als für die Neuritis puerperalis charakteristisch hin- 
stellen zu dürfen. Die Affektion kann jedoch, wie Anton erwähnt, auch andere 
Nerven (Nervus axillaris und musculocutaneus, femer den facialis und insbesondere 
den Sehnerven) ergreifen. Im Wochenbett sind aber auch Fälle infektiöser Poly- 
neuritis mit Beteiligung bulbärer Nerven beobachtet worden. 

Die auf Autointoxikation zurückzuführende 4. Gruppe von Neuritisfällen 
unterscheidet sich in keiner Weise von den während der Schwangerschaft auf- 
tretenden, auf gleicher Ursache beruhenden Formen. Unter 92 hierher gehörenden 
Fällen, welche v. Hoeßlin zusammenstellte, begann das Leiden bei 36 vor, 
bei 66 nach der Geburt, die volle Entwicklung ersterer Fälle fand jedoch öfters 
erst nach der Geburt statt. Bezüglich der Symptomatologie dieser Neuritigfälle 
kann auf das bei Besprechung der Schwangerschaftsneuritiden Bemerkte ver- 
wiesen werden. 

Wie während der Schwangerschaft und der Geburt können auch während 
des Wochenbettes Gehirnblutungen und Embohen von Gehimgefäßen entstehen, 
deren Symptome und Verlauf sich nicht von den in den ersterwähnten Generations- 
phasen auftretenden unterscheiden. BezügUch der Embolien ist zu bemerken, 
daß sie, wie aus dem an früherer Stelle Bemerkten schon hervorgeht, ihre Quelle 

^) Der Truncus lumbo-sacralis enthält zum großen Teile die Faaem dea Nervus peroneus 
und einen Teil der Fasern des Nervus tibiatis. 



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48 Die nervösen und psychischen Störungen im Wochenbett und in der Säugeperiode. 

nicht lediglich in endokardi tischen Prozessen, sondern auch in Thrombosen von 
Beckenvenen haben können ^). 

Besondere Berücksichtigung erheischen hier noch die durch Thrombosen 
von Gehimgefäßen verursachten puerperalen Lähmungen. Die in Frage stehenden 
Thrombosen werden nach An ton namentlich durch große Blutverluste während 
der Geburt oder allgemeine Schwäche verursacht. Zumeist betreffen sie die Venen 
der Gehimoberfläche und der Hirnhäute, seltener die Sinus. Bei Arterien thrombose 
ist Embolie oder Lues nicht immer auszuschließen. Die Symptome des Prozesses, 
speziell die Lähmungen entwickeln sich gewöhnüch langsam, oft zum Teil nach 
Vorhergang transi torischer Vorboten (Parästhesien, Sprachstörungen usw.). Unter 
24 Fällen fand v. Hoeßlin 2dmal als Hauptsymptome Hemiplegie, die bei rechts- 
seitigem Sitze sich sehr häufig mit Aphasie vergesellschaftete. Begreiflicherweise 
können je nach dem Sitze der Thrombose auch mannigfache andere Gehim- 
symptome auftreten. 

Die Paerperalpsychosen. 

Die im Wochenbett auftretenden Psychosen — die Paerperalpsychosen im 
engeren Sinne *) — haben an den geistigen Erkrankungen der Frau keinen unbe- 
deutenden Anteil. Die Angaben über das Prozentverhältnis dieser Fälle in dem 
Materiale der einzehien In-enanstalten schwanken jedoch zum Teil erheblich: 
Nach Schmidt 8,6%, nach Ripping 11,4%, nach Weebera 6,8%, In der 
Kieler Klinik betrug das Prozentverhältnis nur 2i08 »), während in der Charit^ 
zu Berlin unter 508 geisteskranken Frauen 86 Fälle von Paerperalpsychosen 
verzeichnet wurden *). 

Unter den emzehien Generationsphasen gibt das Wochenbett am häufigsten 
Anstoß zur Entwicklung von Geistesstörungen. Alt berechnete, daß von sämt- 
hchen Generationspsychosen 9 Teile auf die Paerperalpsychosen, 4 Teile auf die 
Laktationspsychosen und 2 Teile auf die Schwangerschaftspsychosen entfallen ■). 

Die neueren Forschungen haben bezüglich der Ätiologie und insbesondere 
der klinischen Gestaltung der Puerperalpsychosen zu Ergebnissen geführt, welche 
zum Teil wesenthche Modifikationen der früheren Anschauungen bedingen mußten. 
E. Meyer hat die in Betracht kommenden ätiologischen Momente in treffender 
Weise zusammengefaßt •). „Im Puerperium", bemerkt er, „kommen neben dem 
Geburtsakt selbst mit seiner großen körperlichen und seehschen Erschütterung, 
der Wiederumgestaltimg des gesamten Stoffwechsels, vor allem Infektion und 
Erschöpfung in Betracht, sei es, daß es sich am begrenzte Entzündungen oder 
um Allgemeininfektionen oder auch um schwere Blutungen oder dergleichen 

*) Durch Verschleppung infektiöser (septischer) Stoffe in das Gehim können in di^era 
auch enzephalitische Herde und Abszesse hervorgerufen werden. 

') Von den Psychiatern wwden häufig sämtliche in den verschiedenen Generationsphasen 
— Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Laktation ~~ entstehenden Geisteskrankheiten 
als Puerperalpsychosen bezeichnet. 

') S. Bunge: Die Qenerationspsychosen des Weibes. Archiv f. Psychiatrie u. Nerven- 
krankh. 48. Bd. 2. Heft. S. 656. 1911. 

*) S. Windscheid: Neuropathologie u. Gynäkologie. S. 82. 
6) S. Anton (1. o. S. 27). 

Auch E. Meyer (I. c.) bemerkt, daß bei den Autoren insofern Übereinstimmung bezüglich 
der Puerperalpsychosen besteht, als sie alle am höchsten die Zahl der Puerperalpsychosen an- 
geben, denen in erheblichem Abstände die Laktationspsychosen und endlich die Graviditäts- 
psychoeen folgen, 

•) E. Meyer (I. c. S. 487). 



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Die nervösen und psychischen Störungen im Wochenbett und in der Säugeperiode. 49 

handelt. Vielfach wirken Infektion und Erschöpfung zusammen, insbesondere 
wo die infektiösen Prozesse sich lange hinziehen, wobei dann auch der toxische 
Charakter derartiger Schädigung mehr zur Geltung kommt." Anton weist noch' 
besonders auf die Neigung zu Thrombosen bildung und Embohen hin, die im 
Puerperium noch mehr als in der Gravidität hervortritt. Hierzu kommt endlich, 
daß im Puerperium sich häufig eine Mastitis einstellt, die wieder eine Infektions- 
krankheit für sich ausmacht, und daß in dem geschwächten Organismus nicht 
selten eine Tuberkulose Wurzel schlägt und schnell sich ausbreitet. Seelische 
Erregungen treten im Puerperium an Bedeutung zurück, damit Hand in Hand 
spielt auch die hereditäre Belastung eine geringere Bolle als in der Gravidität. 

Was die Symptomatologie der Puerperalpsychosen betrifft, so besteht bei 
der großen Mehrzahl der Psychiater zur Zeit Übereinstimmung darüber, daß sie 
keine einheitüche und keine spezifische Krankheitsform bilden. Bezü^hch der 
Frage, ob ihnen nicht trotzdem gewisse Züge eigen sind, gehen jedoch die An- 
sichten auseinander. So schheßt sich Anton zwar der schon von Marc6 ver- 
tretenen Ansicht an, nach welcher den einzelnen Formen der Puerperalpsychosen 
nichts Spezifisches zukommt; er glaubt jedoch, daß die gleichzeitigen Gehim- 
und Nervenkrankheiten den Puerperalpsychosen ein besonderes Gepräge geben 
und daß auch, hiervon abgesehen, wie Scholtz und Hoppe annahmen, den- 
selben gewisse Züge eigentümlich sind, „so das plötzliche Auftreten von Sinnes- 
täuschungen, das rasche Ansteigen von tobsüchtiger Verwirrtheit, die erotomanische 
Färbung der Dehrien, die tiefe psychische und kÖrperHche Erschöpfung, welche 
sich beim Abfall der akuten Erscheinungen so häufig geltend macht". Der Auf- 
fassung Antons tritt jedoch E. Meyer mit Entschiedenheit entgegen. Er weist 
darauf hin, daß die angeführten Erscheinungen nach seinen Erfahrungen sich 
ebenso häufig bei Erkrankungen außerhalb der Generationsphasen finden und 
auf das gleichzeitige Bestehen von Gehirn- und Nervenkrankheiten wegen der 
Seltenheit dieser Komplikation in diagnostischer Hinsicht kein Gewicht gelegt 
werden könne. 

Was die einzelnen unter den Puerperalpsychosen vertretenen Krankheits- 
formen betrifft, so war man früher der Ansicht, daß der Manie und Melanchoüe 
an Häufigkeit die erste Stelle zukommt ^). 

In neuerer Zeit ist die große Mehrzahl der Irrenärzte zu der Anschauung 
gelangt, daß die Dementia praecox unter den im Wochenbett auftretenden Geistes- 
störungen sich am häufigsten findet *). "Über die Krankheitsform, welche der 
genannten Psychose an Frequenz sich zunächst anreiht, gehen jedoch die Er- 
fahrungen und Ansichten der einzelnen Autoren erheblich auseinander. Während 
eine Anzahl von Irrenärzten den -affektiven Psychosen (Manie, Melancholie, manisch 
depressives Irresein) an Häufigkeit die zweite Stelle unter den Puerperalpsychosen 
zusehreibt, kommt diese nach den Erfahrungen anderer Beobachter der als akute 
halluzinatorische Verwirrtheit (Amentia) bezeichneten Geistesstörung zu. Einen 

>) So bemerkte Windscheid, Neuropathologie u. Gyn&kologie S. 86: „Die beiden haupt- 
sächlichsten Formen der Puerperalpsychosen sind die Manie und die Melancholie. Danebeu 
finden sich noch beschrieben: Ventioktheit, Blödsinn, zirkuläres Irresein, halluzinatorische 
Paranoia, hysterische Geistesstörung." 

') Die statistischen Ermittelungen einer Reihe von Autoren liefern hierfür genügende 
Bel^e. Wie E. Meyer erwähnt, gehörten von Asohaffenburgs 76 eigentlichen Puerperal- 
psychosen 26, von Münzers 56 Fällen 28 der Dementia praecox an. E. Meyer fand unter 
42 F&Ilen eigener Beobachtung 14 mal sichre und 2 mal zweifelhafte Dem. pra«c. Auch eine 
von Runge (1. c. S. 560) mitgeteilte statistische Tabelle läßt das Prädominieren der Dem. praec. 
unter den Puerperalpsychosen deutlich erkennen. 

IfOwenfeld, SexuoUeben and Nemnlefden. Seohtt« Aufl. 4 



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so Die neirfisen und psyoluKhea Stfirangen im Wochenbett und in der Slugeperiode. 

eigenartigen Standpunkt vertritt Anton bezüglich dieser Frage. Nadi seinen 
Erfahrungen findet sich letztgenannte Erkrankung weitaus am häufigsten unter 
den Puerperalpsychosen. „Diese repräsentiert sozusagen die Hauptpsyohose des 
Wochenbettes." Anton unterläßt jedoch nicht, hervorzuheben, daß bei einer 
beträchtUchen Anzahl der Fälle halluzin&toriBcber Verwirrtheit sich auch Sym- 
ptome der Katatonie (Dem. praec.) finden. Es handelt sich hierbei um „das 
gleichzeitige Aultreten eigenartiger bizarrer Bewegungen und Haltungen, welche 
scheinbar automatisch vor sich gehen und mit dem jeweihgen Gedankenablaufe 
und Gefühlszustande wenig Zusammenhang erkennen lassen. Die Bewegungen 
zeigen eine auffällige Tendenz zu eintöniger Wiederholung (Stereotypie). Auch 
der Gedankengang ist dabei in der Begel sehr verlangsamt und auf gewisse oft 
wiederkehrende Assoziationsgruppen (Komplexe) beschränkt.'* Auch E. Meyer 
weist auf das Vorkommen katatonischer Symptome bei Amentiafällen hin, auf 
welche schon Baecke und Bonhoeffer die Aufmerksamkeit gelenkt haben. 
Meyer betont zugleich die Schwierigkeiten, welche der diagnostischen Unter- 
scheidung zwischen Dem. praec. und Amentia in derartigen Fällen, namentlich 
im Anfangsstadium der Erkrankung, sich entgegenstellen mc^en; er erwähnt 
auch, daß die Katatoniesymptome nichts für Dem. praec. Charakteristisches 
bilden, sondern auch bei veischiedenen anderen Geisteskrankheiten (Paralyse, 
Dem. senihs usw.) sich ünden (1. o. S. 500). 

Die akute halluzinatorische Verwirrtheit entwickelt sich im Wochenbett 
meist rasch. Nach Anton, dessen Schilderung hier in der Hauptsache folgt, 
mangelt es jedoch auch nicht an Fällen, in welchen längere Zeit Prodromal- 
Symptome vorhergehen. Als solche treten insbesondere Stimmungsanomalien 
depressiver oder manischer Natur, auch Veränderungen der Körpei^efühle (Ge- 
fühle der Schwere oder Leichtigkeit, Kopfschmerzen, Ohrensausen usw.) auf. 
Charakteristisch für die Erkrankung ist eine traumhafte Trübung des Bewußtseins 
mit Halluzinationen und Illusionen, Bildung von Wahnideen und Veränderungen 
des Gemütsverhaltens. Mit dem Auftreten der Siimestäuschungen verknüpft 
sich meist eine Verdunkelung und Trübung der Wahrnehmung äußerer Eindrucke. 
Sie führen auch zu flüchtig wahnhafter Auffassung der Außenwelt, gelegentlich 
aber auch zu hochgradiger Erregung. Die halluzinatorischen Wahnideen sind 
meist bald wieder vergessen. Das Symptom der Verwirrtheit gibt sich im Handeln 
wie im Reden, auch in der Mimik, kund. In motorischer Hinsicht ist das Ver- 
halten der Kranken sehr verschieden; es findet sich ebensowohl regungsloses 
stuporöses Daliegen auf der einen Seite als hochgradiger Bewegungsdrang, zum 
Teil verknüpft mit Ausbrüchen blinder Aggression. Letztere ist anfangs häufig 
gegen das Kind gerichtet. Unter den Sinnestäuschungen sind Geruchs- und 
Geschmackshalluzinationen häufig vertreten und können zu Vergiftungsideen 
und Nahrungsverweigerung . führen. Die Örtliche und zeitliche Orientierung ist 
in der Mehrzahl der Fälle erheblich gestört. Femer treten öfters flüchtig oder 
andauernd die schon erwähnten katatonischen Symptome auf, deren Erscheinen 
auch nach Anton noch nicht zu der Diagnose einer Dementia praecox berechtigt. 
Die Affektlage ist durch Labilität charakterisiert. Manisch -heitere und depressiv- 
verzweifelte Stimmungen wechseln ohne eruierbaren Grund; häufig ist auch der 
Affekt der Batlosigkeit vorhanden. Viele der Kranken sind der Masturbation 
ergeben, viele auch unreinhch. Die Besserung stellt sich vorherrschend allmählich 
ein, und zwar in der Weise, daß die Phasen geordneten Denkens immer häufiger 
und länger werden. Öfters führt ein soporöser Erschöpfungszustand zur Klarheit. 
Nicht selten wird aber auch ein intermittierender Verlauf beobachtet. Die Ver- 






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Die nerrdsen und psychischen Störungen im Wochenbett und in der Säugeperiode- ßl 

h 

wirrtheit macht iür Stunden oder Tage einem mehr geordneten Denken und 
richtiger Auffassung der Außenwelt Platz. Wechsel der Symptome und des klmi- 
schen Bildes ist nach Anton überhaupt ein Charakteristikum der Krankheit. 
Die Prognose ist im allgemeinen günstig, doch ist zu berücksichtigen, daß bei den 
länger dauernden Fällen, wie sie in den Anstalten vorzugsweise zur Beobachtung 
gelangen, die Krankheitsdauer durchschnittUch 6 — 10 Monate beträgt. 

Eine der halluzinatorischen Verwirrtheit nahestehende Krankheitaform, welche 
nach Anton ebenfalls im Wochenbett vorkommt, ist der akute Wahnsinn, ein 
Zustand, welcher durch das Auftreten akuter systematisierter Wahnideen und 
Halluzinationen charakterisiert ist und sich von der Amentia durch relativ geord- 
neten Gedankengang und geringe Trübung des Bewußtseins untei^cheidet. Diese 
akute Paranoia kann nach Anton in die chronische Form der Erkrankung über- 
gehen, aber auch die Introduktion oder das Finale der halluzinatorischen Ver- 
wirrtheit bilden. Von den übrigen im Wochenbett auftretenden Geistesstörungen 
sei hier nur noch des Korsakowschen Symptomenkomplexes gedacht. Nach 
den Ermittelungen von v. Hoeßlin fanden sich unter 40 schweren Fällen von 
puerperaler Neuritis 16 mal der erwähnte Symptomenkomplex angedeutet oder 
auch voll entwickelt (insbesondere die Störung der Merkfähigkeit). 

Die Laktationspsychosen. 

Bezüghch dieser Psychosen gruppe ist zunächst zu bemerken, daß derselben 
von den Psychiatern nicht lediglich die Geistesstörungen einverleibt werden, 
welche in der ersten Zeit nach dem Ablaufe der auf 6 Wochen bemessenen Wochen- 
bettperiode auftreten, sondern auch jene Psychosen, welche geraume Zeit (bis 
zu einem Jahre) nach dem Puerperium sich entwickeln. Ob die erkrankten Frauen 
gestillt haben oder nicht, kommt hierbei nicht in Betracht. Man geht bei dieser 
Klassifikation lediglich von der Annahme aus, daß die Nachwirkungen der Geburt 
und des Wochenbettes auf das Nervensystem sich im Zeiträume eines Jahres 
geltend machen können. Als ursächhche Momente werden vorwaltend Anämie 
und Erschöpfung angeführt und insbesondere zu lange fortgesetztem Stillen 
große ätiologische Bedeutung beigelegt. GelegentUch soll aber auch rasches 
Sistieren des Stillens und Betention der Milch in der Brust eine ätiologische Bolle 
spielen. Hereditäre Belastung ist nicht sehr häufig erweislich. Bezüglich der 
Häufigkeit der einzelnen unter den Laktationspsychosen vertretenen Formen 
gehen die Angaben der Irrenärzte zum Teil weit auseinander. Nach Antons 
Mitteilung fanden sich unter 83 Laktations psychosen der Halleschen Klinik 
11 Fälle von Amentia, je 6 von Manie, MelanchoUe imd Dementia praecox, 2 Fälle 
von hysterischen Psychosen und 1 mal Paranoia. Bei anderen Autoren treten 
die Amentiafälle bedeutend zurück, während die Dem. praec. prädominiert. So 
gehörten z. B. unter 27 Fällen, über welche B. Meyer berichtet, 22 der Dem. 
praec, 3 den affektiven Psychosen und nur 2 der Amentia an. In manchen Fällen 
von D<^m. praec. und Amentia bildet Eifersuch tswahn einen hervorstechenden 
Zug. Die Dauer der Laktationspsychosen ist nach Anton im allgemeinen eine 
längere als die der Wochenbettpsychosen, bei ersteren auch der Übergang in 
chronische und unheilbare Psychosen relativ häufiger. 

Die Prognose der Generationspsychosen richtet sich im einzelnen Falle selbst- 
verständlich nach der Art der vorhegenden Erkrankung. Da die Dem. praec, 
die sieh so häufig unter den Generationspsychosen findet, eine weit ungünstigere 
Prognose besitzt als die Amentia, die Melancholie und die Manie, sowie die hyste- 

4» 






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52 Die nervösen und paychisohen Störungen im Wochenbett und in der S&ugeperiode. 

Tischen Psychosen, die ebenfalls in den einzehien (renerationsphasen vielfach sich 
entwickeln, ist es begreiflich, daß allgemeine Bemerkungen über die Prognose 
der Generationspsychosen, -wie sie sich in der psychiatrischen Literatur finden, 
wenig Bedeutung beanspruchen können. Hierfür spricht aber auch der Umstand, 
daß das Verhältnis der ungünstig zu den günstig verlaufenden Fällen in dem 
Krankenmateriale der einzelnen Autoren, resp, Anstalten erheblich schwankt. 
Nach einer Zusammenstellung von Bunge (1. c. S. 644), welche das Beobachtungs- 
material von 7 Psychiatern umfaßt, variierte der Prozentsatz der Geheilten von 
2ö,6 (Knauer) bis 67 (Hoppe), der Prozentsatz der ungünstig verlaufenen von 
22,8 (Quensei) bis 61 (Münzer). Bezüglich der Frage, in welcher Weise die ein- 
zelnen Phasen des Fortpflanzungsgeschäftes die Prognose beeinflussen, lauten 
die Angaben, welche sich auf die Graviditätsi»ychosen beziehen, zum Teil wider- 
sprechend. Bunge glaubt jedoch bei Berücksichtigung aller in Betracht kommen- 
den Verhältnisse den Satz vertreten zu können, daß die Graviditätspsychosen 
im allgemeinen günstiger als die Psychosen der beiden übrigen Phasen verlaufen, 
was nach seiner Ansicht daran liegen mag, daß die hysterischen Geistesstörungen 
in der Gravidität so häufig sind. 



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VII. 



Stömngen im natttrlichen i 
Klimakterinm der Frau. 



Die son^. Wechse]jahre des Hannes 

(Klimacterium virile). 

Im Durchschnitte zwischen dem 40. und 50. (zumeist zwischen dem 43. und 
50.) Lebensjahre tritt in dem Geschlechtsleben des Weibes eine wichtige Ver- 
änderung, der sogenannte „Wechsel", ein, die sich am auffäUigsten durch das 
Aufhören der Menstruation — die Menopause — kundgibt ^). Auf den frühereu 
oder späteren Eintritt der Wechselzeit haben verschiedene Umstände, insbesondere 
Kasse, vorhergehende sexuelle Tätigkeit, Allgemein kons ti tu tion und äußere 
Lebensverhältnisse Einfluß. PlötzUches Sistier^n der Menstruation ist selten; 
in der Begel geben dem gänzUchen Ausbleiben der Blutung kürzere oder längere 
Zeit Unregelmäßigkeiten der Periode vorher, Abkürzung oder Verlängerung der 
Intervalle zwischen denselben oder der Dauer des Blutabganges, Verringerung 
oder Mehrung des Blutverlustes. Die Dauer der Unregelmäßigkeiten wechselt 
ebenfalls sehr erheblich; sie können sich nur über einige Monate erstrecken, im 
Durchschnitte währen dieselben jedoch 2 — 3 Jahre. Der weitaus größte Teil der 
Frauen (Kisch glaubt sogar */io derselben) wird während dieser als Klimakterium 
bezeichneten Lebensepoche mehr oder minder von nervösen Beschwerden heim- 
gesucht *). Diese verschonen Frauen mit völlig gesunden Nerven ebensowenig 
als nervenschwache, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß die nervöse Konstitution 
für die Art, Intensität und Dauer der Störungen von erhebhcher Bedeutung ist, 
und jungfräuliche Personen bleiben ebensowenig frei als solche, welche zahlreiche 
Geburten hinter sich haben. In sehr vielen Fällen beschränken sich auch die 
in Frage stehenden, mit den regressiven Veränderungen in den Sexualoi^anen 
zusammenhängenden nervösen Störungen nicht auf die sogenannte Wechselzeit. 

') Die Menopause tritt nicht selten schon in den 30er Jahren, andereiseits aber auch nach 
dein 50. Jahre ein. Kisch fand unter 600 klimakterischen Frauen das Aufhören der Menses 

im Alter vom 35.— 40. Lebensjahre bei 48 Frauen 

»r »> » *"• — "0. ff „ 177 „ 

♦> »» »> Ol. 00. „ f, otf „ 

') Sohiokele (Die nervösen Ausfallserscheinungen der normalen und frühzeitigen Meno- 
pause in ihren Beziehungen zur inneren Sekretion; Handb. d. Neurologie. IV. Bd. 1913) erwfthnt 
jedoch, daB nach seinen Beobachtungen richtige klimakterische Ausfallserecheinungen nnr ii^ 
ßC/g der Fälle vorkommen, 



DiOiriz™ I.V '-.OÜ^j;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



54 Die neirOeen Stönmgwi im natürlichen und kUnstlicfaen KUmakterium der Frau. 

Sie machen sich nicht selten schon einige Zeit vor Beginn der Menstruations- 
Unregelmäßigkeiten bemerklich uud überdauern das völlige Schwinden der Blutung 
oft noch jahrelang. Ich hatte eine Erau von 60 Jahren in Beobachtung, bei welcher 
im 54. Jahre bereits die Menopause einsetzte und bis zur Beobachtungszeit in 
mehrmonathchen Zwischenräumen Anfälle von tagelangem, äußerst heftigem 
Herzklopfen mit allgemeiner Erschöpfung ohne jede äußere Veranlassung auf- 
traten. Derartige Fälle waren vor der Menopause nicht vorhanden. Man darf 
daher, wie dies schon von Börner betont wurde, die Bezeichnung „Wechsel** 
(Klimax oder Klimakterium) nicht auf jene Lebensepoche der Frau beschränken, 
welche zwischen Beginn der menstruellen Unregelmäßigkeiten xmd dem völUgen 
Ausbleiben der Menstruation Hegt. Die in Betracht kommenden Veränderungen 
im weiblichen Organismus und speziell im Sexualapparat beginnen wenigstens 
häufig schon früher und endigen wahrscheinhch m^ist erst geraume Zeit nach 
dem Sistieren der Blutungen. 

Die klimakterischen, i. e. tmter dem Einflute des Klimakteriums sich ent- 
wickelnden nervösen Störungen sind nicht so zahlreich, wie von manchen Autoren 
angenommen wird. Es-handelt sich hierbei zum 7eil um Erscheinungen, welche 
sich mehr oder minder ausgeprägt bei den meisten Frauen in der fraglichen Lebens- 
epoche finden und so charakteristisch sind, daß sie auch von Laien ohne weiteres 
als Symptome des Wechsels diagnostiziert werden, zum Teil um Zufälle, welche 
weni^tens so häufig im KUmakterium vorkommen, daß man für dieselben einen 
Zusammenhang mit den um diese Zeit im weibHchen Oi^anismus sich abspielenden 
Veränderungen annehmen darf. 

Hierher gehören gewisse Veränderungen auf psychischem Gebiete: erhöhte 
gemütliche Beizbarkeit, Launenhaftigkeit, häufiger noch Neigung zu melancho- 
lischer oder hypochondrischer Verstimmung. Man hat diese Veränderungen in 
dem gemütUchen Verhalten durch den Umstand erklärt, daß die Frauen in den 
kritischen Lebensjahren sich trauriger Beflexionen über den Verlust ihrer körper- 
lichen Reize, i. e. das Altem, kaum entschlagen können, häufig auch von Angst 
wegen der vermeintUchen Gefährlichkeit der Wechselzeit heimgesucht werden. 
Diese psychologische Erklärung der klimakterischen Verstimmung kann jedoch 
nur für eine Minderzahl von Fällen als berechtigt anerkannt werden. Gewiß 
fehlt es nicht an Frauen, welche sich nur höchst widerwillig in die für sie schmerz- 
hche Erkenntnis finden, daß Jugend und Anziehungskraft für die Männerwelt 
unwiederbringUch dahin sind, auch nicht an solchen, welche sich wegen der Ein- 
wirkung des Wechsels auf ihr Befinden übertriebenen Soigen hingeben; allein 
wir begegnen der Verstimmung auch bei Frauen, welche auf ihr Äußeres nie großes 
Gewicht gelegt und mit der Tatsache des Älterwerdens schon lange sich abgefunden 
haben, wie nicht minder bei solchen, welche das Schwinden der Menstruation 
mit ihren Belästigungen sehnsüchtigst herbeiwünschen. 

Häufiger als die eben erwähnten psychischen Erscheinungen sind gewi^e 
zirkulatorische und sekretorische Störungen. Vor allem sind hier die Wallungen 
und fliegenden Hitzen zu erwähnen, plötzUches und ohne besondere Ursache 
auftretendes, oft von einer gewissen Beängstigung begleitetes intensives Hitze- 
gefühl, welches zum Teil lokahsiert, insbesondere im Gresicht, am Halse und der 
Brust sich geltend macht und häufig auch mit Hautrötung einhergeht, zum Teil 
über den ganzen Körper sich ausbreitet. Beim Aufenthalte in einem geschlossenen 
Baume besteht dabei oft das Gefühl, als ob es in demselben zu heiß, oder nicht 
genügend Luft vorhanden sei. Mit den fhegenden Hitzen verknüpfen sich öfters 
Schweißausbrüche, die aber auch häufig isoUert auftreten, zum Teil ohne jede 



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Die nervösen Störungen im natürlichen nnd künstlich«! Klimakterium der Fran, 56 



VeranUssong, zum Teil infolge gemütlicher Erregungen oder geringer 
körperlicher Anstrengungen. Häufig sind femer Herzbeschwerden, zumeist in der 
Form von Herzklopfen, das anfallsweise in verschiedenen Intervallen, sehr oft 
ohne jede äußere Veranlassung bei voller gemütlicher und kÖrperÜcher Buhe 
eintritt. Die Beschleunigung der Herzaktion ist hierbei nicht immer sehr erheb- 
lich; doch kommen auch tacbykardisohe Anfälle mit einer Pulsfrequenz bis 180 
und darüber vor. Die Anfälle können Minuten, Stunden und, wie der erwähnte 
Fall zeigt, selbst Tage andauern, dabei bestehen oft peinUche Sensationen in 
der Herzgegend, Empfindungen von Brustbeklemmung, Angstzustände und 
hochgradige allgemeine Schwäche. Eine weitere sehr häufige Klage der Frauen 
in den Wechseljahren bilden Schwindelanfälle von geringerer oder größerer 
Intensität und Dauer, die zum Teil in Zusammenhang mit den erwähnten An- 
wandlungen von Herzklopfen, häufiger jedoch unabhängig von solchen auftreten. 
Der Schwindel kann von solcher Stärke sein, daß es zum Taumeln, selbst zum 
Hinstürzen kommt. Man hat sich mit der Erklärung dieses klimakterischen 
Schwindels viel Kopfzerbrechen gemacht. Selbstverständlich mangelt bei den 
Frauen in der Wechselzeit keiner der Anlässe, die überhaupt und insbesondere 
bei nervösen Personen zu Schwindelanfällen führen (so gewisse Bewegungen 
des Kopfes nnd der Augen, gemütliche Erregungen, Störungen im Yerdauungs- 
apparate, Alkoholgennß usw.), und man darf daher keineswegs bei allen Frauen 
im betreffenden Alter den Schwindel auf eine von den Veränderungen in den 
S3xualorganen ausgehende Beeinflussung der Gefaimzirkulation zurückführen. 
Allein für einen großen Teil der Fälle dürfte diese Auffassung jedenfalls der 
Berechtigung nicht entbehren. Windsoheid glaubte, daß man in einer Beihe 
von Fällen den Schwindel im Klimakterium durch arteriosklerotische Gefäß- 
veränderungen erklären müsse, weil solche in diesem Lebensalter nicht zu den 
Seltenheiten gehören. Letzteres ist allerdings richtig, doch dürften die arterio- 
sklerotischen Veränderungen der Gehimgefäße in den hier in Betracht kommen- 
den Jahren nur selten einen solchen Grad erreichen, daß sie Schwindelanfälle 
bedingen; der arteriosklerotische Schwindel tritt gewöhnheb erst im höheren 
Alter (in den 60er Jahren und später) auf ^). 

Im vorstehenden haben wir diejenigen nervösen Störungen zusammengefaßt, 
welche mit einiger Sicherheit mit den klimakterischen Veränderungen des Sexual- 
apparates in Zusammenhang gebracht werden können. Diese Störungen stimmen 
im wesentlichen mit den nach operativer Entfernung der Ovarien (Kastration) 
beobachteten überein, nur sind letztere im allgemeinen von stürmischerem Cha- 
rakter, entsprechend der jähen Unterbrechung der Ovarialfunktion. Der erwähnte 
Eingriff hat bekannthch zumeist (nach Glaeveke bei ungefähr 90%, nach der 
Kuhnschen Statistik bei 95%) Erlöschen der Menstruation zur Folge. Man 
spricht daher auch von einem „künstUchen Khmax" (Hegar) als Folgezustand 
der Kastration. Die nervösen Beschwerden (Ausfallerscheinungen, Glaeveke)> 
welche durch die Entfernung der Ovarien und das hierdurch bedingte Aufhören 
der Menses hervorgerufen werden, treten zum Teil zur Zeit der nicht wieder- 
kehrenden Menstrualblutung ein — Molimina menstrualia — , zum Teil in der 
intermenstruellen Zeit, wenn auch nicht ansschheßlich in dieser — kUmakterische 
Beschwerden. Glaeveke fand nur bei 50% der kastrierten Frauen, Pfister 

^) Schiokele (1. c.) erw&fant als klimakterische Erscheinungen u. a. femer: Brechreiz, 
selten von Erbrechen gefolgt, Schwftcheanf&lle mit Schweifiausbmch an Stelle der Hitce- 
Wallungen, KnochenschmerKOi, zumeist im Bereiche des Sakrum und der Lendenwirbdf&nle, 
sowie Blutdruckerhöhung, die sich noch Jahre nach Eintritt der Menopause «eigen kann. 



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56 Die nervCeen StÖningen im natürlichen und künstlichen Klimakterium der Frau. 

sogar nur bei SO"/« Beschwerden zur Menstruationszeit, die vorherrschend in 
ziehenden, krampfhaften Schmerzen zu beiden Seiten des Uterus und Kreuz- 
schmerzen bestanden, welch letztere nach oben in den Bücken oder in die Ober- 
schenkel ausstrahlten. 

In der menstruationsfreien Zwischenzeit konnte Glaeveke konstatieren: 
In erster Linie fhegende Hitzen oder Wallungen, gewöhnhch mit Angstgefühl 
und Beklemmung in der Herzgegend vergesellschaftet (bei 90% der Fälle), dann 
unmotivierte Schweißausbrüche, Schwindel häufiger oder seltener (nur in ISjC"/© 
der Fälle), Veränderungen der Gemütsstimmung in GT^/o ^^^ Fälle, und zwar 
melancholische Verstimmung in SO®/©; J» mehreren Fällen zeigte sich auffällige 
Gereiztheit und Heftigkeit oder fortwährender Stimmungswechsel, ein Gemüts- 
verhalten, das vor der Kastration nicht bestand und sich später wieder verlor. 
Herzpalpitationen waren nur in 9% der Fälle vorhanden, ebenso häufig wurde 
über Kopfschmerzen geklagt, die zum Teil sehr heftig waren ^). 

Ffister fand als Wirkungen der Kastration auf das Nervensystem : Wallungen 
1>ei 98%, die allerdings in etwa der Hälfte der Fälle schon vor der Operation 
bestanden hatten, dann Kopfschmerzen (bei ungefähr der Hälfte der FäÜe), viel 
seltener nervöses Erbrechen, Neuralgien, Herzklopfen, Schlaflosigkeit und nocli 
einige andere nervöse Beschwerden. Bei 90 von 116 Operierten bestanden Ver- 
änderungen der Gemütsstimmung, und zwar gemütliche Depression, Beizbarkeit, 
Launenhaftigkeit bei 50%; 34 bezeichneten ihren Gemütszustand als besser, 
heiterer als vor der Operation. Pfister betont jedoch, daß bei vielen schon vor 
der Operation gemüÜiche Verstimmung bestand und man das psychische Ver- 
halten nach der Operation nicht ohne weiteres auf Bechnung der Kastration 
setzen darf. Eine mit der Kastration direkt in Zusammenhang stehende Ver- 
schlechterung der Gemütsverfassung ist nach den Zusammenstellungen Ffisters 
jedenfalls eine Ausnahme. Nach Pfister wird von kastrierten Frauen häufig 
(in mehr als der Hälfte der Fälle) über Abnahme des Gedächtnisses geklagt; das 
gleiche wird von anderen Beobachtern (Brodnitz, P6an usw.) erwähnt. In 
einem von mir beobachteten Falle von Kastration und Totalexstirpation des 
Uterus bestanden während einer Anzahl von Wochen fast beständig Hitzegefühle 
und schwere Angstzustände. 

Will man die vom Klimakterium ausgehenden nervösen Störungen als Äuße- 
rungen einer besonderen Nervenaffektion, einer klimakterischen Neurose auf- 
fassen, so können als Symptome dieser Neurose nur die im obigen angeführten 
Erscheinungen betrachtet werden. Von einzelnen Autoren, so insbesondere von 
Börner und Windscheid, wurde jedoch das Khmakterium auch als Quelle 
einer Menge von rein neurasthenischen und hysterischen Beschwerden angesehen. 
Als solche wurden erwähnt: Hyperästhesie der Sinnesorgane, Schmerzen, Par- 
ästhesien und Anästhesien an den Extremitäten, Bücken- und Kreuzschmerzen, 
motorische Schwächezustände, die Erscheinungen der nervösen Dyspepsie und 
Enteropathie, Singultus, Zwangsvorstellungen und Phobien usw. Alles dies soll 
das Verschwinden der Menstruation verschulden. „So entsteht im Klimakterium 
auf dem Boden des durch das Verschwinden der Menstruation erregten Nerven- 
systems eine Neurasthenie, eine Hysterie, welche sich aber in keiner Weise von 
den durch andere Momente bedingten Neurasthenien oder Hysterien unter- 
scheidet" (Windscheid). 

1) Kopfschmerzen (abgesehen von Migr&ne) figmieren auch nicht selten unter den Klagen 
der Frauen im natürlichen Klimaktariom; ihr Zusammenhang mit den klimakterischen Ver- 
änderungen erscheint mir jedoch im allgemeinen sehr zweifelhaft. 



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Die nerrSeen Störungen im natürlichen und künstlichen Klimakterium der Frau. 57 

Biese klimakterische Neurasthenie und Hysterie existiert jedoch nach meiner 
Erfahrung und der anderer kompetenter Beobachter nicht. Ihre Annahme beruht 
nicht auf exakten klinischen Beobachtungen, sondern lediglich auf irrtümlicher 
Deutung gelegentlicher Vorkommnisse bei Frauen in den kritischen Jahren. Ich 
habe in meiner Praxis nie einen Fall von Neurasthenie oder Hysterie gesehen, 
welcher auf die klimakterischen Voi^änge als einzige Ursache zurückzuführen 
gewesen wäre, und, soweit ich die Literatur kenne, wird auch von keinem der 
Autoren, die sich eingehender mit der Ätiologie dieser Neurosen beschäftigt haben, 
das Klimakterium zu den Ursachen dieser Erkrankungen gezählt. Auch erfahrene 
Gynäkologen erklärten mir, daß sie von einer durch das Klimakterium allein 
verursachten Neurasthenie oder Hysterie nichts wüßten. Ähnlich lauten die 
Erfahrungen Krönigs. Dieser Autor, bemerkt *), daß keineswegs alle Frauen 
im Klimakterium erkranken und er von jeher einen bemerkenswerten Unter- 
schied zwischen früher gesunden und nervös veranlagten Individuen sah ; „letztere 
zeigen die schweren nervösen Symptome, während früher vollständig normale 
Individuen auch das Klimakterium ohne irgendwelche erhebliche Störungen im 
allgemeinen überstehen". Auch Wille erwähnt, daß die khmakterischen Be- 
schwerden bei nervengesunden Frauen sehr unbedeutend sind. Natürlich können 
Frauen in den klimakterischen Jahren so gut wie jüngere und ältere von neur- 
asthenischen und hysterischen Zuständeü heimgesucht werden oder solche Zu- 
stände, wenn dieselben schon früher bei ihnen vorhanden waren, durch die klimak- 
terischen Jahre fortschleppen. Die klimakterischen Veränderungen im Organismus 
mc^en das Auftreten solcher Leiden sogar einigermaßen begünstigen oder zur 
Steigerung derselben beitragen; allein für sich, ohne Hinzutreten irgendwelcher 
weiterer ursächlicher Momente, die auch unabhängig vom Klimakterium öire 
schädigende Wirksamkeit entfalten würden, führen sie weder zur Neurasthenie, 
noch zur Hysterie. 

Das Verhalten der Libido im natürlichen und künstlichen Khmakterium 
verdient hier noch einige Bemerkungen. Im natürlichen Klimakterium darf man 
die Abnahme der Libido als das Normale betrachten ; es entspricht dies den Jahren, 
in welchen die betreffenden Veränderungen im weiblichen Organismus vor sich 
gehen, und dem Umstände, daß auch beim Manne in den 40er Jahren (jedenfalls 
von der Mitte der 40er an) und mehr noch in den 50er Jahren gewöhnlich eine 
Verringerung des sexuellen Verlangens sich bemerklich macht. Daß auch nach 
der Menopause eine gewisse Geschlechtslust oft noch jahrelang sich erhält, wie 
Kisch angibt, erachte ich für ganz zutreffend. Es mangelt jedoch auch nicht 
an Fällen, in welchen während der Wechseljahre bei Frauen mit bis dahin normaler 
Libido sich eine ganz auffällige und jedenfalls krankhafte Steigerung der sexuellen 
Erregbarkeit einstellt, die zu bedeutenden Beschwerden führen kann. Börner 
konnte in diesen Fällen des öfteren abnorme Genitalbefunde (Fibrome, Knickungen 
usw.) nachweisen; auch der so lästige Pruritus genitalium ist mitunter im Spiele. 
Die älteren Angaben über den Einfluß der Kastration auf die Libido lauten nicht 
ganz übereinstimmend; einzelne Beobachter fanden nach diesem Eingriffe Ab- 
nahme oder Schwinden der sexuellen Neigungen, andere dagegen unverändertes 
Fortbestehen derselben. Nach den Mitteilungen Glaevekes, der über diesen 
Punkt eingehende Nachforschungen bei 27 kastrierten Frauen anstellte, ist nicht 
nur bei der größten Mehrzahl (fast SO°Iq) der kastrierten Frauen das geschlecht- 
hche Verlangen vermindert oder ganz erloschen, sondern auch (bei TO^/^) das 

^) Krönig: Über die Bedeutung der funktiondien Nervenkrankheiten für die Diagnostik 
und Therapie in der Gynäkologie. 1902. 



Diomzco I.V '-.eXVj;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



68 Die nervösen Störungen im natttrlichen and künstlichen Kümakterium der Fran. 

WoUustgefühl beim sexuellen Verkehr bedeutend abgeschwächt. Pfister, welcher 
Ton 99 Kastrierten zuverlässige Angaben über das Verhalten der Libido und 
des Wollustgefühls zu erhalten vermochte, fand: den Geschlechtstrieb unver- 
mindert bei 19 (= 260/o), vermindert bei 24 (= SO"/«), erloschen bei 85 (= 43%) 
und überhaupt nie vorhanden bei 21 ; das Wollustgefühl unverändert bei 18 ( =22%), 
vermindert oder erloschen bei 60 (= 76,4%). Libido und Orgasmus verhielten 
sich zumeist konform, nur in einer kleinen Zahl von Fällen wurden dieselben 
in ungleicher Weise beeinflußt. Um das differente Verhalten der Libido nach 
der Kastration zu erklären, weist Pfister auf den Umstand hin, daß bei Frauen, 
die geschlechthcben Verkehr kürzere oder längere Zeit geübt haben, die Erinnerungs- 
bilder der sexuellen Akte (die Libido centralis) den Geschlechtstrieb unabhängig 
von peripheren Erregungen zu unterhalten imstande sind. Beimler fand auch, 
daß Hündinnen, welche kastriert wurden, nachdem sie geboren hatten, noch 
brünstig wurden, während dies bei Hündinnen, welche nicht geworfen hatten, 
nach der Kastration nicht der Fall war. Bann wird auch, wie Pfister mit Hecht 
erwähnt, die geschlechtliche Neigung bei der Frau durch individuelle Anlage, 
Lebensweise und die Gesnndheitsverhältnisse beeinflußt. Pfister schheßt aus 
seiner Statistik, daß bei jugendlichen und unverheirateten Individuen der Ge- 
schlechtstrieb nach der Kastration konstant erlischt'), während bei Personen, 
welche bereits sexuellen Umgang hatten, sich die Libido nicht mit der gleichen 
Gtesetzmäßigkeit ändert. 

Jayle') fand imter 83 kastrierten Frauen die Libido bei 18 unverändert, 
bei 8 vermindert, bei 8 erloschen und bei 3 gesteigert. Der Orgasmus war bei 17 
unverändert, bei 3 vermindert, bei 4 aufgehoben, bei 5 gesteigert. In 6 Fällen 
war die Kobabitation schmerzhaft. In zwei anderen Gruppen von Fällen, in 
welchen neben den Ovarien der Uterus oder dieser allein exstirpiert worden war, 
zeigte sich in bezug auf Libido und Orgasmus ähnliches Verhalten. 

Bloom'), ein amerikanischer Autor, konnte bei Frauen, die vor dem 
83. Lebensjahre kastriert worden waren, nie völligen Verlust der Libido konsta- 
tieren. In den meisten Fällen erfuhr diese keine wesenthche Veränderung, einige 
Male sogar eine Steigerung. Bei fast allen Operierten war jedoch die vaginale 
Sekretion beim Koitus verringert. Bei den nach dem 38. Lebensjahre operierten 
Frauen, bei denen einige Male auch der Uterus mit entfernt worden war, trat 
gewöhnUch eine allmähUche Abnahme der Libido sowohl als des Orgasmus ein. 

Lawson Tait und Bantock^) berichteten, daß in manchen von ihnen 
beobachteten Fällen nach Entfernung des ganzen inneren Geschlechtsapparates 
eine erhebliche Steigerung der Libido sich einstellte. Von Interesse sind hier 
auch die Fälle, in welchen bei Mangel oder Verkümmerung der inneren Geschlechts- 
orgfme bei Frauen ein ausgesprochener Geschlechtstrieb sich geltend machte. 
So hat Barrus über einen Fall berichtet, in welchem, wie die Sektion ergab, 
kongenitaler Mangel des Uterus und der Ovarien bestand und der Geschlechts- 
trieb so entwickelt war, daß die Person in außereheUchen Verkehr sich einheß. 



^) Bei vier Kastrierten unter 26 Jahren, welche ledig und Virgines waren, war nach Pf i g te r 
der ' Geachlechtfltaieb ToUst&ndig „erloechen", bei zwei Veiiieirateten im gleichen Lebensalter 
Tcnuindert. Sie Beseiohnang „erloeohen" ist hier jedenfalls iirttlmlich, sofern bei den betreten- 
den Vi^ines eine Libido nicht Todbanden war und daher auch nicht ^löschen konnte; die 
Operation konnte nur die ep&tere Entwicklung einer Libido verhindern. 

*) Revue de gynöcologie 1897. S. 403—467. 

3) Hedical Standart 1896. S. 121. 

') British medical Journal 1899. S. 975. 






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DIo nervöeen Stfiningen im natttrlicfaen und künstlichen Klimakterium der Frau. 69 

Die Betreffende litt an periodischer Manie und ergab sich im Anfalle der Mastur- 
bation in schamloser Weise. Auch in einem von Bridge man berichteten Falle, 
in welchem ebenfalls Uteras und Ovarien fehlten, war der Geschlechtstrieb be- 
deutend und der Oi^smus bei sexuellem Verkehr lebhaft. AhnHche Beobachtungen 
werden von anderer Seite mitgeteilt. 

Wenn wir uns die Frage vorlegen, in welcher Weise sich die verschiedenen 
im Gefolge des natürlichen und künstHchen Khmakteriums auftretenden nervösen 
Störungen erklären lassen, so können wir heutzutage uns mit der Annahme einer 
reflektorischen Entstehung derselben, ausgehend von den Nerven des anatomischen 
Veränderungen unterliegenden Sexualapparates nicht mehr begnügen. Eine Beihe 
von Tatsachen läßt keinen Zweifel darüber mehr zu, daß die Ovarien zu den 
Organen mit innerer Sekretion zählen. Schon die Erfolge, welche durch Darreichung 
von Ovarialsubstanz bei klimakterischen Beschwerden in vielen Fällen zu erzielen 
sind, hatten dieser Auffassung eine bedeutende Stütze verliehen. Noch ent- 
schiedener wiesen jedoch die Ergebnisse der mit den Ovarien unternommenen 
Transplan tationsverauche (Knauer, Bibbert, Halban u. a.) darauf hin, daß 
diesen Oi^^en wichtige innersekretorische Funktionen zukommen. Ich habe 
schon früher die Anschauung vertreten und halte dieselbe auch jetzt noch für 
berechtigt, daß im Ovarium Körper gebildet werden, welche entweder aus der 
Umwandlung an sich toxischer Stoffwechselprodukte hervorgehen, oder die toxische 
Wirksamkeit solcher normal sich bildender Produkte der regressiven Metamor- 
phose aufheben, so daß also mit dem Wegfalle der Ovarialfunktion eine Auto- 
intoxikation eintreten muß. Es ist bei dieser Auffassung verständhch, daß im 
natürlichen Klimakterium infolge der allmähhchen Verminderung der Ovarial- 
tätigkeit und der dadurch ermöglichten Anpassung des Organismus an die ver- 
änderten StoffwechselverhältniMe nur leichtere nervöse Störungen resultieren, 
während der brüske Eingriff in die Körperökononüe, der mit der operativen Weg- 
nahme der Ovarien grachieht, zu stürmischeren Erscheinungen Anlaß gibt ^). 
Daß von den Sexualorganen ausgehende reflektorische Erregungen nur eine unter- 
geordnete Bolle bei der Verursachung der klimakterischen Beschwerden spielen, 
hierfür spricht auch der Umstand, daß nach Entfernung des ganzen Uterus (Total- 
exstirpation) viel geringfügigere Folgezustände beobachtet werden als nach der 
Kastration. Nach Glaeveke, der auch mit dieser Frage sich eingehend be- 
schäftigte, bestehen dieselben zumeist lediglich in Molimina menstrualia, i. c. 
Unterleibs- und Kreuzschmerzen, welche zur Zeit der nicht mehr eintretenden 
Periode sich einstellen, alhnähhch sich verringern und gewöhnlich nach Jahres- 
frist verschwunden sind. Wo auch in der menstruationsfreien Zeit Beschwerden 
von der Art der khmakterischen sich zeigen, lassen sich dieselben auf zufällige 
KJompUkationen (Mitverletzung der Ovarien bei der Operation) zurückführen *). 
Der Geschlechtstrieb wird durch die Entfernung des Uterus allein nie zum Er- 
löschen gebracht, erfährt hierdurch gewöhnlich sogar keine wesentUche Ver- 

>) Der Auefall der innenekretorischen I^nstungen der Ovarien nach der Kastration und 
Menopause vird wahrscheinlich hAufig durch erhöhte ntigkeit anderer Drttsen mit innerer 
Sekretion (VergrOBerung der Schilddrüse, Hypertrophie der Hypophyse, Verbreiterung der 
Nebennierenrinde) ausgeglichen. 

*) Etwas hiervon abweichend sind die Ergebnisse von Pankow und Bausoher tiber die 
Folgen der aUeinigoi Exstjrpation des Uterus. Nach diesem Antor^i sind im allgemeineu zweierlei 
Beschwerden voihand^i: 1. Solche menstruellen Charakters, die schon vor der Operation nicht 
mangelten, und 2. AusfaUserscheinungen, die aber in ihrer Art und Intensit&t von den nach 
der Kastration auftretenden wes^itlich differieren, was wohl mit der Fortdauer der Ovarial- 
funktion zusammeaihftngt (Schickelc). 



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60 Die nervösen Störungen im natürlichen nnd kfbutliohen Klimakterhun der Frau. 

änderong. Gemütliche Depression, selbst bis snir ausgespEt>cheneii Melancholie 
gehend, vrird dagegen nicht selten im Qeiolge der Operation beobachtet. Es 
ist jedoch zu berücksichtigen, daB es sich in den betreffenden Fällen um Krebs- 
leiden handelt, bei welchen die Furcht vof einem Bezidiv etwas sehr Naheliegendes 
und Motiviertes ist, und dieser Furcht, sowie den gemütlichen Erregungen, welche 
der Operation vcfrhergehen, scheint der Hauptanteil an der Verursachung der 
in Frage stehenden psychischen Alterationen zuzufallen. 

F 

Das Rlimacteriiun Tirile. 

Nach Mendel') kommt es bei Männern am Ende der 40er Jahre oder im 
Verlaufe ihres 6. Lebensdezenniums nicht selten zu nervösen und psychischen 
ätönmgen, die in Form und Art ihres Auftretens, sowie bezüglich Verlauf und 
Prognose den „Molimina elimacterica" ^ der Frauen durchaus gleichen. 

Das Leiden beginnt am häufigsten zwischen dem 50. und 54. Lebensjahre. 
Bei den meist früher ganz gesunden und nicht nervösen Individuen stellen sich 
zunächst zeitweilig Angstgefühle und innere Unruhe ein, wozu sich allgemeines 
Schwächegefühl und alä konstant wiederkehrendes Hanptcharakteriatikum eine 
ganz auffällige Bührseligkeit und Weinerlichkeit gesellt. Letztere Erscheinung 
ist um so auffälliger, als es sich in der Mehrzahl der Fälle um körperUch sehr 
kräftige, früher lebensfrohe Männer bandelt. „In jedem einzelnen meiner Fälle", 
bemerkt der Autor, „wurde über Blutwallungen nach dem Kopfe, fUegende Hitze, 
Angstgefühl mit plötzlichem SchweiBausbruch, zeitweisea Herzklopfen, Brust- 
beklemmung, allgemeines Mattigkeitsgefühl, Schlafmangel, beziehungsweise Schlaf 
losigkeit geklagt, alles Symptome, welche wir als charakteristisch für die Molimina 
eUmacterica der Frauen wieder&iden." Zu den angeführten gesellen sich häufig 
andere nervöse und psychische Symptome, wie sie auch bei klimakterischen 
Frauen vorkommen: Schwindelanwandlungen, Kopfschmerzen und Hitzegefnhle 
im Kopfe, Kälte der Füße, Gedächtnisschwäche, Launenhaftigkeit, melancholische 
und hypochondrische Verstimmung, selbst Snizidgedanken. In sexueller Hinsicht 
ermittelte Mendel, daß bei Beginn des Leidens oder etwas vorher die Libido 
deutlich abnahm und von da an dauernd verringert blieb oder auch allmähUch 
erlosch. In einzelnen Fällen stieg die Libido nach Ablauf der Krankheit wieder 
etwas an. Abnahme der Erektions- oder Ejakulationsfähigkeit fand sich nur in 
wenigen Fällen. Die Patienten, welche sämtlich verheiratet waren, hatten bis 
zu Beginn des Leidens in normaler Weise sexuell verkehrt. Die Dauer der Affekfcion 
schwankte in den von Mendel beobachteten Fällen zwischen 10 Monaten imd 
4 Jahren, und meist, kam es zu völliger Heilung. Bei früher leicht neurasthenischen 
Patienten erhält sich die Erkrankung längere Zeit. Nach des Autors Ansicht 
ist das geschilderte Krankheitsbild eine Folge innersekretorischer Störungen, 
von regressiven Veränderungen und von Hypofunktion in den Keimdrüsen. 
Mendel stützt diese Annahme auf den Umstand, daß die in Frage stehenden 
Eischeinungen heim Mahne völlig mit den im Klimakterinm der Frau auftretenden 
nervösen und psychischen Störungen übereinstimmen und die Erkrankungszeit 
der klimakterischen Periode der !EVan entspricht. Dem Einwände, daß das be- 
schriebene Krankheitsbild sich doch nicht bei jedem Manne findet, während 
bei jedem im Alter eine Hypofunktion der Keimdrüsen eintritt, glaubt Mendel 

^) Mendel: Die Weohselj^ire des Mannes. Neurolog. Zentralbl. 1910. S. 1124. 
') Der Autor erw&hnt, daß sein Vater bereite in seinem Kolleg jedes Semester einen FaU 
unter der Diagnose „Klimacterium viiile" vonustellen pflegte. 






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Die nervdsen Störongen im natOrlichen und künBtlichen Klimakterium der Frau. 61 

durch den Hinweis begegnen zu können, daß auch beim weiblichen Geschlechte 
die klimakterischen Jahre nur in einem Bruchteile der Fälle von stärkeren nervösen 
Beschwerden begleitet sind. Die leichten Formen der Affektion mögen beim 
Manne nicht selten vorkommen, sich aber der ärztlichen Beobachtung entziehen. 

B. Holländer^) bestätigt im wesentUchen die Angaben Mendels bezüghch 
der bei Männern auftretenden klimakterischen nervösen und psychischen Stö- 
rungen. Unter den Symptomen betont er Abnahme der geistigen Leistungsfähig- 
keit und erhöhte Emotivität. Bei einem seiner Patienten kam es zu Selbstmord- 
versuchen. Auch bezüglich der Pathogenese der Affektion stimmt Hollander 
den Ansichten Mendels bei. 

Ghurch *) nimmt (unabhängig von Mendel) ein dem Klimakterium der Frau 
entsprechendes Kückbildungsalter beim Manne an, in welchem neben neurasthe- 
nischen Beschwerden insbesondere psychische Instabihtät und Neigung zu Angst- 
und Depressionszastanden auftreten. C hur eh taxiert die Dauer des Zustandes 
auf IVs — 3 Jahre. 

Es fragt sich den angeführten Mitteilungen gegenüber zunächst, ob wir das 
geschilderte Krankheitsbild als ein selbständiges Nervenleiden, etwa eine kUmak- 
terische Neurose des Mannes, zu betrachten haben oder ob sich dasselbe einer 
oder mehreren der bereits bekannten Krankheitsformen anschließen läßt. Von 
Psychoanalytikern wurde geltend gemacht, daß die Symptome der von Mendel 
beschriebenen Erkrankung der Angstneurose Freuds angehören '). In der Tat 
erwähnt Freud in seiner 1895 veröffentlichten Abhandlung über die Angst- 
neurose*) deren Auftreten bei Männern im Senium: ,,Es gibt Männer," bemerkt 
er, „die wie die Frauen ein Klimakterium zeigen und zur Zeit ihrer abnehmenden 
Potenz und steigenden Libido Angstneurose produzieren.** Vergleicht man 
Freuds Schilderung der Symptomatologie der von ihm unterschiedenen Angst- 
neurose mit den Angaben Mendels über die bei den männhchen Klimakterikem 
konstant sich findenden Erscheinungen, so ist nicht zu bestreiten, daß letztere 
im wesentlichen mit den Symptomen der Freudschen Angstneurose überein- 
stimmen. Einen auffäUigen Unterschied zeigen die Fälle der beiden Autoren 
nur in sexueller Hinsicht. Mendel betont die konstante Herabsetzung der Libido 
bei seinen Patienten, während Freud, wie wir schon sahen, von einer Zeit der 
abnehmenden Potenz und steigenden Libido spricht. 

Berücksichtige ich meine eigenen Erfahrungen bei Männern in den 50er 
Jahren, bei welchen die von Mendel geschilderten Erscheinungen mehr oder 
minder ausgeprägt sich fanden, so handelte es sich zum größeren Teile um Fälle, 
die nach meiner Auffassung als Angstneurose, respektive eine Kombination von 

1) B. Hotlanderi'Die Wechseljahre des Mannee (Klimacterium Tixile). NeuioL Zentralbl. 
1910. S. 1282. 

') Cfaurch: Nervous and mental diBturbances of the male climacteric. Joum. of the Aroer. 
med. assoc. 55, 301. 1910. 

') So Stekel: Nerröee Angstzuatände. 1912. S. 24. Zu einer von Stekel abweichenden 
komplizierteren Auffassung des Mendelschen Krankheitsbildea gelangte Adler (Über den 
nconrösai Charakter. Wiesbaden 1912. S. 75). „Die Neorose des m&nnlichen Klimakteriums 
ist ebenfalls (wie die des weiblichen) nur mittelbar durch die Genitalatrophie beeinflußt, kann 
aber eine Verstärkung erfahren durch die verschärfende Abstraktion: Ich bin kein Mann mehr, 
ich bin ein WeibI" 

Adler betont auch, daB er nie einen Fall sah, bei dem die Neurose erst im Klimakterium 
ausgebrochen war. Nach ihm findet man meist eine seit Jahren sich geltend machende Zunahme 
neurotischer Syniptome. 

*) Freud: Über die Berechtigung von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomen- 
komplex alB „Angstnemoae" absutrennen. Neorol. Zentralbl. 1896. Nr. 2. 



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62 Die nerrösen Störungen im natürlichen und künstlichen Klimakterium der Trau. 

Äii^tueurose uud Neurasthenie zu klassifizieren waren. Bei einzelnen Patienten 
mußte jedoch eine leichte Form der Melancholie angenommen werden, wie sie 
im Bückbildungsalter häufig vorkommt. Eine solche lag auch allem Anscheine 
nach in einzelnen von Mendel und Hollander beobachteten Fällen vor. Suizid- 
gedanken und Suizid versuche, wie sie die genannten Autoren erwähnen, gehören 
weder dem Grebiete der Angstneurose noch dem der klimakterischen Erschei- 
nungen an. 

Ob man nun die von Mendel u. &. beschriebene Sjmptomengruppe als ein 
selbständiges Iieiden oder als einer der bereits länger bekannten Krankheitsformen 
zugehörig betrachtet, inmier ist zu berücksichtigen, daß das Klimakterium des 
Mannes, wenn man von einem solchen überhaupt sprechen will, ein relativ seltenes 
Vorkommnis bildet, während beim weiblichen Greschlechte gewisse nervöse Be- 
schwerden, wenn auch in sehr verschiedener Dauer und Intensität, eine regel- 
mäßige Begleiterscheinung der regressiven kUmakterischen Veränderungen des 
Sexualapparates bilden. Daß ähnUch wie bei der Frau bei den klimakterischen 
Beschwerden des Mannes Störungen der innersekretorischen Funktion der Keim- 
drüsen im Spiele sein mögen, wie dies Mendel annimmt, läßt sich wohl nicht 
in Abrede stellen; ich halte es jedoch wenigstens für sehr wahrscheinlich, daß 
daneben noch andere ätiologische Momente, die in den einzelnen Fällen variieren 
eine Bolle spielen. Auch Mendel erwähnt, daß neben der Hypofunktion der 
Keimdrüsen andere Momente als mitwirkende Faktoren (Gelegenheitsursachen) 
in Betracht kommen: Gemüthche Erregungen, Alkohol- und Nikotinmißbrauch, 
Infektionen und Stoffwechselkrankheiten. 

Steinach*s Yerjttngangstheorie. 

Unter allen Arbeiten Steinachs hat keine so viel Aufsehen erregt, als die 
seine Verjüngungsidee betreffenden, und diese haben dann auch bereits eine um- 
fängliche Literatur hervorgerufen, von welcher wir hier nur die wichtigsten 
Arbeiten berücksichtigen können. Steinach ging bei seinen Untersuchungen 
von der bereits erwähnten Annahme aus, daß die inkretorische Tätigkeit der 
Keimdrüsen lediglich den Leydigschen Zwischenzellen seiner Pubertätsdrüse 
zukommt und er glaubte, daß der Senilismus der Pubertätsdrüse sich dadurch 
aufheben läßt, daß man durch künstlich erzeugte Wucherung ihre inkretorische 
Tätigkeit von neuem anfacht. Als das geeignetste Mittel hierzu sollte die doppelte 
Unterbindung der zuführenden Samenkanäk zwischen Hoden und Nebenhoden 
unter sorgfältigster Schonung der Blutgefäße dienen. 

Die Operation wurde zunächst an alten Batten ausgefjihrt und der Erfolg 
entsprach seinen Erwartimgen: Neuer Haarwuchs an haarlosen Stellen, Ver- 
größerung der Hoden und des ganzen Geschlechtaapparats, starke Gewichte- 
zunahme, Wiedererwachen des Geschlechtstriebs, Verlängerung des Lebens; 
mikroskopisch mächtig gewucherte Pubertätsdrnse. Bei Weibchen et^ab die 
Operation ahnhche Erfolge. Steinach Heß auch bei Menschen die Operation 
vornehmen, doch wollen wir zunächst zuisehen, welche Erfahrungen von anderer 
Seite mit der Operation bei Tieren gemacht wurden. Wir können jedoch hier 
nur eine beschränkte Anzahl der in Betracht kommenden Publikationen berück- 
sichtigen. 

Romeis unternahm ebenfalls Untersuchungen an Ratten und gelangte hierbei zu £i;geb- 
nissen, welche ^>n denen Steinachs erheblich abwichen. Ina besondere konnte er eine Wucherung 
der PubertfttsdrÜae nach Unterbindung der Vasa deferenti* nicht konstatieren. Auch die 
Steigerung des Qeschlechtstriebs mangelte. Dagegen wurden übereinstimmend mit Steinach 






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Die neiT5sen Störungen im natürlichen und künstlichen Klimakterium der Frau. 03 

Steigerung der Lebhaftigkeit der FreSlust und des Gewichtes erzielt, Erscheinungen, die jedoch 
nach Romeis* Aneicht auf den Abbau der Geschlechtszellen sich zurückführen lassen. 

Tied je hat an einer großen Anzahl von Meerschweinchen, zum Teü jugendhchen, zum Teil 
gesohleohtsreifen Tieren, die Unterbindung des Vas deferena, sowie die Unterbindung zwischen 
Hoden und Nebenhoden voi^^nommen. Er fand, daß der Grad der Ausprägung der Geschlechts- 
charaktere, sowie überhaupt das ganze m&nnliche Verhalten, soweit es durch die Geschlechts- 
drüsen bedingt ist, von dem spermatogenen Teile des Hodens sich ausschließlich abhängig 
erweist. 

Benda bemerkt, daß bei den Verjüngun^versuchen Steinachs einwandfreie morpho- 
logische Beobachtungen vermißt werden. Die Wirkung seiner Operation besteht nicht im 
Zugrund«^ehen der terminativen Zellen imd Persistenz der vegetativen ZeUen, sondern lediglich 
in einer typischen Funktionspause, wie es bei anderen Tierarten zwischen den Brunstperioden 
zustande kommt. 

Kyrie schreibt den Leydenschen Zwischenzellen ebenfalls nur tropbische Funktion zu. 
Alle auf Verjüngung des Individuums abzielenden Eingriffe beeinflussen den Ablauf des 
RegenerationspTozesees derart, daß die vorhandenen Beservekräfte schneller als unter normalen 
Verhältnissen erschöpft weiden. 

Günstiger lauten die Erfahrungen über die Erfolge von Keimdrüsentransplantation. So 
hat Harms bei einem sehr senilen Meerschweinchenmännchen mit völliger Impotenz und 
atrophischem Hoden durch Implantation eines Hodenstückchens seines 6 Wochen alten Sohnes 
ausgesprochene Verjüngung mit Rückkehr der Potenz imd Lebensverlängerung um ^/, Jahr 
erzielt. Der Autor berichtet auch von teilweise ähnlichen Erfolgen bei Himden durch Vasektomie, 
künstUchen Kryptorchismus und verwandte Eingriffe. 

Im Herbst 1918 machte Steinacb Lichtenstern^) (Wien) Mitteilungen 
von seinen Versuchen und forderte ihn auf, dieselben beim Menschen zu wieder- 
holen, um festzustellen, ob die bei niederen Tieren erzielten Erfolge auch beim 
Menschen zu erreichen sind. Bei der Wichtigkeit der Sache wurden die ersten 
Operationen an Kranken anläßlich anderer Eingriffe ausgeführt, und sie in voll- 
kommener Unkenntnis des an ihnen vorgenommenen Versuches gelassen, um 
so jede suggestive Wirkung auszuschheßen. In der Wahl des Materiales mußte 
strengte Auslese getroffen werden und durften nur solche Falle zur Beurteilung 
herangezogen werden, deren somatischer Zustand einwandfreie Schlüsse erlaubte. 
Für die Operation beim Menschen haben sich zwei Methoden als geeignet erwiesen. 
Bei jugendhchen Fällen oder bei denjenigen, bei denen eine rasche Stauung beab- 
sichtigt ist, wird gleich der Operationstechnik Steinachs am Versuchstier zwischen 
Nebenhoden und Hoden die Unterbindung ausgeführt. Es wird hierauf die Methode 
eingehend beschrieben, zu deren Mitteilung hier kein Anlaß besteht. Die zweite 
Methode, die eine langsame Stauung beabsichtigt, besteht in der Unterbindung 
des Samenstranges nach seinem Abgang aus dem Nebenhoden. Lichtensterns 
Material umfaßt 2G Fälle, und zwar 18 Fälle, bei denen die Bekämpfung der Alters- 
erscheinungen bei älteren Individuen intendiert wurde, und 8 Fälle bei jugend- 
licheren Menschen, bei denen geringe Erotisierung wie auffallendes Kachlassen 
der geistigen Fähigkeiten die Indikation für den Eingriff boten. Die Beobachtungs- 
zeit schwankt zwischen 2 Jahren und 2 Monaten, doch sah sich Lichtenstern 
veranlaßt, hier nur diejenigen Fälle der Kritik zu unterbreiten, bei denen eine 
längere Beobachtungszeit erlaubt, die gemachten Wahrnehmungen einwandfrei 
zu verwerten. 

Fall 1. Anton W., 48 Jahre alt, Kutscher, beobachtete seit einigen Jahren 
sehr rasche Ermüdung bei seiner Arbeit. Sexuelles Empfinden seit einigen Jahren 
stark zurückgegangen. Libido und Potenz sehr gering. In den letzten Wochen 
sehr elend, häufig Atembeschwerden, Appetitlosigkeit, Abnahme des Körper- 
gewichtes. Deshalb Verweisung in ein Spital am 13. IV. 18. 

>) Lichtenstern {Wien): Beri. klin. Wochenschr. Nr. 42. 1920. 






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M 



64 Die nerröBen Störungen im natttr]iohen und künstlichen Klimakterium der Fr&u. 

Status praesens: Macht den Eindruck eines früh gealterten Mannes, Körper- 
gewicht 49 kg, schwache Muskulatur. Hautdecke auffallend glanzlos, Kopfhaare 
blond, eigraut. Schüttere Behaarung des Stammes und der Kxtremitäten. 
Herzgrenzen normal, Töne dumpf. Puls etwas gespannt. Bechter Hoden weich, 
auf der linken Seite eine kleinapfelgroße Hjdrocele, der Hoden selbst etwas 
weicher. Prostata von normaler Größe, sekretami. Operation am 1. X. 18. 

An beiden Hoden Unterbindung der Ausführungsgänge zwischen Neben- 
hodenkopf und Hoden. Zugleich Operation der Hydrocele. Heilungsverlauf 
völlig normal. 8 Wochen Spitalaufenthalt. Während dieser Zeit kein Anzeichen 
rascher Erholung. Trotz sehr schlechter Ernährung und schwerster Arbeit Er- 
holung vom 3. Monate an, die in jeder Hinsicht Fortschritte machte. Auch Libido 
und Potenz sehr lebhaft. Der günstige Zustand hielt an. Nach 1 Jahre glänzende 
Verfassung des Patienten. Gewichtszunahme 16 kg, Muskulatur außerordentUch 
gut entwickelt. Patient schleppt Lasten bis zu 100 kg. Die Hoden von normaler 
Größe, normaler Konsistenz, nicht schmerzhaft. Potenz wie in jungen Jahren. 

Fall 2. Hermann Tb., pensionierter Beamter, 71 Jahre alt, aufgenommen 
am 10. II. 19. Seit 5 Jahren Alterserscheinungen. Seit 4 Jahren inkomplette 
Hamretention. Rezidivierende Bh^enkatarrhe. Seit 5 Tagen starke Schwellung 
des rechten Hodens. Fieber bis 40°, Schüttelfröste. 

Status praesens: Bechter Hoden doppelfaust^roß geschwollen. An ver- 
schiedenen Stellen Fluktuation. Geringe Verbreiterung des linken Herzens. 
Herztöne dumpf. Puls 120; sehr gespannt, arhythmisch. 10. II. 19 Exstirpation 
des Hodens und Nebenhodens. Links das Vas deferens am Übergang aus dem 
Nebenhoden freigelegt, doppelt ligiert und unterbunden. Patient wird nach 
4 Wochen als geheilt aus der Anstalt entlassen. Auffallende Besserung des All- 
gemeinbefindens in den nächsten Monaten. Auftreten von Erektionen und Pol- 
lutionen, die vorher jahrelang sistiert hatten. Basche Zunahme des Körper- 
gewichtes. Aussehen sehr gut. Der unterbundene Unke Hoden prall gespannt, 
auf Druck nicht schmerzhaft. Bedeutende Zunahme der körperhchen und geistigen 
Leistungsfähigkeit. Nachuntersuchung am 18. VIII. 20 ei^bt Andauer des gün- 
stigen Befindens. 

Fall 3, Wilhelm K., Buchhalter, 61 Jahre alt, aufgenommen am 12. XII. 19. 
Leichte Hambeschwerden seit längerer Zeit. Hochgradige Abnahme der Arbeits- 
und körperhchen Leistungsfähigkeit. Geringe Vergrößerung der Prostata und 
in der Blase ein walnußgroßer Uratstein. Operation am 28. XJI. 19. Entfernung 
des Steines durch Sectio alta, gleichzeitig Vasa deferentia nach dem Austritt 
aus dem Nebenhoden Ugiert und durchtrennt. Sehr verlangsamter Heilungs- 
verlauf. Erst 5 Monate nach der Operation auffallende Besserung in somatischer 
und geistiger Hinsicht. Im August des Jahres Wichte Bewältigung einer an- 
strengenden Bergtour. Libido und Potenz außerordentUch gesteigert. 

Fall 4. Bl., 58 Jahre alt, Beisender, aufgenommen am 12. XI. 19. Seit 
einem Jahre Blasenkatarrh. Verringerung der Arbeitsfähigkeit seit einigen Jahren, 
auch AnfäUe von Herzschwäche (stenokardische Anfälle). 

Status praesens: Böntgenologisch : Trübung beider Spitzen. Mäßige Hyper- 
trophie des linken Ventrikels; unreiner erster Ton an der Spitze. Prostata mäßig 
hypertrophiert. Inkomplette Hamretention. Harn leicht getrübt. Begelmäßiger 
Katheterismus und Blasenspülungen. Alsbald bedeutende Besserung der Blasen- 
beschwerden. Wegen des ausgesprochenen Senium praecox Unterbindung beider 



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Störunge) 



65 



Samensfcränge. 5. XII. 19. Nach 6 Wochen Entlassung aus der Spitalpflegc. 
In der Folge Herzbeschwerden im Vordergrund. Nach Bericht des Kassenarztes 
häufig schwerste stenokardische Anfälle. Ödeme der Beine wochenlang. Dann 
plötzUch Besserung bei Aussetzen aller Medikamente, die rasch zunahm, so daß 
Patient seinem Geschäfte als Eeisender wieder nachgehen konnte. 

Fall 5. Josef 8., 66 Jahre alt, Kaufmann, aufgenommen am 8. XI. 19. Seit 
6 Jahren zunehmende Altersbeschwerden. Verlust von 7 kg Körpergewicht trotz 
bester Ernährung. Basche Ermüdung bei längerer geistiger Arbeit. Seit 3 Jahren 
Hambesohwerden. März 1919 erste komplette Harnverhaltung. Bezidivierende 
Cystitiden. Sexualtrieb seit einem Jahre vollkommen gesehwunden. 

Status praesens: Blutdruck 175, Puls arhythmisch. Die Herzdämpfung nach 
links verbreitert. Töne dumpf. Prostata kleinfaustgroß, weich. Residualham 
600 g. Am 12. XI. 19. Suprapubisch Enukleation der Prostata. Erholung tritt 
nicbt ein. Am 21. I. 20 deshalb die Vasa deferentia auf beiden Seiten nach dem 
Austritt aus dem Nebenhoden ligiert und durchschnitten. 6 Wochen nach dieser 
Operation auffallende Besserung. Normale Harnentleerung. Wiederkehr der Libido 
und der Arbeitsfähigkeit. Dann Revision 12. VIII. 20. Vollkommenes Wohl- 
befinden. 

Fall 6 und 7 betreffen jüngere Leute mit 32 und 29 Jahren, bei welchen 
wegen mangelhafter Erotisierung, rascher Ermüdung bei geistiger Arbeit, geringer 
Energie und Unterentwicklung einzelner Sexuszeichen auf deren Wunsch ein- 
seitige Unterbindung gemacht wurde. Binnen 6 Monaten keine Besserung. In 
einer Epikrise der erfolgreichen 6 Fälle sucht der Autor nachzuweisen, daß der 
eingetretene Erfolg nicht auf Beseitigung der in jedem Falle bestehenden krank- 
haften Zustände, sondern ledighch auf die Unterbindung der Vasa deferentia zu- 
rückzuführen sei. 

, Wenn man die überaus günstigen Besultate in Betracht zieht, welche Lichten- 
stern in den vorstehend angeführten 5 Fallen erzielte, sollte man erwarten, daß 
die Aufnahme derselben in den Fachkreisen eine durchaus freundliche, wenn nicht 
begeisterte war. Dies war jedoch keineswegs allseitig der Fall. Man wies auf 
die ähnhchen Erfolge hin, die in einzelnen Fällen von Prostatektonüe erzielt 
wurden (Bomeis und Freudenberg) und machte geltend, daß auf dem Gebiete 
der Verjüngungskuren dem Subjektivismus ein fast schrankenloser Spielraum 
gegeben sei. Diesen Anschauungen kann ich jedoch nicht beipflichten. Was 
zunächst die Prostatektomie betrifft, so zeigt der Fall 5, daß die Prostatektomie 
hier nicht den gewünschten Erfolg hatte und dieser erst nach Unterbindimg der 
Samenstränge eintrat. Es kann also nicht davon die Bede sein, daß man der 
Prostatektomie den erzielten Erfolg zuschreibt. Das gleiche gilt für die Annahme 
von Suggestionswirkungen. Ich darf mir einige Erfahrungen in bezug auf solche 
zuschreiben, und ich kann mich keines Falles erinnern, in welchem Monate nach 
einer Operation Libido und Potenz bei alten Leuten in dem Maße wiedergekehrt 
wären, wie in den Lichtensternschen Fällen. Wir haben daher kein Becht 
zu bezweifeln, daß die Erfolge Lichtensterns in den vorstehenden Fällen durch 
physische, nicht psychische Vorgänge herbeigeführt wurden, wobei jedoch die 
Pubertätsdrüse nicht in Betracht kommen kann, da dieser keine inkre torischen, 
sondern lediglich trophische Leistungen zukommen (Stieve, Bomeis, Plato, 
Kyrie u. a.). 

Es erübrigt daher nur die Annahme, für die in Frage stehende Tätigkeit den 
generativen Anteil des Hodens heranzuziehen. Aber auch dann bleiben noch 

Lflwcnfeld, Sflxiiatleben Tind IferTeiileblen. Sechste Anfl, 5 



DiOH.zeo UV '^.eXVjlH. UNIVERSITV Of CALIFORNIA 



66 Die nerröflen Störungen im uatOriichen und kUogtUohen Klimakterium der Fnu. 

zahlreiche Bätsel, von welchen ^vir nur erwähnen wollen; die geringe Zahl von 
7 Fällen von 26 Operierten, über welche Lichtenstern Auskunft erteilt, der 
aum Teil recht späte Eintritt der Besserung und die Ungewißheit über die Dauer 
dieser. 

Immerhin ist — dies soll nicht geleugnet werden — die Arbeit Lichten- 
sterns eine sehr verdienstliche, der erste Schritt auf einer Bahn, die noch zu 
weiteren bedeutungsvollen Ergebnissen führen mag^). 



^) Von sonstigen gUnstzgeoi Erfahrungen mit der Steinaohschen Operation bei Menschen 
wollen wir hier nur erwähnen« dafi Lery-Lenz und Schmidt in vier FftJlen flbenftaohend 
BchneUe Verjüngung enielten» doch ist über die Dauer des Erfolgee nichts bekannt. 

Andererseits k&men wir nicht unterlassen^ auf dne Hitteilung Mendels zu yerweisen, 
nach welcher bei einem Üljfthrigen Manne wegen Senium praecox nach Versagen aller andcnn 
Mittel die Steinaohsche Operatic»! ausgeführt wurde. Im Anschlufi ao den Eingriff tratet 
bei dem Patiaitoi schwere psychische Störungen auf, welche seine Überführung in eine 
Anstalt nötig machten» in welcher er alsbidd starb. 



DiO-dJco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV Of CALIFORNIA 



vm. 

Die sexuelle Abstinenz beim Manne 



Wenn wir den Einfluß der sexuellen Enthaltsamkeit auf das Nervensystem 
studieren wollen, müssen wir, um schwerwiegende Irrtümer zu vermeiden, auf 
die Verhältnisse sorgfältig Rücksicht nehmen, unter welchen die Abstinenz statt- 
hat. Wir haben nicht bloß Älter, Geschlecht, sexuelle und nervöse Konstitution, 
äußere Lebensverhältnisse und Lebensweise des Individuums, sondern auch 
etwa gleichzeitig auf das Nervensystem einwirkende Schädlichkeiten in Betracht 
zu ziehen. Im folgenden werden wir uns zunächst mit dem Einflüsse der Ätstinenz 
bei Männern beschäftigen. 

Bevor wir der vorhegenden Frage näher treten, müssen wir feststellen, was 
wir unter sexueller Abstinenz verstehen. Die Ansichten hierüber gehen zum Teil 
weit auseinander, und die Zahl der aufgestellten Definitionen ist in neuerer Zeit 
erheblich angewachsen. Wir müssen auf eine Kritik derselben hier verzichten 
und uns auf die Erklärung beschränken, daß nach unserer Auffassung unter 
sexueller Abstinenz die Enthaltung von jeder willkürUchen, auf Befriedigung 
sexueller Bedürfnisse abzielenden Tätigkeit zu verstehen ist. Sie schließt also 
die Enthaltung von Masturbation ebensowohl wie von sexuellem Verkehr ein. 
Die Enthaltung kann zeithch sowohl, als ihrem Grade nach verschieden sein, 
und wir müssen daher mehrere Arten sexueller Abstinenz unterscheiden: 

a) eine absolute und dauernde oder wenigstens lange Zeit nach der Pubertät 
fortgesetzte ; 

b) eine relative, d. i. Enthaltung von einer den sexuellen Bedürfnissen einiger- 
maßen entsprechenden sexuellen Betätigung; 

c) eine temporäre, d. i. kürzere oder längere Zeit (Monate und Jahre) nach 
Vorhei^ang regelmäßigen Geschlechtsverkehrs geübte. 

Der relativen Abstinenz können daher auch Fälle mit selten geübter Onanie, 
sog. Notonanie, zugerechnet werden; dagegen müssen die Fälle, in welchen bei 
dauerndem Verzicht auf sexuellen Verkehr Masturbation häufig mit oder ohne 
gesundheitliche Nachteile stattfindet, aus dem Gebiete der Abstinenz ausscheiden. 

Wenn man von sexueller Abstinenz bei Männern spricht, darf man vor allem 
die Tatsache weder außer acht lassen, noch verschleiern, daß die Zahl derjenigen 
Männer nicht erheblich ist, welche bis in das reife Mannesalter jeden sexuellen 
Verkehr meiden und dabei auch Selbstüberwindung genug besitzen, um auf 
abnorme Befriedigung ihrer geschlechtUchen Bedürfnisse zu verzichten. Manche 
neuere Autoren sind in ihren Ansichten bezügUch des Vorkommens absoluter 
Abstinenz noch viel pessimistischer. Gyurkovechky erachtet dieselbe für eine 






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68 Die Bexuelle Abstinenz beim Manne. 

solche Seltenheit, „d&Q darüber gar nicht wert ist, zu sprechen"; die sogenanuten 
Keuschen hält er „mit sehr, sehr geringen Ausnahmen für Onanisten". 

Eulenburg^) will, soweit akademisch gebildete Männer in Betracht kommen, 
diejenigen, welche während ihrer ganzen Studienzeit und darüber hinaus (bis zum 
30. Jahre) in sexueller Abstinenz verharren, auf kaum ö^/o veranschlagen, und 
er glaubt, daß die Erfahrungen bei jungen Kaufleuten, Künstlern, Handwerkern 
und städtischen Arbeitern nicht für ein günstigeres Frozen tverhältnis sprechen. 

Bohleder') erklärt eine tTotalabstinenz bis in die Mitte der 20er oder in 
die 30 er Jahre für einen unmöglichen Zustand, ja für einen physiologischen 
Nonsens, hält aber auch die nach seiner Ansicht allein mögliche temporäre Ab- 
stinenz für eine recht seltene Erscheinung. 

Wenn ich nach meinen Erfahrungen den von den angeführten Autoren ver- 
tretenen Pessimismus nicht völlig teilen kann, muß ich zugleich zugeben, daß 
die Bedeutung, welche man der nicht allzu großen Seltenheit andauernder Ent- 
haltsamkeit *) zuschreiben könnte, durch einen Umstand nicht unerhebhch herab- 
gedrückt wird. Schon Lalle mand sprach sich dahin ans, daß diejenigen, welche 
in Handlungen und in Gedanken dem Ideale der Keuschheit am meisten sich 
nähern, deshalb keineswegs als Muster sittlicher Vollkommenheit zu erachten 
sind. „Eine solche voUlttjmmene Tugend liegt nicht in der menschUchen Natur, 
oder, um genauer zu sprechen, es ist dies überhaupt keine Tugend; denn in allen 
diesen Fällen fand kein heftiger Kampf, kein dauerndes Eingen statt ; wenn sich 
etwas dergleichen zeigte, so war die Versuchung so schwach, daß man sich eines 
Sieges gar nicht hätte rühmen können. Wenn es so leicht ist, sich so lange 
gut aufzuführen, so ist dies stets ein schlimmes Zeichen für die männliche Potenz." 

Lallemand mag die Bedeutung fester Grundsätze und eines energischen 
Willens für die Beherrschung der sinnlichen Triebe zu gering taxiert haben. Indes 
erklären auch neuere Autoren (Gyurkovechky, Fürbringer u. a.), daß die 
Enthaltsamen recht häufig von Hause aus mit abnorm geringem sexuellen 
Vermögen ausgestattet sind und daß „hier gerne aus der Schwäche eine Tugend 
gemacht wird". Ich kann dieser Auffassung nach meinen Wahrnehmungen im 
wesentlichen beipfüchten. Für den gesunden, geschlechtlich normal veranlagten, 
in der Vollkraft des Lebens stehenden Mann machen einerseits die Stärke des 
Naturtriebes, andererseits die fast überall sich bietende Gelegenheit zu sexuellem 
Verkehr den Kampf gegen das eigene Fleisch zu einer keineswegs leichten Auf- 
gabe, deren konsequente Durchführung, abgesehen von hygienischer Eegelung 
der Lebensweise, noch besondere geistige Hilfsmittel erheischt. Solche bilden 
in erster Linie religiöse Motive, in zweiter hygienische Bücksichten (Furcht vor 
Ansteckung), während rein ethische oder ästhetische Bedenken weit seltener den 
Ausschlag geben. 

Man könnte, um den Einfluß der Abstinenz bei einer größeren Gruppe von 
Personen festzustellen, zunächst die Gesundheits Verhältnisse des kathoÜschen 
Klerus in Betracht ziehen. Diese würden für eine nachteiUge Einwirkung der 
Abstinenz auf das Nervensystem im großen und ganzen jedenfalls nicht sprechen. 
Mir ist von besonderer Häufigkeit nervöser Erkrankungen beim kathoUschen 

^) Eulenburg: Die sexuelle Abstinenz und ihre Einwirkung auf die Qesundheit. Referat, 
erstattet in der 8. Jahres vereammlung der D. G. B. Q. 1911. 

*) Rohleder: Diskussion Über die Frage der sexuellen Abstinenz in der VIII. Jahres- 

Teisammlung der D. G. B. G. 1911. 

*) Ich habe dabei nur Fälle im Auge, in welchen die sexuelle Abstinenz bis in die dreißiger 
Jahre fortgesetzt wunle. 






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Die sexuelle Abstinenz beim l&nne. %d 

Klerus nichts bekannt geworden, und namentlich unsere Landgeisthchen erfreuen 
sich zumeist sehr rüstiger Nerven. Bei den katholischen Geistlichen, die im Laufe 
der Jahre wegen ihres Nervenzustandes meinen Bat einholten, war mit geringen 
Ausnahmen kein Anlaß zu der Annahme gegeben, daß die sexuelle Kontinenz 
als Ursache der vorhandenen nervösen Beschwerden eine Rolle spiele; es fanden 
sich zumeist genügende andere Veranlassungen. Die exzeptionelle Stellimg, 
welche der katholische Klerus einnimmt, gestattet uns jedoch nicht, das, was 
bezüglich des Einflusses der sexuellen Abstinenz bei demselben beobachtet wird, 
ohne weiteres auf andere Kreise zu übertragen. Der kathohsche Geistliche wird 
zumeist schon in früher Jugend für seinen künftigen Beruf ausersehen und dem- 
entsprechend seine Erziehung und sein Verkehr in einer Weise geleitet, welche 
der Unterdrückung sexueller Regungen mÖgUchst förderlich ist. Dieses Moment 
fehlt bei der großen Mehrzahl der in anderen Berufen tätigen und für solche sich 
vorbereitenden Männer. Das Weib bildet hier nicht physisch und psychisch das 
absolute Noli me tangere; Erziehung, Verkehr, Lektüre, Beschäftigung bilden 
keinen Danun gegen die natürliche Entwicklung des Sexualtriebes; ja, wir können 
nicht leugnen, daß manche Einrichtungen und Erzeugnisse unseres modernen 
Kulturlebens, deren Einwirkungen sich ein gebildeter junger Mann kaum ent- 
ziehen kann — Bälle, Theater, Romanliteratur, Kunstwerke usw. — entschieden 
geeignet sind, schlummernde sinnliche Regungen wachzurufen. Trotz alledem 
muß ich konstatieren, daß bei gesunden, nicht neuropathisch veranlagten Männern 
mit normalem Geschlechtstriebe völHge Abstinenz (jedenfalls bis in die 30er Jahre) 
ohne Schädigung des Nervensystems möglich ist, und daß die Durchführung 
derselben auch keineswegs immer zu jenen schweren Seelenkämpfen führen muß, 
die sich in manchen Heihgenlegenden und Erzählungen jüngeren Datums berichtet 
finden. 

Man könnte indes daran denken, daß es sich bei den Individuen, für welche 
die anhaltende sexuelle Abstinenz keine schwere Bürde bildet, um mangelhafte 
Entwicklung des Sexualtriebes infolge angeborener Veranlagung handelt. Diese 
Annahme trifft jedoch nach meinen Erfahrungen nur für einen Teil der betreffenden 

Männer zu. 

Die Individuen mit mangelhaftem Sexualtriebe verhalten sich meist indifferent 

gegen das weibliche Geschlecht — die ausgesprochenen Weiberfeinde gehören 
wohl zum größten Teile hierher — und bekunden im Falle der Verheiratung den 
bei ihnen bestehenden Mangel dadurch, daß sie die eheliche Pflicht nur sehr selten 
leisten. Unter den Männern meiner Beobachtung, die vor ihrer Verheiratung 
abstinent lebten, befinden sich jedoch auch solche, die weder vor noch nach der 
Eheschüeßung ein für mangelhafte Entwicklung des Sexualtriebs sprechendes 
Verhalten zeigten und trotzdem die Abstinenz im großen und ganzen ohne erheb- 
hche Beschwerden ertrugen. Es handelt sich dabei um Männer von sehr nüchterner, 
arbeitsamer Lebensweise, welche durch ihre Berufstätigkeit ganz und gar in An- 
spruch genommen wurden. 

Ziehen wir das Lebensalter in Betracht, so ergibt sich aus meinen Beobach- 
tungen, daß bei Männern imter dem 24. Jahre jedenfalls seltener nennenswerte 
Belästigungen infolge der Abstinenz erwachsen, als bei solchen im Alter von 
25 — 35 Jahren, den Jahren voller Manneskraft und voller sexueller Leistungs- 
fähigkeit. Auch bei diesen letzteren nehmen, wenn nicht gleichzeitig andere 
Schädlichkeiten auf das Nervensystem einwirken, die durch die Enthaltsamkeit 
allein bedingten Störungen nur selten einen Charakter an, der zu ärztlichem Ein- 
greifen Anlaß gibt. Zumeist handelt es sich um vermehrte Pollutionen, lästige 



Diomzco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV OF CALIFORNIA 




70 Dio aexueUe Abetinens beim Uume. 

Gefühle im Bereiche der Samensfxänge, der Hoden and des Dammes (Samen- 
koller), Zustände allgemeiner Erregtheit, leichtere gemätliohe Depression imd 
insbesondere eine mehr oder minder aasgesprochene sexuelle Hyperästhesie. Der 
Anblick an sich unverfänghcher Dinge erweckt sinnliche Vorstellungen, und 
Gedanlcen sexuellen Inhalts dr&igen sich in unhebsamer Weise in den Verlauf 
der Ässoziationstätigkeit. Die Neigung zum Abschweifen der Assoziation auf 
sexuelles Gebiet kann zeit-weiUg einen Grad erreichen» daß die geistige Arbeit 
mehr oder weniger erschwert wird. Von in den SOer Jahren stehenden Männern, 
die in vollständiger oder relativer Abstinenz lebten, vernahm ich mehrfach auch 
Klagen über zeitweilige kongestive Anwandlungen (Schwere und Völle im Kopfe, 
leichte Schwindelanfälle), welche Beschwerden sie selbst mit der Nichtbefriedigung 
ihrer sexuellen Bedürfnisse in Verbindung brachten. 

Wichtiger als das Lebensalter sind *die konstitutionellen Verhältnisse des 
Individuums. Wie bereits erwähnt wurde, besitzen wir eine von der Allgemein- 
konstitution unabhängige sexuelle Konstitution, deren Elemente in den Einzel- 
fällen weitgehende Unterschiede zeigen. 

Bei Prüfung aller in Betracht kommenden Verhältnisse hat sich mir ergeben, 
daß sich in der Breite des Normalen eine Mehrzahl gegensätzücher Konstitutions- 
typen unterscheiden läßt. Diese sind sämtlich in einer Beihe von Abstufungen 
vertreten, die zu einem die Cregensätze verbindenden Mittelzustande fuhren. 
Die angenommenen, der Norm noch angehörenden Konstitutionspaare sind 
folgende : 

a) eine robuste und eine scbwächhche Sexualkonstitntion; 

b) eine erethische und eine torpide; 

c) eine libidinöse und eine frigide; 

d) eine plethorische und eine anämische '). 

BezügUch der Charaktere dieser einzelnen Konstitutionen muß ich auf die 
angeführte Arbeit verweisen und hier auf die !^merkung nnch beschränken, 
daß, wie schon aus den Bezeichnungen hervorgeht, für das erste Konstitations- 
paar die sexuelle Leistungs- und Widerstandsfähigkeit, für das zweite die sexuelle 
Erregbarkeit, für das dritte die sexuelle Bedürftigkeit, für das vierte der nutritive 
Zustand des Sexualapparates bestimmend ist. Es bedarf keiner langen Ausführung, 
daß diese verschiedenen Konstitutionstypen für die Folgen der sexuellen Ab- 
stinenz von großer Bedeutung sind. Die erethische, die Ubidinöse und die pletho- 
rische Konstitution begünstigen entschieden das Auftreten von Gesundheits- 
störungen bei Abstinenten; sie schließen also gewissermaßen eine Disposition 
zu solchen in sich. Bei der torpiden, frigiden und anämischen Konstitution ist 
das Gegenteil der Fall, insbesondere gilt dies für die beiden ersteren. 

Etwas schwieriger ist die Beurteilung des Einflusses der robusten und der 
schwächlichen Sexualkonstitution. Daß erstere das Ertragen der Abstinenz 
nicht leicht macht, mag ohne weiteres zugegeben werden; ob sie aber zum Ent- 
stehen von Abstinenzkrankbeiten disponiert, muß vorerst dahingestellt bleiben. 
Bei schwächlicher Sexualkonstitution läßt sich über die Folgen der Abstinenz 
nur das eine mit Sicherheit annehmen, daß lange fortgesetzte absolute geschlecht- 
liche Enthaltsamkeit ungünstig auf das sexuelle Vermögen wirkt. 

^) Neben den Abstufungen der angeführten Konstitution«! existieren such Koinbination«i 
derselben, z. B. eine robust-libidinöee, erethisch-libidinJiee, schw&ohlich-aniniiBche, frigid- 
an&mische Konstitution. 






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Die sezueUe AbBtinenz beim Matmc. 71 

Bei dieser Konstitution ist die Übung der sexuellen Tunktionen von einer 
gewissen Altersperiode wenigstens an nötig, wenn die sexuelle Leistungsfähigkeit 
nicht allzuweit herabsinken soll. 

Von Wichtigkeit ist nun die Frage, wie es sich mit der derzeitigen Verbreitung 
dieser Konstitutionsformen verhält. 

In dieser Beziehung muß zunächst bemerkt werden, daß die einzelnen 
Konstitutionsformen bei beiden Geschlechtem nicht gleichmäßig vertreten sind. 

Bei Männern der gebildeten Klassen, auf die allein meine Erfahrungen sich 
beziehen, ist gegenwärtig die erethische Konstitution reichlich vertreten, auch 
die übidinöse und die schwächliche Konstitution finden sich ziemlich häufig, 
die frigide und torpide dagegen seltener. Das gleiche gilt für die ausgesprochen 
anämische und plethorische sowie die robuste Konstitutionsform, 

Wir haben es also bei den Männern der ermähnten Klassen mit einem Über- 
wiegen der ungünstigen, d. i. die Entstehung von Gesundheitsstörungen im Gefolge 
der Abstinenz begünstigenden Konstitutionsformen zu tun, was auch mit den 

Erfahrungen Freuds übereinstimmt, der sich dahin aussprach, „daß <lie Mehrzahl 
der unsere Gesellschaft zusammensetzenden Personen der Aufgabe der Abstinenz 
konstitutionell nicht gewachsen ist*'. Daß dieses Überwiegen der ungünstigen 
Konstitutionen lediglich auf angeborener Veranlagung der betreffenden Individuen 
beruht, läßt sich nicht behaupten. In einem erhebhchen Teile der Fälle handelt 
es sich allem Anschein nach um Folgen sog. Jugendsünden. 

Von ähnlicher Bedeutung wie die sexuelle ist die nervöse Konstitution für 
die gesundheitUchen Folgen der Abstinenz. Eine gute nervöse Konstitution er- 
leichtert zweifellos das Ertragen der Abstinenz, während die neuropathische 
Disposition im allgemeinen wenigstens eher von gegenteiliger Wirkung ist. Damit 
soll jedoch nicht gesagt sein, daß bei neuropathisch Disponierten die Abstinenz 
zu ungünstigeren gesundheitlichen Folgen führen muß, als bei Individuen mit 
normalem Nervenzustande . Es erklärt sich dies daraus, daß die Beziehungen 
der neuropathischen Disposition zu den verschiedenen Sexualkonstitutionen bei 
beiden Geschlechtem sehr wechselnder Natur sind. Die fragliche Disposition 
kann sich ebensowohl mit Formen der Sexualkonstitution verknüpfen, welche 
die Entstehung von Abstinenzkrankheiten begünstigen, als mit solchen von gegen- 
teiligem Einflüsse. Letzterem Verhalten begegnen wir insbesondere bei Frauen, 
ersterem bei Männern. Bei diesen ist die neuropathische Disposition zumeist mit 
erethischer, schwächhcher oder hbidinöser Konstitution vergesellschaftet, nament- 
hch den beiden ersteren. 

Neben den im vorstehenden angeführten Momenten, Lebensalter und Kon- 
stitution, sind für den Einfluß der sexuellen Abstinenz auf den Gesundheitszustand 
auch die Lebensverhältnisse des Individuums von erheblicher Bedeutung. Alle 
Umstände, welche geeignet sind, die Libido zu erhöhen und die Widerstandsfähig- 
keit des Nervensystems herabzusetzen, erschweren das Ertragen der Abstinenz 
und begünstigen das Auftreten ausgesprochen krankhafter Folgezustände der- 
selben, unter welchen die Neurasthenie die Hauptrolle spielt. Als solche Momente 
müssen hier erwähnt werden : Üppige Ernährung bei mehr sitzender Lebensweise, 
wodurch der Blutzufluß zu den GenitaUen und den unteren Rückenpartien ver- 
mehrt wird, reichÜcher Alkoholgenuß, habituelle Obstipation, Mangel regel- 
mäßiger Beschäftigung, Lektüre von Bomanen mit sinnlich erregenden Schilde- 
rungen und anderen pornographischen Literaturerzeugnissen, Besuche von Tingel- 
Tangel-Vorstellungen mit den bekannten, auf Sinnlichkeit berechneten Dar- 
bietungen, anhaltender intimer Verkehr mit Angehörigen des anderen Geschlechts, 






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72 Die sexuelle Abatinoiz beim Manne. 

wie ihn z. B. längere Yerlobungszeit bedingt, endlich ganz besonders die direkte 
sinnhche Erregung ohne Befriedigung (frustrane Erregung) ^). 

Andererseits sind verschiedene Umstände geeignet, die durch die Abstinenz 
bedingten Belästigungen erheblioh zu beschränken und selbst ganz zu beseitigen: 
MeiduDg sinnhch erregenden Umganges jeder Art, schlüpfriger Lektüre und der- 
artiger Schaustellungen, frugale Ernährung, sehr mäßiger Genuß und noch besser 
gänzliche Enthaltung von geistigen Getränken, körperUcbe Abhärtung und reich- 
liche Bewegung, ganz besonders aber die volle geistige Hingabe an die Anforderungen 
und Interessen eines Berufes. Zwei französische Autoren, Grimand de Gaux 
und Martin St. Ange glaubten, speziell mathematische Studien als ein wirk- 
sames Mittel zur Unterdrückung übermäßigen sexuellen Dranges empfehlen zu 
dürfen. Pen gleichen Dienst leisten jedoch im allgemeinen jede intensive und 
andauernde, das Interesse voll in Anspruch nehmende geistige Beschäftigung 
und noch mehr regelmäßige, anstrengende körperliche Übungen. 

£s läßt sich eben nicht verkennen, daß das G^ietz der Akkommodation an 
gegebene Anforderungen für das Sexualsystem wie für andere Körperoi^ane gilt. 
Die Funktionsfähigl^it der Nervenzentxen, Muskeln und Drüsen wird durch 
ein gewisses Maß von Inanspruchnahme günstig beeinflußt. So wird auch durch 
einen mäßigen geschlechtlichen Verkehr die Tätigkeit der samenbereitenden 
Oigane angeregt, die sexuelle Leistungsfähigkeit unterhalten und gefördert, hier- 
mit aber auch das Bedürfnis geschlechtUchen Verkehrs gesteigert; andererseits 
wirkt anhaltende Abstinenz im Laufe der Zeit jedenfalls auf die Spermaproduktion 
(trotz zeitweiligen Auftretens häufigerer FoÜutionen), wahrscheinhch auch auf 
die Produktion der Ubidogenen * Stoffe und hiermit auf das sexuelle Verlangen, 
die Libido, beschränkend, sofeme nicht geschlechtlich erregende Momente gleich- 
zeitig einen Einfluß in entgegengesetzter Bichtung äußern. Deshalb kann es nicht 
befremden, daß bei jüngeren Männern, welche nach längerer Übung regelmäßigen 
Geschlechtsverkehres aus irgendwelchen Gründen zu gänzHcher Enthaltsamkeit 
für längere Zeit genötigt sind, in der ersten Zeit der Entbehrung etwas erheblichere 
Molesten sich einstellen als bei solchen, die im Zustande anhaltender Abstinenz 
leben. Indes nehmen diese Belästigungen bei vöIUg gesunden Männern und zweck- 
mäßiger Einrichtung der Lebensweise gewöhnlich keinen ernsteren Charakter an ; 
sie reduzieren sich vielmehr allmählich auf das Niveau der Vorkommnisse bei 
anhaltender Abstinenz ; die Akkommodation an die neuen Verhältnisse kann sogar 
schheßlich, wie eine Beobachtung von Gyurkovechky ■) zeigt, zu einer Ver- 
ringerung der Potenz führen. 

Im vorstehenden habe ich im wesentlichen meine eigenen Erfahrungen 
berücksichtigt. Die populären Ansichten über die Vor- und Nachteile des Ver- 
zichtes auf geschlechtlichen Verkehr gehen auseinander. 

tm Altertum schrieben sowohl Hellenen als Bömer der sexuellen Abstinenz 
der Jünglinge einen entschieden günstigen Einfluß auf die körperliche Entwickltmg 
und Leistungsfähigkeit zu. Sehr bemerkenswert ist in dieser Beziehung das Zwie- 
gespräch, welches Aristophanes in seinem Lustspiele ,, Die Wolken" den Ge- 

'} T. Krafft-Ebing fand unter 114 Fällen von Neuiasthenia sezualia IBmal frustrane 
^rregaag als Ursache. 

') Gyurkoveohky erw&hnt, daß die ÖsterreiobiBchen OffisicEre, welche den boenischoi 
Feldzug mitgemacht hatten imd nach ihrer Rückkehr infolge der langen Entbehrung sexueller 
GtenÜBse sich zu besonderen geschlechtlichen Leistungen befähigt glaubten, in dieser Hinsicht 
«ine große Enttäuschung erlebten; ihre Potenz erwies sich entschieden r^ringert und eriwlte 
sich erst allmählich. 



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"Diß sexuelle Abstinenz beim Ibnne. 73 

rechten mit dem Ungerechten fähren läßt. Der Gerechte schildert hier den in 
einfacher Lebensweise erzogenen, in sexueller Abstinenz lebenden Jün^ing als 
Master von Kraft und Gesundheit, den Unkeuschen dagegen als Schwächling 
mit bleichsüchtiger Farbe, schwindsüchtiger Brust und mit großem Membrum. 
Im alten Born wurde die sexuelle Abstinenz als ein Erfordernis der athletischen 
Ausbildung betrachtet; „abstinuit vino venereque", berichtet Horaz vom Wagen- 
kämpfer. Die alten Germanen legten nach den Schilderungen, die uns ^Tacitus 
geliefert hat, Gewicht darauf, daß die jungen Leute erst spät zum Liebesgenusse 
gelangten. Tacitus bringt die inexbausta pubertas seiner germanischen Zeit- 
genossen mit dieser sera juvenum Venus in Zusammenhang. Diejenigen, welche 
die geschlechthche Abstinenz in hygienischer Beziehung schlechterdings für eine 
Sdbädlichkeit erachten — und deren Zahl ist gegenwärtig noch eine sehr große — 
berufen sich gerne auf die bekannten Worte Luthers, mit welchen dieser das 
Bekämpfen des Naturtriebes als Unnatur bezeichnet, oder die Äußerungen Buddhas 
über den Creschlechtstrieb. Allein auch die Anschauungen, denen man in den 
Kreisen der Ärzte und Hygieniker über den gesundheitlichen Einfluß der sexuellen 
Abstinenz huldigt, sind zum Teil noch sehr widersprechend; auf der einen Seite 
wird andauernde Enthaltsamkeit unter allen Umständen als gesundheitsschädUch, 
auf der anderen Seite unter allen Umständen als das für den unverheirateten Mann 
moralisch und h^^enisch Zutri^Uchste bezeichnet. Die Fülle der Publikationen, 
welche in den letzten Jahren sich mit der sanitären Bedeutung der sexuellen 
Abstinenz beschäftigten, hat diese Meinungsverschiedenheiten nicht beseitigt oder 
abgeschwächt, sondern vielfach in voller Schärfe zutage treten lassen. Es ist 
dies eine Folge des Umstandes, daß Gregner wie Verfechter der Abstinenz sich 
nicht von einem gewissen Übereifer frei zu halten wußten, der sie an einer streng 
objektiven Würdigung der vorliegenden Tatsachen verbinderte. 

Von älteren Ärzten, welche die unbedingte Schädhchkeit der Abstinenz 
vertreten, ist hier insbesondere Lallemand zu nennen. „Eine absolute Keusch- 
heit", bemerkt dieser Autor, „ist früher oder später selbst jenen schädUch, die 
sie mit Leichtigkeit ertragen." Spermatorrhöe imd Lnpotenz bilden nach Lalle- 
mand die gewöhnliche und notwendige Folge der Enthaltsamkeit; bei Personen 
mit sehr energischen Zengun^organen soll bei zu langer Andaner al^oluter Ent- 
haltsamkeit früher oder später der Oi^anismus in eine allgemeine Aufregung 
geraten, „die sich auf das Gehirn fortsetzend bis zum erotischen Wahnsinne gehen 
kann". Von Autoren der Neuzeit stellt Gyurkovechky die Kontinenz hinsicht- 
lich ihrer schädhchen Wirkungen auf eine Stufe mit den sexuellen Exzessen. 
Hammond spricht von Fällen, in welchen die Abstinenz, in abnormer Weise 
durch rehgiöse Gesetze oder durch Aberglauben veranlaßt, im Laufe der Zeit 
zu dauernder Impotenz führt. Nach v. Schrenk-Notzing kann erzwungene 
Abstinenz die Willensfreiheit gefährden und zu Satyriasis und Perversitäten 
des geschlechthchen Handelns führen. Freud wies auf die sexuelle Abstinenz, 
insbesondere bei erbebUcher Libido, als eine Ursache der neurotischen Angst- 
zustände hin; dieser Auffassung ist Gattel auf Grund einer Anzahl von Beobach- 
tungen in dem v. Krafft-Ebingschen Ambulatorium beigetreten. 

In den letzten Dezennien haben sich die Mitteilungen über Gesundheits- 
störungen als Folgen sexueller Abstinenz in einer Weise gehäuft, daß wir hier 
nur die beachtenswertesten berücksichtigen köimen. 

Vor allem kommen hier die Erfahrungen Erbs in Betracht. Der Autor betont, 
daß die sexuelle Kontinenz je nach Entwicklung des Sexualtriebes sehr ver- 
schiedene Wirkungen äußert. Während die sogenannte Naturae frigidae dieselbe 



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74 Die sexuelle Abstinoiz bpün SUime. 

außerordentlioh leicht und ohne alle üblen Folgen ertragen, können gesunde 
Männer mit regem Qeschleohtstriebe nach seiner Erfahrung durch die Enthaltsam- 
keit geschädigt, jedenfalls sehr belästigt und in ihrer psychischen Leistungs- 
fähigkeit, Ai^beitslust und Stimmung entschieden beschränkt werden. „Zweifellos 
aber gilt dies in höherem Grade für neuropathisch belastete Individuen, deren 
Zahl ja außerordenthch groß ist; dieselben sind häufig von Hause aus mit einem 
besonders regen Geschlechtstrieb ausgestattet und leiden durch dessen anbe- 
friedigte Anforderungen durch Pollutionen, Zwangsonanie, Störung der Nacht- 
ruhe und der Arbeitsfähigkeit, auch durch die Entwicklung der verschiedenen 
Formen „sexueller Neurasthenie" in hohem MaBe." 

Jastrowitz erwähnt, daß nach seinen Erfahrungen sowohl in der Jugend 
wie in der mannbaren Periode durch erzwungene Enthaltsamkeit leichtere und 
schwerere Verstimmungen entstehen, die bei Veranlagung Lebensüberdruß erzeugen 
können. Der Autor, welcher sich Erbs Ansichten völlig anschließt, weist auch 
auf die in früheren Zeiten berüchtigte Premierleutnants- und Assessorenmelancbohe 
und Hypochondrie hin, die sich bei den Betreffenden erst mit der Gründung 
eines eigenen I^usstandes und regelmäßiger Befriedigung ihrer geschlechtUchen 
Bedürfnisse verloren. 

Bohleder^), welcher, wie wir sahen, nur eine Abstinentia sexuaüs partialis 
oder temporahs für mögUch und auch diese für selten hält, erklärt nach längeren 
Auseinandersetzungen, daß sie zwar Ursache verschiedener Störungen werden 
kann, daß diese aber nur voriibei^ehender Natur, wenn auch zuweilen länger 
anhaltend sind. Es handelt sich „hauptsächlich um allgemeine neurasthenische 
Beschwerden der verschiedensten Art, insbesondere sexualneurasthenische, die 
bis zu Tagespollutionen, Ejaculationes praecoces, selbst bis zu satyriatiscben, 
bei Frauen bis zu Hysterie, Hjrsteroepilepsie und nymphomanischen Erscheinungen 
führen können*'. Organische Veränderungen im Bereiche des Sexualapparates 
(Orchitis usw.), über welche von einzelnen Autoren berichtet wurde, hat Boh- 
leder als Folgeerscheinung der Abstinenz nie beobachtet. 

Ein recht trübes, man könnte fast sagen gruseUges Bild von den gesund- 
heitlichen Folgen der Abstinenz entwirft Stekel: „Da gibt es Schlaflose, die sich 
unruhig, schweißbedeckt auf ihrem Pfühl wälzen und aus schreckUchen Angst- 
traumen mit Herzklopfen erwachen; da gibt es Willensschwache, Zerstreute, 
zu jeder Arbeit Unfähige; da gibt es welche, die den Weg zum Weibe verloren 
haben, und die in ewigem Schrecken vor den Scheinen des Gesetzes leben; endUch 
die Unglückhchsten aller UnglückUchen, die infolge der Enthaltsamkeit zur Liebe 
unfähig geworden sind. Nicht zu vergessen die Autoerotisten, die auf Mann und 
Weib verzichten können, ja verzichten müssen, weil sie sich selber je nach Bedarf 
Mann und Weib sind. Und endlich die wenigen GlückUchen, denen es gelungen 
ist, den Geschlechtstrieb zu sublimieren und ihn in Interesse für Kunst, Sport, 
PoUtik und in Sammelwut umzuwerten. Endlich die weltfremden Träumer, 
denen aus der Askese die Wollust erwächst, denen „Versagen" soviel wie „Ge- 
währen" bedeutet. 

Sie sind fast alle aus Angst vor den Geschlechtskrankheiten zu geistigen 
Krüppeln geworden." 

„Gesundheit", schheßt der Autor, „als Folge der Abstinenz ist leider nur 
die Ausnahme. Die Regel ist die Neurose *)." 

1) Rohledcr: Die AbBtinentia aexualis. Zeitschr. f. Sexualwissenschaft. 1908. S. 65i. 
(Wörtlich zitiert.) 

*) Stekel: Keuschheit und Gesundheit. S. 21. 



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Die aezuelle Abstinenz beim Manne. 75 



Eulenburg, welcher früher in der Frage der Abstinenakrankheiten einen 
sehr skeptischen (fast negierenden) Standpunkt einnahm, hat in seinem in der 
VIII. Jahresversammlung der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Ge- 
schlechtskrankheiten erstatteten Beferate sich bemüht, auf Grund seiner reichen 
Erfahrung eine kritische Übersicht über die sanitären Folgen der sexuellen Ab- 
stinenz für beide Geschlechter zu geben. Der Autor ist dabei zu Folgerungen ge- 
langt, welche von seinen früheren Anschauungen wesenthch abweichen. Er ist der 
Ansicht, daß von der Jugend bis zum 24. Jahre sexuelle Abstinenz im allgemeinen 
ohne nachteilige Folgen ertragen werden kann und daher auch als ihrem Interesse 
entsprechend gefordert werden darf ^). Den Gegnern und Verfechtern der Abstinenz 
gegenüber hält er die Einhaltung einer mittleren Bichtung für geboten. „Es ist 
von vornherein anzunehmeb", bemerkt er, „und wird auch durch die ärztliche 
Erfahrung — bei beiden Gesehlechtera — ausreichend bestätigt, daß längere 
oder gar lebenslängliche sexuelle Abstinenz für den einen verhältnismäßig leicht, 
für den anderen, wenn überhaupt, jedenfalls nur außerordentÜch schwer, unter 
recht harten Kämpfen und Akten der Selbstüberwindung und vielfach nicht ohne 
eingreifende Schädigung der gesamte^ FersönHchkeit durchführbar ist." 

BezügUch der Folgezustände zu lange fortgesetzter Abstinenz erwähnt 
Eulenburg, daß Impotenz nicht völlig auszuschüeßen sei, es sich aber nur um 
temporäre oder relative Impotenz handeln kann, die jedoch recht hartnäckig 
sein mag. Speziell weist er darauf hin, daß Männer, die bis in die 80er Jahre und 
darüber aus religiösen oder moralischen Gründen der Abstinenz huldigten und 
durch asketisches Leben die sinnhchen Begierden abzutöten sich bemühten, im 
Falle der Verheiratung sich nicht selten als impotent erwiesen. Mit Hodenatrophie 
hat dieses Unvermögen nichts zu tun. Bei bisexuell Veranlagten mag andauernder 
Verzicht auf heterosexuellen Verkehr der homosexuellen Neigung das Übergewicht 
verleihen (häufiger bei Frauen als bei Männern). Auch die Weiterentwicklung 
präformierter abnormer, insbesondere fetischistischer Neigungen kann durch die 
Abstinenz (nach Bulenburgs Erfahrungen) gefördert werden. Zu den schwersten 
und wichti^ten Folgeerscheinungen derselben gehört die Ausbildung psycho- 
neurotischer Zustände in den verschiedenen Formen der Neurasthenie, Hypo- 
chondrie, Hysterie, besonders der Angst- und Zwangsneurose, und derartige 
Folgezustände sind nach Eulenburgs eigenen Beobachtungen keineswegs 
selten. 

Am eingehendsten haben sich in neuerer Zeit mit den der sexuellen Abstinenz 
zuzuschreibenden Gesundheitsschädigungen zwei Autoren beschäftigt: Nyström 
und Max Marcuse. Die Angaben dieser Autoren, wenn auch in einzelnen Punkten 
voneinander abweichend, stimmen in der Hauptsache überein und gehen in mehr- 
facher Hinsicht über das hinaus, was von der großen Mehrzahl der Ärzte, welche 
das Vorkommen von Abstinenzkrankbeiten anerkennen, angenommen wird. 
Nach der Ansicht der beiden genannten Beobachter bilden Erkrankungen infolge 
sexueller Abstinenz ein sehr häufiges Vorkommnis, das von keiner Frädisposition 
irgendwelcher Art abhängt. Nicht nur Psychosen und Neurosen, Perversionen, 
Impotenz mit oder ohne Hodenatrophie, Spermatorrhöe und gehäufte Pollu- 
tionen, sondern auch organische Erkrankungen des Geschlechtsapparates [Orchitis, 



1) Die TOD Tenchiedenrai Seiten (auch in dem Merkblatte der D. Q. B. G.) aufgestellte 
Behauptung von der Unscb&dUchkeit der aeznellen Abstinenz ist nach d«n Autor auf gesunde, 
nicht paUiologisch veranlagte oder bereits nerrOs erknnkte Individuen und das Lebensalter 
zur vollen Bntwieklung einzuschränken. 



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16 IMe sexuelle Abetinmz beim Hahne. 

Epididymitis, Prostatitis bei Männern ^)] und Obstipation sollen der Abstinenz 
zur Last lallen. Besonders kommt aber der Umstand in Betracht, daß die beiden 
Autoren die Onanie lediglich als eine Folge der Abstinenz auffassen und alle 
Gesundheitsschädigungen, welche durch sie herbeigeführt werden, der Abstiaenz 
zuschreiben, wodurch begreiflicherweise das Schnldkonto dieser wesentlich ver- 
mehrt wird. 

Biese Auffassung der Onanie ist, wie wir hier voi^reifend bemerken müssen, 
entschieden irrtumUch. Es mag genügen, wenn wir an dieser Stelle auf folgende 
Umstände hinweisen: 

a) Die Masturbation wird häufig in einem Alter bereits begonnen, in welchem 
sexuelle Bedürfnisse noch nicht bestehen, von einer Abstinenz daher keine Rede 
sein kaim. 

b) In einem Teile der betreffenden Fälle wird sie in exzessiver Weise auch 
nach der Pubertät fortgesetzt und die Abstinenz, soweit solche besteht, ist dann 
vielfach die Folge, nicht die Ursache der Selbstbefriedigung, sofern durch diese 
Impotenz herbeigeführt und dadurch sexueller Verkehr unmögUch wird. 

c) Bei erhebhcher Libido wird häufig auch nach Einleitung des Geschlechts- 
Verkehrs (selbst bei häufiger Übung desselben) die Masturbation fortgesetzt*). 

d) EndUch kommt in Betracht, daB nicht nur vor den 20er Jahren, sondern 
auch nach diesen ein Aufgeben der Masturbation ohne Ersatz durch Geschlechts- 
verkehr möglich ist. 

M ar GUS e und Nys tr ö m sind nicht diejenigen, welche der sexuellen Abstinenz 
die schlimmsten Folgen zuschrieben. Von anderer Seite (H. L. Eisenstadt) 
wurden mit der Abstinenz die Basedowsche Krankheit, Krebs und Tuberkulose 
in Verbindung gebracht, Annahmen, auf die näher einzugehen, sich nicht verlohnt^. 

Der Eifer, mit welchem Stekel, Nyström und Marcuse für die gesund- 
heitUchen Gefahren der sexuellen Abstinenz eintraten, hat auf die Anschauungen 
der ärzthchen Kreise, soweit es bisher ersichtlich ist, nicht mehr Einfluß aus- 
geübt als seinerzeit die Ausführungen Lallemands. Diese hielten eine Beihe 
hervorragender englischer Ärzte, E. Miller, Acton, Beale, Paget, Cowers, 
nicht ab, mit Entschiedenheit zu bestreiten, daß der sexuellen Enthaltsamkeit 
ii^endwelche gesundheitsschädUche Folgen zukommen und sie als das für den 
Unverheirateten aus hygienischen wie moraUschen Gründen allein Empfehlens- 
werte hinzustellen. 

Die gleiche Auffassung vertrat der schwedische Arzt Seved Bibbing (Pro- 
fessor an der Universität Lnnd) in seiner Schrift über die sexuelle Hygiene, welche 
in Deutschland viel Verbreitung fand, und mit größter Entschiederdieit die medi- 
zinische Fakultät der Universität Ghristiania in einem 1888 erstatteten Gutachten *). 

Zu einer ähnUchen, wenn auch nicht so prononcierten Auffassung bekannten 
sich von deutschen Autoren Hegar und Färbringer (früher auch Euleuburg). 



^) Über das Vorkommen der hier angeführten Affektionen als Folgen der Abstinenz 
auch von anderen Ärzten (Pearoe Gould, Butgers, Waelsch u. a.) berichtet. Marcuse 
hält das Auftreten schmerzhafter Schwellungen von Hoden- und Samenstiftngen bei Abstinenten 
fttr ein sehr h&nfiges Vorkommnis, ebenso deren Verschwindni nach dem Aufgeben der Abstinenz. 
Die Natur diesear Anschwellungen (entzündlich oder nicht) will er dahingestellt sein lassen. 

') Es kommt dies aber auch bei nicht sehr erheblicher Libido und selbst noch in 
der £he vor. Ich habe Khem&nner kennen gelernt, welche die Masturbation der KohabitatJon 
mit der Gattin vorzogen, obwohl ihnen diese nicht unsympathisch war. 

') H. L. Eisenstadt: Verhandlungen der Vni. Jaluvsrersunmlnng derD. G. B. 0. 1911. 

') „Wir Lenneoi", heißt es in dem Sohiiftetttck, „keinen Fall von Krankheit oder Kränk- 
lichkeit, von den. man sagen könnte^ er sei durch ein rdnee, sittliches licben yeruisaoht worden." 






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sexuelle Ätwtinenz beim ]l£anne. 77 

Besonders bemerkenswert und bezeichnend für die AuEffusiing eines nicht 
geringen Teiles det ärztlichen Kreise in Deutschland ist die in dem Merkblatte 
der D. G. B. G. enthaltene, später abgeänderte Erklärung: „Enthaltsamkeit im 
geschlechtUchen Verkehr^) ist nach dem übereinstimmenden Urteil der Ärzte 
im Gegensatz zu einem viel verbreiteten Vorurteil in der Regel nicht gesund- 
heitsschädlich." 

Diese Auffassung fand in den folgenden Jahren immer wieder Vertreter: 
Neuberger und J. Meyer 1903, Sternthal 1906, von der Steinen und 
Fürstenheim 1907, Keumann 1910 und dürfte auch gegenwärtig in ärztlichen 
Kreisen noch manche Anhänger besitzen. 

Neben den im vorstehenden angeführten zwei Gruppen von Autoren, den- 
jenigen, welche der sexuellen Abstinenz mehr oder weniger zahlreiche gesund- 
heitsschädigende Wirkungen zuschreiben, und denjenigen, welche derartige Wir- 
kungen in Abrede stellen, haben wir noch die Auffassung einer dritten Gruppe 
von Ärzten in Bechnung zu ziehen. Es sind dies jene, welche zwar das Vorkommen 
von Gesundheitsstörungen als Folge der Abstinenz nicht ganz und gar leugnen, 
aber bezüglich der Art und Häufigkeit solcher Störungen sich einer unseres Er- 
achtens zu weit gehenden Skepsis hingeben (Touton*), Trömner und ins- 
besondere Naecke). 

Daneben kommt in Betracht, daß, wie aus dem im vorstehenden Mitgeteilten 
bereits ersichtlich ist, auch jene Autoren, welche die Bedeutung der sexuellen 
Abstinenz als Krankheitsursache durchaus nicht zu unterschätzen geneigt sind, 
in ihren Angaben über die einzeln von ihnen beobachteten oder überhaupt vor- 
kommenden Abstinenzleiden erhebhch voneinander abweichen. Übereinstimmung 
besteht nur, soweit nervöse und psychische Leiden in Betracht kommen, bezüglich 
der Neurasthenie, speziell der sexuellen Neurasthenie, und der neurotischen Angst- 
zustände als Folgen der Abstinenz, femer über das zeitweiUge Auftreten gehäufter 
Pollutionen und gewisser lokaler Beschwerden im Bereiche der Sexualorgane. 
Dagegen sind die Ansichten über einen kausalen Zusammenhang der sexuellen 
Abstinenz mit Psychosen, Perversionen, Impotenz und Sperma torrhöe, sowie 
organische Erkrankungen im Bereiche des Sexualapparates, wie wir sehen werden, 
sehr geteilt. Wir können hier darauf verzichten, auf die Ansichten jener näher 
einzugehen, welche jede Gesundheitsschädigung durch sexuelle Abstinenz in 
Abrede stellen. Diese Behauptungen beruhen lediglich auf Mangel eigener Er- 
fahrungen und Literaturunkenntnis, und die gute Absicht, die ihnen zugrunde 
hegen mag, kann ihnen keine wissenschaftUche Bedeutung verleihen. Dagegen 
können wir uns der Aufgabe nicht entziehen, im folgenden zuzusehen, für welche 
Art von Jjeiden die M(^hchkeit eines ursächUchen Zusammenhanges mit sexueller 
Abstinenz nach unseren eigenen Erfahrungen und dem derzeitigen Stande der 
Literatur anzunehmen ist. 



^) Enthaltsamkeit im geschlechtlichen Verkehr ist^hier wahrscheinlich als gleichbedeutend 
mit Enthaltung vom geschlechtlichen Verkehr angenommen. Die ärztlichen Leiter der D. G. B. G. 
kamen wohl zu der Einsicht, daß die in dem Merkblatt vertretene Auffassung der Abstinenz- 
frage nicht aufrecht zu erhalten sei und setzten dieses Thema daher auf die Tagesordnung der 
Dresdener Versammlimg im Jahre 1911. 

*) So verlangt Touton (Verhandlungen der VIII. Jahresversammlung der D. G. B. G. 
in Dresden) u. a. für den Nachweis einer Abstinenzkr&nkheit bei Mangel von Impotenz die 
Diagnoseexjuvantibus, d. h. den Nachweis der Heilung durch sexuellen Verkehr. Diese Forderung 
ist den Verhältnissen der Praxis gegenüber ganz und gar unhaltbar, da in vielen Etilen von 
AbstinMizleiden, namentlich beim weiblichen G«sch1echte, sexueller Verkehr (temporär odw 
dauernd) so gut wie ausgeschlossen ist. 






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78 Die sexuelle Abstinenz beim Manne. 

Zunächst soll hier über emige Fälle eigener Beobachtung in Kürze berichtet 
werden. 

Beobaehtong. 

Der Fall betrifft einen Ordensfrater, einen jungen Mann von 26 Jahren, dessen Gebaren 
im Laufe der Zeit so aulfaUend geworden war^ daß seine Ordensvorgesetzten sich veranlaßt 
sahen, mir denselben behufs ärztlicher Unteisuchung zuführen zu lassen. Der Patient, in dessen 
Gesichtazügen sich ein gewisser Stupor auspr&gte und der anfänglich sich sehr verschlossen 
und wortkarg zeigte, berichtete auf längeres eindringliches Befragen folgendes: Er ist von bäuer- 
licher Herkunft und schon sehr jung (mit 18 oder 19 Jahren) ganz aus freiem Antriebe, lediglich 
einer religiösen Neigung folgend, in das Kloster eingetreten, woselbst er vorzugsweise mit Garten- 
arbeit beschäftigt wurde. £r hat nie sexuellen Verkehr gepflogen, nie Masturbation geübt. In 
den ersten Jahren seines klösteriichen Lebens war sein körperliches Befinden und sein Gemüts- 
zustand ganz befriedigend. Seit längerer Zeit drängen sich jedoch in seine Gedankenwelt fort- 
während und zwar stetig zunehmend sexuell-sinnliche Vorstellungen, die eft als sündhaft erachtet 
und nach Kräften, aber vergebens, zurückzudrängen sich bemüht. Dieses unaufhörliche Bingen, 
die sich regenden sinnlichen Begehren zu imterdrücken, und die Seelenqualen, welche das stetig 
sich erneuernde Vordrängen der sündhaften Gedanken und die vermeintliche Schädigung seines 
Seelenheiles durch dieselben ihm bereiten, haben allmählich seinen Kervenzustand hochgradig 
alteriert imd tiefe gemütliche Depression bei ihm herbeigeführt. Er erschrickt und zittert bei 
dem geringfügigsten Anlasse, ist zur Arbeit fast unbrauchbar und menschenscheu geworden 
und meidet sogar den Verkehr mit seinen Ordensbrüdern soweit als möglich. Der Schlaf ist 
mangelhaft, er kann nur auf einem sehr harten Lager sich der ihn quälenden sinnlichen Vor* 
Stellungen einigermaßen erwehren; der Anblick eines weiblichen Wesens versetzt ihn in die 
höchste Aufr^ung. Dabei bestehen keine übermäßigen Pollutionen. Dieser krankhafte Zustand 
entwickelte sich trotz notgednmgen sehr frugaler Lebensweise und reichlicher Beschäftigung 
im Freien. Ererbte Anlage zu GeisteskranJdieiten ist bei dem Patienten nicht erweislich; doch 
ist derselbe wahrscheinlich von Hause aus nervenschwach. Da es sich um einen Laienbruder 
handelte, dem die Bückkehr in das weltliche Leben freistand, konnte ich bei dieser Sachlage 
mich nur dahin aussprechen, daß der Patient infolge seiner Konstitution sich zur Fortsetzung 
des klösterlichen Lebens nicht eigne; dem jimg^i Manne selbst erteilte ich den Bat, nach seinem 
Austritte aus dem Kloster eine Verheiratimg anzustreben. ^ 

Beobachtung. 

Herr L. , 30 Jahre alt, ledig, im subalternen Staatsdienst. Die Mutter des Patienten war 
melancholisch, starb 74 Jahre alt; der Vater noch lebend und angeblich gesund; 3 Geschwister, 
von welchen eine Schwester melancholisch. Im Alter von 13 Jahren eine Kopfverletzung durch 
einen herabfallenden Stein mit folgender Bewußtlosigkeit ; seitdem Schmerzeh an der betreffffliden 
Kopfstelle (rechtes Seitenwandbeln). Vor 8 Jahren, während- der Militärdi^istzeit, luetische 
Infektion, Masturbation früher viel geübt, jedoch seit mehreren Jahren bereits gänzlich auf- 
gegeben. Vor 2 Jahren Versetzung auf das Land. Seitdem trotz bedeutender Libido völlige 
sexuelle Abstinenz, teils wegen mangelnder Gelegenheit, teils wegen religiöser Skrupel» Die 
dienstlichen Verhältnisse nötigen den Patienten außerdem zu vielem Alleinsein. Unter dem 
Einflüsse dieser Momente entwickelten sich bei ihm allmählich hochgradige nervöse Reizbarkeit 
und gemütliche Depression mit Angstzuständen, namentlich beim Alleinsein, Kopfschmerzen, 
Schlafstörung, sexuelle Zwangsvorstellungen, zu welchen sich nachts bei mangelndem Schlafe 
öfters erotische Halluzinationen gesellen* Patient sieht eine nackte Frauengestalt vor 
sich oder neben sich im Bette, wodurch seine Aufregung erheblich gesteigert wird. Unter 
anstaltlicher Behandlung erfolgte alimählich Besserung. 

Beobachtung, 

Herr I. M,, Privatier, 43 Jahre alt, seit 19 Jahrrai verfieiratet, Vater von 2 Kindern» h»t 
erblich mütterlicherseits belastet (Mutter epileptisch). In den Kinderjahren Croup* Scharlach 
und andere Kinderkrankheiten, später keine schwere Erkrankung, auch keine Infektion, da- 
gegen Masturbation bis zum 18. Jahre. Seit 4 Jahren leidet Patient an nervösen Beschwerden, 
deren Auftreten er auf geüitige Überanstrengung und gemütliche Err^ungen zurückführt: 
Kreuzschmerzen, Gefühl von Biesein über den ganzen Körper, Ameisenkriechen an verschiedenen 
Stellen, große Empfindlichkeit für Geräusche usw. In neuerer Zeit macht sich oft ein Gefühl 
bemerklich, als ob ans der Mündung der Harnröhre Käfer herauskröchen, oder 






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Die Bexuelle Abstinenz beim Manne. 79 

als wenn die Mündung der Harnröhre sich schließen und wieder öffnen würde. 
Dieses Gefühl tritt namentlich gern auf, wenn sich Patient in Gesellschaft befindet, öfters 
stellt sich auch ein Gefühl ein, als ob das Glied immer kleiner und kleiner würde und 
sieh ganz in den Bauch zurückziehen wollte, während tatsächlich an dem Gliede nichts 
Besonderes zu bemerken war. Patient gerät in Aufregung, wenn er nackte weif>liche Figuren 
(Zeichnungen» Gips oder dgl.) sieht; dabei zuckt es durch den Penis, und es tritt mitunter eine 
geringe schleimige Absonderung auf. Auch förmliche Xagespollutionen sind schon aufgetreten, 
nächtliche Pollutionen steUen sich alle 3—4 Tage ein, 

Patient hat seit 10 Jahren auf jeden geschlechtlichen Verkehr verzichtet und zwar aus 
Schonung für seine Frau, welche bei dem letzten Kinde eine schwere Entbindung hatte. Diese 
Abstinenz fallt ihm gegenwärtig angeblich nicht mehr schwer, während sie anfänglich für ihn 
eine sehr harte Aufgabe bildete. 

Beobachtung. 

34jähriger Volksachullehrer vom Lande, ledig (erblich belastet). Hat bisher nach seiner 
Vä*sicherung weder sexuellen Verkehr, noch Masturbation aus religiösen Gründen geübt. Seit 
einer Anzahl von Jahren leidet er an zunehmender sexu^er Erregtheit, die sich anfänglich 
nur in der Schule älteren Schüleriimen g^enüber zeigte, in neuerer Zeit jedoch auch außerhalb 
der Schule beim Verkehr mit jüngeren weiblichen Personen jeder Art in so lästiger Weise sich 
geltend macht, dafi Patient diesen Verkehr mJ^Iichst meidet, weil er sich nicht mehr die nötige 
Selbstbeherrschung zutraut. Allmählich stellten sich unter der Einwirkung dieser sexuellen 
Hyperästhesie gemütliche Verstimmung, Angstzustände, Schlafmangel, andauernde Kopf- 
eingenommenheit ein, und di^e Beschwerden haben in letzter Zeit so zugenommen, daß Pati^it 
um Urlaub nachsuchen mußte. PoUutionen nicht abnorm häufig (etwa alle 14 Tage). Dem 
Patienten wurde zunächst ein Gebirgsaufenthalt und später Verheiratung empfohlen* 

Beobachtung. 

SOjähriger Beamter» ledig, erblich belastet; zeigte schon in den Knabenjahren Hang zu 
sexuellen Phantasien und eigab sich vom 11, oder 12. bis zum 17. I^bensjahre der Masturbation. 
Er entsagte dem Laster, nachdem er an nervösen Magenbeschwerden erkrankt und von dem 
Arzte auf das Schädliche seiner Gepflogenheit aufmerksam gemacht worden war. In der Folge 
stellten sich öfters zerebrasthenische Beschwerden ein, welche ihn jedoch nicht hinderten, seine 
Studien zu vollenden und später als Beamter seinen Obliegenheiten zu genügen. Sexuellen 
Verkehr übte er nur selten aus Furcht vor Ansteckung und seit 6 Jahren lebt er in völliger 
Abstinenz, Seit fast 3 Jahren wird Patient durch sinnliche Vorstellungen belästigt, welche 
sich in seine Gedanken eindrängen; seine Phantasie malt sich sexuelle Vorgänge, z. B. frühere 
Beütchlafsakte, aus, und er ist unfähig, sich von diesen Vorstellungen, deren Schädlichkeit er 
vÖUig einsieht, loszureißen; seit mehreren Monaten haben die sexuellen Zwangsgedanken so 
zugenonunen, daß ihm das Arbeiten hochgradig erschwert ist und sein ganzes Befinden danmter 
gelitten hat. Der Kopf ist beständig eingenommen^ und diese Eingenommenheit steigert sich 
bei geistigen Anstrengungen zu ausgesprochenen Kopfschmerzen, die von kongestiven Erschein 
nungen (Hitzc^eftthlen im Kopf, Schwindel usw.) begleitet sind. PoUutionen treten nur alle 
4 — Wochen auf und bewirken gewöhnlich für kurze Zeit ein Nachlassen des sexuellen Zwangs- 
denkens. Nach geistigen und körperlichen Anstrengungen öfters Verschleierung des Qesichtes, 
der Gemütszustand wechselnd, gewisse ZwangsbcJürchtungen, insbesondere Nosophobien (Angst 
vor Schlaganfällen, vor dem Irrsinnigwerden» Herzleiden, auch Furcht vor Unglücksfällen) 
machen sich sehr häufig geltend. Der Schlaf ist nur dann leidlich, wenn Patient stundenlang 
vor dem Zubettgehen geistige Anstrengung und Unterhaltung meidet. Bromgebrauch und 
später Behandlung in einer Wasserheilanstalt brachte Besserung* 

Was zunächst die Psychosen betrifft, so hat v. Krafft-Ebing^) darauf 
hingewiesen^ daß bei den Belasteten mit krankhaft gesteigertem Sexualtrieb 
erzwungene Abstinenz ernste Gefahren bezüglich der Entstehung von Nerven- 
und Geisteskrankheiten herbeiführen und durchaus antihygienisch sein kann. 
Nach diesem Autor kann hier als Folge der Unterdrückung des mächtigen Triebes 
ein allgemeiner nervöser Erregungszustand entetehen, aus dem aich bei längerer 
Andauer schwere Neurosen, Satyriasis (bei Frauen Nymphomanie), unter Üm- 

»,Über Neuroflen und Psychosen durch Abstinenz". Jahrbücher f. Psychiatrie. 8. Bd. 
1889. S. h 






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80 Die aexueUe Abettoeau beim Mume. 



standen selbst Psychosen entwickeln ^). Bas Material für derartige Beobachtungen 
ist indes, wie v. Krafft-Bbing zugibt, ein sehr beschränktes, da in dem Kampfe 
zwischen Sinnlichkeit und Vernunft die erstere in der Begel Siegerin bleibt und 
der Geschlechtstrieb alle Schranken der Sitte durchbricht oder wenigstens durch 
Masturbation befriedigt wird. 

Auch Forel'), der im übrigen geneigt ist, dem Gutachten der Christianiaer 
medizinischen Fakultät beizupfhchten, erklärt auf Grund seiner Erfahrungen, daß 
gewisse psychopathische und sexuell übererregbare Individuen durch ei^wungene 
Abstinenz zeitweilig in einen nervösen und psychischen Beizznstand geraten 
können, der sie geistes- oder nervenkrank macht. Forel hat dies nicht nur bei 
Männern, sondern auch bei Frauen beobachtet. In neuerer Zeit ist jedoch die große 
Mehrzahl der Psychiater wenig geneigt, der sexuellen Abstinenz in der Ätiologie 
der Psychosen einen Platz einzuräumen. Kräpelin, Gramer und Hoche ver- 
neinten auf eine Anfrage Jacobsohns das Vorkommen reiner Abstinenzpsychosen. 
Am entschiedensten hat Kaeoke sich gegen die Annahme gewendet, daß der 
sexuellen Abstinenz eine ursächliche Bedeutung für die Entstehung von Psychosen 
zukomme. „Psychosen'*, bemerkt er kurz und bündig, „als Folgen von sexueller 
Abstinenz sind auszuschUeßen. Kaum als Mitursache dürfte sie hier vorkommen^." 
In der Tat geben die von mehreren neueren Autoren (so von Butgers und 
Nyström) mitgeteilten Fälle von Psychosen, welche durch Abstinenz herbei- 
geführt worden sein sollen, zu gewichtigen Einwänden Anlaß*), allein deshalb 
darf man doch nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wenn auch die Er- 
fahrungen in den Irrenanstalten nicht für einen ursächUchen Zusammenhang 
von Psychosen mit gescblechtUcher Enthaltsamkeit sprechen, so ist dies noch 
kein Beweis dafür, daß ein solcher Nexus überhaupt nicht vorkommt. Die in 
Betracht kommenden Fälle mögen von einer Art sein, daß sie der Behandlung 
in einer geschlossenen Anstalt nicht bedürfen. So verhielt es sich z. B. in unserer 
Beobachtung I. Baß es sich bei dem betreffenden Patienten nicht ledigUch um 
Neurasthenie, sondern Melanchohe handelte, und die Abstinenz bei der Entstehung 
dieser eine ursächhche Bolle spielte, kann nicht ernsthaft bezweifelt werden. 
ErhebUche gemütliche Depression als Folge der durch lange dauernde Abstinenz 
verursachten Belästigungen habe ich mehrfach bei jüngeren Männern beobachtet, 
welche durch äußere Umstände (z. B. Übername einer Stellung auf dem Lande) 
genötigt waren, auf den früher geübten sexuellen Verkehr zu verzichten. 

Es Hegt aber auch keinerlei Berechtigung vor, die Beobachtungen anderer 
Autoren, welche der geschlechthchen Enthaltsamkeit eine Bedeutung in der 



1) An anderer Stelle (Psychopathia sexnalis. 9. Aufl. S. 49) bemei^t der Autor: „Die 
Gewalt des Sexualtriebes kann bei ihnen (den Belasteten mit krankhaft gesteigertem Sexaal- 
triebe) zeitweise geradezu die Bedeutung einer organischen Nötigung gewinnen und die Willeos- 
freiheit onstlich gefährden. Die Nichtbefriedigung des Dranges kann hier eine wahre Bmnst 
oder eine mit Angstempfindungen einhergehende psychische Situation herbeiführen, in wdoher 
das Individuum dem Triebe eriiegt und seine Zurechnungsf&h^eit zweifelhaft wixd. 

Unterlid das ladividuum nicht seinem mScfatigen Drang, so steht es in Gefahr, durch 
die erzwungene Abetinenz sein Nervensystem im Sinne einer Neurasthexüe zu ruinieren oder 
eine bereits vorhandene bedenklich zu steigern.** 

*) Forel: Die sexuelle Frage. 

') Naeoke: Zur Frage der sexuellen Abstinenz. Deutsche med. Wochenschr. Nr. 43. 1911. 

*) Es sei hier nur auf einen von Nystrfim unter dem Titel: „Erotisohe Delirien, O^Btee- 
krankheit" (Sexualleben und Cteetmdheit, S. 201) mitgeteilten Fall hingewiesen. Es handdt 
sich wahrscheinlich um einoi Fall von Dementia praecox, an deren Verursachung die Alwtinenz 
sdbstveiBt&ndlich keinen AnteU hatte. Sie konnte lediglich in symptomatischer Hinsicht einen 
Einflnfi &uBem. 






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Die sexuelle Abstinenz beim Manne. 81 

Ätiologie der Psychosen zuerkennen, in Bausch und Bogen als der Beweiskraft 
ermangelnd zu erklären. Der oben angeführte Ausspruch Naeckes kann daher 
nicht als genügend begründet erachtet werden, nur das mag zugegeben werden, 
daß Psychosen infolge sexueller Abstinenz jedenfalls sehr seltene Vorkommnisse 
bilden, und daß es sich dabei, wenn nicht ausschließlich, so doch vorzugsweise 
um Melancholie handelt. 

Die Skepsis, welche gegenwärtig noch in den Kreisen der Psychiater und Neuro- 
logen bezüghch der Abstinenzleiden herrscht, die Neigung zur Überschätzung 
der gesundheitlichen Gefahren der Abstinenz andererseits, welche in den letzten 
Jahi^n bei einzelnen Autoren zutage trat, legen uns die YerpfHchtung auf, die 
Ätiologie der Pälle, in welchen die Abstinenz eine Bolle spielt, soweit als mi^Uch 
nach allen Seiten klarzustellen und zu zeigen, in welcher Weise der Verzicht 
auf sexuellen Verkehr eine pathogene Bedeutung gewinnen kann. 

Meine Erfahrungen lehren, daß Abstinenz, auch wenn sie über die Mitte 
der 20er Jahre hinaus fortgesetzt wird, keineswegs immer oder auch nur sehr 
häufig zu ausgesprochener Erkrankung führt. 

Es ist zwar nicht in Abrede zu stellen, daß für gesunde jüngere Männer mit 
reger Libido die Abstinenz allgemach sich zu einer schweren Bürde gestalten 
kann. Doch handelt es sich dabei überwiegend um Störungen, welche durch 
hygienische Maßnahmen beseitigt oder wenigstens sehr reduziert werden können. 

Das Auftreten ausgesprochener Äbstinenzerkrankungen ist von gemssen 
Bedingungen abhängig: JDem Vorhandensein einer ungünstigen Sexualkonstitution, 
die auch bei im übrigen gesunden Individuen vorkommen und an sich eine gewisse 
Disposition zu dem fraglichen Leiden bilden mag, oder einer Kombination einer 
solchen Sexualkonstitution mit angeborener oder erworbener neuropsycho- 
pathischer Disposition. Der letztere Fall ist der weitaus häufigere, was auch 
den Erfahrungen Erbs und Eulenburgs entspricht'). 

Man könnte zunächst daran denken, daß die Intensität und Ausdehnung 
der nervösen und psychischen Folgen der Abstinenz von der Stärke des Sexual- 
triebes abhängt. In der Tat werden ja auch die schwersten Störungen in jenen 
Fällen beobachtet, in welchen in Verbindung mit neuro-psychopatbischer Ver- 
anlagung exzessive (krankhaft gesteigerte) Entwicklung des Sexualtriebes besteht: 
Die Litensität der vorhandenen Libido kann jedoch die Stärke und Art der in den 
einzelnen Fällen unter dem Einflüsse der Abstinenz auftretenden Störungen 
nicht genij^end erklären. Wir haben es hier, wenn wir von den Angatzuständen 
zunächst absehen, mit einer etwas komplizierten Ätiologie zu tun, bei der ver- 
schiedene nervenschädigende Momente eine Rolle spielen. Zunächst ist zu betonen, 
daß eine Autointoxikation durch Anhäufung Hbidogener Stoffe im Blute bei den 
nervenschädigenden Wirkungen der Abstinenz nicht jene Rolle spielt, die man 
a priori vermuten möchte. Die Erregungen, welche die libidogene Substanz in 
den Zentraloi^anen auslöst, können, wenn keine Ausgleichung durch sexuelle 
Akte stattfmdet, unter günstigen Verhältnissen auf die Bahnen geistiger oder 
körperlicher Tätigkeit übergeleitet und dergestalt verarbeitet werden. In dieser 
Weise kann die Erregung der Libido sich sogar nützlich erweisen, indem sie die 



1) Die Bedeatung der nervOsen Konstitution wird auch von Naecke und Trömner ber- 
vorg^oben. Ersterer Autor bonerkt, daß bei dAuemdev Abstinenz der evraituelle Schaden 
besonders vom Alter und der nerrOsen Konstitution abh&ngt. TrÖ mner geht noch etwas weiter, 
indem er erkl&rt: „Ja, loh möchte anscheinend pathologische Abstinenzerkrankungen geradezu 
als Hinweis auf nenropathiBche Konstitution ansehen." Vertiandlungen der VIII. Jahreeve^- 
Sammlung d» D. G. B. G. in Dresden. 

Löwenfeld. Sexualleben und Xervenleldeo. Seobite Aufl. Q 






^^■^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 




82 Die sexuelle Abstinenz beim Manne. 

Energie und Tatkraft des Individuums anfacht und unterhält. Auf der anderen 
Seite liegt es nahe, daß ein Übermaß von libidinöser Erregung, welches einer 
vollständigen Verarbeitung in neutralen Bahnen nicht zugänglich ist, Schaden 
verursacht. In der großen Mehrzahl der Fälle wirkt jedoch die Libido bei an- 
haltender Abstinenz, wenn wir von den Angstzuständen absehen, nicht direkt 
schädigend, sondern indirekt. Es geschieht dies dadurch, daß sie zu erschöpfenden 
geistigen Anstrengungen, welche durch die auf Überwindung der Sinnlichkeit 
gerichteten Kämpfe veranlaßt sind, und damit zusammenhängenden depressiven 
Erregungen führt. Es handelt sich hier also um intellektuelle und emotionelle 
Erschöpfting des Gehirns, seltener um spinale Folgezustände ^). Je widerstands- 
fähiger das Nervensystem an sich ist und je mehr die Aufmerksamkeit des Indi- 
viduums durch berufUche (geistige oder körperliche) Tätigkeit in Anspruch ge- 
nommen wird, um so leichter wird die Abstinenz im allgemeinen ertragen. Der 
Entstehungsmechanismus der unter dem Einflüsse der Abstinenz sich entwickeln- 
den nervösen und psychischen Störungen ist indes in manchen Fällen kompU- 
zierter, als im vorstehenden angedeutet wurde. Hierher gehören vor allem die 
Fälle, in welchen die Abstinenz bei erheblicher Libido nach schweren inneren 
Kämpfen immer wieder zu exzessiver Onanie führt, wobei sich zu der physisch- 
nervösen Schädigung die psychisch-moralische durch gewaltsame geistige Ab- 
lenkungsversuche, Vorwürfe, Scham usw. gesellt. 

Eine besondere Berücksichtigung erheischt hier noch die Beziehung der 
sexuellen Abstinenz zu den neurotischen An^tzuständen (den Ängstzuständen 
bei Neurasthenie, Hysterie, Angstneurose in dem von mir angenommenen Sinne). 
Schon Beard führt unter den Ursachen der krankhaften Furcht bei Neurasthe- 
niscben neben sexuellen Exzessen langdauemde, qualvolle Enthaltsamkeit mit 
sexueller Erregung beim männlichen Geschlechte an. Freud hat ebenfalls, wie 
wir sahen, auf die Abstinenz als eine Ursache neurotischer Angstzustände (seiner 
Angstneurose) hingewiesen, und seiner Auffassung haben sich im Laufe der 
Jahre außer Gattel und seinen Schülern zahlreiche Neurologen angeschlossen. 
Auch unter den mit Angstzuständen Behafteten meiner Beobachtung sind Ab- 
stinente in erheblicher Zahl vertreten. Selbstverständlich darf man aus dem 
Zusammentreffen von sexueller Abstinenz mit Angstzuständen nicht ohne weiteres 
auf einen ursächlichen Zusammenhang schließen. Eine skrupulöse Prüfung meiner 
Beobachtungen läßt jedoch keinen Zweifel, daß der Abstinenz eine ätiologische 
Bolle den Angstzuständen g^enüber, und zwar bei beiden Geschlechtem, tat- 
sächlich zufällt. Unter den von mir behandelten Leidenden mit Angstzuständen 
befindet sich eine Anzahl, bei welchen, abgesehen von neuropathischer Kon- 
stitution, keine weitere Ursache der Angst^stände als sexuelle Abstinenz zu er- 
mitteln war. Es seien zum Belege hier nur einige Fälle angeführt. 

Beobachtung. 

Herr B., 32 Jahre alt, ledig, Kaufmann, mit angebormer nenropathiBcher Veranlagung 
(von Jugend auf etwas schwächlich, nervös und ängstlich) wurde vor etwa 4 Jahren dahier 
auf einem größoi^n freien Platze plötzlich von Schwindel (Angst) befallen; in der Folge wieder 
holten Bich diese An^tzustände sowohl hier als beim Aufenthalte in anderen größeren St&dten 
insbeeondere beim Überschreiten von freien Plätzen, seltener beim Überschreiten von Straßen 

1) An fUese Stelle hat Nyströ m die ebenso unmotivierte als törichte Bemerkung geknüpft 
„Als ob e« ein Trost für die Patienten oder ein Argument für die Verteidiger der Ent^tsamk^t 
wäre, daß sie nur indirekt schädlich ist." Es bedarf keines weiteren Beweises, daß e» sich 
für mich lediglich um Feststellung von Tatsächlichem, nicht um einen Trost oder deigleichen 
handelte. 



Diomzco I.V '-.eXVj;»^. UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die Bexuelle Abstinenz beim MiEtnne, 83 

In der Folge traten auch Kopfsohmerzen öfters ein, dioBe haben sich jedoch seit einiger Zeit 
wieder verloren. Seit längerer Zeit stellten sich Ängstzustande auch ausw&rts beim Übernachten 
in Hotels, femer beim Besuche von Theatern, Konzerten, beim Aufenthalt in Restaurants usw. 
ein. Häufig werden die Angstzust&nde durch ein FrostgefUhl eingeleitet, welches sich über den 
ganzen Körper ausbreitet und mit Zittern in den Beinen verknüpft ist. Dieses Angstgefühl 
mit Zittern befällt doa Patienten seit mehreren Monaten auch schon, wenn derselbe sich in 
gewisse Situationen begeben (£. B. in das Theater gehen, einen wichtigen Besuch machen oder 
eine Geechäftereise antreten) will. Patient versichert, nie Masturbation getrieben, auch nie 
geschlechtlichen Verkehr geübt zu haben, und diese Angaben werdrai auch von nahestehender 
Seite bestätigt* Die Abstinenz verursacht keine Beschwerden. Von Pollutionen wurde Patl^it 
in früherer Zeit ziemlich häufig heimgesocht; seit mehreren Jahren bereits sind dieselben viel 
seltener geworden. 

Beobaehtong. 

Herr X., 42 Jahre alt, ledig, Privatgelehrter, erblich belastet (die Mutter in einer Irren* 
anstalt gestorben), war nie erheblich krank und hat sich nie geistig überanstrengt. Seit einer 
Reihe von Jahren wird er von Augstzuständen heimgesucht, wenn er irgend etwas öffentlich, 
z. B. in einer Vereinsversammlung, zu tun hat, was früher nicht der Fall war. Die Angst bezieht 
sich nicht auf die Möglichkeit einer Blamage, sondern den Eintritt irgend eines körperlichen 
Unwohlseins. Im Theater, Konzert usw. kann er es nicht aushalten, wenn er nicht einen Platz 
in der Nähe der Ttlre findet. Auch auf der Straße machen sich mitunter Angstanwandlungen 
bemerklich, doch gelingt es gewöhnlich dem Patienten, dieselben durch seinen Willen zu über- 
winden, Patient hat vorzugsweise aus religiösen Motiven überhaupt nur wenig sexuellen Umgang 
gepflogen, seit einer Reihe von Jahren lebt er völlig abstinent; dabei mangelt es nicht an Libido. 
Pollutionen, früher h&ufig, sind seit Jahren bereits selten geworden. 

Beobachtung. 

Herr X., 24 Jahre alt^ Medizinstudierender» erblich belastet (der Vater Sonderling, die 
Mutter nervös) hat Diphtherie und Typhus vor Jahren durchgemacht; Masturbation vom 
9, — 15. Lebensjahre häufig und auch noch später geübt. Vor 7 Jahren Gedächtnisschwäche, 
Zittern in den Händen bei Aufregungen, Schlafmangel. Der Zustand besserte sich, Patioit 
konnte unbehindert seine Studien fortoetzen, er hat vor kurzem sein Tentamen physicum he* 
standen. Gegenwärtig glaubt er, daß seine geistige Arbeitskraft vermindert sei; er lünn jedoch 
studieren, ohne dabei rasch zu ermüden, auch das Gedächtnis erweist sich gut. Was ihn besonders 
belästigt, ist Angst in Gesellschaft von Menschen ; diese Angst bezieht sich darauf, dafl er glaubt, 
einen ungünstigen Eindruck zu machen, sich zu blamieren usw. ; es ist ihm daher sehr peinlich, 
beobachtet zu werden. Auch Nosophobien (speziell Angst vor Paralyse) suchen ihn zeitweilig 
heim. Sexuellen Verkehr hat Patient seit mehr als 2 Jahren aufgegeben, obwohl es nicht an 
Libido fehlt. Pollutionen waren noch vor 1 Jahre häufig, in letzterer Zeit etwa nur alle 2 Monate 
einmal. 

Beobachtung, 

Herr X.^ cand. med., 25 Jahre alt, ohne erweisliche erbliche Belastung. Als Kind nur 
Masern. Masturbation mit 12 oder 13 Jahren begonnen, ziemlich häufig, spftter seltener geübt, 
doch noch nicht ganz aufgegeben. Sexueller Verkehr negiert. Seit etwa einem Jahre leidet 
Patient an Angstzuständen, insbesondere Topophobien, Angst im Theater, in Restaurants, 
beim Besuche der Klinik usw. Seit lY, Jahren ist er verlobt, und der Verkehr mit der Braut 
führte häufig zu sexuellen Erregungen, Masturbation übt Patient nur in mehrwöchentlichen 
Zwischenräumen. Daneben mangelt es nicht ganz an Pollutionen, doch treten solche nur alle 
2 — 3 Monate auf. 

Der Patient des angeführten Falles hat durch die früh und in erheblichem Maße geübte 
Masturbation seine nervöse Konstitution geschädigt. Die Einschränkung der Masturbation 
bei andauernder sexueller Abstinenz führte jedoch noch nicht zu Angstzuständen. Solche traten 
erst nach seiner Verlobung auf und zwar, wie er selbst annahm, infolge der durch den Br&utigams- 
stand herbeig^Ührten Steigerung seiner Libido, der gegenüber die selten geübte Masturbation 
und die noch selteneren Pollutionen ohne wesentlichen Einfluß blieben. 

Beobachtung. 

Der hier folgende Fall ist deshalb von Interesse, weil aus demselben sich ergibt, daß unter 
Umständen Abstinenz von kurzer Dauer das Auftreten von Angstzuständen begünstigt. Der 

6* 



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&4 Die Bexuelle Abstinenz beim Manne. 

Fall betrifft einen 40jähTigen Lehrw vom Lande» welcher wenigstens seit 15 Jahren 0chon an 
neurasthenischen (zum Teil zerebraBtbenischen» zum Teil myelaathenischen, doch Torherrechend 
myelastfaenischen) Beschwerden litt, dabei jedoch nie von AngatzuBtänden oder ErBcheinungen» 
die man als Äquivalente eolcher hätte betrachten können» heimgesucht wurde. Der Patient 
gebrauchte vor einigen Jahren — nicht auf mein Anraten — längere 2eit eine Kur in Wörishofeo, 
wobei er, da seine Frau zu Hause blieb, auf den gewohnten ehelichen Verkehr verzichten mußte. 
Die Güsse und andere ihm verordnete Prozeduren bekamen ihm vom Anfange an nicht gut, 
was ihn jedoch nicht abhielt, die Kur fortzusetzen, da er immer in der Erwartung lebte, daß 
doch noch ein günstiger Umschwung eintreten müsse. Das Endresultat war, daß die neurasthe* 
nischen Beschwerden, w^en welcher er Wörishofen aufgesucht hatte, schlimmer als früher 
waren; zu denselben hatten sich jedoch schon während des dortigen Aufenthaltes noch schwere 
Angstzustände gesellt, die auch zu Hause, zumal sich der Patient wegen seines verschlimmerten 
Zustandes anfänglich sehr große Beschränkung im ehelichen Verkehre auferlegte, sich nicht 
sofort, sondern erst nach einiger Zeit wieder verloren. 

Beobachtung. 

Frau X., Profeasorswitwe, 37 Jahre alt, erblich belastet (war schon als Kind nervös), seit 
7 Jahren verwitwet, kinderlos, lebt mit ihrer Mutter in sehr ruhigen, angenehmen Verhältnissen. 
Patientin hat keine ernstere Erkrankung durchgemacht. Seit mehreren Jahren wird sie von 
AngstzuEtänden, veigesellschaftet mit einem Gefühle, als ob sie wanken, umfallen würde, beim 
Gehen auf der Stiaße heimgesucht; die Angst tritt meist schon beim Verlassen des Hauses ein; 
sie stellt sich aber auch beim Besuche des Theaters, der Kirche usw., mitunter auch in der Woh- 
nung beim Alleinsein ein. Die Patientin leidet femer häufig an Herzklopfen, womit sich gewöhn- 
lich eine gewisse Erregung (Angst) verknüpft. 

Objektiv; Al^esehen von mäßiger Struma nichts. 

Beobachtung. 

Frau D,, Kaufmannswitwe, 42 Jahre, Mutter von 3 Kindern, erblich in geringem Maße 
belastet, jedoch von sehr ruhigem Temperamente, seit V/^ Jahren verwitwet. Patientin war 
nie ernstlich krank. Seit etwa '/| Jahre leidet sie an Angstzuständen mit Globus aacendens 
(früher Derartiges nie vorhanden). Die Angstzustände treten insbesondere in der Zeit vor und 
nach den Menses» die ganz regelmäßig sich verhalten» seltener in der Zwischenzeit auf. Patientin 
hat seit dem Ableben ihres Mannes nicht unerheblich an Gewicht zugenommen (etwa 10 Pfund). 

Beobachtung. 

Der Fall betrifft eine Mitte der 30 er Jahre stehende unverheiratete Barne von geringer 
neuropathischer Belastung (Mutter nervös), welche im Laufe von 4 Jahren mehrfach w^en 
Angst- und Verstimmungszuständen in meine Behandlung kam. Der Fall war l&ngere Zeit 
ätiologisch tmklar, sofeme außer gelegentlichem Abusus spirituosorum sich nichts Bestimmtes 
eruieren ließ und eine sexuelle Noxe nur zu vermuten, aber nicht nachzuweisen war. Erst im 
Verlaufe der letzten Krankheitflattacke erfuhr ich, daß die Patientin seit einer Anzahl von Jahren 
intime Beziehungen zu einem Herrn unterhielt, der mehrfach für Monate zu verreisen genötigt 
war. Der B^inn der Krankheitsperioden fiel immer in dieee Zeiten sexueller Abstinenz, die 
der Patientin nach ihrem eigenen Geständnis durchaus nicht leicht fiel. 

Der in Frage stehende ätiologische Einfluß der sexuellen Abstinenz äußert 
sich nicht nur in den Fällen, in welchen vor dem Verzichte auf geschlechtliche 
Genüsse kürzere oder längere Zeit sexueller Verkehr gepflogen oder Masturbation 
in mäßiger Weise geübt "wurde, sondern auch bei völligem und andauerndem 
Verzichte auf geschlechtlichen Verkehr sowohl als auf Befriedigung durch Mastur- 
bation (wie in dem angeführten Falle 1), Auch eine erhebliche Beschränkung 
des sexuellen Verkehrs, welche den vorhandenen sexuellen Bedürfnissen keine 
Rechnung trägt, erweist sich als ein Umstand, der das Auftreten von Angstzuständen 
begünstigt. Ich habe mich hiervon in einer Eeihe von Fällen überzeugt- Bei den 
an Angstanfällen leidenden Männern, insbesondere bei verheirateten, stellt sich 
häufig die Idee ein, daß ihnen sexueller Umgang schaden, oder Enthaltsamkeit 
in bezug auf ihr Leiden nützen könnte, was sie gewöhnUch zu mehr oder minder 



_ /^^■\^-,,*L^ Orrgrnöffrom 



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Die Bexuelle Abetinenz beim Manne. 85 

weitgehender Binschrankung des Verkehrs veranlaßt. Die erwartete vorteilhafte 
Wirkung dieser relativen Abstinenz bleibt jedoch in der Regel aus. Unter dem 
Einflüsse derselben nimmt sogar die Intensität und Häufigkeit der Angstzustände 
oft zu. Bei Frauen ist die relative Abstinenz mitunter eine ganz unfreiwillige; 
die Folgen sind natürheh die gleichen. Bei mehreren iVauen meiner Beobachtung, 
welche ältere, sexuell wenig leistungsfähige und bedürftige Männer geheiratet 
hatten, stellten sich schon in den ersten Jahren der Ehe Angstzustände ein. 

Was nun die besonderen Umstände anbelangt, unter welchen die AbatinenK 
zu Angstsüuständen führt, so haben meine Nachforschungen folgendes e^eben: 
In allen Fällen meiner Beobachtung bestand eine gewisse ererbte oder erworbene 
neuropathische Veranlagung. Bei den Männern waren, von vereinzelten Ausnahmen 
abgesehen, nur wenig Pollutionen vorhanden, und in den in Frage stehenden Aus- 
nahmefällen bestanden neben der Abstinenz Verhältnisse, welche das Auftreten 
der Angstzustände erklärten. So handelte es sich in einem Falle um einen Stu- 
dierenden, welcher erblich schwer belastet war, schon in der Jugend an Angst- 
zuständen gelitten hatte und durch die Vorbereitung für ein Examen zu bedeuten- 
den geistigen Anstrengungen veranlaßt war. In einer großen Zahl von' Fällen 
waren früher häufigere Pollutionen vorhanden und stellten sich die Angstzustände 
offenbar erst mit dem Seltenerwerden derselben ein. Meine Erfahrungen stimmen 
daher bezüglich des Verhaltens der Samenverluste bei den an Angstzuständen 
leidenden Abstinenten mit denen Freuds in der Hauptsache überein*). Was 
das Verhalten der Libido in den in Betracht kommenden Fällen anbelangt, so war 
dasselbe kein gleichmäßiges; in manchen Fällen wurde die Abstinenz als ent 
schieden lästig empfunden und bestand wenigstens zeitwilhg erhebhche Libido 
in anderen war diese nur gering und wurde die Abstinenz ohne jede Beschwerde 
durchgeführt. Auf die Voi^änge, durch welche die sexuelle Abstinenz zu Angst 
zuständen den Anstoß gibt, werden wir an späterer Stelle näher eingehen*) 

Wenn wir nunmehr zur Prüfung der übrigen auf die geschlechtliche Ent 
haltsamkeit zurückgeführten Leiden übei^ehen, so ist zunächst zu erwähnen 
daß Fürbringer das Auftreten krankhafter Samenverluste infolge sexueller 
Abstinenz bezweifelte. 

Nach Cnrschmann kommen derartige Fälle zwar vor, aber sehr selten 
tmd nur bei Zusammentreffen begünstigender Umstände, vor allem bei allgemeiner 
konstitutioneller oder akquirierter Nervosität und lebhaftem, durch äußere Ein- 
drücke noch besonders genährtem Geschlechtstriebe. Mehrere neuere Autoren, 
Porosz, Nyström und Marcuse, bezeichnen dagegen Pollutiones nimiae und 
Spermatorrhöe als eine häufige Folge der Abstinenz und betonen zugleich den 
schädigenden Einfluß der vermehrten Pollutionen auf den allgemeinen Nerven- 
zustand. Bohleder andererseits erklärt mit Entschiedenheit, daß Spermatorrhöe 
(wie auch Impotenz) nie durch geschlechtliche Enthaltsamkeit verursacht wird. 

Ich selbst habe von manchen Abstinenten, die der Masturbation zu ver- 
dächtigen keinerlei Grund vorlag, wie schon an früherer Stelle angedeutet wurde, 
Klagen über zeitweiliges häufigeres Auftreten von Pollutionen vernommen. Nur 
sehr selten erreichten diese aber einen Grad, daß sie zu einer ernstlichen 



*) Wie ea scheint, wirkt regelmäßige, jedoch nicht zu h&uftge Wiederkehr von Pollutionen 
bei Abstinenten dem Aultreten von Angstzust&nden entgegen; dies gilt jedoch nicht ftir Uber- 
mftBig häufige (krankhafte) Pollutionen, wie wir später sehen werden. 

') In einem Falle meiner Beobachtung bestanden neben Angstzuständen (vor sittlichem 
Falle) gewisse Zwangstriebe speziell zu sexuellen Handlungen Kindern g^enüber. 



Diomzco I.V '-.eXVjlK UNIVERSITV OF CALIFORNIA 




86 Die mnelle AbetiiMius baim Ibnne. 

Belästigung für den Abstinenten wurden und dessen Kervenzustand in ausge- 
Bpioohen ungünstiger Weise beeinflußten, wie dies in der-folgenden Beobaobtnng 
der Fall war. 

B«obaehtiuig, 

Der Fall betrifft einen Ende der 20 er Jahre etehendoi« in geringem Onde neuropaUüBch 
belasteten Kollegen (die Mutter nervte» wie Schwester derselben l&Dgere Zeit mdaaoholiscb), 
welcher w&hrcoid seiner UniTersit&tsstndico in Baooho, resp. Gambrino et Venere ziemlich Tie] 
gelltet hatte* 

Nachdem Dr. X. das Appiobationsexamen bestanden hatte, liefi er sich znn&chst als Sohiffe- 
arzt engi^eren und unteamahm als solcher eine Ansabl von Beisen nach sttdlichen Gegenden. 
Das SchifiEsleben behagte ihm jedoch wenig, weshalb er s^ne sohiffsftrzUiche SteUmig nach 
einem Jahre aufgab und sich in seiner Heimat an einem kleinen Orte auf dem Lande als prak- 
tischer Arzt niederlieS. Hier ma£te er mit BUcksicbt auf seine Stelltmg auf geschlechtlichen 
Verkehr Terzicht^i« seine Verhältnisse gestatteten auch noch keine Verheiratung. Unter dem 
Einflüsse dieser eizwung^ien Abstinenz, deren Durchführung durch eine eiheblicfae liibido 
erschwert wurde, stellten sich zun&chst h&ofigere nAohtliche f^Uutionen ein, weiche mehr und 
mehr myelasthemsohe und zerebrasthenische Erscheinungen (Httdigkeit in den Beinen* Bttoken- 
schmerzen, Kopfeingenommenheit und Verstimmung) nach sich zogen. Die mit der Praxis 
verknüpften kdrp^chen .Anstrengungen (weite Wege in gebirgiger Gebend) und gemütiiche 
Erregungen wirkten eb^alls ungünstig auf den Nerrenzustand. Die Pollutionen traten all- 
mählich 3 — 4 mal in der Woche tmd schliefilich täglich auf. Da hiermit auch die körperliche 
Leistungsfähigkeit des Patienten erheblich abnahm und seine Stimmung sich mehr und mehr 
Terdüsterte, sah er sich veranlaßt, sein^i Posten zu verlassen und in meine Behandlung zu treten. 
Als Fatioit in meine Beobachtung kam, war er in den letzten 6 Wochen keine Nacht poUutions- 
frei gewesen. Abgesehen von diesen Umstände bezogen sich seine Klagen hauptsächlich auf 
andauernde Kopfeingenommenheit, Gedächtnisschwäche, geringe körperiiche Leistui^sfthigkeit, 
BttckenBchmerzen und hypochon^isch-mebmcholische Verstimmung. Unter der ongeleiteteii 
Behandlung (Kühlsonde, Halbbäder, Elektrizität usw.) setoten die Pollutionen vom 3* Tage 
an schon für 14 Tage (ohne geschlechtlichen Vericehr) aus. Das Gesamtbefinden besserte sich 
dementsprechend raach und Pati^it konnte nach 2 Monaten seine Praxis wieder aufnehmen ^). 

Daß es im Gefolge andauernder sexueller Abstinenz auch zu Tagespollutionen 
kommen kann, zeigt unsere Beobachtung 3| welche auch noch in anderer Hinsicht 
von Interesse ist* Wir sahen, daß in diesem Falle offenbar unter dem Einflüsse 
der Alfötinenz neben sexueller Hyperästhesie, häufige nächthchen und Tc^es- 
poUutionen verschiedene Zwangsempfindungen im Bereiche der Genitahen auf- 
traten. Sperma torrhöe, d. h* größere oder geringere Beimengung von Samen* 
bestandteilen im Urin, beobachtete ich mehrfach bei verheirateten Männern in 
mittleren Jahren, die infolge chronischer Leiden längere Zeit auf den ehelichen 
Verkehr verzichtet hatten. Es handelte sich dabei immer um unbemerkte Samen- 
verluste. In diesen Fällen wurde die Wirkung der Abstinenz jedenfalls durch eine 
gewisse konstitutionelle Schwäche, welche die Ductus ejaculatorii nicht unbe- 
einflußt gelassen haben mochte, verstärkt. 

In der nachstehenden Beobachtung begegnen wir der Spermatorrhöe neben 
sexuellen Beizerscheinungen als Folge der Abstinenz, wobei es jedoch nicht an 
prädisponierenden Momenten mangelt. 

Beobaehtang, 

Herr X., Fabrikbesitzer, 29 Jahre, ledig, erblich nur wenig belastet (die Mutter nerrSs)» 
hat außw Kinderkrankheiten keine ernste Erkrankung durchgemacht. Masturbation vom 
16, — 20. LebenBJahre, doch nur selten. Keine Exseese in venere. Gonoirhöe vor 8 JdJiren, in 
der^i Folge Stiiktur, welche schon vor mehreren Jahren durch Dehnung beseitigt wurde. Vor 
3 Jahren bei einem C. [aäzipitierte Ejakulation, Seit dieser Zeit Verzicht auf sexuellen Verkehr» 
da Patient eine Wiederholung der erwähnten Unannehmlichkeit befürchtete» auch keine Be- 

^) Über die Dauer des eraielten Erfolgee kann ich nichts mitteile, da der Kollege nach 
seiner Verabschiedung nichts mehr von sieh hören ließ. 






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Die sexuelle Äbfliinenz beim Manne. 87 

friedigung dtuoh Masturbation. Unter dem Einfluase der Abstinenz verschlechterte sich sein 
Nervenzustand; Patient wurde sehr reizbar und schreckhaft, seit längerer Zeit machen sich 
bei ihm auch unangenehme Sensationen» Gefühle von Ziehen und Spannung in der unteren 
Bauchgegend und in den Hoden beme^lich. Anfänglich kam es auch zu häufigerem Auftreten 
von Pollutionen» die sich jedoch allmählich auf ein nonnalee Maß» etwa alle 14 Tage» reduzierten. 
Patient erwähnt ferner» dafi er bei Krektionen Gefühle habe, als ob es zu einer Pollution kommen 
sollte und frUher auch solche einige Bfale eintraten» und daß in den letzten Jahren sich mitunter 
Miktionsspermatorrhöe zeigte. 

Für das Auftreten letztere Störung bildete wohl die vorhergegangene gonorrhoische 
Urethritis ein prädisponierendes Moment. 

Im folgenden Falle ist wahrecheinüch nur ein indirekU*r Zusammenhang 
der Spermatorrhöe mit der Abstinenz anzunehmen. 

Beobachtang. 

Es handelt sich um einen 50jährigen Herm, welcher, nachdem er von seinem 18. Lebens- 
jf^re an mehrere Jahre hindurch regelmäBigen geschlechtlichen Verkehr geübt hatte, aus äußeren 
Gründen denselben während einer langen Reihe von Jahren aufgab und dabei die in der ersten 
Zeit nicht sehr häufig auftretenden Pollutionen als krankhafte Erscheinungen durch äuBerst 
spärliche Ernährung und Übermaß von Muskelübungen bekämpfen zu müssen glaubte. Als 
unter diesem unvernünftigen Kegime ein neurasthenischer Zustand sich entwickelte und die 
Pollutionen, statt zu weichen» sich noch vermehrten, bemühte er sich, wenn er nachts» vom 
Schlafe erwachend, das Nahen oder den Beginn einer Pollution bemerkte» dieselbe mit aller 
Willensanstrengung zu honmen ^). Die Pollutionen verringerten sich erst, als der Patient seine 
Lebensweise änderte und geschlechtlichen Umgang wieder in r^elmäßiger Weise pflog; allein 
es machte sich dafür eine Spermatorrhöe bemerklich, die in geringem Maße auch noch nach 
Jahren beetand. 

Bezüglich der Ein"wirkuDg der Abstinenz auf die geschlechtliche Potenz 
läßt sich wohl nicht bezweifeln, daß diese durch eine bis in die reiferen Jahre 
fortgesetzte vollkommene Enthaltsamkeit herabgesetzt werden kann; es ist dies 
eine einfache Folge des Nichtgebrauches der betreffenden Organe, Ob aber dem 
Einzelindividuum hierdurch ein erheblicher und dauernder Schaden erwachsen 
kann, hierüber sind die Ansichten, wie schon früher, noch gegenwärtig geteilt* 
Während Porosz, Ny ström und Marcuse mit Entschiedenheit für das nicht 
seltene Vorkommen von Impotenz als Eolge andauernder sexueller Enthaltsam- 
keit eintreten, bezweifelte Naecke das Vorkommen derartiger Wirkungen der 
Abstinenz, und Kohleder hält sie, wie wir sahen, für ganz ausgeschlossen. 

Indes hat auch Freud auf die Möglichkeit einer Schädigung der Potenz 
durch andauernde voreheliche Abstinenz hingewiesen, und Eulenburg, wie 
wir schon erwähnten, als Folge solcher temporäre oder relative Impotenz beob- 
achtet. 

Die zur Zeit vorliegenden Erfahrungen lassen wohl darüber keinen Zweifel, 
daß durch eine bis in die reiferen Jahre fortgesetzte Kontinenz geschlechtliches 
Unvermögen herbeigeführt werden kann. Darüber, von welcher Art und Dauer 
dieses Unvermögen ist, wenn es sich nicht um Qnanisten handelt, besteht jedoch 
noch keine genügende Klarheit*). Zumeist dürfte es sich um im wesentlichen 
psychische Impotenz bandeln, d. h. ein durch psychische Hemmungen veranlaßtes 
Unvermögen, bei welchem die Leistungsfähigkeit der für den Sexualakt in Betracht 



^) Es handelt sich hier um den von Naeeke al& FdUutio interrupta bezeichneten Vorgang, 
der von mir in obiger Beobachtung zuerst (schon in der zweiten 1899 erscbien^ien Auflage dieses 
Werkes) beschrieben wurde, 

*) Die Mehrzahl der Fälle» die von einzelnen Autoren, so insbesondere von Ny ström, 
als Beweise für die Venizsachung von Impotoiz durch sexuelle Abstinenz angeführt werden, 
ist völlig wertlos» da es sich in denselben um Individuen handelt, deren Potenz durch Masturbation 
geschädigt resp. ausgehoben war* 






\y^ UNIVERSITVOF CALIFORNIA 



BS Die sexuelle Abstinenz beim Manne. 

kommenden Nervenapparate nur wenig faeral^esetzt sein mag. Es liegt ja nahe, 
daß bei einem Manne, der bis Ende der 20er Jahre und darüber hinaus andauernde 
Enthaltsamkeit übt und dadurch verhindert wird, sich über den Stand seiner 
Potenz Gewißheit zu verschaffen, angesichts einer Situation, welche ihm sexuellen 
Verkehr zur Pflicht macht, Zweifel und Befürchtungen bezügUch seiner Mannes- 
kraft auftauchen m(^en. Wenn hierzu noch eine gewisse Unbeholfenheit und 
Unorientiertheit über die Lageverbältnisse der in Betracht kommenden weib- 
lichen Sexualteile sich gesellt, dann ist es nur zu begreiflich, daß der Versuch der 
Kohabitation zu einem Fiasko führt. Allein derartige Fälle sind nach meiner 
Erfahrung keineswegs unheilbar. Bei beiderseifa'ger Geduld und entsprechender 
ärztlicher Behandlung können die Schwierigkeiten, die sich der Einleitung des 
Geschlechtsverkehrs anfänglich entgegenstellten, allmählich überwunden werden *). 

Daß infolge lange fortgesetzter Abstinenz allein absolute und dauernde 
Impotenz entsteht, hierfür liefert meine Erfahrung wenigstens kein Beispiel; 
doch halte ich eine derartige Folge bei von Hause aus schwächlicher Sexual- 
koQstitution nicht für ganz unmöglich. 

Ün der nicht geringen Zahl von Fällen von Abstinenz mit nervöser (nicht 
psychisch bedingter) Impotenz, die bisher in meine Beobachtung kamen, war 
jedoch die Schädigung der geschlechtlichen Funktionen lediglich auf andauernd 
und exzessiv geübte Masturbation zurückzuführen, nicht auf die Abstinenz; 
letztere ist die Folge, nicht die Ursache des geschlechtlichen Unvermt^ens. 

Daß auch Abstinenz von relativ kurzer Dauer bei gleichzeitiger Einwirkung 
ungünstiger, i. e. die Libido steigernder Momente auf die Potenz einen schädigenden 
Einfluß ausüben kann, zeigt folgende Beobachtung. 

Beobachtang. 

Ein anfangs dw 30er Jahre stehender Offizier, welcher sich immer einer sehr erheblichen 
Potenz erfreut und von dersdben auch ausgiebigen Gebrauch gemacht hatte, verhielt sich infolge 
einer Liaison, die er mit ein^n anst&ndigen H&dchen angeknüpft hatte, mehrere Monate abstinent 
bei gleichzeitiger erheblicher sexueller Erregung. Die Folge war eine so bedeutende Almahme 
der Erektionoi, daß der Betreffende g&nzlichen Verlust seiner Potenz befürchtete und in eine 
schwere gonütliche Depression veotiel, welche nattirlich die sexuelle Schwäche steigerte. Die 
FotenzstöniDg verlor sich hier unter geeigneter Behandlung Mlmfthlich wieder. 

Auf der anderen Seite steht fest, daß selbst in den Jahren voi^eschrittene 
Männer vollständig sexuelle Karenz sehr lange Zeit ertragen können, ohne dadurch 
ihrer Potenz verlustig zu gehen. Färbringer erwähnt, daß ihm Greise von 
60 — 65 Jahren bekannt sind, die, nachdem sie ein Jahrzehnt lang abstinent gelebt, 
den Koitus in normaler Weise zu leisten vermochten. Ich selbst hatte Gelegenheit, 
einen Mitte der 50er Jahre stehenden verwitweten Herrn wegen eines hier nicht 
in Betracht kommenden Zustandes zu untersuchen. Derselbe teilte mir bei Er- 
hebung der Anamnese mit, daß er nach etwa Sjähriger Ehe infolge von Erkrankung 



') Wie Zweifel und Befürchtungen in bezug auf die Potenz, können auc!h andere psychische 
Momente Libido und Erektion unterdrücken und dadurch Impotenz herbeiführen. So verhielt 
ee sich beispiehweise in einem von H. Hirschfeld und E. Burchatd (Sexualprobleme 1913, 
Aprilheft, S. 262) mitgeteilten Falle, in welchem auf Scheidung w^en Impotenz Antrag gestellt 
worden war. Die hemmenden Vorstellungen waren hier Befürchtungen, es könnten durch den 
Akt bei der Frau Blutungen und eine Konzeption herbeigeführt wessen. Beides eollte ver- 
mieden werden. Auf den Patienten wirkte außerdem die starke Sinnlichkeit der Frau abstoßend 
und dadurch seine Impotenz steigernd. Inwieweit daneben eine durch die Abstinenz bewirkte 
Sch&digung der Potenz vorlag, ist nicht ersichtlich, da Momente, wie die angeführten, auch 
bei zweifellos intakter Potenz im konkreten Falle zu einem Mißlingen von KohabitationsTersucben 
führen köiui«i. 






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Die sexuelle Äfaetinenz beim Manne. 89 

Beiner Frau, an -welcher er mit größter Zärtlichkeit hing, bis zu deren Ähiehen 
— 16 Jahre hindurch — -weiterem ehelichen Verkehre zu entsagen genötigt war, 
dabei jedoch aus Eücksicht für seine Frau und moralischen Gründen, obwohl 
ihm die Abstinenz schwer fiel, auch auf jede anderweitige Entschädigung ver- 
zichtet hatte. Trotzdem fand er, als er, Witwer geworden, -wieder sexuellen Umgang 
aufsuchte, seine Potenz wohl erhalten; die Wiederaufnahme des sexuellen Ver- 
kehrs erwies sich auch für sein Befinden von entschieden günstigem Kinflusse. 

Ny ström will in Verbindung mit Impotenz Hodenatrophie als Folge der 
Abstinenz beobachtet haben, bat jedoch keinerlei Beweis dafür erbracht, daß 
der Ton ihm als Hodenatrophie bezeichnete Zustand nicht auf andere Ursachen 
zurückzuführen war. Ks kommt hier in Betracht, daß, nach den Untersuchungen 
Kyrles, Entwicklungshemmungen (hypoplastische Zustände) der Hoden ein sehr 
häufiges Vorkommnis bilden, diese Oi^gane aber außerdem infolge infektiöser 
Prozesse (Mumps) der Atrophie verfallen können. Derartige Anomalien mf^en 
sich begreiflicherweise auch bei Sexualabstinenten finden. 

Nach Nyström, Porosz u. a. sollen auch entzündliche Prozesse im Bereiche 
des Sexualapparates (Orchitis, Kpididymitis, Prostatitis) durch Abstinenz herbei- 
geführt werden, eine Annahme, die jedoch vorerst der Begründung ermangelt. 
Tatsächlich ist bisher nur das Vorkommen von mehr oder weniger schmerzhaften 
Anschwellungen der Hoden und Samenstränge bei Abstinenz beobachtet worden, 
und Marcuse will es deshalb dahingestellt sein lassen, ob es sich hierbei um bloße 
Hyjwrämien, Entzündungen oder andere pathologische Prozesse handelte. Ich 
selbst beobachtete Hodenanschwellungen nur in vereinzelten Fällen von Abstinenz 
und stets nur als ganz vorübergehende Erscheinung, so daß es sich wohl nur um 
Hyperämie gehandelt haben konnte. Neuralgiforme Schmerzen in den Hoden 
und Samensträngen traten in einzehien Fällen meiner Beobachtung schon bei 
Abstinenz von kurzer Dauer (eine Woche und etwas darüber) auf. Bei einem 
meiner Patienten bildeten sie eine regelmäßige Erscheinung. 

Von manchen Autoren -wird die Ansicht vertreten, daß die Abstinenz auch 
zur Ent-wicklnng einer ausschUeßlichen und dauernden homosexuellen Trieb- 
hchtung, i. e. echten Uringtums führen kann. In besonders eingehender Weise 
hat sich Marcuse bemüht, diese Ansicht zu stützen: „Kurz", bemerkt er, „es 
ist sicher, daß auch den von Geburt „Normalsexuellen" die Abstinenz zur Homo- 
sexualität treiben und zwar nicht nur Surrogathandlungen bewirken, sondern 
im Laufe der Zeit diese auch zu „äquivalenten" Handlungen, d. h. den normal- 
sexuellen Trieb in einen konträisexuellen umwandeln kann.*' 

Es ist nun allerdings nicht zu leugnen — und die in Frage stehende Ansicht 
stützt sich wesentlich auf diesen Umstand — , daß die erzwungene Entbehrung 
normalen heterosexuellen Verkehrs, wie er bei Gefängnisinsassen, Ihtematszög- 
lingen usw. vorliegt, häufig zu sexueller Befriedigung durch perverse, homo- 
sexuelle Handlungen führt. Hierbei ist jedoch neben der Abstinenz das aus- 
schheßhche Zusammenleben mit Angehörigen des gleichen Geschlechts und unter 
Umständen auch eine psychische Infektion wirksam und aus der Art der sexuellen 
Befriedigung noch nicht auf eine völlige und anhaltende Veränderung der Trieb- 
richtung zu schheßen. Magnus Hirschfeld, der beste Kenner der Homo- 
sexuaUtät in Deutschland, erklart denn auch mit Nachdruck, daß sich eigentHche 
Homosexuahtät infolge von Enthaltsamkeit ebensowenig entwickeln kann, wie 
infolge von Übersättigung, da sie auf endogen-konstitutionellen Ursachen beruht ^). 

') In den von M. Hirschfeld und Iwan Bloch der V1U. Jahi-eeTersai]imlui)gderI>.G.B.G. 
vorgelegten Thesen wird bemerkt: „13. Die Ansicht Max Harcnses, daß HomoscxualitAt 






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90 Die sexuelle Äbetinenz beim Bfairne, 

Und Naeoke, gleichfalls ein hervoiragender Kenner der Homosexualität, hat 
sich der Ansicht Hirschfelds vöUig angeschlossen. Ich selbst habe keinen Fall 
gesehen, in welchem die Abstinenz allein bei einem von Haus aus mutmaßlich 
normal veranlagten Individuum zur Entwicklung homosexueller Triebe oder 
auch nur einer pBeudobomosexaalität (homosexueller Betätigung) führte. 

Wir haben uns im vorhergehenden hauptsächlich mit den Folgen länger 
dauernder Abstinenz beschäftigt. Unter gewissen Umständen kann jedoch auch 
ein durch äußere Verhältnisse veranlaßter Verzicht auf sexuellen Umgang schon 
nach kurzer Frist einen ungünstigen Einfluß auf das Befinden äußern. Verschieden- 
fach habe ich die Wahrnehmung gemacht, daß bei neurasthenischen Männern 
und zwar nicht ledigUcb bei mit sexueller Neurasthenie Behafteten zeitweihge 
Unterbrechung des gewohnten regelmäßigen sexuellen Verkehrs durch Beisen, 
längeres Unwohlsein der Frau usw., entschieden verschhmmemd auf die vor- 
handenen Beschwerden wirkte, Steigerung von Bückenschmerzen, Kopfeinge- 
nommenheit, Hodenschmerzen (in einzelnen Fällen auch schon nach acht Tagen) 
nach sich zog. Derartige Fälle sind jedoch nicht sehr häufig und die dabei in 
Frage stehenden Veränderungen des Befindens in der Begel von vorübergehender 
Natur. 

Die relative Abstinenz kann wie die absolute ohne auffäUigen Schaden für 
die Gesundheit ertragen werden, aber auch ähnUche Gesundheitsstörungen nach 
sich ziehen wie letztere. Diese Folge stellt sich im allgemeinen um so eher ein, 
je länger die relative Abstinenz währt und je seltener dabei innerhalb eines gewissen 
Zeitraumes sexuelle Befriedigung stattfindet. 

Überbhcken wir das im vorstehenden Dai^elegte, so zeigt sich, daß die Gegen- 
sätze der Meinungen, welche in dem Streite über die gesundheitlichen Folgen 
der At»tinenz zutage traten, fast gleich unberechtigt sind. Weder die Verfechter 
der Abstinenz, nach deren Auffassung das Ertragen derselben ohne gesundheit- 
lichen Nachteil lediglich guten Willen und Konsequenz erheischt, noch deren Gegner, 
die sich bemühen, die Abstinenz als eine Quelle sehr häufiger und schwerer Leiden, 
sohin als ein mit gesundheitlichen Gefahren verknüpftes Verhalten darzustellen, 
berücksichtigen die vorhegenden Erfahrungen in genügender Weise. Diese bestä- 
tigen auch hier den Satz: „8i duo faciunt idem, non est idem." 

Die Verschiedenheiten der Individualitäten und der Lebensverhältnisse 
machen die Entbehrung des geschlechtUchen Verkehrs für den einzehien zu einem 
Faktor von sehr verschiedener Bedeutung für die geistige und körperliche Gesund- 
heit, weshalb sich über den sanitären Einfluß der Abstinenz kein allgemein gültiger 
Satz au&teUen läßt. 

Die Meinungsverschiedenheiten, welche in der Literatur über die Abstinenz- 
frage zutage traten, erstrecken sich jedoch auch auf die Mittel, welche bei Eintritt 
von Gesundheitsstörungen im Gefolge der Abstinenz anzuwenden, resp. zu emp- 
fehlen sind. Die Darlegungen der Abstinenzgegener sind vielfach geeignet, den 
Glauben zu erwecken, daß ledigUch von der Einleitung eines regelmäßigen Ge- 
schlechtsverkehrs bei Abstinenzleiden ein wirklicher Nutzen zu erwarten sei. 
Dies entspricht jedoch meinen Erfahrungen und denen anderer Neurologen keines- 
wegs. Es ist allerdings nicht in Abrede zu stellen, daß in Fällen, in welchen die 
Abstinenz eine schwere Last für das Individuum bedeutet oder zu ausgesprochen 

durch sexuelle Enthaltung entstehen könne, ist dahin richtig zu stellen, daB es sich dabei nur 
um peeudohomraexuelle, der Masturbation Gleichwertige Akte, nicht um eigentliche Homo- 
sexualität handelt, die sich durch Enthaltung ebensowenig entwickeln kann yvie durch Über- 
sättigung." 



Dlfllll.MbyGoü'^k- Or,,™lta™ 



UMVER5ITV Of CALIFORNIA 



Die sexuelle Abstinenz beim Manne. Ol 

loankhaften Erscheinungen führt, wenn tunlich» in erster Linie der Kansal- 
indikation zu genügen ist. Wenn die Verhältnisse des Patienten eine Verheiratung 
g^tatten, oder wenigstens in nicht zu ferner Zeit ermöglichen, darf man mit der 
nachdrücklichen Empfehlung derselben nicht zögern, auch wenn eine solche 
den Plänen und Wünschen des Patienten nicht entspricht. Es ist dabei keines- 
wegs nötig, da8 der Patient über Hals und Kopf eine Ehe eingeht, da wir in der 
Begel in der Lage sind, seinen Zustand zu erleichtem, bis ihm eine geeignete Wahl 
mc^lich ist. Unsere derzeitigen sozialen Verhältnisse enut^lichen jedoch dem 
weitaus größeren Teile der in Frage stehenden Männer nicht, wenigstens in abseh- 
barer Zeit ihren sexuellen Bedürfnissen auf dem Wege der Verheiratung Rechnung 
zu tragen. Die Aufgabe, welche uns die Sachlage bei dieser Mehrzahl stellt, erweist 
sich schwierig und kompliziert, auch wenn man lediglich medizinische Gesichts- 
punkte als maßgebend erachtet. Die Empfehlung des außerehelichen Geschlechts- 
verkehrs, die hier nach der Ansicht mancher Autoren allein in Frage kommen 
kann, rechtfertigt sich vor dem ärztlichen Crewissen durch die Verbesserungen 
der Schutzmittel gegen Infektion nici^t in dem Maße wie vielfach angenommen 
wird. Keines dieser Präventivmittel gewährt einen absoluten Schutz gegen An- 
steckung, insbesondere gegen Syphilis, was bei der heutigen Verbreitung dieser 
Krankheit sehr ins Gewicht fällt ^). 

Indes, wenn wir auch von diesem Umstände absehen, dürfen wir uns keines- 
wegs dem Glauben hingeben, daß wir uns mit dem Eate, die Fortsetzung der 
Abstinenz aufzugeben, immer Dank verdienen würden. Bei einem erheblichen 
Teile der in Abstinenz lebenden Männer wurzeln die moralischen, rehgiösen öder 
hygienischen Bedenken gegen den Verkehr mit Prostituierten oder überhaupt 
jeden außerehehchen Verkehr so tief und fest, daß wir durch die Empfehlung 
einer sogenannten Beischlafskur keinen Erfolg erzielen, sondern ledighch den 
Gedanken wachrufen würden, daß es mit unserer Kunst und Moral recht schlimm 
bestellt sei. Das gleiche gilt natürlich für die nicht seltenen Fälle, in welchen 
zwar moralische und ähnliche Bedenken keinen Grund für den Verzicht auf außer- 
ehelichen Geschlechtsverkehr bilden, dieser aber durch Eücksichten auf die 
persönliche Stellung des Patienten oder Mangel an Gelegenheit ausgeschlossen ist. 

Wenn sich in diesen Fällen auch der Indicatio causalis nicht genügen läßt, 
so sind wir doch zumeist in der Lage, dem Patienten wesentliche Erleichterung, 
wenn nicht vöUige Befreiung von seinen Beschwerden zu verschaffen. Man darf 
nur die vorliegende Aufgabe nicht zu leicht nehmen. Neben sorgfältiger die ganze 
IndividuaUtät des Patienten und seine äußeren Verhältnisse bis in die Details 
berücksichtigender Begulierung der Lebensweise können uns hier die physikahschen, 
medikamentösen und insbesondere auch die psychotherapeutischen Hilfsmittel, 
über die wir derzeit verfügen, große Dienste leisten. Hierbei kommt in Betracht, 
daß die Abstinenzleiden im allgemeinen keine Neigung zu standiger Progression 
zeigen. In den weitaus meisten Fällen zeigen sich Schwankungen des Be^ndens; 
bessere und schlechtere Zeiten wechseln, was die Annahme rechtfertigt, daß im 
Organismus eine Tendenz und Fähigkeit besteht, die durch die Abstinenz gesetzten 
Störungen wenigstens bis zu einem gewissen Maße auszugleichen. Diese Tendenz 
ist für unsere Heilbemühungen begreifhcherweise von nicht zu unterschätzender 
Bedeutung;. 

*) Dabei kommt noch in Betracht, Haö die Ansteckungsgefahr nicht lediglich von seiton 
der reglementierten und geheimen Proetitution, sondern auch vielfach von gewissen Kategorien 
weiblicher Personen droht, deren Liebe nicht direkt käuflich ist. 



Dlfllll.MbyGoü'^le Or,,™lta™ 



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92 Die sexuelle Abstineau bnm Manne. 

Die JB'äUe, in welchen sie gänzlich fehlen und daher die oben angefahrten 
Maßnahmen, auch von sachkundiger Seite und mit lO^nsequenz angewandt, 
erfolglos bleiben, dürften jedenfalls selten sein. Wenn in derartigen Fällen der 
Zustand des Patienten dringend Abhilfe erheischt, besteht für den Anst kein 
Grund, auf die Empfehlung des Geschlechtsverkehrs, sofern ihr die angeführten 
Hindernisse nicht entgegenstehen, zu verzichten ^). 

Wenn wir uns in bezug auf die Verordnung von außerehelichem Geschlechts- 
verkehr große Beschränkungen aufzuerlegen haben, möchte ich hiermit nicht 
andeuten, daß die Äbstinenzleidenden über die Provenienz ihrer Beschwerden im 
Unklaren belassen und dadurch verhindert werden sollen, sich selbst die natürliche 
Abhilfe zu verschaffen. Die Aufgabe des Arztes in diesen Fällen ist nicht die eines 
Tagendwächters und die Aufklärung des Patienten über die Bedeutung der Ab- 
stinenz für seinen Zustand im allgemeinen schon deswegen erforderhch, weil 
ohne dieselbe der Patient zu der für ihn notwendigen Gestaltung seiner Lebens- 
weise kaum zu bestimmen ist. 

Es kommt jedoch auch vor — beim weibÜchen Geschleohte allerdings weit 
häufiger als beim männlichen — , daß wir dem Patienten aus Humanität die Quelle 
seiner Beschwerden verschweigen müssen. Es sind dies die Fälle, in welchen eine 
Ifeirat auch in femer Zeit ausgeschlossen ist und die Abstinenz durch moralische 
oder religiöse Grundsätze bedingt wird, deren Beiseitesetzung nicht erwartet werden 
kann (z. B. bei katholischen Geistlichen). 



'} Hier kommen insbesondere die F&lle in Betracht, in welchen bei foi-tbeatehender Ab- 
atinenz der Patient in Gefahr ger&t, mit den Gesetzen in Konflikt zu kommen, ferner die FftUe, 
in welchen bei bedeutender Libido eine neuropathische Belastung oder Erkrankungsform besteht, 
eine Verheiratung des IndiTidnums nicht wünschenswert erscheinen läßt. 



Dlc,lll.™b,G0üj5lc Or,,lr„lta™ 



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IX. 



Sexnelle Abstinenz und Mangel sexneller Befriedigung 

beim Weibe. 



über die Folgen mangelnden geschlechtlichen Verkehrs bei weiblichen Per- 
sonen wurden von den alten Ärzten und Philosophen bekanntUch die seltsamsten 
Fabeln zutage gefördert. Der Uterus sollte nach Plato ein Tier sein, das ein 
glühendes Verlangen nach Schwäugerung hegt und, wenn diesem Verlangen 
längere Zeit nach Entwicklung der Pubertät nicht entsprochen wird, aus Verdruß 
hierüber den ganzen Körper durchwandert, hierbei die Luftwege verlegt und die 
Atmung hemmt, dergestalt die größten Gefahren für das Leben herbeiführend. 
Die Idee der Wanderung des Uterus infolge sexueller Nichtbefriedigung erhielt 
sich durch das Mittelalter bis in die letzten Jahrhunderte und wurde allmähUch 
durch die Anschauung verdrängt, daß sich bei mangelndem sexuellen Verkehre 
im Uterus eine größere Ansammlung von (hypothetischem, weiblichem) Samen 
entwickle, der einem Zersetzungs- und Fäulnisprozesse unterUege und hierdurch 
eine Art Veigiftung des Körpers bedinge. In dieser Zurückhaltung des Samens 
(und des Menstrualblutes) erbhckte man die Hauptursachen der hysterischen 
Zufälle. Mit der Erkenntnis, daß im weiblichen Körper keine Samenflüssigkeit 
produziert wird, mußte diese Theorie natürlich hinfäUig werden. Die Anschauung, 
daß die Abstinenz beim weibhchen Geschlechte unter allen Umständen ein den 

F 

Nerven ungünstiges Moment und speziell eine wichtige Quelle hysterischer Be- 
schwerden bilde, erhielt sich jedoch in Laienkreisen bis zur Gegenwart und hat 
in neuerer Zeit, nachdem man die Existenz sexueller Bedürfnisse beim weib- 
lichen Geschlechte auch in den höheren Gesellschaftskreisen anzuerkennen sich 
nicht mehr entblödet, auch von weiblicher Seite energische Vertreterinnen ge- 
funden. 

La den ärzthcben Kreisen wurde im verflossenen Jahrhundert dem sanitären 
Einfluß der sexuellen Abstinenz beim weiblichen Geschlechte im allgemeinen 
wenig Beachtung geschenkt und ihre Bedeutung als mi^Hche Ursache von Nerven- 
leiden, von der Hysterie abgesehen, sehr gering taxiert. Allein auch bezi^lich 
der Bolle, welche diesen Momenten in der Ätiologie der Hysterie beim zarten Ge- 
scblechte zufällt, schwankten die Ansichten erhebUch. Erst in diesem Jahrhundert 
hat man angefangen, auch beim weibhchen Geschlechte dem Einflüsse der sexuellen 
Enthaltsamkeit auf den Gesundheitszustand im allgemeinen und das Nerven- 
System im besonderen eingehendere Beachtung zu schenken. Die Ansichten, 
zu welchen die einzelnen Autoren hierbei gelangten, zeigen jedoch ebensowenig 
Übereinstimmung wie bezügUch der Abstinenz beim Manne. 



DIom.MbyGoü'^lf Or,,lr„lta™ 



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94 Sexuelle AbBtinenz und Mangel sexueller Befriedigung beim Weibe. 

Ee ist bemerkenswert, daß die Schwankungen der ärztlichen Ansichten über die pa<^ogene 
Bedeutung der geschlechtlichen Enthaltsamkeit beim Weibe, speziell in besug aul die Hysterie, 
sich durch das ganze verflossene Jahrhundert hinzogen. W. v, Hören {Versuch über die Nerven- 
krankheiten 1813) erwägt die sexuelle Abstinenz unter den Ursachen der Xerrenkrankheiten 
Überhaupt nicht. 

Canstadt (Handbuch der mediünischen Klinik, III. Band, 1843, S. 424) führt swar 
die Abstinenz unter den Ursachen der Hysterie nicht an, bemerkt jedoch, daß die Verheiratung 
eines h^terisohen Mädohens oft das unicum remediura zur Heilung bilde. 

Henooh hinwiederum (Supplementband zu Canstadts spezielle Pathologie und Therapie 
1864, S. 362) gesteht der sexuellen Abstinenz keine ätiologische Bedeutung bezüglich der Hysterie 
zu, und Bamberg (I^hrbuch der Nervenkrankheiten, 1851, II. Band, S. 17) erwähnt nur, 
daß nichtbefriedigender, auir^;ender Beischlaf öfters -dem Leiden zugrunde liegt. 

Hasse (Handbuch der Nervenkrankheiten, 1869) hält unter den Ursachen der Hysterie 
sexuelle Verhältnisse für die wichtigsten und führt imter diesen auch die Abstinenz an, ohne 
sie besonders hervorauheben. JoUy (T. Zie mssens Handbuch der Nervenkrankheiten, IL Hälfte, 
1877, 8. 564) bemerkt: „Es gibt aber unzweifeloaft fUlIe von Hysterie, in welchen der Nicht- 
befriedigung des Geschlechtstriebs, der „geschlechtlichen EntiialtAing" eine gewisse Bedeutung 
als ursächlichem Momente zukommt, besonders bei jungen Witwen, die sich früher im Vollgenuß 
geschlechtlicher Befriedigung befanden, ebenso aber auch bei Frauen, die infolge von Impotenz 
ihrer Männer die gehörige Befriedigung nicht finden." 

Gilles de la Tourette dagegen, der in seinem großen dreibändigen Werke (Trait^ clinique 
et thörapeutique de l'HystÄrie, Paris 1801) die Ansichten Gharcots und seiner Schule wieder- 
gibt, \'ertritt einen wesentlich anderen Standpunkt. In seiner Darstellung der Ätiologie der 
Hysterie figuriert die sexuelle Abstinenz nicht. 

Zu einer ähnlichen Auffassung bekennt sich Binswanger (die H^teriß 1904, S. 64). 
Er hält es für eine durchaus unbewiesene Aimahme, daß sexuelle Enthaltsamkeit Hysterie her- 
vorrufe. 

Da die sexuellen Funktionen beim Weibe weit ausgedehnter sind und in seinem 
Leben auch eine weit größere BoUe spielen als beim Manne, liegt an sich der Gedanke 
gewiß nahe, daß andauernde Abstinenz von weittragendem Einflüsse auf die 
ganse Körperökonomie des Weibes sein mag. Biese Auffassung hat in den Beob- 
achtungen über alte Jungfern anscheinend eine gewisse Stütze gefunden. Wenn 
wir jedoch die Folgen der Abstinenz beim weibliehen Geschlechte einer ein- 
gehenderen Prüfung unterziehen, stellt sich der Einfluß des Mangels sexueller 
Befriedigung im allgemeinen als nicht so bedeutend heraus, wie man a priori 
vermuten könnte. Um einigermaßen Klarheit über die vorhegende Frage zu 
erhalten, müssen wir die Begleitumstände und Folgen der Abstinenz beim Weibe 
nach der körperlichen wie seeHschen Seite gleich berücksichtigen. Entbehrung 
des geschlechthchen Verkehrs bedeutet für das Weib nicht lediglich Mangel jener 
Genüsse, die unter den sinnlichen am höchsten stehen, sondern auch Ausfall aller 
jener Funktionen, welche sich an die Empfängnis anschließen, und damit Kinder- 
losigkeit, Man bezeichnet gerne die Mutterschaft als den natürlichen Beruf des 
Weibes, und es ist daher zunächst zu eruieren, ob dem Verfehlen dieses Berufes 
nicht der Hauptanteil an den der Abstinenz zugeschriebenen körperlichen und 
seehschen Folgen, i. e. den EigentumUchkeiten des Altjun'gfemtums zufällt. 

Wenn ich meine Erfahrungen in bezug auf diese Fiage berücksichtige, kann 
ich nicht finden, daß die kinderlosen Frauen, welche in günstigen äußeren und 
ehelichen Verhältnissen leben, seelisch oder körperhch hinter ihren mit Kindern 
gesegneten Schwestern irgendwie zurückstehen. In körperÜcher Hii^icht sind 
sie diesen gegenüber sogar eher im Vorteil. Der Kinderlosigkeit kann daher ein 
Anteil an der Entwicklung der charakteristischen Züge des Altjungfemtums nicht 
zuerkannt werden, zumal der mütterhche Instinkt auch bei Mangel eigener Kinder 
in gewissem Maße Befriedigung finden kann. 

Andauernde sexuelle Abstinenz ist beim weibhchen Geschlechte in der Begel 
mit Ehelosigkeit verbunden, einem Momente, das für die einzelnen weibhchen 



Dlfllll.MbvGoü'^le Or,,™lta™ 



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Seraelle Abstinenz und Mangel sexueller Befriedigung beim Weibe. 95 

Individuen von sehr veischiedener Bedeutung ist. Die Eheschließung bildet für 
sehr viele, insbesondei^ der berufslosen weibUchen Personen, das Lebensziel, da 
dieselbe materielle Versorgung und Befriedigung ideeller Bedürfnisse in sich schließt, 
das Ledigbleiben auf der anderen Seite nicht bloß Verzicht auf geschlechtlichen 
Genuß und die Freuden des Famihenlebens, sondern auch Unsicherheit, wenn 
nicht ÄrmUchkeit der Lebensstellung für sie bedeutet. 

Es ist daher wohl begreiflich, daß die Nichterreichung dieses Zieles häufig 
genug ein Gefühl der Verbitterung oder wenigstens nachhaltige Verstimmung 
erzeugt, die einen ungünstigen Einfluß auf das Nervensystem und damit das 
körperliche und seehsche Verhalten ausübt. Daneben spielt wohl auch noch häufig 
der Mangel der mit dem Famihenleben zusammenhängenden geistigen Anregungen 
eine Kolle, da hierdurch eine Ablenkung der Aufmerksamkeit von dem eigenen 
Befinden und den eigenen Interessen erschwert und damit eine gewisse Ein- 
schränkung des geistigen Horizontes bedingt wird. Lasse ich die älteren unver- 
heirateten weibhchen Personen, die ich im Laufe der Jahrzehnte kennen lernte, 
und bei denen kein Grund vorlag, das Bestehen andauernder Abstinenz zu be- 
zweifeln, vor meinen Augen Kevue passieren, so ergibt sich, daß diejenigen unter 
ihnen, welche von Hause aus oder durch eigene Tätigkeit in günstiger oder wenig- 
stens sicherer materieller Lage sich befinden und namenthch diejenigen, welche 
einen sie befriedigenden Beruf ausüben (Künstleriimen, Lehrerinnen, in kauf- 
männischen Geschäften Tätige usw.) von den körperUchen und geistigen Zügen 
des Altjungfemtums zumeist nichts oder nur sehr wenig aufweisen. Diese sind 
daher meines Erachtens im wesenthchen weit weniger auf den Mangel rein sinn- 
licher Befriedigung, als auf die mit der Abstinenz verknüpften seelischen Ent- 
behrungen und deren Polgen für das Gefühlsleben zurückzuführen ^). 

Ich möchte mit dem eben Bemerkten nicht andeuten, daß jene älteren weib- 
hchen Individuen, welche den Altjungfemtypus nicht aufweisen, die Ehelosigkeit 
mit ihren Folgen als etwas vöUig Gleichgiiltiges ertragen. Zweifellos sind gar 
manche unter ihnen, welche aus dem einen oder anderen Grunde nie eine Ver- 
ehehchung wünschten; aber es mangelt unter ihnen auch nicht an solchen, die 
einer Verheiratung nicht ganz abgeneigt waren und die Entbehrung des Mutter- 
glücks und der Familienfreuden wenigstens zeitweilig als eine bedauerliche Lücke 
in ihrem Leben empfinden. Allein ihre Tätigkeit verhindert sie, trüben Gredanken 
bezüghch ihrer Ehelosigkeit nachzuhängen. Sie verkennen die Vorteile nicht, 
welche ihnen diese neben ihren Nachteilen bringt und so erklärt es sich, daß die 
durch den ledigen Stand ihnen auferlegten Entbehrungen ohne ausgesprochen 
ungünstige Wirkung auf ihr körperhches und geistiges Verhalten bleiben. 

Wenn mm auch die sexuelle Abstinenz beim weibUchen Geschlechte im großen 
und ganzen nicht jenen ungünstigen Einfluß auf den Gesundheitszustand aus- 
übt, der von vielen Seiten noch gegenwärtig angenommen wird, imterHegt es 
andererseits doch keinem Zweifel, daß auch bei weibUchen Personen das in Frage 

^) loh möchte hier darauf binweiBon* daß die Ansichten^ zu welchen sich der Frankfurter 
Frauenarzt Prof. Flescb in seinem geistvollen Vortrage in der VII. JahreBTeraammlung der 
D. G. B. G. bezüglich der gesundheitlichen Folgen der sexueUen Abstinenz beim weiblichen 
Geschlechte bekennt, in der Hauptsache mit jenen übereinstimmen, welche ich seit Jahren 
T^rtrete. Ich begnüge mich^ von den Ausführungen des Autors folgendes wiederzugeben: ,^l8 
Tatsache mufi hier vorweg festgestellt werden, dafi viele unverheiratete, ohne normalen und ohne 
vikariierenden Geschlechtsverkehr lebende Frauen körperlich gesund sind, daß mithin körper- 
liche Krankheit keinesfalls eine notwendige Folge der Abstinenz ist. Die moderne Lektüre, 

das heutige Programm der Theater^ die Art des geselligen Verkehrs unserer Zeit sind an den 
Leiden der alten Jungfer sicher mehr schuld als die Abstinenz, '^ 



Dlol|i™,byGoüJ^le Or„ir,.lfronn 



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06 SexuoUo Abstinenz und Mango! Bexuoller Befriedigung beim Weibe. 

stehende Moment keineswegs selten zu einer Quelle von Leiden wird. Ob und 
in welchem Grade diese Folge sich einstellt, hierfür sind nicht nur wie beim Manne 
die sexuelle und nervöse Konstitution» sowie die Lebensverhältnisse, sondern auch 
die ganze seelische Veranlagung des Ihdividuums bestimmend. Daß die hbidinöse 
Konstitution auch beim weiblichen Geschlechte das Ertragen der Abstinenz 
ei^chwert, ist selbstverständlich. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß durch 
ungeeignete Lebensweise, übelgewählte Lektüre, Bälle und Theater, unpassende 
Geselkchaf t usw. bei an sich sinnlich veranlagten Personen die sexuellen Begehren, 
nachdem sie einmal auf die eine oder andere Weise geweckt sind, eine Steigerung 
erfahren können, welche bei andauernder erzwungener Abstinenz den Nerven- 
zustand in ausgesprochener Weise schädigt. Von der Pubertät bis zum 30. Lebens- 
jahre kommt es jedoch bei Abstinenz erhebhch seltener zu Gesundheitsstörungen 
als nach dieser Periode, und zwar nicht ledighch deshalb, weil mit den Jahren 
die sexuell erotischen Bedürfnisse sich steigern, sondern auch weil die Aussicht 
auf Yerehelichung und damit auf Versorgung mehr und mehr schwindet, was 
den Gemütszustand in sehr nachteihger Weise beeinflussen mag. 

Von den verschiedenen Formen sexueller Konstitution ist die frigide und 
die torpide, insbesondere elftere, beim Weibe weit häufiger vertreten als beim 
Manne, und damit hängt es wohl zusammen, wenn sexuelle Abstinenz im all- 
gemeinen von weiblichen Personen leichter ertragen wird als von männlichen. 

Auch die neuropathische Disposition ist beim Weibe häufiger mit der frigiden 
als der libidinösen Konstitution verknüpft. Wo letztere vorhanden ist, kommt 
es früher oder später zu lokalen Beschwerden (Gefühlen von Erregung, Hitze usw.), 
die zumeist zu masturbatohschen Akten den Anstoß geben. Hieraus kann sich 
ein verhängnivsoller Hang zur Selbstbefriedigung mit schweren nervösen Folge- 
zuständen, imd, wenn dem Triebe zur Selbstbefriedigung mehr oder weniger 
Widei^tand geleistet wird, ein sehr beschwerUcher Zustand sexueller Hyperästhesie 
mit verschiedenen nervösen Begleiterscheinungen entwickeln. 

Bei neuro pathischer Disposition kommt es unter diesen Umständen, nament- 
lich weim äußere Verhältnisse die sexuelle Erregbarkeit steigern, öfters zur Ent- 
wicklung einer Angstneurose, traumartigen und Verstimmungszuständen. Leich« 
teren und schwereren Fällen von Angstneurose begegnen wir aber auch häufig 
bei Witwen, die nach kürzerer oder längerer Ehe zu dauernder Abstinenz ver- 
urteilt sind. Die schwersten nervösen Störungen (Hysteroneurasthenie, Hysterie, 
Hysteromelancholie, schwere Angstneurose) finden wir jedoch bei Frauen, die 
infolge von Lnpotenz ihres Mannes andauernd auf sexuelle Befriedigung verzichten 
müssen und dabei mit sexuellen Erregungen seitens des Gatten nicht verschont 
werden. 

Die Abstinenz führt nicht ledighch während der Periode sexueller Aktivität 
zu Schädigungen der Nervengesundheit. Auch noch während der Wechseljahre 
und längere Zeit nach diesen kommt es bei Mangel sexueller Befriedigung nicht 
ganz selten zu nervösen und psychischen Störungen (insbesondere Schlafmangel, 
Verstimmungszuständen, exzessiver gemüthdier Erregbarkeit und lokalen Be- 
schwerden). Die gesundheitlichen Folgen relativer und temporärer Abstinenz 
weisen in den Einzelfällen ähnliche Unterschiede auf wie die der absoluten. Neben 
den Frauen, welche bei sehr seltenem sexuellen Verkehr o^er Aussetzen desselben 
für Monate und Jahre frei von Beschwerden bleiben, begegnen wir anderen, bei 
welchen die gleichen sexuellen Entbehrungen schon nach kurzer Frist das Befinden 
in sehr ungünstiger Weise beeinflussen. 

Von manchen Autoren wird der sexuellen Abstinenz ein ursächlicher Za- 



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Sexuelle Abstinenz und Mangel sexueUer Befriedigung beim Weibe. VJ 

sammenhang mit Chlorose, ÄBämie und veiscbiedenen gynäkdogisohen Äffektdonen 
zugeschrieben. 

Nicht nur entzündliche Veränderungen (Endometritis, Oophoritis, Metritis), 
sondern selbst das Uteruskarzinom wurden in ursachhchen Zusammenhang mit 
der Abstinenz gebracht. Ich muß mich darauf beschränken, hier auf die Er- 
fahrungen eines hervorragenden G^äkologen, meines hiesigen Kollegen Theil- 
haber ^), zu verweisen, nach welchen die große Mehrzahl der Mädchen und Erauen 
die sexuelle Abstinenz ohne Nachteil für ihre Geschlechtsorgane erträgt und 
anatomische Störungen von langer Dauer durch die Abstinenz überhaupt nicht 
hervoj^erufen werden. 

Endlich haben wir hier noch des Umstandes zu gedenken, daß beim Weibe 
vorübergehend sowohl als dauernd die sexuelle Befriedigung trotz sexuellen Ver- 
kehrs mangeln kann. In dieser Beziehung befindet sich das Weib in einer ent- 
schieden ungünstigeren Lage als der Mann. Bei diesem findet der sexuelle Akt, 
gleichgültig, ob derselbe in vollständig normaler oder abnormer Weise (präzipitierte 
Ejakulation, Congress. interr. usw.) verläuft, durch den Vorgang der Ejakulation 
einen Abschluß, der mit einer gewissen Entladung der sexuell-nervösen Spannung 
einhergeht. Beim Weibe findet bei dem in normaler Weise sich abwickelnden 
Congressus ein ähnlicher Vorgang statt; durch Keizung der sensiblen Nerven 
der Klitoris und Vagina werden reflektorische Vorgänge in den genitalen Zentren 
des Rückenmarks ausgelöst, welche eine transitorische Erektion der Portio vaginalis 
des Uterus und Ausstoßung einer aus dem Uterus und den Bartholinschen 
Drüsen stammenden Schleimmasse zur Folge haben. Mit letzterem, von einem 
spezifischen Wollustgefühle begleiteten Vorgange gelangt ebenso wie bei der 
Ejakulation des Mannes, die zur maximalen Höhe gesteigerte sexuell-nervöse 
Erregung rssch zum Absinken, und damit wird auch die Ausgleichung der durch 
den Akt herbeigeführten Hyperämie der Genitalorgane eingeleitet. Diese reflek- 
torische Aktion (Orgasmus) mit ihren subjektiven Begleiterscheinungen kann aus 
verschiedenen Gründen ganz ausbleiben oder nur ungenügend oder zeitweilig 
eintreten und damit die sexuelle Befriedigung des Weibes mehr oder minder Not 
leiden oder gänzhch in Wegfall konmien. Mit den in gesundheitlicher Beziehung 
sehr wichtigen Folgen dieses Mißstandes werden wir uns an späterer Stelle (Con- 
gress. interr.) befassen. Hier sei nur bemerkt, daß, soweit für die mangebide 
Befriedigung des Weibes überhaupt Krankheitszustände in Betracht kommen, 
die Ursache wohl vorherrschend auf der männhchen Seite und zwar in Potenz- 
mängeln des Gatten (präzipitierte Ejakulation), seltener auf Seiten der Frau 
zu suchen ist; bei letzterer kann infolge ungünstiger Lagebeziehungen der Khtoris 
zur Vagina, angeborener abnormer nervöser Veranlagung oder von sexuellen Miß- 
bräuchen (Masturbation, Exzesse im natürlichen geschlechtlichen Verkehr), auch 
von Lokalerkrankungen die Fähigkeit zur Auslösung des Orgasmus vermindert 
sein oder auch ganz fehlen (Anaphrodisie Eulenburg, Dyspareunie Kisch, 
sexuelle Anästhesie). Mangelnde Zuneigung zum Partner des sexuellen Aktes 
scheint auch in manchen Fällen eine Bolle zu spielen. Angeborener gänzlicher 
Mangel der Fähigkeit zum Orgasmus ist in der Begel mit Mangel der Libido ver- 
knüpft und bildet jedenfalls ein selteneres Vorkommnis als die mangelhafte Ent- 
wicklung der oi^astischen Fähigkeit, die ziemlich verbreitet scheint und sowohl 
mit geringer als mit erheblicher Libido einhergehen kann. Letzterer Zustand 
kommt bei Frauen vor^ welche im übrigen nichts Patholo^sches aufweisen. Die 



^) Theilhaber: Vorhandlungen der VTII. Jahreaversammlung der D. G. B. G., S, 45, 

Löwenfeld, Sexu^lelMii und Nenrenleiden, Sechste Aufl. 7 



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98 Sexuelle Abstinenz und Itbngel sexaeUer Befriedlgong beim Weibe. 

Frauen mit angeborener vollständiger sexueller Anästhesie leiden in der Begel 
von der sexuellen Nichtbefriedigung in keiner Weise. Ihr Nervensystem ist 
Schädigungen durch sexuelle Erregungen unzugänglich; die gesundheitlichen 
Nachteile mangelnder sexueller Befriedigung, deren wir noch zu gedenken haben, 
betreffen nur Frauen, welche die Fähigkeit zur Auslösung des Orgasmus, wenn 
auch nur in sehr geringem Maße, besitzen oder dieselben wenigstens früher besaßen ; 
allein auch die fVauen, welche von Hause aus mit geringer sexueller Empfindhch- 
keit ausgestattet sind, leiden unter diesem Zustande, wenn dabei keine rege Libido 
besteht, gewöhnhch durchaus nicht. Sie bescheiden sich mit ihrem kärghch 
bemessenen Teile an ehelichen Genüssen ohne Klagen, auch ohne nachtrüge 
Folgen, wenn nicht etwa der Gatte sich über ihre geringe Teilnahme an dem Akte 
beschwert oder dieselbe als Konzeptionshindemis in Frage kommt. 



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X. 

Sexuelle Exzesse and ähnliche Schädlichkeiten 



£8 ist "Wohl eine uralte mediziiuBche Erfahrung, daß übermäßige Hingabe 
an sexuelle Genüsse Gesundheitsstörungen nach sich zieht. Die ältesten medi- 
zinischen Schriftsteller teilen bereits bezügliche Beobachtungen mit, und manche 
derselben bemühten sich sogar, die Folgen allzueifrigen Venusdienstes in kräftigen 
Farben zu schildern. Auch der Yolksinstinkt hat, soweit sich derselbe in der 
Volkssage ausspricht, die Gefahren treffend gekennzeichnet, welche ein Übermaß 
in sinnHcher Liebe für Leib und Seele nach sich zieht. Tannhäuser, der den Venus- 
berg flieht und beim Papste für seine Sünden Ablaß sucht, ist ein gebrochener 
Mann, und sein ph^isch -psychisches Elend erfährt durch den Umstand keine 
Milderung, daß er, innerlich widerstrebend, durch die Künste eines dämonischen 
Weibes gefesselt wurde. Auch für die Neuzeit läßt sich nicht behaupten, daß 
dieselbe den pathogenetischen Einfluß sexueller Exzesse aus den Augen verloren 
oder gering geschätzt hat. Insbesondere in den Werken über Lnpotenz und 
Spermatorrhöe ist ihm die eingehendste Berücksichtigung zuteil geworden. Trotz 
alledem müssen wir zugestehen, daß unsere Kenntnisse über die Wirkungen, 
welche geschlechtUche Ausschweifungen auf das Nervensjrstem ausüben, noch 
in mehrfacher Hinsicht lückenhaft sind. Was aber noch auffallender ist, ist der 
Umstand, daß noch nicht entfernt irgend eine Übereinstimmung unter den Schrift- 
stellern darüber besteht, was als „sexueller Exzeß" aufzufassen ist. Von manchen 
wird als solcher sowohl Übermaß im natürlichen Geschlechtsgenusse als exzessive 
Onanie bezeichnet. Demgegenüber müssen, wir hier zunächst bemerken, daß 
wir als „sexuellen Exzeß" nur die natürliche, aber übermäßige Ausübung des 
Geschlechtsaktes betrachten. Mit dieser Definition ist jedoch das Wesentliche 
der Sache nicht genügend charakterisiert. Eine bestimmte, etwa in Zahlen aus- 
drüokbare Grenzlinie, wo der mäßige Geschlechtsgenuß. aufhört und die Aus- 
schweifung beginnt, läßt sich nicht feststellen. Die sexuelle Leistungsfähigkeit 
unterliegt beim männlichen Geschlechte, wie wir sahen, außerordenthchen Schwan- 
kungen, die durch das Lebensalter, den momentanen Gesundheitszustand, indi- 
viduelle Anlage und Bassenverschiedenheiten bedingt sind. Es hängt wohl mit 
letzterem Umstände zusammen, daß einzelne Beobachter ein gewisses Maß~^e- 
schlechtlicher Leistungen bereits als krankhaft bezeichnen, das nach den Erfah- 
rungen anderer noch in die Breite des Physiologischen fällt. So erwähnt Trousseau 
als eine Neurose der Zeugungsorgane bei Ataktikem eine merkwürdige Fähigkeit, 
den Beischlaf sehr oft und in sehr kurzer Zeit zu wiederholen; als Beispiele führt 
er zwei Tabetiker an, von welchen der eine vor seinem Eintritte in das Spital den 
Beischlaf in einer Nacht 8 — 9 mal, der andere binnen 24 Stunden 9 — 10 mal aus- 

7* 



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100 Sdzuelle Exzesse und ähnliche Schädlichkeiten. 

führen konnte. „Im physiologischen Zustande", bemerkt !Eronssean, „finden 
wir keine solche herkulischen Leistimgen, und es kann der Zeugungsakt weder 
so schnell, noch so leicht vollzogen werden." Was Trousseau unter physio- 
logischen Verhältnissen für unmöghch hielt, bleibt jedoch noch erheblich hinter 
den mir bekannt gewordenen geschlechtlichen Leistungen einzelner junger Männer 
zurück, die sicher zur Zeit der fraghchen Potenzentfaltung sich voller Gesund- 
heit erfreuten und auch Jahre hernach keine nervösen Krankheitserscheinungen 
darboten. Hier spielen offenbar Baasenunterschiede eine Bolle, wofür auch zahl- 
reiche andere Erfahrungen sprechen. 

Weim wir nun auch mit Bücksicht auf die außerordentlichen Schwankungen 
der geschlechtUchen Potenz bei den Einzelindividuen in ziffernmäßiger Weise nicht 
feststellen können, was als Übermaß im G^chlechts verkehre zu erachten ist, 
so haben wir doch gewisse Kriterien, aus welchen sich ergibt, ob die Grenze des 
Batsamen überschritten ist. Als Exzeß ist nach meinem Dafürhalten jeder Einzel- 
akt oder jede Häufung von Akten zu erachten, welche längerdauernde un- 
günstige Wirkungen irgendwelcher Art hinterläßt. Wo der sexuelle Verkehr 
einem tatsächlichen Bedürfnisse entspricht und in adäquatem Verhältnisse zu dem 
vorhandenen geschlechtlichen Vermögen und zu den übrigen Leistungen des 
Körpers steht, dürfen, abgesehen von der vorübergehenden Ermüdung nach 
dem Akte, unerwünschte Folgeerscheinungen nicht auftreten; das Gesamtbefinden 
darf hierdurch nicht in ungünstiger Weise verändert werden. Bei Beurteilung 
der Folgen sexueller Ausschweifungen müssen wir in erster Linie die Zeitdauer 
derselben, sodann aber auch Alter und Gesundheitszustand des Individuums 
in Betracht ziehen. 

Exzesse in Venere, die sich über eine Anzahl von Tagen und selbst von Wochen 
erstrecken, werden von jüngeren, völlig gesunden Männern im allgemeinen ohne 
bleibenden Nachteil ertragen. Es läßt sich ja nicht verhehlen, daß wenigstens 
ein großer Teil der Neuvermählten sioh derartiger Sünden schuldig macht und 
doch der Arzt selten Gelegenheit hat, sich mit den Folgen derselben zu beschäftigen. 
Allerdings ist immerhin noch ein Unterschied zwischen den sozusagen bescheidenen 
Exzessen vieler Neuvermählten und dem mitunter ganz sinnlosen, brutalen Venus- 
dienste, dem manche junge Männer im Verkehre mit Halbweltdamen obliegen. 
Ich habe nach solchen unverantwortlichen Extravaganzen bei einzelnen vordem 
ganz gesunden jungen Männern hochgradige Ei^chöpfungszustände des ganzen 
Nervensystems beobachtet und möchte nicht behaupten, daß sich an derartiges 
Vorgehen nicht auch ernstere und bleibende Schädigungen des Nervensystems 
knüpfen können^). Bei neuropathisch veranlagten Personen und gleichzeitiger 
Einwirkung anderer Schädlichkeiten — von Trinkexzessen, Aufregungen, geistiger 
Überanstrengung — bilden selbst mäßige transitorische Exzesse nicht selten 
den Anstoß zur Entwicklung hartnäckiger und schwerer nervöser Schwäehe- 
zustände, speziell spinaler Neurasthenien. Da von einer gewissen Altersgrenze 
— wie wir sahen, vom 36. Lebensjahre — an die Potenz in stetiger Weise abnimmt 
und zugleich die Fähigkeit des Nervensystems, irgendwie in seinem Bereiche 
verursachte Störungen auszugleichen, sich stetig verringert, so erweisen sich 
geschlechtliche Exzesse von kurzer Dauer hei Personen, welche das 40. Lebens- 
jahr überschritten haben, relativ viel häufiger von nachteiliger Wirkung auf das 

*) Wenigstens spricht eine Beobachtung Hammonds dafür. Ein Patient Hammonds 
übte in kaum 8 Stunden ] 1 mal den Koitus aus, wobei nur die ersten 3 Akte eine Emissio seminis 
zur Folge hatten. Kurz nach dem 11. Male hatte Patient einen epileptischen Anfall und wurde 
dauernd impotent, indem er niemals mehr eine Erektion zustande bringen konnte. 



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Sexuelle Exzesse und ähnUcbe Sohädlic&kßitüi. ; '"': ,"• *• : :IftI 

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Nervensystem als bei jüngeren Männern. Indes handelt es sich wenigstens bei 
den noch in mittlerem Älter stehenden Personen zumeist nur um Störungen, 
die in das Gebiet der Neurasthenie gehören. 

Viel ernster kann sich die Sachlage bei Iieuten gestalten, welche in die senile 
Periode eingetreten und deren Grehimgefäße durch Ätheromatose oder andere 
Veränderungen brüchig geworden sind. Hier kann der Koitus bekannthch zu 
Gefäßruptur und Bluterguß ins Gehirn führen. Um Exzesse im medizinischen 
Sinne braucht es sich hierbei nicht immer zu bandeln; es ist ohne weiteres ver- 
ständlich, daß unter der energischen Verstärkung der Herzaktion (von den 
Stauungsvorgängen ganz abzusehen), welche der Geschlechtsakt bedingt, ein 
Blutschwall nach dem Gehirn dringt, der zerreißhche Gefäße zum Bersten bringen 
mag. Je größer die Anstrengung und Aufregung, die der Akt erheischt, um so 
leichter tritt natürhch dieses Besultat ein. 

Allein auch ernstere Zufälle anderer Art können sich an sexuelle Bxzesse 
im höheren Lebensalter, und zwar schon nach kurzer Zeit knüpfen. Einen Fall 
dieser Art habe ich vor Jahren beobachtet. Ein Mitte der 60er Jahre 
stehender Herr heiratete eine etwa um 30 Jahre jüngere Frau, mit welcher er 
in den ersten vier Wochen nach der Vermählung 7 oder 8 mal ehelichen Umgang 
hatte. Schon alsbald nach der Hochzeit stellten sich bei dem Herrn Verdauungs- 
störungen und Schwindelanfälle ein, hierzu gesellten sich Schwäche- und Ohn- 
machtsanwandlungen, die ihn nötigten, das Bett zu hüten, das er erst nach 
mehreren Wochen wieder verlassen konnte. Auch dann zeigte sich noch längere 
Zeit ein Schwächezustand der Beine, der früher nie vorhanden war. 

- Sehen wir von den eben erwähnten, mehr exzeptionellen Vorkommnissen ab, 
so erweisen sich im ganzen die Folgen andauernder, über Monate und Jahre sich 
erstreckender sexueller Überanstrengungen ungleich schwerer und nachhaltiger, 
als die der transitorischen Extravaganzen. Lebensalter und allgemeiner Gesund- 
heitszustand spielen aber auch hier eine wichtige EoUe. Noch sehr jugendliche, 
körperUch nicht vöUig entwickelte Individuen und solche, welche die Jahre der 
vollen Manneskraft schon hinter sich haben, werden im allgemeinen rascher und 
intensiver geschädigt als robuste, noch in der Blüte des I^bens stehende Männer. 
Die Erscheinungen, mit welchen wir es in diesen Fällen zu tun haben, gehen meist 
zunächst vom Bückenmarke aus: Gefühle von Schwäche in den Beinen, denen 
anfänglich keine erhebliche Abnahme der Leistungsfähigkeit entspricht, alsbald 
aber deutliche und auffallende Verringerung der Gehfähigkeit, Gefühle von Un- 
sicherheit, Taubsein und Kälte in den Beinen, Schwäche und dumpfe Sehmerzen 
im Bücken, die dui^h ihre Hartnäckigkeit sehr lästig werden und oft nach abwärts 
in die Oberschenkel oder nach vorne in die Samenstranggegend und die Hoden 
ausstrahlen. Hierzu gesellen sich früher oder später die Erscheinungen der 
geschlechthchen Schwäche: Erhöhte Beizbarkeit gegenüber sexuell-sinnlichen 
Eindrücken, häufigere Pollutionen ^), verfrühte Ejakulation, Abnahme und selbst 
Verlust der Erektionsfähigkeit (Impotenz). 

Ob diese Erscheinungen, wie z. B. Bosenthal annahm, von einer Hyperämie, 
oder nach Hammond von einer Anämie des Bückenmarkes (speziell des Lenden- 
markes) abhängen, will ich dahingestellt sein lassen. Sicher ist, daß die vielen 



*) Von Gy urkovechky wird das Auftreten häufigerer Pollutionen und von SpennatorrhOe 
als Folge übermäßigen sexaellon Verkehrs allein bestritten, während Furbringer auf Grund 
zahlreicher eindeutiger Beobachtungen für deren Vorkommen infolge sexueller Exzesse (ohne 
Onanie) eintritt. Ich mu& nach meinen Beobachtungen, soweit wenigstens die Follutiones nimiae 
in Frage sind, die Anschauung Gyurkorechkys ebenfalls als unstichhaltig bezeichnen. 



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102 : '• ■' *" . '.*': : iS^eUr Exzesse und ähnliche Sohftdlichkeiten. 

• ■■•- -"P • 

und intensiven Erregungen des BückemuarkeB durch Exzesse in Venera eine 
Veränderung in diesem Oi^ane und zwar zunächst in den unteren Abschnitten 
desselben herbeiführen, die — nach den Folgen zu sdiließen — sich als ein Zustand 
gesteigerter Eeizbarkeit uüd funktioneller Schwäche (reizbare Schwäche) dar- 
stellt. Das Wesen der fraghchen Veränderung entzieht sich vorerst noch gänzlich 
unserer Erkenntnis. Es ist aber jedenfalls von Interesse, daß ich nach Über- 
anstrengung der Anne durch Schreiben, Zeichnen, Violin- und Klavieispiel, sowie 
durch feine Handarbeiten genau dieselben Erscheinungen an den Armen beob- 
achten konnte, wie sie an den Beinen nach Exzessen in Venere auftreten. Die 
sexuelle Überreizung wirkt also auf das Lenden- und Sakralmark wie übermäßige 
Inanspruchnahme anderer Bückenmarkspartien durch Überanstrengung gewisser 
Muskelgruppen. 

Indes beschränken sich die Folgen des luunäßigen Venusdienstes nicht auf 
das spinale Gebiet. Sehr bald treten neben den Bückenmarkssymptomen, mitunter 
auch gleich anfangs, Störungen von Seiten des Gehirns auf: Kopfeingenommenheit, 
seltener eigentlicher Kopfschmerz, Schwindel, Sehstörungen, Schlafmangel, Angst- 
anwandlungen usw.; hierzu können sich nervöse Funktionsstörungen von selten 
des Herzens, des Magens, des Darmes und der Blase und Steigerung der Haut- 
und Sehnenreflexe gesellen. Es entsteht dergestalt das Bild der allgemeinen 
Neurasthenie, dessen Züge in jedem Einzelfalle variieren, aber auch bei dem- 
selben Patienten im Laufe der Zeit erheblich wechseln. Bald sind die Beschwerden 
von Seiten des Kopfes, bald die von Seiten des Bückens und der Beine, bald die 
Erscheinungen der nervösen Herzschwäche, bald die der nervösen Dyspepsie im 
Vordergrunde. Zufällige, oft nicht näher eruierbare Umstände drängen den einen 
Symptomenkomplex zurück, während sie den anderen mehr hervortreten lassen. 

Daß anhaltende Unmäßigkeit im sexuellen Genüsse die vorstehend ange- 
führten Störungen nach sich ziehen kann, hierüber besteht unter den kompetenten 
Beobachtern kaum ein Zweifel. Man darf es auch als feststehend erachten, daß 
der Schaden sich nicht in alle» Fällen hierauf beschränkt. Allein, wenn wir uns 
bemühen, die Krankheitszustände genauer zu ermitteln, die sich, abgesehen von 
der Neurasthenie und ihren Anhängseln (Pollutionen, Spermatorrhöe, Impotenz), 
an die sexuellen Exzesse knüpfen, so stoßen wir auf eine Beihe von Schwierigkeiten. 
Geschlechthche Ausschweifungen sollen nach zahlreichen Autoren bei der Ent- 
stehung von Geisteskrankheiten, Epilepsie und manchen oi^anischen Bücken- 
marksleiden eine Bolle spielen. Daneben fehlt es aber nicht an Stimmen, welche 
die Exzesse in Venere in den betreffenden Fällen schon als Äußerung eines Krank- 
heitszustandes des Nervensystems betrachten und in den Polgen derselben nur 
einen Circulus vitiosus gegeben sehen. Außerdem finden wir sehr häufig neben 
geschlechtlichen Extravaganzen andere Schädhchkeiten wirksam, vor allem 
Mißbrauch gei stiger Gretränke, Syphihs, Aufregungen und geistige Überanstrengung, 
körperhche Strapazen. Es ist bei einer solchen Konkurrenz von Ursachen jeden- 
falls sehr schwierig, oft sogar ganz unmöghch, auszuscheiden, was dem einen 
und was dem anderen ätiologischen Momente zur Last fällt. 

Betrachten wir zunächst den Einfluß sexueller Exzesse auf die Entstehung 
von Psychosen, so müssen wir konstatieren, daß derselbe nach den genaueren 
Ermittlungen der neueren Zeit in der Ätiologie dieser Erkrankungen nicht die 
hervorragende Bolle spielt, die man früher demselben zuzuschreiben geneigt war, 
und jedenfalls hinter dem der Onanie bedeutend zurücksteht. 

Nach V. Kraff t-Ebing können sich schwere Zerebrasthenien, Senium praecox 
und schwere Melancholie mit hypochondrischer Färbung unter dem erschöpfenden 



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Sexuelle Exzesse und ähnliche SchädltohkeAeit. ; :*- -^ , - -103 

Kinflusse übermäßiger Kohabitationen entwickeln. „In der Begel sind aber 
dabei noch andere Hilfsursachen wirksam." Biese Hilfsmomente sind sicher oft 
von überwiegendem Einflüsse *). 

Früher wurde von manchen Autoren geschlechtUche Unmäßigkeit als eine 
der wichtigsten Ursachen der Paralyse betrachtet. Diese Auffassung hat gegen 
wärtig kaum mehr Anhänger. Man kann sexuellen Exzessen in der Ätiologie der 
Paralyse nicht mehr als die Bedeutung eines prädisponierenden Momentes zuge- 
stehen. In den meisten Fällen, in welchen bei Paralytikern die in Frage stehenden 
Exzesse nachweisbar sind, fallen dieselben übrigens in die Anfangsperiode der 
Erkrankung und bilden sonach ein Symptom, nicht eine Ursache derselben. Auf 
der anderen Seite läßt sich aber nicht bezweifeln, daß der durch sexuelle Über- 
reizung bedingte neurasthenische Gehimzustand eine günstige Basis für die Wirk- 
samkeit weiterer Schädlichkeiten, speziell des Alkohols (wahrscheinlich auch der 
Syphilis) bildet. 

Von älteren Beobachtern wurden Exzesse in Venere als eine häufige und 
wichtige Ursache der Epilepsie bezeichnet. Man verghch auch vielfach oder iden- 
tifizierte in gewissem Maße den Geschlechtsakt mit der Epilepsie (Coitus epilepsia 
parva oder brevis, Caelus Aurelianus, Sennert,Ettmüller u. a.); Boerhave 
ging noch weiter, indem er geradezu erklärte, coitum esse veram epilepsiam ■). 
In neuerer Zeit ist man allgemein in der Taxierung der ätiologischen Bolle sexueller 
Exzesse in bezug auf die Epilepsie sehr zurücÖialtend geworden. Nothnagel 
bemerkt, daß auch anhaltende und starke Exzesse in Venere, wenn je überhaupt, 
so nur als sehr seltene Ursache der epileptischen Verändenmg betrachtet werden 
dürfen. Von manchen (so in neuerer Zeit von Strümpell und Christian) wird 
geschlechthchen Ausschweifungen eine Bedeutung als Ursache der Epilepsie ganz 
abgesprochen. Halten wir uns an das tatsächUcb Festgestellte, so finden wir, 
daß der erste Koitus bei hereditär veranlagten Personen öfters den ersten Anfall 
herbeiführte und daß es bei anderen bei jedem Beischlafe oder Versuche hierzu 
zu einem Anfalle kam, so daß der geschlechtUche Verkehr ganz aufgegeben werden 
mußte. Sicher ist auch, daß häufiger geschlechtlicher Umgang bei Epileptischen 
die Anfälle vermehrt. Delasiauve bemerkte, daß Kranke, die während ihres 
Aufenthaltes in Asylen nahezu frei von Anfällen sind, nach dem Verlassen der 
Anstalt und Wiederaufnahme selbst mäßigen sexuellen Verkehrs neuerdings von 
Anfällen heimgesucht werden, bei Exzessen natürUch um so stärker ^). Ich selbst 
beobachtete einen Patienten mit hereditärer Belastung, bei welchem der erste 
epileptische Anfall kurze Zeit nach der Verheiratung auftrat. Bei zwei anderen 
Kranken, die während ihrer ersten Ehe nur an seltenen Anfällen von Petit mal 
gelitten hatten, stellten sich alsbald nach ihrer Wiederverheiratung mit einer 
erhebhch jüngeren Frau häufigere und stärkere Krampfanfälle ein. In einem 



1) Kraepelin, Psychiatrie. 8. Aufl. 1900, I. Bd. S. 110 legt sexuellen ExzeBsen in der 
Ätiologie der Psychosen offenbar nur sehr geringe Bedeutung bei. Nach seiner Ansicht läßt 
sich die Möglichkeit einer gelegentlichen Schädigung des Nervensystems durch geschlechtliche 
Ausschweifungen und Onanie nicht ganz in Abrede stellen. Dabei erachtet er die Masturbation 
für gefährlicher als den natürlichen Geschlechtsverkehr. 

*) Auch einige neuere Autoren (Ronbaud. Hammond, Kowalewsky und selbst F6r£} 
vollen eine gewisse Ähnlichkeit xvischen dem Koitus und dem epileptischen Anfalle finden. 
Ich kann nur Christian (Epilepsie, Folie öpileptique 1890, S. 91) beipflichten, wenn er erklärt: 
„Kien, abeolument rien, Jl mens sens n'autorise k rapprocher ces deux ordres de faits". 

*) Auch F6r6 enriLhnt, daß Kranke, welche im Hospital von Anfällen verschont bleiben, 
nach dem Austritte von solchen immer wieder heimgraucht werden. Nach seiner Ansicht ist 
es jedoch hierbei oft schwierig, den Anteil des Alkohols und des sexuellen Verkehrs zu sondern 



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4 4 



101 . ."■ *'- : Sexuelle ;ExzeaBe und ähnliche Schädlichkeiten. 



» * 



4. Falle endlich kehrten Anfälle von Petit mal» die in den Kinderjahren infolge 
von Masturbation entstanden, dann aber viele Jahre weggeblieben waren, zurück, 
nachdem der Patient einige Zeit hindurch mjt ungewohntem Eifer seinen ehelichen 
Pfhchten nachgekommen war. Andererseits hatte ich aber Gelegenheit, eine 
Anzahl Epileptischer zu beobachten, bei welchen sexueller Verkehr sich in bezug 
auf Auslösung von Anfällen unwirksam erwies. 

Nach alledem dürfen wir wohl sagen, daß Exzesse in Venere eine bestehende 
Epilepsiejverschlimmem, das latent gewordene Leiden wieder wachrufen, unter 
Umständen auch die erste Explosion der Krankheit herbeiführen können; ein 
Beweis dafür, daß dieselben bei nicht veranlagten Personen Epilepsie erzeugen 
können, hegt jedoch nicht vor *). 

Für keine Krankheitsgruppe wurde seit alter Zeit mit solcher Bestimmtheit 
ein ursächlicher Zusammenhang mit sexuellen Exzessen behauptet, als für die 
(organischen) Erkrankungen des Bückenmarkes. Die Grundlage dieser An- 
schauung bildet unleugbar die Schilderung, welche Hippokrates von der als 
Eückendarre {Nwruig q>^taic) bezeichneten Erkrankung gibt: „Die Bücken- 
schwindsucht entspringt aus dem Bückenmarke. Sie ergreift vornehmlich Unver- 
heiratete und Wollüstlinge. Sie sind ohne Fieber, essen gut, aber sie schwinden 
dahin. Wenn man sie fragt, so werden sie angeben, daß sie das Gefühl haben, 
als ob ihnen Ameisen vom Kopfe längs des Bückens herablaufen. Wenn sie urinieren 
oder zu Stuhl gehen, so verUeren sie viel wässerige Samenflüssigkeit; aber Frucht- 
barkeit findet nicht mehr statt. Im Schlafe haben sie wollüstige Träume. Beim 
Gehen oder Laufen, besonders beim Berg- oder Treppensteigen, stellt sich Asthma 
und Schwäche ein. Schwere im Kopf und Sausen in den Ohren. Später werden 
sie vom hitzigen Fieber ergriffen und gehen schwindsüchtig zugrunde." Daß 
diese Schilderung dem Bilde der heutzutage als Tabes dorsahs bekannten Erkran- 
kung nicht entspricht, unterhegt wohl keinem Zweifel. Allein die Anschauungen 
der Ärzte hinsichthch der Ursachen der Tabes dorsahs wurden noch in den ersten 
Dezennien des letzten Jahrhunderts vöUig durch die hippokratische Lehre von 
der Bückendarre beherrscht. Sexuelle Exzesse und Onanie galten als häufigste 
Veranlassung der Bückenmarkssch windsucht und anderer Bückenmarksleiden. 
Johannes Müller, der berühmte Physiologe, bezeichnete die Tabes als eine 
nur von Ausschweifungen herrührende Krankheit. Schon Niemeyer wandte 
sich mit Nachdruck gegen diese Behauptung und wies auf die ungerechtfertigten 
Verdächtigungen hin, denen hierdurch so manche bedauernswerte Bückenmarks- 
leidende ausgesetzt würden. Schultze konnte sogar unter 46 Fällen von Tabes 
nur bei einem sexuelle Ausschweifungen als Ursache finden. 

In den letzten Dezennien hat sich die große Mehrzahl der Beobachter hin- 
sichthch der Bedeutung geschlechthcher Unmäßigkeit als einer Ursache organischer 
Bückenmarkskrankheiten und speziell der Tabes zu einer der früher herrschenden 
ganz entgegengesetzten Anschauung bekannt. Eine Beihe von Autoren (Beard, 
Curschmann, Seligmüller, Gowers, Hirt, Leyden, Goldscheider) gesteht 
den sexuellen Exzessen in der Ätiologie der Tabes entweder überhaupt keine 
Bedeutung, oder nur die eines prädisponierenden Momentes zu. Nach Eaymond 
scheinen Exzesse in Venere ähnhch Erkältungen, Überanstrengungen und Traumen 
mitunter eine Gelegenheitsursache zur Entwicklung der Tabes bei durch hereditäre 
Belastung Disponierten zu bilden. Erb fand, daß unter 271 Tabesfällen seiner 

^) Auch die oben erwähnte Seobocbtung Hammonds kann nicht als Beweis in dieser 
Beziehung angesehen werden. Es handelte sich hier offenhar um einen vereinzelten Krampf- 
anfall, nicht um eine andauernde epileptische Veränderung. 



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Sexuelle Exzesse und ähnliche Schädlichkeiten. 105 

Beobachtung nur bei 15,8% sexuelle Exzesse zugestanden wurden. Er hält diese 
Exzesse für ein entschieden wirksames Moment in bezug auf die Verursachung 
von Tabes, doch fast ausschheßüch bei luetisch Infizierten. Nur in drei Fällen 
seiner Beobachtung bildeten sexuelle Exzesse die einzig nachweisbare Schädhch- 
keit. Wenn dagegen ein amerikanischer Beobachter, Nef tel, in seinen sämtlichen 
Tabesfällen allzu reichliche Betätigung des Geschlechtstriebes konstatieren konnte, 
so handelt es sich hier wohl um eine Zufälligkeit des Materials, die nicht weiter 
in Betracht kommen kann. 

Meine eigenen Erfahrungen sprechen zwar nicht dafür, daß bei der Ver* 
ursachung organischer Bückenmarkskrankheiten Exzesse in Venere eine hervor- 
ragende Bolle spielen, sie gestatten mir aber auch nicht, diese Exzesse in fraglicher 
Beziehung für ganz belanglos anzusehen. Wir müssen zunächst berücksichtigen, 
daß andauernde geschlechtliche Ausschweifungen nicht so häufig sind, als wohl 
viele glauben mögen; es hängt dies damit zusammen, daß die Natur selbst für 
eine Art von Hemmvorrichtung gesollt hat, welche den zu sexueller Mißwirtschaft 
Geneigten in gewissem Maße gegen fortgesetzte Selbstschädigung schützt. Auf 
die Übersättigung mit sexuellen Genüssen folgt bei dem Gesunden naturgemäß 
die Erschöpfung und damit ein zeitweiliges erhebliches Sinken (wenn nicht Er- 
löschen) der Libido wie der Potenz, wodurch das Individuum von weiterer Kraft- 
vergeudung vor seiner Wiederholung abgehalten wird, sofeme nicht äußere Anreize 
die sexuelle Appetenz anfachen ^). Bei dieser Sachlage erscheint es mir immerhin 
beachtenswert, daß unter den von mir beobachteten Tabetikem sich eine gewisse, 
allerdings beschränkte Anzahl von solchen befindet, welche andauernd sich ge- 
schlechthchen Exzessen hingegeben hatten und zwar lange Zeit vor dem Auf- 
treten der ersten Krankheitserscheinungen, so daß das Verhalten der Betreffenden 
in sexueller Beziehung nicht als Äußerung der Erkrankung betrachtet werden 
kann. Manche dieser Patienten hatten selbst den Eindruck, daß ihr lockeres Leben 
nicht ganz ohne Zusammenhang mit ihrer Erkrankung sei, und dieser Annahme 
konnte ich mich ebenfalls nicht entziehen. Was dieselbe noch erheblich stützt, 
ist der Umstand, daß die Mehrzahl der betreffenden Leidenden durch ihren Beruf 
genötigt war, viel auf den Beinen zu sein (Agenten), und es bei denselben auch 
an mancherlei geschäftlichen Aufregungen nicht fehlte. Es ist wohl nicht zu 
bezweifeln, daß unter dem Einflüsse geschlechtlicher Exzesse das Kückenmark 
namentlich bei solchen Individuen leiden muß, die nicht in der Lage sind, in der 
Zwischenzeit dem erschöpften Oi^ane die nötige Buhe zu gönnen. Andererseits 
muß ich aber zugestehen, daß meine Beobachtungen keinen strikten Beweis dafür 
liefern, daß geschlechtUche Unmäßigkeit ohne Mitwirkung anderer Schädlichkeiten 
bei ursprünghch gesunden Personen Tabes hervorzurufen vermag. Das gleiche 
gilt für andere organische Eückenmarkskrankheiten, speziell die chronische Myelitis. 
Ich beobachtete unter einer immerhin ansehnlichen Zahl von Fällen letzterer 
Erkrankung nur einen einzigen (schwere Myelitis transversa), in welchem sexuelle 
Ausschweifung sicher vorhanden und ein anderes ätiologisches Moment nicht 
zu eruieren war, woraus jedoch noch nicht gefolgert werden darf, daß erstere die 
alleinige Ursache der Erkrankung war. Im allgemeinen scheinen mir daher sexuelle 
Exzesse eher der Entwicklung der Tabes als irgend einer anderen organischen 
Rückenmarkserkrankung Vorschub zu leisten '). 

^} Die Fälle, in welchen auf ein Übermaß sexueller Leistung keine entsprechend nach- 
haltige Minderung der geschlechtlichen Appetenz erfolgt, sind meines Erachtcns durchgehends 
pathologischer Natur. 

■) Mehrere Beobachter (Oran, Oppenheimer, Diemer) wollten auch die progressive 
Muslulatrophie in UFBächlichcn Zusammenhang mit geachlechtUchen Exzessen bringen. Eine 



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106 SexuoUe Exzesse und ähnliche Schädlichkeiten. 

In ähnlicher Weise wie übermäßige Häufigkeit geschlechtUchen Umganges 
können auch bei mäßigem sexuellen Verkehre gewisse denselben begleitende 
oder ihm folgende Umstände nachteilig werden. Die SchädUchkeit des Koitus 
in statione ist fast allgemein zugegeben. 

Schon ältere Autoren (Sanotorius, Morgagni, Tissot) haben auf dieselbe 
aufmerksam gemacht. Tissot und Ollivier d'Angers berichten über Fälle, 
in welchen Lähmung der Beine im Gefolge gewohnheitsmäßiger Übung des 
geschlechtlichen Verkehrs im Stehen eintrat. Garr6 führte sexuelle Exzesse, 
insbesondere solche, die im Stehen begangen werden, als Ursache der Tabes (Ataxie 
locomotrice) an; nach der Meinung dieses Autors sollen hierdurch Kongestionen 
des Bückenmarkes (erstes Stadium der Tabes) herbeigeführt werden. Hammond 
erwähnt, daß er wiederholt ernste Polgen von der beständigen Übung der Kohabi- 
tation in der erwähnten Stellung sah. Blin ältUcher Herr seiner Beobachtung, der 
längere Zeit der in Frage stehenden Art des sexuellen Verkehrs gehuldigt hatte, 
wurde bei dieser Gelegenheit von einem heftigen Tremor in beiden Beinen ergriffen , 
der zwei Tage anhielt, nach welcher Zeit Lähmung der Beine und Impotenz sich 
bemerkUch machten. Die Lähmung besserte sich bedeutend, während die Impotenz 
verblieb. Ein anderer Patient, der an den Ooitus in statione nicht gewöhnt war, 
wurde nach demselben von einer Ohnmacht befallen, an welche sich partielle 
Lähmung beider Beine und Incontinentia urinae anschloß. Die Lähmung der 
Beine verlor sich in wenigen Wochen, der Sphincter vesicae war noch- nach 5 Jahren 
geschwächt. 

Wenn ich meine eigenen Erfahrungen berücksichtige, so verhalten sich manche 
jüngere Männer wenigstens auffäUig resistent gegen die Schädlichkeit des in Frage 
stehenden Voi^ehens, während andere schon nach kurzem dasselbe büßen müssen. 
Indes handelt es sich hierbei gewÖhnUch nur um Erscheinungen spinaler Neur- 
asthenie. 

Sexueller Umgang nach dem Essen wird ebenfalls von den älteren Ärzten 
als schädhch bezeichnet. Fär6 erwähnt, daß bei manchen Personen der Beischlaf 
nach der Mahlzeit eine Erschöpfung der Magen tätigkeit und Verdauungsstörungen 
herbeiführt. 

Körperliche Anstrengungen unmittelbar nach dem Aktus erweisen sich eben- 
falls häufig von entschieden ungünstiger Wirkung. Gnrschmann erwähnt eines 
jüngeren kräftigen Mannes, der jahrelang ohne Nachteil für seine Gesundheit 
4 mal wöchentlich mit seiner GeUebten Umgang hatte; als diese jedoch eine ent- 
ferntere Wohnung bezog und der Betreffende genötigt war, einen Weg von einer 
Stunde nach dem Akte zurückzulegen, wurde er alsbald von sehr angreifenden 
Nacht- und Tagespollutionen heimgesucht. Vereinzelte ähnliche Beobachtungen 
habe ich ebenfalls gemacht. 

Bei einem Ende der 80er Jahre stehenden verheirateten Herrn meiner Be- 
obachtung, welcher öfters den eheUchen Verkehr am Morgen, kurze Zeit vor dem 
Aufstehen, pflegte und nach dem Frühstücke in sein Geschäft einen weiten Weg 
zurückzulegen hatte, kam es binnen kurzer Zeit zu einer auffälligen Abnahme 
der Potenz. 

Auch die Ausübung des Koitus nach erhebhchen körperUchen Anstrengungen 
kann entschieden schädigend wirken. Bei einem jungen Manne meiner Beobach- 

meiner Beobachtungen von spinaler progresBiTer Muskelatrophie ließe sich zugunsten dieser 
AuffasBong verwe^n. Doch kann es sich jedenfalls nur darum handeln, daB die durch die 
geschlechtlichen Vorgänge erschdi^ten Rttckenmarkszentren der Eünwiikun^ anderer Schädlich- 
keiten gegenüber der Widerstandsfähigkeit ermangeln. 



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Sexuelle Exzesse und ähnliche Schädlichkeiten. 107 

tung, der unmittelbar nach einer anstreDgenden Velosdpedtour den Beischlaf 
ausgeübt hatte, entwickelten sich im Anschluß an diesen Akt die Erscheinungen 
einer schweren spinalen Neurasthenie, die sich noch nach Jahren nicht ganz ver- 
loren hatten. 

Manche Männer besitzen die Fähigkeit, den Eintritt der Ejakulation beim 
Kopulationsakte willkürhch hinauszuschieben und dadurch den Akt nach Belieben 
zu verlängern. NamentUch bei der Übung des Congressus interruptus wird von 
dieser Kunstfertigkeit häufig Gebrauch gemacht und hierdurch die nachteiUge 
Wirkung dieser Art des Kon'gressus gesteigert. Allein auch bei normaler Beendigung 
des Aktes muß die übermäßige Ausdehnung desselben als ein den Nerven schäd- 
liches Moment bezeichnet werden. 

Unstreitig wird das Nervensystem des Weibes durch den Geschlechtsakt 
weniger nachhaltig ergriffen als das des Mannes. Man darf hier nur auf das nahe- 
liegende Verhalten der öffentlichen Frauenzimmer hinweisen. Es mag sein, daß 
das Nen'ensystem dieser etwas robuMer veranlagt ist als das der durchschnitt- 
Uchen weibhchen Personen, und daß speziell die Nerven der Bexualsphäre bei 
denselben eine Abstumpfung der Empfindung aufweisen. Allein dies zugestanden, 
verbleiht es immerhin bemerkenswert, daß bei diesen Geschöpfen Fälle nervöser 
Überreizung infolge von Ausübung ihres Gewerbes sehr selten vorkommen, und 
wo sich neurasthenische oder hysterische Zustände bei denselben finden, zumeist 
andere Ursachen im Spiele sind. Auch bei gesunden Frauen, die nicht der Venus 
vulgivaga huldigen, ist häufig wiederholter geschlechthcher Verkehr, sofeme 
derselbe in ganz normaler Weise statthat, im allgemeinen ohne jeden nachteiligen 
Einfluß. Das Verhalten des Mannes und der Frau kontrastiert in diesem Funkte 
in manchen Fällen in sehr auffälliger Weise. Ich habe mehrfach Gelegenheit 
gehabt, junge Ehepaare zu sehen, wobei der Gatte infolge des Eifers, mit welchem 
er der Erfüllung seiner eheUchen Ffhchten oblag, in seinem Allgemeinbefinden 
und Nerven zustande in beklagenswerter Weise heruntergekonunen war, während 
die Gattin zugenommen hatte und fortdauernd der besten Gesundheit sich 
erfreute. 

Lides bleibt auch bei Frauen Übermaß im sexuellen Verkehr nicht immer 
ohne nachteiUge Folgen für das Nervensystem. Mitunter kommt es dadurch 
ähnlich wie beim Manne zu einer Erschöpfung der genitalen Bückenmarkszentren, 
infolge welcher beim Geschlechtsakte der Orgasmus sich schwerer und in geringerem 
Maße einstellt oder auch ganz ausbleibt. Diese mangelhafte Befriedigung oder 
Nichtbefriedigung kann, wie aus meinen Beobachtungen sich ergibt, zur Ent- 
wicklung von Angstzuständen führen oder dieselbe begünstigen. Hammond 
berichtet, daß er in zwei Fällen Lähmung beider Beine bei Frauen beobachtete, 
die in einer Nacht sich übermäßig oft dem sexuellen Genüsse hingegeben hatten, 
und außerdem sehr häufig Spinahrritation und andere nervöse Störungen als 
Folgeerscheinungen der gleichen Ursache sah. Auch nach meinen Erfahrungen 
können neurasthenische, speziell spinal-neurasthenische Beschwerden im Grefolge 
freiwiUiger oder unfreiwilliger Exzesse bei Frauen sich einstellen. Bei der von 
Hammond erwähnten Lähmung der Beine dürfte es sich lediglich um Sjrmptome 
eines hochgradigen spinalen Erschöpfungszustandes oder hysterische Erscheinungen 
gehandelt haben. Für das Vorkommen organischer Erkrankungen des Ner\'en- 
systems im Gefolge sexueller Exzesse beim Weibe liegen keinerlei stichhaltige 
Beweise vor. 



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lOS Sexuelle Exzeese und ähnliche Schädlichkeiten. 

Beobaehtung. 

Unfreiwillige sexuelle Exzesse bei einer Frau; als Folge derselben Pollu- 
tionen und Verlust des orgastischen Gefühls bei der Kohabitation, Frau B. aus 
Wien, 32 Jahre alt, ohne erbliche Belastung, verheiratete sich mit 16 Jahren und ist seit 2 Jahren 
geschieden. Ihr G^tte^ fleischer von Profession, ein sehr großer und robuster Mum (Gewicht 
105 kg) 7 Jahre älter als sie, nötigte sie in den ersten 3 Jahren 8— lOnial t&^ch sunt Beischlaf, 
dabei zeigte er schon von Anfang an eine Neigung zu T^rversitäten (z* B. Fellatio). In den 
späteren Jahren mußte sich die Patientin noch 2— 3mal täglich, mitunter auch öfters, zum 
Beischlaf verstehen. Ihre Nerven kamen dabei mehr iind mehr herunter; es stellten sich Appetit* 
mangel, sowie nervöse Magen- und Herzbeschwerden ein, die den Mann jedoch zu keiner Bück* 
sieht bestimmten. Patientin sah sich deshalb veranlaßt, sich von ihm zu trennen. Seitdem 
leidet sie an Pollutionen, die 2— 4mal im Monat auftreten* Das orgastische Gefühl war bei ihr 
schon immer beim Koittis, und zwar auch bei langer Dauer des Verkehrs gering (gegenwärtig 
fehlt es gänzlich). Patientin hat ein Verhältnis mit einem völlig potenten Manne. Bei den 
Pollutionen ist dagegen das orgastische Gefühl sehr lebhaft; von Schleimabgang bemerkt sie 
dabei jedoch wenig. In den Träumen, welche zu den Pollutionen führen, figurieren z. T. die 
Perversitäten ihres Marnu«, die sie so sehr verabscheut«. An den Tagen nach den Pollutionen 
fühlt sich Frau B. gewöhnlich auffällig matt, sie glaubt, daS auch ihr Magenzustand durch diese 
ungünstig beeinflußt wird. 



Dlnl|l.^byG00j;lc Or,g-.lfronn 



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XI. 

Onanie. 



Unter den verschiedenen Übeln, deren Quelle der Geschlechtstrieb bildet, 
ist unstreitig das verbreitetste und verderblichste: die Onanie; wir verstehen unter 
letzterer jede künstlich, nicht vermittels geschlechtlichen Verkehrs geschehende 
Herbeiführung der normalerweise an die Kohabifation sich knüpfenden nervösen 
Erregungen und Empfindungen. Die in Bede stehende Art sexueller Befriedigung 
ist nicht, wie von verschiedenen Seiten behauptet wird, ledigHch ein Ausfluß 
der modernen Kultur oder eine Teilerscheinung der sogenannten modernen Sitten- 
verderbnis. Bas Übel beschränkt sich gegenwärtig auch keineswegs auf die ziviU- 
sierten Nationen ; es hat bei halbwilden Völkerschaften, selbst bei auf der niedersten 
Stufe menschlicher Kultur stehenden Wilden Eingang gefunden. Auch bei Tieren 
wird dasselbe beobachtet. Affen sind bekanntlich der Masturbation in sehr hohem 
Maße ergeben, und es ist kein seltenes Vorkoitminis, daß solche in unfreiem Zu- 
stande ihren onanistischen Neigungen in solchem Maße fröhnen, daß sie an den 
Folgen zugrunde gehen. Auch bei Pferden, insbesondere Bassepferden, und Hunden 
begegnet man nicht selten onanistischen Akten. 

Im klassischen Altertume scheint die Selbstbefriedigung allerdings weniger 
in Übung gewesen zu sein ; dieser Umstand ist jedoch keineswegs auf einem höheren 
moral Standard jener Zeit, sondern wesenthch darauf zurückzuführen, daß 
Päderastie und reichlichere Gelegenheit zur natürlichen Befriedigung der sexuellen 
Bedürfnisse die Veranlassungen zur Masturbation minderten. Die Frage, ob 
letztere in der Gegenwart bei den Kulturvölkern eine größere Ausbreitung erlangt 
hat als in früheren Jahrhunderten, ist nicht mit voller Bestimmtheit zu beant- 
worten. Sicher ist, daß das Übel derzeit eine ungeheure Verbreitung in allen 
Schichten der Bevölkerung, namenthch in den Städten, erreicht hat. Wenn wir 
neben dieser Tatsache die unverkennbare Zunahme der Nervenkrankheiten, speziell 
der Neurasthenie, in den letzten Dezennien, die Steigerung der Konkurrenz auf 
allen Erwerbsgebieten und die dadurch bedingte Erschwerung und Verzögerung 
der Verehelichung für zahllose Individuen berücksichtigen, so dürfen wir jeden- 
falls eher auf eine Zunahme denn eine Verringerung des Mißbrauches schUeßen. 

Wie übel es jedoch auch mit der Verbreitung der Masturbation ffegenwärtig stehen mag, 
so schlimm ist es nach meinen Erfahrungen keineswegs, wie es die Übertreibungen mancher 
Autoren erscheinen lassen. O. Berger z. B. bemerkte vor Jahren (1876), „die Masturbation 
ist eine so verbreitete Manipulation, daß von 100 jungen Männern und Mädchen 99 sich zeit- 
weilig damit abgeben und der Hundertste, wie ich zu sagen pflege, der reine Mensch, die Wahr- 
heit verheimlicht". In Bergers Fußstapfen sind später Mc. Clanahanund Rohleder getreten. 
Ersterer Autor ist der Ansicht, daß fast alle männlichen Individuen einmal der Masturbation 
ergeben waren. Nach Rohleder onanieren mindestens 96''/o &ller Menschen zur Zeit der Puber- 
täteentwicklung und in den nächstfolgenden Jahren. „Fast jedes Kind wird während der Schul- 
zeit von dem lAster angesteckt.** 



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110 Onanie. 

Stekel geht in seinen Behauptungen üW die Verbreitung der Onanie noch einen Schritt 
weiter, indem er erklärt: „Ich bin der Ansicht, daß alle Menschen ohne Ausnahme onanieren 
und daß die Onanie ein physiologischer Vorgang ist, der dem infantilen Individuum in einem 
gewissen Alter unentbehrlich ist" *), 

Es bedarf keiner langen Beweisführung, um zu zeigen, daß alle diese Behauptungen der 
Begründung ermangeln und sich lediglich als ganz und gar haltlose Verallgemeinerungen des 
Eindrucks charakterisieren, der an einem beschränkten Erfahrungsmaterial gewonnen wurde. 
Jeder an wissenschaftliches Denken Gewöhnte muß zu der Einsicht gelangen, daß die Erfahrungen 
des einzelnen Baobachters beEüglich des Vorkommens der Onanie bei beiden Qeschlechtem 
— sie mögen noch so ausgedehnt sein — doch nur immer eine relativ be«chränkte Zahl von 
Individuen einer gewissen Bevölkerung betreffen können und deshalb keine allgemeinen Schlüsse 
über die Verbreitung der Onanie zulassen. Wären Rohleder oder Stekel in der lAge gewesen, 
bei mehreren Tausend Individuen beider Geschlechter aller Stande, Gesunden wie Krankmi, 
ausnahmslos oder 95% Masturbation festzustellen, so würde dieses Ergebnis für die ländliche 
Bevölkerung irgend einer deutschen oder österreichischen Provinz noch keine Geltung bean* 
spruchen können, von anderen Ländern ganz zu schweigen. Alleinwoder Rohleder noch Stekel 
waren in der lAge, bei einem solchen Materiale nach Onanie zu forschen, geschweige Onanie 
in der fraglichen Äusdehntmg zu konstatieren. Das Material, aul das beide ihre Schlüsse basieren 
konnten, bestand jedenfalls vorwaltend aus Kranken, unter denen noch dazu nicht alle Be- 
völkerungBschichten gleichmäßig vertreten waren^ und es erscheint daher imnötig, bei ihren 
Behauptungen länger zu verweilen. 

Sehen wir nun zu, was sich bei unbefangener Beurteilung der Sachlage ergibt Seit 
Dezennien habe ich bei der Erhebung der Anamnese bei meinen Nervenpatienten der Onanie 
besondere Beachtung geschenkt und verneinenden Angaben sowie der ErkUrung gegenüber, 
daß die Masturbation aufgegeben sei, allzeit die erforderliche Skepsis geübt. Trotz dieser mußte 
ich bei einer Anzahl von Patienten den Angaben, daß sie der Masturbation nicht eigeben waren, 
Glauben schenken, da es sich zumeist um Personal handelte, doien es fem&lag, auf die Negation 
der Onanie irgend ein Gewicht zu legen. Diese Erfahrungen, wie die Mitteihmgen, welche ich 
gelegentlich von Gesunden erhielt, lassen für mich keinen Zweifel, daß man nicht berechtigt 
ist, die Onanie als ein Vorkommnis zu betrachten, von dem kein männliches Individuum frei 
bleibt '). Noch weit zurückhaltender müssen wir bezüglich der Annahme der Onanie beim weib- 
lichen Geecblechte sein. Ich will hier kein Gewicht darauf legen, daß ich bei weiblichen Nerven- 
kranken erheblich seltener als bei männlichen Onanie ermitteln konnte. A&tn befindet sich 
Patientinnen gegenüber, wenn es sich um die Eruierung von Onuiie handelt, meist in einer 
etwas schwierigeren I^ge als bei Männern. Bei diesen darf man im allgemeinen darauf rechnen, 
daß sie ohne weiteres verstehen, was Onanie bedeutet; bei weiblichen Personen ist das häufig 
nicht der Fall; selbst verheiratete Frauen, die Kinder besitzen, zeigen in dieser Hinsicht nicht 
selten vollkommene Unkenntnis. Auch verhindert das größere Schamgefühl weibliche Personen 
zweifellos öfters Masturbation zuzugestehen als dies bei Männern der Fall ist. Ich habe jedoch 
meine Nachforschungen nach Onanie keineswegs auf Patientinnen beschränkt. Im Laufe der 
Jahre bot sich mir Gelegenheit, eine Reihe von Damen reiferen Alters, deren Vertrauen ich 
genoß und die genügende Aufklärung über sexuelle Dinge besaßen, über das Vorkommen von 
Onanie im Kreise ihrer Bekannten zu befragen. Die Auskünfte, die ich erhielt, gingen dahin, 
daß bei der heranwachsenden weiblichen Jugend die Masturbation zweifellos weit seltener ist 
als bei der männlichen und daß auch in den Pensionaten die Verleitung zur Selbstbefriedigung 
erheblich seltener vorkommt als in den Internaten für männliche Zi^linge. Auch das, was ich 
betreffs erwachsender unverheirateter weiblicher Personen der gebildeten Stände erfuhr, spricht 
dafür, daß bei diesen die Ma*iturbation keineswegs die Häufigkeit erreicht wie beim männlichen 
Geschlechte •). 



*) Stokol: „Über larvierte Onanie". Sexual-Probleme. Februar 1913. 

^) £s entgeht mir nicht, daß man für die Fälle, in welchen Masturbation in Abrede geteilt 
wird, auf das Vorkommen unbewußter Onanie und die Möglichkeit der Verdrängung der be- 
treffenden Erinnerungen hinweisen mag. Indes würde diese Erklärung den Mitteütmgen der 
Gesunden gegenüber keine Anwendung finden können und auch für die Kranken keine Beweis- 
kraft besitzen* Man muß eben von vornherein schon von dem regelmäßigen Vorkommen der 
Onanie überzeugt sein, wenn man dieselbe dadurch erweisen zu können glaubt, daß man in den 
Fällen, in welchen Onanie nicht zugestanden wird, auf die unbewußte Onanie imd die Verdrängung 
rekuriert. 

') Erfahrene Gynäkologen, mit denen ich über die Angelegenheit sprach, bekannten sich 
zu der gleichen Ansicht bezüglich der Masturbation beim weiblichen Geschlechte« 



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Oaanie. Hl 

Die ärztliche Beurteilung der Onanie und ihrer Folgen hat im Laufe der 
Jahre manche Wandlungen erfahren und zeigt noch heutzutage erhebliche Ab- 
weichungen. Bekannt ist das düstere Gemälde, das Tissot von den Folgen 
geheimer Sünden entwarf, und die ebenfalls noch aehr mit Übertreibungen be- 
haftete Darstellung Lalle mands in dessen Werke über die unwillkürlichen 
Samenverluste (3. Teil). Diese Arbeiten bildeten die Hauptfundgrube für jene 
zahhreichen populären Schriften (der persönliche Schutz, die Selbstbewahrung, 
der Jugendspiegel usw.), deren unheilvollen Einfluß auf die Gemütsstimmung 
der ohnedies zum Pessimismus sehr neigenden Gewohnheitsonanisten wir jetzt 
noch häufig genug zu konstatieren in der Lage sind. Indes dürfen wir nicht über- 
sehen, daß die ältere wissenschaftliche Medizin in dieser Hinsicht nicht viel weniger 
auf dem Kerbholze hat. In den Werken über spezielle Pathologie, Nerven- und 
Geisteskrankheiten aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts finden wir 
noch fast überall die Folgen der Onanie in höchst kritikloser und übertriebener 
Weise geschildert. 

Erst die genauere Kenntnis der Symptomatologie der organischen Bücken- 
markskrankheiten und der verschiedenen nervösen Schwächezustände, welche 
uns die letzten Dezennien brachten, führte zu einer sachgemäßen Beurteilung 
der Folgen der Masturbation. Es unterliegt für uns heutzutage keinem Zweifel, 
daß das Schreckbild der Tabes, das unsere Vorgänger den eingefleischten Onanisten 
vorhielten, nicht auf tatsächlicher Beobachtung, sondern auf einer Verwechslung 
schwerer spinaler Erschöpfungszustände mit Tabes beruhte. Von den neueren 
Autoren (Christian, Leyden, Erb, Kosenthai, Beard,Hammond,Gursoh- 
mann, Fürbringer, v. Krafft-Ebing u, a.) wird allgemein die Entstehung 
spinaler Neurasthenie als Folge von Onanie ;higegeben. Für eine Verursachung 
von Tabes durch exzessive Masturbation sind dagegen von keiner Seite stich- 
haltige Beweise beigebracht worden *). Auch die Eblle, welche man der Selbst- 
befriedigung bei der Entstehung von Psychosen früher zuschrieb, ist durch die 
neueren Ermittelungen gewaltig eingeschränkt worden. Man ist auch in dieser 
Hinsicht früher offenbar häufig dem Irrtum unterlegen, daß man als Ursache 
der Erkrankung ansah, was bereits Symptom derselben war. 

Der Akt der Selbstbefriedigung winl von mannUchen sowohl als weibUchen 
Individuen auf sehr verschiedene Weise geübt, und man kann nach der Art der 
dabei hauptsächhch einwirkenden Beize zwei Formen der Masturbation unter- 
scheiden: a) eine peripher-mechanische, b) eine psychische (geistige, Gedanken- 
onanie). 

a) Die peripher-mechanische Onanie. 

Der sexuelle Oi^asmus wird hier ausächließhch oder hauptsächhch durch 
mechanische, zumeist auf die Haut, resp. Schleimhäute der GenitaUen einwirkende 
Reize ausgelöst. Die gewöhnlichste Art dieser Onanieform und der Onanie über- 
haupt und zwar bei beiden Geschlechtem ist die manuelle, auf deren Details 

^) Auch eine von Haramond mitgeteilte, an sich sehr bemerkenswerte Beobachtung 
ist durchaus nicht einwandCrei. Ein junger Mann gab sich während einer Orgie in einem Bordell 
etwa neunmal in einer Stunde dem Onan fälschlicherweise zugeschriebenen lAster hin, wobei 
nur d^ ersten 3 Male Ejakulation eintrat. Am nächsten Moi^n hatte er bereita Incontinentia 
urinae, und allmählich entwickelte sich eine Tabes. Meines Erachtens ist ein so ungewöhnlicher 
und sinnloser ExzeB nur bei einem krankhaften Zustande erklärlich, und so halte ich es für das 
Wahrscheinlichere, dafl bei dem Betreffenden bereit« beginnende Tabes vorlag, als er sich die 
erwähnte Unbill zufügte. 



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112 Onanie. 

vni nicht weiter einzugehen brauchen. Auch bei der mutuellen Form der Onanie, 
wie sie vorzu^weise von Konträrsexaalen geübt wird, handelt es sich gewöhnlich 
um die manuelle Art der Prozedur. 

Bei Knaben und jüngeren Leuten führen mitunter sexuelle Empfindungen, 
die beim Klettern oder Kutschen auf Balken, Geländern usw. durch Druck auf 
Penis und Hoden zufällig ausgelöst werden, zu onanistischen Gepflogenheiten, 
bei denen die erwähnten Prozeduren in der einen oder anderen Weise wiederholt 
werden. In manchen Fällen beschränkt sich die onanistische Prozedur auf An- 
drücken der Genitalien gegen einen harten oder auch weichen Gegenstand (eine 
Stuhlkante, Polster u. dgl.)- Ein Patient berichtete mir, daB er mit der Onanie 
im Alter von 13 Jahren in der Turnstunde beim Mastklettern bekannt wurde 
und später im Alter von 16 — 19 Jahren der Onanie vermittels Umklammerung 
einer eisernen Stange, d. h. durch Druck des Körpergewichts auf Hoden und 
Penis mit Leidenschaft fröhnte (ca. 200 mal im Verlauf von 3 Jahren) und nach 
dem onanistischen Akte oft noch schwere Kraftübungen vornahm. Der mastur- 
batorische Akt erfolgte, wie der Patient weiter berichtete, ohne jede begleitende 
erotische Phantasie und führte zur Auslösung des Orgasmus ohne vorbeigehende 
Erektion. Li der Mehrzahl der Fälle meiner Beobachtung wurde jedoch die Vor- 
nahme von Kletter- und Butschübungen zu onanistischen Zwecken alsbald wieder 
aufgegeben. 

Auch gelegentliche Erfahrungen beim Eeiten auf kleineren Tieren (Schafen, 
Hunden) können, wie ein von mir beobachteter Fall 'Zeigt, dazu führen, daß das 
Beiten zu onanistischen Zwecken benützt wird. Das gleiche gilt vom Veloziped- 
fahren, das jedoch bei Männern ungleich seltener als bei weiblichen Lidividuen 
die Auslösung des Orgasmus ermöglicht und daher aucli viel seltener der Selbst- 
befriedigung dient. Bei sehr jungen Kindern (insbesondere Säuglingen) wird die 
Masturbation durch Kompression des Penis durch die Oberschenkel ausgeübt, 
eine Prozedur, die in seltenen Fällen auch noch von älteren Kindern, selbst noch 
von Erwachsenen mit Erfolg angewendet wird. In Fällen, in welchen die Schleim- 
häute des Afters oder der Harnröhre erogene Eigenschaften besitzen, kann auch 
durch Beizung dieser Teile der Masturbation gefröhnt werden. Endlich ist zu 
erwähnen, daß bei l^sonderer Veranlagung (d. h. der Fähigkeit, durch schmerz- 
hafte Einwirkung sexuell erregt zu werden) nach meinen Erfahrungen auch 
flagellatorische Prozeduren (Autoflagellation) der Selbstbefriedigung dienen 
können. 

Von Frauen werden zum Zwecke masturba torischer Beiziuig auch die ver- 
schiedensten und sonderbarsten Gegenstände von weicher und harter Beschaffen- 
heit in die Vagina eingeführt, wodurch dann auch öfters entzündliche Prozesse 
im Genitaltrakt hervorgerufen werden. Manche weibhche Personen erreichen den 
Olgasmus, indem sie durch reibende, drückende Bewegungen der Oberschenkel 
gegeneinander auf die KÜtoris einwirken. Ungleich seltener werden Fremdkörper 
zum Behufe onanistischer Eeizung von Frauen in die Harnröhre eingeführt. Daß 
letzteres Vorgehen wegen der Mögüchkeit, daß die eingeführten Fremdkörper 
in die Harnblase gelangen, besonders gefährUch ist, liegt nahe. 

Bei Erwachsenen, zum Teil auch schon bei älteren Kindern wird der auf 
mechanischem Wege ausgeführte masturbatorische Akt zumeist von sexuellen 
Vorstellungen (Phantasien) begleitet, welche an der Ausl^ung des Orgasmus 
einen größeren oder geringeren Anteil haben. Unter diesen Phantasien sind selbst- 
verständlich auch die verschiedenen Perveraionen, ihrer Gestaltung entsprechend, 
vertreten. Der Homosexuelle hat in seiner Phantasie mit einem gleichgeschlecht- 



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Onanie. 113 

liehen Individuum zu tun, der mit sadistischen Neigungen Behaftete stellt sich 
Mißhandlungen vor, die er verübt, usw. 

b) Psychische Onanie^). 

4 

Bei dieser Form der Masturbation wird der Orgasmus lediglich durch zentrale 
Reize — Vorstellungen — ohne Mitwirkung irgendwelcher Manipulationen an den 
Genitahen ausgelöst. Die in dieser Bichtung wirksamen Vorstellungen sind zumeist 
Fhantasieyorstellungen lasziven Inhalte oder Erinnerungen an sexuelle Erlebnisse, 
bei welchen der Masturbant absichtUch verweilt und auf welche er seine ganze 
Äufmerl^amkeit konzentriert; nur dadurch erlangen diese Vorstellungen die 
Intensität, daß sie, ähnhch den erotischen Traumvoratellungen, Orgasmus herbei* 
führen. In manchen Fällen wird der Anblick weiblicher Personen zur Anknüpfung 
der entsprechenden sexuellen Phantasien (einer ideellen Kohabitation) benützt ^. 
Im Vei^leich zur peripher-mechanischen insbesondere der manuellen) Fonn der 
Masturbation ist die rein psychische eine Rarität^ und zwar aus dem einfachen 
Grunde, weil dieselbe seitens der Praktizierenden Eigentümlichkeiten auf nervösem 
und psychischem Gebiete erheischt, die sich nicht allzu häufigfinden. Die psychische 
Onanie erfordert auf geistigem Gebiete eine große Lebhaftigkeit der Phantasie 
und die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit ganz und gar auf das Phantasiegebiet 
zu konzentrieren, dadurch allein können die auslösenden sinnlichen Vorstellungen 
die nötige Lebhaftigkeit erlangen; die Wirksamkeit derselben setzt jedoch noch 
einen Zustand sexueller Schwäche, eine abnorme Erregbarkeit der Ejakulafions- 
zentren im Bückenmarke voraus; ohne diese würden Vorstellungen des Wach- 
bewußteeins nie genügen, den Orgasmus auszulösen. Die Gedankenonanie kann 
als erster und einziger Modus der Selbstbefriedigung geübt werden; ich habe 
einige Fälle dieser Art beobachtet. In der Mehrzahl der Fälle geht jedoch, wie 
es scheint, derselben manuelle Masturbation vorher und wird erst durch diese 
die Basis zur Ausführung rein psychisch-onanistischer Akte geschaffen (die oben 
erwähnte sexuelle Schwäche). 

Neben den beiden im vorstehenden erw&hnten Hauptgmppen gibt es noch einige Varianten 
der Masturbation, die wir nicht unerw^nt laas^i ktonen. Hanohe mSnnliche Individuen be- 
schränken sich darauf, den mastorbatorischen Akt in der Weise auszoftthren, daß es hierbei 
nicht zur Ejakulation kommt (Masturbatio interrupta nach Bohleders Bazeichnung). Andere 
verstehen es* den Akt ganz außerordentlich in flie Länge zu ziehen (Masturbatio prolongata 
nach Stekel). Letzterer Autor hat auch eine larvierte oder unbewußte Form der Onanie unter- 
schieden. Bei den fallen, du) er unter diesen Bezeichnungen anführt» handelt es sich jedoch 
um sehr verschiedenart^^ Vorkonunnispe. Es sind zum Teil masturbatorische Akte» die sich 
als solche nicht ohne weiteres erkennen lassen (z, B. Auslösung des OrgwniuB durch Einwirkung 
auf den Anus» durch intensive Muskelanspannung beim Turnen» durch Tätigkeit an der Näh- 
maschine usw.), mm Teil aber auch Vorgänge» die mit Onanie überiiaupt nichts zu tun haben. 
Hieriier gehören die Pollutionen» die SpermatorrhOe» gewisse Hautausschläge» deren Auffassung 
als larvierte Onanie der Autor auf Grttnde stützt» die keiner enuthaften Widerlegung bedürfen. 
Auch die Identifizierung der larvierten mit der unbewußten Onanie, wie sie seitens des Autors 
geschieht, kann nicht als ganz berechtigt betrachtet werden. Wenn Stekel z. B. als unbewußte 
Onanie in h^terischen Anfällen vorkommende masturbatorische Akte anführt, so ist dagegen 
SU bemerken» daß diese nicht ohne begleitende oder veranlassende Phantasien verlaufen, also 



^) Die Ausdrücke „psychische Onanie*^ „Gedankenonanie" werden in verschiedenem 
Sinne gebraucht. Man versteht darunter nicht lediglich die HerbeiftUuung des sexuellen Oigasmus 
durch Vorstelhmgen, sondern auch die Neigung des Vorstel^is, fortwährend auf sexuelle Dinge 
abzuschweifen» sich laszive Bilder auszumalen und bei solchen mit Behagen zu verweilen. 

') Stekel erwähnt» daß einzelne Individuen auch durch künstlich produzierte Vorstellangen 
ängstlichen Inhalts (insbesondere die Vorstellung des irgend ein Ziel nicht Erreichenkönnens) 
den Orgasmus herbeizuführen vermögen, 

LCwenteld, Sexualleben und :!TerveDleklen, Sechste Aufl. 8 



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1 H Onanie. 

lüoht als „unbewuBt** im eigentlichen Simie beseichnet werden können. Andererseits gibt es 
eine unbewußte Onanie, welche aber nichts Ijarriertes an sich hat, da sie auf manuelle Weise 
geschieht. Wir werden derartige F&lle an späterer Stelle kennen lernen. 

Wenn man die Schädlichkeit der verschiedenen Arten der Masturbation für 
die Psyche und das Nervensystem taxieren will, muß man die geistige zweifellos 
als die an sich schhmmste erklären. Ihre größere Schädlichkeit wird nicht in erster 
Linie dadurch bedingt, daß bei derselben wegen der notwendigen Erhitzung der 
Phantasie wahrscheinhch ein größerer Verbrauch von Nervenkräften statthat, 
als bei anderen Arten der Masturbation, sondern durch andere Umstände. Es 
ist begreiflich, daß das häufige Sichausmalen sexueller Vorgänge oder sinnlich 
erregender Bilder und die absichtliche Steigerung solcher Bilder zur größten 
Lebhaftigkeit dem sexuell-sinnUchen Elemente im Vorstellen eine ganz außer- 
gewöhnliche Beproduktionstendenz verleiht, infolge welcher beim Denken fort- 
während ein Abschweifen auf das sexuelle Gebiet sich bemerklich macht und 
jede ernstere geistige Arbeit hochgradig erschwert wird. Wir werden auf diesen 
Punkt an späterer Stelle zurückkommen. Es ist ferner ohne weiteres begreiflich, 
daß bei einem Menschen, welcher es dahin gebracht hat, daß er durch reine Phan- 
tasievorstellimgen willkürliche Ejakulationen herbeizuführen vermag, solche auch 
unwillkürlich durch zufällig einwirkende sinnhche Beize ausgelöst werden, also 
auch TagespoUutionen auftreten und bei Koitusversuchen es zu präzipitierter 
Ejakulation konmit. Diese Erscheinungen figurieren auch als Folgezustände 
der gewöhnlichen (manuellen) Art der Onanie, doch finden wir sie hier nicht als 
gewissermaßen notwendige Folge, wie bei der psychischen Onanie, sondern ledig- 
lich abhängig von exzessiver onanistischer Tätigkeit. 

Die Onanie wird unstreitig in der großen Mehrzahl der Fälle von Gesunden 
geübt und kann bei diesen, sofeme es sich um eine abnorme Art sexueller Be- 
friedigung handelt, je nach dem Maße der Übung nur als Verirrung oder Laster 
angesehen werden '). In einer nicht geringen Anzahl von Fällen steht die mastur- 
batorische Tätigkeit jedoch in ursächlichem Zusammenhange mit einem vorhan- 
denen Krankheitszustande. Zunächst koromen hier örtliche Veränderungen an 
den Genitalen in Betracht, die an sich unbedeutend sein mögen (Ekzem, Prurigo, 
Phimosis mit konsekutiver Smegmaanhäufung, Vulvitis bei jungen Mädchen, 
Oxyuren), aber, indem sie öftere Berührungen der Genitahen veranlassen, nament- 
Hch bei Kindern oft zur Masturbation führen. Bei Erwachsenen und namenthch 
beim weibhchen Geschlechte bildet auch der Pruritus genitahum eine häufige 
Veranlassung zur Masturbation. Wir begegnen dieser Affektion bei jungen sowohl 
als bei älteren weibhchen Personen, doch vorwaltend nach dem 40. Lebensjahre, 
und die großen mit dem Leiden an sich zumeist verknüpften Beschwerden er&ihren 
durch die onanistischen Akte, zu welchen der fortwährende Juckreiz den AnstoB 
gibt, gewöhnhch eine erhebUche Zunahme. Unter den Ursachen des Pruritus 
figuriert aber namentlich bei Mädchen nicht selten die Masturbation, und es ist 
begreiflich, daß in diesen Fällen der Hang zur Selbstbefriedigung und die sexuelle 
Erregtheit durch den Juckreiz bedeutend gesteigert wird. 

Sehr häufig müssen abnorme Zustände des Nervensystems als Ursache oder 
wenigstens prädisponierende Momente in Anspruch genommen werden. Vor 
allem ist hier die angeborene reizbare Schwäche des Nervensystems — die neuro- 
pathische Disposition — za nennen, die für sich bestehen, aber auch mit allge- 
meiner konstitutioneller Schwäche einhergehen kann. Soweit meine Erfahrung 



'} Von der sogenannten Notonanie, welche lediglich das übermäßige Anwachsen sexuellen 
Dranges verhüten soll, ist hierbei abgesehen. 



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Onanie. 115 

reicht, ist in der Mehrzahl der Fälle, in welchen Onanie bereits in den Kinderjahren, 
lange vor der Pubertätsentwicklong getrieben wird, die neuropathische Ver- 
anlagung vorhanden. Das gleiche gilt für die Fälle, in welchen jüngere oder ältere 
Knaben bereits in exzessiver Weise der Masturbation sich ergeben. Doch handelt 
es sich in letzteren Fällen um eine Vergesellschaftung der neuropathisc^en Dis- 
position mit einer abnormen (exzessiv-libidinösen) Sexualkonstitution. Den 
nächsten Anstoß zur Entwicklung des Übels mögen auch hier äußere Einflüsse, 
schlechtes Beispiel von Mitschülern, zufälhge Erregung sexueller Empfindungen 
usw. liefern. Die Folgen, welche derartige Einwirkungen in mastiirba torischer 
Hinsicht nach sich ziehen, hängen ganz und gar von der nervös-sexuellen Kon- 
stitution des jugendUchen Individuums ab. Diese kann direkt — ein allerdings 
sehr seltenes Vorkommnis — einen Hang zur Onanie hervorrufen, indem sie die 
Auslösung zentraler Beize bedingt, die zu onanistischen Manipulationen den 
Anstoß geben. Im allgemeinen macht sich jedoch der Einfluß der Konstitution 
erst geltend, nachdem durch irgend ein äußeres Moment (Lokalaffektionen, Ver- 
führung usw.) onanistische Akte herbeigeführt wurden. Wir ersehen dies aus dem 
Umstände, daß ein und dasselbe Moment, z. B. Verführung, in einem Falle nur 
zu vorübergehender oder seltener onanistischer Betätigung, im anderen Falle 
zu dauernder und exzessiver Masturbation führt. Es ist hier eine Beobachtung 
von Interesse, deren Kenntnis ich einem befreundeten Herrn verdanke. Derselbe, 
früher Direktor einer Korrektionsanstalt für jugendUche Verbrecher, teilte mir 
mit, daß unter diesen zumeist noch im Knabenalter stehenden Kriminellen die 
Masturbation in einer wahrhaft erschreckenden Weise verbreitet sei und von 
einzehien bis zum Abgange blutiger Entleerungen betrieben werde. Unter den 
jugendUchen Verbrechern befinden sich aber erfahrungsgemäß viele erblich be- 
Iftötete, degenerierte Individuen. Schon Trousseau erwähnt, daß unter den 
mit Spermatoniiöe und Impotenz Behafteten häufig solche sich finden, die von 
geistes- oder nervenkranken Eltern stammen, sohin hereditär neuropathisch 
belastet sind, als Kinder an nächtUchem Bettpissen und später an übermäßigen 
Pollutionen htten oder der Onanie exzessiv huldigten. Letztere ist in diesen Fällen 
nach Trousseau ebenso von einem abnormen Zustand der Innervation abhängig, 
wie das nächtUche Bettpissen und die Pollutionen. Christian hält die habituelle 
(chronische) Masturbation überhaupt für Symptome einer bereits bestehenden 
nervösen Störung. Einer ähnlichen Auffassung begegnen wir auch bei anderen 
Irrenärzten, so bei Kräpelin, der sich dahin äußerte, daß in der überwiegenden 
Mehrzahl der Fälle die hartnäckige, unausrottbare Neigung zur Masturbation 
ohne Zweifel ein 2jeichen, nicht die Ursache der (Geistesstörung ist, und man es 
einfach mit krankhaft gesteigerter geschlechtlicher Erregung zu tun hat, bei Forel , 
nach dessen Ansicht in weitaus den meisten Fällen, wo sich die Onanie mit nervösen 
Symptomen kombiniert, sie nicht Ursache, sondern Mitsymptom ist. Auch Op pen- 
heim ist der Ansicht, daß der Hang zur Masturbation vielfach Symptom einer 
neuropathischen Diathese ist, und er hält es für nicht zweifelhaft, daß dieser 
Hang auch direkt vererbt werden kann. 

Es läßt sich nun allerdings nicht leugnen, daß die exzessive Masturbation 
sich besonders häufig bei neuro- und psychopathisch Belasteten (den D6s6quihbr^ 
und 0^6n6r6s der Franzosen) findet, doch beschränken sich die onanistischen 
Ausschreitungen nach meinen Erfahrungen nicht auf solche Individuen. Auch 
ursprünglich gesunde und von gesunden Eltern stammende junge Leute können 
allgemach tiefer und tiefer in den Sumpf der Masturbation sich hineinarbeiten, 
und auf der anderen Seite muß betont werden, daß die neuropathische Belastung 

8* 



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116 Onanie. 

nur dann zu exzessiver Onanie führt, wenn sie mit einer abnormen (exzessiv- 
libidinösen) Sexualkonstitution yergesellschaftet ist oder gewisse psychische 
Anomalien als Teilerscheinimg derselben bestehen. Bei einem ansehnUchen Teile 
der erblich belasteten Onanisten hängen die sexuellen Grewobnheiten mit einer 
ererbten Willensschwäche zusanunen, auf Grund welcher dieselben, nachdem ein- 
mal durch ii^endwelche Einwirkungen der Änstofi zur Masturbation gegeben wurde, 
nicht mehr imstande sind, sich von dem Mißbrauche loszureißen. In sehr seltenen 
Fällen endhch macht sich bei Belasteten periodisch ein Zwangstrieb zur Onanie 
geltend, der so mächtig zur Befriedigung drängen kann, daß das Individuum 
selbst alle Bücksicht auf seine momentane Umgebung und die etwaigen Folgen 
seines Vorgehens beiseite läßt. In Anbetracht der Seltenheit der Fälle will ich 
zwei Beobachtungen dieser Art hier folgen lassen, von welchen die eine um so mehr 
Literesse beansprucht, als sie einen im Greisenalter stehenden Mann betrifft. 

Beobaehtnng« 

Herr X., 33 Jahre alt, den gebildeten St-änden angehörig« seit 11 Jahren verheiratet, Vater 
einoB gesunden Kindes, ist erblich von beiden Seiten belastet. 8ein Vater war nerrenleidend 
und Ton sehr hitzigem Tempdramente, mehrere Geschwister seiner Mutter starben in Irren- 
anstalten, auch S9in3 Großmutter mUttarlicheraeits war vor ihrem Tode geisteskrank. Patient 
hat mit 10 Jahren einen Typhus durchgemacht, mit 16 Jahren erlitt er durch einen Sprung 
von Stockwerkshöhe^ wobeier kewußtlos liegen blieb, eine Gehirnerschütterung, und vor 8 Jahren 
wurde er mit Lues infiziert. Patient ist seit vielen Jahren der Onanie ergeben und setzte diese 
Gewohnheit auch nach seiner Verheiratung fort, obwohl er an der Befriedigung seiner sexuellen 
B3dflrfniese durch den ehelichen Verkehr in keiner Weise gehindert ist. Es machte sich bei ihm 
auch bei regelmäßiger Ausübung des Kongressus bis in die jüngste Zeit der Drang zur Mastur- 
bation zeitweilig in überaus mächtiger Weise geltend. Mitunter überfällt ihn der onanistische 
Impuls so^r mit solcher Gewalt» daß er demselben sofort, ohne Rücksicht auf die augenblick- 
liche Umgebung und die etwaigen Folgen, nachgeben muß; diese Anwandlungen sind von Kopf- 
schmerzen, Zusammenschnüren im Halse, Het^lopfen und lebhaften Angstgefühlen begleitet. 
Patient ist durch seinen Zwangstrieb auch bereite in gerichtliche Fatalitäten geraten. Aiißerdem 
leidet er infolge seiner onanistischen Exzesse an einer Reihe neurasthenischer Beschwerden, 
Kopfschmerzen, Schwindel, Kreuzschmerzen, Ziehen in den Beinen usw. In diesem Falle äußerte 
hypnotische Behandlung einen sehr günstigen Einfluß, doch blieb der Patient nicht lange genug 
in Beobachtung, daß ein dauernder Erfolg konstatiert werden konnte, 

Beobaehtong. 

Herr , Privatier, 69 Jahre alt, ist erblich von mütterlicher Seite belastet. Seine 

Mutter litt an periodischer Melancholie und Anthropophobie; Patient hat außer einer Lungen- 
entzündung vor vielen Jahren keine schwere Erkrankung durchgemacht. Mit 30 Jahren übte 
er zum ersten Male Masturbation und befriedigte dann etwa 20 Jahre auf diesem Wege seine 
geschlechtlichen Bedürfnisse, ohne dabei besondere Exzesse zu begehen. Mit 50 Jahren hatte 
er zum ersten Male geschlechtlichen Verkehr, mit 51 Jahren verheiratete er sich. Er vertnig 
sich jedoch mit seiner Frau nicht und ließ sich deshalb nach einigen Jahren von derselben 
scheiden. In der Folge eigab er sich wieder der Masturbation und konnte von dieser sich auch 
nicht losmachen, als er in die 60er Jahre kam und mit Rücksicht auf sein Alter und die mög- 
lichen gesundheitlichen Nachteile ernsthaft gegen seine onanistische Neigung anzukämpfen 
versuchte. Bromkali längere Zeit gebraucht und eine Wasserkur hatten keinen Erfolg. Koch 
gegenwärtig im 69. Lebensjahre macht sich periodisch, etwa alle 11 — 12 Tage, der Drang zur 
Masturbation mit solcher Vehemenz geltend, daß Patient trotz aller Bemühungen demselben 
in der Re^l unterliegt ^). 

Wir begegnen femer dem Hange zu exzessiver Onanie bei Zuständen aus- 
gesprochener Geistesstörung, insbesondere bei Maniakalischen, an Dementia 



^) Über einen Fall von Zwangstrieb zur Onanie bei einer 29jährigen Frau, bei der auch 
andere Zwangsimpulse bestanden^ berichtet Kaan (Der neurasthenische Angstaffekt bei Zwangs* 
Vorstellungen» S. 70). 



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OnaEtie. 117 

praecox Leidenden, femer bei Idioten, Schwachsinnigen und Epileptischen. Bei 
letzteren werden masturbatorische Akte als Teilerscheinung von Anfällen ^y- 
chischen Äquivalenten) beobachtet ^). Bei den auf tiefster Stufe stehenden Idioten 
bildet die Masturbation einen rein automatischen Akt, eine Art Tic. wie Sollier 
bemerkt, der mit dem Geschlechtstrieb nichts zu tun hat. Bas gleiche gilt für 
die Onanie der Säuglinge. Dann ist auch nicht in Abrede zu stellen, daß bei geistig 
normalen Erwachsenen und älteren Kindern infolge zufälliger Umstände (Juckreiz 
an den GenitaUen insbesondere) Masturbation unbewußt im Schlafe ausgeübt 
werden kann. Hierbei erfolgt bei männlichen Individuen wenigstens gewöhnlich 
in den letzten Momenten des Aktes das Erwachen. Für bringer erwähnt eines 
würdigen verheirateten Yerwaltungsbeamten, der im deutsch-französischen Kriege 
der Onanie im Schlafe verfiel und außerstande war, der Gewohnheit zu entsagen. 
Ein junger Mann meiner Beobachtung (Student) von durchaus glaubwürdigem 
Charakter berichtete mir, er mache zu seinem großen Leidwesen seit längerer Zeit 
die Wahrnehmung, daß er im Schlafe Onanie treiben müsse, ohne hiervon ein 
deutliches Bewußtsein zu haben, und daß er ledigUch durch die an der Wäsche 
verbleibenden Spuren von dem betreffenden Vorkommnisse Kenntnis erhalte. 
Ein weiterer hierher gehöriger Fall meiner Beobachtung betrifft eine sehr acht- 
bare und völlig glaubwürdige, unverheiratete Dame in den 30er Jahren. Dieselbe 
war sehr peinUch berührt von dem Umstände, daß sie zur Zeit der Menses Öfters 
ihre Finger des Moigens mit Blut verunreinigt fand. Der Ernst, mit welchem 
sie gegen die Wiederholung derartiger Vorkommnisse vorging — sie schaffte sich 
eine sackartige Umhüllung für den Unterleib und die Beine an, welche jede Be- 
rührung der Genitahen ausschloß — , zeugt zur Genüge dafür, daß hier ledigUch 
unbewußte Manipulationen vorlagen. 

Endlich haben wir hier noch des Umstandes zu gedenken, daß bei Frauen 
eine nicht seltene Ui^ache der Masturbation Mangel der sexuellen Befriedigung 
beim ehehchen Verkehr bildet. Dieser kann, wie wir schon an früherer Stelle 
sahen, durch sehr, verschiedene Umstände bedingt sein, solche, die auf selten des 
Mannes liegen (Congressus interruptus, präzipitierte Ejakulation), wie solche, 
welche die Frau selbst betreffen. Ist der Akt beim Manne bereits beendet, während 
die Frau noch in der Phase zunehmender sexueller Erregung sich befindet, so ist 
dies für ihr Befinden in der nächsten Zeit meist nicht ganz gleichgültig. Die 
sexuelle Erregung, welche keine Entladung findet, kann durch ihre Andauer den 
Schlaf stören, zu Kopf- und Bückenschmerzen, allgemeinem Unbehagen usw. 
führen. Es ist daher begreiflich, daß die Frauen nicht selten durch manuelle oder 
sonstige Friktionen den Abschluß herbeizuführen suchen, den ihnen der Koitus 
nicht gewährt; mitunter hilft auch der Ehegatte manuell nach. 

Betrachten wir die Folgen der Onanie für das Nervensystem des näheren, 
so zeigt sich, daß dieselben von verschiedenen Umständen beeinflußt werden. 
Zunächst kommt auch hier das Lebensalter in Betracht. Es ist an sich naheliegend, 
daß das verschiedene Verhalten des Nervensystems in den verschiedenen Lebens- 
epochen für den Effekt der onanistiscben Beizungen mitbestimmend ist. So 
sehen wir, daß bei Kindern infolge der größeren Erregbarkeit des unentwickelten 
Nervensystems die Masturbation Erscheinungen herbeiführt, die sie bei Er- 
wachsenen nicht verursacht. Aber auch bei Kindern gestalten sich die Wirkungen 

*) Auf diese Zustande psychischer Erregung, in welchen ein ganz aufierordentÜch gesteigerter 
Sexualtrieb das hervorsteohendste Symptom l^det und zi^netBt zu exzessiver Hastnrbation 
fuhrt — Satyriasifl beim Manne und Nymphomanie beim Weibe ~ werden wir an sp&terer Stelle 
(Anomalien des Geschlechtstriebes) zu sprechen kommen. 



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118 Onanie. 

der Masturbation eimgermaßen verschieden, je nachdem dieselbe fräher oder 
später geübt wird. Eine Anzahl neuerer Autoren (Steiner, Jacobi, Hirsch- 
sprang, Fleiscbmann, Curschmann u. a.) bezeugt, daß schon in den ersten 
Lebensjahren bei Knaben sowohl als Mädchen keineswegs selten Vorgänge beob- 
achtet werden, die unverkennbar in das Gebiet der Masturbation gehören. Jacobi 
betont, daß alle Umstände, welche direkt oder indirekt eine Beizung der Nerven 
des Urogenitalapparates bedingen, geeignet sind, bei jungen Kindern Mastur- 
bation zu veranlassen. Als solche Umstände sind besonders oft juckende Aus- 
schläge an den Geschlechtsteilen und in deren Umgebung und Verengerung der 
Vorhaut (bei Mädchen Oxyuren) wirksam, Momente, auf welche wir bereits hin- 
gewiesen haben. Hirschsprung erwähnt als weitere häufige Ursachen: Saugen 
an den Fingern, Lippen und Zehen (Ludein, Wonnesaugen), Beibung. verschiedener 
Körperteile aneinander, worauf bereits von Steiner und Lindner die Aufmerk- 
samkeit gelenkt worden war, und Stuhlverstopfung'). Als prädisponierendes 
Moment hegt, wie auch Hirschsprung erwähnt, in vielen Fällen zweifellos an- 
geborene erhöhte Beizbarkeit des Nervensystems vor. 

Mit den Folgen der Masturbation in der Kindheit beschäftigte sich bereits 
Lalle mand, der auch hierbei seiner Neigung zur Übertreibung keine Zügel an- 
legte. „So jung die Kinder auch sein mögen", bemerkt dieser Autor, „so magern 
sie stets infolge der Masturbation ab, werden blaß, wunderHch, mürrisch, zornig, 
ihr Schlaf ist kurz, unruhig, unterbrochen; sie verfallen in den kompletesten 
Marasmus und können selbst unterUegen, wenn man sie nicht ihrer schädhohen 
Leidenschaft entzieht. Fälle solcher Art sind allgemein bekannt, und ich brauche 
sie deshalb nicht anzuführen. 

Analoge Symptome manifestieren sich bei Erwachsenen, sie haben ungefähr 
denselben Verlauf und können zu dem nämüchen Ende führen. Allein bei den 
Kindern beobachtet man zugleich mehr oder weniger bedeutende Nervenzufälle, 
was nicht leicht bei solchen der Fall ist, die nach der Pubertätszeit Masturbation 
treiben, jedenfalls nicht in so hohem Grade. Nervenzufälle obiger Art sind 
spasmodische Kontraktionen, örtliche oder allgemeine Konvulsionen, Eklampsie, 
Epilepsie, und eine Art mit Kontraktur der GUeder begleiteter Paralyse. Solche 
spasmodische Erscheinungen habe ich bei allen Kindern gesehen, die ich zu 
beobachten Gelegenheit hatte, und die Schriftsteller sind voll ähnlicher 
Fälle." — 

Den spasmodischen Charakter der Symptome infolge Mißbrauches der Ge- 
schlechtsteile in der Kindheit betont Lalle mand auch an anderer Stelle. Zur 
Beseitigung der Masturbation bei Kindern empfiehlt Lalle mand ein Mittel, das 
heutzutage nicht viele Verehrer*) finden dürfte, das Einlegen eines elastischen 
Katheters, um eine Entzündung in der Harnröhre hervorzurufen, wodurch die 
Berührung der Geschlechtsteile sehr schmerzhaft gemacht werden soll. Jacobi, 
welcher die Wirkungen der Onanie im jugendÜchen Alter etwas nüchterner beurteilt 
als Lalle mand, sah im Gefolge derselben bei Kindern Migräne und heftige 
Trigeminnsneuralgien, Erscheinungen von SpinaUrritation, Gelenkneurosen, hyste- 



") Der EinflnB der ak „Ludein" beieichneten Vorgänge hängt jedoch, wie wir an früherer 
Stolle darlegten, von der sexuellen Konstitution des Kindes ab. 

*} Soviel ich ersehen kann, em^tfiehlt von neueren Autoren nur Ultzmann (Eulenburgs 
Bealenzyklopädie, Art. Onanie) ein ähnliches Mittel gegen Onanie bei Kindern, nämlich die Kin< 
führung von Metallsonden in die Harnröhre. Fürbringer bemerkt bezttglich dieses Verfahrens, 
daß dasselbe kaum je von Nutzen ist. 



DI(llll.™b,G0üj5lf Or,,™lta™ 



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Onanie. 1 19 

rischen Husten und in vereinzelten Fällen auch Lähmungen auftreten ^). Kasso- 
witz (Lehrbuch der Kinderkreinkheiten) berichtet dagegen, daß er von den gewöhn- 
hch in den schwärzesten Farben gemalten Folgen der Masturbation bei jüngeren 
und älteren Kindern kaum etwas habe wahrnehmen können, und Friedjung*) 
erwähnt, daß die der Onanie ei^ebenen Kinder seiner Beobachtung sich nicht 
von Purchschnittskindeni unterschieden, und er glaubt, daraus folgern zu dürfen, 
daß die Masturbation im Kindesalter im allgemeinen zunächst keine auffälligen 
Folgen zeitigt. Ich selbst beobachtete mehrfach bei der Masturbation ei^ebenen 
Kindern im Alter von 7 — 10 Jahren Zustände von hochgradiger allgemeiner 
Nervosität, Schlafstörung, Angstanfälle und Zurückbleiben der geistigen Ent- 
wicklung; in einem Falle kam es zu Anfällen von Petit mal, die mit dem Aus- 
setzen der üblen Gewohnheit schwanden. Ich muß indes hier betonen, daß nach 
den Mitteilungen, die mir zahlreiche Patienten über in ihren Knabenjahren geübte 
Onanie machten, diese Verirrung, wenn in bescheidenen Grenzen verbleibend, 
wenigstens bei älteren, von Hause aus gesunden Knaben meist rucht zu auffälligen. 
Störungen von selten des Nervensystems führt. Wo sich solche in der späteren 
Kindheit bei mäßiger Masturbation bereits einstellen, liegt zumeist neuro pathische 
Disposition oder allgemeine konstitutionelle Schwäche vor. Dabei sind auch die 
durch das geheime Treiben verursachten peinhchen Gemütsbewegungen gewöhn- 
hch von Einfluß. Im allgemeinen nähert sich die Masturbation der Jahre un- 
mittelbar vor der Pubertätsentwicklung in ihren Folgen dem bei JüngUngen 
unter den gleichen Verhältnissen Beobachteten. Nur dürfen wir nicht außer acht 
lassen, daß die vor der Mannbarkeit begoimene Selbstbefriedigung auch bei Mangel 
unmittelbarer ungünstiger Folgen noch leichter und entschiedener als die in späteren 
Jahren geübte eine Schwäche des Nervensystems begründet, die sich noch lange 
Zeit nach Aufgabe der üblen Gewohnheit dokumentieren kann, weim die An- 
forderungen des Berufes höher gespannt werden oder der Kampf ums Dasein 
mit seinen Sorgen und Aufregungen den Nerven zusetzt. 

Nächst dem Lebensalter ist die Frequenz der masturbatorischen Akte hin- 
sichtlich der Folgen von größtem Belang. Es verhält sich hier ähnUch wie beim 
normalen sexuellen Verkehr. Der an sich unschädliche Einzelakt kann durch seine 
Häufung selbst bei ursprünglich völlig gesunden Personen erhebliche Störungen 
hervorrufen. Da die Onanie weder an die Mitwirkung, noch an die Zustimmung 
einer zweiten Person gebunden ist, ja, wie vielfache Erfahrungen zeigen, ihre 
Betätigung nicht einmal eine gewisse Potenz erheischt, sofeme dieselbe noch 
bei mangelnder Erektion mögUch ist, so kann es auf dem Gebiete der Masturbation 
natürlich viel leichter zu einem tibermaße kommen als auf dem des natürlichen 
sexuellen Genusses. Zweifellos finden auch in der Jetztzeit wenigstens unendUch 
häufigere und wüstere Exzesse auf dem Wege der Selbstbefriedigung als im normalen 
Geschlechtsverkehre statt. Nach den Mitteilungen, die ich von verschiedenen 
Patienten erhielt, bildet mehrmaUge Masturbation, täglich eine Anzahl von Jahren 
hindurch geübt, kein allzu seltenes Vorkommnis; manche Beobachter waren in 
der Lage, noch viel erheblichere Leistungen auf dem Gebiete der Jugendsünden 
zu verzeichnen. Bei einzelnen meiner Patienten konnte ich Derartiges ebenfalls 

>) Tobler, MUaoh. med Woohenschr. Nr. 12. 1905, S. 576, berichtet über den Fall eines 
6jährigen M&dohenB, welches seit dem 2. Lebensjahre an „Anf&llen" litt, bei denen es sich um 
eine forcierte, durch reibende und zuckende Bawegung des rechten Beines gegen das linke aus* 
geübte Masturbation handelte. Bai dem Mädchen hatte sich im Laufe der Jahre am rechten 
Bjine eine beträchtliche Muskelhypertrophie und eine Kontraktur der Fußbeuger entwickelt. 

■) Die Onanie, 14 Beiträge usw. S. 48. 



Dlqlll^MbvGoüJjlt Or,,lr„lta™ 



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120 Onanie. 

konstatieren (so in einem Falle langjähriger Masturbation mitunter bis zu 
10 Einzelakten an einem Tage). Baß solche rücksichtslose Kraft- und Stoff- 
vergeudung den Organismus ungeschadigt laßt, ist jedenfalls sehr selten; aber 
es liegen vereinzelte unbestreitbare derartige Beobachtungen vor. Curschmann 
erwähnt eines jungen geistvollen Schriftstellers, der bei seit dem 11. Lebensjahre 
in exzessiver Weise geübter Onanie körperhch und geistig frisch verblieben war 
und eine sehr erfolgreiche Uterarische Tätigkeit entfaltete. Fürbringer berichtet 
ähnliches von einem Dozenten, der sogar in der Ehe nicht von masturbatorischen 
Bückfällen freigeblieben war und trotz alledem seine robuste Konstitation und 
geistige Arbeitskraft sich gewahrt hatte. Stekel erwähnt, er habe wiederholt 
Männer kennen gelernt, die bis ins hohe Alter exzessiv onanierten und vollkommen 
gesund und sehr potent blieben. Ein Mann seiner Beobachtung, der 25 Jahre 
hindurch 8 — 6 mal täglich onanierte, hatte nur minimale Beschwerden. Im ganzen 
ist es jedoch ein Glück — wir dürfen dies getrost sagen — , daß die höheren Grade 
onanistischer Verirrung doch nicht allzu häufig über längere Jahre sich erstrecken. 
Zumeist bilden irgendwie erlangte Aufklärungen über das Schädliche und Un- 
morahsche des geheimen Treibens, wachsende sitthch-reUgiöse Skrupel oder 
bereits in der einen oder anderen Sphäre sich fühlbar machende ungünstige Folgen, 
mitunter auch Gelegenheit zu normalem sexuellen Verkehre den Anlaß zur Be- 
schränkung oder Aufgabe der üblen Gewohnheit. Und so ist der Arzt denn 
doch nicht so häufig veranlaßt, sich mit den Folgen der Onanie für 
das Nervensystem therapeutisch zu beschäftigen, als man bei der 
außerordentlichen Verbreitung dieses Übels annehmen könnte. 

Schon aus dem eben Bemerkten geht hervor, daß neben dem Lebensalter 
und der Häufigkeit des Aktes für die Wirkung der Onanie auf das Nervensystem 
noch weitere Faktoren bestimmend sein müssen. Wenn ich die Beihe mir be- 
kannter Personen, die <tich durch Jugendsünden schädigten, Bevue passieren lasse, 
so findet sich unter denselben eine nicht unerhebUche Zahl solcher, die erst im 
Jünglingsalter (zum Teil noch später) der schlimmen Gewohnheit anheimfielen 
und derselben weder sehr lange Zeit, noch in exzessiver Weise eigeben waren. 
Es können also unter Umständen auch mäßige onanistische Verirrungen nach 
relativ kurzer Zeit schon zu Gesundheitsstörungen führen. Dieser auffallende 
Umstand erklärt sich zum Teil aus der physischen, zum Teil aus der geistigen 
Konstitution der betreffenden Individuen. Die sexuelle Leistungsfähigkeit ist 
bei Männern, wie schon erwähnt wurde, sehr verschieden, und so kann der Grad 
von Masturbation, der dem sexuellen Vermögen des einen sozusagen entspricht, 
dieses Vermögen bei einem anderen bereits erheblich übersteigen (Verm(^en = 
Fähigkeit der Leistung ohne Nachteil). Hierzu kommt der Umstand, daß bei 
manchen dieser sexuell schwach Veranlagten noch angeborene neuropathische 
Disposition besteht, infolge welcher nervenerschöpfende Einflüsse jeder Art bei 
denselben eine intensivere und nachhaltigere Wirkung ausüben als bei anderen 
Individuen. Häufiger ist jedoch in den hier in Frage stehenden Fällen die geistige 
Konstitution des der Selbstbefriedigung Huldigenden für die Folgen derselben 
in Anspruch zu nehmen. Der Gedanke, daß das Verübte eine schwere Sünde 
bildet und das Seelenheil gefährdet, verfolgt den reHgiös Gesinnten unablässig, 
verursacht ihm die größten Seelenqualen und ist trotzdem oft genug nicht imstande, 
den Hang zur Masturbation zu unterdrücken ^). Jedem neuen Akte folgen neue 

*) TTeffendcharakterifliertTolstoimseinerKreaEenonate mit wenigen Worten diesen Seelen- 
zustand: „Ich qu&lte mich und Sie hahen sich gewiS auch gequ&H und so quälen sich 99 von 100 
unt^r unfieren Knaben, ich entsetzt« mich, ich litt, ich betete — und fiel immer wieder imrttck.'* 



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Onanie. 121 

Vorwürfe, neue Gewisöensbiase ; diese selbstauferlegte, andauernde geistige Tortur 
versetzt allmählich das Nervensystem in einen Zustand reizbarer Schwäche, 
auf Grund dessen die Masturbation einen schädigenden Einfluß ausübt, der ihr 
an sich nicht zukommen würde. ÄhnUch verhält es sich in den Fällen, in welchen 
lediglich das Bewußtsein der morahschen Verwerflichkeit der Selbstbefriedigung 
oder die Kenntnis ihrer gesundheitsschädigenden Folgen das Gemüt bedrückt. 
Auch hier sehen wir, daß das moralische oder vernünftige Ego das Tun des Ona- 
nisten verurteilt, selbst perhorresziert, trotzdem jedoch nicht die Kraft hat, das 
sinnliche Ego zu überwältigen. Die Kämpfe, welche die zwei Seelen in der Brust 
gegeneinander führen, haben auch hier unstreitig den größten Anteil an der Zer- 
rüttung der Nerven, die sich als Folge der Selbstbefriedigung einstellt. Endlich 
ereignet es sich nicht ganz selten, daß junge Männer, welche nur mäßig der Mastur- 
bation huldigten und eine merkUche Schädigung ihrer Gesundheit hierdurch nicht 
herbeiführten, durch Mitteilungen, welche sie zufällig von Bekannten erhalten, 
oder durch die Lektüre von Schriften der oben erwähnten unheilvollen Art (per- 
sönlicher Schutz usw.) in Angst und Sorgen über die möglichen Folgen ihrer 
geheimen Sünden versetzt werden und unter dem Einflüsse dieser gemütlichen 
Erregungen erst sich bei denselben neurasthenische Zustände, gewöhnHch mit 
exquisit hypochondrischer Veratimmung, entwickeln. 

In den Vorträgen über Onanie in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung wurde von 
mehreren Autoren hervor^hoben, daB das Schuldgefühl der Chianisten nicht lediglich von be* 
wußten Vorstellungen (Vorwürfen über das geheime Treiben), sondern überwiegend von unbe- 
wußten mit einem Schuldgefühl verknüpften Phantasien (Tnzestphantasien, perversen und 
kriminellen Regungen, insbesondere ersteren) ausgeht* „Die Onanie'% bemerkt Stekel, einer 
der Hauptvertreter letzterer Auffassung, „hat eine Reihe von Vorwürfen Übernommen, die 
bewußt^einsfremd sind, weil sie viel peinlicher sind, als die Vorwürfe wegen der Onanie. Die 
Onanie ist ein Nährboden für alle Vorwürfe, Sie ist das Schuldreservoir für alle Schuld, Sie ist 
gewissermaßen das Symbol der Schuld." Und der Autor geht in seinem Eifer für die ätiologische 
Bedeutung des SchuldgeflUilfl so weit, daß er sich zu der Behauptung verleiten läßt: „Wo Schuld 
sich an die Onanie hängt, da treten alle jene Erscheinungen auf, die wir als Fol^n der Onanie 
beschrieben bekommen. Wo die Schuld fehlt, bleiben diese Symptome der Neurose aus." Da 
die fragliche Ansicht von der Verstärkung des onanistischen Schuldgefühls aus un- (resp. unter-) 
bewußten Quellen sich auf psychoanalytische Erfahrungen stützt, läßt sich wohl nicht bezweifeln, 
daß sie für einen Teil der in Betracht kommenden Fälle zutrifft. Es besteht jedoch kein Grund 
zu der Annahme, daß da« Schuldgefühl oder die Angst der Onanisten sich in jedem Falle zum 
Teil aus unbewußten Quellen herleitet. Bei dem religiös Gesinnten z. B. genügt das Bewußtsein 
der Sündhaftigkeit der Selbstbefriedigung völlig, um seine Gewissensqual zu erklären. 

Wenn ■wir nunmehr zur näheren Betrachtung der Folgen der Onanie für das 
Nervensystem übergehen, so müssen wir zuvörderst mit anderen Beobachtern 
(Christian, Erb, Fürbringer, Forel u. a.) konstatieren, daß die Selbst- 
befriedigung in beschränktem Maße, d. h. in größeren Zwischenräumen geübt, 
bei gesunden jüngeren Mäimem in der größten Zahl der Fälle keine nachteiligen 
Polgen für die Gesundheit hat, und wo sich solche zeigen, gewöhnlich kompli- 
zierende Umstände, auf die wir bereits eingingen, vorhegen. Auch jene Grade der 
Verirrung, die über das sexuelle Bedürfnis des Durchschnittsgesunden sicher 
hinausgehen, wobei es zu täglicher Samenvergeudung durch Jahre hindurch 
kommt, bedingen häufig, wie ich hervorheben muß, zunächst keine auffälUgen 
Störungen von Seiten des Nervensystems, Wird hier der sexuelle Mißbrauch 
noch relativ zeitig eingestellt, so können unter günstigen Verhältnissen, i. e. wenn 
auf das Nervensystem des Betreffenden keine weiteren Schädhchkeiten einwirken, 
günstige Emährungs- und Arbeitsverhältnisse obwalten und ein mäßiger normaler 
Geschlechtsverkehr eingeleitet wird, sogar für die Dauer üble Folgen ausbleiben. 
Hiermit will ich jedoch keineswegs behaupten, daß in diesen Fällen die Onanie 



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122 Oüanle. 

das Nervensystem ganz unbeeinflußt ließ. Meine Wahrnehmungen sprechen viel- 
mehr dafür, daß dies nicht der Fall ist, daß auch hier das Nervensystem eine 
Verminderung seiner Widerstands- und Leistungsfähigkeit erfährt» die sich aber 
wegen der vorhandenen günstigen Außen Verhältnisse nicht auffällig fühlbar 
macht und bei Fortdauer dieser Umstände allmähUch wieder ausgleicht. In der 
Mehrzahl der Fälle nehmen die Dinge jedoch keine so befriedigende Gestaltung, 
weil die hierzu nötigen günstigen äußeren Umstände mangeln, und so sehen wir, 
daß bei einer weiteren zahlreichen Gruppe von Individuen die Masturbation 
zwar nicht unmittelbar zu lästigen nervten Symptomen führt, aber den Boden 
für die Wirksamkeit weiterer Schädlichkeiten in entschiedener Weise vorbereitet. 
Bei einem großen, sehr großen Prozentsatze der Neurasthraiiker, mit welchen wir 
alltäglich zu tun haben, figuriert Onanie, kürzere oder längere Zeit in jedenfalls 
über das geschlechtUche Bedürfnis hinausgehender Weise geübt, unter den uxsäch- 
lichen Momenten, die wir eruieren. Dabei zeigt sich oft deutUch, daß eist der 
Hinzutritt weiterer Noxen, geistiger Überanstrengung, Sorgen, körperhcher 
Strapazen usw., zu der exzessiven Onanie, also eine Kombination nervenzerrütten- 
der Momente den Ausbruch des bestehenden Leidens herbeiführte, oder daß die 
Neurasthenie erst geraume Zeit nach dem Sistieren der masturbatorischen H^ätig- 
keit infolge der Einwirkung neuer Schädlichkeiten, für welche erstere das Terrain 
ebnete, sich entwickelte. 

In einer dritten Gruppe von Fällen führt endlich die Onanie direkt und als 
einzige Ursache zu Schädigungen des Nervensystems mehr oder minder weit- 
gehender Natur. 

Wenn man die nervösen Vorgänge beim Geschlechtsakte in Betracht zieht, 
so zeigt sich, daß hierbei von den Zentralorganen das Büokenmark in erster Linie 
beteiligt ist. Im Lenden- und Sakralmarke spielen sich die Vorgänge ab, welche 
die Ejakulation unmittelbar herbeiführen. Man sollte daher a priori glauben, 
daß, wo es überhaupt zu einer Schädigung des Nervensystems durch Masturbation 
kommt, immer das Eückenmark zuerst und am intensivsten betroffen ist. v. Kr äff t- 
Ebing unterschied auch zwei Phasen der sexuellen Neurasthenie, von welchen 
die erste als genitale Neurose mit BeteiUgung der Lendenmarkszentren, die zweite 
als allgemeine Neunisthenie sich darstellt. Eine derartige Beihenfolge der durch 
Onanie bedingten nervösen Störungen kommt unleugbar öfters vor, allein, daß 
dieselbe die Begel bildet, kann ich nach meinen Erfahrungen nicht zugeben^). 

Die ersten Erscheinungen von selten des Bückenmarkes bei Masturbanten 
sind gewöhnüch Gefühle von Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Schwere, Kälte oder 
Taubsein in den Beinen, die sich anfängUch nur an einzelne onanistische Akte 
knüpfen, später aber andauernd werden; hiermit ist zunächst noch keine auf- 
fälhge Verringerung in der Leistungsfähigkeit der Beine verknüpft, doch kommt 
es zu solcher im Laufe der Zeit, so daß nach kurzen Spaziergängen schon hoch- 
gradige Ermüdxing eintritt. Hierzu gesellen sich Schmerzen oder lästige Gefühle 
von Druck oder Spannung im Bücken, die häufig Tabesbefürchtungen wachrufen. 
Nach dem Aufgeben der Masturbation, ebenso auch bei erheblicher Beschränkung 
derselben, stellen sich häufigere Pollutionen ein, anfänglich nur nächtliche, später 
auch Tagespollutionen, womit sich dann auch Spermatorrhöe verbinden kann. 



^) Dies wurde bereits in der ersten Auflage dieser Schrift konstatiert. Inzwischen hat 
sich auch Kürbringer dahin ausgesprochen, daß er das von v. Krafft-Ebing angenommene 
Schema für die Entwicklung der sexuellen Neuiaathenie nicht als die Begel, sondern nur als 
cmen häufig zu beobachtenden Entwicklungsgang betrachten kann. 



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Onanie. 123 

Zu gleicher Zeit mit den häufigeren Pollutionen kommt es bei den Versuchen 
zu natürlichem sexuellen Verkehr zu mangelhafter Erektion ^) und verfrühter 
Ejakulation. Diese Keihenfolge der Symptome findet sich jedoch durchaus nicht 
bei allen oder nur der Majorität der exzessiven Onanisten. In der Mehrzahl der 
Fälle bleibt es, soweit die Störungen in der Sexualsphäre in Betracht kommen, 
bei der präzipitierten Ejakulation und den vermehrten Pollutionen, aber an diese 
schheßt sich eine Eeihe weiterer Symptome in anderen Innervationsgebieten 
an. Es ist hier zunächst die für viele so unheilvolle Wechselwirkung zu berück- 
sichtigen, die sich zwischen den durch die fortwährenden onanistischen Reizungen 
in einem Zustande gesteigerter Erregbarkeit erhaltenen lumbalen und sakralen 
Zentren des Geschlechtsaktes und dem Gehirne, resp. der Psyche ausbildet. Die 
krankhafte Reizbarkeit der spinalen Zentren bewirkt, daß eine Menge psychischer 
Akte, Vorstellungen, Wahrnehmungen äußerer Eindrücke, die den normalen 
Menschen sexuell gleichgültig lassen, beim Masturbanten zu geschlechtlichen 
Erregungen (mit und ohne Erektion) durch Einwirkung auf die spinalen Zentren 
führen, wodurch die abnorme Erregbarkeit dieser erhöht wird. Andererseits wirkt 
der krankhafte Zustand dieser Zentren auf das Gehirn und hiermit auf die geistige 
Sphäre zurück. Die Gefühle ständiger sexueller Erregtheit (Appetenz), die sich 
an den fragUcben Zustand der Lenden- und Sakralmarkzentren knüpfen, beein- 
flussen, wenn sie auch nicht immer deutlich zum Bewußtsein gelangen, wie andere 
Organgefühle die Gedankenrichtung, indem sie dieselbe selbst bei entfernten 
Berührungspunkten auf das Sexuellsinnliche hinüberlenken und zugleich von 
ernsteren, sittlichen Vorstellungsreihen abziehen. So entsteht das, was man auch 
als Gedankenonanie (Gedankentinzucht) bezeichnet hat, jene Tendenz des Vor- 
stellens, fortwährend auf sexuelle Dinge abzuschweifen und an diesen haften zu 
bleiben, eme Tendenz, unter welcher Wille und Fähigkeit zu ernsterer geistiger 
Tätigkeit mehr und mehr abnehmen und schließlich ganz schwinden. 

Die fragliche psychische Anomalie findet sich ebenfalls nu^: bei einem Teile 
der Onanisten. Da, wo dieselbe besteht, erschwert sie natürUch in außerordent- 
hch hohem Maße das Aufgeben der schlimmen Gewohnheit. Mitunter kommt es 
aber erst nach letzterem zu dem Überwuchern des Lasziven in der Phantasie; 
dieser Umstand trägt dann zu dem Auftreten der PoUutiones nimiae und der 
Spermatorrhöe sehr wesentlich bei. 

Li vielen Fällen stellen sich Erscheinungen von selten des Gehirns als erste 
Störung im Nervensystem ein, und in anderen treten sie schon auf, nachdem 
die Bückenmarkssymptome sich nur kurze Zeit und in geringfügiger Weise geltend 
machten. Zum Teil sind hier jedenfalls individuelle Verschiedenheiten in der 
Widerstandsfähigkeit des Rückenmarks und Gehirns und in der psychischen 
Konstitution der Masturbanten im Spiele. Personen, welche sich ernste Skrupel 
über ihr geheimes Treiben machen, sind im allgemeinen mehr disponiert, zerebr- 
asthenisch zu werden, als andere, die sich über ihr Tun keinen weiteren Gedanken 
hingeben. Das psychische Verhalten der ersteren macht deren Gehirn zu einem 
locus minoris resistentiae für die Wirkungen der Onanie. Den gleichen Einfluß 
äußern andere Umstände. Es ist gewiß kein Zufall, daß bei einer großen Anzahl 
von jungen Leuten meiner Beobachtung, vor allem bei Studierenden, aber auch 
bei jungen Lehrern, Amtsgehilfen, Kommis, sich lediglich oder vorwaltend 



') Die« gilt natürlich nur für Fälle, in welohen die Erektionafähigkeit noch in gewieBcm 
MaBe erbalten ist. Diese Fähigkeit kann jedoch während der Ühnng exzessiver Masturbation 
auch völlig verloren gehen. (Paralytische Impotenz.) 



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124 Onanie. 

Grsoheinnngen zerebraler Neurasthenie (KopfeingenozmueDheit, Kopfscbmeiz, ver- 
ringerte geistige Arbeitskraft, Schwindel, Sehstörungen, Gemütsverstimmung, 
Ängstzustände usw.) als Folgen andauernder onanistischer Gepflogenheiten ein- 
stellten. Bio ausschließliche oder vorwaltende Beteiligung des Gehirns in diesen 
Fällen erklärt sich aus dem Umstände, daß die Betreffenden ausnahmslos schon 
während ihrer Schul- (resp. Gymnasial- oder Seminar-) jähre der Masturbation 
sich ergaben. Es ist nahehegend, daß das Zusammentreffen geistiger Anstrengungen 
und onanistischer Beizpngen während der Entwicklungsperiode des Gehirns 
speziell dieses Organ in seiner Widerstands- und Leistungsfähigkeit schädigt ^). 
Diese Schädigung kann so weit gehen, daß jede ernstere geistige Tätigkeit zur 
UnmögUchkeit wird. Meist tritt jedoch die Schwächung des Gehirns erst deutlich 
zutage, wenn erhöhte Ärbeitsanforderungen herantreten oder Sollen, Aufregungen, 
anhaltender Ärger, größere oder kleinere Verdrießlichkeiten einwirken. Einige 
Zeit mag auch dann noch ein energischer Wille die verlangten Leistungen erzwingen ; 
aber das Arbeiten wird immer mühsamer, das Besultat immer weniger befriedigend, 
während die mit dem Arbeiten verknüpften Beschwerden stetig anwachsen. In 
dieser Weise kommt es schHeßhch notwendig zu höheren Graden von Hini- 
erschöpfung und damit zu völliger Arbeitsunfähigkeit. 

In einer erheblichen Zahl von Fällen treten, wie schon erwähnt wurde, nach 
der Aufgabe oder bedeutender Beschränkung der Masturbation häufigere Pollu- 
tionen auf und stellen sich erst während der Periode dieser Samenabgänge Kopf- 
beschwerden ein. Crewöhnlioh kommt es im Anschlüsse an die Pollutionen zu 
einer auf f älhgen Yerschhmmerung der Kopfsymptome (stärkerer Kopfeingenommen- 
heit und Gemütsverstimmung insbesondere), so daß es erklärlich wird, daß die 
Leidenden nunmehr in diesen die Quelle aller sie heimsuchenden Übel erbHcken. 
Es scheint, daß hier die spinalen Vorgänge, welche die Pollutionen herbeiführen, 
ähnhch onanistischen Akten zu einer weithin irradiierenden und daher auch das 
Gehirn in Mitleidenschaft ziehenden Nervenerschütterung führen. 

Neben den Erscheinungen, die man auf Neurasthenie des Gehirns und Bücken- 
marks zu beziehen zweifellos berechtigt ist, begegnen wir unter den Folgezuständen 
der Onanie noch einer Reihe nervöser Funktionsstörungen innerer Organe, die 
zum Teil aber ebenfalls auf Erschöpfung von Gehirn- und Bückenmarkszentren 
zurückzuführen sind. Hier sind zu erwähnen: Die mannigfachen Erscheinungen 
der Herzneurasthenie (unregelmäßiger, aussetzender Puls, Anfälle von Tachy- 
kardie, Schmerzen und Beklemmungsgefühle in der Herzgegend usw.) *), das 

^) Daß der erachöpfende Einfluß der Onanie vorzugsweiee im Bereiche solcher Zentral- 
teile sich geltend macht, die sich anhaltend in T&tigkeit befinden, zeigt auch das Vorkommen 
von Sohreibekrampf bei der Masturbation eichenen Sohreibem. Berger (Eulenburgs Enz^^o- 
pftdie Band II, Artikel Besohäftigungsneuroeen) beboachtete zwei jugendliche Individuen» 
welche von ihrem bis znr voUstAndigen Schreibunf&higkeit fortgeschrittenen Leiden dauernd 
geheilt wurden, nachdem die Masturbation mdgUchst beseitigt war. Auch bei einem der Onanie 
ergebenen jungen Kaufmann meiner Beobachtung trat als erste Störung Erschwerung dee 
Schreibens durch Schmerzen und rasches Ermüden des Armes auf. 

^) Diese Erscheinungen können als Folge der Bfosturbation auch (^anz isoliert auftreten. 
Ein 30j&hriger Herr, den ich wegen Herzneurast^enie in Behandlung hatte, hatte von seinem 
12.— 18. Lebensjahre Masturbation gefibt. Im 16, Lebensjahre stellten sich bei demselben ohne 
Vorhergang irgendwelcher anderer Krankheitesymptome erhebliche nervöse Herzbeschwerden 
(Anfälle von hochgradigem Herzklopfen mit Beklemmung, Ohnmaohtsanwandeltmgen usw.) 
ein. Seitdem litt dieser Herr öfters für kürzere oder längere Zeit an Erscheinungen der Herz- 
neurasthenie, Dv-äbrend spinale Symptome (Lendenmarksneurose) bei demselben sich nie zeigten. 
Hier mufi wohl eine individuelle Prädisposition des Herznervensystems (resp. der bulbären 
Herzinnervationszentren) vorliegen. 



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Onanie, 125 

nervöse Asthma, die nervöse Dyspepsie mit ihren zahlreichen, mehr minder be- 
schwerlichen Varietäten, die nervöse Enteropathie, die reizbare Blase und die 
reizbare Prostata, Symptomenkomplexe, die häufig ernstere organische Leiden 
vortäuschen und auf deren genauere Detailüerung wir hier verzichten müssen. 
Auch die Sinnesorgane werden bei Masturbation in das Bereich der Neurasthenie 
gezogen. Die bezüglichen Erscheinungen sind: Gefühle von Druck und Schwere 
oder Schmerzen in den Lidern und Augäpfehi, spontan und bei geringfügiger 
Augenanstrengung auftretend, Lidkrämpfe, gesteigerte Lichtempfindlichkeit, sub- 
jektive Lichterscheinungen (Photopsien H, Cohn), Herabsetzung der zentralen 
Sehschärfe . — nervöse oder neurasthenische Asthenopie — , femer Ohrensausen, 
Hyperästhesie des Gehörorgans, auch Herabsetzung der Hörschärfe. Endlich ist 
zu erwähnen, daß sowohl die einfache als die sogenannte Augennügräne zu den 
durch Masturbation herbeizuführenden nervösen Störungen zählen. Für die Ent- 
stehung organischer Bückenmarkskrankheiten ledighch infolge von Onanie gewährt 
andererseits meine Erfahrung keinen Beleg; in dieser Hinsicht völlig beweiskräftige 
Beobachtungen sind auch in der Literatur nicht enthalten. 

Wir haben oben bereits erwähnt, daß die Holle der Onanie als Ursache von 
Psychosen früher entschieden überschätzt wurde. Lides ist die Zahl der Fälle 
geistiger Erkrankung, bei welchen Masturbation als ursächUcher Faktor wirksam 
ist, auch nach den genaueren Erhebungen der Neuzeit immerhin eine beachtens- 
werte. Ellinger fand Masturbation unter 383 Geisteskranken in 83 Fällen 
(= 21,50/0), Hagenbach unter 800 Kranken 69mal, Peretti unter 300 männ- 
lichen Irren in 59 Fällen (= 19*/s°/o) *ls mitwirkende Ursache der Geistesstörung. 
Nach Burr (Pontiac im nordamerikanischen Staate Michigan) ist bei lOVo a-U^r 
im Eastem Michigan Asylum behandelten Geisteskranken Masturbation als Causa 
morbi zu betrachten. Geringer sind die Zahlen, welche in Schweden und England 
ermittelt wurden. Nach einer Notiz, die sich bei Eibbing angeführt findet, 
betrug die Zahl der in den Hospitälern Schwedens aufgenommenen Geistes- 
gestörten, deren Leiden durch Masturbation herbeigeführt worden sein sollte, 
in den Jahren 1883 — 1887 3,7Vo ^^^ Gesamtzahl der aufgenommenen Irrsinnigen. 
In England betrug die Prozentzahl der Fälle von Geistesstörung infolge von Onanie 
1885: 1,2, 1886: 1,1, 1887: 1,4% der Gesamtzahl. 

Das Irrsein der Onanisten stellt gewöhnhch eine Weiterentwicklung primär 
neurasthenischer Zustände dar. Nach v. Kraff t-Ebing ist für die Umgestaltung 
der Neurasthenie zur Psychose bei Masturbanten außer verschiedenen Hilfs- 
ursachen fast immer eine originär neuropathische Konstitution (Belastung) erforder- 
lich und wird bei Unbelasteten durch onanistische Exzesse kaum je das Gebiet 
der asthenischen Neuropsychose (Neurasthenie) überschritten. Die Vorgänge, 
welche zur Entwicklung der Psychose führen, sind in den einzelnen Fällen ver- 
schieden, zum Teil somatischer, zum Teil psychischer Natur, und ihre spezielle 
Beschaffenheit ist für die Art des sich entwickelnden Leidens von erheblichem 
Belang. 

V. Krafft-Ebing schildert die Pathogenese der onanistischen Psj'chosen, i.e. derjenigen 
Psychosen, die sich auf der Grundlage einer durch Maatiirbation ei'worbenen Neurasthenie ent- 
wickeln, in folgender Weise: 

„a) Sie ist eine psychische, durch Vermittlung psychischer Hilfsursachen. Diese sind 
spontane Affekte der Reue, Scham, Angst vor den Folgen des Ijasters in Verbindung mit dem 
peinlichen Bawußtsein, demselben ans eigener Kraft nicht entsagen zu können. Oder diese 
(iemütabewegungen sind durch die Lsktüre gewüser populärer spekulativer, die Folgen der 
Selhstschändimg in übertriebener Weise darstellender Bücher hervorgerufen. Überdies kann 
bei Ehestandskandidaten asw. die wirkliche oder relative organische oder die psychische Impotenz 
ex masturbatione die bezügliche psychische Ursache darstellen. 



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I2Q Onanie. 



In diesen Fällen entstehen Melancholien mit Bta]:k (hypochondrifloh) noBophofaischer Aus- 
prägung im Sinne von Tabes-, Phthisis- oder Ves&niafurcht, je nach vorwaltenden Symptomen 
der begleitenden Neurasthenie, 

b) Die Vermittlung ist eine Bomatisohe durch Einzutreten schwächender Ursachen (imge- 
nttgende Nahrung, Schlaflosigl^it, körperliche Erkrankung, geistig« oder körperliche Über- 
anstrengung usw,)* Die Gestaltung des Krankheitalnldes scheint hier wee^itlich bedingt durch 
konstitutionelle belastende Momente. 

Sind diese geringgradig« so entstehen als reine ErschÖpfungspsychoneurosen StupiditAt 
oder Wahnsinnszustände, 

Auf degenerativer {Grundlage (vielleicht auoh ohne solche bei exzessiver Onanie in sehr 
jugendlichem Alter) entwickeln sich Zustände primärer progressiver Demenz. Einleitend und 
episodisch können hier halluzinatorisch-delirante Zustände, Raptus, Frimordialdelirien, kata- 
tonische Erscheinungen, manieartige Erregungszustände mit ganz impulsiven Akten bestehen. 
Früh zeigen sich schon in diesem Gutartungszostande sittlicher Schwachsinn, Verlust der ethischen 
imd ästhetischen Gefühle (Unreinlichkeit, Trieb zum Ekelhaften), absolute Qemütlosigkeit 
und Abulie, mit dem Aasgang in tiefste Verhlödung. 

Als weitere entschieden degenerative Krankheitsbilder sind gewisse Zustände von Paranoia 
und von Irrsinn in Zwangsvorstellungen zu erwähnen." 

Die Formen, in welchen das Irrsein der Masturbanten sich darstellt, sind 
sehr mannigfaltig, was zum Teil mit der Verschiedenheit der Genese des Leidens, 
zum Teil mit den konstitutionellen Verhältnissen der Erkrankten zusammen- 
hängen dürfte. Daß Zustände von Melanchohe, namenthch mit hypochondrischer 
Färbung, Manie und Paranoia auf onanistischer Basis vorkommen, ist zum 
mindesten sehr wahrscheinlich. Manche Beobachter beschrieben auch besondere 
Formen von geistiger Störung als Folge der Masturbation, so Feretti und Skae 
ein „onanistisches Irrsein", Spitzka einen „masturbatorischen Wahnsinn". Von 
anderer Seite wird dagegen das Vorkommen einer onanistischen Psychose sui 
generis bestritten^). 

Häufig bei Onanisten zu beobachtende psychopathische Erscheinungen sind 
Zwangsvorstellungen und andere Zwangsphänomene, die bald nur als unter- 
geordnete Teilerscheinungen des neurasthenischen Zustandes sich geltend machen» 
bald im Krankheitsbilde stärker hervortreten und durch ihre Hartnäckigkeit 
zu einer ernsten Belästigung für den Kranken werden, mitunter aber auch durch 
ihre Menge oder Andauer alle übrigen Krankheitssymptome in den Schatten stellen 
und das ganze geistige Leben und Handeln des Kranken beherrschen (Zwangs* 
vorstellungskrankheit, Irrsein in Zwangsvorstellungen). Über einen interessanten 
Fall letzterer Art, den ich vor Jahren beobachtete, will ich hier wenigstens in 
Kürze berichten. 

Beobaehtong. 

Franz Q.» Funktion&r an einem Gerichte, 18 Jahre alt (duroh Kollege Dr. Soh. an mich 
verwiesen) gibt an, daß er seit etwa 6 Wochen mit folgenden Störungen behaftet iBt. Er kann 
seinem Dienste als Schreiber nicht mehr nachkommen, da er nur wenige Zeilen ohne Unter- 
brechung zu schreiben vermag. Versucht er das Schreiben l&nger fortzusetzen, so muß er mit 
der Feder immer dieselben Stellen des Papiers wieder berühren; ein unwiderstehlicher Zwang 
nötigt ihn hierzu; dabei befällt ihn eine heftige Beklemmung auf der Brust, Hitze und Druck 
im Kopfe, und er wird so erschöpft, daß er erst nach einer halben Stunde imstande ist, die 



^) Man hat früher jene Form geistiger Störung, die gegenwärtig als Dementia praecox 
bekannt ist und vorzugsweise im jugendlichen Alter auftritt^ vielfach ab eine den Masturbanten 
eigentümliche Psychose betrachtet. Ein ursächlicher Zusammenhang der Dementia praecox 
mit Masturbation wird jedoch in neuerer Zeit von verschiedenen Psychiatern und insbescmdere 
auch von Kraepelin bestritten. „So manche Gründe*^ bemerkt dieser Autor, „sprechen dafür* 
daß dem Gascblechtsleben bei dieser Krankheit eine gewisse Bolle zukommt, aber sie wird keines- 
falls duroh Onanie verursacht. Es gibt zahlreiche begeisterte Onanisten» die nicht hebephrenisch 
werden und umgekehrt fehlt die Onanie bei Hebephrenischen, namentlich bei weibliehen, nicht 
selten gänzlich^ trotz starker geschlechtlicher Erregung.'* (Psychiatrie. Vm, Anfl. I. Bd. S. 111.) 



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Onanie. 127 

wieder aolzonehmen. Bertthrt er mit einem Beine zufliligerweise einen Oeg^iBtand, so mu8 
er nftoh demaelben wiederholt mit dem B^ine stofien. Bdi Tische ist er nicht imstande» sich von 
seinem Teller, beim Morgenkaffee von seiner Tasse za trennen. Ähnliche Zwangshandlungen 
und ZwangsTorstellungen existieren in Menge bei dem Patienten; die verschiedensten Anläase 
geben den Anstoß zu deren Auftreten* So erwfthnt die Mutter des G.» daß derselbe nie nachts 
vor 2 Uhr zu B^tte geht, daß er stundenlang naohts in der Wohnung sich herumtreibt, fort- 
während damit beschäftigt, Türen und Ttlrschlösser zu untersucheoi» und durch kein Zureden 
bestimmt werden kann^ von diesem Gebaren abzustehen. G. sieht das Krankhafte seines Zu- 
standes völlig ein und wünscht sehnlichst von demselben befreit zu werden« Seine Gemüts- 
stimmung ist sowohl w«^n des Leidens an sich, als wegen drohenden Verlustes seiner Stellung 
eine sehr deprimierte; er äußert gel^entlich sc^r Selbstmordgedanken, die jedoch kaum einst 
zu nehmen sind. Die Geschwister des Patienten sind gesund (Eltern?); er selbst litt in seiner 
Jugend an Krampf anfüllen, ist also jedenfalls von neuropathischer Konstitution und gesteht 
zu» erheblich Onanie getrieben KU haben. 

Da eine Bahandlung des Batientan in häuslichen Verhältjüssen keinen Erfolg versprach 
und demselben in Anbetracht seiner Mittellosigkeit der Eintritt in eine Nervenheilsnstalt unmög- 
lich war, wurde er mit seiner vollen Zustimmung für die Aufnahme in die Kreisirrenanstalt 
begutachtet. 

Vorstehender Fall ist dadurch ausgezeichnet, daß die massenhaft vorhandenen, 
an sich ganz verschiedenen Zwangshandlungen wesentlich auf einer Grundstörung 
beruhten» der Unfähigkeit» eine einmal begonnene Handlung zur gehörigen Zeit 
zu unterbrechen. Diese Störung führte auch zu einer Behinderung beim Schreiben, 
ähnlich dem Schreibkrampfe und damit zur Dienstesunfähigkeit des Kranken. 

Ein Umstand, der bisher noch wenig Beachtung gefunden hat, ist, daß Mastur* 
bation bei jugendlichen Individuen auch zu Zufällen führen kann, welche in das 
Gebiet der Epilepsie gehören (Petit mal). Ich habe mehrere Fälle beobachtet, 
in welchen masturba torische Gepflogenheiten zweifellos den Austoß zum Auf- 
treten epileptischer Anwandlungen gaben. Zwei hierher gehörige Fälle wurden 
von mir schon vor Jahren a. 0. mitgeteilt* 

Beobaehtong ^). 

J. M., Volksschullehrer in B.» 38 Jahre alt» verheiratet; aufgenommen 27. M&rz 1888. 
Der Vater des Patienten verunglttckte durch einea Schuß, Beine Mutter ist noch lehend und 
magenleidend. Von den 4 OeachwiBtem deeaelben starben 2 an Phthisis. Von Nervenleiden ist 
in dessen Familie nichts bekannt* In seiner Kindheit machte Patient Maaem und Scharlach 
mit Nephritis durch. Im Alter von 10 oder 11 Jahren litt er zirka Vi J^l^r häufig an Anfällen» 
die mit Rötung des Qesichto einhergingen und im flbrigen sich ähnlich den jetzt vorhandenen 
verhielten. Diese Anfälle, welche Patient selbst mit der in jener Zeit geübten Onanie in Zu- 
sammenhang bringt, verloren sich in der Folge vollständig, nachdem er von seinen onaniatiachen 
Gewohnheiten abgekommen war, und kehrten erst vor zirka 3 Jahren wieder. Patient ver- 
heiratete sich in ziemlich frühem Lebensalter; I^es und Potatorium stellt er entechieden in 
Abrede, auch erlitt er nie eine Kopfverletzung. 

Die in Frage stehenden Anfälle haben seit ihrem Wiederauftreten nie für längere Zeit 
pausiert. Unter dem Gebrauche von Bromkali wurden dieselben jedesmal seltener. Doch stellten 
sie sich nach dem Aussetzen dieses Mittels alsbald wieder in der früheren Häufigkeit ein. Mit- 
unter traten sie bis 2ai 15 mal an einem Tage auf. Seit einem Jahre kommt es gewöhnlich nur 
zu einem Anfalle innerhalb 24 Stunden. Das Bewußtsein geht bei den Attacken nie ganz ver- 
loren, und als Aura tritt meist ein Gefühl von Beklommenheit ein, an welches sich eine Empfindung 
des Aufsteigens von der Magengegend nach dem Schlund zu anschließt. Im übrigen zeigen 
jedoch die Anfälle große Verschiedenheiten je nach der Situation, in welcher der ^tient von 
denselben überrascht wird. Im Sitzen Drehtmgen des Körpers nach rechts; im Gehen Gefühle 
der Erlahmung der linksseitigen Extremitäten, mitunter nur Zucktmgen einer Hand usw. Patient 
gesteht, daß er vor dem Wiederauftreten des Leidens in sexueller Beziehung einige Zeit hindurch 
sich Exzessen hingab. In den letzten Monaten hatte er außerdem viel von einseitigem Kopf- 
schmerz zu leiden (zumeist linke Kopfseite). Die Untersuchung des über mittelgroßen, mäßig 
genährten Patienten ergibt außer hochgradiger Calvities nicht« Bemerkenswertes, 

^) Schon früher kurz erwähnt. 



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12S Onanie. 

Beobachtung. 

Herr F. (aufgenommen Juni 1894), 20 Jahre alt, Kaufmann^ lüt der Sohn eines geBunden 
und sehr rüfitigen Vaters und einer etwa« nervenschwachen Mutter; in der Familie beider Eltern 
sind weder Nerven-» noch Geisteekrankheiten bisher vorgekommen. Der FatÄent^ welcher von 
Kinderkrankheiten nur Maaem durchmachte» ist im fernen Wild-West der Vereinigten Staaten» 
und zwar imter VerhältaStoen aufgewachsen, welche alles eher als Nervosit&t begttnstigen konnten. 
Trotzdem leidet der junge Mann seit seinem 13. oder 14. Lebensjahre an Erscheinungen, die 
in das Gebiet des Fetit nukl gehören: Anfälle von Bewußtlosigkeit von kurzer Dauer (einige 
Minuten höchstens) mit leichten Zuckungen im Gesichte, zum Teil auch nur leichte Absenzen 
mit Gesichtsblässe und Starrwerden des Blickes, die nur eine Anzahl von Sekunden währen, 
oder Anfälle^ in welchen das Bewußteein nicht ganz verloren geht, aber das Sprechen behindert 
ist. Die Anwandlungen stellten sich in den ersten Jahren nach ihrem Auftreten häufig, mitunter 
auch mehrere Male an einem Tage ein und sind in den letzten Jahren viel seltener geworden; 
sie kehren aber noch immer wenigstens in Pausen von mehreren Monaten wieder. Die geistige 
Entwicklung des Patienten hat durch d^selben in keiner Weise gelitten. Der Patient gesteht, 
daß er, von Kameraden verleitet, im Alter von 11 Jahren der Masturbation sich eif^b und die* 
selbe in den ersten Jahren häufig betrieb; seitdem er älter und verständiger geworden, habe 
er die Kxzesse zwar aufgegeben, doch sich von seinem Hang noch nicht ganz frei zu machen 
gewußt. Kein sexueller Verkehr bisher. Objektiv = 0. 

Das eingehendste Examen des Patienten und dessen Vaters ergibt für die im vorstehenden 
erwähnten Anfälle kein anderes veraulassendes Moment als die Masturbation. 

Beobachtung. 

Herr X.» 34 Jahre alt, Chemiker (aufgenommen 4. Januar 1892), ist nicht ganz ohne erb- 
liche Belastung: Der Vater von sehr erregbarem Naturell, leicht aufbrausend, die Mutter und 
zwei Schwestern nervenschwach» 

Patient war, abgesehen von leichten Kinderkranklutiten, bis zu seinem 16. oder 17. Lebens- 
jahre immer gesund. Vom 14. Jalire an trieb er Onanie und zwar sehr erheblich, und seit dem 
16. oder 17. Lebensjahre bestehen bei ihm die im folgenden nälwr zu beschreibenden Krampf- 
erscheinungen, deren Auftreten er selbst mit der geübten Onanie in Zusammenhang bringt. 
Patient absolviert? das Gymnasium, brachte auch seine Universit&testudien zu einem günstigen 
Abschlüsse. In die Univeraitätszeit fallen manche sexuelle Exzesse, zu welchen der Patient 
durch seinen ungemein lebhaften Sexualtrieb verleitet wurde. Exzesse in Alcoholicis werden 
negiert, auch spezifische Infektion. 

^zUgUch der Umstände, unter welchen die fraglichen Krampferscheinimgen auftreten, 
gibt Patient folgendes an: Die Anfälle stellen sich zumeist auf der Straße ein, wenn ein Bekannter 
ihm unversehens begegnet oder ihn unversehens anspricht, oder wenn sonst etwas ganz Un- 
erwartetes plötzlich an ihn herantritt. Außerdem werden dieselben regelmäßig durch das Auf- 
stehen nach längerem Sitzen unter Leuten hervorgerufen. Eingeleitet werden die Anfälle gewöhn- 
lich durch ein eigenartiges Gefühl (eine Art Angstgefithl) in der Herzgegend, welches sich mit 
Herzklopfen vergesellschaftet; dann erfolgen krampfhafte Bewegungen der Finger des linken 
Armes — diese nehmen ein Art Krallenstellung ein — , der Vorderarm wird gegen den Oberarm 
gebeugt, die linke Gesichtshälfte etwas verzogen, auch die Zunge weicht nach links ab und die 
Sprache ist etwas behindert. GSewöhnlich dauern diese Anfälle nur eini^ Sekunden. Wenn 
der Patient sich jedoch beboachtet glaubt, oder wenn er überhaupt erregter ist, so währen die 
Anfälle länger, bis zu einer halben Minute und darüber. Der Krampf breitet sich dann auch 
auf die rechte Seite (rechten Arm und rechte Oesiehtshälfte) und den Rumpf aus; der Rumpf 
führt drehende Bewegungen aus. Das Gehen ist jedoch hierbei nie gestört; die Beine sind unbe- 
teiligt. Das Bewußtsein bleibt ebenfalls unberührt. Nach dem Anfalle ist Patient nicht imstande, 
mit der befallenen Hand etwas zu leisten; er kann keinen Druck damit ausüben; diese Schwäche 
hält jedoch nur 10—20 Sekunden an. Patient kann durch verschiedene Akte die Entwicklung 
des Anfalles hemmen, so, wenn er in B-^wegung sich befindet, dadurch, daß er sich auf eine Lippe 
beißt, die Nägel einzelner Finger fest gegen die Hohlhand oder den Daumen preßt, auch durch 
energische stampfende Trittbewegungen der B?ine. Doch gelingt es ihm nicht immer, nament* 
lieh wenn er erregter ist, den Anfall auf diese Weise zu verhindern. Den Eintritt eines Anfalles 
nach dem Aufstehen von einem Sitze kann er dadurch vermeiden, daß er einige Augenblicke 
vor dem Weggehen ruhig stehen bleibt. Objektiver Befund völlig negativ. 

Die weitere Beobachtung des Patienten ei^b, daß bei schlechtem Befinden bei dem- 
selbon Anfälle von der geschilderten Art auch anscheinend spontan auftraten, die Anfälle auf 



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Onanie. 129 

der Straße beim Begegnen von Bekannten und beim Aufstehen nach längerem Sitzen dagegen 
unzweifelhaft durch gewisÄc unter diesen Verhältnissen konstant wiederkehrende Zwangsvor- 
stellungen mit begleitenden Angiitzußtanden (,»man werde an ihm etwas Auffälliges wahr- 
nehmen") auflgelöet wurden. Die Entwcklung dieses Zusammenhanges erklärt sich aus dem 
Umstände, daB die Anfälle anfänglich spontan und selten auftraten und es dem Patienten längere 
Zeit gelang» dieselben voUst&ndig (gelbst seiner Familie gegenüber) zu verheimlichen. Dieser 
Umstand erzeugte im l^ufe der Jahre hei ihm die Befürchtung, daß Bei ihm doch einmal in 
Gegenwart oder in der Sehweite eines Bekannten ein Anfall vorkommen und das ängstlich 
gewahrte Geheimnis dadurch verraten werden könnte. Diese Befürchtung nahm allmählich 
den Charakter einer Zwangsvorstellung an» die sich sowohl auf der Strafle beim Anblick von 
Bekannten, als nach längerem Sitzen beim Aufstehen» wenn sein Verhalten seitens Dritter 
beobachtet werden konnte, einstellte und durch den begleitenden Angstzustand das befürchtete 
Ereignis — den Anfall — herbeiführte. 

Der Zustand des Patienten erfuhr im Verlaufe einiger Jahre eine bedeutende Besserung» 
die Krampfaffektion reduzierte sich auf ein Minimum^ und dieser günstige Status hat sich« soweit 
ich unterrichtet bin, erhalten. 

Im vorliegenden Falle traten, wie wir sahen, im Gefolge exzessiver Mastur- 
bation Krampfanfälle auf, welche wir mit Bückdicht auf ihre Lokalisation, sowie 
ihre Begleit- und Folgeerscheinungen als kortikale (Jacksonsehe) Epilepsie 
und zugleich dem Gebiete des Petit mal angehörig zu betrachten haben. Die 
Anfälle wurden jedoch später überwiegend zum Anhängsel einer Art Phobie und 
dadurch ihres epileptischen Charakters entkleidet. 

Die nervösen Folgezustände der Onanie wurden früher vorwaltend auf den 
erschöpfenden Einfluß der übermäßigen Samenverluste bezogen. Man sah in dem 
Sperma ein für den Körper ganz besonders wertvolles Fluidum. Noch Trousseau 
bemühte sich, diese Anschauung zu verteidigen, indem er auf den Umstand hin- 
wies, daß beim Weibe trotz der mindestens ebenso großen, wenn nicht größeren 
Erregung des Nervensystems beim Geschlechtsakte häufige Wiederholung des- 
selben in kurzen Zwischenräumen keinen Erschöpfungszustand hinterläßt. In 
neuerer Zeit gewann die Anschauung mehr und mehr Verbreitung, daß der Sperma- 
verlust für die Wirkungen der sexuellen Ausschweifungen und der Masturbation 
belanglos ist, weil das selbst durch häufige Samenentleeningen dem Körper ent- 
zogene Eiweißquantum für die Allgemeinemährung nicht ernsthaft in Betracht 
kommen kann, und daß sonach die Benach teiUgung des Nervensystems durch 
die genannten sexuellen Mißbrauche sich nur aus dem Einflüsse der Einzelakte 
erklären läßt. Hierbei wird zumeist angenommen (Erb, Fürbringer, Cursch- 
manUf Hammond u, a.), daß, sowie der Schlußeffekt, die Ejakulation, so auch 
die Einwirkung auf das Nervensystem bei der Masturbation und der Kohabitation 
völlig oder im wesenthchen gleich sei. Der Schaden, den die Onanie anrichtet, 
würde demnach, soweit er nicht durch emotionelle Vorgänge bedingt ist, nur 
aus der Häufung der Einzelakte und deren relativ frühem Beginn bei noch nicht 
völlig entwickeltem Nervensystem erwachsen. Obwohl ich letzterer Anschauung 
mich im wesentlichen ^) anschließen muß, kann ich doch die Prämi^e bezügUch 
der Identität der Rückwirkung auf das Nervensystem beim natürüchen 6e- 

^} In den Erörterungen über Onanie in der Wiener psychoanalytischen Vereinigung wurde 
auch die Ansicht vertreten, daB die nervösen Folgen der Onanie toxischen Ursprungs und auf 
eine Störung der inneren Sekretion zurückzuführen seien« Es ist aber von keiner Seite dargetan 
worden, in welcher Weise diese Autointoxikation zustande kommen soll. Ich selbst sprach mich 
vor Jahren dahin aus (IV. Aufl. 8. 144): „Ich möchte nicht behaupten, daß die Samenveriuste 
bei exzessiver Masturbation für die Körperökonomie ganz gleichgültig sind; allein vir sind vor- 
läufig außerstande, zu beurteilen, welche Bedeutung denselben zukommen mag," Diese Ansicht 
erscheint mir auch gegenwärtig noch berechtigt. Man kann zwar daran denken, daß mit den 
häufigen Samenverlusten auch Produkte der inneren Sekretion verloren gehen, welche für den 
Stoffwechsel von Badeutimg sind, so daß es zur Bildung von Toxinen kommt« die unter normalen 

LGwenfold, Sexualleben umt Nervenleiden. Sechste Atifl. 9 



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130 Onanitt. 

schlechtsverkehre und bei der Masturbation nicht ganz zugeben ^). Erb bemerkt 
bezüglich dieses Punktes: „Der Effekt auf das Nervensystem muß doch für den 
Mann im wesentlichen derselbe sein, ob die Friktion der Glans in der weiblichen 
Vagina oder irgendwie sonst ausgeübt wird; die nervöse Erschütterung bei der 
Ejakulation bleibt dieselbe; eher dürfte wohl anzunehmen sein, daß beim Ge- 
brauche eines Weibes die nervöse Aufregung noch größer sei." Die Annahme 
wäre ganz zutreffend, wenn die Friktion der Glans das einzige bei der Kohabitation 
die Ejakulation herbeiführende Moment wäre. Dies ist aber nach meinem Dafür- 
halten gewöhnlich nicht der Fall. Es spielen auch psychische Einflüsse *) mit, 
die Eindrücke, welche der AnbUck der weibUchen Person, die Berührung der- 
selben, ZärtUchkeiten usw. hervorrufen, und die daran sich knüpfenden Vor- 
stellungen, Diese psychischen Einflüsse mangeln bei der Onanie, sie müssen 
ersetzt werden durch schlüpfrige Phantasievorstellungen, abo eine Phantasie* 
tätigkeit, die um so intensiver sich gestalten ToaÜ^, je häufiger der onanistische 
Akt geübt wird, je mehr die Erregbarkeit des Ejakulätionszentrums gesunken ist. 
Ich kann daher nicht umhin, anzunehmen, daß auch der Einzeleffekt des ona- 
nistischen Aktes sich in gewissen Beziehungen von dem des normalen Geschlechts- 
verkehrs unterscheidet, und zwar nicht in vorteilhafter Weise, Aber dieser Unter- 
schied ist immerhin nicht erheblich genug, um bei selten geübter Masturbation 
und guter Konstitution ernsthaft in Betracht zu kommen *); bei onanistischen 



Verhältaüssen fehlen^ oder daß die innersekretorischen Voi^[;&nge unter dem Einflüsse mastur* 
batorischer Exzesse eine Änderung erfahren» welche ebenfalls zur Bildung von Toxinen führen 
mag. Allein dies sind nichts als Vermutungen, die vorerst noch jeder Stütze ermangeln, und 
deren H3ranziehung zur Erklärung der Folgezustände mastui^torischer Exzesse nicht nötig ist. 

^) Auch von Schrenck-Notzing und Rohleder, ebenso mehrere Mitglieder der Wiener 
psychoanalytischen Vereinigung haben sich gegen die Annahme einer Identit&t der Wirkungen 
des onanistischen Einzelaktes und der Kohabitation auf das Nervensystem aus^sprochen. 

') Psychische Momente können auch, wie die Fälle präzipitierter Ejakulation zeigen, 
unter Umständen allein die Ejakulation herbeiführen. 

') Wenn schon der Vergleich des onanistischen Einzelaktes mit dem normalen Geschlechts- 
verkehr im allgemeinen zuimgunsten des ersteren ausfällt» so mufl natürlich der Vergleich der 
Onanie mit dem normalen Qesohlechtsverkehr mit einer geliebten weibUchen Person sich für 
erstere noch ungünstiger gestalten« Der seeluchen Befriedigung, die im letzteren Falle mit der 
somatischen sich verbindet und sicher auch für das körperliche Befinden nicht gleichgültig ist 
— man berücksichtige nur, wie altere Mädchen nach glücklicher Verheiratung sich verjüngen — , 
steht bei der Masturbation jedenfalls das unerfreuliche Bewußtsein gegenüber» einen Unnatur* 
liehen Akt begangen zu haben. Auf der anderen Seite kann ich jedoch der mäßig geübten Onanie 
nicht jene nachteiligen Einwirkungen auf den Charakter des Individuums zuschreiben» den 
dieselbe nach v, Schrenck-Notzing besitzen soll. Nach diesem Beobachter schädigt auch 
die mäßig geübte Selbstbefriedigung den Charakter des Individuums dadurch« »daß sie die 
physiologischen Beziehungen zum anderen Geschlecht und damit eine der wichtigsten Quellen 
zur Betätigung der Kräfte im individuellen und sozialen Dasein an der Wurzel untergräbt (Ehe- 
losigkeit usw.) und durch gewohnheitsmäßige ZHchtimg der tmphysiologischen Erregung einen 
triebart^n Charakter verleihen kann". Ich habe bisher nie finden können, daß selten oder 
mäßig geübte Masturbation den Mann für die Reize des weiblichen Geschlechts woniger empfäng- 
lich oder dem natitrlichen Geschlechtsverkehr abhold macht. Niemand wird auch behaupten 
können, daß durch die Ausbreitung der Masturbation die Zahl der Eheschließungen in meik- 
licher Weise verringert wird; eher ließe sich etwas Derartiges noch von dem Verkehr mit Prosti- 
tuierten behaupten. Die Gefahr, welche der Masturbation imter allen Umständen anhaftet, 
ist darin begründet, daß sie^ da sie ein weibliches Objekt nicht erheischt^ jederzeit geübt werden 
kann und deshalb bei derselben die Verleitung zu Exzessen viel größer ist als beim natürlichen 
Geschlechtsverkehr. Auch der Ärmste kann der Selbstbefriedigung im Übermaß fröhnen. An- 
haltende Beschränkung in der Selbstbefriedigung erfordert mehr Willenskraft und mehr Selbst- 
überwindung als Beschränkung im normalen sexuellen Genuß; da die nötige Willenskraft vielen 
fehlt, ebenso auch die Aufklärung über die Folgen masturbatoriflcher Exzesse» so entwickelt 



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Onanie. 131 

Exzessen ist derselbe dagegen für den Gesamteflekt wohl nicht belanglos. Jeden- 
falls aber resultiert die direkte nervenzerrüttende Wirkung der exzessiven Mastur- 
bation in der Hauptsache aus den Erregungen des Nervensystems bei den Einzel- 
akten. Bevor die erschöpfende Einwirkung des einen Aktes sich durch Buhe 
und Ernährung ausgeglichen hat, kommt die nächste Erschütterung, deren Ein- 
fluß um so nachhaltiger und ausgebreiteter ist, als das noch geschwächte Nerven- 
system der Ausbreitung der neuen Erregung nur geringeren Widerstand entgegen- 
setzen kann. So entwickelt sich allmählich ein neurasthenischer Zustand, der 
je nach besonderen Verhältnissen mehr in dem einen oder anderen Abschnitte 
des Nervensystems hervortritt oder gleichzeitig in verschiedenen Innervations- 
gebieten sich geltend macht. Hierbei kommt noch ein Umstand in Betracht. 
Im Gefolge masturbatorischer Exzesse wird öfters eine Hyperämie der Schleim- 
haut der Pars prostatica der Harnröhre mit Hyperästhesie beobachtet. Ob dieses 
Verhalten eine direkte Folge der mit den onanistischen Ehizelakten einhergehenden 
Kongestionierung der Pars prostatica ist oder ledighch ein neuras thenisches, 
vom Bückenmark ausgehendes Lokalsymptom darstellt, steht dahin. Man darf 
aber jedenfalls annehmen, daß der in Bede stehende Zustand für die durch die 
onanistischen Exz^se schon direkt geschädigten Bückenmarksabschnitte eine 
Quelle weiterer Irritation bildet, durch welche deren Ansprechbarkeit für zentrale 
und periphere Beize erhöht und damit das Auftreten von Erektionen und Pol- 
lutionen begünstigt wird. Durch letztere Vorgänge wird hinwiederum nicht nur 
die reizbare Schwäche des Lenden- und Sakralmarkes, sondern auch die Er- 
schöpfung weiterer durch Miterregung beteiligter Zentralteile gesteigert. Eine 
gewichtige Bolle spielen aber auch, wie wir sahen, in zahlreichen Fällen die 
psychischen Begleitmomente. IHe schmerzUchen Gemütsvorgänge, die sich oft 
mit grausamer Begelmäßigkeit an die stetig sich erneuernden Sünden des ein- 
gefleischten Onanisten knüpfen, wirken direkt nervenerschöpfend, benachteihgen 
aber auch indirekt das Nervensystem durch Beeinträchtigung des Schlafes, des 
Appetits und der Verdauung. Das fahle Aussehen vieler Onanisten möchte ich 
besonders auf letzteren Umstand beziehen. 

Beim weibUchen Geschlechte ist die Onanie, wie schon an früherer Stelle 
dai^elegt wurde, zweifellos weniger verbreitet als beim, männhchen, im ganzen 
jedoch häufiger als vielfach von Laien und selbst von manchen Ärzten ange- 
nommen wird. Unleugbar spielt auch bei weibHchen Personen angeborene neuro- 
pathische Disposition in Verbindung mit libidinöser Sexualkonstitution häufig eine 
ui^ächliche Bolle, sofern sich diese in verfrühten sexuellen Begungen oder in 
einer übermäßigen sexuellen Begehrlichkeit kundgibt, welche mangels natürUcher 
Befriedigung zur Masturbation führt. Die fraghche Konstitution bildet zugleich 
eine sehr günstige Basis für die Entwicklung nervöser Folgezustände. Wo dieselbe 
fehlt, scheint die Masturbation nur selten und bei ganz exzessivem Vorgehen zu 
ausgesprochenen nervösen Störungen zu führen^). 

Was die Art der nervösen Erscheinungen betrifft, die im Gefolge der Mastur- 
bation bei Frauen beobachtet werden, so handelt es sich vorwaltend um neur- 
asthenische Symptome, die in ihrer Lokalisation und Ausbreitung einer gewissen 

flieh nur allzu oft aus der vereinzelten gelegentlichen Selbstbefriedigung jener tto schwer abstreif- 
bare Hang, welcher Leib und Seele zerrüttet. 

^) Die Bedeutung der Konstitution tüx die Wirkungen der Onanie beim weiblichen Ge- 
aohlecfate hebt anoh Beard hervor. Er erwähnt, daß bei den kräftigen und voUblütigen irischen 
Arbeiterm&dchen die Afosturbation, auch wenn sie derselben viele Jahre hinduroh ergeben sind, 
keinen wraentliohen Nachteil für ihre Gesundheit hervorruft, 

9* 



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132 Onanip. 

Übereinstimmung mit den beim Manne unter den gleichen Verhältnissen auf- 
tretenden nicht ermangeln. In einem Teile der Fälle entwickelt sich die sexuelle 
Form der Myelasthenie, charakterisiert hauptsächUch durch Kreuz- und Eücken- 
schmerzen, Hyper- und Parästhesien im Bereiche der Sexnalorgane (Ovarie, 
Pruritus vulvae et vaginae usw.), vermehrten Harndrang und Blasen tenesmus, 
Coccygodynie, Schwäche und Parästhesien (Müdigkeit, Kältegefühle usw.) in den 
Beinen, dann das Auftreten von Pollutionen. Wir haben an früherer Stelle er- 
wähnt, daß bei der Frau beim sexuellen Akte mit dem Orgasmus ein Schleimergaß 
aus den Grenitalien erfolgt. Derartige Ergüsse — Pollutionen — können ähnUch 
den Samenergüssen beim Manne bei weibUchen Peraonen, hei welchen sich infol^ 
von Masturbation und ähnhchen sexuellen SchädUchkeiten eine reizbare Schwäche 
des Lenden- und Sakralmarkes (speziell des Ejakulationszentnims in diesen) 
entwickelt hat, unabhängig von sexuellem Verkehr durch psychische Beize, 
erotische Traumbilder, bei weiter fortgeschrittener Beizbarkeit der betreffenden 
Zentren auch durch sinnUche Vorstellungen im waj^hen Zustande (insbesondere 
durch willkürUches Verweilen bei solchen, psychische Onanie) und schließlich 
selbst durch mechanische Einwirkungen, Körpererschütterung usw., herbeigeführt 
werden. In letzteren Fällen sind die Pollutionen gewöhnhch nicht von Wollust- 
gefühlen, sondern von unangenehmen, selbst peinlichen Sensationen begleitet, 
und es fehlen auch nicht die ungünstigen Bückwirkungen auf den Allgemein- 
zustand oder einzelne besonders lästige neurasthenische Symptome, die wir bei 
Männern beobachten. Die masturbatorische Überreizung der genitalen Bücken- 
markszentren kann auch zu einer Erschöpfung derselben führen, infolge welcher 
die Auslösung des Orgasmus beim sexuellen Verkehr sehr erschwert oder ganz 
unmöglich wird, ein Umstand, der für das eheliche Leben und vielleicht auch 
die Konzeptionsfähigkeit nicht ganz belanglos ist. Die durch Onanie hervor- 
gerufene H5T)erästheBie der Vulva und des Scheideneinganges kann femer bei 
Verheirateten unter dem Einflüsse von Koitusversuchen zur Entwicklung eines 
Vaginismus und damit zu einer Erschwerung und selbst Verhinderung des ehelichen 
Verkehrs führen. 

Zu den angeführten Symptomen treten in vielen Fällen im Laufe der Zeit 
wie bei männlichen Onanisten Erscheinungen zerebraler und viszeraler Neurasthenie 
(Kopfschmerzen, Schlafmangel, nervös-dyspeptische Beschwerden, Herzklopfen 
usw.), so daß mehr minder sich das Leiden zur allgemeinen Neurasthenie g^taltet. 
Doch ist es durchaus nicht notwendig, daß die Erscheinungen der Bückenmarks- 
neurasthenie eine gewisse Ausbildimg erreichten, bevor Symptome einer Schädigung 
anderer Nervengebiete sich geltend machen. Das gleiche Verhalten haben wir 
bei Männern gefunden. Es können neurasthenische Femsymptome verschiedener 
Art, insbesondere zerebrasthenische Beschwerden, Kopfschmerzen, Abnahme der 
geistigen Arbeitskraft, Verstimmung und Angstzustände auftreten, während spinale 
(oder sexuelle) Störangen nur in sehr geringem Maße vorhanden sind oder auch 
gEuaz fehlen — nachstehende Beobachtung bildet ein Beispiel in dieser Bichtung — , 
außerdem können sich zu den neurasthenischen Beschwerden mannigfache 
hysterische Erscheinimgen gesellen. 

Beobachtung. 

Frl , Beamtpenatochter, 20 Jahre alt, ist erblich belastet; beide Eltern sind nerröB, 

ihr Großvater von mütterlicher Seite Btarb in einer Irrenanstalt, eine Schwester derselben ist 
mit Agoraphobie und anderen Topophobien behaftet, Patientin ist von Jugend auf nervös und 
reizbar und leidet seit 6 Jahren an Kopfschmerzen. Sie befand sich als Pensionärin in einem 



Dlfllll^.byGoü'^lf Or,,lr„lta™ 



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Onanie, 133 

Institute, als der KopfBcbmerz begann und wurde deshalb» zumal außerdem Ersoheinungon von 
Ghloroee sieh zeigten» von ihren Eltern nach Hause genommen. Hier verlor sich der Kopfschmers 
zwar nicht, doch trat derselbe in den ersten Jahren nicht sehr häufig lud anhaltend auf; all- 
mählich stellte er sich jedoch häufiger ein, zu^eich nahm er nn Intensität, Dauer und Ausbreitung 
zu, so daß schließlich auch daa Gesicht, die Zähne und die rechte Halsseite befallen wurden. 
Hierzu gesellten sich in den letzten Jahren weitere Störungen, ungenügender Schlaf, Angst- 
zustände und motivlose WutanfäUe, auch Anfälle von Verwirrtheit mit zwangsmäßigem Aus- 
stoßen von Schimpfwörtern (Koprolalie). Den Angehörigen wurde der Verkehr mit der Patientin 
immer schwerer, da der geringste Widerspruch bei ihr die heftigsten Ausbrüche, die mitunter 
bis zu Gewalttätigkeiten gingen, herbeiführte. Die Fat.entin hat in den beiden letzten Jahren 
mehrmonatliche Kuren in WasBerheilanstatten gebraucht; die zuletzt besuchte Anstalt verließ 
sie in verschlechtertem Zustande. 

St. pr, : Patientin ist eine schlank gebaute, übermittelgroßo Persönlichkeit von guter 
Gesichtafarbe und guter Allgemeinemährung, die jedoch verschiedene Degenerationszeichen 
aufweist (Asymmetrie des Gesichtes und schwächere imervation der linken Geeichtshälfte usw.). 
In ihrem Benehmen macht sie den Eindruck eines bescheidenen, völUg wohlerzogenen Mädchens. 
Bazi^ch ihres augenblicklichen Befindens gibt sie folgendes an : Kopfschmerz ist nicht beständig 
vorhanden, doch wenn derselbe fehlt, macht sich dafür gewöhnlich um so mehr ein Zustand 
innerer Erregung — Angst — geltend, der auch sonst zumeist vorhanden ist. Beim Aufenthalt 
in menschenerfüllten Räumen steigert sich diese Angst gewöhnlich vorübergehend in sehr 
bedeutendem Maße. Der Schlaf ist sehr mangelhaft, auch wenn Beschwerden, die denselben 
verhindern könnten, fehlten. Öfters macht sich eine gewisse Unruhe in den Armen und Beinen 
bemerklich. Der Appetit ist wechselnd, Stuhlgang in Ordnung, die körperliche lieistungafähigkeit 
nicht herabgraetzt; im Bereiche der SexuftloiT^ane außer nicht sehr erheblichem Pruritus vulvae 
keine Beschwerden. Patientin gesteht zu, eine Anzahl von Jahren Masturbation getrieben zu 
haben, sie will jedoch von der üblen Gepflogenheit wieder abgekommen sein. Die Beobachtung 
der Kranken in der folgenden Zeit ergab jedoch, daß diese ^gabe nicht g&nz richtig war, die 
Patientin vielmehr flieh von ihrem unglücklichen Hange noch nicht völlig bereit hatte. 

Unter hypnotischer B:?handlung^ die in erster Unie auf Beseitigung des onanistischen 
Hanges gerichtet war, stellte sich nach mehrfachen Schwankungen sehr bedeutende Besserung 
ein^ die auch, soweit ich imterrichtet bin, lange Zeit anhielt. 

Im vorliegenden Falle unterliegt es keinem Zweifel, daß die Patientin bereit« während 
ihres Aufenthaltes im Institute der Masturbation anheimfiel und als erste dadurch verurpachte 
Beschwerde Kopfschmerzen aiiftraten (vielleicht infolge der Vorwürfe, welche sich die Patientin 
über ihr Tun machte); auch in der Folge beherrschten zerebrale Symptome vollständig dag 
Gebiet. Der nicht sehr erhebliche Pruritus war dem Anscheine nach durch eine leichte Vulvitis 
bedingt. « 

Über die Art und Weise, in welcher die masturbatorischen Vorgwige beim 
Weibe nervöse Störungen herbeiführen, gehen die Ansichten auseinander. Manche 
Autoren (so Jolly und Strümpell, in neuester Zeit auch Stekel) sind geneigt, 
die schädlichen Wirkungen hauptsächlich den begleitenden psychischen Momenten 
(Vorwürfen oder Gewissensbissen über die lasterhafte Gewohnheit usw.) zuzu* 
schreiben. Hegar bezieht die üblen Folgen der Onanie beim Weibe auf die direkte 
lokale Beizung, welche selbst zu anatomischen Veränderungen, besonders Katarrhen 
und Hypertrophien, führen kann, und außerdem die hochgradige allgemeine 
nervöse und psychische Erregung, v. Krafft-Ebing leitete die Lendenmarks- 
neurose der Masturban tinnen lediglich von der sexuell-nerv^en Überreizung her; 
psychischen Momenten gestand er ledigUch die Bedeutung zu, daß sie die Weiter- 
entwicklung der Neurose zur allgemeinen Neurasthenie fördern sollten. Nach 
meinen Wahrnehmungen spielt bei der Masturbation der Frauen daa psychische 
Moment der rein somatischen Schädigung gegenüber eine sehr wechselnde und 
jedenfalls häufig nur eine untergeordnete Eolle- Auch sehr jugendliche Onanistinnen, 
die kaum ein Bewußtsein von der BedenkUchkeit ihrer Gewohnheit haben, bleiben 
von üblen Folgen, wie ich mehrfach sah, nicht verschont. 



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XII. 



Der sexuelle PräyentiTverkehr. 



Halthnsianlsmns, Neomaltlmsiaiiismns ^). 

i 

Unter den Mißstäaden» welche dem Sexaalleben unserer Zeit anhaften, bildet 
der Präventiwerlrehr, d. h. der sexuelle Verkehr, bei welohem Befruchtung ver- 
mieden "werden soll, keine iintergeordnete Bolle. Ich zähle ihn zu den Mifiständen, 
■weil jede Art der Kohabitatien, bei welcher der natürüche Verlauf des Aktes 
in irgend einer Weise absichtüch geändert oder gestört wird, gegenüber dem völlig 
normalen Geschlechtsverkehre mit gewissen Nachteilen verknüpft ist und schon 
das Bewußtsein, daß die Befriedigung der geschlechtlichen Bedürfnisse nicht ohne 
Vorkehrungen gegen deren mögliche natürhche Folgen stattfinden kann, ein 
ungünstiges psychisches Element in das Geschlechts- resp. Eheleben der Be- 
treffenden einführt. Wenn der Fräventiwerkehr trotz seiner Eigenschaft als 
Mißstand auch bei uns in neuerer Zeit eine außerordentliche Verbreitung getoden 
hat und offenbar in immer weitere Kreise sich Eingang verschafft, so hegt dies 
daran, daß die mißUchen Seiten, die ihm anhaften, durch Vorteile von größter 
Tragweite aufgewogen werden. 

Biese hegen auf wirtschaftlichem und hygienischem Gebiete und sind so 
in die Augen springend, daß man eine ernste Bekämpfung des Präventivverkehrs 
seitens einsichtsvoller und unbefangen urteilender EJreise nicht hätte erwarten 
sollen. Allein vor dem Kriege war man seitens unserer Begierong und einzelner 
wenig kritischer und von konfrasionellen Bedenken beherrschter Ärzte der An- 
schauung, daß der schon anfangs dieses Jahrhunderts eingetretene Geburten- 
rückgang um jeden Preis hintangehalten werden müsse, weil die Aufrechterhaltung 
der Machtstellung Deutschlands eine ständige Zunahme seiner Bevölkerung 
erheische; man suchte deshalb der weiteren Verbreitung des Präventiwerkehrs 
möghchst Hindemisse zu bereiten. Eine Sorge für die Machtstellung Deutsch- 
lands ist leider heutzutage nicht mehr nötig. Unsere Macht ist dahingesunken 
und an ihrer Stelle ist eine wirtschaftUohe Not verbheben, die man früher nicht 
für möghch gehalten hätte, eine Not, die sich insbesondere den Kindern fühlbar 
macht. Die materielle Lage der Arbeiterklasse hat sich zwar nicht unerhebhch 
gebessert, während die der unteren Schichten des Mittelstandes sich ungünstiger 
gestaltete. Allein die in Frage stehende Besserung ist noch weit davon entfernt, 
dem Arbeiter einen auskömmhchen Unterhalt einer größeren Familie zu ermög- 

^) Sexueller Präventivrerkehr = Goitus v. Congresaus reaervatuB, CongreflBOs intemiptua 
ist jene Fonn des Congiestnu Teserratufl, wobei daa Glied vor dem Eintritte der Ejakulation 
aus der Tagina entfernt vird. 



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Der sexuelle PräTentiTTerkehr. 135 

liehen. Es ist zwar vieles geschehen, um diesem Mißstände in gemssem Maße 
abzuhelfen. Der Staat hat seine Unbekümmertheit um das Gedeihen der Ge- 
borenen, sowie das Wohl und Wehe der Schwangeren und Wöchnerinnen auf- 
gegeben und unter den privaten karitativen und gemeinnützigen Vorkehrungen 
unserer Zeit steht die Jugendfürsorge im weitesten Sinne im Vordergrunde. 
Manches Gute ist hierdurch erzielt worden. Die Veranstaltungen für zweckmäßigere 
Ernährung der Säuglinge haben eine Verringerung der Sterblichkeit der Kinder 
im ersten Lebensjahre herbeigeführt; Kinderhorte, Erholungsstätten, Ferien- 
kolonien, Schulspeisungen usw. leisten Anerkennenswertes. Allein diese Be- 
strebungen und Einrichtungen sind nicht entfernt imstande, einen Ausgleich für 
die Unzulänglichkeit der Mittel für den Unterhalt einer größeren Kinderzahl, 
die wir bei dem wirtschaftUch schwachen Teile unserer Bevölkerung überall treffen, 
zu schaffen. Nur die Beschränkung der Kinderzahl kann hier eine wirksame 
Abhilfe bringen und den von öffentlicher und privater Seite gebotenen Unter- 
stützungen zu nachhaltigem Erfolge verhelfen. Auch die Auslese, welche Krank- 
heit und Tod in den kinderreichen Familien der Unbemittelten herbeiführen, 
ist kein Moment, welches die zielbewußte Beschränkung der Kinderzahl ersetzen 
und daher deren Durchführung entbehrhch machen könnte. Die Sterblichkeit 
der Kinder in den ersten Lebensjahren bedingt nicht lediglich ein Überleben 
der kräftigeren Elemente. Zweifellos werden dabei auch solche namentlich infolge 
ungünstiger Emährungsverhältnisse hinweggerafft, während schwächlichere am 
Leben bleiben. Auch die Kinder, deren Lebensdauer kurz und deren Unterhalt 
ganz unzulänglich ist, verursachen den Eltern Kosten und zehren an den Kräften 
der Mutter. Es ist daher keineswegs für die Gesundheit der Mutter und der Nach- 
kommenschaft gleichgültig, ob in einer FamiUe von 8 Kindern noch 4 am Leben 
bleiben oder 4 überhaupt nur das Licht der Welt erblickten. 

Während bei der ärmeren Bevölkerung in erster Xinie, aber keineswegs aus- 
schließlich ökonomische Motive für die Beschränkung der Kinderzahl bestimmend 
sind, drängen in der Klasse der Begiiterten hygienische Rücksichten zur Er- 
strebung des gleichen Zieles. Damit soll keineswegs angedeutet werden, daß im 
Mittelstande und unter den oberen Zehntausend die Beschränkung der Kinderzahl 
ledigUch von hygienischen Motiven ausgeht. Es sind zweifellos vielfach andere 
und weniger ethische, zum Teil auch ökonomische Beweggründe im Spiele, allein 
dieser Tatbestand ist nur für den Grad der Nachkommenschaf isbeschränkung 
von Bedeutung und ändert nichts an dem Umstände, daß hygienische Interessen 
auch bei den Begütertsten ein allzu großes Anwachsen der Famihe verbieten. 
Wir werden an späterer Stelle sehen, „daß malthusianische Vorkehrungen in jeder 
Ehe, in welcher die Frau ihre Konzeptionsfähigkeit behält und der Mann es nicht 
für sein unantastbares Becht hält, ohne jede Rücksicht auf Wohl und Wehe der 
Frau und der bereits vorhandenen Kinder seine sinnlichen Bedürfnisse zu be- 
friedigen, früher oder später zur Notwendigkeit werden, bei zahlreicher Nach- 
kommenschaft nicht minder als bei dem sogenannten Zweikinder- oder Einkind- 
sj'stem". Die Erfahrung, daß bei allzu großem Anwachsen der Familie und ins- 
besondere bei zu rasch aufeinanderfolgenden Geburten nicht nur die Gesundheit 
der Frau, sondern auch die Qualität der Nachkommenschaft Sehaden erleidet, 
gilt eben für die Reichsten wie für die Ärmsten, für letztere allerdings noch in 
höherem Maße als für erstere. 

Wenn wir nun erwägen, in welchem Umfange heutzutage bereits der Präventiv- 
verkehr geübt wird und wie oft der Arzt veranlaßt ist, denselben aus dem einen 
oder anderen Grunde zu empfehlen, dann kann wohl nicht bezweifelt werden, 



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136 Der KzueUe Pr&veatiwetkchr. 

daß ^r mehr als genügenden Grund haben, uns mit den gesundheitUchen Folgen 
dieser Art sexueller Befriedigung ssu beschäftigen und unsere Erfahrungen in 
dieser Beziehung immer wieder zu prüfen. Man könnte es uns ja mit Becht ver- 
argen, wenn wir zum Zwecke der Konzeptionsverhinderung Maßnahmen anraten 
würden, deren Einfluß auf die Gesundheit wir nicht genügend kennen imd sich 
in der einen oder anderen Bichtung als schädlich erweisen mag. 

Im vorstehenden ist bereits angedeutet, daß zum Zwecke der Beschränkung 
der Kinderzahl ledigUch der Präventiwerkehr arzthoh empfohlen werden kann. 
Dies stützt sich auf die Erfahrung, daß die Durchführung sexueller Abstinenz 
in der Ehe sehr schwierig und auch nicht ohne gesundheitliche Nachteile ist. Sie 
erheischt ein ungewöhnliches Maß von Willensstärke oder religiöser Gläubigkeit, 
welches aber nach meiner Erfahrung ungünstige Wirkungen auf die Gesundheit 
keineswegs ausschUeßt. Dem Gros der verheirateten Menschen und insbesondere 
der Männer gegenüber wäre es gans zwecklos, andauernden Verzicht auf sexuellen 
Verkehr zur Verhütung weiterer Nachkommenschaft zu empfehlen. 

Die Bedeutung des Präventiwerkehrs in gesundheitlicher Ifinsicht ist für 
beide Geschlechter nicht die gleiche. Der Mann kann durch denselben direkt 
nie einen gesundheitlichen Vorteil gewinnen, während er die Möglichkeit einer 
BenachteiUgung seines Befindens mit der Frau teilt. Für die Frau andererseits 
kann der Prävehtiwerkehr einen wichtigen, ja notwendigen Faktor für die Er- 
haltung eines gewissen Gesundheitszustandes, selbst für die Vermeidung schwerster 
Gefahren für Gesundheit und Lebeü bilden. Diese Vorteile mögen unter Umständen 
auch gewisse, mit dem Präventiwerkehr verknüpfte gesundheitliche Nachteile 
überkompensieren. 

Wenn wir den Einfluß antikonzeptioneller Vorkehrungen beim Geschlechts- 
verkehr auf die Gtesimdheit der einzelnen eruieren wollen, dürfen wir uns selbst- 
verständhch nicht auf eine Berücksichtigung jener Fälle beschränken, in welchen 
unser Bat wegen irgendwelcher möglicherweise oder auch sicher sexuell bedingter 
Störungen in Anspruch genommen wurde oder in welchen wir überhaupt von der 
Übung des Präventiwerkehrs direkte Kenntnis erlangen. Wir müssen unseren 
Bhck viel weiter schweifen lassen und jene viel größere Zahl von Fällen berück- 
sichtigen, in welchen wir Grund zu der Annahme haben, daß der eheliche Ver- 
kehr zeitweihg oder andauernd nicht ohne präventionelle Vorkehrung geübt wird. 
Wir müssen femer in den Fällen, in welchen während der Übung d^ Präventiv- 
verkehrs Gesundheitsstörungen auftreten, ebgehende Nachforschungen darüber 
atkstellen, ob und inwieweit noch andere ursächliche Momente im Spiele sind, 
wie es sich mit der Häufigkeit des Verkehrs im Verhältnis zum Lebensalter und 
allgemeinen Gresundheitszustande, sowie mit der Art der angewandten Prävention 
verhält. Bei Berücksichtigung dieser Umstände bin ich, wie schon vor Jahren, 
auch in neuerer Zeit zu der Überzeugung gelangt, daß der Präventiwerkehr im 
großen und ganzen und zwar allem Anscheine nach bei beiden Geschlechtem 
nur relativ selten zu ausgesprochenen Gesundheitsschädigungen, speziell nervösen 
Leiden führt, und daß diese nachteihgen Wirkungen nicht den Präventiwerkebr 
im allgemeinen, sondern fast ausschließUch einer bestimmten Art der Prävention, 
dem Gongressus interruptus, zukommen. Ziehen wir zunächst die verschiedenen 
derzeit zum Zwecke der Konzeptionsverhütung gebrauchten Maßnahmen in 
Betracht, so haben wir zwei Fälle zu unterscheiden: a) die Übernahme der Prä- 
vention durch den Mann, b) die Übernahme durch die Frau. Für den Mann redu- 
Heren sich die anwendbaren Präventionsmethoden auf zwei: den Gebrauch von 
Kondoms imd das sogenannte „Zurückziehen" (Congressus interruptus). 



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Der »Bxuelle Präventivverkehr. 137 

Der Gebrauch der verschiedenen Arten von Kondoms hat trotz der ihm 
anhaftenden Mißstände in neuerer Zeit kaum erheblich abgenommen. Die Be- 
hauptung, die bezüglich dieses Präventivmittels vielfach aufgestellt und in den 
Beklamen für chemische antikonKeptionelle Mittel immer vdederholt wird, daß 
es ein Spinngewebe gegen Ansteckung und Befruchtung, ein Panzer gegen die 
Lust sei, halte ich für eine entschiedene Übertreibung. Tatsache ist, daß das 
Vertrauen, welches man in das Mittel in bezug auf Konzeptionsverhütung setzt, 
nicht selten zu Enttäuschungen führt und daß durch dessen Benützung eine 
Abstumpfung der Empfindung am Ghede herbeigeführt werden mag, welche die 
AnnehmUchkeit des Aktes herabsetzt, mitunter auch (bei geschwächter Potenz) 
zu größeren Anstrengungen bei demselben nötigt. Für viele Männer bildet jedoch 
der Gebrauch von Kondoms offenbar keinen Umstand, der ihnen den sexuellen 
Genuß wesentlich beeinträchtigt oder- erschwert, während für manche andere 
diese Vorkehrung etwas höchst Widerwärtiges ist, so daß sie jede andere Art 
der Prävention vorziehen. Ausgesprochene gesundheitliche Nachteile, die sich 
auf den Gebrauch von Kondoms zurückführen ließen, konnte ich nie ermitteln, 
sind auch meines Erachtens von anderer Seite nicht festgestellt worden. Anders 
liegen die Dinge in bezug auf den Congressus intemiptus. Es gibt zweifellos 
Männer, welche denselben lange Zeit, 10, 12, 15 Jahre und länger ohne ausge- 
sprochenen gesimdheitlichen Nachteil, auch ohne Schmälerung ihrer Potenz 
üben können. Ich habe öfters von diesem Umstände zufällig erfahren. Anderer- 
seits mangelt es aber auch nicht an Individuen, bei welchen der Congressus inter- 
ruptus schon nach relativ kurzer Zeit (ein Jahr und früher) zu krankhaften Er- 
scheinungen auf nervösem Gebiete führt. Diese Unterschiede sind in erster Linie, 
aber nicht ausschließlich auf Verschiedenheiten der sexuellen Konstitution zurück- 
zuführen: robuste Sexualkonsiitution bei den Individuen der ersten Gruppe, 
schwächliche bei denen der zweiten Gruppe*). 

Der Frau steht eine größere Anzahl von Präventionsmitteln zur Verfügimg, 
und die chemisch -pharmazeutische Industrie ist fortgesetzt bemüht, dieselben 
zu vermehren. Von dem Gebrauch chemischer Stoffe, die durch Abtötung der 
Spermatozoen wirken sollen und in der Form von Ovules oder Tabletten in die 
Scheide eingeführt oder als Pulver eingeblasen werden, sind mir ungünstige Folgen 
nicht bekannt geworden, weshalb ich die Möglichkeit solcher jedoch keineswegs 
als ausgeschlossen erachte. Das gleiche gilt, soweit mechanische Mittel in Betracht 
kommen, von den sogenannten Sicherheitsschwämmen. Dagegen unterliegt es 
nach dem mir Bekaimtgewordenen keinem Zweifel, daß der längere Gebrauch 
von Okklussivpessarien zu örtlichen Keizzuständen in der Vagina und Fluor 
(Scheidenkatarrh mit Ausfluß) führen mag. Daß der Gebrauch von Kondoms 
von Seiten des Mannes der Frau gesundheitliche Nachteile bringt, dafür liegen 
keinerlei Erfahrungen vor. Sehen wir von den erwähnten örtlichen, durch Pessarien 
und vielleicht auch andere Mittel bedingten Affektionen ab, die sich durch geeignete 
Maßnahmen verhüten lassen, so ist die Gesundheitsschädigung, die bei Frauen 
auf den Prä venti werkehr zurückzuführen ist, speziell soweit das Nervensystem 
in Betracht kommt, auch bei diesen ledigUch dem Congressus interruptus zuzu- 
schreiben. Der Einfluß, welchen dieser bei Frauen in gesundheitücher Hinsicht 
äußert, hängt jedoch nicht lediglich von der sexuellen oder nervösen Konstitution 
der Betreffenden, sondern in erster Linie von der Potenz des Mannes ab. Ist 



*) S. Löwenfeld, Über die sexuelle Konstitution und andere SexuAlprobleme. S.-82 u. f. 
Verlag von J. F. Bei^^mann 1912. 



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138 Der sexuelle Präventivverkehr. 

dieser imstande, den Akt genügend lange fortzusetzen, am bei der Frau den Or- 
gasmus auszulösen, so erleidet letztere durch den Vorgang des Zurückziehens 
keinen erweislichen Schaden^). Reicht die Potenz des Mannes nicht aus, die 
Befriedigung der Frau vor dem Bückzuge herbeizuführen, so kann für sie der 
Congressus interruptus früher oder später zu einer Quelle nervöser Störungen 
werden. Notwendig ist dies jedoch keineswegs. Die Beschaffenheit der sexuellen 
Konstitution spielt hier wie beim Manne eine erhebliche Bolle; auch ist die 
Zeitdauer des Aktes, resp. die Phase, in welcher der Akt unterbrochen wird, von 
Einfluß. Am schlimmsten hegt die 8ache für die Frau, wenn die Unterbrechung 
bei bereits hochgesteigerter, dem Oi^asmua sich nähernder Erregung stattfindet, 
tmd in diesen Fällen mag es auch bei häufiger Wiederkehr des ohne Befriedigung 
verlaufenden Aktes, da die durch diesen bedingte Kongestion des Uterus sich länger 
als bei Eintritt des Orgasmus erhält, zur £nt;mcklung lokaler Beschwerden 
kommen. Man begreift ohne weiteres, däfi die Frau, bei welcher der Congressus 
interruptus in der erwähnten Weise verläuft, übler daran ist als der Mann. Bei 
diesem findet der sexuell nervöse Vorgang, wenn er auch in seinem Ablaufe gestört 
wurde, doch durch die Ejakulation einen Abschluß, während bei der Frau ein 
solcher fehlt und damit der aufgespeicherten nervösen Erregung die normale 
Entladung versagt bleibt. Dies hat die Folge, daß der Akt gewöhnhch unmittelbar 
das Befinden der Frau in ungünstiger Weise beeinflußt. Weniger mißlich gestaltet 
sich die Sache für die Frau, wenn die Unterbrechung infolge mangelhafter Potenz 
des Mannes oder geringer Erregbarl^it der Frau in einer früheren Phase des Aktes 
statt bat und insbesondere bei sexueller Anästhesie der Frau ; in letzterem Falle 
kann bei dieser eine Schädigung der Nerven durch den Congressus interruptus 
überhaupt kaum stattfinden. 

Wenn ich nun unter Berücksichtigung der oben angeführten Momente (gleich- 
zeitige Einwirkung anderer Noxen, sexuelle und nervöse Konstitution, Häufigkeit 
des Aktes usw.) an die Frage herantrete, welche nervöse Schädigungen sich mit 
Sicherheit auf den Congressus interruptus bei beiden Geschlechtem zurückführen 
lassen, so ist zunächst zu bemerken, daß die Antwort auf diese Frage nicht immer 
leicht und sicher zu geben ist. Die ätiologischen Verhältnisse sind mitunter recht 
kompliziert imd gestatten nicht ohne weiteres eine Entscheidung darüber, was 
dem einen oder anderen Faktor zuzuschreiben ist*). 

Von Noxen, denen wir neben dem Congressus interruptus begegnen, sind 

^) Dieser schon von Freud Rnlgeatellte Satz wird, wie ich nicht unerwähnt lassen kann, 
anncheinend durch manche Eriahrungen widerlegt. Unter meinen FäUen befinden sich manche, 
welche Frauen betreffen, die berichteten, daß sie beim Congressus interruptus der Befriedigang 
nicht ermangelten, während die von ihnen geklagten Erscheinungen (insbesondere Ängstzustände) 
deutlich auf eine sexuelle Noxe hinwiesen, aln welche nur der Congressus interruptus eruiert 
werden konnte. Diese Diskrepanz dtlrfte sich dadurch erklären, daß nicht wenige und nament- 
lich gebildete Frauen entochieden abgeneigt sind, sich als sexuell unbefriedigt hinzustellen und 
darauf ihr Leiden zurückführen zu lassen. Einzelne Frauen gestanden zwar den Mangel an 
Befriedigung beim Congressus interruptus zu, behaupteten aber, daß dieser Umstand ihnen 
ganz gteichgiütig sei, da sie überhaupt auf den sexuellen Verkehr kein Gewicht legten. Auch 
bei diesen Frauen wiesen die voriiandenen Symptome darauf hin, daß der Congressus interruptus 
nicht ohne ungünstige Folgen für ihre Nerven blieb. 

') Es gilt dies schon für die sexuellen Momente, die in den einzelnen Fftllen sehr variieren. 
Bei manchen Individuen wird der Congressus interruptus zeitweilig durch andere Arten der 
Prävention oder normalen sexuellen Verkehr (z. B. nach Eintritt einer Schwai^erschaft) ersetzt; 
bei anderen findet neben dem Congressus interruptus auch Masturbation statt. Wir begegnen 
femer sexuellen Exzessen, die in der Form des Congressus interruptus geübt werden, ebenso 
aber auch FäUen mit sehr seltener Übung des Congressus interruptus, so daß neben diesem 
Faktor auch der Einfluß der Abstinenz in Betracht kommt. 



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Der sexuelle Bräventivrerkehr. 139 

neben der erblichen Belastung, die in einem großen Teile der Fälle sich findet, 
insbesondere Infektionskrankheiten, körperliche und geistige Überanstrengungen 
und gemütliche Erregungen zu erwähnen. In der Mehrzahl der Fälle hat der 
Congressus interruptus bereits längere oder kürzere Zeit seinen schädigenden 
Einfluß ausgeübt, bevor eine weitere Noxe zur Einwirkung gelangte, die dann 
das Maß sozusagen voll machte. In manchen EäUen führt dagegen das Hinzu- 
treten der einen oder anderen Schädhchkeit (so namentUch bei Infektionskrank- 
heiten oder schweren gemütUchen Erregungen) sofort zu ausgesprochenen nervösen 
Störungen, die den Faulten (mitunter auch den Arzt) zu dem Glauben ver- 
anlassen, daß sein Leiden lediglich von dem in Frage stehenden Momente sich 
herleite. Trotz dieser ätiologischen Schwierigkeiten finden wir jedoch bei der 
vergleichenden Prüfung einer größeren Anzahl von Fällen gewisse Krankheits- 
erscheinungen in solcher Häufigkeit, Entwicklung und Dauer, daß wir über deren 
Zusammenhang mit der geübten Fsivvention keinen Zweifel hegen können. In 
der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle begegnen wir Erscheinungen, die dem 
Gebiete der neurotischen Angstzustände angehören, Erscheinungen, die aber 
ihre Zugehörigkeit in dieses Gebiet nicht immer ohne weiteres erkennen lassen 
und daher auch vielfach irrtümhch gedeutet werden. Es handelt sich zum Teil 
um inhaltlose Angstzustände, vorübergehend und in Anfallsform auftretend, 
aber auch solche von langer Bauer, häufiger um die als Phobien bekannten Angst- 
affektionen, insbesondere lokomotorische und Situations-Phobien (Agoraphobie, 
Monophobie, Anthropophobie usw.), die in verschiedener Ausbildung, von der 
lei{^testen bis zur schwersten Form, sich finden, zum Teil aber auch und sogar 
sehr häufig um larvierte und inkomplete Angstanfälle (Argstäquivalente). Um 
das Verständnis letzterer Erscheinungen und ihrer Bedeutung als Angstsymptome 
zu erleichtem, mag hier wieder ein von mir schon früher benutztes Schema des 
vollständigen Angstanfalls dienen. 

A B. C. 

AngBtaffekt. Körperliche Folge- reep. Be- Verstärkung des Angstaffektfi. 

(Angstgefühl mit Veränderung gleitersoheinungen. 

dea VorstellungBablaufes.) (Respiratorische, zirkulatori- 

sobe, sekretoriache, motorische 
usw. Störungen.) 

Bei den larvierten Angstzuständen handelt es sich um eine Verkennung 
von A, die dadurch zustande kommt, daß der Angsteffekt entweder nicht deuthch 
genug ausgebildet oder als verwandter emotioneller Zustand (Verstimmung, 
Mißmut usw.) aufgefaßt, mitunter auch von einer ihn begleitenden körperHchen 
Störung nicht unterschieden und daher nur als solche gedeutet wird. So kommt 
es, daß nicht wenige Patienten ledigUch über Anfälle von Schwindel, Asthma, 
Herzklopfen, Zittern usw. berichten, während es sich in Wirküchkeit um Angst- 
anfälle handelt, in welchen diese körperlichen Symptome eine hervortretende 
KoUe spielen und daher die Aufmerksamkeit der Patienten in besonderem Maße 
auf sich lenken. Häufiger als die larvierten sind die inkompleten Angstanfälle 
(Angstäquivalente), deren Symptome sich auf B, i. e. die körperüchen Begleit- 
oder Folgeeracheinungen des Angstanfalles beschränken. Entsprechend der Ver- 
schiedenartigkeit und Mannigfaltigkeit dieser Erscheinungen wechseln auch die 
Symptome der inkompleten Angstanfälle. Es handelt sich um Störungen der 
!^rztätigkeit, der Bespiration (Pseudoasthma, psychisches Asthma, Asthma 
sexuale), Anfälle von Schwindel und sogenaimten Kongestionen, Diarrhöen, Zittern, 
Schwel ßausbmch, Scblundkrämpfe, Übelkeit, Heißhunger, Schlafmangel usw. 



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140 Det aexuelle Pr&ventivTerkelir. 

Unter den Angstäqoivalenten sind die Herzsynrptome bei beiden G^chleohtem 
(insbesondere aber bei Frauen) an Häufigkeit und Mannigfaltigkeit hervorragend, 
und nach meinen Erfahrungen können alle anfallsweise auftretenden nervösen 
Funktionsstörungen des Herzens (Symptome der nervösen Herzschwädie) auch 
als Äquivalente des Angstanfalls vorkommen. Durch Nichtberücksichtigung dieses 
Sachverhaltes ist man dahin gekommen, ge'wisse Formen nervöser Herzstörungen 
als selbständiges Ijeiden aufzufassen. Hierher gighört die von Hertz (Wien) als 
Phrenokardie beschriebene Herzneurose, wie schon von S t e k el hervorgehoben wurde. 

Ob man die so überaus wechselnden und mannigfaltigen Angstphänomene 
mit Freud und seinen Schülern lediglich als Symptome einer Neurose, der Angst- 
neur ose , beträchten oder bei Kombination derselben mit ausgeprägten Symptomen 
der Neurasthenie dem Gebiete letzterer Krankheit zuweisen und nicht lediglich 
eine Komplikation der Neurasthenie mit Angstneurose annehmen will, ist eine 
Frage der Nosologie, auf die hier naher einzugehen, zu weit führen würde, die 
aber auch hier von keiner weiteren Bedeutung ist. Einen auffälligen Gegensatz 
zu der Häufigkeit der Angstphänomene bildet die relative Seltenheit nervöser 
Störungen in der Sexualsphäre, die ich schon früher erwähnte und auch jetzt 
wieder betonen muß. Es handelt sich bei Männern insbesondere um Potenzmängel, 
verursacht durch präzipitierte Ejakulation und Abnahme der Erektionsfähigkeit. 
Damit finden sich mitunter vergesellschaftet: Erscheinungen der reizbaren Blase 
und der reizbaren Prostata (vermehrter Harndrang, Gefühle von Schwere und 
Druck in der Dammgegend, Hyperästhesie der Harnröhre, speziell des prostatisdien 
Teiles derselben). Diese Erscheinungen können auch isohert auftreten und sind 
zumeist nicht von längerer Dauer. Mit den erwähnten Symptomen in der Uro- 
genitalsphäre verknüpfen sich mitunter andere myelasthenische Erscheinungen 
(Bückenschmerzen, Müdigkeit und Parästhesien in den Beinen). Häufiger treten 
dirae Erscheinungen jedoch isoliert oder in Verbindung mit zerebrasthenischen 
Symptomen auf. Bei letzterer Kombination ist es bemerkenswert, daß die zerebr- 
asthenischen Störungen vorwaltend den myelastbenischen vorhergehen. Unter 
elfteren findet sich, von den Angstsjonptomen abgesehen, auffäUig erhöhte gemüt- 
Uche Erregbarkeit am häufigsten ; Zwangsvorstellungen sind erheblich seltener und 
zwar handelt es sich vorwaltend um hypochondrische Zwangsbefürchtungen. Auch 
Verstimmungszu^tände vonkürzerer undlängererDauerfindensichzuweilen. Häufig 
begegnen wir auch Klagen über Kopf beschwerden (Kopfschmerz, Kopfeingenommen- 
heit, sonderbare Gefühle im Kopfe, gehäufte Migräneanfälle). Damit ist vielfach 
Abnahme der geistig^i Arbeitsfähigkeit und des Gedächtnisses vergesellschaftet. 

Die Einzelfälle bieten ein überaus wechselndes Bild, da nicht bloß die Kom- 
bination der verschiedenen neurotischen Symptome yariiert, sondern auch die 
Intensität und Daner der einzelnen Störungen sehr wechselt. Bei manchen Patienten 
sind es Phobien, die ihre hauptsächliche oder einzige Belästigung bilden und 
sie zum Arzte führen. Sie werden auf der Straße, beim Aufenthalt in menschen- 
erfüllten Bäumen usw. von Angstzuständen heimgesucht. Bei anderen spielen 
nervöse Herzsymptome oder asthmatische Beschwerden die gleiche Kolle, bei 
wieder anderen Kopfbeschwerden oder ein überaus hartnäckiger Schlafmangel. 
Ijetzterem begegnete ich insbesondere bei Frauen, bei welchen viele Jahre hin- 
durch der Congressus interruptus ohne jede Befriedigung stattgefunden hatte. 
Bei Männern spielen mitunter einzelne myelasthenische Symptome, Parästhesien 
in den Beinen, andauernde Bücken- oder Kreuzsohmerzen, die Symptome der 
reizbaren Prostata, den Gegenstand ihrer Hauptklage. Es ist jedoch ein wichtiger 
und in emzelnen Fällen zutage tretender Unterschied zu erwtüinen: Bei manchen 



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Der sexuelle Pr&ventivrerkehr, 141 

Individuen äußert der CongreBsus interruptus, wenn auch nicht schon von Anfang 
an, so doch schon sehr bald jedesmal unmittelbar in der einen oder anderen Bichtung 
eine ungünstige Wirkung auf das Befinden, was den Betreffenden zwar über die 
ScbädUchkeit des Aktes nicht ganz in Zweifel läßt, aber dessen ^Fortsetzung zu- 
meist nicht verhindert, sondern nur eine Einschränkung des sexuellen Verkehrs 
veranlaßt. In anderen Fällen bleibt der Einzelakt ohne nachteiUgen Einfluß 
auf das Befinden oder es zeigt sich ein solcher nur ganz vorübergehend, und aus- 
geprägte nervöse Störungen stellen sich oft ei^t nach langer Zeit und im Anschlüsse 
an eine andere Schädlichkeit ein, insbesondere Influenza, Unfall. Daß in diesen 
Fällen die ursächliche Bolle des Oongressus intemiptus gewöhnlich unerkannt 
bleibt, wurde bereits erwähnt. 

Ich habe im vorstehenden die nervösen Folgezustände des in Frage stehenden 
Präventiwerkehrs für beide Geschlechter gemeinsam besprochen. Es hat dies 
seinen Grund darin, daß die betMfenden Krankheitszustände bei beiden Ge- 
schlechtem keinen wesentlichen Unterschied aufweisen. Man kann nur folgendes 
sagen: Die Ängstphänomene treten bei Frauen noch häufiger auf als bei Männern. 
Eine skrupulöse Prüfung der einzelnen Fälle spricht sogar dafür, daß Angst- 
phänomene irgendwelcher Art bei Frauen, welche unter dem Einfluß des Oongressus 
intemiptus nervös erkranken, sich regelmäßig finden. Erscheinungen, die den 
Potenzstörungen des Mannes entsprechen, mangebi bei Frauen. Dagegen finden 
sich auch bei ihnen die Symptome der reizbaren Blase, zuweilen auch lästige 
Empfindungen im Bereiche der GenitaUen. Bücken- und Kreuzschmerzen sind 
bei ihnen häufiger als bei Männ6m. Auch ungünstige Einwirkung des Einzelaktes 
auf das Befinden wird, wie aus dem an früherer Stelle Bemerkten schon hervor- 
geht, bei Frauen öfters angetroffen als bei Männern. Daß wir bei ersteren in 
manchen Fällen auch hysterische Symptome (Lach- und Weinkrisen, Anfälle 
mit Krämpfen usw.) finden, ist nicht in Abrede zu stellen, aber es scheint nicht 
häufig der Fall zu sein. Man darf diese Vorkommnisse nicht ohne weiteres auf die 
geübte Prävention allein zurückführen, da die betreffenden Frauen zum Teil 
jedenfalls schon vor Beginn des Oongressus interruptus nicht frei von Anzeichen 
von Hysterie waren. Meines Erachtens spielen bei dem Auftreten hysterischer 
Erscheinungen in den in Frage stehenden Fällen psychische (emotionelle) Momente 
die Hauptrolle, die allerdings mit dem Mangel sexueller Befriedigung im Zusammen- 
hang stehen. Wie aus dem im vorstehenden Dargelegten sich ergibt, gehören die 
nervösen Leiden, welche infolge des Oongressus interruptus auftreten und auf 
diesen sich sicher zurückführen lassen, ausschließlich dem Gebiete der Neurosen, 
in der Hauptsache der Neurasthenie und Angstneurose, weit seltener der Hysterie 
an. Ich kann jedoch nicht unerwähnt lassen, daß ich auch Fälle beobachtete, 
in welchen nach längerer Übung des Oongressus interruptus Psychosen (Melancholie, 
Paranoia) und organische Bückenmar^krankheiten sich entwickelten. 

Was letztere Erkrankungen und die Paranoia betrifft, so konnte ich mich 
jedoch in keiner Weise davon überzeugen, daß es sich hierbei um mehr als ein 
zufälhges post hoc handelte; und was die Fälle mit Melancholie betrifft, so ist 
wohl nicht in Abrede zu stellen, daß die geübte Prävention auf die Entwicklung 
des Leidens nicht ohne Einfluß gewesen sein mag. Dieselbe kann jedoch nur als 
ein ursächlicher Faktor unter mehreren in gleicher Bichtung Avirkenden, nicht als 
die ausschließliche Ursache der Erkrankung angesprochen werden. Der Verlauf 
der durch den Oongressus interruptus bedingten Nervenleiden zeigt bemerkenswerte 
Unterschiede, die nicht ledighch durch die zeitUche Dauer der geübten Vorsicht 
und die Schwere der aufgetretenen Symptome bedingt sind. An sich sollte man 



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142 Der sexuale Pr&ventiTrericehr. 

Eumehmen, daß das Aufgeben des Gongressus interruptus und der Übergang zum 
völlig normalen Geschlechtsverkehr oder zu einer unschädlichen Art der Prävention 
stets genügen müßte, um alsbald eine entschiedene Be^erung des Zustandes, 
wenn nicht Heilung, herbeizuführen. Dies ist aber nach meinen Beobachtungen 
keineswegs immer der !Fall. Die erwartete Besserung stellt sich nicht selten nur 
sehr zögernd, und bezügüch einzelner Symptome auch im Verlaufe von Jahren 
nicht ein. Mitunter erklärt sich dies aus dem Umstände, daß an Stelle des Con- 
gressus interruptus eine andere sexuelle Noxe, relative Abstinenz, tritt. Die 
Patienten erwarten von möglichster Einschränkung des sexuellen Verkehrs gesund- 
heitliche Vorteile, erreichen aber mit dieser Maßnahme das Gegenteil von dem, 
was sie erwarten. Bei langer Übung des Congressus interruptus macht sich jedoch 
auch der Umstand geltend, daß neurasthenische Zustände und Angstneurosen, 
welche durch lange dauernde Einwirkung gewisser Noxen herbeigeführt wurden, 
eine Unabhängigkeit von den ursächhchen Momenten erlangen und daher auch 
nach Beseitigung dieser fortbestehen können. Diese Erfahrung machen wir 
namentlich, wie ich schon vor Jahren in einem Aufsatze (Zur Lehre von den 
neurotischen Angstzuständen 1897) gezeigthabe, bei den Phobien. Diese können noch 
viele Jahre nachdem Aufgeben des Congressus interruptus ungebessert fortbestehen. 

Ein näheres Eingehen auf die Literatur über den Congressus interruptus muß 
ich mir hier aus räumlichen Gründen versagen. Nach den Übertreibungen, welche 
die ersten Publikationen über die sanitären und moraUschen Folgen dieser Art 
von Vorsicht enthielten, ist man allmählich, namentlich in neurologischen Kreisen, 
zu einer ruhigeren und sachlicheren Beurteilung des Gegenstandes gelangt, und 
in neuerer Zeit ist, seitdem von Freud die Aufmerksamkeit auf den Congressus 
interruptus als eine Ursache neurotischer Angstzustände gelenkt wurde, die 
Häufigkeit dieser Erscheinungen unter den nervösen Folgen des Congressus inter- 
ruptus durch eine Reihe von Beobachtungen festgestellt worden. An Über- 
treibungen bezüglich des pathogenen Einflusses des Congressus interruptus fehlt 
es jedoch auch in neuerer Zeit nicht; diese betreffen aber vorwaltend die dem 
Congressus interruptus zugeschriebenen schädigenden Einwirkungen auf den 
Sexualapparat. Li diese Eubrik scheint mir das von manchen Seiten behauptete 
Vorkommen einer chronischen Prostatitis als Folge des Congressus interruptus 
zu gehören. Ich will hier weniger Gewicht darauf legen, daß ich von einem solchen 
Vorkommnis nichts konstatieren konnte, als auf den Umstand, daß Frisch in 
seiner trefflichen Monographie über ,,Die Krankheiten der Prostata" (IL Aufl. 
1910) den Congressus interruptus unter den Ursachen der chronischen Prostatitis 
nicht erwähnt. Mit den verschiedenen Erkrankungen des weiblichen Sexual- 
apparates, welche einzelne Gynäkologen auf den Congressus interruptus zurück- 
führen wollen, dürfte es sich ähnlich verhalten. Man ist sogar so weit gegangen, 
das Uteruskarzinom mit dem Congressus interruptus in ursächlichen Zusammen- 
hang zu bringen ^). Nach einer Mitteilung, welche mir der hiesige hervorragende 
Gynäkologe, Hofrat Theilhaber, auf eine Anfrage machte, entstehen bei Frauen, 
welche durch den Congressus interruptus keine Befriedigung finden, häufig Kreuz- 
schmerzen, die 1 — 2 Tage anhalten, und andere nervöse Beschwerden, zuweilen 
auch Ausfluß infolge von Hypersekretion der Uterusschleimhaut und nervöse 
Blasenbeschwerden. „Anatomische Veränderungen, wenn auch behauptet, sind 
nicht erwiesen. Es läßt sich nur sagen, daß die Entwicklung von Myomen durch 



^) Dies ist noch in neuerer Zsit ron Kisch geschehen. Zeitschr. f. Sexualwiasenschait. 
3. Bd. 3. Heft. IÖ17. 



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Der sexuelle PrÄvraitiwerkehr. 143 

längere Übung des Congressus interruptus begünstigt werden mag ^)." Gegen 
Ende des verflossenen Jahrhunderts schien es mir, daß wir es mit einem Än- 
waclisen von Neurasthenie und Angstneurose infolge zunehmender Verbreitung 
des Congressus interruptus zu tun haben. Dieser Eindruck hat sich bereits seit 
einer Anzahl von Jahren verloren. Die Zahl der von mir beobachteten Fälle 
von Neurasthenie und Angstneurose, in welchen Congressus interruptus als ätio- 
logisches Moment eine Rolle spielte, hat sich entschieden verringert und ich glaube 
diesen Umstand darauf zurückführen zu dürfen, daß die Kenntnis der Schädlich- 
keit dieser Art sexuellen Verkehrs im großen PubUkum und namentUch in den 
Kreisen der Gebildeten, sich allmähüch erhebHch verbreitet hat. Zur Zeit dürfen 
wir nicht verkennen, daß die Mängel, welche den chemischen und mechanischen 
antikonzeptionellen Mitteln anhaften, noch ein Hindernis für die Beseitigung 
des Congressus interruptus bilden. In der Verbesserung der antikonzeptionellen 
Mittel hat die Indutrie und — ich gestatte mir dies beizufügen — auch ärztliches 
Benken noch eine Aufgabe von größter Tragweite vor sich. Es handelt sich nicht 
bloß um möglichste Beseitigung des Congressus interruptus, sondern auch um 
Bekämpfung eines weit schlinuneren Übels. Die Ftuchtabtreibung hat in neuerer 
Zeit in den Großstädten wie in den Fabrikorten derartige Dimensionen ange 
nommen, daß es ärzthcherseits nicht mehr am Platze ist, diesem Unwesen gegen 
über sich untätig zu verhalten. Aufklärung der breiten Massen über die Möglich 
keiten gefahrloser Konzeptionsverhinderungen und Verbesserung der anükon 
zeptionellen Mittel derart, daß sie größere Sicherheit für die Erreichung des ange 
strebten Zweckes bieten, sind die einzigen Maßnahmen, von welchen man ent 
schiedenen Erfolg bezüglich der Verhütung der Fruchtabtreibung erwarten kann *) 
Wenn sich bei uns die Bezeichnungen Malthusianismus und Neomalthusianismus 
als gleichbedeutend mit Präventivverkehr eingebürgert haben, so hat dies bezüg 
lieh des Malthusianismus nur insofeme Berechtigung, als das von Malthus vor 
geschlagene System auf Beschränkung der Kinderzahl abzielt; aber als Mitte 
zu diesem Ziele den Präventivverkehr zu empfehlen war Malthus weit entfernt 
Er hatte nur Hinausschiebung der Verheiratung bis zu einem die natürliche Frucht 
barkeit beschränkenden Alter und moralische Enthaltsamkeit im eheUchen Leben 
im Auge. Daß diese sehr wohlgemeinten Malthusschen Katschläge bei den 
breiten' Massen des Volkes in England oder anderweitig Eingang fanden und 
dadurch zu einer großen praktischen Bedeutung gelangten, ist nicht ersichthch. 
Dieser Umstand war es wohl, der eine Anzahl menschenfreundlicher und auf 
die Verringerung des Elendes, speziell der großen Kindersterblichkeit in den 
unteren Volksklassen bedachter Personen, Ärzte und Nichtärzte, veranlaßte, 
dem Volke ein Verfahren im eheUchen Leben zu empfehlen, dessen Ausführung 
nicht die große moralische Anstrengung erheischt, wie die Malthusschen Rat- 
schläge und von welchen man daher eine größere Verbreitung erwarten konnte: 
den Präventivverkehr (Neomalthusianismus). 

') Kollege Theilhaber hält auf eine neuerliche Anfrage obige mir füii die V. Auflage 
diese« Werkes gemachte Mitteilimg in vollem Umfange aufrecht, und erklärt auf Grund seiner 
Untersuchungen über die Ätiologie des Uteniskarzinoms die Ansicht Kiscbs von der ursäch- 
lichen Beziehung d» Congressus interruptus zu dem erwähnten Leiden für vöUig unhaltbar, 
er fährt fort: „Die von mir vor 12 Jahren aufgestellte These, daB das Myom auf h^/perämischen, 
der Krebs axd anämischem Boden wächst, ist heute von einer großen Anzahl von Ärzten akzep- 
tiert worden. Der Congressus interruptus hat venöse Hyperämie im Gefolge, er begünstigt 
also das Myom und nicht den Krebs. 

*) Um ein Beispiel für das Überhandnehmen der Kindsabtreibung zu geben, sei hier nur 
erwähnt, daß in München (keine Fabrikstadt) in jüngster Zeit we^n des in Frage stehenden 
Deliktes gleichzeitig 125 Personen in Untersuchung sich befanden. 



Dioiii.™b,Goüj5le or,,™ita™ 



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*^ 



XIII. 



über den Einfluß »exnellen Verkehrs auf bestehende Neryen- 
nnd Geisteskrankheiten und die Disposition za solchen. 



Die Frage nach der Einwirkung, welche der sexuelle Verkehr auf bestehende 
Nervenkrankheiten und die Disposition zu solchen ausübt, ist von eminenter 
praktischer Bedeutung. Denn sehr häufig sieht sich der Arzt in der verantwortungs- 
vollen Lage, seine Meinung darüber abgeben zu müssen, ob bei einer nut einem 
Nervenleiden oder ererbter neuro- und psychopathischer Belastung behafteten 
Persönlichkeit eine Eh^chließung rätlich ist. Ziehen wir zunächst die verbreitetsten 
nervösen Krankheitsformen, Neurasthenie, Hysterie und Ängstneurose in Betracht, 
so haben wir im vorstehenden bereits gesehen, daß bei neuropathischer Disposition 
die sexuelle Abstinenz (resp. der Mangel sexueller Befriedigung) unter Umständen 
eine Ursache, beziehungsweise Mitursache dieser Leiden werden kann. Diese 
^Tatsache läßt schon folgern, daß bei den erwähnten Leiden in gewissen Fällen 
sich geregelter sexueller Verkehr nützlich erweisen muß. Früher, als man die 
Hysterie noch lediglich als eine vii^inum et viduarum affectio betrachtete, d. h. 
von geschlechtUcher Kichtbefriedigung ableitete, wurde die Ehe als wichtigstes 
Heilmittel für diese Erkrankung angesehen, eine Anschauung, die bezüglich der 
virgines et viduae noch heute manche Anhänger hat und mitunter auch auf gewisse 
Formen der Neurasthenie übertragen wird. Tatsächlich lehrt jedoch die Erfahrung, 
daß bei Hysterischen und Neurastbenischen der Einfluß sexuellen Uitiganges 
sich sehr verschieden gestaltet. Unleugbar äußert derselbe in mäßiger Weise 
geübt bei zahlreichen mit nervösen Schwächezuständen Behafteten einen günstigen 
Einfluß auf das Befinden. Diese Wirkung beschränkt sich nicht auf die an sexueller 
Neurasthenie Leidenden und nicht auf die besonders sinnlich angelegten Naturen. 
Andererseite bilden aber die sexuellen Leistungen in und außer der Ehe nicht 
selten die Ursache von Verschlimmerungen bestehender nervöser Erschöpfung. 
Von der selbstverständlich schädigenden Wirkung der Exzesse in venere will ich 
hier ganz absehen. Ich habe jedoch bei einzelnen verheirateten Neurasthenikem 
sogar nach selten geübter Eohabitation über mehrere Tage sich erstreckende 
intensive nervöse Prostration beobachtet ^). 

F6r6 erwähnt, daß bei einzelnen Neurasthenischen der sexuelle Verkehr 
eine allgemeine Abstumpfung der Sinne, insbesondere des Gehörs und Gesichts, 
nach sich zieht; selbst eine wirkliche Amaurose von kurzer Dauer wird beobachtet. 

^) Die ungünstige BseinfluMung des Befindens kann aber auch viel Iftnger dauern. So 
berichtete mir ein in den 30er Jahren stehender, seit etwa Jahreslriat verheirateter Neurasthe- 
niker, der mich vor einiger Zeit konFultierte, daB jeder Kongreeaus bei ihm eine nerröse Prostration 
hinterläßt, von der er sich erst im Verlaufe einer Anzahl von Wochen erholt 



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über den Einfluß sexuellen Verkefara auf bestehende Nerven- und GeisteskranliJieiten usw. 145 

Der gleiche Autor berichtet über einen Fall von transi torischer Lähmung post 
«oitum bei einem Neurastheniker. Der Patient, ein 48jähriger Mann, zeigte von 
Jugend auf geringe Leistungsfähigkeit der Beine; doch äußerte der eheliche Ver- 
kehr auf deren Zustand längere Zeit keinen Einfluß. Als der Patient jedoch infolge 
von Sorgen in Neurasthenie verfiel, stellte sich nach dem Itongressus, der nur 
in Zwischenräumen von 3 — 4 Wochen ausgeübt wurde, Taubheitsgefühl und eine 
solche Schwäche in den Beinen ein, daß das Stehen unmöglich war; die Störungen 
gingen jedoch jedesmal rasch vorüber und schwanden gänzÜch, nachdem der 
Patient von seinen neurasthenischen Beschwerden befreit war. 

Bei sexueller Neurasthenie ist der Einfluß geschlech tUchen Verkehrs im 
allgemeinen von der Art und Intensität der vorhandenen Störungen abhängig. 
Wir müssen uns hier auf folgende Bemerkungen beschränken : Der Grad der sexuellen 
Bedürftigkeit gibt keinen zuverlässigen Index für die Folgen des Kongressus. 
Bei zeitweilig gesteigerter sexueller Erregtheit, welche das Ertragen länger dauern- 
der Abstinenz erschwert, mag die Kohabitation das Befinden für eine Anzahl 
von Tagen entschieden ungünstig beeinflussen, während in anderen Fällen bei 
mäßiger Libido derartige Folgen nicht eintreten. Bei zu häufigen Pollutionen 
abstinenter Individuen kann die Einleitung des geschlechtlichen Verkehrs günstig 
wirken ; letzterer ist aber keineswegs ein zuverlässiges Heilmittel bei Pollutionen, 
wie es von manchen Seiten dargestellt wird. Namentlich bei jüngeren Neurasthe- 
nikem kommt es öfters vor, daß nach der Kohabitation noch in derselben oder 
in der folgenden Nacht eine Pollution eintritt. SpermatoiThöe wird durch ge- 
schlechtlichen Verkehr kaum gebessert, durch Exzesse auf diesem Gebiete, wie 
■wir sahen, verschlimmert. Bei geringen Mängeln der Erektionsfähigkeit erweist 
sich mäßiger sexueller Umgang von günstigstem Einflüsse. Die geschlechtliche 
Tätigkeit hat hier die Bedeutung einer Ojinnastik für den Sexualapparat, wirkt 
aber auch dadurch günstig auf die Potenz, daß sie das Selbstvertrauen des Indi- 
viduums erhöht und die meist vorhandenen Zweifel über das sexuelle Vermögen 
beseitigt. 

Bei bedeutender Herabsetzung der Erektionsfähigkeit ist dagegen Verzicht 
auf sexuellen Verkehr für längere Zeit erforderlich, um eine Hebung der Potenz 
zu erzielen. Für die Fälle mit präzipitierter Ejakulation lassen sich keine allge- 
meinen Angaben machen, da der Grad und die Dauer der Störung, sowie deren 
Verursachung neben anderen Umständen von Einfluß sind. 

Bei nervösen und neurasthenischen Frauen werden im ganzen seltener als 
bei Männern ungünstige Folgen seitens des Nervensystems vom sexuellen Verkehr 
beobachtet, sofeme dieselben hierbei Befriedigung finden. Die nen-öse Erschöpfung 
kann jedoch, wie schon erwähnt wurde, dazu führen, daß beim geschlechtlichen 
Verkehr der Orgasmus ganz ausbleibt oder schwer auslösbar wird. Auf diesen 
Umstand dürfte es hauptsächlich zurückzuführen sein, daß bei nervös sehr herunter- 
gekommenen Frauen die Erfüllung der ehelichen Pfüchten mitunter ihr Befinden 
in ausgesprochen ungünstiger Weise beeinflußt. Für die große Mehrzahl Neur- 
asthenischer (Männer und Frauen) erweist sich jedoch, wie man namentlich bei 
Verheirateten wahrnimmt, mäßiger normaler Geschlechtsverkehr von keiner 
nachteiligen Wirkung; man sieht sogar öfters, wie schon erwähnt wurde, unter 
dem Einflüsse ungewohnter Abstinenz eine Steigerung vorhandener Beschwerden 
«intreten. 

Was nun die Hj^terie betrifft, so lehrt wohl schon die Unzahl hysterischer 
Frauen, daß es mit der Heilkraft des ehehchen Lebens bei dieser Krankheit nicht 
glänzend bestellt sein kann. Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß bei manchen 

Löwenfeld, Sexiullebea und KenretileidaD. Seobste Aufl. 10 



Di(,iii.™b,Goüj5le or,,™ita™ 



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146 Über den Emilaß sexneÜen Veitehra auf bestehende Nerven- und Geiateekianklieitett usw. 

Hysterischen die Verheiratang eine vorteilhafte Veränderung des Gesamthefindens 
nach sich zieht; man darf jedoch die Tragweit« solcher Beobachtungen nicht 
überschätzen. In der Begel handelt es sich um eine Einschränkung oder Beseitigung 
zeitweilig vorhandener Krankheitserscheinungen, nicht aber um eine Tilgung 
der hysterischen Disposition. Diese verbleibt auch nach Beseitigung aller temporär 
vorhandenen nervösen Symptome, um früher oder später bei Einwirkung von 
nervenschädigenden Momenten, insbesondere psychischen Traumen, sich wieder 
zu dokumentieren. 

Auf der anderen Seite können aber bei Hysterischen durch den sexuelleit 
Akt auch mancherlei Zufälle hervoi^rufen werden: Anästhesien (Amblyopie und 
selbst Amaurose, Heral^etzung des Hörvermj^ens, kutane Anästhesien), Läh- 
mungsznstände der GHeder in hemiplegischer und paraplegischer Form, Krampf- 
und Schlafanfälle (F^rö). Allerdings dürften derartige Erscheinungen in der 
Begel nur in Fällen auftreten, in welchen dieselben schon früher durch andere 
Ursachen herbeigeführt wurden, wie dies För^ speziell mit Bezug auf die Läh- 
mungen bemerkt. Ich selbst beobachtete z. B. eine Hysterische, bei welcher, 
nachdem sie einige Zeit an Anfällen gelitten hatte und größere sexuelle Erregtheit 
eingetreten war, auch der eheliche Verkehr gewöhnlich mit einem Anfalle ab- 
schloß ^). 

Für den Arzt kann, weim er in der Frage der EheschUeßung bei neurasÜie- 
nischen und hysterischen Mädchen einen Bat erteilen soll, der voraussichtliche 
Einfluß des sexuellen Verkehrs nicht allein bestimmend sein; er muß, wie ich 
bereits anderenorts *) bemerkt habe, alle vorliegenden Verhältnisse in Erwägung 
ziehen. „Der geregelte geschlechtliche Verkehr, wie ihn die Ehe ermöglicht, äußert 
allerdings in zahlreichen Fällen auf vorhandene nervöse Schwächezustände einen 
günstigen Einfluß. Allein es wäre sicher zu weitgehend, wollten wir die gute 
Wirkung des ehehchen Lebens bei derartigen Zuständen ledighch auf den geschlecht- 
lichen Verkehr beziehen. Dieser ist nur ein Faktor neben anderen, die nicht minder 
von Belang sind. Als solche kommen in Betracht: die Annehmlichkeiten einer 
geordneten Häuslichkeit, die Ablenkung der Aufmerksamkeit von dem eigenen 
Zustande zum Teil durch die häuslichen Pflichten und So^en, zum Teil durch 
den geselligen Verkehr der Qatten untereinander, die Befriedigung, die besonders 
bei den Frauen aus dem Bewußtsein entspringt, eine Stütze für das Leben gefunden 
zu haben, endlich die Freuden, welche Kinder bereiten. Indes handelt es sich 
hier um Faktoren, die nicht in jeder Ehe gegeben sind; wo di^elben nach aUer 
Voraussicht fehlen werden, wo die Ehe eine Quelle sich mehrender Sorgen infolge 
ungenügender materieller Basis oder von Verdrießlichkeiten und Aufregungen 
wegen nicht genügender Übei%instimmung des Charakters der Beteiligten Hldet^ 
da ist entschieden abzuraten, da der geregelte geschlechtliche Verkehr diese Nach- 
teile nicht auszugleichen vermag. Allein auch bei zweifellos günstigen Außen- 
Verhältnissen und genügender Übereinstiirunung der Charaktere der beiden in 
Betracht lK)nimenden Personen müssen wir uns wenigstens temporär gegen eine 
Verheiratung aussprechen, i. e. eine Verschiebung derselben herbeiführen, wenn 

^) An die Schlirfuif&lle kann üch auch Amneaie anschließen. Virb führt den Fall dner 
H^terischen an, die nur selten zum Oi:gBsmus gelangte, weil die Erregung bei ihr fast immer 
Qesichtsballnsinationen, gewöhnlich Bchreokenerregend»' Art, herrorrief; sie verfid dann in 
einen komatöeen Schlaf, aus welchem sie erst nach mehreren Stunden mit einer temporftren 
retroaktiven Amnesie ervaofate, welche mehrere Standen vor dem Akte umfaßte. 

') Löwenfeld: Die moderne Behandlung der Nerrenechwftohe (Neurasthenie usw. 3. Aufl. 
S. 40; 4. AufL S. 42). 



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über den Einfhifi Bexuellen Ver^hra auf beetehende Nerven- xmd Geietes^nl^heiten usw. 147 

schwere hysterische oder neurasthenische Zustände vorliegen. Es sind mir zwar 
Fälle bekannt, in welchen auf letztere die Verehehchung keine ungünstige Wirkung 
äußerte; allein trotzdem muß ich mich zu der eben ausgesprochenen Ansicht 
bekennen. Haben sich schwere hysterische oder neurasthenische Leiden auf dem 
Boden ausgesprochener hereditärer Belastung entwickelt, so ist sowohl wegen 
der unter solchen Verhältnissen zu erwartenden Nachkommenschaft, als wegen 
der Unsicherheit betreffs der weiteren Gesaltung des nervösen Leidens eine Ehe- 
schlieSung ganz und gar zu widerraten"^}. 

NamentUch müssen wir uns da gegen eine Verheiratung aussprechen, wo 
psychische AnomaUen neben den neurasthenischen oder hysterischen Beschwerden 
sich anhaltend stärker vordrängen, bei jenen borderliners, die unter sehr günstigen 
Verhältnissen allerdings sich eine gewisse Stellung im Leben zu erhalten wissen, bei 
widrigen Schicksalen dagegen sich alsbald für eine geschlossene Anstalt qualifizieren. 

Zu einer direkten Empfehlung der Verehelichung hat andererseits der Arzt 
selten ausreichende Veranlassung. Ich selbst habe mich bisher zur Erteilung 
eines bezüghchen Rates weniger durch die sexuelle Bedürftigkeit der Betreffenden 
als deren psychische Beschaffenheit und Lebensstellung bestimmen lassen. Für 
jene hypochondrischen Neurastheniker, deren Gemütszustand offenbar haupt- 
sächhch durch geistige Isolierung bedingt und unterhalten wird, erweist sich die 
Ehe mit einer verständigen, nicht allzu sinnlich angelegten Person gewöhrdich 
entschieden vorteilhaft. Wenigstens hat dies meine bisherige Erfahrung ei^eben. 
Es ist daher keine Entwürdigung des Institutes der Ehe, wenn dieselbe gelegent- 
lich als Heilmittel in Vorschlag gebracht wird, sofeme bei der ärztUchen Ver- 
ordnung das Hauptgewicht nicht auf die Gelegenheiten zu sexueller Befriedigung, 
sondern auf die geistige Gemeinschaft mit einer Person gelegt wird, welche durch 
Eigenschaften des Gemütes und Verstandes befähigt ist, auf die geistige Ver- 
fassung des Patienten einen günstigen Einfluß auszuüben. 

Über den Einfluß des sexuellen Verkehrs bei Epilepsie haben wir uns bereits 
an früherer Stelle geäußert. Hier sei nur noch erwähnt, daß ich bei verheirateten 
Epileptikern von mäßigem sexuellen Verkehr im allgemeinen keinen ungünstigen 
Einfluß auf ihr Ijeiden konstatieren konnte und bei zwei nicht verheirateten 
Epileptikern mit reger Libido langer dauernde Abstinenz die Häufigkeit der 
Anfälle zu steigern schien. F^rS berichtet von einem Epileptiker, bei welchem 
an die Anfälle sich transitorische Lähmungen anschlössen, solche auch nach dem 
sexuellen Akte auftraten. F6r6 erwähnt auch, daß bei manchen Epileptischen 
gewisse sensorielle Störungen (Erythropsie, Farbensehen, subjektive Geruchs- 
empfindungen) sowohl während des epileptischen Anfalles als beim sexuellen 
Akte auftreten. 

Daß bei Personen, welche an Anfällen von Angina pectoris leiden, auch der 
sexuelle Verkehr zum Auftreten solcher Anfälle führt, ist ohne weiteres verständ- 
Uch. Bei mit Migräne behafteten Frauen stellt sich der Kopfschmerz namentlich 
dann post congressum ein, wenn derselbe nicht mit völliger Befriedigung ver- 
knüpft war. 

^) Redlich (Über das Heiraten nervöser und psychopathischer Individuen. Ikfed. Klinik 
1908, Nr. 7) glaubt, daß schwere Fälle von Hysterie, solche mit Anfällen, lÄhmungBersoheinnngen, 
psychischen Störungen und ähnlichem die Verheiratung nicht gestatten, es sei denn, daß durch 
eine Behandlung die Erscheinungen wieder für längere Zeit zum Schwinden gebracht worden 
sind. Tatsächlich kommt es in derartigen flLUen häufig zu einer Verheiratung; allein die Er- 
fahrung zeigt, daß der Ehestand ein stärkeres Wiederhervortretcn des Leidens bei der Mehrzahl 
der Betreffenden meist nicht zu verhüten vermag, weshalb gegen den ärztlichen Konsens zur 
Heirat in diesen Fällen gewichtige Bedenken bestehen. 

10* 



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148 Über den EinfluB sexuellen VerkduB auf iiestohende Nervmi- und CleisteBkrmnkheiten usw. 

Bei NeuTenuählten kann die Einleitung des ehelichen Verkehrs zu schweren 
psychischen Störungen führen. Ich habe seilet bei 2 jungen Frauen, von welchen 
die eine allerdings erbhch sehr belastet war, die andere dagegen keine sicher nach- 
weisbare Belastung aufwies, kurze Zeit nach der Verheiratung schwere MelanchoUe 
mii Nahrungsverweigerung beobachtet. Da es sich in beiden Fällen um Neigungs- 
partien handelte und die ersten Zeichen der Erkrankung schon wenige Tage nach 
der Hochzeit auftraten, können als Ursache der psychischen Störung hier ledigUch 
sexuelle Vorgänge angenonunen werden. Die zarte nervt^ Konstitution der 
beiden Frauen einerseits, andererseits ein wahrscheinhch zu stürmisches Vorgehen 
seitens der Gatten gestaltete die Einleitung des sexuellen Verkehrs für die Be- 
treffenden zu einem schockartigen Eingriffe, welchem deren Nervensystem nicht 
gewachsen war. In beiden Fällen trat übrigens Genesung ein, seltsamerweise 
bei der hereditär belasteten Frau schon nach 4 Monaten ungefähr, bei der anderen 
Patientin erst nach mehr als Jahresfrist^). 

Außerdem habe ich 2 Fälle leichterer MelanchoUe bei Neuvermählten beob- 
achtet, bei welchen ebenfalls zweifellos Neigungspartien vorlagen. Die eine der 
beid^ Patientinnen, eine in den 30 er Jahren stehende, erblich wenig belastete 
Dame, hatte in den letzten Monaten vor ihrer Verheiratung viel Aufregungen 
und Anstrengungen durchzumachen und erkrankte während der Hochzeitsreise. 
Die andere Patientin, eine Ende der 20er Jahre stehende, erbUch väterlicherseits 
erheblich belastete Dame, hatte ebenfalls in den letzten Monaten vor ihrer Ver- 
heiratung viel Aufregungen und zeigte schon vor der Hochzeit eine gewisse Ver- 
stimmung, In beiden Fällen trat Genesung im Verlaufe von weniger als 3 Monaten 
ein. Die Einleitung des sexuellen Verkehrs erwies sich auch hier, obwohl dieselbe 
in schonender Weise geschah, von ungünstiger Wirkung auf den psychischen 
Zustand. 

MelanchoUe als Folge nicht exzessiven geschlechtUchen Verkehrs ist auch 
bei Männern beobachtet worden. Schule sah bei zwei verheirateten Männern, 
von denen der eine längere Zeit nervös verstimmt war und an Darmkatarrh mit 
Anämie Utt, eine vollständige und schwere MelanchoUe unmittelbar im Gefolge 
eines einmaUgen Beischlafes auftreten. 

Nicht selten tritt an den Arzt die Frage heran, ob bei einer Person, die bereits 
geisteskrank war oder mit einer ererbten Anlage zu Geistesstörung behaftet ist, 
sich die EheschUeßung empfiehlt. In dieser Beziehung sind die Ansichten der 
Irrenärzte zum Teil von einer Art, die mir allzu optimistisch erscheint. Die Tat- 
sache, daß unter den erbUch Belasteten die Ledigen häufiger erkranken als die 
Verheirateten — eine Tatsache, die sich aus den Untersuchungen Hagens, wenn 
auch nicht für alle Altersklassen, ergibt — , hat dazu geführt, daß man die Heirat 
geradezu als Präservativ gegen den Ausbruch des erbUchen Irrseins ansah, 
v. Krafft-Ebing z. B. bemerkte bezüglich dieses Punktes bei Erörterung der 
Prophylaxe der Geistesstörungen: „Bei männUchen Individuen mindert frühe 
Heirat die Gefahr der Erkrankung, bei weiblichen ist die VereheUchung erst nach 
«reichter körperUcher Beite wünschenswert." Der von v. Krafft-Ebing ange- 
nommene prophylaktische Wert früher Heirat bei belasteten Männern findet 
jedoch in den sehr sorgfältigen statistischen Erhebungen Hagens keine Stütze. 
Nach Hagen erkranken vom 26.— SO. Jahre mehr Verheiratete als das Verhältnis 
der allgemeinen Statistik ergibt. Das Plus der größeren Erkrankungsfähigkeit 

') Letztere Kranke verfiel sp&ter wiederholt in geietige Störung und starb 
fn einer Irrenanstalt, w&hrend entere bisher geisteegesimd blieb. 



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über den EinfhiB sexuellen VerkehrB auf bestehende Nerven- und Geisteskrankheiten usw. 149 

für die ledigen belasteten Männer beginnt erst mit dem 30, Jahre- Bei den Frauen 
überwiegen vom 16. — 30, Jahre die Verheirateten, vom 80. Jahre an ebenfalls 
die Ledigen. Das Überwiegen der ledigen erblich disponierten Kranken ist bei 
den Männern stärker als bei den Frauen. 

Berücksichtigen wir femer den Umstand, daß trotz des anscheinend günstigen 
Einflusses der Ehe doch noch sehr viele erblich belastete Verheiratete erkranken ^), 
so werden wir der Ehe nur eine sehr beschränkte prophylaktische Bedeutung 
zuerkennen dürfen und deshalb unsere Zustimmung zur Verheiratung bei nicht 
zu schwer Belasteten nur bei befriedigendem körperhchen und geistigen Zustande 
und günstigen Lebensverhältnissen geben. 

Wo sehr schwere, namentlich doppelseitige erbliche Belastung vorliegt und 
sich in Erscheinungen psychopathischer Degeneration äußert oder auf Grund 
der Belastung sich bereits einmal eine Psychose entwickelt hat, wird von einer 
Verheiratung entschieden abzuraten sein. 

Eine Mitteilung des verstorbenen Direktors der Irrenanstalt KlingenmÜnster, Dick 
{Wanderversammlung der südwestdeutschen Irrenärzte zu Heppenheim, Mai 1876) bildete lange 
Zeit eine gewichtige Stütze für die Lehre von der Schutzkraft der Ehe. Dick berichtete, daB 
von 22 früher geistig gestörten, aber gebeilten Mädchen nach ihrer Verheiratung nur eine rück- 
fällig wurde, während von 80 ebenfallB genesenen aber ledig gebliebenen Mädchen 22 rezidivierten. 
Gegen die Lehre von der Schutzkraft der Ehe hat sich indes schon Erlenmeyer (1882, Zentral* 
blatt für Nervenheilkunde, 5. Jahrg., Nr. 14, S. 321) mit Nachdruck gewendet, indem er auf 
die Gefährlichkeit ihrer praktischen Verwertung schon mit Rücksicht auf die Nachkonunen 
hinwies. 

Zu einer cLhnlichen Auffassung bekannte sich der englische Irrenarzt Savage (1883) bei 
Besprechung der Frage, wie es mit der Eheschließung bei nervenkranken und vormals geistes- 
kranken Personen zu halten sei. „Es gibt*', bemerkte der Autor, „in der Tat hysterische Personen, 
für die die Ehe das beste und wirksamste Heilmittel ist, das man verordnen kann. Ich sage 
dieses nicht, weil ich glaube, daQ die Befriedigung des sexuellen Bedürfnisses für die Hysterie 
günstig sei, sondern weil ich zu der Überzeugung gekommen bin (diese habe ich nur durch eine 
eingehende Fühning von Krankenjoumalen erworben), daß hysterische Personen einen be- 
sonderen und eigenen Affekt nötig haben* Wir finden in der Tat durch eine genaue Führung 
von Krankenjoumalen, daß junge Männer, die sich oft sexuelle Vergnügungen gestatten, trotz- 
dem hyateriEch werden, weil sie das Bedürfnis verspüren, ein Wesen lieben zu müssen, welches 
eine Ergänzung der eigenen Person darstellt. Ich habe verschiedene sehr hysterische junge 
Mädchen gekannt und behandelt, die jetzt verheiratet sind und gar kein Zeichen von Nenro- 
pathie mehr aufweisen. Unter ihnen gibt es einige, die durchaus nicht mehr das Bedürfnis haben, 
den sexuellen Instinkt zu befriedigen, ja sogar ihre ehelichen Pflichten ungern erfüllen, obgleich 
sie ihren Mann sehr lieben und außerordentlich glücklich mit ihm leben. Ich wiederhole daher, 
daß nach meiner Ansicht die Ehe ein souveränes Mittel darstellt für solche neuropathische Wesen, 
die einea Haltes, einer Stütze bedürfen in einer Persönlichkeit, die mit ihnen den Kampf ums 
Dasein aufnimmt. Daher darf der Arzt nicht schwanken, solchen Personen das Eingehen der 
Ehe anzuempfehlen, wenn der andere Teil gesund ist, eine gute Konstitution aufweist und von 
jeder nervösen Prädispoeition frei ist. Er darf dagegen auf der anderen Seite niemals die Ehe 
Frauen anraten, die schwere Formen von Geisteserkrankung überstanden haben, und zwar 
nicht allein der Gefahren wegen, denen er die Kinder aussetzt, denn davon gibt es zahlreiche 
Ausnahmen, sondern weil die Ehe fast stets solche Personen einem Rückfall, ja sogar einer 
bedeutenden Verschlimmerung ihrer Geisteserkrankung aussetzt," 

Mendel (Krankheiten und Ehe, herausgegeben von Senator, S, 642) ist der Ansicht, 
daß Personen, welche infolge erblicher Belastung von Geistesstörungen befallen wurden, die 
Ehe zu widerraten ist, insbesondere dann, wenn die Psychose ohne äußere Veranlassung auftrat. 
Eine Ausnahme gesteht er nur bezüglich der Menstrualpeychosen zu; Mädchen, welche von 
solchen heimgesucht wurden, bringt nach Mendel die Ehe nicht nur keine Gefahr, sondern oft 
Besserung oder Heilung ihrer abnormen psychischen Reizbarkeit. Dies dürfte jedoch nur für 
die Fälle zutreffen, in welchen die Erkrankung den von Mendel angenommenen hysterischen 
Charakter zeigte. Auch Redlich (1, c) macht gegen die Mendelsche Ansicht Bedenken geltend, 

*) Nach Hagens Ermittlungen betrug die Zahl der erblich belasteten Verheirateten von 
der Gesamtzahl der verheirateten Erkrankten bei den Männern 32%, bei den Frauen 40^/^ 



Dl(,l|i™,byG0üj5le Or„fr,.lfronn 



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]60 Über den EinfhiB aexnelleit Verkehrs aal beetehende Nerren- uzkd OeisteBkrankheiteä mi' 



indem er ftnf einen F»3i eigener Beobachtung hinweist, in welchem sich noch mehrere Jahre 
nach der Terheiratong hftofig menstruelle kurz dauernde Störungen einstellten. 

Nicht ohne Bedeutung für die Entstehung nervöser und psychischer Er- 
krankungen bei Frauen ist das Lebensalter zur Zeit der EheschUeßong. Ver- 
heiratung vor dem Eintritt vollständiger körperlicher Beife, i. e. vor dem 21. Lebens- 
jahre, setzt, wie schon v. Krafft-Ebinghervoi^ehobenhat, die Fiau^i der Gefahr 
aus, Schwangerschaft und Puerperium mit einem nicht genügend gekräfteten 
Körper durchmachen zu müssen und auch durch die mit dem eheUdien Leben 
häufig verknüpften ungünstigen Einflüsse in ihrem Kervens3rstem geschädigt 
zu werden. 

Beyer ^) halt es für erforderlich, auf das Bestehen nervöser Symptome in 
Fällen, in welchen eine EheschUeßung in Frage steht, mehr zu achten, als Insher 
üblich war. Man kann ihm hierin wohl nur beistimmen, doch geht er etwas zu 
weit, wenn er glaubt, daß anscheinend wenig verdächtige Fälle oft von der Heirat 
ausgeschlossen werden sollten, weil es in denselben später zur Entwicklung chro- 
nischer Neurasthenie, Hysterie oder Hypochondrie kommen kann, wodurch das 
eheliche Leben weit gründlicher und nachhaltiger gestört wird, als durch eine 
akute, völlig heilbare Psychose. Die bloße Möglichkeit, daß es in der Ehe zur 
EntwicMung eines der genannten krankhaften Zustände kommt, kann einen so 
schwerwiegenden Eingriff in die Lebensgestaltun^ einer weiblichen Person, wie 
es das Verbot der Verheiratung darstellt, nicht genügend rechtfertigen. 



^) Beyer: Über die Bedeutung frOher Heirat fflr die Entst^ong nerrOser Eitoankungen 
der Frauen. ZentralbL f. Nerrenheilkunde. 16. Januar 1906. S. 78. 



DiflliUHO by GoOJjle 



Orcginöl f rom 
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XIV. 

Erkrankongen der Sexaalorgane bei Männern als Ursache 

von Nerrenleiden. 



Neben den im vorstehenden besprochenen sexuellen MiBbräuchen können 
auch primäre Erkrankungen und gewisse Abnormitäten der Sexuatorgane bei 
Männern die Veranlassung zum Auftreten nervöser (neurasthenischer) Störungen 
bilden. Die Bolle, welche den in Fiage stehenden Genitalaffektionen in der Ätiologie 
der Neurasthenie zufällt, weicht jedoch erhebhch von der der sexuellen Mißbräuche 
ab. Die schädigende Wirksamkeit letzterer tritt zwar besonders rasch und intensiv 
bei neuropathisch Veranlagten hervor, doch ist dieselbe keineswegs an das Vor- 
handensein einer Prädisposition gebunden; dagegen führen primäre Genital- 
affektionen allem Anscheine nach ledighch bei Belasteten und Individuen mit 
erworbener neüropathischer Disposition zu neurasthenischen Störungen. Hierfür 
spricht schon der Umstand, daß die betreffenden Genitalaffektionen bei der großen 
Mehrzahl der damit Behafteten nervöse Beschwerden nicht nach sich ziehen^). 
Femer kommt in Betracht, daß unter den Ursachen der (sexuellen) Neurasthenie 
den sexuellen Mißbräuchen gegenüber die primären Genitalleiden ganz gewaltig ' 
zurückstehen und überhaupt nur von untergeordneter Bedeutung sind; so fand 
z. B. V. Krafft-Ebing unter 114 Fällen von Neurasthenia sexualis bei Männern 
106 mal sexuelle Mißbräuche, dagegen nur 8 mal Lokalaffektionen (Urethritis 
posterior). Am häufigsten vergesellschaften sich die chronischen, durch gonor- 
rhoische Infektion bedingten Entzündungen der Pars prostatica der Harnröhre 
(die Urethritis posterior) mit ihren Folgeerscheinungen seitens der Ductus eja- 
culatorii (Erschlaffung und Erweiterung derselben) mit neurasthenischen Zu- 
ständen. Man hat diese als Trippemeurasthenie bezeichnet und als ihre nächste 
Ursache die andauernde Beizung der Nerven in der Pars prostatica urethr. 
durch die chronisch entzündüchen Veränderungen derselben angenommen. Nach 
meinen Wahrnehmungen kommen bei der sogenannten Trippemeurasthenie jedoch 
noch andere Momente sehr in Betracht. Zumeist sind die mit dieser Neurasthenie 
Behafteten hypochondrisch veranlagte Individuen, denen der Gedanke, an einer 
Genitalaffektion zu leiden, andauernde Verstimmung und oft ganz übertriebene 

^) Die Badeutong der Prädiapoeition in den Fällen, in welchen sexuelle Nenrasfheme 
im Qefolge von Sexualaffektionen auftritt, wurde schon von Beard betont. Er bemerkt u. a. : 
«^dividuen von hochgradiger Nervosität, insbesondere Amerikaner, werden zumeist infolge 
des err^^den Einflusses ii^nd eines der erwähnten pathologischen Zustände von sexueller 
Neurasthenie befallrax. Die Phimose oder die Striktur könnte allein jene nervösen Störungen 
nicht herbeiftlhren, wenn nicht gegebenenfalls eine durch die Ungunst des Klimas, Arbeits- 
aberbürdung, Soi^n, übermäßigen OenaB von Nikotin und .AJkohol, infolge traumatischer 
Einwirkungen und allerlei Exzessen herbeigeführte nervöse Konstitution zugleich vorhanden wäre. " 



DI(,lll.™b,G0üj5lf Or,,lr„lta™ 



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162 Erkranlcungen der Sexualor^ne bei Mftnneni als Uraacbe Tcn 

Sorgen wegen etwaiger Folgen verursacht. Infolge dieser Gedankenrichtung 
beschäftigen sie sich beständig mit dem Zustande ihrer Harnröhre, überwachen 
die Absonderung derselben mit ängstUcher Spumung und unterziehen sich end- 
losen Kurversuchen mit Adstringentien und Ätzungen, um den oft nur minimalen 
Ausfluß zu beseitigen. So dürfen wir uns denn nicht wundem, daß die sogenannte 
Trippemeurasthenie, wie ich mich schon andernorts ausgepsochens habe, Öfter» 
mehr ein ankuriertes Leiden» mehr bedingt durch chronische Mißhandlung der 
Harnröhre durch Lokalbebandlung (und die bienmt einhergelienden Gemüt«- 
erregungen), denn unnaittelbare Folge der chronischen Urethritis ist. 

Neben den Fällen, in welchen irgendwelche ursachliche Beziehungen zwischen 
der Urethritis posterior und dem neurasthenischen Zustande bestehen, begegnen 
wir aber auch solchen, in welchen die Hamröhrenaffektion offenbar nur die zufälHge 
Komplikation einer durch andere Momente herbeigeführten Neurasthenie bildet. 

Neben der chronischen Urethritis posterior gonorrhoischer Provenienz soll 
jedoch — nach den Behauptungen mancher Beobachter — eine einfache „katar- 
rhalische** Urethritis posterior chronica vorkommen, welche sehr viel nenrasthe- 
nisches Unheil zur Folge hat. Seit Lalle mand wurde von einer Reihe von Autoren 
(in neuerer Zeit insbesondere von Ultzmann, Gyurkovechky, Grünfeld 
und Peyer) die Ansicht vertreten, daß durch exzessive Masturbation Entzündungs- 
zustände im Bereiche der Harnröhre, und zwar speziell in der Umgebung der 
Mündungsstellen der Ductus ejaculatoqi (des Caput gallinaginis), herbeigeführt 
werden. Die gleichen Veränderungen der Pars prostatica der Harnröhre sollen 
aber auch Exzesse im natürlichen GeFchlfchtsgenusse und der Congressus inter- 
ruptus nach sich ziehen. Diese Annahmen hat man seit Einführung der Endoskopie 
der Harnröhre auch durch den Hinweis auf gewisse endoskopische Befunde (Hyper- 
ämie der Pars prostatica usw.) zu stützen gesucht. Die Anhänger dieser Ent- 
zündungstheorie glauben, daß die Entzündung der nervenreichen Pars prostatica 
ureth. auf dem Wege des Reflexes die nervösen Störungen verursacht, die wir 
als Folgen sexueller >Iißbräuche kennen, und die direkte Einwirkung der betreffen- 
den sexuellen Vorgänge auf das Nervensystem nur eine prädisponierende Reizung 
oder Überreizung desselben bedingt. Für die behauptete Entstehung entzünd- 
licher Vorgänge im prostatisehen Teile der Harnröhre infolge sexueller Mißbräuche 
mangelt jedoch jeder stringente Nachweis. Die gelegentUche endoskopische Ent- 
deckung von Hyperämie in diesem Teile kann in dieser Beziehung nicht ernsthaft 
in Betracht kommen, und für die bei Einführung von Instrumenten sich kund- 
gebende Hyperästhesie gilt das gleiche, zumal diese Erscheinung auch bei Neurasthe- 
nikem sich findet, bei welchen sexuelle Mißbräuche nicht statthatten. Für- 
bringer erklärt auf Grund einer großen Reihe eigener, auf diesen Punkt ge- 
richteter Beobachtungen mit aller Entschiedenheit, daß er Entzündung der Harn- 
röhre niemals gefunden hat^), wofern nicht Tripperprozesse als Komplikation 

*} Peyer glaubt, daß die Verecbiedenheit der Ansichten über das Vorkommen oder Nicht- 
Torkommen einer entzündlichen Reizung der P&rs prost, aus Verschiedenheiten des Beobachtongs- 
materiales sich erklären läßt, und erwähnt, daß er bei Masiurbanten, welche nie den Koitus 
geübt hatten, öfters lirethraUäden, bestehend aus Leukozyten und kleinen runden Epitiielien, 
fand. Diese Angabe kann den negativen und jedenfalls an einem größeren Beobachtongsmateriale 
erhobenen B?funden Für bringers gegenüber nicht in Betracht kommen. „Wenn hier und da'% 
bemerkt dieber Autor, „im endoskopischen Bilde katarrhalische Schwellungen der hinteren Harn- 
röhre, insbesondere des Collicutus seminalis, beobachtet oder l'rethralfädcn im Harn als Aus- 
druck von Entzündung gefunden werden, so mag es sich um Rest« von Gonorrhöe, um Kathete: - 
teizung, fortgeleitete Katarrhe u. dgl., also um urs&chlicbe, beziehungsweise begleitende ProECSse 
nicht aber um FolgezustAnde gehandelt haben." 



Dlfllll.MbyGoü'^le Or,,™lta™ 



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Erkrankungen der Sexualorgane bei Männern als Ursache von Nervenleiden. 153 

bestanden. Die Ansicht, daß die im Gefolge sexueller Mißbräuche sieh einstellenden 
neurasthenischen Erscheinungen lediglich auf dem Wege des Keflexes von dem 
prostatischen Teile der Harnröhre aus zustande kommen, ist ebenfalls ganz und 
gar unhaltbar. Die Vei-suche, der Pars prostatica aus anatomischen Gründen 
eine ähnliche neuropathogene tische Bedeutung wie dem Uterus zuzuweisen, 
sind heutzutage um so weniger berechtigt, als wir gegenwärtig wissen, daß die 
große Mehrzahl der früher vom Uterus hergeleiteten nervösen Störungen anderen 
Ursprungs ist, und andererseits sind die Tatsachen, welche für eine direkte nerven- 
zerrüttende Wirkung der sexuellen Mißbräuche sprechen, so zahlreich und ge- 
wichtig, daß sich ernsthafte Einwände dagegen nicht erheben lassen. 

Außer der chronischen Urethritis werden noch verschiedene andere Anomahen 
im Bereiche der männlichen Sexualorgane als Ursache neurasthenischer Störungen 
angeführt: Strikturen der Harnröhre, chronische Prostatitis (und fimktionelle 
Prostatareizung), chronische Hodenentzündung, Hypertrophie und Verlängerung 
des Präputiums, Smegmaanhäufung und daher rührende Balanitis bei etwas 
enger Vorhaut oder ausgesprochener Phimose. Die Bedeutung dieser Momente 
als Quelle neurasthenischer Erscheinungen wird von manchen bezweifelt. Wenn 
ich meine eigenen Erfahrungen berücksichtige, so gab nur in einem Falle meiner 
Beobachtung — bei einem Belasteten — eine chronische Orchitis den Anstoß 
zur Entwicklung eines neurastbenischen Zustandes. Strikturen äußern nach 
meinen Wahrnehmungen in manchen Fällen einen verschlimmernden Einfluß 
auf eine bestehende Neurasthenie; nicht selten bilden sie jedoch nur eine Kompli- 
kation derselben, deren Beseitigung auch ohne jede Einwirkung auf das Leiden 
bleibt. Auch von dem nerven schädigen den und insbesondere das Gremüt be- 
lastenden Einflüsse der chronischen Prostatitis mit Prostatorrhoe konnte ich 
mich öfters überzeugen, zumal die prostatorrhoischen Abgänge in manchen Fällen 
ähnliche Erscheinungen zur Folge haben, wie die krankhaften Pollutionen (Müdig- 
keit, Abgeschlagenheit usw.) *). 

Xeben der chronischen Prostatitis wird in neuerer Zeit noch einem anderen 
pathologischen Zustande der Prostata, der Atonie dieser Drüse, von einzelnen 
Autoren, so insbesondere von M. Mareuse, erhebliche Bedeutung als ursächliches 
Moment sexualneu rasthenischer Erscheinungen beigelegt ^). Der fragliche Zustand 
ist nach seiner pathologii^ch -an atomischen Seite noch nicht erforscht und charak- 
terisiert sich klinisch dadurch, daß man bei der Untersuchung die Prostata , .ent- 
weder als einen schlaffen, ^ie leeren und in sich zusammengefallenen Beutel oder 
eine ganz flache, sehr weiche und lockere Vorwölbung, die unscharf in das Nachbar- 
gewebe übergeht" (Mareuse), fühlt. 

Nach dem eben genannten Autor ist die Prostataatonie die Grundlage der 
Enure.'-is nocturna bei jugendlichen männlichen Individuen'); bei Erwachsenen 

*) V. Xotthafft (Münch. med. Wochenschr. 1905, Nr. 4) erwähnt, daß Prostetorrhöe 
und Prostataneiirasthenie ganz im Gegensatze zn der vorherrechenden Ansicht nur seltene 
Begleiterscheinungen der chronischen Prostatitis bilden. Die Proatatorrhöe kann bei ganz leichten 
wie bei ganz schweren subjektiven Symptomen gefunden werden. Die Intensität der subjektiven 
Symptome steht in keinem Verhältnisse zu den objektiven tlnterauchungsergebnissen. Nach 
dem Autor sind die Schmerzen bei chronischer Prostatitis vielfach an Orten lokalisiert, die einen 
Zusammenhang mit dem Leiden nicht erwarten lassen (Ischias, Kniegclenkschmerzen usw.). 
Aus der Beseitigimg der betreffenden Beschwerden durch Behandlung der Prostata glaubt der 
Autor diesen Zusammenhang folgern zu dürfen. 

') M. Mareuse: Über Atonie der ProaUt«. Sied. Klinik 1912. Nr. 46. 

^) Dem Autor entgeht es nicht, daB die Enuresis nocturna auch bei Mädchen vorkommt; 
er sieht jedoch darin keinen Grund, von seiner oben angeführten Ansicht abzugehen. 



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164 Über Pollutionen und pollutionBartJge Vorgänge bei beiden GeechlechtenL 

führt sie am häufigsten zu pathologischen Sexualausflüssen, insbesondere hbidi- 
nöser Urethrorrhöe, 8permatorrhöe und Pollutionen, mitunter aber auch zur 
Impotenz und Ejaculatio praecox. Einzelne Beobachtungen scheinen aber darauf 
hinzuweisen, daß sie gelegentUch auch eine Neurasthenie ohne urosexuelle Sym- 
ptome bedingen kann. M. Marcuse stützt diese Annahme auf die Resultate der 
Prostatabehandlung in den betreffenden Fallen und weist zur Erklärung der- 
selben auf die innersekretorische Bedeutung der Prostata hin. 

Smegmaanhäufungen und Balanitis bei etwas enger Vorhaut führten in 
mehreren Fällen meiner Beobachtung zu übermäßigen Pollutionen, welche sich 
mit der Beseitigung des Beizzustandes der hochempfindlichen Glans sofort ver- 
loren. BezügUch der kongenitalen Phimose ist hier noch /u erwähnen, daß dieselb.^ 
nicht nur zu neuraathenischen Beschwerden führen, sondern auch &\s Ursache 
einer Beflexepilepsie figurieren kaim. Es sind in der Literatur Fäll^ mi^eteilt, 
in welchen die Heilung einer Epilepsie durch die Zirkumzision gelang. Die Phimose 
kann jedoch, wie F6r6 bemerkt, auch auf indirektem Wege Epilepsie nach sich 
ziehen, indem sie Masturbation veranlaßt, welche zuweilen epileptische Zufälle 
zur Folge hat ^). 



Anhang. 

Über PoUntionen and pollntionsartige Vorgänge bei beiden 

Cresehlechtern. 

Unter den Erscheinungen der sexuellen Neurasthenie beanspruchen die 
krankhaften Pollutionen, welche wir im vorstehenden bereits zu berühren Ge- 
legenheit hatten, die ärzthche Aufmerksamkeit in besonderem Maße, weil die- 
selben nicht ledigUch wie viele andere Symptome die Äußerung eines gegebenen 
pathologischen Zustandes, sondern auch eine Quelle weiterer und zum Teil erheb- 
licher neurastheniscber Beschwerden bilden. Dieser Umstand veranlaßt uns, 
denselben und einigen verwandten Vorgängen in der Sexualsphäre hier noch 
eine kurze gesonderte Betrachtung zu widmen, durch welche auch die Unter- 
scheidung zwischen Physiologischem und Pathologischem im Bereiche der Pol- 
lutionen erleichtert werden soll. 

Bezüghch der Frage, ob der als Pollution bezeichnete Vorgang beim männ- 
lichen Greschlechte unter irgendwelchen Verhältnissen als normal oder physio- 
logisch zu betrachten ist, sind die Ansichten geteilt. Die Gründe, welche gegen 
, das physiologische Vorkommen von Pollutionen geltend gemacht werden, lassen 
sich jedoch nicht als stichhaltig betrachten. Es ist nicht gerechtfertigt, wenn 
man wie Eulenburg den Pollutionsvorgang mit Husten oder Erbrechen ver- 
gleicht; Husten und Erbrechen treten gewöhnUch nur bei gewissen Krankheits- 
zuständen oder Beizeinwirkungen ein, und zahlreiche Männer bleiben von diesen 

Einwirkungen verschont. 

♦ 

^) K M. Simon berichtete über 3 F&lle von BeQexneurosen, du anscheinend durch ein 
adhärentes Präputium veruraacht waren und durch die operative Baseitigung der Anomalie 
zur Heilung gelangten. Die reflektorischen Störungen waren in den einzelnen Fällen sehr ver- 
schiedener Natur: Plötzlich einsetzende Schmerzen in der Hüftg^end und Hochziehen de« 
betreffenden Beines, schwere Intestinalkoliken, nächtliches Aufschrecken mit Klagen Über 
Leibschmerzen. 



Dlfllll.MbyGoü'^le Or,,™lta™ 



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über Pollutionen und pollutionsartige Vorg&nge bei beiden GeBchlechtem. 155 

Auch die Beweisführungen von Porosz und Marcuse^), welche den Pol- 
lutionsvorgang in seinem Wesen identisch mit dem nächthchen Bettnässen jugend- 
hcher Individuen erachten und daraus folgern zu dürfen glauben, daß die Pollu- 
tionen den Charakter einer Anomalie besitzen, ist keineswegs stichhaltig. Aus 
der angenommenen Identität der beiden Vorgänge, die jedoch wahrscheinlich 
nicht für alle Fälle zutrifft, ergibt sich noch nicht die Berechtigung, beide als 
Anomalien zu betrachten, da ein und derselbe Vorgang je naeli seiner Verursachung 
normal oder krankhaft sein kann. Es genügt, wenn ich hier an das ächwits^n 
erinnere. Das nächtliche Bettnässen (Enuresis nocturna) findet sich meines 
Erachtens bei weniger als 10<*/o der Kinder von einer gewissen Altersstufe an und 
ist zudem sehr häufig mit anderen nervösen Störungen vergesellschaftet, was 
zur Genüge seine Auffassung als Anomahe rechtfertigt. Dagegen stellen sich 
Pollutionen bei gesunden, erwachsenen mannUchen Individuen, welche keinen 
oder keinen genügenden geschlechtlichen Verkehr haben, so regelmäßig, wenn auch 
in sehr verschiedener Häufigkeit, ein, daß wir aus dem gän/Jichen Fehlen der- 
selben unter den in Rede stehenden Verhältnissen auf einen krankhaften Zustand 
schUeßen müssen. Auf der anderen Seite besteht unter den kompetenten Beob- 
achtern kaum eine Meinungsverschiedenheit darüber, daß unter gewissen Um- 
ständen die Pollutionen einen krankhaften Vorgang bilden. Als Kriterien der 
normalen Pollution können folgende Momente gelten: Auftreten derselben bei 
Individuen im geschlechtsreifen Alter, nicht zu häufig, nur im Schlafe, mit Erek- 
tionen und gewissen mehr minder ausgesprochenen Wollustgefühlen, reichliche 
Samenentleerung und Mangel jeder ungünstigen Ruckwirkung auf das Befinden. 
Die Abweichungen vom Typus, wodurch die Pollution einen krankhaften Charakter 
gewinnt, können alle die angeführten Momente betreffen. 

Neben der Unterscheidung normaler und krankhafter Pollutionen ist auch 
die Sonderung dieser von anderen unwillkürlichen Samenabgängen (der Sperma- 
torrhöe) erforderlich. In letzterer Hinsicht zeigen die Ansichten der Autoren 
zum Teil erhebliche Abweichungen. Fürbringer (Die Störungen der (Jeschlechts- 
funktionen des Mannes, 1899, S. 20) hält es für gerechtfertigt, den Namen „Sperma- 
torrhöe" auf jene von der Pollution unabhängigen Samenverluste zu beschränken, 
wie sie meist während der Defäkation und Harnentleerung erfolgen, und zwar 
ohne Erektion und Orgasmus, ohne schlüpfrige Vorstellung. Fürbringer hält 
es auch nicht für richtig, wie die meisten Autoren, selbst Curschmann, es getan, 
„kranidiafte Samenverluste" überhaupt mit Spermatorrhöe im weiteren Sinne, 
und die höheren Grade der Tagespollutionen mit Spermatorrhöe im engeren Sinne 
zu bezeichnen. 

Die Fürbringersche Auffassung der Spermatorrhöe, die ich allein als be- 
rechtigt erachten kann, hat sich jedoch bisher allgemeine Anerkennung nicht 
zu verschaffen vermocht. So hat Naecke („Einiges über Pollutionen", Neurol. 
Zentralblatt 1909, Nr. 20) vorgeschlagen, „Pollutionen im allgemeinen die un- 
willkürlichen Samenabgänge bei Erektion zu nennen, Spermatorrhöe aber solche 
bei schlaffem GÜede, wobei erstere physiologisch oder pathologisch sein können, 
letztere aber immer als krankhaft zu bezeichnen ist". Die Unterscheidung zwischen 
Pollution und Spermatorrhöe von dem Vorhandensein oder Mangel der Erektion 
abhängig zu machen, halte ich für unzulässig. Bei Impotenten, deren Unvermögen 
auf Mangel der Erektionsfahigkeit beruht, erfolgen die Pollutionen in der Regel 

*) Siehe Harcnse: Die Gefahren der sexuellen Abstinenz« S. 7 und „Über Atonie der 
Prostata". Sep.-Abdnick S. ö u. L 



Dl(,l|l.™byG0ÜJ^Ie Or„fr,.lfronn 



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156 über Pollutionen und pollutionsartige Vo)^i;&nge bei beiden Geschlechtern. 

bei schlaffem Gliede, ohne daß der Vorgang im übrigen eine Änderung aufweist. 
Die Art der Auslösung des Aktes (durch einen Traum) und seines Ablaufes ent- 
fernen sich so sehr von dem Hergange bei der Mixtions- und Defäkationssperma- 
torrhöe, daß es ganz und gar unangebracht erscheint, die Pollutionen bei schlaffem 
Gliede dem Gebiete der Spermatorrhöe zuzuweisen. Dabei kommt noch in Be- 
tracht, daß in manchen Fällen, namentUch bei gehäuften Pollutionen, neben 
solchen mit Erektion mitunter auch solche bei schlaffem Gliede vorkommen, 
ohne daß im übrigen Unterschiede sich geltend machen. 

Das Erscheinen von Pollutionen bei im Alter von 13 — 15 Jahren stehenden 
oder noch jüngeren Knaben, gewöhnlich eine Folge von Masturbation, ist eo ipso 
wegen des verfrühten Auftretens als pathologisch zu betrachten. 

Bezüglich der Häufigkeit laßt sich dagegen eine genaue Grenze, von welcher 
anfangend die Pollutionen als krankhaft anzusehen wären, nicht festsetzen. Meines 
Erachtens darf man wöchentlich einmal auftretende Pollutionen bei in anhaltender 
Abstinenz lebenden jungen Leuten, selbst das vorübergehende Auftreten von 
Pollutionen an mehreren aufeinander folgenden Tagen im Gefolge sexueller Er- 
regungen noch nicht in das Gebiet des Pathologischen verweisen. In dieses gehören 
dagegen sicher die Fälle, in welchen Pollutionen längere Zeit hindurch wöchentlich 
mehrere Male oder selbst tägHch oder trotz regelmäßigem, dem vorhandenen Be- 
dürfnis entsprechendem geschlechtlichen Umgange öfters sich einstellen. Das 
Vorkommen von Pollutionen während des wachen Zustandes — TagespoUutionen — , 
auf welche Einwirkung hin dieselbe auch erfolgen mag (mechanische oder psy- 
chische), verrät ebenfalls immer einen krankhaften Zustand; das gleiche gilt 
für den im ganzen seltenen Mangel der Erektion (die Ejakulation bei schlaffem 
Gliede). 

Havelock Ellis (Molls Handbuch der Sexualwissenschaften 1912. S. 84) hat darauf 
aufmerksam gemacht, daB in der Aufeinanderfolge der Pollutionen wenigstens öfters eine gewisse 
Periodizität sich kundgibt. „Ein wöchentlicher Zyklus", bemerkt der Autor, „von unwülkttr- 
Hcher sexueller Tätigkeit mit einem Maximum an Sonntag, oder ihm nahe, ist oft sehr aus- 
geprägt. Es ist dies wahrscheinlich eine Folge sozialer ITraachen. Dasselbe kann man jedoch nicht 
von dem jährlichen Zyklus unwillkttrlicher sexueller Tätigkeit behaupten, den ich zuerst 1898 
gezeigt habe und den ich seitdem durch weiteres Beweismaterial habe bestätigen können. Dieses 
zeigt deutlich, daß es zwei Perioden vermehrter spontaner sexueller Tätigkeit im Jahre gibt-, 
die eine im Beginn des Frühjahrs, die andere im Herbst. Oft füidet man, dsB das Herbstmaximum 
das höhere ist." Daß diese Schwankungen in dem Auftreten der PoUntionen kein regelmäßiges 
Vorkommnis bilden, zeigt eine von Friedjnng-Wioi (Münch. med. Wochenschr. 1908. Nr. öl) 
mitgeteilt« Beobachtung. Der genannte Autor veranlaßte einen gesunden jungen Mann während 
eines Zeitranmes von mehr als 20 Monaten Uf>er seine Pollutionen genaue Aufzeichnung zu 
machen. Hierbei stellte sich heraus, daß im Durchschnitt auf einen Monat 4^« Pollutionen 
entfielen, von irgend einer Begehnäßigkeit in dem Auftreten der Ergüsse nichte zu konstatieren 
war und auch Jahreszeit oder Monat keinen Einfluß erkennen ließen. 

Mangel des WoUustgefühles ist insbesondere bei gehäuften Pollutionen durchaus 
nichts Ungewöhnliches, und man darf denselben als ein Symptom spinaler Er- 
schöpfung deuten. Ein ungleich selteneres Vorkommnis ist dagegen das Auftreten 
von Schmerzen im Gliede imd in den Hoden während des Ejakulationsvorganges, 
bei Mangel irgendwelcher örtlicher Veränderungen, welche dieselben erklären 
könnten. In einem Falle meiner Beobachtung traten diese Beschwerden nach 
längerer Abstinenz bei relativ seltenen und im übrigen normal verlaufenden 
Pollutionen in erheblicher Intensität auf; der betreffende Patient, ein in den 40er 
Jahren stehender Herr, hatte früher zeitweilig an Symptomen der reizbaren Blase 
und anderen Erscheinungen sexueller Neurasthenie gelitten. In einem anderen 
Falle, welcher einen in den 30 er Jahren stehenden Neurastheniker betraf, nahmen 
die Pollutionen nur bei gehäufterem Auftreten den schmerzhaften Charakter an. 



Dlfllll.MbyGoü'^le Or,,™lta™ 



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über Pollutionen und poUutionsartige Vorgänge bei beiden Geschlechtem. 157 

Der Pollutionsvorgang kann aber auch, ohne hinsichtlich des auslösenden Traum- 
bildes ^), der Erektion, des begleitenden Gefühles und der Rückwirkung auf das 
Befinden eine Veränderung aufzuweisen, dadurch von dem typischen Ablaufe 
sich entfernen, daß die Samenentleerung auf Abgang eines oder einiger Tropfen 
Sperma sich beschränkt oder auch gänzhcb ausbleibt. Über diese Form des 
Pollutionsaktes ist bisher meines Wissens noch von keiner Seite berichtet worden. 
Den tropfenweisen Samenabgang beobachtete ich insbesondere in Fällen, in 
welchen früher tägliche Pollutionen bestanden, und zwar in der ersten Zeit der 
Besserung des Zustandes, wobei es nebenbei noch zu Pollutionen mit reichÜcher 
bpermaentleerung kam. In einem Falle meiner Beobaphtung, über welchen ich 
schon vor Jahren anderenorts berichtete ^, mangelte bei den Pollutions Vorgängen 
häufig der Samenabgang gänzlich- Der Fall betraf einen in den 50er Jahren 
stehenden Herrn, welcher mit einer erheblich jüngeren Frau verheiratet war. 
Bei dem Patienten bestanden wenigstens seit 15 Jahren häufige nächtliche Samen- 
ergüsse, deren Andauer der regelmäßig gepflogene eheliche Verkehr in keinerlei 
• Weise zu beeinflussen vermochte. Meist wurden die Pollutionen durch ein sinn- 
liches Traumbild (eine nackte Frauengestalt usw.), das jedoch nur ganz flüchtig, 
mitunter nur einen Moment auftrat, provoziert. In den letzten Jahren kam es 
öfters nach diesem Antecedens nicht zu einer Ejakulation, sondern nur zu einer 
nervösen Erschütterung, welche dieselbe Abspannung für den folgenden Tag zurück- 
ließ wie die Pollutionen nüt Ejakulation. In zwei anderen Fällen kam es bei 
Neurasthenischen, die nicht an übermäßigen Pollutionen, aber einer gewissen 

Potenzschwäche htten, zeitweiUg während des Schlafes zu Vorgängen, welche 
subjektiv völlig einer Pollution entsprachen, während jede Samenentleerung 
mangelte. In diesen Fällen zeigte sich keine ungünstige Bückwirkung auf das 
Befinden am folgenden Tage, 

Ea muß hier noch des Umstandes gedacht werden, daß der Ablauf des PoUutionsTorganga 
durch einen Willensakt unterbrochen werden kann, derart, daß die Ejakulation völlig oder bis 
auf einen Spermaabgang von einigen Tropfen ausbleibt. Diese Unterbrechung kann nicht bloß 
b«"! nächtlichen, sondern auch bei Tagespollutionen, welche z, B- durch einen sinnlich erregenden 
Eindruck hervorgerufen wurden, stattfinden. Nuecke hat die in Frage stehenden Vorgänge 
als „Pollutio intemipta^' bezeichnet und in mehreren Publikationen eingehend besprochen ^). 
Der Autor glaubt, auch als erster über diese Vorkommnisse Mitteilung gemacht zu haben. Wenn 
ich auch auf Priorität in einer so geringfügigen Angelegenheit keinerlei Gewicht lege, kann ich 
doch nicht umbin, darauf hinzuweisen, daß ich bereits in der anfangs 1899 TeröffentUohten 
II. Auflage dieses Werkes Seite 49 Über einen Fall berichtete, in welchem der Vorgang der 
PoUutJo intemipta deutlich beschrieben ist. Ich habe der Sache damals keine weitere Be* 
deutung beigelegt, da ich glaubte, daß es sich um ein längst bekanntes und keineswegs seltenes 
Faktum handle, nachdem mir verschiedene Patienten über ihre Bemühungen, Pollutionen 
mit oder ohne HiUe von Apparaten zu unterdrücken, berichtet hatten. Bei den PoUutioub- 
Terhindenmgsapparaten. welche ich zu Gesicht bekam, beruht ja auch die Wirkimg — soweit 
von einer solchen die Rede sein kann — auf der Möglichkeit der willkürlichen Hemmung 
einer sich einleitenden Pollution. Die betreffenden Vorrichtungen verursachen dem Schläfer, 
der sie appliziert hat, beim Eintritt einer Erektion unangenehme oder schmerzhafte Empfin- 
dungen, wodurch er geweckt wird und in die Lage kommt, den weiteren Ablauf des PoUutions- 
voigangs zu verhindern (was jedoch nicht immer gelingt). Meine Annahme, daß es sich bei 
der willkürlichen PoUutionshommung um ein schon lange bekanntes und häufiges Vorkommnis 
handle, hat inzwischen durch die Mitteihmgen mehrerer Autoren (Havelock Ellis, Mar- 
cuse u. a.) Bestätigung eriahren. 



^) Bezüglich der Pollutionen aiislösenden Träume s. an spaterer Stelle, 
^) Löwenfeld: Pathologie und Therapie der Neurasthenie uind Hysterie. S, 115. 
') Naecke: „Über die Pollutio intemipta'*. Münch. med. Wochenschr. 1909, ISr. 34. 
„Einiges über Pollutionen''. Neur. ZentratbL 1909, Nr. 20. Ebenda auch 1910» Nr. 22, 



Dl(,l|l.™byG0ÜJ^Ie Or„fr,.lfronn 



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IdS Über Pollutionen und poUutionsartige Vorgänf^ bei beiden Geechlechtem. 

Die im obigen angeführten Tatsachen bezüglich minimaler oder fehlender 
bamenentleerung beim Pollutionsvorgang sind in zweifacher Hinsicht beachtens- 
wert. Sie weisen zunächst darauf hin, daß die in vielen Fällen so ausgesprochene 
ungünstige Bückwirkung der krankhaften nächtUchen Pollutionen auf das Be- 
finden nicht lediglich oder in erster Linie auf den Samenverlust, sondern den 
nervösen, im Bückenmark sich abspielenden Vorgang zurückzuführen ist. Man 
hat früher vielfach (Lallemand und seine Schüler insbesondere) die nervräen 
Folgen der gehäuften Pollutionen durch den erschöpfenden Einfluß der Sperma- 
verluste erklärt, durch welche dem Körper bestinmite wertvolle Stoffe entzogen 
werden sollten. Biese Auffassung wurde in neuerer Zeit ^on der großen Mehr- 
zahl der Beobachter verworfen, von Donner jedoch wieder mit Nachdruck ver- 
treten. Nach diesem Autor käme bei den unfreiwilhgen Samen Verlusten, „bei 
denen die Nervenerschütterung meist unbedeutend, oft gleich Null ist," in erster 
Linie der Verlust des Samens in Betracht, der, wie schon die älteren Autoren 
annahmen, ein besonders hochdifferenziertes, wertvolles Fluidum darstellt. Aus 
dieser Eigenschaft des Samens glaubt Donner es erklären zu können, „daß nach 
dem Abgange einiger Tropfen Samen, z. B. bei der Defäkationsspermatorrhöe, 
wo jegliche Erregung des Nervensystems fehlt, oft augenbUcklich große Müdigkeit^ 
Unbehagen, Schmerzen im Kreuz, Kopfdruck usw. sich einstellen". 

Die Tatsache, daß genau die gleichen nervösen Folgen eintreten, ob der 
PoUutions Vorgang mit Abgang reichlicherer Spermamenge oder eines Tropfens 
oder selbst ohne jede Spermaentleerung abschUeßt, spricht deutlich genug dafür^ 
daß für die Folgezustände in erster Linie die nervöse Erschütterung im Bückenmarke 
heranzuziehen ist^). In gleichem Sinne lassen sich verschiedene andere Beob- 
achtungen deuten, auf welche wir noch zu sprechen kommen werden. In zweiter 
Linie ersehen wir aus dem Angeführten, daß das Zustandekommen jener Nerven • 
erschütterung im Bückenmarke, von welcher die ungünstigen Bückwirkongen 
auf das Befinden bei Pollutionen hauptsächUch abhängenj nicht lediglich an die 
Erregungs Vorgänge gebunden ist, welche den Ejakulationsakt herbeiführen. 
Dies ergibt sich auch aus noch zu erwähnenden Beobachtungen. 

Am wichtigsten und für die krankhafte Natur der Pollutionen am häufigsten 
entscheidend ist die Art der Beeinflussung des Allgemeinbefindens oder einzelner 
Krankheitserscheinungen durch dieselben. Die im Bereich des Normalen sich 
abspielende Pollution wirkt auf das Gesamtbefinden nie ungünstig, ja des öfteren 
(bei in sexueller Abstinenz lebenden Individuen mit zeitweilig etwas mehr hervor- 
tretender Libido) sogar entschieden das Wohlbefinden fördernd. Bei an sexueller 
Neurasthenie Leidenden mit starker sexueller Erregtheit und sexuellen Zwangs- 
vorstellungen habe ich von nicht zu häufigen Pollutionen einen ausgesprochen 
günstigen Einfluß auf diese Erscheinungen gesehen. Als Iirankhaft müssen wir 
daher Pollutionen betrachten, an welche sich eine sonst nicht vorhandene all- 
gemeine Abspannung, Mattigkeit oder speziell Müdigkeit mit Abgeschlagenbeit 
der Beine oder irgendwelche andere nervöse Beschwerden oder Steigerungen 
solcher anschUeßen. Diese Folgeerscheinungen finden sich nicht lediglich bei sehr 
gehäuften Pollutionen; wir begegnen denselben mitunter in Fällen, in welchen 
nur in Zwischenräumen von 8—14 Tagen Samenergüsse eintreten, und wir ver- 

') Bafi der SamenverluBt bei den gehäuften Pollutionen für den Körper ganz gleichgültig 
ist, möchte ich durchaus nicht behaupten; allein dessen Wirkungen abzuschätzen, sind wir 
vorerst außerstande, und jedenfalls spielt erst die Suinmierung der Verluste eine Bolle, nicht 
der einzelne Al^ng, wie Donner glaubt. (Vergleiche meine Bemerkungen in dem Abschnitt 
über Onanie.) 



Dlqlll^MbvGoüJjlt Or,,lr„lta™ 



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über Pollutionen und pollutionsartige Voi^nge bei beiden GeBchlechtem. 160 

missen sie mitunter wenigstens Isnge Zeit bei Individuen, welche wöchentlich 
mehrere Male von Pollutionen heimgesucht werden. Dieselben sind also keineswegs 
an eine gewisse Häufigkeit der nächtUchen Ergüsse gebunden. Auf der anderen 
Seite begegnen wir diesen Erscheinungen aber auch nicht selten bei spermator- 
rhoischen Abgängen, und zwar sowohl bei Miktions- als bei Defäkationsaperma- 
torrhöe. Auf diesen Umstand wurde schon von Peyer und Donner, wie wir 
oben sahen, aufmer^am gemacht; ich kann die Angaben dieser Beobachter nach 
meinen Erfahrungen nur bestätigen. Aber auch bei rein prostatorrhoischen Er- 
güssen und selbst bei der einfachen TJrinentleerung ohne spermatorrhoischen oder 
sonstigen Abgang können die gleichen Folgeerscheinungen sich einstellen. 

Mendelsohn erwähnt, daß nach dem Abgange einer großen Menge von 
Prostatasekret die Kranken oft das Gefühl großer Mattigkeit und Abspannung 
haben; ich habe in den letzten Jahren zwei Fälle beobachtet, in welchen diese 
Erscheinungen nach prostatorrhoischen Ergüssen in sehr ausgesprochener Weise 
neben anderen Beschwerden (unangenehmen Empfindungen in der Danuugegend, 
den Hoden, Kreuzschmerzen usw.) sich geltend machten. Bei einem an sexueller 
Neurasthenie leidenden Herrn meiner Beobachtung, der schon früher mitunter 
nach dem Urinieren, namentlich im Gefolge spermatorrhoischer Abgänge, von 
einer sehr lästigen Müdigkeit insbesondere im Bücken heimgesucht worden war, 
trat längere Zeit hindurch nach jeder Urinentleeruug, obwohl die Spermatorrhöe 
beseitigt war, diese Müdigkeit auf^). 

Aus dem Angeführten ergibt sich, daß neben den typischen Pollutionen mit 
Erektion und durch Ejakulation erfolgender reichhcher Spermaentleerung bei 
Mäimem noch eine Beihe von Vorgängen in der Sexualsphäre beobachtet werden, 
welche, obwohl bei denselben das Ejakulationszentrum nicht in Tätigkeit tritt, 
bezügUch der nerv(^en Folgeerscheinungen den krankhaften Pollutionen gleich- 
wertig sind und deshalb unter der Bezeichnung „pollutionsartige Vorgänge" 
sich zusammenfassen lassen. 

Wie lassen sich nun die erwähnten Nachwirkungen dieser Voi^änge und der 
Pollutionen erklären? 

Über die näheren Umstände, welche bei der Spermatorrhöe den Übertritt 
von Sainen In die Harnröhre bedingen, sind wir noch nicht genügend aufgeklärt 
und deshalb auch die Ansichten über diese Frage noch geteilt. Allem Anscheine 
nach ist der mechanische Hergang bei der Spermatorrhöe nicht immer der gleiche. 
Bei den hier in Bede stehenden spermatorrhoischen Abgängen handelt es sich 
wahrscheinlich um Mitbewegungen der Samenblase, welche durch die Tätigkeit 
des Darmes und der Bauchpresse oder der Blase angeregt werden, i. e. ein Über- 
greifen der Erregungen von den Zentren des Defakationsaktes oder der Blasen- 
bewegungen im Bückenmarke auf das (zu supponierende) Zentrum für die 
Muskulatur der Samenblasen. Dieses Übergreifen kann nur infolge einer Ver- 
ringerung der Widerstandsverhältnisse, einer erhöhten Irritabihtät im Bereiche 
des Lendenmarkes eintreten, und die klinische Beobachtung spricht dafür, daß, 
je größer die reizbare Schwäche in diesem Markabschnitte ist, um so leichter das 
Übergreifen stattfindet und daher auch spermatorrhoische Abgänge erfolgen. 
Wir sehen, daß die Neigung zu diesen Entleerungen vorübergehend nach sexuellen 
Erregungen oder erhebhchen körperlichen Anstrengungen, also erschöpfend auf 
das Bückenmark einwirkenden Momenten, zunimmt. Bei den mitunter nicht 
unerhebhchen Prostataergüssen findet dagegen wahrscheinÜch eine von den 

*) Über den Ta,)] wird an späterer Stelle ausführlicher berichtet. 



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1 
160 über Pollutionen und poUutionaartige Vot^nge bei beiden Oescfalechtem. 

Prostatanerven ausgehende reflektorische Erregung des Lumbosakralmarkes statt. 
Die in Frage stehenden Erregungen müssen in diesem Markabschnitte zu einer 
weiter um sich greifenden nervösen Erschütterung führen, wenn die erwähnten 
ungünstigen Nachwirkungen sich einstellen. Die jedenfalls geringe Intensität 
der Erregungen kann diese Folge nicht erklären, sondern nur ein krankhafter, 
mit erhöhter Irritabilität verknüpfter Zustand des Lumbosakralmarkes. Mit 
einem solchen Zustande haben wir es aber auch bei den gehäuften krankhaften 
Pollutionen gewöhnUch zu tun, wenn dieselben einmal längere Zeit bestehen; 
auch in den Pällen, in welchen die Pollutionen ursprünghch nur durch von der 
Peripherie ausgehende Beize (wie z. B. bei enger Vorhaut und Balanitis) aus- 
gelöst werden, entwickelt sich allmähUch eine gewisse reizbare Schwäche des 
Lumbosakralmarkes, und dieser Zustand bedingt einen Circulus vitiosus: er 
begünstigt, resp. veranlaßt einei^eits das Auftreten von Pollutionen, indem er 
eine erhöhte Änsprechbarkeit des Erektions- und Ejakulationszentrums für peri- 
phere und zentrale Beize nach sich zieht, andererseits führt er dazu, daß an das 
in Tätigkeittreten speziell des Ejakulationszentrums eine über dieses mehr minder 
weit hinausgehende, zum Teil auch nach dem Gehirn irradiierende . Nerven- 
erschütterung sich knüpft. Die häufigere Erregung des Ejakulationszentrums 
steigert die reizbare Schwäche und damit die Änsprechbarkeit desselben, und 
die sich immer wiederholende, weiterhin sich ausbreitende Nervenerschütterung, 
die -sich an die Tätigkeit des Ejakulationszentrums anschUeßt, fördert die all* 
mähliche Ausbreitung des neurasthenischen Zustandes über weitere Abschnitte 
der Zentraloi^ane und die Verstärkung desselben. So bilden die gehäuften krank- 
haften Pollutionen einen Vorgang, welcher nicht nur gewissermaßen sich selbst 
unterhält und damit speziell die Genitalsphäre schädigt, sondern das Nerven- 
system in immer weiterem Umfange in den Bereich der Störung ziehen karm. 
Liwieweit dies der Fall ist, hängt im Einzelfalle natürlich von der Itesistenzfähig- 
keit des Nervensystems im allgemeinen und einzelner Abschnitte desselben im 
besonderen ab. Zu der direkten schädigenden Wirkung der Pollutionen kommt 
noch vielfach die indirekte durch übertriebene Befürchtimgen, welche sich an die 
Portdauer der Samenverluste knüpfen, und die hierdurch verursachte gemütUche 
Verstimmung des Patienten. 

Wir wissen heutzutage, daß die bchreckbilder, mit welchen Tissot und 
Lallemand die an krankhaften Samenverlusten Leidenden ängstigten — Impotenz, 
Tabes, Blödsinn — , speziell was die beiden letzteren Erkrankungen anbelangt, 
keineswegs der Erfahrung entsprechen und nur arge Übertreibungen darstellen. 
Allein auf der anderen Seite können wir auch die Gleichgültigkeit und den Opti- 
mismus nicht gerechtfertigt erächten, die so viele Ärzte noch den übermäßigen 
Pollutionen gegenüber bekunden. Wenn manche glauben, daß, da doch so viele 
Männer wÖchentUch zwei-, dreimal und noch Öfters sexuellen Umgang ohne Nach- 
teil pflegen, Pollutionen von ähnlicher Häufigkeit keinen wesenthchen Schaden 
bringen können, so übersehen sie, daß die in Frage stehenden sexuellen Leistungen 
nur bei Gesunden ohne Nachteil bleiben, die gehäuften Pollutionen dagegen an 
sich schon Folgen eines krankhaften Zustandes sind, welcher durch die Fortdauer 
der Samenverluste genährt imd gesteigert wird. Auch die Aimahme, der wir nicht 
selten begegnen, ist ganz unhaltbar, daß es sich bei den Pollutionisten im wesent* 
liehen nur um hypochondrischen Jammer handle und die Pollutionen gewöhnUch 
«in vorübergehendes Übel bilden, das kein ernstes Eingreifen erheischt. Die 
Klagen der Pollutionisten über zunehmende Nervenzerrüttung beruhen, wenn 
bei denselben zum Teil auch Übertreibungen mit unterlaufen, doch kein^wegs 



Dlolli™.b,Goü'^lf Or,,lr„lta™ 



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über Pollutionen vmA pollutionsartige Vorg&nge bei beiden Oesohlechtem. 161 

lediglich auf Einbildung und übenuäfiiger Ängstlichkeit, und die Erwartungen^ 
die man bezüglich alsbaldigen spontanen Schwadens der gehäuften Samen- 
Verluste hegt, erfüllen sich zumeist nicht. Ich habe Fälle gesehen, in welchen 
Pollut. nim. 20 Jahre und noch länger anhielten. Wir sind allerdings in der Lage, 
auch nach sehr langem Bestehen derselben noch wirksam dagegen vorzugehen, 
allein wir dürfen durchaus nicht annehmen, daß die Schädigung, welche das Nerven- 
system durch die lange Jahre hindurch immer wiederkehrende vom Bückenmarke 
ausgehende nervöse Erschütterung erfahren hat, mit der Beseitigung der Pollu- 
tionen sich ohne weiteres oder auch nur allmählich wieder ausgleichen wird. Die 
neurasthenischen Veränderungen des Nervensystems, welche sich unter diesen 
Verhältnissen entwickelt haben, sind in der Hegel einer völligen Reparation nicht 
mehr zugänglich. 

Daß es auch bei Frauen an Vorgängen nicht fehlt, die den Pollutionen beim 
Manne entsprechen, haben wir an früherer Stelle bereits gesehen. Nach v. Kraff t- 
Ebing sollten die Pollutionen beim Weibe nur ein Symptom einer funktionellen 
Erkrankung des Bückenmarks bilden, eine Auffassung, der ich nicht beipfhchten 
kann. Inwieweit in der Breite des Philologischen Pollutionen bei Frauen vor- 
kommen, läßt sich zur Zeit allerdin^ nicht feststellen. Daß bei gesunden (euro- 
päischen) Frauen Pollutionen häufig sind, möchte ich nicht behaupten, allein 
vereinzelte Mitteilungen, die mir gelegentUch gemacht wurden, sprechen dafür, 
daß sie bei solchen unter gewissen Umständen wenigstens (bei längerer Entbehrung 
des gewohnten ehehchen Umgangs z. B.) vorkommen^). Bei den Indierinnen 
scheinen dieselben häufiger zu sein; weni^tens weist eine Stelle in Oupnek'hat •) 
darauf hin, daß dieselben schon Jahrtausende vor Christi Geburt den altindischen 
Verfassern der Veden bekannt waren und von denselben als eine ganz gewöhnUche 
Erscheinung betrachtet wurden. Die betreffende Stelle lautet: „Und wenn die 
Gattin zu der Zeit, wo die gleichen Nächte zur Erzeugung eines Sohnes und die 
ungleichen zur Einengung einer Tochter bestimmt sind, träumt, es mache sich 
der Gatte mit ihr zu schaffen, und ihr Same ergießt sich, so wird diese, wenn die 
Frucht bleibt, ein Stück seelenloses Fleisch (Mondkalb) gebären, und wenn sie 
nicht gebiert, wird ihr Leib anschwellen!" Zum Verständnis dieser Stelle sei 
beigefügt, daß in dem Abschnitte, der dieselbe enthält (Oupnek'hat Porschi), 
Vorschriften zur Erzeugung gesunder Nachkommenschaft und speziell auch zur 
willkürlichen Erzeugung von Söhnen und Töchtern gegeben werden, Vorschriften, 
die merkwürdigerweise den in neuerer Zeit so viel besprochenen Sohenkschen 
Ideen nicht ganz ferne stehen. 

In der Mehrzahl der Fälle dürfte nach den zur Zeit vorHegenden Erfahrungen 
das Vorkommen von Pollutionen bei weibhchen Individuen auf eine durch Mastur- 
bation und ähnhche sexuelle SchädUchkeiten verursachte reizbare Schwäche des 
Lumboäakralmarks zurückzuführen sein. Bei sehr beträchtUcher Entwicklung 
dieses Zustandes kann es, wie schon erwähnt wurde, auch zum Auftreten von 
Tagespollutionen infolge der Einwirkung psychischer und mechanischer Reize 
kommen, welche Vorgänge gewöhnHch von unangenehmen, selbst peinlichen 
Sensationen begleitet sind. Ein von Bernhardt mitgeteilter Fall zeigt, daß 



^) Freud: Drei Abhandlungen zur Sexaaltäieorie, S. 43 erwUmt das Vorkonunen poUntdons- 
artiger Vorgänge bei M&dohen vor den Pabert&tsjahren und fttgt bei, daß dieses Voikommnis 
oft (nicht regelmäßig) eine Periode früherer aktiver Onanie zur Voraussetzung mi haben acheine. 

') Das Oupnek'hat, die aus den Veden zusammengesetzte Lehre von dem Brahm. Aus 
deraanskrit-persischen Übersetzung des Fürsten Mohammed Darasohekoh in das Lateinische 
übertragen von Duperron, deutsch von F. Miohel. Dresden 1882. S. 365. 

ISwenfeld, Sexualleben und Kervenlelden. Sechste Aufl. II 



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162 Über Pollutionen und pollutionsartige Vorg&nge bei beiden G^chlechtem. 

Tagespollutionen jedoch auch unabhängig von Einwirkung sexueller Noxen auf- 
treten können. Bei einer 25jährigen Hajidnäherin, welche nur einige Male vor 
dem 20. Lebensjahre sexuellen Umgang gehabt hatte» der Masturbation nicht 
ergeben und sexuell wenig bedürftig war, kam es im Gefolge schwerer gemütUcber 
Erregungen zur Entwicklung hjrsterischer Beschwerden und von Tagespollutionen. 
Letztere stellten sich bei jedem Ärger, namentlich wenn derselbe mit einer gewissen 
Ängatigung verknüpft war, ein und waren von keinerlei Lustgefühl begleitet. 
Die Patientin fühlte sich hierbei vielmehr „kreuzelend". Wenn es ihr manchmal 
gelang, durch Willensanstrengung die sexuelle Erregung im Entstehen nieder- 
zukämpfen, stellten sich andere Beschwerden: Ohrensausen, Schwäche im Arm, 
ein Gefühl der Leere in der Oberbauchgegend um so stärker ein, und sie war für 
den Best des Tages völlig arbeitsunfähig. Die gleichen Erscheinungen traten 
bei der Patientin auch nach Träumen ärgerUchen Inhalts auf. 

Unter den Vorgängen, welche den nächsten Anstoß zum Auftreten von 
Pollutionen geben, spielen zweifellos Träume die Hauptrolle, und man darf wohl 
annehmen, daß sie bei den normalen Pollutionen in der Kegel das auslösende 
Moment bilden. Die in Frage stehenden Träume beanspruchen ein besonderes 
Literesse, welches uns veranlaßt, ihnen hier eine kurze Berücksichtigung zuteil 
werden zu lassen. Die Vorgänge in den PoUutionsträumen gehören weit vor- 
waltend, aber keineswegs ausschließhch, dem sexuellen Gebiete im weiteren Sinne 
an. Es handelt sich im allgemeinen um Vorbereitung oder Ausführung eines 
sexuellen Aktes oder um Geschehnisse irgendwelcher Art, welche bei dem Träumer 
sinnliche Erregung herbeiführen (libidinöse Träume). Ein besonders beachtens- 
werter Zug dieser Träume hegt darin, daß in denselben die Eigentümhchkeiten 
der vita sexualis des Lidividuums und insbesondere alle Variationen der sexuellen 
Neigungen, die in der Breite des Normalen, wie im Bereiche des Abnormen vor- 
kommen, sich genau widerspiegehi. Naecke hat deshalb mit Becht den Traum 
als das feinste Beagens für die Art des sexuellen Empfindens des Lidividuums 
bezeichnet ^). 

Wie der sexuell Normale in der Begel nur Träume hat, deren Lihalt seinem 
heterosexuellen Fühlen entspricht, so träumt der Urning von homosexuellen 
Akten, der Fetischist von Vorgängen, in welchen die für ihn attraktiven Körper- 
teile oder Kleidungsstücke eine sinnlich erregende Bolle spielen, usw. ^). Es können 
aber auch im Traume sich sexuelle Neigungen offenbaren, die im Wachen nie 
zutage treten, oder wenigstens schon längere Zeit überwunden schienen (ins- 
besondere homosexuelle und sadistische Züge). Bemerkenswert ist femer, daß 
der Inhalt der Träume alle möghchen Abstufungen in der Darstellung sexueller 
Vorgänge, von der vollen BeaHtät bis zur bloßen Andeutung und zur rein sym- 
boUsehen Form •) aufweist und diese Variationen nicht bloß bei verschiedenen 
Personen, sondern bei einem und demselben Individuum sich finden. Meine 
Ermittlungen in einzehien Fällen scheinen darauf hinzuweisen, daß diese Varia- 
tionen mit der jeweiligen Intensität der Libido zusammenhängen, derart, daß 
bei sehr erheblicher Libido die vollen Darstellungen, bei geringer die Andeutungen 
und symbohschen Bilder vorkommen. Femer ist bemerkenswert, daß, während 



^) Naecke, Hbnatsschrift fUr Kritninalpsychologie usw. November 1895. 

*) Üb«- einen hierher gehörigen FaU wird an späterer Stelle berichtet. 

*) Ich zähle nicht zu jenen, welche in den Träumen immer Sexualsymholik linden wollen, 
muß aber doch bemerken, daß ich bei einzelnen meiner Patienten unter den analysierten Tr&umen 
auch solche fand, welche eine unbezweifelbare symbolische Darstellung eines sexuellen Aktes 
enthielten. 



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über PoUntionen nnd pollutünsartige Vo^Suge bei beiden Qesohleohtem. 163 

im allgemeinen bei einem und demselben Individuum der Inhalt der sexuellen 
Träume sehr variiert, in vereinzelten Fällen ein und dasselbe erregende Traum- 
bild immer wiederkehrt. In den Träumen mancher Individuen figurieren immer 
oder wenigstens zeitweilig lediglich Beminiszenzen masturbatorischer Vorgänge 
oder zufäUiger Erfahrungen. So berichtete mir ein Herr, der als Knabe bei einem 
Beitversuche zufäUigerweise etwas von geschlechtUcher Erregung empfand und 
später, diese Erfahrung verwertend» das Beiten zu onanistischen Zwecken aus- 
nützte, daß in den Träumen, die bei ihm Pollutionen herbeiführen, er immer 
mit Beiten sich beschäftigt, weibHche Personen dagegen nie eine Bolle spielen. 
Bei einem anderen Patienten meiner Beobachtung, der im Älter von 13 — 16 Jahren 
eine homosexuelle Neigung für einen Mitschüler hatte und bei dem es beim Herum- 
balgen mit diesem zum ersten Male zu einer Ejakulation gekommen war, handelte 
es sich Iq den Träumen, die zu nächtUchen Pollutionen führten, längere Zeit ledig- 
lich um Baufszenen ^). 

Unter den Träumen nicht sexuellen Inhalts, welche Pollutionen nach sich 
ziehen, sind die Angstträume weit vorwaltend. Seltener führen Traumvorgänge 
mit anderen peinhchen Affekten (Ärger) zur Auslösung von Pollutionen, und noch 
seltener nicht sexuelle Traumerlebnisse, welche von Lustgefühlen begleitet sind. 
So erwähnt Naecke des Falles eines älteren Herrn, bei welchem Flugträume 
Pollutionen auslösten. Stekel berichtet von einem Keurotiker, der in seinen 
Follutionsträumen auf einen Berg bis zu einer Buine stieg und sich dann herunter- 
rollen ließ, was ihm viel Vergnügen bereitete. 

Bei männlichen Individuen beginnen die sexuellen Träume in den Pubertäts- 
jabren (bei verfrüht auftretender Libido auch früher), werden in den voi^erückten 
Jahren seltener und treten in den Greisenjahren nur ganz vereinzelt noch auf. 
Bei Frauen, die weder sexuellen Verkehr gepflogen, noch Masturbation geübt 
haben, mangeln solche in der Begel. Bei gesunden Individuen beider Geschlechter 
ist sexuelle Abstinenz ein wesentliches Erfordernis für das Auftreten der frag- 
Uchen Träume. Die Häufigkeit derselben bei geschlechtUcher Enthaltsamkeit 
schwankt jedoch bedeutend, und zwar nicht bloß bei verschiedenen Individuen, 
sondern auch bei dem Einzelindividuum zu verschiedenen Zeiten. Alle Momente, 
welche die Libido zeitweilig oder andauernd steigern, bedingen auch häufigeres 
Auftreten sexueller Träume. 

Beim Manne stellt man sich den Nexus zwischen Abstinenz und sexuellen 
Träumen gewöhnlich in der Art vor, daß die bei ersterer stattfindende Sperma- 
anhäufung in den Samenblasen durch Druck oder auf anderem Wege (Bohleder 
spricht von Hyperämisierung, einer physiologischen Entzündung) eine Beizung 
der Samenblasennerven herbeiführt, deren Erregung zentral fortgeleitet laszive 
Traumbilder auslöst. Diese setzen dann die spinalen Mechanismen für die Erektion 
und Ejakulation in Tätigkeit. Neben der Beizung der Samenblasennerven kommt 
jedoch für die Auslösung der sexuellen Träume noch der Grad der Erregbarkeit 
der kortikalen Zentren für die sexuellen Funktionen in Betracht. Dieser hängt 
von dem im Blute kreisenden Quantum der von mir als „libidogene" bezeich- 
neten Stoffe ab, die jedenfalls ganz vorwaltend von den Keimdrüsen produziert 
werden nnd bei sexueller Abstinenz in größerer Menge im Blute vorhanden sind. 
Der Hergang bei der Entstehung der hbidinösen Träume bei in sexueller Abstinenz 
lebenden gesunden Männern dürfte demnach folgender sein : Durch die Anhäufung 

1) Siehe Löweufeld: Über die sexuelle Konatitution und andere Sexualprobleme 1911. 
8. 130. 



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164 Über Pollutionen und polhitionsartige Vorgänge bei beiden Qeeohlechtem. 

libidogener Stoffe im Blute erfährt die Erregbarkeit der kortikalen Sexualzentren 
eine mehr und mehr anwachsende Steigerung, während zu gleicher Zeit die Nerven 
der Samenblasenwandungen durch die Spermaanhäufung einer zunehmenden 
mechanischen Irritation unterliegen. Hat die Erregbarkeitssteigerung in den 
kortikalen Sexualzentren und die mechanische Irritation der Samenblasennerven 
eine gewisse Grenze erreicht, dann werden durch letztere im Schlafe sexuelle 
Traumbilder ausgelöst. Daß die Erregung der Samenblasennerven für die Herbei- 
führung sexueller Traumbilder bei Männern nicht allein in Betracht kommt, 
hierfür sprechen, abgesehen von den gleich zu erwähnenden Erfahrungen, die 
Fälle, in welchen bei ^gesunden Individuen unter dem Einflüsse sinnÜch erregender 
Momente Pollutionen mehrere Tage nacheinander, mitunter selbst in einer Nacht 
sich wiederholen. Sexuelle Träume treten jedoch auch bei In^viduen auf, welche 
nicht in Abstinenz leben, sondern regelmäßigen Geschlechtsverkehr üben und 

noch häufiger bei Personen, welche andauernd an übermäßigen (krankhaften) 
Pollutionen leiden, bei denen also von einer Spermaanhäufung keine Bede sein 
kann. Verschiedene Beobachtungen sprechen dafür, daß von dem Sexualapparate, 
aber nicht von den Samenblasen ausgehende Erregungen auch in diesen Fällen 
an der Auslösung der Traumbilder beteiligt sind. Bei den an krankhaften Pollu- 
tionen Leidenden treten diese Ergüsse insbesondere gegen Morgen, also bei stärkerer 
Füllung der Blase und beim Einnehmen der Bückenlage ein. Daß die hier in Frage 
stehenden, unter normalen Verhältnissen unwirksamen Erregungen zur Aus- 
lösung sexueller Traumbilder führen, hängt davon ab, daß bei den betreffenden 
Individuen die genitalen Bückenmarkszentren in einem Zustande reizbarer 
Schwäche sich befinden und deshalb die von den Sexualorganen ihnen zufheßenden 
Erregungen verstärkt korükalwärts leiten. 

Auf ähnliche Vorgänge sind die sexuellen Träume der Masturbantinnen mit 
genitalem Erethismus zurückzuführen, nur daß bei diesen infolge lokaler Irri- 
tationen schon von der Peripherie beträchtlichere Erregungen den eben erwähnten 
Zentren zugeleitet werden. 

Viel weniger klar ist der Vorgang, der zum Auftreten sexueller Träume bei 
gesunden, in sexueller Abstinenz lebenden Frauen führt. Ein Analogon für die 
Spermaanhäufung beim Maime fehlt hier, und wenn wir auch annehmen, daß 
beim Manne unter dem Einflüsse der Abstinenz Veränderungen in gewissen Teilen 
des Sexualapparates (z. B. hyperämische Zustände) sich einstellen, so können 
wir denselben allein doch nicht die Auslösung der sexuellen Traumbilder zuschreiben. 
Jedenfalls spielt auch beim Weibe die durch Anhäufung libidogener Stoffe im Blute 
bedingte Erregbarkeitssteigerung der kortikalen Sexualzentren eine Bolle, und 
es ist mir am wahrscheinlichsten, daß ähnlich wie beim Manne nur das Zusammen- 
treffen dieses Moments nüt von der Peripherie kommenden Erregungen zur Aus- 
lösung sexueller Träume führt. 



Dlc,lll.™b,G00j5lc Or,<,lr„lta™ 



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XV. 

Erkranknngeo der Sexualorgane bei Franen als Ursache 

von Nervenleiden. 



Die Erkrankungen der Sexualorgane spielen beim Manne, ^e "wir gesehen 
haben, im allgemeinen als Ursache von nervösen Krankheiten eine sehr bescheidene 
Rolle; ungleich größer ist die Bedeutung, welche Krankheitszustände der weib- 
lichen Sexualorgane für die Ätiologie der bei Frauen vorkommenden Nerven- 
leiden beanspruchen. Wir zählen keineswegs zu den Anhängern der Goetheschen 
Theorie : 

„Eb ist ihr ewig Weh und Aoh 

So tAueendiach 
ÄU8 einem Punkte zu kurieren." 

Allein, wenn wir auch alles in Abzug bringen, was von den Behauptungen 
über nervöse Polgezustände der speziellen Frauenkrankheiten einer strengeren 
Kritik nicht standhält und was noch strittig ist, bleiben letztere noch immer als 
ein sehr beachtenswerter Paktor unter den Ursachen der nervösen Äffektionen 
des zarten Geschlechts bestehen. 

Die Beziehungen zwischen weibHchen Sexual- und Nervenleiden haben in 
der Literatur der letzten Dezennien den Gegenstand sehr zahlreicher Abhand- 
lungen gebildet, die nicht ohne Nutzen gebheben sind und vieles zur Klärung 
der Sachlage und zur Anbahnung einer Verständigung zwischen den zunächst 
interessierten ärztlichen Kreisen beigetragen haben. Während früher in der Auf- 
fassung der Beziehungen zwischen den in Rede stehenden Krankheitsgruppen 
die Gynäkologen einerseits und die Internisten und Neurologen andererseits weit 
auseinandergingen, ist heutzutage, wenn auch noch keine vöUige Übereinstimmung, 
so doch wenigstens eine sehr erhebliche Annäherung in den in Betracht kommenden 
Ansichten der beiden medizinischen Lager zu verzeichnen. 

Die Gynäkologen haben sich im Laufe der Jahre mehr und mehr daran 
gewöhnt, den Erfahnangen der Neuropathologen hinsichtlich der Ätiologie der 
Neurosen und Psychoneurosen bei beiden Geschlechtem Rechnung zu tragen 
und aus der Koexistenz von Genital- und Nervenleiden noch nicht ohne weiteres 
die Berechtigung zur Annahme eines ursächlichen Zusammenhanges zwischen 
beiden abzuleiten. Diese Wandlung in den Anschauungen der Gynäkologen hat 
sich auch auf praktischem Gebiete bereits fruchtbar erwiesen, sofern hierdurch 
der Übereifer in der Lokalbehandlung der weiblichen Sexualleiden wesentlich 
eingeschränkt und die Wertschätzung der neuro therapeutischen Methoden auch 
seitens der Gynäkologen bedeutend gefördert wurde. 



Dlfllll^MbvGoüJjle Or,,™lta™ 



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166 Krl^rankiuigen der Sexualorgane bei I^uec als Unache von Nervenleiden, 

Die nervösen Stömngen, bei welchen ein Zasammenhang mit Erkrankungen 
des weiblichen Sexaalapparates überhaupt in Frage kommt» müssen nach den 
dabei beteiligten nervösen Gebieten in lokale Affektionen und allgemeine Neurosen 
geschieden werden. Es ist ohne weiteres veratändlich, daß Erkrankungen der 
weibüchen Beckenorgane, indem sie durch Druck oder Zerrung zu mechanischer 
Beeinträchtigung der in den erkrankten Organen oder in deren Nachbarschaft 
verlaufenden Nerven oder zu diese schädigenden Zirkulationsstörungen führen, 
nervöse Beschwerden verursachen. Es muß auch ohne weiteres zugegeben werden, 
daß bei den mannigfachen Verbindungen der Nerven der Genitalorgane unter- 
einander und mit denen benachbarter Teile die durch Erkrankung eines Ab- 
schnittes des Sexualapparates verursachten nervösen Heizungen sich über die 
nächste Umgebung hinaus fortpflanzen können. 

Als Affektionen, welche lokale nervöse Störungen hervorzurufen geeignet 
sind, kommen in Betracht : Tumoren des Uterus, chronische entzündÜche Prozesse 
desselben und der Ovarien, Exsudate, Schrumpfungsprozesse, Narben und Ge- 
schwüre ^) (mit Freilegung der Nervenendigungen), dann auch gewisse Lagever- 
änderungen des Uteras und der Ovarien, Senkung und Prolaps des Uteras, descensus 
ovarionim. Von den Beschwerden, welche bei diesen Leiden auftreten, stehen 
Schmerzen und Parästhesien im Vordergrunde. Die Schmerzen können in der 
Tiefe des Beckens lokahsiert sein und sich mit Empfindungen der Schwere, des 
Druckes oder Drängens verknüpfen; sehr häufig haben sie ihren Sitz in der Kreuz- 
und Gesäßgegend, auch an den Oberschenkeln und hier sowohl im Gebiete des 
N. craralis als des K. ischiadicus, seltener in den Verbreiterungsbezirken dieser 
Nerven am Unterschenkel und Fuße, auch die untere Bauch- und Steißbeingegend 
(Coccygodynie) wird des öfteren heimgesucht. Zu diesen Schmerzen gesellen 
sich häufig Schwächezustände der Beine und Gefühle abnormer Müdigkeit in 
denselben und im Bücken, in manchen Fällen auch Beschwerden bei der Ham- 
und Stuhlentleerung (Tenesmus vesicae et recti, Schmerzen im After bei der 
Entleerang usw.). Diese Erscheinungen sind jedoch, soweit man dies gegenwärtig 
beurteilen kann, nur zum Teil direkt von Irritationszuständen der Beokennerven 
abhängig, sie finden sich auch bei Frauen mit gesunden Sexualorganen (Hegar) *) 
und entsprechen überwiegend den Symptomen, die bei der sogenannten Lenden- 
marksneurastheme des Mannes auftreten. Diese Umstände legen die Annahme 
nahe, daß sie zum Teil auch durch Fortpflanzung von Beizungsvorgängen im 
Bereiche der Beckennetven nach dem Lumbosakralmark und dadurch bedingte 
reizbare Schwäche dieses Markabschnittes zustande konunen. Hegar bezeichnet 
die betreffenden Symptome auch schlechtweg als „Lendenmarkssymptome*', 
wodurch jedoch zur Klärung der Sachlage nichts getan ist. 

Die oben angeführten Genitalaffektionen führen nicht sämtlich gleichmäßig 
zu den in Frage stehenden Beschwerden, sondern je nach ihrer Art und Lokalität 
vorwaltend zu der einen oder anderen Grappe derselben. Die Intensität und 
Ausbreitung der auftretenden nervösen Störangen steht dagegen in keiner kon- 
stanten Beziehung zu der Art und LokaUtät der Erkrankung. ErhebUche Sexual- 

^) Die Bedeutung der Erosionen an der Portio, welche man früher als eine Quelle vieler 
nervöser Störungen betrachtete, wird in neuerer Zeit von den Gynäkologen Befar gering taxiert. 
So bemerkt Krönig, daß dieselben nach allgemeiner Ansicht der Gynäkologen wohl geringe 
lokale Störungen, AuafluB, eventuell auch Blutungen hervorrufen können, daß sie aber wohl 
niemals nervöse Symptome in entfernter liegenden Gebieten reflektorisch oder durch Irradiation 
bedingen. 

') Hegar erwähnt, daß bei 16Vo der Frauen mit Lendenmarkssymptomen sich 
pathologische Veränderung der SezuaIoi::gane nachweiBen ließ. 



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Erlkranlningen der Sexualorgane bei Frauen als Ursache von Nerveuleiden. 167 

^ 

affektionen bestehen nicht selten ohne alle Lendenmarkssymptome (Hegar) ^), 
dies weist schon darauf hin, daß für das Zustandekommen der angeführten Lokal- 
symptome ein Faktor von großer Bedeutung ist, der auf Seiten des Nervensystems 
liegt. Die hier in Betracht kommenden Sexualleiden können natürhch ebenso 
-wie nervengesunde auch neuropathisch disponierte und bereits neurasthenische 
Frauen heimsuchen, und es ist begreiflich, da vir die gleichen Erscheinungen bei 
anderen Erkrankungen finden, daß das sexuelle Leiden um so intensivere und 
verbreitetere Nervenstörungen hervorruft, je geringer die Widerstandsfähigkeit 
des Nervensystems ist. Mit der mechanischen Irritation der Beckennerven ver- 
binden sich bei den weibhchen Sexualleiden häufig Blut- und Säfteverluste, welche 
zu Beeinträchtuog der Allgemeinemährun g und damit auch zur Schwächung 
der nervösen Konstitution oder zur Steigerung einer bereits bestehenden neuro- 
pathischen Bisposition führen. In ähnUchem Sinne wirken bei vielen weiblichen 
Personen psychische Vorgänge, welche durch das Sexualleiden angeregt werden: 
die gemütliche Alteration, welche der Gedanke, sexualkrank zu sein, hervorruft, 
die Sorgen wegen der möglichen Folgen des Leidens für das eheliche Glück (Sterili- 
tät) oder wegen dessen Weiterge^taltung (Karzinomfurcht), die peinlichen Er- 
regungen, welche die notwendig werdende gynäkologische, oft lange Zeit sich 
hinziehende Behandlung veranlaßt, der Verdruß über die Behinderung in der 
gewohnten häusUchen oder geschäftlichen Tätigkeit usw. Schon in den Fällen, 
in denen das Sexualleiden allein den Anstoß zur Entwicklung der nervösen Stö- 
rungen gibt, haben wir es daher häufig mit kompUzierten Verhältnissen zu tun; 
bei der größten Mehrzahl der Fälle, in welchen wir nervöse Leiden mit Genital- 
affektionen verknüpft finden, führen jedoch, wie Engelhard an dem Materiale 
der Hegarschen Klinik nachgewiesen hat, die Sexualleiden nur im Vereine mit 
einer Mehrzahl anderer Schädlichkeiten die nervösen Störungen herbei*); hier- 
durch wird natürhch die Beurteilung des Einflusses, welchen das Sexualleiden 
direkt auf das Nervensystem äußert, noch mehr erschwert. Dieser Umstand 
macht es aber auch einigermaßen begreiflich, daß wir so häufig bei sexualkranken 
Frauen nicht lediglich Lendenmarksymptome oder solche überhaupt nicht, sondern 
Zustände allgemeiner Neurasthenie oder neurasthenische Funktionsstörungen 
einzelner innerer Organe finden, neben welchen andere mehr untergeordnete 
neurasthenische Erscheinungen bestehen oder auch wenigstens zeitweihg mtuigeln. 
Die Entwicklung und Gestaltung speziell letzterer Fälle weist darauf hin, daß, 
wenn es von der Sexualerkrankung aus zu einer Beeinflussung höher gelegener 
Abschnitte des zentralen Nervensystems kommt, diese nicht ledigUch auf dem 
Wege kontinuierlicher Ausbreitung einer reflektorisch von den Sexualorganen 

*) Das Mißverhältois zwischen dem pathologischen Befunde in den Sexualorganen und 
den bestehenden nervösen Stöningrn hat schon Spencer Wells hervorgehoben. KrÖnig 
erwähnt, daß man merkwürdigerweise von jeher nicht die schwersten Gienitalerkrankungen, 
wie z. B. Utcruskarzinome, sondern nur die geringfügigen Erkrankungen, wie Erosion am Mutter- 
munde, Lageveränderung des Uterua, Schrumpfungen im Parametrium, kleinzystische De- 
generation der Ovarien usw. in ursächliche Beziehungen zu lokalen und allgemeinen Neurosen 
gebracht hat, und er betont, daß es etwas Ge7.wungenes an sich hat, daß gerade so anatomisch 
geringe Veränderungen an den Gienitalien so schwere nervräe Erscheinungen hervorrufen sollen. 
Auch Theilhaber hebt den Umstand herVor, daß in neuerer Zeit sehr selten ematere gynäko- 
logische Erkrankungen, zumeist leichtere Affektionen (Retroflexio, Eroeio) als Ursache von 
Reflexneurosen angesehen wurden. 

') Es sei hier auch darauf hingewiesen, daß nach Waldhard sich bei kaum 10% psycho- 
neurotischer Patientinnen pathologisch-anatomische Veränderungen im Gienitalo finden und es 
sich dabei in der weitüberwiegenden Mehrzahl der Fälle um harmlose Erkrankungen handelt. 
(Monatsschrift für GeburtehUfe und Gynäkologie. Bd. XXXVI. Ergänzungsheft.} 



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168 Erkrankungen der Sexualoigane bei Frauen aU Ursache von Nervenleiden. 

aus erzeugten neurastheDisoben Veränderung durch das Gesamtrückenmark 
hindurch nach oben geschehen muß. Bei den sexualkranken Frauen machen sich 
einerseits ebenfalls die verschiedenen Widerstandsverhältnisse der einzelnen 
Gebiete der Zentraloi^ane geltend, deren Bedeutung für die Ijokahsation ne'ur- 
astbeniscber Störungen wir schon früher kennen gelernt haben, andererseits der 
Umstand, daß zwischen einzelnen Organen', resp. Oi^ansystemen und dem Sexual* 
apparate offenbar intimere Beziehungen bestehen, daher die Funktionen dieser 
Organe durch Zustände des Sexualapparates leichter auf reflektorischem Wege 
gestört werden als die anderer Organe. 

Unter den Oi^nen, deren Funktionen solcher reflektorischer Beeinflussung 
von den weibhchen Sexualorganen aus unterliegen, steht der Verdauungsapparat 
obenan. Allbekannt sind die Magenbeschwerden (Übelkeit, Brechreiz und Er- 
brechen), welche bei so vielen Frauen in den ersten Schwangerschaftsmonaten 
anftret«a. Durch Kretschy und Fleischer wurde nachgewiesen, daß der physio- 
logische Vorgang der Menstruation eine Verlangsamung der Magenverdauung 
bedingt, und mit dem Aufhören der Blutung der Verdauungsprozeß wieder normal 
wird. Gastrointestinale Störungen finden sich femer bei sehr viel^i Frauen mit 
Sexnalleiden, und dieselben haben schon lange die Aufmerksamkeit der Gynä- 
kologen auf sich gezogen; eingehendere Untersuchungen über die Art dieser 
Störungen und ihre Beziehung zu den Sexualaffektionen sind jedoch erst in neuerer 
Zeit angestellt worden. Selbstverständlich sind die Magen- und Darm- 
beschwerden mit Sexualaffektionen behafteter Frauen nicht immer 
durch letztere verursacht. In zahlreichen Fällen bildet die Genitalerkrankung 
lediglich eine zufälhge Komphkation nervöser oder organischer Magenleiden; 
mitunter — so bei Enteroptose — sind die gastrointestinalen Störungen und die 
Lageveränderung des Uterus Koeffekte derselben Ursache (hochgradiger Er- 
schlaffung aller Bandapparate im Bauchraume, der Douglasschen Bänder usw.); 
in manchen Fällen ist auch die gynäkologische Affektion durch eine primäre 
Anomafie des Verdauungsapparates bedingt. Theilhaber macht hier insbesondere 
auf die Atonie des Darmes und die dadurch bedingte Anhäufung von Gasen und 
Kotmassen aufmerksam, welche zu venösen Stauungen im Uterus und dadurch 
zu Metrorrhagien, Dysmenorrhöe und Fluor albus führt. In einer weiteren Keihe 
von Fällen endhch gibt die Sexnalerkrankung auf reflektorischem Wege den 
Anstoß zur Entwicklung gastrointestinaler Beschwerden. Was nun die Art dieser 
betrifft, so glaubte Kisch eine besondere „uterine Dyspepsie" unterscheiden zu 
dürfen, welche durch Veränderung der Magensekrete, Hemmung der Darmbewegung 
und Erbrechen charakterisiert sein sollte. Durch Frank, Panecki und die 
Münchener Beobachter Theilhaber und Gramer wurde jedoch nachgewiesen, 
daß die von den Sexualorganen ausgehenden nervösen Magenaffektionen keine 
gleichförmige Symptomatologie aufweisen und eine besondere „uterine Dyspepsie" 
nicht existiert ^). Die genannten Beobachter landen bei Frauen mit Genital- 
anomalien und gastrischen Beschwerden in der großen Mehrzahl der Fälle die 
Sekretion und Verdauungskraft des Magens normal (Theilhaber-Crämer unter 

') Auch Kehrer: (Die phyitiologiachen und pathologischen Beziehungen der weiblichen 
Sexuak)i^ne zum Tractus intestinalis, 1906, S. 163) berichtet: „Meine eigenen Untersuchungen 
führen zu dem Resultat, daß bei den verschiedenen Formen gMlaischer Störungen bei gleich- 
zeitigen gynäkologischen Erkrankungen, die mim mit mehr oder weniger Recht als &tiologiBche 
Momente der Magenerscheinungen auffassen durfte, die sekretorischen Funktionen dra Magens 
so verschieden sind, daß von einem einheitlichen Krankheitsbild keine Rede sein kann." Der 
Autor fand in 42% der von ihm untersuchten Fälle die sekretorische Funktion des Bfagena trotz 
rorhandener Bsechwerden dyspeptischer oder kardial^isoher Art vollkommen nonnaL 



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Erkrankungen der Sexu&Ioigane bei fteuen afe Unache von Nervenleiden. 160 

45 Fällen nur einmal Anaziditas und einmal Hyperazidität), femer Erbrechen 
relativ selten. Die gastrischen Störungen genitalen Umprungs zeigen ganz die 
gleichen Variationen wie die Erscheinungen der nervösen Dyspepsie anderer 
Herkunft. Neben der einfachen nervösen Dyspepsie im Leubeschen Sinne (ohne 
Alteration des Chemismus und der motorischen Tätigkeit des Magens) werden 
Herabsetzung der Motilität (Ätonie) und Störungen des Chemismus des Magens, 
auch Darmatonie angetroffen ^). Auch periodische Gastralgien kommen mitunter 
vor (Theilhaber-CrSmer). In bezug aiif die reflektorische Auslösung gastro- 
intestinaler Beschwerden verhalten sich die einzelnen Teile des weibHchen Sexual- 
apparates allem Anscheine nach nicht gleichwertig. Am häufigsten bilden Er- 
toankungen des Uterus eine Quelle dieser Störungen. Ungleich seltener sind 
Affektionen der Ovarien im Spiele, Veränderungen der Vagina und Vulva bleiben 
in der fragUchen Bichtung ganz ohne Einfluß. Besonders auffällig äufiert sich 
mitunter die Einwirkung gewisser Lageveränderungen (Senkungen) des Uterus. 
Ich habe wiederholt Damen behandelt, bei welchen neben anderen neurasthenischen 
Beschwerden völliger Appetitmangel, Nausea und Brechreiz bestand. Diese 
Erscheinungen trotzten fangere Zeit jeder Behandlung, sie schwanden dagegen 
sofort nach Einführung eines Pessars und kehrten wieder, wenn dieses aus der 

Lage kam. 

An die gastrointestinalen Beschwerden reihen sich an Häufigkeit die Herz- 
störungen sexualkranker Frauen an. Es handelt sich hier um die verschiedenen 
Erscheinungen nervöser Herzschwäche, wie sie auch tmabhängig von Sexual- 
affektionen bei Neurasthenischen angetroffen werden: Zumeist anfallsweise auf- 
tretende Beschleunigung der Herztätigkeit mit Gefühl des Herzklopfens, echte 
Tachykardie mit einer Pulsfrequenz bis 180 und selbst 200, begleitet zumeist 
von Brustbeklemmung und Angstzuständen, zum Teil auch von schmerzhaften 
Sensationen in der Herzgegend, die nach einem oder beiden Armen ausstrahlen 
können (Pseudo-angina pectoris), seltener Verlangsamurg oder Unregelmäßig- 
keiten der Herztätigkeit (letztere mitunter den tachykardischen Anfall einleitend), 
oder ausgesprochene Herzschwäche, dabei auch Öfters vasomotorische Störungen 
an der Peripherie (Erkalten der Hände und Füße usw.). Kisch fand unter 126 weib- 
lichen Personen im Alter von 17 — iS Jahren mit Punktionsstörungen oder patho- 
logischen Veränderungen des Genitalapparates bei 38 (= 32,7%) Herzbeschwerden, 
und zwar nervöse Tachykardien in 21 und Pseudoangina pectoris in 3 Fällen. 
Unter den verschiedenen Sexualerkrankungen scheinen nach den vorUegenden 
Erfahrungen die Metritis chronica und die Tumoren des Uterus (insbesondere 
Myome) am häufigsten den Anstoß zum Auftreten nervöser Herzbeschwerden 
zu geben. Von den Menstruationsanomahen sind in dieser Richtung Amenorrhoe, 
Menorrhagie und Dysmenoniiöe häufig wirksam (Kisch). Die Beziehungen, 
welche zwischen den Herzbeschwerden imd den Sexualerkrankungen oder Störungen 
bei Frauen bestehen, sind jedoch in den einzelnen Fällen sehr verschieden. Wir 
haben es hier mit ähnlichen Verhältni^^sen wie bei den gastrointestinalen Störungen 
zu tun. Die Erscheinungen der nerv(^en Herzschwäche können natürlich be^ 
Frauen mit sexuellen Anomahen durch dieselben nervenschädigenden Momente 
hervorgerufen werden, wie bei Frauen mit normalen Genitalzuständen (gemüt- 

1) Cr&tner fand in allen F&llen einfacher nervöser Dyspepsie atonische Zustände des 
Kolons mit Koprostase, die er als das Primftre und Ursache der gastrischen Störungen (sowie 
auch anderer gleichzeitig vorhandener nervöser Symptome) betrachtet. Theilhaber vertrat 
früher die Ansicht, daB die Atonie des Kolons auf reflektorischem Wege von den Sexualoi^aen 
aas entsteht. 



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170 Erkranlningen der Sexaalorgane bei Frauen als Ursache von Nervenleiden. 

liehe Erregungen, toxische Einwirkungen usw.). Die Herzstörungen können daher 
jeder ursächlichen Beziehung zur Genitalaffektion ermangeln. In nicht seltenen 
Fällen bildet diese nicht das einzige ursächliche Moment, welches zum Auftreten 
von Herzbeschwerden Anlaß gibt. So habe ich mehrfach Fälle beobachtet, in 
welchen zur Zeit der Menses tachykardische Anfälle sich einstellten, solche aber 
auch in der intramenatruellen Zeit durch verschiedene Anlässe (Aufregungen, 
Kaffeegenuß usw.) herbeigeführt wurden. Die gynäkologische Affektion kann 
auch auf indirektem Wege Herzbeschwerden nach sich ziehen, resp. zum Auf- 
treten solcher beitragen, indem sie durch reichliehen Blutverlust zur Verschlech- 
terung der Ällgemeinemährung und dadurch zur Schwächung der nervösen 
Konstitution führt, oder indem sie peinHche gemütliche Erregungen veranlaßt 
wegen Behinderung des eheUchen Verkehrs oder Verursachung von Sterilität, 
Furcht vor einem operativen Eingriff usw. Daneben begegnen wir Fällen, in 
welchen allem Anscheine nach lediglich auf reflektorischem Wege die Herz- 
störungen zustande kommen^). 

Folgendes ist ein Fall dieser Art: 

In meiner Beobachtung befindet sich seit vielen Jahren eine jetzt Ende der 50er Jahre 
stehcnck unverheiratete Dame. Dieselbe verfiel Ende der 30er Jahre ihres Lebens infolge jahre- 
langer geistiger Überanstrengung und vieler gemütlicher Erregungen in schwere Neurasthenie 
mit besonders hervortretenden Herzsymptomen. Die Patientin wurde häufig von schweren 
tachykardisohen Anfällen heimgesucht, die durch verschiedene Momente (KaffeegenuQ, geistige 
Anstrengung, Schrecken usw.) hervorgerufen wurden und keinen Zusammenhang mit den Menses 
zeigten. Mit der Basserong des neurasthenischen Allgemeinzuatandes wurden diese Änf&lle 
seltener und seltener, und wfthrend einer Anzahl von Jahren verloren sie sich ganz. Mit dem 
Eintritt des Klimakteriums (Ende der 40er Jahre) stellten sich tachykardische Anfälle leichterer 
Art wieder ein, aber fast ausschließlich zur SIeit der Menses, die in der Begel, wie schon früher, 
mit dysmenorrhoischen Bsschwerden verknüpft waren. Oft kam es vor, daß die tachykardischen 
Anfälle die puiz unregelmäßig auftretenden Menses durch ihr Erscheinen ankündigten. 
S{Ate8tens innerhalb 12—24 Stunden nach dem Anfalle stellten sich die Menses in der Begel 
ein, wenn dieselben zur Zeit des Anfalles noch nicht bestanden. Einer derartigen durch Jahre 
hindurch fortgesetzten Bsobachtung gegenüber dürfte es wohl recht schwer sein, von einer bloß 
zufälligen Koinzidenz zu sprechen. 

Wenn ich nach dem Dargelegten an dem Vorkommen genitaler Reflexneurosen bei Frauen 
Krdnig gegenüber festiialten muß, so bin ich andererseits weit davon entfernt, diesem Autor 
entgegenzutreten, wenn er einen reflektorischen oder konsensuellen Zusammenhang von Nerven- 
leiden speziell mit gewissen Sexualerkrankun^n (Endometritis, Erosion, Stenose dfs Cervtx 
usw.) als unerwiesen bezeichnet. 

Das hier Bemerkte gilt auch der Auffassung Theilhabers gegenüber, welcher 
Autor sich in neuerer Zeit sehr skeptisch in betreff des Vorkommens genitaler 
Beflexneurosen geäußert hat. Theilhaber glaubt nicht, „daß durch gynä- 
kologische Anomalien, die sonst keine oder nur ganz geringfügige Symptome 
machen und die keine Verschlechterung der Blutbeschaffenheit verursachen, 
Nervengebiete affizdert werden können, welche von den Genitalien weit entfernt 
hegen". 

Über die Beziehungen der Sexualerkrankungen der Frauen zur Hysterie 
bestanden früher weitgehende Meinungsverschiedenheiten zwischen Gynäkologen 
und Neurologen. Während erstere zumeist noch kein Bedenken trugen, die Genital- 
leiden bei Frauen als wichtigste Ursache der Hysterie zu betrachten, waren manche 
Neurologen geneigt, diese Auffassung als eine Art Köhlerglauben zu erklären. 

^) Kisch erwähnt, daß er auch ^lle sah, in denen nicht das gynäkologische Leiden selbst 
die Herzbeschwerden verursacht^, s<^dwm 'diese letzteren eine Folge der gegen die Sexual- 
erkrankung angewendeten ärztlichen Behandlung waren, wobei er außer intrauterinen Eingriffen, 
wie Sondierung, Atzung, besonders die gynäkolc^isohe Massage anschuldigt. 



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Erkranl^ungen der Sezualoi^ne bei Frauen aJs Ursache Ton Nervenleiden. 171 

So bemerkte Möbins: „Die törichte Meinung, daß der Uteras etwas mit der 
Hysterie za tun habe, wie der Name ausdrückt, wird jetzt hoffentlich von niemand 
mehr gehegt." Windscheid dagegen hielt es noch in seiner 1897 verÖffentUchten 
verdienstvollen Arbeit „Neuropathologie und Gynäkologie" für gerechtfertigt, 
die H^terie zu den reflektorisch von den weiblichen Sexualorganen ausgelösten 
Neurosen zu zählen, und bis zur Gegenwart mangelt es nicht an Neurologen und 
Psychiatern, die, wie Binswanger und Oppenheim, den Sexualerkrankungen 
der Frauen in der Ätiologie der Hysterie eine gewisse Rolle zuschreiben. Auf der 
anderen Seite ist man im Lager der Frauenärzte allgemein von der früheren Über- 
schätzung gynäkologischer Äffektionen als Ursache hysterischer Zustände ent- 
schieden abgekommen, wenn es auch nicht an einzelnen Autoren gefehlt hat, 
welche wenigstens in gewissen Erkrankungen des weiblichen Sexualapparates, 
so W. A. Freund^) in der Parametritis chronica atrophicans, eine überaus 
wichtige Ursache der Hysterie gefunden zu haben glaubten. 

Die Vorstellungen, welche wir uns von der Art der Beziehungen zwischen 
hysterischen Erscheinungen und Sexualleiden bei Frauen bilden, hängen von der 
Auffassung ab, die wir bezüf^ch des Wesens und der Ätiologie der Hysterie hegen. 

Wir müssen deshalb diese überaus schwierigen Probleme hier wenigstens 
flüchtig berühren. 

So zahlreich und ernsthaft auch die Versuche sind, die in den letzten Dezennien 
von gynäkologischer und neurologischer Seite unternommen wurden, dem Wesen 
der Hysterie näher zu kommen, so haben sie dcch nur zu einer Menge mehr oder 
weniger voneicander abweichender Auffassungen geführt. 

Schon die Variationen der nosologischen Stellung, welche man der Hysterie 
geben will — Neurose, Psychoneurose, Psychose — , weisen darauf zur Genl^ 
hin. Bei alledem ist jedoch nicht zu verkennen, daß wenigstens hinsichthch einzelner 
Punkte in der Ätiologie der Hysterie bei der Mehrzahl der Autoren — von Freud 
und seiner Schule sei hier zunächst abgesehen — eine gewisse Übereinstimmung 
sich allmähUch entwickelt hat. Hysterische Erscheinungen können nicht bei 
jedem behebigen Individuum durch Einwirkung gewisser Noxen hervoi^erufen 
werden. Das Auftreten derartiger Erscheinungen ist an das Vorhandensein einer 
gewissen Disposition oder Konstitution gebunden, welche in geringerem oder 
stärkerem Maße ausgebildet sein kaim. Wenn wir zu einem Verständnis der hyste- 
rischen Phänomene gelangen wollen, müssen wir daher zwischen zwei Dingen 
unterscheiden: dem dauernd vorhandenen abnormen Grundzustande und den 
hysterischen Symptomen, welche auf dieser Basis sich entwickeln. I^etztere 
variieren bekanntlich nicht nur bei verschiedenen Kranken, sondern in den ein- 
zelnen Fällen zu verschiedenen Zeiten ganz außerordenthch. Sehen wir zunächst 
zu, wodurch sich die hysterische Konstitution charakterisiert, so stoßen wir auf 
eine Fülle divergenter Ansichten. Früher glaubte ein Teil der Autoren, daß das 
Wesen der hysterischen Konstitution in der sog. reizbaren Schwäche des Nerven- 
systems gegeben sei, während in neuerer Zeit die Mehrzahl der Neurologen und 
Psychiater der Ansicht zuneigt, daß das Charakteristikum der hysterischen Kon- 
stitution ein abnormes psychisches Veriialten bilde. Daneben mangelt es jedoch 
nicht an Beobachtern, welche bei der Hysterie neben einer abnorm-psychigchen 
eine somatisch -nervöse Anlage (gesteigerte nervöse Erregbarkeit) annehmen. 

Eine ähnUche Auffassung wurde auch von mir auf Grund verschiedener 
Erwägungen vertreten. 

^) Wilh. Alex. Freund: Über Neurasthenia hyBterica und die Hysterie der Frau. 
Berlin 1904. 



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]72 Erkrankungen dor Sexualorgane bei Frauen als Uraacbe von Nervenleiden. 

Bekanntlich bildet die hereditäre Belastung einen wichtigen Faktor in der 
Ätiologie der Hysterie. Charcot erklärte als die Grundursache derselben, la 
cause primordiale, die neuropathische Heredität. Diese Ansicht hat auch in 
Deutschland Anhänger, allein die Vererbung ist bei der Hysterie, wenn auch sehr 
häufig, doch keineswegs — wenigstens nach meinen Beobachtungen — in der 
Mehrzahl der Fälle eine gleichartige. Auch Nervosität und Keurastheuie der 
Aszendenten bilden vielfach eine Quelle der Prädisposition. Ob jedoch die Ver- 
erbung eine gleichartige oder ungleichartige ist, übertragen wird immer eine 
gewisse „reizbare Schwäche" des Nervensystems, und in den Fällen, in welchen 
keine erbhche Anlage besteht, können wir gewöhnlich eine durch Erkrankung 
oder andere Umstände akquirierte derartige Schwäche als Disposition auffinden. 
Das Vorhandensein einer solchen dürfen wir daher bei den hysterisch Veranlagten 
immer annehmen. Allein neben dieser ist noch etwas erforderhch, wenn es zur 
Entwicklung eines hysterischen Zustandes kommen soll. Wir sehen, daß von 
einer Anzahl nervenschwacher Personen, unter der Einwirkung derselben Schäd- 
lichkeit — eines Schreckens z. B. — die einen an einem neurasthenischen, andere 
an einem hysteroneurasthenischen Zustande und wieder andere nur an hysterischen 
Zufällen erkranken. Die Ungleichheit der Folgen derselben Einwirkung kann 
nicht in einer Ungleichheit der somatisch -nervösen Konstitution , sondern nur 
in Verschiedenheiten der psychischen Konstitution der Einzelindividuen begründet 
sein. Wir wissen ja auch, daß das Weib als solches schon zur Hysterie mehr 
disponiert ist als der Mann. Man hat zwar in neuerer Zeit in Frankreich diesen 
alten Erfahrungssatz bestritten. In Paris wurde von mehreren Beobachtern 
die schwere Hysterie unter den Angehörigen der unteren Bevölkerungsschichten 
bei Männern häufiger gefunden als bei Frauen. In Deutschland, speziell Süd- 
deutschland, ist nach den vorhegenden statistischen Daten und meinen eigenen 
Beobachtungen an der größeren Disposition des weiblichen Geschlechtes (in allen 
Bevölkerungskreisen) nicht zu zweifehi. Diese überwiegende Disposition kann 
nicht in dem Besitze einer Gebärmutter oder überhaupt der sexuellen Organisation, 
sondern nur in der Eigenart der weiblichen Psyche begründet sein. 

Die hysterische Konstitution führt an sich nicht notwendig zur Entwicklung 
hysterischer Symptome. Wo dieselbe sehr wenig ausgeprägt ist, bedarf es zur 
Hervorrufung hysterischer Erscheinungen mächtiger Einwirkungen (gewaltiger 
gemüthcher Erschütterungen usw.). Bleibt das Individuum von solchen verschont, 
so kann es trotz seiner Veranlagung ein voi^erücktes Alter erreichen, ohne hysterisch 
zu werden. Bei sehr bedeutender Ausbildung der hysterischen Konstitution treten 
andererseits meist schon frühzeitig und auf geringfügige Anstöße hin oder auch 
ohne ersichthche Ursache — anscheinend spontan — hysterische Zufälle auf ^). 
Letzteres Verhalten findet sich glücklicherweise selten. Zumeist sind die ersten 
Manifestationen der Hysterie an die Einwirkung bestimmter äußerer Veran- 
lassungen gebunden. Der gegenwärtige Stand unserer Kenntnisse läßt auch 
keinen Zweifel darüber zu, daß jedes Symptom, resp. jeder Symptomenkomplex 
der Hysterie sein bestimmtes veranlassendes Moment hat und die Beschaffenheit 
dieser Momente wenigstens vielfach in weitgehendem Maße die spezielle Ge- 
staltung der Symptome beeinflußt. 

Wie bezüglich der Anomahen, welche das Wesen der hysterischen Konstitution 

1) Auch Freud bemerkt betreffs des von ihm als hysterische Konstitution angenommenen 
Zustandes: „Eine ausgesprochene Konstitution wird etwa der Unterstützung durch die Lebcns- 
cindrücke entbehren können, eine ausgiebige Erschütterung im Leben etwa die Neurose auch 
bei durchschnittlicher Konstitution zustande bringen" (3 Abhandlungen zur Sexualtheorie). 



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Eriosokaiigen der Sexaalorgane bei S^nen ab Ursache Yon NervenleidML 173 

aasmacben, so sind auch bezüglich der Art der Momente, welche den Anstoß 
zum Auftreten hysterischer Erscheinungen geben, die Ansichten geteilt. Für 
diejenigen Autoren, welche das Wesen der hysterischen Konstitution in einem 
abnormen seeUschen Verhalten erblicken, sind auch die Veranlassungen der ein- 
zelnen hysterischen Phänomene ausschliefilioh psychischer Natur (emotionelle 
Vorgänge, Suggestionen usw.). Die übrigen Autoren nehmen an, daß nicht bloß 
psychische, sondern auch rein somatische Vorgänge als Ursachen (Gelegenheits- 
ursachen agents provocateurs) hysterischer Zufälle wirksam werden können. 

Was erstere Annahme betrifft, so habe ich schon vor Jahren dargelegt, daß 
von keinem Autor eine Abhängigkeit von psychischen Vorgängen für alle hyste- 
rischen Erscheinungen nachgewiesen oder auch nur wabrscheinhch gemacht wurde 
und für eine Beihe hysterischer Symptome eine psychische Ursache sich aus- 
schließen läßt. Es würde mich hier zu weit führen, auf die Details meiner Beweis- 
führung einzugehen. Es sei nur erwähnt, daß einerseite Lokalaffektionen auf rein 
somatisch-nervösem Wege, andererseits krankhafte Allgemeinzustände toxischer 
und infektiöser Natur — bei Vorhandensein der erforderlichen Konstitution — 
hysterische Zufälle hervorzurufen imstande sind '). Unter den Lokalaffektionen, 
die hier in Betracht kommen, wurde, wie wir schon erwähnten, den Sexual- 
erkrankungen der Frauen von Seiten der Gynäkologen wie auch mancher Neuro- 
logen eine sehr weitgehende ätiologische Bedeutung zugeschrieben. Die Be- 
ziehungen der SexuaUeiden bei Frauen zur Hysterie sind jedoch verschiedenartig 
und die Beurteilung deiselben stößt in den einzehien Fällen häufig auf große 
Schwierigkeiten. Die in Frage stehenden Erkrankungen können zweifellos die 
Disposition zur Hysterie durch nervöse Irritationszusttuide (Schmerzen), welche 
sie hervorrufen, steigern, ebenso durch Blutverluste und gemütliche Erregungen, 
sni welchen sie Anlaß geben. Letzteres Moment kann auch direkt den Anstoß 
zum Auftreten hysterischer Zufälle geben. Eine Patientin meiner Beobachtung 
regte sich, wie bereits an früherer Stelle erwähnt wurde, über die Erfolglosigkeit 
des bei ihr wegen chronischer Endometritis vorgenommenen Gurettements 
in solcher Weise auf, daß sie von schweren hysterischen Anfällen heimgesucht 
wurde, die lange sich wiederholten. Eine andere Patientin meiner Beobachtung 
wurde während einer gynäkologischen Exploration zum eraten Male von schweren 
Glottiskrämpfen befallen, welche dann während einer Anzahl yon Wochen häufig 
und zum Teil ohne nachweisbare Veranlassung wiederkehrten. Die Mehrzahl 
der Beobachter (speziell der Gynäkologen), welche überhaupt eine ursächliche 
Beziehung zwischen Erkrankungen der weibhchen Sexualorgane und der Hysterie 
annehmen, huldigt der Anschauung, daß insbesondere auf reflektorischem Wege 
von den Sexnalorganen aus hysterische Erscheinungen ausgelöst werden. Die 
Gegenwart irgendwelcher pathologischer Zustände im Sexualapparat 
bei Hysterischen ist jedoch selbstverständlich noch kein Beweis für 
die sexual-reflektorische Entstehung der vorhandenen hysterischen 
Beschwerden, und zweifellos wird dieser Modus der Verursachung hysterischer 
Symptome noch viel häufiger angenommen, als die Umstände es rechtfertigen. 
Zumeist läßt man sich von dem therapeutischen Erfolge einer Lokalbehandlung 
zur Annahme eines Kausalzusammenhanges verleiten. Weil mit der Besserung 
oder Beseitigung der gynäkologischen Affektion auch gewisse hysterische Sym- 
ptome schwanden, wird die Abhängigkeit letzterer von ersterer als erwiesen 
erachtet. Dieser Schluß ist jedoch für die große Mehrzahl der Fälle ganz und gar 
unzuverlässig. Es läßt sich nicht bezweifeln, daß eine gynäkologische Lolbil- 

*) S. Löwenfeld: Hysterie und Suggestion. Mflnch. med. WoohenBchr Nr. 7 u. 8. ISOi. 



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174 Erkrankungen der Sexualoi^ane bei Frauen aja Ursache von Nervenleiden. 

behandlung so gat als irgend ein anderer therapeutischer Eingriff su^estiv "wirken 
kann und wohl auch sehr häufig suggestiv wirkt. Ber Patientin wird durch den 
Arzt die Vorstellang beigebracht, oder sie bildet sich die Vorstellung selbst, daß 
die lokale Therapie auch auf ihre nervösen Beschwerden einen günstigen Einfluß 
ausüben wird, und diese Vorstellung kann bei einigermaßen suggestiblen Personen 
eine Heilwirkung erzielen. Ganz besonders gilt dies für die Lageveränderungep, 
Flexionen und Versionen des Uterus. Wenn man die gynäkologische Literatur 
durchsieht, kann man sich eines gewissen Staunens nicht erwehren, wenn man 
vernimmt, welch verschiedenartige Symptome schon durch Lageveränderungen 
der Gebärmutter verursacht und durch mechanische Korrektur dieser Abweichungen 
beseitigt worden sein sollen. Und doch erklärt mein hiesiger gynäkologischer 
Kollege Theilhaber auf Grund soi^fältiger Beobachtungen, daß Flexionen und 
Versionen in der Eegel keine Störungen hervorrufen. Die Beschwerden, welche 
durch dieselben verursacht werden sollen, sind nach Theilhaber meist bedingt 
durch chronische entzündliche Affektionen des Uterus, Barmatonie, primäre 
Neurasthenie usw., und das Pessar ist nach diesem Beobachter manchmal ein 
recht geeignetes Mittel zur Erzielung eines suggestiven Effektes ^). Selbst in 
jenen Fällen, in welchen die hysterischen Erscheinungen nicht allein mit der Be- 
seitigung der lokalen Veränderungen oder Störungen im Bereiche der Sexual- 
organe schwinden, sondern auch mit der Wiederkehr dieser sich wieder einstellen 
(ein Verhalten, das insbesondere bei den Flexionen und Versionen des Uterus 
beobachtet wird), ist die Annahme eines Kausalnexus keineswegs ohne weiteres 
berechtigt. Hier können ebenfalls, wie Theilhaber schon andeutete, suggestive 
Einflüsse im Spiele sein. Auch das Auftreten hysterischer Zufälle zur Zeit der 
Menses darf, wie wir schon gesehen haben, nicht unter allen Umständen als Beweis 
für einen Ausgang der betreffenden Zufälle vom Sexualapparate angesehen werden. 
Selbst die Auslösbarkeit gewisser hysteris<^er Erscheinungen durch Brück auf 
die eine oder andere Stelle im Bereiche des Sexualapparates (Kompression der 
Ovarien usw.) bildet keinen Beweis für eine sexüal-reflektorische Entstehung der 
betreffenden Störungen. Wir müssen daher wohl zugestehen, daß bei 
dem jetzigen Stande der Wissenschaft ganz zuverlässige Kriterien 
für die reflektorische Abhängigkeit irgendwelcher hysterischer Sym- 
ptome von Leiden der Sexualorgane bei Frauen nicht bekannt sind. 
An dieser Tatsache ändern die massenhaften Berichte über günstige Wirkungen 
gynäkologischer und speziell operativer Behandlung bei hysterischen Zuständen 
nicht das geringste. Wir wollen jedoch auch hier das Kind nicht mit dem Bade 
ausschütten, sondern zugeben, daß einerseits der Verlauf des Leidens, die Auf- 
einanderfolge der Affektion im Bereiche des Sexualapparates und der nervösen 
Störungen, andererseits die Erfolge gynäkologischen Eingreifens wenigstens für 
eine AnzfJil von Fällen Indizien liefern, welche' eine reflektorische Auslösung 
gewisser hysterischer Beschwerden plausibel machen. Allein dieser Entstehungs- 
modus findet sich sicher ungleich seltener, als viele Gynäkologen früher anzu- 
nehmen geneigt waren. Des weiteren kommt in Betracht, daß keine Art weiblicher 
Sexualerkrankung mit Notwendigkeit hysterische Erscheinungen nach sich zieht, 
und das Auftreten solcher auch nicht an eine gewisse Schwere der Sexualerkrankung 
gebunden ist. Bie schlimmsten Geni talleiden, wie Uteruskarzinome, können 



') Den oben erw&hnten Ansichten Theilhabers hat sich im liaufe der Jahre eine Reihe 
von Oyn&kologen, so Jenkin, Landau, Freudenberg, Krönig, Feuohtwanger, Winter, 
Schröder, Wormser, Wille u. a. im wesentlichen angeschlossen. 



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Erknuikungen der Seanialorgane bei Fnoen als UrBftche von Nervenleiden. 175 

bestehen, ohne zu irgendwelchen hysterischen oder überhaupt nervösen Beschwer- 
den zu führen^). 

Wir haben im vorstehenden bezügUoh der Ätiologie der Hysterie xmd des MechaniBmufl 
der einzebien hyaterischen ErBcheinungen lediglich daa berücksichtigt, was allgemeiner Erfahrung 
zugänglich ist. Wir dttrfen jedoch nicht unterlassen, daraul hinzuweisen, daß unsere Anschauungen 
in betreff der erwähnten Punkte einem UmbUdungsprozesse entgegengehen, an welchem die 
im nächsten Abschnitte behandelten Freudschen Theorien in erster Linie beteiligt sein werden. 
Inwieweit die oben vertretenen Ansichten mit den Anschauungen Freuds in betreff der Hysterie 
sich verknüpfen lassen, kann hier nicht eingehend dargelegt werden. Wir müssen uns auf einige 
Andeutungen beschränken. Eine Verknüpfung der beiden Auffassungen erscheint wohl möglich, 
da Freud, wie wir später sehen werden, gegenwärtig ebenfalls eine konstitutionelle Grundlage 
der Hyaterie annimmt; doch erblickt er diese nicht in der neuropathischen Disposition, sondern 
in einer gewissen sexuellen Konstitution des Individuums. Diese wird aber nach Freuds Auf- 
fassung nicht durch ein r^in somatisches, sondern durch ein gewisses psycho-sexuales Verhalten, 
genauer gesagt, die psychische Reaktion auf infantile sexuelle Erlebnisse gebildet. Die infantilen 
sexuellen Erlebnisse der Hysterischen, welche für die Entwicklung der Erkrankung bestimmend 
sind, müssen nicht von denen Gesunder sich unterscheiden. Verschieden ist lediglich die psychische 
Reaktion auf dieselben, die von der psychischen Konstitution des Individuums abhängt. Man 
konnte sich daher sehr wohl vorstellen, daß die überwi^ende Disposition des weiblichen Ge- 
schlechtes für die Hj^terie darauf beruht, daß bei demselben infolge seiner besonderen seelischen 
Artung die für die Entwicklung der Hysterie bestimmende Reaktion auf infantile Sexual- 
erlebnisse (Verdrängung) leichter und häufiger zustande kommt als beim männUchen Geschleehte, 
Die Bedeutung der Gelegenheitsarsachen (veranlassenden Momente) der einzelnen hysterischen 
Symptome wird von Freud ebenfalls nicht einfach negiert, er glaubt nur, daß mit denselben 
immer eine gewisse, lediglich durch die Psychoanalyse eruierbare sexuelle Komponente ver- 
bunden ist, welche zur Auslösimg des Symptomes führt. 

Anomalien und pathologische Veränderungen der weiblichen Sexualorgane 
werden nicht selten erst anläßlich der Einleitung des sexuellen Verkehrs zu einer 
Quelle nervöser Störungen. Bei Mißbildung der äußeren Geschlechtsteile, Scheiden- 
atresie, rudimentärer Entwicklung der Vagina, ebenso bei zu straffem Hymen 
können infolge fortgesetzter fruchtloser Kohabitations versuche nicht bloß Neurosen, 
sondern auch bedeutende pathologische Veränderungen der Sexualorgane ent- 
stehen (letztere teils durch lokale Irritation, teils indirekt durch Vermittlung 
des Nervensystems bedingt, Hegar), Femer können in der Vulva, am Introitus 
vaginae (resp. am Hymen) oder in der Scheide örtliche Veränderungen (Ent- 
zündungen oder Einrisse der Schleimhaut infolge ungeschickter Koitusversuche 
usw.) vorliegen, welche wegen der hierdurch bedingten Hyperästhesie bei Ko- 
habitations versuchen zu lebhaften Schmerzen und reflektorischem Krämpfe des 
Constrictor cunni und der Muskulatur des Beckenbodens — Vaginismus — führen. 
Hierdurch kann der geschlechtliche Verkehr ganz unmöglich gemacht oder hoch* 
gradig erschwert werden. Werden unter diesen Verhältnissen die Kohabitations - 
versuche, resp. der sexuelle Verkehr längere Zeit fortgesetzt, so kommt es zumeist 
zur Entwicklung hj^tero-neurasthenischer Beschwerden *). 



^) Wemi wir im obigen von der Möglichkeit einer BexualrefiektoriBchen Au^lÖaung hyste- 
rischer Symptome sprachen, so müssen wir zugleich zugeben, daß die Zugehörigkeit der in Frage 
stehenden Erscheinungen (z. B. H3^rfi8Üie6ien» Schmerzen, ^rSathesien, vasomotorische 
Störungen usw.) zum symptomatischen Gebiete der Hysterie nicht ganz sicher gesteUt ist. Die 
Al^^renzung der Hysterie von anc^ren Neurosen, speziell der Neurasthenie ist ja bekanntlich 
nicht streng durchftlhrbar und es mögen daher die auf sexiulreQektorischem Wege herbei- 
geführten Beschwerden, welche einzelne Autoren als hysterischer Natur betrachten, von anderen 
dem Gabiete der Neurasthenie zugewiesen werden. 

') Es muß hier jedoch darauf hingewiraen werden, daß Vaginismus auch bei völlig normalem 
Zustande des weiblichen Genitale ledigUch als Folge gewisser psychischer Einflüsse, wie ins- 
besondere von Walthard (Die psychogene Ätiologie und Psychotherapie des Vaginismus. 
Münch. med. Wochenschr. 1909, Nr, 39) gezeigt wurde, zustande kommen kann. Widerwille 
gegen sexuellen Verkehr überhaupt auf Grund falscher Scham und ähnlicher Vorstellungen, 



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176 Brlvftiünuigen der Sexoalotgane bei Fmuen aU Unaohe von Kerreoleided. 

Bis in die 90er Jahre des verflossenen Jahrhunderts wurden Sexualerkran- 
kungen bei Frauen als eine wichtige und häufige Ursache geistiger Störungen 
von Gynäkologen und Irrenärzten betrachtet. Von dieser Auffassung ist man 
seitens der Psychiater in den letzten Dezennien entschieden zurückgekommen. 
Man gesteht gynäkologischen Äffektionen, wenn überhaupt irgendwelche, jeden- 
falls nur eine sehr untei^eordnete Bedeutung in der Ätiologie der Psychosen zu. 

Über die Frage der kausalen Beziehungen zwischen Frauenleiden und Geistes- 
krankheiten wurde von Bai mann eine sehr beachtenswerte Mitteilung veröffent- 
ücht ^). In 12 Fällen von funktionellen Psychosen, bei welchen man eine Beziehung 
zu Vorgängen im Sexualapparate annehmen zu dürfen glaubte und deshalb die 
Kastration vorgenommen hatte, war der Erfolg zumeist negativ. Der Autor 
betont, daß man nach den vorUegenden Erfahrungen nur selten die Hoffnung 
hegen darf, eine Geisteskrankheit durch eine eingreifende Operation zur Heilung 
zu bringen, daß andererseits derartige Eingriffe eine Psychose verschUmmem, 
unter Umständen auch zum Auftreten einer solchen bei einer vorher gesunden 
Person führen können *). Die Gynäkologen wurden denn auch in der Folge in der 
Taxierung des Wertes operativer Eingriffe bei mit Bexualleiden behafteten geistes- 
kranken Frauen sehr zurückhaltend. Erst in neuerer Zeit wurde diese Reserve 
von einzelnen Gynäkologen aufgegeben und eine Beihe von Mitteilungen ver- 
öffentlicht, welche darauf hinzuweisen scheinen, daß an der Verursachung von 
Geistesstörungen bei Frauen Sexualerkrankungen ein wichtigerer Anteil zukommt, 
als man auf psychiatrischer Seite zuzugeben geneigt ist. So steht Schochaert ') 
nicht an, als Ursache von Psychosen, wie Melancholie, Manie, unbedeutende Ver- 
änderungen im Sexualapparat, wie Retroversio, Endometritis, Einrisse der Cervix, 
anzunehmen, wobei er sich den Hergang derart vorstellt, daß ein von dem er- 
knmkten Sexualorgan ausgehender Beiz durch den Nervus sympathicna dem 
Mittelhim zugeleitet wird. 

Nach Collins^) können besonders Fälle, in welchen menstruelle Steigerung 
der psychischen Symptome sich zeigt, durch gynäkologische Behandlung günstig 
beeinflußt werden. 



Furcht vor Schmerzen beim Koitus, vor einer mögüchen Schwftngening, Abneigung gegen den 
I^rfner, selbst der bloße Gedanke einer Berührung durch Instrumente (bei gyn&kologischen 
Untersuchungen) können den Krampf hervorrufen. Ich habe selbst F&Ue beobachtet, in welchen 
. noch nach einer Mehrzahl von Qeburten sich bei Hangel jeder örtlichen Veränderung der Vagi- 
nismus erhielt. 

^) Raimann: „Beiträge zur Geburtshilfe und Gyn&kologie." Chrobak-Festsohrift 
Wien 1903. 

') Eine vermittelnde Stellung in der vorwürügen Frage nimmt Kraepelin ein. Der 
Autor bemerkt (Psychiatrie, VIII. AufL 1909, S. 109) : „In der Tat können vir heute auf Qnmd 
unserer klinischen Erfahrung mit Sicherheit sagen, dafi Erkrankungen der weiblichen Oeechlecfats- 
oi^ne im allgemeinen nur dann zum Irrsein führen, wenn bereits eine krankhafte Veranlagung 
den Boden genügend vorbareitet hat. Aus diesem Grunde tragen die so entstehenden Oeistes- 
störungen auch durchaus kein einheitliches Geprfige ; dieses letztere ist vielmehr gfmz abhängig 
von der Eigenart der Erkranlrenden. Sieist wird es sich daher um eine der vielen Formen des 
Entartungsirrseins handeln. Immerhin soll nicht geleugnet werden, daß häufige und starke 
Blutverluste, wie sie z. B. bei Myomen vorkommen, schmerzhafte chronische Entzllndungen 
der Beckenorgane, femer dauernde Behinderung des Geschlechtsverkehrs, Kinderlosigkeit für 
die Vorbereitung von psychischen Störungen von Badeutung werden können." 

') Schochaert: Psychosen im Zusammenhang mit gynäkologischen Einflttssen, Referat 
m der Zeitschrift f. d. gesamte Neurologie. 1912. S. 1004. 

*) Collins: Notes on gynakological conditäons, ooincident with mental disturbancea. 
Bef. Zeitechr. f. d. gesamte Neuiotogie. III. Bd. S. 64a 1911. 



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Kr^n^ungen der Sexualorgane bei Frauen als Ursache von Nervenleiden. 177 

Besondere Beachtung verdienen indes die von BoS8i^)-Genua veröffent- 
lichten Mitteilungen über die Erfolge gynäkologischer Eingriffe bei geisteskranken 
Frauen. Nach diesem Autor ist ein großer Prozentsatz der Fälle von Irrsinn 
bei weibhchen Personen auf Erkrankungen des Uterus und der Adnexa zurück- 
zuführen, eine Anschauung, welche er auf zahlreiche Krankengeschichten stützt. 

Über 7 in seiner Klinik behandelte Fälle hat Ortenau*) einen Bericht er- 
stattet, der viel Interessantes enthält. Die in Frage stehenden Fälle anscheinend 
geheilter Psychosen, unter welchen auch die Dementia praecox vertreten ist, 
haben nach Ortenau das gemeinsame Merkmal, „daß es sich um Amenorrhoe 
oder Dysmenorrhöe handelt, die in Beziehung zur Stenose des inneren Mutter- 
mundes oder des Mutterhalses standen und zu starker infektiöser Endometritis 
sowie Vergrößerung des ganzen Oi^ans geführt hatten". 

Bossi schließt aus der Gesamtheit seiner Erfahrungen: „Es gibt nervöse 
und psychische Erkrankungen beim weiblichen Geschlechte, die durch Genital- 
anomalien und Äffektionen bedingt sind und durch Herstellung der normalen 
Sekretionsverhältnisse in Heilung übergeführt werden können." 

Die Ansichten Bossis blieben von psychiatrischer wie gynäkologischer Seite 
nicht unbekämpft. Matthes®) machte verschiedene Bedenken gegen die von 
Bossi vertretene Annahme in betreff eines ursächlichen Zusammenhanges von 
Psychosen und Frauenleiden geltend und suchte darzutun, daß die operativen 
Erfolge des Autors auf suggestive Mnflüsse zurückzuführen seien. 

Auch Walthard *) hält die Ansichten Bossis von der ätiologischen Bedeutung 
der Genitalerkrankungen für die Genese psychischer Störungen bei Frauen für 
nicht genügend begründet und glaubt, daß für die Erklärung der von dem Autor 
mitgeteilten operativen Heilerfolge die Suggestibihtät der Patientinnen heran- 
gezogen werden müsse. Bossi*) ermangelte nicht, diesen Einwänden gegenüber 
seinen Standpunkt mit Entschiedenheit zu verteidigen, indem er darauf hinwies, 
daß ledigUch bestimmte gynäkologische Affektionen, nämlich chronisch-infektiöse 
Prozesse, Ursache von Psychosen werden und dies auch nur bei Vorhandensein 
einer neuropathischen Veranlagung der Fall sei. Wie wir sehen, kann die Ansicht 
Bossis von den kausalen Beziehungen zwischen Psychosen und gewissen Frauen- 
leiden zur Zeit nicht als völhg widerlegt erachtet werden. Die hier vorliegende 
Frage bedarf weiterer vorurteilsfreier Prüfung von psychiatrischer wie gynäko- 
logischer Seite. * 



') Ia M. Bossi (Genua): Die gynäkologbche Prophylaxe des Wahnsinns. Berlin 1912. 

') Ortenau: 7 Fälle von |»ychiacher Erkrankung nach g^-näkologischer Behandlung 
geheilt. MUncb. med. Wochenschr. 1912. S. 2388. 

=•) Matthes: Psychiatrie in der Gynäkologie. Mtinch.'ined. Wochenschr. 1912. S. 2735. 

*) Walthard: Psychoneurose und Gynäkologie. Monateschr. f. Geburtshilfe u. Gyn&kol. 
36. Bd. Ergänzungsheft. 

"*) Bossi: Psychiatrie und Gynäkologie. Münch. med. Wocbenscbr. 1913. S. 134. 



LSwcnfcld, Sexualleben tiod Ifer venleiden. Sechste Aufl. 12 



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XVI. 

Die Frendsche Theorie von der Sexualität in der Ätiologie 

der Neurosen. 



Wir haben im vorstehenden gesehen, daß die Vorgänge and Zustände im 
sexuellen Gebiete bei beiden Geschlechtem eine wichtige Quelle neurotischer 
Leiden bilden. Der geniale Neurologe Freud in Wien vertritt jedoch seit einer 
Beihe von Jahren Anschauungen bezüglich der Ätiologie, der Neurosen, nach 
welchen sexuellen Momenten eine Bedeutung für die Entwicklung dieser Leiden 
zukommt, welche weit über das hinausgeht, was im vorstehenden dargelegt wurde. 
„Durch eingehende Untersuchungen", bemerkte er in einer seiner Pubhkationen 
über den Gegenstand (Die SexuaUtät in der Ätiologie der Neurosen, Wiener klin. 
Bundschau Nr. 2, 4, 5 und 7, 1898), „bin ich in den letzten Jahren zur Erkenntnis 
gelangt, daß Momente aus dem Sexualleben die nächsten und praktisch bedeut- 
samsten Uraachen eines jeden Falles von neurotischer Erkrankung darstellen". 
Mehrere Jahre hatte es den Anschein, als sollte Freud mit seinen Ansichten 
Prediger in der Wüste bleiben. Von einem Teile der Autoren, die sich mit den 
Neurosen Hterarisch beschäftigten, wurde denselben überhaupt keine Beachtung 
gezollt, andere wiesen dieselben direkt, und zwar ohne eingehende Prüfung zurück. 
Diese Sachlage hat sich im letzten Dezennium nicht unerheblich geändert. Nicht 
bloß in Wien und Zürich und anderen deutschen Städten, sondern auch an zahl- 
reichen Orten außerhalb des deutschen Sprachgebietes hat Freud entschiedene 
Anhänger gefunden. Seitens der Schrifteteller auf psychiatrischem und neuro- 
logischem Gebiete hat man ziemlich allseitig die Notwendigkeit empfunden, sich 
mit den Freudschen Theorien auseinander zu setzen, und wenn hierbei auch 
die Mehrzahl zu einem von Freud abweichenden Standpunkt gelangte, so ist 
doch nicht zu verkennen, daß die Zahl jener Autoren im Zunehmen ist, welche 
wenigstens einen mehr oder minder erhebhchen Teil der Freudschen Ansichten 
(einen gewissen Kern) für berechtigt erachten. Ich selbst habe in anderweitig 
veröffentlichten Arbeiten bisher nur Veranlassung gehabt, mich mit den An- 
schauungen des Autors über die Ätiologie der Angst- und der Zwangsneurose 
zu beschäftigen. Hier erheischt jedoch sowohl das Thema unserer Arbeit als die 
Beachtung, welche Freuds Untersuchungen seitens eines jeden ernsthaften 
Forschers beanspruchen, daß wir seine Theorie im Zusammenhange wenigstens 
einer kurzen Betrachtung unterziehen. 

Wir müssen zunächst die allgemeinen Gesichtspunkte berücksichtigen, von 
welchen der Autor bei Beurteilung der ätiologischen Verhältnisse der einzelnen 
Neurosen ausgeht. Freud sondert die bei den Neurosen in Betracht kommenden 



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Die Freudflohe Theorie von der Sexualität in der Ätiologie dor Neurosen* 179 

4 

ätiologischen Momeute nach ihrer ursächlichen Bedeutung und unterscheidet: 
ft) Bedingung, b) spezifische Ursache, c) Hilfsursachen (konkurrierende oder 
akzessorische Momente, zum Teil auslösende Ursachen). Als Bedingungen sind 
nach Freud solche Momente zu bezeichnen, bei deren Abwesenheit der Bffekt 
nie zustande käme, die aber für sich allein auch unfähig sind, den Effekt zu er- 
zeugen. Als spezifische Ursache gilt diejenige, die in keinem Falle von Verwirk- 
lichung des Effektes vermißt ■wird und die in entsprechender Quantität und 
Intensität auch hinreicht, den Effekt zu erzielen, wenn nur noch die Bedingungen 
erfüllt sind. Als konkurrierende (Hilfs-) Ursachen faßt Freud dagegen solche 
Momente auf, welche weder jedesmal vorhanden sein müssen, noch imstande sind, 
in beliebigem Ausmaß ihrer Wirkung für sich allein den Effekt zu erzeugen, welche 
aber neben den Bedingungen und der spezifischen Ursache zur Erfüllung der 
ätiologischen Gleichung mitwirken. Der Kern der Freudschen Theorie läßt 
sich dahin formulieren, daß die spezifische Ursache der vier Neurosen — Hysterie, 
Zwangsneurose, Neurasthenie und Angatneurose — auf sexuellem Gebiete liegt. 
Die SchädUchkeiten, welche man bisher als direkte Ursachen der Neurosen ansah, 
gemütliche Erregungen, geistige Überanstrengung, akute Krankheiten, Intoxi- 
kationen usw., sind für Freud nur konkurrierende (oder akzessorische) ätiologische 
Momente, die auch fehlen können, die ErbUchkeit ist nur eine Bedingung, eine 
mächtige und oft unentbehrliche, doch nichts weiter, ohne Hinzutritt der spezi- 
fischen Ursachen bleibt sie unwirksam. 

Um Freuds Anschauungen über die Ätiologie der Neurasthenie richtig zu 
würdigen, müssen wir zunächst berücksichtigen, daß der Autor von dem Sym- 
ptomenkomplex dieses Leidens, wie er gemeinhin aufgefaßt wird, eine Gruppe 
von Symptomen, die An^terscheinungen und deren Äquivalente, abgetrennt 
und zu einer selbständigen Neurose, einer Angstneurose mit spezifischer Ätiologie, 
vereinigt hat. Was nun die Ätiologie der Neurasthenieneurose nach der Freud- 
schen Abgrenzung anbelangt, so gestaltet sich dieselbe nach dem Autor sehr 
einfach. Die Neurasthenie läßt sich jedesmal auf einen Zustand des Nervensystems 
zurückführen, wie er durch exzessive Masturbation erworben wird oder durch 
gehäufte Pollutionen spontan entsteht. 

Diese sexuellen Noxen, welche zur Angstneurose führen, sind nach Freud 
wesentUch verschieden von den die Neurasthenie bedingenden Momenten, und 
diese angenommene Verschiedenheit hat allem Anscheine nach den Autor in 
erster Linie zur Abtrennung seiner Angstneurose von der Neurasthenie bestimmt. 
Es handelt sich wie bei der Neurasthenie um SchädUchkeiten, die dem aktuellen 
Sexualleben angehören, hauptsächhch Congressus interruptus, Abstinenz bei 
erheblicher Libido und frustrane Erregung. Das spezifische Moment, das allen 
bei der Angstneurose in Betracht kommenden sexuellen Einflüssen gemeinsam 
ist, sollte nach Freuds früherer Auffassung in dem Umstände liegen, daß die 
Entladung der aufgespeicherten somatischen (beim Manne von den Nerven- 
endigungen der Samen blasen Wandungen ausgehenden) Sexualerregung ohne ent- 
sprechende psychische Entlastung, i. e. Befriedigung vor sich geht. „Die Er- 
scheinungen der Angstneurose kommen zustande, indem die von der Psyche 
abgelenkte somatische Sexualerregung sich subkortikal, in ganz und gar nicht 
adäquaten Beaktionen ausgibt." 

Die Ansichten über die Ätiologie der Neurosen, insbesondere der Psycho- 
neurosen (Hysterie und Zwangsneurose), welche Freud in seinen Publikationen 
in den Jahren 1895 — 1898 bekannt gab, haben in den folgenden Jahren mannig- 
fache Änderungen erfahren. Soweit dieselben die Zwangsneurosen betreffen, 

J2* 



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180 Die Freudsche Theorie von der Sexualit&t in der Ätiologie der Xeuroeen. 

wurde ich durch die Güte meines verehrten Freundes in den Stand gesetzt, bereits 
in meinem 1904 veröffentlichten Werke die „Psychischen Zwangserscheinungen" 
das Wichtigste mitzuteilen. 

Um den Leser auch mit den Anschauungen, zu welchen Freufl bezüghch 
der übrigen Neurosen gelangt war, bekannt machen zu können, wandte ich mich 
an den Autor um Auskunft, und dieser hatte die große Liebenswürdigkeit, mir 
nachstehendes Exposä, welches die Beziehungen der Sexualität zu den Neurosen 
im Zusammenhange und in großen Umrissen behandelt, zur Pubhkation für die 
4. Auflage dieses Werkes zu überlassen. Er hat auch bereitwiUigst auf mein Er- 
suchen anläßlich der 5. Auflage dieses Expos6 einer Revision unterzogen, wobei 
er nur zu einer sehr geringfügigen Änderung Anlaß fand. Bas gleiche geschah 
bezüglich der 6. Auflage. 



Meine Ansichten über die Roüe der Sexualität in der Ätiologie 

der Neurosen. 

„Ich bin der Meinung, daß man meine Theorie über die ätiologische Be- 
deutung des sexuellen Momentes für die Neurosen am besten würdigt, wenn man 
ihrer Entwicklung nachgeht. Ich habe nämlich keineswegs das Bestreben, abzu- 
leugnen, daß sie eine Entwicklung durchgemacht und sich während derselben 
verändert hat. Die Fachgenossen könnten in diesem Zugeständnis die Gewähr 
finden, daß diese Theorie nichts anderes ist, als der Niederschlag fortgesetzter 
und vertiefter Erfahrungen. Was im Gregensatze hierzu der Spekulation ent- 
sprungen ist, das kann allerdings leicht mit einem Schlage vollständig und dann 
unveränderlich auftreten. 

Ke Theorie bezog sich ursprünglich bloß auf die als „Neurasthenie" zu- 
sammengefaßten Krankheitsbilder, unter denen mir zwei, gelegentlich auch rein 
auftretende, Typen auffielen, die ich als „eigentliche Neurasthenie" und als 
„Angstneurose" beschrieben habe. Es war ja immer bekannt, daß sexuelle 
Momente in der Verursachung dieser Formen eine Eolle spielen können, aber 
man fand dieselben weder regelmäßig wirksam, noch dachte man daran, ihnen 
einen Vorrang vor anderen ätiologischen Einflüssen einzuräumen. Ich wurde 
zunächst von der Häufigkeit grober Stönmgen in der Vita sexuaUs der Nervösen 
überrascht; je mehr ich darauf ausging, solche Störungen zu suchen, wobei ich 
nur vorhielt, daß die Menschen alle in sexuellen Bingen die Wahrheit verhehlen, 
und je geschickter ich wurde, das Examen trotz einer anfänglichen Verneinung 
fortzusetzen, desto regelmäßiger heßen sich solche krankmachende Momente aus 
dem Sexualleben auffinden, bis mir zu deren Allgemeinheit wenig zu fehlen schien. 
Man mußte aber von vornherein auf ein ähnhch häufiges Vorkommen sexueller 
Unregelmäßigkeiten unter dem Drucke der sozialen Verhältnisse in unserer Gesell- 
schaft gefaßt sein, und konnte im Zweifel bleiben, welches Maß von Abweichung 
von der normalen Sexualfunktion als Krankheitsursache betrachtet werden dürfe. 
Ich konnte daher auf den regelmäßigen Nachweis sexueller Noxen nur weniger 
Wert legen als auf eine zweite Erfahrung, die mir eindeutiger erschien. Es ergab 
sich, daß die Form der Erkrankung, ob Neurasthenie oder Angstneurose, eine 
konstante Beziehung zur Art der sexuellen Schädlichkeit zeige. In den typischen 
Fällen der Neurasthenie war regelmäßig Masturbation oder gehäufte Pollutionen, 



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Die Frendscfae HieQiie von der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 181 

bei der Angstneurose "waren Faktoren wie der CoituB interruptus, die „frustrane 
Erregung*' u. a. nachweisbar, an denen das Moment der ungenügenden Abfuhr 
der erzeugten Libido das Gemeinsame schien. Erat seit dieser leicht zu machenden 
und beliebig oft zu bestätigenden Erfahrung hatte ich den Mut, für die sexuellen 
Einflüsse eine bevorzugte Stellung in der Ätiologie der Neurosen zu beanspruchen. 
Es kam hinzu, daß bei den so häufigen Mischformen von Neurasthenie und Angst- 
neurose auch die Vermengung der für die beiden Formen angenommenen Ätiologien 
aufzuzeigen "war, und daß eine solche Zweiteilung in der Erscheinungsform der 
Neurose zu dem polaren Charakter der Sexualität (männhch und weibHch) gut 
zu stimmen schien. 

Zur gleichen Zeit, während ich der Sexualität diese Bedeutung für die Ent- 
stehung der einfachen Neurosen zuwies ^), huldigte ich noch in betreff der Psycho- 
neurosen (Hysterie und Zwangsvorstellungen) einer rein psychologischen Theorie, 
in welcher das sexuelle Moment nicht anders als andere emotionelle Quellen in 
Betracht kam. Ich hatte im Verein mit J, Breuer und im Anschluß an Beob- 
achtungen, die er gut ein Dezennium vorher an einer hysterischen Kranken gemacht 
hatte, den Mechanismus der Entstehung hysterischer Symptome mittels des 
Erweckens von Erinnerungen im hypnotischen Zustande studiert, und wir waren 
zu Aufschlüssen gelangt, welche gestatteten, die Brücke von der traumatischen 
Hysterie Charcots zur gemeinen, nicht traumatischen, zu schlagen*). Wir 
waren zur Auffassung gelangt, daß die hj^terischen Symptome Dauerwirkungen 
von psychischen Traumen sind, deren zugehörige Affektgröße durch besondere 
Bedingungen von bewußter Bearbeitung abgedrängt worden ist und sich darum 
einen abnormen Weg in die Körperinnervation gebahnt hat. Die Termini „ein- 
geklemmter Affekt", „Konversion" und „Abreagieren" fassen das Kenn- 
zeichnende dieser Anschauung zusammen. 

Bei den nahen Beziehungen der Psychoneurosen zu den einfachen Neurosen, 
die ja soweit gehen, daß dem Ungeübten die diagnostische Unterscheidung nicht 
immer leicht fällt, konnte es aber nicht ausbleiben, daß die für das eine Gebiet 
gewonnene Erkenntnis auch für das andere Platz griff. Überdies führte, von 
solcher Beeinflussung abgesehen, auch die Vertiefung in den psychischen Mecha- 
nismus der hysterischen Symptome zu dem gleichen Ergebnis. Wenn man nämlich 
bei dem von Breuer und mir eingesetzten „kathartischen" Verfahren den psychi- 
schen Traumen, von denen sich die hysterischen Symptome ableiteten, immer 
weiter nachspürte, gelangte man endlich zu Erlebnissen, welche der Kindheit 
des Kranken angehörten und sein Sexualleben betrafen, und zwar auch in solchen 
Fällen, in denen eine banale Emotion nicht sexueller Natur den Ausbruch der 
Krankheit veranlaßt hatte. Ohne diese sexuellen Traumen der Kinderzeit in 
Betracht zu ziehen, konnte man weder die Symptome aufklären, deren Deter- 
minierung verständlich fmden, noch deren Wiederkehr verhüten. Somit schien 
die unvergleichhche Bedeutung sexueller Erlebnisse für die Ätiologie der Psycho- 
neurosen für unzweifelhaft festgestellt, und diese Tatsache ist auch bis beute 
einer der Grundpfeiler der Theorie gebUeben. 

Wenn man diese Theorie so daratellt, die Ursache der lebenslangen hysterischen 
Neurose Uege in den meist an sich geringfügigen sexuellen Erlebnissen der frühen 
Kinderzeit, so mag sie allerdings befremdend genug klingen. Nimmt man aber 
auf die historische Entwicklung der Lehre Eücksicht, verlegt den Hauptinhalt 

*) Über die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten Symptomeokomplex 
als „Angstneurose" abzutrennen. NeuroL ZentralbL 1895. 
■) Studien ttber Hysterie 1906. 



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182 Die FreucUehe Theorie von der Sexiialität in der Ätiolc^pe der Neurosen. 

derselben in den Satz, die Hysterie sei der Ausdruck eines besonderen Verhaltens 
der Sexualfunktion des Individuums, und dies Verhalten werde bereits durch 
die ersten in der Kindheit einwirkenden Einflüsse und Erlebnisse ma^e'bend 
bestimmt, so sind wir zwar um ein Paradoxon ärmer, aber um ein Motiv bereichert 
worden, den bisher arg vernachlässigten, höchst bedeutsamen Nachwirkungen 
der Kindheitseindrücke überhaupt unsere Aufmerksamkeit zu schenken. 

Indem ich mir vorbehalte, die Frage, ob man in den sexuellen Kindererleb- 
nisaen die Ätiologie der Hysterie (und Zwangsneurose) sehen dürfe, weiter unten 
gründhcher zu behandeln, kehre ich zu der Gestaltung der Theorie zurück, welche 
diese in einigen kleinen, vorläufigen Publikationen der Jahre 1895 und 1896 
angenommen hat ^). Die Hervorhebung der angenommenen ätiologischen Momente 
gestattete damals, die gemeinen Neurosen als Erkrankungen mit aktueller Ätiologie 
den Psychoneurosen gegenüber zu stellen, deren Ätiologie vor allem in den sexuellen 
Erlebnissen der Vorzeit zu suchen war. Die Lehre gipfelte in dem Satze: Bei 
normaler Vita sexuahs ist eine Neurose unmöghch. 

Wenn ich auch diese Sätze noch heute nicht für unrichtig halte, so ist es 
doch nicht zu verwundem, daß ich in 10 Jahren fortgesetzter Bemühung um 
die Erkenntnis dieser Verhältnisse über meinen damaligen Standpunkt ein gutes 
Stück weit hinausgekommen bin und mich heute in der Lage glaube, die XJnvoU- 
ständigkeit, die Verschiebungen und die Mißverständnisse, an denen die Lehre 
damals htt, durch eingehendere Erfahrung zu korrigieren. Ein Zufall des damals 
noch spärlichen Materials hatte mir eine unverhältnismäßig große Anzahl von 
Fällen zugeführt, in deren Kindergeschichte die sexuelle Verführung durch Er- 
wachsene oder andere ältere Kinder die Hauptrolle spielte. Ich überschätzte die 
Häufigkeit dieser (sonst nicht anzuzweifelnden) Vorkommnisse, überdies da ich 
zu jener Zeit nicht imstande war, die Erinnerungstäuschungen der Hysterischen 
über ihre Kindheit von den Spuren der wirkUchen Vorgänge sicher zu unter- 
scheiden, während ich seitdem gelernt habe, so manche Verführungsphantasie 
als Abwehrversuch gegen die Erinnerung der eigenen sexuellen Betätigung (Kinder- 
masturbation) aufzulösen. Mit dieser Aufklärung entfiel die Betonung des „trauma- 
tischen" Elementes an den sexuellen Kindererlebnissen, und es bheb die Einsicht 
übrig, daß die infantile Sexualbetätiguug (ob spontan oder provoziert) dem 
späteren Sexualleben nach der Keife die Bichtung vorschreibt. Dieselbe Auf- 
klärung, die ja den bedeutsamsten meiner anfänglichen Irrtümer korrigierte, 
mußte auch die Auffassung vom Mechanismus der hysterischen Symptome ver- 
ändern. Dieselben erschienen nun nicht mehr als direkte Abkömmlinge der ver- 
drängten Erinnerungen an sexuelle Kindheitserlebnisse} sondern zwischen die 
Symptome und die infantilen Eindrücke schoben sich nun die (meist in den 
Pubertätsjahren produzierten) Phantasien (Erinnerungsdichtungen) der Kranken 
ein, die auf der einen Seite sich aus und über den Kindheitserinnerungen auf- 
bauten, auf der anderen sich unmittelbar in die Symptome umsetzten. Erst 
nüt der Einführung des Elementes der hysterischen Phantasien wurde das Gefü^e 
der Neurose und deren Beziehung zum Leben der Kranken durchsichtig; auch 
ergab sich eine wirkUch überraschende Analogie zwischen diesen unbewußten 
Phantasien der Hysteriker und den als Wahn bewußt gewordenen Dichtungen 
bei der Paranoia. 

Nach dieser Korrektur waren die „infantilen Sexualtraumen" in gewissem 
Sinne durch den „Infantilismus der SexuaHtät" ersetzt. Eine zweite Abändenuig 

*) Weitere Bemerkungen über die Abwehr- Neuropaychosen. KeuroL Zentralbl. 1896. — 
Zur Ätiologie der Hysterie. Wiener klinische Rundschau 1896. 



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Die Freudache Thecniu von der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 183 

der ursprünglichen Theorie lag nicht ferne. Mit der angenommenen Häufigkeit 
der Verführung in der Kindheit entfiel auch die übergroße Betonung der akziden- 
tellen Beeinflussung der Sexualität, welcher ich bei der Verursachung des Krank- 
seins die Hauptrolle zuschieben wollte, ohne darum konstitutionelle und here- 
ditäre Momente zu leugnen. Ich hatte sogar gehofft, das Problem der Neurosen- 
wahl, die Entscheidung darüber, welcher Form von Psychoneurose der Kranke 
verfallen solle, durch die Einzelheiten der sexuellen Kindererle bnisse zu lösen, 
und damals — wenn auch mit Zurückhaltung — gemeint, daß passives Verhalten 
bei diesen Szenen die spezifische Bisposition zur Hysterie, aktives dagegen die 
für die Zwangsneurose ergebe. Auf diese Auffassung mußte ich später vöUig 
Verzicht leisten, wenngleich manches Tatsächliche den geahnten Zusammenhang 
zwischen Passivität und Hysterie, Aktivität und Zwangsneurose in irgend einer 
Weise aufrecht zu halten gebietet. Mit dem Rücktritt der akzidentellen Einflüsse 
des Erlebens mußten die Momente der Konstitution und Heredität wieder die 
Oberhand behaupten, aber mit dem Unterschiede gegen die sonst herrschende 
Anschauung, daß bei mir die „sexuelle Konstitution" an die Stelle der allgemeinen 
neuropathischen Bisposition trat. In meinen jüngst erschienenen „drei Abhand- 
lungen zur Sexual theorie" (1905) habe ich den Versuch gemacht, die Mannig- 
faltigkeiten dieser sexuellen Konstitution, sowie die Zusammengesetztheit des 
Sexualtriebes überhaupt und dessen Herkunft aus verschiedenen Beitragsquellen 
im Organismus zu schildern. 

Immer noch im Zusammenhange mit der veränderten Auffassung der 
„sexuellen Kinder träumen" entwickelte sich nun die Theorie nach einer Bichtung 
weiter, die schon in den VeröffentÜchungen der Jahre 1894 — 1896 angezeigt 
worden war. Ich hatte bereits damals, und noch ehe die Sexualität in die ihr 
gebührende Stellung in der Ätiologie eingesetzt war, als Bedingung für die pathogene 
Wirksamkeit eines Erlebnisses angegeben, daß dieses dem Ich tmerträghch er- 
scheinen und ein Bestreben zur Abwehr hervorrufen müsse ^). Auf diese Abwehr 
hatte ich die psychische Spaltung — oder wie man damals sagte : die Bewußtseins- 
spaltung — der Hysterie zurückgeführt. Gelang die Abwehr, so war das unerträg- 
liche Erlebnis mit seinen Affektfolgen aus dem Bewußtsein und der Erinnerung 
des Ichs vertrieben ; unter gewissen Verhältnissen entfaltete aber das Vertriebene 
als ein nun Unbewußtes seine Wirksamkeit und kehrte mittels der Symptome 
und der an ihnen haftenden Affekte ins Bewußtsein zurück, so daß die Erkrankung 
einem Mi^lücken der Abwehr entsprach. Biese Auffassung hatte das Verdienst, 
auf das Spiel der psychischen Kräfte einzugehen und somit die seehschen Vor- 
gänge der Hysterie den normalen anzunähern, anstatt die Charakteristik der 
Neurose in eine rätselhafte und weiter nicht analysierbare Störung zu verlegen. 

Als nun weitere Erkundigungen bei normal gebliebenen Personen das un- 
erwartete Ergebnis heferten, daß deren sexuelle Kindergeschichte sich nicht 
wesentlich von dem Kinderleben der Neurotiker zu unterscheiden brauche, daß 
speziell die Rolle der Verführung bei ersteren die gleiche sei, traten die akzidentellen 
Einflüsse noch mehr gegen den der „Verdrängung" (wie ich anstatt ,, Abwehr*' 
zu sagen begann), zurück. Es kam also nicht darauf an, was ein Individuum in 
seiher Kindheit an sexuellen Erregungen erfahren hatte, sondern vor allem auf 
seine Reaktion gegen diese Erlebnisse, ob er diese Eindrücke mit der „Verdrängung" 
beantwortet habe oder nicht. Bei spontaner infantiler Sexual be tätigung Heß sich 

') Die Abwehr-Neuropsychosen. Versuch einer psychologischen Theorie der akquirierten 
Hysterie, vieler Phobien und Zwangavorstellungen und gewisser halluzinatorischer Psychosen. 
NeuroL Zentralbl. 1894. 



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184 Die Freudsche Theorie von der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 

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zeigen, daß dieselbe häufig im Laufe der Entwicklung durch einen Akt der Ver- 
drängung abgebrochen wurde. Bas geschlechtsreife neurotische Individuum 
brachte so ein Stück „Sexualverdrängung" regelmäßig aus seiner Kindheit mit, 
das bei den Anforderungen des realen Lebens zur Äußerung kam, und die Psycho- 
analysen Hysterischer zeigten, daß ihre Erkrankung ein Erfolg des Konflikts 
zwischen der Libido und der Sexualverdrängung sei, und daß ihre Symptome 
den Wert von Kompromissen zwischen beiden seeUschen Strömungen haben. 

Ohne eine ausführhche Erörterung meiner Vorstellungen von der Verdrängung 
könnte ich diesen Teil der Theorie nicht weiter aufklären. Es genüge, hier auf 
meine „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" (1905) hinzuweisen, in denen ich 
auf die somatischen Vorgänge, in denen das Wesen der Sexualität zu suchen ist, 
ein allerdings erst spärÜches Licht zu werfen versucht habe. Ich habe dort aus- 
geführt, daß die konstitutionelle sexuelle Anlage des Kindes eine ungleich buntere 
ist, als man erwarten konnte, daß sie ,, polymorph pervers" genannt zu werden 
verdient, und daß aus dieser Anlage durch Verdrängung gewisser Komponenten 
das sogenannte normale Verhalten der Sexualfunktion hervoi^eht. Ich konnte 
durch den Hinweis auf die infantilen Charaktere der Sexualität eine einfache 
Verknüpfung zwischen Gesundheit, Perversion und Neurose herstellen. Die Norm 
ergab sich aus der Verdrängung gewisser Partialtriebe und Komponenten der 
infantilen Anlagen und der Unterorihaung der übrigen unter das Primat der Genital- 
zonen im Dienste der Eortpflanzungsfunktion ; die Perversionen entsprachen 
Störungen dieser Zusammenfassung durch die übermächtige zwangsartige Ent- 
wicklung einzebier dieser Partialtriebe, und die Neurose führte sich auf eine zu 
weitgehende, für das Individuum undurchführbare, Verdrängung der libidinösen 
Strebungen zurück. Da fast alle perversen Triebe der infantilen Anlage als sym- 
ptombildende Kräfte bei der Neurose nachweisbar sind, sich aber bei ihr im Zu- 
stande der Verdrängung befinden, konnte ich die Neurose als das „Negativ** 
der Perversion bezeichnen. 

Ich halte es der Hervorhebung wert, daß meine Anschauungen über die 
Ätiologie der Psychoneurosen bei allen Wandlungen doch zwei Gesichtspunkte 
nie verleugnet oder verlassen haben, die Schätzung der Sexualität und des 
Infantilismus. Sonst sind an die Stelle akzidenteller Einflüsse konstitutionelle 
Momente, für die rein psychologisch gemeinte „Abwehr" ist die organische ,, Sexual- 
verdrängung" eingetreten. Sollte nun jemand fragen, wo ein zwingender Beweis 
für die behauptete ätiologische Bedeutung sexueller Faktoren bei den Psycho- 
neurosen zu finden sei, da man doch diese Erkrankungen auf die banalsten Ge- 
mütsbewegungen und selbst auf somatische Anlässe hin ausbrechen sieht, auf eine 
spezifische Ätiologie in Gestalt besonderer Kindererlebnisse verzichten muß, 
so nenne ich die psychoanalytische Erforschung der Neurotiker als die Quelle, 
aus welcher die bestrittene Überzeugung zufließt. Man erfährt, wenn man sich 
dieser unersetzlichen Untersuchungsmethode bedient, daß die Symptome die 
Sexualbetätigung der Kranken darstellen, die ganze oder eine partielle, 
aus den Quellen normaler oder perverser Partialtriebe der Sexualität. Nicht nur, 
daß ein guter Teil der hysterischen Symptomatologie direkt aus den Äußerungen 
der sexuellen Erregtheit herstammt, nicht nur, daß eine Keihe von erogenen 
Zonen in der Neurose in Verstärkung infantiler Eigenschaften sich zur Bedeutung 
von Genitalien erhebt; die kompÜziertesten Symptome selbst enthüllen sich als 
die konvertierten Darstellungen von Phantasien, welche eine sexuelle Situation 
zum Inhalte haben. Wer die Sprache der Hysterie zu deuten versteht, kann ver- 
nehmen, daß die Neurose wesenthch von der verdrängten Sexualität der Kranken 



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Die Freudsche Theorie von der Sezoalit&t in der Ätiologie der Neuroeen. 186 

bandelt. Man wolle nur die Sexualfunktion in ihrem richtigen, durch die infantile 
Anlage umschriebenen Umfange verstehen. Wo eine banale Emotion zur Ver- 
ursaobong der Erkrankung gerechnet werden muß, weist die Analyse regelmäßig 
nach, daß die nicht fehlende sexuelle Komponente des traumatischen Erlebnisses 
die pathogene Wirkung ausgeübt hat. * 

Wir sind unversehens von der Frage naoh der Verursachung der Psycho- 
neurosen zum Problem ihres Wesens voi^edrungen. Will man dem Beclmung 
tragen, was man durch die Psychoanalyse erfahren hat, so kaim man nur sagen, 
das Wesen dieser Erkrankungen liege in Störungen der Sexualvoi^änge, jener 
Vorgänge im Organismus, welche die Bildung und Verwendung der geschlecht- 
lichen Libido bestimmen. Es ist kaum zu vermeiden, daß man sich diese Vor- 
gänge in letzter Linie als chemische vorstelle, so daß man in den sogenannten 
aktuellen Neurosen die somatischen, in den Psychoneurosen außerdem noch 
die psychischen Wirkungen der Störungen im Sexualstoffwechsel erkennen dürfte. 
Die Ähnlichkeit der Neurosen mit den Intoxikations- und Äbstinenzerscheinungen 
nach gewissen Älkaloiden, mit dem M. Basedowi und M. Addisoni drängt sich 
ohne weiteres klinisch auf, und sowie man diese beiden letzteren Erkrankungen 
nicht mehr als „Nervenkrankheiten" beschreiben darf, so werden wohl auch 
bald die echten „Neurosen" ihrer Namengebung zum Trotze aus dieser Kickse 
entfernt werden müssen. 

Zur Ätiologie der Neurosen gehört dann alles, was schädigend auf die der 
Sexualfunktion dienenden Voi^änge einwirekn kann. In erster Linie also die 
Noxen, welche die Sexualfunktion selbst betreffen, insofern diese von der mit 
Kultur und Erziehung veränderüohen Sexualkonstitution als SchädHchkeiten 
angenommen werden. In zweiter Linie stehen alle andersartigen Noxen und 
Traumen, welche sekundär durch AUgemeinschädigung des Organismus die Sexual- 
vorgänge in demselben zu schädigen vermögen. Man vergesse aber nicht, daß 
das ätiologische Problem bei den Neurosen mindenstens ebenso komphziert ist 
wie sonst bei der Krankheitsverursachung. Eine einzige pathogene Einwirkung 
ist fast niemals hinreichend; zu allermeist wird eine Mehrheit von ätiologischen 
Momenten erfordert, die einander unterstützen, die man also nicht in Gegensatz 
zueinander bringen darf. Dafür ist auch der Zustand des neurotischen Krankseins 
von dem der Gesundheit nicht scharf geschieden. Die Erkrankung ist das Ergebnis 
einer Summation und das Maß der ätiologischen Bedingungen kann von irgend 
einer Seite her vollgemacht werden. Die Ätiologie der Neurosen ausschließlich 
in der Heredität oder in der Konstitution zu suchen, wäre keine geringere Ein- 
seitigkeit, als wenn man einzig die akzidentellen Beeinflussungen der Sexualität 
im Leben zur Ätiologie erheben wollte, wenn sich doch die Aufklärung ergibt, 
daß das Wesen dieser Erkrankungen nur in einer Störung der Sexualvorgänge 
im Oi^anismus gelegen ist." 

Wien, Juni 1905. 

Juni 1918 Eevision. 

Bis auf die Bemerkung, daß in obiger Darstellung eine Würdigung der Momente 
vermißt wird, welche die Sexualverdrängung hervorrufen, habe ich nichts abzu- 
ändern oder anzufügen gefunden, Freud 1922. 

Wenn ich nun meinen Standpunkt zu den im vorstehenden mitgeteilten 
Theorien Freuds darlegen soll, so muß ich zunächst betreffs der Hysterie folgendes 
bemerken : Ich hege keinen Zweifel, daß für die von Freud und einzelnen anderen 



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186 Die FreudBcfae Theorie von der Sexualität in der Äüologic der Neurosm. 

Autoren mitgeteilten Fälle seine Annahme bezüglich der Ätiologie der ErkranVung 
und des Mechanismus der emzelnen Symptome Berechtigung besitzt. Ich kann 
jedoch nicht verkennen, daß die Freudsche Theorie einen Funkt enthält, der 
die Allgemeingültigkeit derselben vorerst mindestens zweifelhaft erscheinen läßt. 
Der Autor hat diesen Punkt selbst in der dritten seiner „Abhandlungen zur Sexual- 
theorie" hervoi^ehoben : „Wegen der gegensätzhchen Beziehung zwischen Kultur 
und freier Sexualentwioklung", bemerkt er hier, „deren Folgen weit in die Ge- 
staltung tmseres Lebens verfolgt werden könnten, ist es auf niedriger Kultur- 
oder Gesellsohaf tsstufe so wenig, auf höherer so sehr fürs spätere Leben bedeutsam, 
wie das sexuelle Leben des Kindes verlaufen ist." Die Entwicklung der Hysterie 
ist nach Freud von der Beaktion auf infantile Sexualerlebnisse abhängig, die 
durch gewisse (durch Erziehung und auf anderem Wege beigebrachte) ethische 
Vorstellungen betreffs der sexuellen Vorgänge bedingt ist. 

Daß derartige Vorstellungen auch bei den Kindern halbzivilisierter oder ganz 
unkultivierter Völker, bei welchen das Vorkommen der Hysterie konstatiert 
wurde ^), eine Bolle spielen, läßt sich jedoch nicht ohne weiteres annehmen. Zwar 
ist es Freud durch eingehende Beschäftigung mit den als Totemismus bezeich- 
neten Erscheinungen gelungen, zu zeigen, daß auch bei Naturvölkern weitgehende 
Beschränkungen des Sexualverkehro nicht mangeln, und daß gewisse Überein- 
stimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker bestehen. Allein 
hierdurch wird die Annahme noch nicht genügend gestützt, daß z. B. Hotten- 
tottenkinder schon von den, den sexuellen Verkehr betreffenden Totemgeboten 
ihres Stammes Kenntnis haben und auf Grund derselben zu einer Verdrängung 
gewisser sexueller Vorstellungen sich veranlaßt sehen. 

Eine weitere Schwierigkeit bildet das Auftreten hysterischer Erscheinungen 
bei Kindern in den ersten Lebensjahren (2. und 3. Lebensjahr Oppenheim, 
Bezy und Ghau mier) und die gelegenthche epidemische Ausbreitung der Hysterie. 
Wir brauchen hier nicht an die mittelalterlichen Epidemien von hysterischer 
Dämonopathie und Chorea major zu erinnern. Auch die Neuzeit hat manche 
hysterische Epidemien, insbesondere Schulepidemien, aufzuweisen. Bei der 
epidemischen Verbreitung der Hysterie spielt aber der Einfluß der Suggestion 
eine Hauptrolle, deren Wirksamkeit wir auch in äußerst zahlreichen Fällen isoliert 
auftretender Hysterie konstatieren können. 

Es darf nicht außer Betracht bleiben, daß das symptomatologische Gebiet 
der Hysterie eine enorme Ausdehnung besitzt und neben jenen Erscheinungen, 
denen wir alltäglich oder wenigstens häufig begegnen, andere in sich schüeßt, 
die sich bei 100 Kranken noch nicht einmal finden. Bisher ist von keiner Seite 
der Versuch unternommen worden, zu zeigen, daß sich, wie die häufigeren hyste- 
rischen Phänomene, auch ^e selteneren und seltensten mit der Freudschen 
Auffassung in Einklang bringen lassen. Der gegenwärtige Stand unserer Kennt- 
nisse gestattet daher nicht, den Gedanken einfach abzuweisen, daß die Fälle, 
welche wir nach ihrer klinischen Gestaltung der Hysterie zuweisen, hinsichtiich 
ihrer Ätiologie und des Mechanismus ihrer Symptome sich nicht völlig gleichartig 
verhalten und daher neben jenen Fällen, welchen die Freudsche Theorie gerecht 

') Dm Vorkommen von Hysterie wurde bei den Frauen nordiacher Völker (Lappen, 
Samojeden, Kamtechadalen) ebensowohl wie bei Abesainierinnen, Madagesinnen und Hotten- 
tottinnen konstatiert. In Madi^aakar herrschte sogar in den Jahren 1863—1864 eine Epidemie 
von hysterischen Zufällen (eine Art Chorea major) insbesondere unter den Mädchen und Frauen 
im Älter von 16—20 Jahren. 



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Die Freudsche Theorie von der Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. 187 

wird, nicht auch solche in größerer oder geringerer Zahl existieren mögen, -welche 
eine andere Erklärung erheischen ^), 

Bezüglich der Modifikation, welche die Ansichten Freuds betreffs der Zwangs- 
neurose erfahren haben, muß ich ergänzend beifügen, daß der Autor (ähnlich 
wie bei der Hysterie) die Symptome der Zwangsneurose nicht direkt von realen 
sexuellen Erlebnissen, sondern von an solche sich knüpfenden Phantasien ab- 
hängig erachtet, welch letztere demnach wichtige Mittelglieder zwischen den 
betreffenden Erinnerungen und den Krankheitserscheinungen bilden. ,,In der 
Begel sind es Pubertätserlebnisse, die als Noxe wirken und die bei der Verdrängung 
ins Infantile zurückphantasiert werden, unter Anlehnung an die in der Krankheit 
erlebten akzidentellen oder aus der Konstitution füeßenden Sexualeindrücke 
(briefüche Mitteilungen des Autors)." An den Grundelementen der Theorie: 
Verdrängung einer peinUchen, dem Sexualleben angehörenden Vorstellung und 
Transposition des mit dieser verknüpften Affektes wird durch diese Modifikation 
nichts geändert*). 

Mit der Ätiologie und dem Mechanismus der Zwangsvorstellungen habe ich 
mich ebenfalls eingehend beschäftigt und in meinem Werke (Die psychischen 
Zwangserscheinungen, 1904) meine Auffassung auf Grund meiner damaligen 
Erfahrung ausführlich dargelegt. Ich äußerte mich 1. c. dahin, daß ich, wenn 
ich auch in meinem eigenen Beobachtungsmateriale einen strikten Beweis für 
die Abstammung bestimmter Zwangsvorstellungen von verdrängten Erinnerungen 
des Sexuallebens nicht finden kann, doch eine derartige Provenienz von Zwangs- 
vorstellungen in einer Anzahl von Fällen für wahrscheinlich halte. Bei fort- 
gesetzter Prüfung meiner Erfahrungen bin ich mehr und mehr zu der Anschauung 
gelangt, daß für die selbständige Zwangsneurose (Zwangsvorstellungskrankheit) 
die Freudsche Annahme in der Hauptsache zutreffen dürfte. Die Fälle selb- 
ständiger Zwangsneurose bilden jedoch unter den Erkrankungen mit Zwangs- 
vorstellungen nur einen relativ bescheidenen Prozentsatz. Die Entwicklung der 
weit häufigeren im Bahmen der Neurasthenie, Hysterie, Angstneurose, Melan- 
cholie usw. auftretenden Zwangsvorstellungen, wird durch andere als die bei der 
Zwan^neurose wirksamen Momente bedingt. 

In betreff der Neurasthenie kann ich ledighch bei der schon in den früheren 
Auflagen dieser Schrift vertretenen Ansicht verharren. Die Zahl der von mir 
im Laufe der Jahre beobachteten Fälle von Neurasthenie ohne jeghche Kom- 
plikation mit Angßtsymptomen ist recht erheblich, und meine EHahrung lehrt, 
daß die Neurasthenie im engeren, d. h. Freud sehen Sinne, bei beiden Geschlechtern 
keineswegs lediglich durch exzessive Masturbation oder gehäufte Pollutionen 
entsteht. 

Unter meinen Beobachtungen finden sich nicht wenige Fälle, welche jeden 
Zweifel in dieser Beziehung ausschheßen lassen. Dieselben betreffen zum Teil 
ältere, verheiratete Männer mit zahlreicher Familie, zum Teil auch Männer in 
kinderloser Ehe, mit durchaus normalem geschlechtlichen Verkehr, bei welchen 
ich die Entwicklung der Neurasthenie im Gefolge nicht sexueller Schädlichkeiten 



') Ich möchte hier nicht unerwähnt laBsen, daß auch Hoche zu der Auffassung gelangt 
ist, daß der Symptomenkomplex, den wir heutzutage als H^terie bezeichnen, wahrscheinlich 
keine einheitliche Krankheit bildet. 

') Der Autor hat das Wesentliche seiner Theorie in folgende zwei Satze zusammengefaßt: 
a) Der psychische Zwang rührt immer von Verdrängung her. b) Die verdrängten Begungen 
und Vorstellungen, aus denen das Zwangsprodukt hervorgeht, stammen ganz allgemein aus 
dem Sexualleben. 



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188 Die Freudsche Theorie von der Sexualität in der Ätiologie der NeuroKn, 

geistiger und körperlicher Überanstrengung, emotioneller Koxen, erschöpfender 
Krankheiten usw.) genau verfolgen konnte. Ähnlich verhielt es sich in zahlreichen 
verheiratete Frauen betreffenden Fällen. 

Die Freudsche Annahme läßt sich nur dadurch erklären, daß Freud ein 
seltsamer Zufall ein Krankenmaterial zuführte, bei welchem ledighch die in Frage 
stehenden ätiologischen Momente vorlagen. 

Was schUeßlich die Ätiologie der Angstnenrose betrifft, so habe ich alsbald 
nach dem Erscheinen der ersten Mitteilung Freuds über die Angstneurose gegen 
die Annahme einer einheitUchen und rein sexuellen Ätiologie der gemeinhin als 
neuras thenisch betrachteten Angstzustände in einem kleinen Aufsatze eine Beihe 
von Bedenken geltend gemacht, welche den Autor zu einer Entgegnung in der 
Wiener klinischen Bundschau 1895 veranlaßten. In dieser bemühte sich Freud, 
nicht nur meine Einwände gegen seine Theorie zu entkräften, sondern auch seine 
Ansichten über die Ätiologie seiner Angstneurose (und der Neurosen überhaupt) 
schärfer zu präzisleren, als dies früher geschehen war. Sein Schema für die Ätiologie 
der Angstneurose formulierte er hier folgendermaßen: Bedingung: Heredität, 
spezifische Ursache: Ein sexuelles Moment im Sinne einer Ablenkung der Sexual- 
spannung vom Psychischen, Hilfsursachen: Alle banalen Schädigungen, Gemüts- 
bewegimgen, Schreck, wie physische Erschöpfung durch Krankheit oder Uber- 
leistung. Indes konnte ich auch dieses Schema mit meinen Erfahrungen nicht 
in Einklang bringen. Biese Diskrepanz bildete für mich eine Aufforderung, nun- 
mehr die Ätiologie der neurotischen Ängstzustände eingehender und an einem 
größeren Materiale zu studieren, bei welchem neben den übrigen in Betracht 
kommenden Momenten die Verhältnisse der Vita sexualis in sorgfältigster Weise 
berücksichtigt wurden. Von den Ergebnissen dieser Untersuchungen, über welche 
schon anderen Orts berichtet wurde, soll im folgenden Abschnitte hauptsächlich 
das auf die sexuelle Ätiologie der Angstzustände sich Beziehende mitgeteilt 
werden. 



Dlc,lll.™b,G0üj5lc Or,<,lr„lta™ 



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XVII. 

Eigene Untersnclmngeii über die sexuelle Ätiologie der 

nenrotischen Angstznstäiide. 



Ängstzustände, die dem Gebiete der psychischen Zwangserscheiiiimgen ange- 
hören und wegen ihrer Entwicklung auf neurotischer Basis als neurotische 
(zum Unterschiede von den bei Psychosen auftretenden, den psychotischen) 
sich bezeichnen lassen, finden sich zwar ganz vorwaltend, aber doch nicht ledig- 
lich bei Neurasthenie; wir begegnen denselben auch bei Hysterie, Epilepsie und 
Migräne; daneben findet sich noch eine Beihe von Fällen, in welchen Angst- 
phänomene isoliert bestehen oder nur mit Erscheinungen vergesellschaftet sind, 
welche in d&s Gebiet der Nervosität oder der hereditären psychopathischen Minder- 
wertigkeiten gehören, dagegen andere ausgesprochene Symptome der Neurasthenie 
oder einer anderen Neurose mangeln. Biese Fälle, in welchen Angstei^cheinungen 
das WesentUche bilden, habe ich zu einer Ängstneurose sui generis zusammen- 
gefaßt ^). Das für meine ätiologischen Untersuchungen verwertete Kranken- 
material setzt sich lediglich aus Fällen von Neurasthenie, Hysterie, resp. Hystero- 
neurasthenie und Angätneurose nach meiner Unterscheidung zusammen, im 
ganzen 210 Fälle. 

Was zunächst das Geschlecht der Patienten betrifft, so fand sich in meinem 
Krankenmateriale ein auffälliges Überwiegen der Männer; das Verhältnis der 
beiden Geschlechter ist fast 2:1. Zum Teil ist dies wohl auf Zufälligkeiten des 
Matehals zurückzuführen, i. e. den Umstand, daß sich Männer mit Angstzuständen 
aus verschiedenen Gründen häufiger an den Nervenarzt wenden als Frauen, zum 
Teil mag aber auch dieses Mißverhältnis darin begründet sein, daß bei Männern 
sich gewisse ursächliche Momente der An^tzustände (speziell sexuelle Noxen) 
häufiger geltend machen als bei den Angehörigen des weiblichen Geschlechtes. 
Die Beteiligung der einzelnen Altersklassen zeigt bemerkenswerte Verschieden- 
heiten. Das Hauptkontingent kommt auf die Zeit vom 20. — 50. Lebensjahre, 
und die Altersklasse vom SO. — 40. Jahre ist bei beiden Geschlechtem am stärksten 
vertreten. Bei Frauen zeigt sich schon vom 40, Lebensjahre an ein sehr erheblicher 
Bückgang in der Zahl der Fälle, bei Männern erst vom 50. Jahre an ; das höhere 
Lebensalter ist nur in sehr geringem Maße beteiligt. 

>) Die von mir imteiBchiedene Aügstneuroee deckt sich keineswegs mit der Ton Freud 
angenommenen. Die Freudsohe Angstaeuroee schliefit die Angstzuat&nde der NeurMthemschen 
in sich ein; wo sich bei Neurasthenisohen Angstsnist&nde finden, handelt es eich nach Freud 
um eine Komplikation der Neurasthenie mit seiner Angstneurose. Skiner Angstneurose gehören 
di^^en die AngBt2n]st&nde der Neurasthenisohen nicht an; ich betrachte diese nicht als Kom- 
plikationen, sondern als Symptome des tieiiraathemsehen Qnmdzustandee. 



Dl(,l|l.™byG0ÜJ^Ie Or„ir,.lfronn 



UNIVER^ITV Of CALIFORNIA 



100 Eigene Untersuchungen über die sexuelle Ätiologie der neurotischen Angstzustände. 

Hereditäre Belastung bestand sicher in 80*/o der Falle, und nur in 10% Heß 
sich solche ausschließen, soweit dies überhaupt mögUch ist. Dabei ist bemerl[ens- 
wert, daß ich bei Männern keinen Fall fand, in welchem mit Sicherheit außer 
der Heredität kein ätiologisches Moment im Spiele war, und bei Frauen nur einen 
Fall, in welchem die Heredität vielleicht sich als ausschließUche Ursache der 
Angstzustände betrachten läßt, sofern dieselbe eine Besonderheit der Vita sexualis 
im Freudschen Sinne bedingte, welche geeignet ist, zu Ängstzuständen zu führen. 
Es handelt sich um eine junge Frau, welche ebenso wie ihre Schwester sexuell 
anästhetisch ist. Was die Beziehung der erbhohen Belastung zur Intensität und 
Hartnäckigkeit der Ängsterscheinungen anbelangt, so ist zwar nicht in Abrede 
zu stellen, daß die schlimmen phobischen Zustände sich vorwaltend bei Heredi- 
taiiem finden, doch kommen auch bei Nichtbelasteten intensive und hartnäckige 
Phobien und die schwersten inhaltlosen Angstzustände vor. Femer ergab sich, 
daß die Schwere der erbhchen Belastung in keinem bestimmten Verhältnisse 
zur Schwere der Angstsymptome steht. Es dürfte sich dies aus einem Umstände 
erklären, auf welchen meine Beobachtungen hinweisen. Es scheint, daß in manchen 
Fällen mit erblicher Belastung neben einer geringen, zum Teil sogar sehr geringen 
allgemeinen neuropathischen Anlage (vielleicht auch ohne solche) eine spezielle 
Disposition zu Angstzuständen vererbt wird ^), 

Eine sexuelle Ätiologie fand sich nur in annähernd 75% der Fälle, d< h. in 
diesem Prozentsätze der Fälle heßen sich irgendwelche als Schädlichkeiten anzu- 
sprechende Verhältnisse im Bereiche der Vita sexualis eruieren, welche bereits 
vor dem Eintreten der Angstzustände ihren Einfluß geltend machten. Ich muß 
hier betonen, daß für die Feststellung dieses Prozentverhältnisses selbstverständ- 
lich nur ein Material von Einzelbeobachtungen verwertet wurde, bei welchem 
die Anamnese bezügUch der Vita sexuaUs mit der erforderlichen Gründlichkeit 
erhoben wurde. In ihrer Art waren die sexuellen Schädhchkeiten, die sich in den 
einzelnen Fällen ermitteUi Ueßen, sehr verschieden. Bei Männern fand sich: 
absolute und relative Abstinenz, frustrane Erregung, Congressus interruptus, 
Masturbation mit folgender Abstinenz und ohne solche, Exzesse im normalen 
geschlechthchen Verkehre, übermäßige Pollutionen; bei Frauen: Congressus inter- 
ruptus und mangelnde sexuelle Befriedigung aus anderen Ursachen (sexuelle 
Anästhesie usw.), Abstinenz (absolute und relative), Masturbation. Die Bedeutung 
der sexuellen Schädhchkeiten schwankt jedoch in den einzelnen Fällen sehr; 
auf der einen Seite haben wir eine allerdings nur sehr geringe Zahl von Fällen, 
in welchen keine Ursache außer der sexuellen Noxa nachweisbar ist, auf der anderen 
Fälle, in welchen neben dem sexuellen Momente offenbar noch andere ätiologische 
Faktoren eine sehr wichtige (vielleicht die überwiegende) Bolle spielen. 

Zwischen diesen Grenzfällen liegt die größte Mehrzahl der Fälle mit sexueller 
Ätiologie. BezügHch dieser Gruppe ergaben meine Nachforschungen, daß die Zahl 
der Fälle, in welchen neben den sexuellen Schädlichkeiten nur erbhche Belastung 
sich findet, nahezu ebenso groß ist (etwa %) ^Is die derjenigen, in welchen noch 
außerdem Hilfsursachen sich nachweisen lassen, während die Zahl der Fälle, in 

1) Hierfür spricht der Umstand, daß wir nicht selten bei einer Hehrzahl von Qliedem 
einer Familie, deren allgemeiner Nervenzustand keineswegs besonders ungttnstig ist (nach meinen 
Baobachtungen bei 2, 3, 4 Gleechwistem oder Mutter und Kindern), Angstzust&nden begegnen, 
an deren Entstehung psychische Infektion offenbar keinen AnteU hat. Es handelt sich hier um 
f^Ie, in welchen die Angstzuat&nde bei verschiedenen Gliedern einer Familie zu ganz ver- 
schiedenen Zeiten auftraten und zum Teil bei den Erstbefallenen schon lange wieder geschwunden 
waren, als sie bei anderen Familiengliedem sich entwickelten. 



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Eigene Untersuchungen Über die sexuelle Ätiologie der nenrotiBchen Angstzuatfindo. 191 

welchen erbliche Belastung mangelt und neben den sexuellen Schädhchkeiten 
nur andere ätiologische Momente wirksam sind, oder solche auch mangeln, erbeb- 
hch geringer ist (etwa Vs)- 5)er Mangel hereditärer Belastung wird bei Männeni 
zum größten Teil durch einen äquivalenten Umstand ausgeghchen, die in früher 
Jugend, i. e. schon vor der Pubertät geübte, oder wenn auch später erst begonnene, 
BD doch exzessiv betriebene Masturbation. 

Dem Umstände gegenüber, daß wir lediglich in annähernd 75% der Fälle 
eine sexuelle Ätiologie fanden, muß erwähnt werden, daß Freud schon in seinem 
Aufsatze „Über die Angstneurose'* auf die Tatsache hingewiesen hat, daß die 
Angstneurose, und zwar bei beiden Geschlechtem, auch durch Überarbeit, er- 
schöpfende Anstrengungen, z. B. Nachtwachen, Krankenpflege und schwere 
Krankheiten, herbeigeführt werden kann. Diesen Fällen fehlt zwar nach Freuds 
Ansicht eine sexuelle Ätiologie, aber nicht ein sexueller Mechanismus der Angst- 
produktion. Die organisch-sexuellen Vorgänge können nämlich, wie durch Schäd- 
hchkeiten aus dem Sexualleben selbst, auch durch tiefergreifende, das Nerven- 
system allgemein beeinflussende Noxen Störungen erfahren, ähnhch wie dies z. B. 
auch bei den Funktionen des Verdauungsapparates der Fall ist. Der Prozentsatz 
der Fälle, in welchen bei der Angstproduktion sexuelle Faktoren eine Bolle spielen, 
muß denmach als 75% übersteigend angenommen werden. 

Bei einer Prüfung der im vorstehenden mitgeteilten Untersuchungsergebnisse 
läßt sich nicht verkennen, daß dieselben der früheren Freudschen Theorie (Auf- 
speicherung somatischer Sexualerregung, Ablenkung vom Psychischen und sub- 
kortikale Entladung derselben) keine Stutze gewähren. Auf der einen Seite haben 
wir Fälle mit sexueller Ätiologie, in welchen eine Aufspeicherung somatischer 
Sexualerregung auszuschließen ist (Exzesse im normalen geschlechthchen Ver- 
kehre; Masturbation ohne Abstinenz, gehäufte Pollutionen), auf der anderen Seite 
Fälle, in welchen zwar eine Aufspeicherung von Sexualerregung sich annehmen 
läßt, die Ablenkung vom Psychischen jedoch fehlt. Als Zeichen letzterer betrachtet 
Freud Abnahme oder Schwinden der Libido. Unter den Fällen meiner Beob- 
achtung mit sexueller Abstinenz finden sich jedoch solche mit sehr erheblicher 
Libido ebensowohl vertreten als solche mit gesunkener libido. In einzelnen 
Fällen bestanden sogar zeitweihg Zustände hochgradiger sexueller Erregung^). 
Hierzu kommt der Umstand, daß die erwähnte Theorie Freuds, wie der Autor 
selbst zugesteht, für die Erklärung des Auftretens und Ausbleibens der Angst- 
anfälle bei den Phobien sich unzulängUch erweist. Der Agoraphobe z. B, kann- 
sich, wie immer es mit seiner Vita sexualis bestellt sein mag, von Angstanfällen 
frei halten, wenn er die ihm gefährhchen Plätze meidet oder sich beim Ausgehen 
begleiten läßt. 



1) Bezüglich der Fälle von Angstneurose mit Steigerung der Libido bemerkt der Autor 
in seinem Referate über mein Werk: „Die psychischen Zwangserscheinungen" (Journal für 
Psych, u. NeuToL Bd. III, 1904), daß in denselben nichts anderes als ein Oszillieren zwischen 
libidinöser und in Angst (teilweise) verwandelter Erregung vorliegt. Ich hatte vor kurzem 
Gelegenheit, über die Beziehungen der Angst zur Libido in einem Falle von Angstneurose bei 
einer in sexueller Abstinenz lebenden jüngeren weiblichen Person, welche zeitweilig von sehr 
lästiger sexueller Erregtheit heimgesucht wurde, Grenaueres zu ermitteln, wobei sich folgendes 
ergab: In schweren Angstanfällen ist von libidinöser Erregung nie etwas bemerklich; m&ßige 
Angatzustände können sich dagegen sehr wohl mit sexueller Erregtheit verknüpfen. Letztere 
kann sogar hierbei einen sehr erheblichen Grad erreichen. Wir sehen aus dem Angeführten, 
daß eine Ablenkung der Libido vom Psychischen für die Auslösung der Angst durch dieselbe 
nicht notwendig ist. Daß das von Freud erwähnte Oszillieren vorkommen mag, möchte ich 
trotzdem nicht bestreiten. 



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102 Eigene Untersuchungen über die sexuelle Ätiologie der neurotischen AngBtzust&nde. 

Freud hat jedoch seine Ansicht in betreff der Provenienz der neurotischen 
Angst im Laufe der Jahre in einer Weise modifiziert, gegen welche sich ungleich 
weniger Bedenken erheben als gegen die frühere PormuUerung seiner Auffassung. 
Seine derzeitige Anschauung geht dahin, „daß die neurotische Angst somatischer 
Herkunft ist, aus dem Sexualleben stammt und einer verwandelten Libido ent- 
spricht". Zur richtigen Würdigung dieser Ansicht muß ei^änzend beigefügt 
werden, daß Freud die Angstzustände, welche durch Schrecken und ander« 
emotionelle Momente verursacht sind, dem Gebiete der Hysterie zuweist. Ich 
muß hier auf eine Erörterung der Frage verzichten, inwieweit diese Annahme 
berechtigt ist> und mich auf die Bemerkung beschränken, daß, da die Hysterie 
eine Neurose (resp. Psychoneurose) ist, auch die hysterischen Angstssustände sich 
von den neurotischen nicht abtrennen lassen. 

Wenn ich die Summe meiner derzeitigen Erfahrungen bezüghch der Ätiologie 
und des Mechanismus der neurotischen Angstzustände überblicke, so feomme 
ich zu einer Auffassimg, die sich der Freudachen wesentlich nähert. Auch für 
mich unterliegt es keinem Zweifel mehr, daß die neurotischen Angstzu- 
stände, soweit dieselben nicht emotionellen Ursprungs sind, aus 
somatischen, dem Gebiete des Sexuallebens angehörigen Störungen 
entspringen. 

Die an sich naheliegende Annahme, daß es sich hierbei um einen einheit- 
lichen, in allen Fällen stets gleichartigen Mechanismus der Angstproduktion 
handelt, stößt jedoch bei näherer Betrachtung der Sachlage auf ernste Schwierig- 
keiten. Die einzelnen in Frage stehenden sexuellen Noxen sind in ihrer Art so 
verschiedenartig, daß a priori wenig Aussicht zu bestehen scheint, in denselben 
ein einheitliches Moment aufzufinden. Dies zeigt sich schon, wenn wir die unter 
den sexuellen Schädlichkeiten weit prädominierenden, die sexuelle Abstinenz 
und den Congressus interruptus in Betracht ziehen. Bei der Abstinenz beim Manne 
haben wir neben der Spermaansammlung in den Samenblasen eine Anhäufung 
libidogener Stoffe im Blute anzunehmen. Beim Congressus interruptus kann, 
wenn derselbe nicht allzu selten ausgeübt wird, d. h. mit Abstinenz sich ver- 
knüpft, das erste der beiden erwähnten Momente jedenfalls nicht in Betracht 
kommen. Die MögUchkeit einer Anhäufung libidogener Stoffe im Blute läßt sich 
zwar nicht ausschließen, doch kann dieselbe jedenfalls nicht den Grad erreichen 
wie bei andauernder Abstinenz. Die hier vorhegende Schwierigkeit schwindet 
jedoch, wenn wir die Erfahrung berücksichtigen, daß aascheinend ganz ver- 
schiedenartige Vorgänge die Erregbarkeits Verhältnisse des Nervensystems in 
ähnhcher Weise verändern und andereraeits gleiche Mengen eines toxischen Stoffes 
(z. B. Alkohol, Koffein) bei verschiedenen Individuen je nach dem Zustande 
ihres Nervensystems sehr differente Wirkungen produzieren können. Neuere 
Tierversuche haben, wie wir sahen, die Existenz eines umschriebenen kortikalen 
Zentrums für den Geschlechtssinn sehr wahrscheinhch gemacht. Die für die 
Angstzustände in Betracht kommenden sexuellen Noxen haben das Gemein- 
schaftHche, daß sie sämtlich geeignet sind, abnorme Erregbarkeit oder Erregungs- 
zustände dieses Zentrums herbeizuführen. Berücksichtigt man femer die Er- 
fahrungen mit den erwähnten toxischen Stoffen, so muß man zu der Annahme 
gelangen, daß je nach dem Grade der Erregbarkeitsveränderungen des kortikalen 
Sexualzentrums verschiedene Mengen libidogener Stoffe ähnhche Wirkungen auf 
dasselbe äußern mögen, und daher das, was in einem Falle durch eine Anhäufung 
dieser Stoffe im Blute herbeigeführt wird, im anderen Falle durch geringere Mengen 
derselben zustande kommen kann. Es mangelt also, wie wir sehen, bei allen hier 



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Eigene Untersuchungen Über die sexuelle Ätiologie der neurotiiiohen Ängatzust&nde, 193 

in Betracht kommenden sexuellen Noxen nicht an einheitlichen Momenten: 
Änderungen des funktionellen Verhaltens des kortikalen Sexual- 
zentrums und Einwirkung libidogener Stoffe auf dasselbe. Wenn 
wir jedoch einen Einblick in die Vorgänge gewinnen wollen, durch welche die in 
Präge stehenden sexuellen Momente Ängstzustände herbeiführen oder bei der 
Herbeiführung derselben mitwirken, müssen wir etwas naher auf die Art und 
Weise eingehen, in welcher dieselben die Elemente des kortikalen Sexualzentrums 
affizieren und wie die von hier ausgehende Beeinflussung der bei den Angst- 
zuständen beteihgten kortikalen und subkortikalen Apparate zustande kommt. 

Beschäftigen wir uns zunächst mit dem ersten Teile der uns vorliegenden 
Doppelfrage, so sehen wir, daß Exzesse im normalen geschlechtlichen Verkehre 
und in masturbatorischen Leistungen durch allzu häufige Erregung der sexuellen 
Bindenzentren einen Zustand reizbarer Schwäche in diesen nach sich ziehen 
können. Abnorme Erregbarkeit dieser Zentren kann aber auch durch sexuelle 
Abstinenz herbeigeführt werden, wenn diese mit unverändert bleibender oder 
allmählich sich steigernder Libido einhergeht, ganz besonders bei frustraner Er- 
regung oder Einwirkung von anderen die Libido erhöhenden Momenten (Besuch 
von Varietes, Lektüre pornographischer Bomane usw.). Den Fall der Abstinenz 
mit verringerter Libido müssen wir vorerst außer Betracht lassen. Bei dem Con- 
gressus interruptus haben wir es mit komplizierteren und wechselnden Verhält- 
nissen zu tun. Führt derselbe, wie es bei Frauen oft der Fall ist, zu keiner Be- 
friedigung, so liegen die^Dinge ähnlich wie bei der Abstinenz, soweit die Einwirkung 
auf die kortikalen Zentren in Betracht kommt. Durch den sexuellen Akt wird 
die molekulare Spannung in diesen Zentren nicht herabgesetzt, in manchen Fällen 
sogar gesteigert, sofeme sich an den Koitus örtliche Veränderungen (Hyperämien) 
im Bereiche der Sexualorgane knüpfen, welche die von der Peripherie den Zentren 
zufließenden Beize vermehren ^). 

Die dem (reschlechtssinne dienenden Binden terri tonen stehen offenbar in 
enger Beziehung zu den kortikalen und subkortikalen Apparaten, welche bei dem 
Angstvorgange beteiligt sind. Wir dürfen dies schon aus dem Umstände folgern, 
daß die Erregung beim sexuellen Akte, ähnlich wie bei den Affekten, in Ver- 
änderungen der Tätigkeit des zirkulatorischen und respiratorischen Apparates 
sich äußert (entlädt), also bei diesem Akte ein Abströmen kortikaler Erregung 
nach den bulbären Zentren hin stattfindet. Für die in Frage stehende Beziehung 
spricht des weiteren das Auftreten von Angstanfällen im Anschlüsse an gewisse 
sexuelle Vorgänge (Menses z. B. bei Frauen, Pollutionen bei Männern) und ein 
allerdings selteneres, von mir zuerst konstatiertes Gegenstück dieser Beobachtungen : 
die Hervorrufung sexueller Erregung durch Angstzustände *). Die sexuellen 



*) Ähnlich liegen die Verhältnisse bei hochgradiger Herabsetzung der orgastischen Vühig- 
keit bei Frauen. Der sexuelle Verkehr führt hier zu keiner Entladung der kortikalen sexuellen 
Zentren. 

') Auf das Auftreten sexueller Err^^ung bei Angstanfftllen wurde von mir zuerst in dem 
Aufsatze „Zur Lshre von den neurotlBchen Angstzuständen", MUnch. med. Wochenschr. Nr. 24 
u. 25, 1897 hingewiesen. Über hierhergehörige Vorkommnisse haben in der Folge auch andere 
Beobachter (Janet, Bernhardt und Freud) berichtet. Bemerkenswert ist auch der schon 
früher erwähnte Umstand, daß durch Angsttr&ume — ähnlich wie durch laszive Tr&ume — 
Pollutionen hervorgerufen werden können. So traten bei einem an FolL nim. leidenden Studieren- 
den meiner Beobachtung Pollutionen mitunter im Gefolge von Angst- oder Verlegenheitsträumen 
ohne Erektion auf. Bei dem glekhen Patienten kam es während seiner letzten Gynmasialjahre 
einige Male zu Pollutionen, wenn er in der Klasse mit einer Arbeit, z. B. einer Mathematik- 
aufgabe, nicht fertig werden konnte. 

LOwcnfeld, SexuallebeD und Nervenleiden, Sechste Anfl, 13 



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191 Eigene Untersuchun^n über die Bezuclle Ättobgio der neurotischen Ai^txust&nde. 

Noxen, welche eine reizbare Schwäche oder Erschöpfung der sexuellen Binden- 
zentren herbeiführen, können infolge des erwähnten Konnexes die beim Angst- 
zustande beteiligten kortikalen und subkortikalen (bulbären) Apparate in Mit- 
leidenschaft ziehen; inwieweit dies der Fall ist, ob sich ein ausgesprochener patho- 
logischer Erregbarkeitszustand dieser Apparate entwickelt oder nicht, hängt 
von deren Widerstandsfähigkeit ab. Bei jenen Noxen dagegen, welche infolge 
Mangels einer physiologischen Entladung eine abnorme Spannung im Bereiche 
der sexuellen Bindenzentren bedingen, findet entweder andauernd oder periodisch 
ein Abströmen eines gewissen Erregungsquantums nach den beim Angstzustande 
beteiligten kortikalen und subkortikalen Apparaten statt; dieselben können hier- 
durch andauernd in den Zustand gesteigerter Erregbarkeit oder periodisch, wenn 
die Spannung in den sexuellen Zentren eine außergewöhnhche Höhe erreicht 
(z. B. während der Menses), in Tätigkeit veisetzt werden (Angstanfälle) ^). 

Es ergibt sich aber nunmehr eine weitere Frage: Wirken die angeführten 
Noxen nur via Cortex schädigend auf die bulbären beim Angstvorgange beteiligten 
Zentren oder beeinflussen sie diese auch direkt? Letzteres läßt sich für einen 
Teil der Fälle jedenfalls nicht in Abrede stellen. Wenn sexuelle Exzesse eine 
allgemeine nervöse Erschöpfung nach sich ziehen, bleiben auch die bulbären 
Zentren für die Begulation der Herzbewegungen und Vasomotion gewöhnlich 
nicht verschont; wir begegnen aber auch Fällen, in welchen diese Zentren infolge 
primärer Veranlagung oder Schädigung durch gewisse Noxen (gemütliche Er- 
regungen, Gifte wie Koffein, Nikotin) zu einem Locus minoris resistentiae ge- 
worden sind und daher durch sexuelle (insbesondere maSturbatoriscbe) Exzesse 
affiziert werden, ohne daß es zu allgemeiner nervöser Erschöpfung kommt. Was 
die von Freud angenommene subkortikale Verausgabung der Sexualerregung 
bei Abstinenz mit gesunkener Libido betrifft, so läßt sich die Möghchkeit eines 
derartigen Vorganges nicht in Abrede stellen; in der Mehrzahl der Fälle von 
Abstinenz mit verminderter Libido beruht letztere jedoch jedenfalls nicht ledig- 
hch auf Ablenkung der in normaler Weise produzierten Sexualerregung vom 
Psychischen, sondern auf verminderter Produktion von Sexualerregung. Man 
sieht in diesen Fällen, daß auch die Pollutionen seltener werden und die Potenz 
abnimmt. Es ist aber auch möglich, daß die in geringerem Maße produzierte 
Sexualerregung genügt, um die bulbären Affektzentren in einen Zustand abnormer 

Erregbarkeit zu versetzen. 

Wie es sich mit der Produktion und Wirkung der libidogenen Stoffe bei allen 
den im vorstehenden erwähnten sexuellen Noxen verhält, hierüber läßt sich vor- 
erst noch nicht viel sagen^ Bei der Abstinenz dürfen wir, wie schon erwähnt wurde, 
eine Anhäufung dieser Stoffe im Blute annehmen, welche (beim Manne) die durch 
die Spermaansammlung bedingte Erregbarkeitssteigerung im Bereiche des korti- 
kalen Sexualzentrums erhöht. Wir dürfen jedoch nicht glauben, daß in den 
übrigen Fällen die Quantität der im Blute kreisenden libidogenen Stoffe ent- 
sprechend der Zahl der sexuellen Akte abnimmt. Wir müssen vielmehr mit der 
Möghchkeit rechnen, daß die Produktion der hbidogenen Stoffe durch gewisse 
sexuelle Vorgänge wie auch durch psychische Prozesse (laszive Voretellungen usw.) 



^) Es muB dies jedoch nicht in allen Fällen eintreten; vielmehr wird es (wie hei den Noxen, 
welche reizbare Schwäche usw. in den sexuellen Bindenzeatren herbeiführen) zum Teil von 
der Intensität der abströmenden Erregung, zum Teil von der Widerstandsfähigkeit der in Betracht 
kommenden kortikalen und subkortikalen Apparate abhängen, ob in denselben ein pathologischer 
Err^barkeitezostand sich entwickelt. Bei völlig normalem Verhalten dieser Apparate bleiben 
gewisse Mengen zufließender Erregung wirkungslos. 



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Eigene Untenuchxmgen über die sexuelle Ätiologie der neurotischen Angstzostände. 196 

beeinflußt wird, so daß die im Blute kreisende Menge der fraglichen Stoffe nicht 
der jeweiligen Spermaansammlung in den Samenblasen entspricht. Femer ist 
der Bchon früher erwähnte Umstand zu berücksichtigen, daß bei erhöhter Erreg- 
barkeit der kortikalen Sexualzentren auch geringe Mengen hbidogener Stoffe, 
die unter normalen Verhältnissen wirkungslos bleiben, in denselben Erregungs- 
zustände auslösen mögen. 

Wir haben im vorstehenden lediglich eine Beeinflussung der kortikalen 
Sexualzentren durch die libidogenen Stoffe angenommen. Es muß jedoch auch 
die Möglichkeit zugegeben werden, daß diese Stoffe auf die bei den Angstvor- 
gängen beteiligten kortikalen und subkortikalen Apparate nicht lediglich von 
den Sexualzentren aus, sondern direkt eine gewisse Wirkung ausüben. 

Wenn wir das im vorstehenden Angeführte überbUcken, so läßt sich nicht 
in Abrede stellen, daß wir mit der Erkenntnis der großen Bedeutung, welche 
sexuellen Momenten in der Ätiologie und dem Mechanismus der neurotischen 
Angstzustände zukonunt, einen sehr wichtigen Fortschritt gemacht haben, dessen 
Hauptanteil den Forschungen Freuds zu danken ist. Dabei dürfen wir jedoch 
nicht übersehen, daß die Beziehungen der Sexualität zu den Angstzuständen 
noch immer ein recht dunkles Gebiet bilden, dessen Aufhellung in nächster Zeit 
kaum zu erwarten ist. Es wird dies nicht auffällig erscheinen, wenn man berück- 
sichtigt, daß die Vorgänge des sexuellen Lebens nach ihrer physiologisch -chemischen 
Seite noch eine völlige terra incognita darstellen und man bis in die jüngste Zeit 
die Bätsei, die hier der Lösung harren, zumeist nicht einmal geahnt hat. Ich 
möchte schließHch nicht unterlassen, darauf hinzuweisen, daß, wenn auch Vor- 
gänge im Grebiete des Sexuallebens die wichtigste unter den essentiellen Ursachen 
der neurotischen Angstzustände bilden, an der Angstproduktion in den einzelnen 
Anfällen zumeist noch andere Faktoren beteiligt sind und auch nach Beseitigung 
der ursächhchen sexuellen Noxen die Angstproduktion durch andere Momente 
unterhalten werden kann. 



13* 



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XVIII. 

Die Anomalien des Sexualtriebes, 



Die Anomalien im Bereiche des sexuellen Trieblebens wurden erst in den 
letssten Dezennien von psychiatrischer und neurologischer Seite zum Gegenstande 
besonderer Studien gemacht. Das Hauptverdienst auf diesem Gebiete hat sich 
zweifellos v. Krafft-Ebing erworben, welcher in seiner Psychopathia sexualis 
nicht nur die erste zusammenfassende Darstellung und Sichtung des hierher- 
gehörigen klinischen Materials gab, sondern auch durch Mitteilung zahlreicher 
eigelier Beobachtungen und sorgfältige Analyse der Kasuistik unsere Kenntais 
der psycbopathologischen Erscheinungen im Bereiche des Sexuallebens in grund- 
legender Weise förderte. 

Es erscheint uns am zweckmäßigsten, die Anomahen des Sexualtriebes, die 
wir hier in Betracht zu ziehen haben, mit Lacassagne und Eulenburg in 
quantitative und qualitative zu sondern. Bei den quantitativen Anomalien betrifft 
die Abweichung lediglich die Intensität des an sich normalen Sexualtriebs, bei 
den quahtativen — den sogenannten Perversionen — die Art der psychischen 
Beize, durch welche sexuelle Erregung ausgelöst wird. Wir müssen hier sogleich 
darauf aufmerksam machen, daß die sexnellen Perversionen nicht immer zu per- 
versen sexuellen Akten führen müssen und Perversitäten der sexuellen Befriedigung 
nicht immer von Anomahen des Geschlechtstriebes ausgehen. So kann, um ein 
Beispiel zu geben, ein Ehemann mit seiner Frau den Koitus per anum ausführen, 
bei völlig normalem Geschlechtstriebe, lediglich aus dem Grunde, weil er eine 
Schwängerung vermeiden will. Wir werden uns hier mit den von Anomalien des 
Geschlechtstriebes unabhängigen perversen sexuellen Handlungen nicht weiter 
beschäftigen. 

I. Quantitative Anomalien des Geschlechtstriebes. 

A. Mangel und krankhafte Herabsetzung des Gesehleehtstriebes. 

Sexuelle Anästhesie, Anaphrodisie (Eulenburg). 

Gänzhcher Mangel des Geschlechtstriebes bei normaler Entwicklung der 
Geschlechtsorgane wird als angeborener psychischer Defekt bei Männern nur 
selten beobachtet. Hierhergehörige Fälle wurden von v. Krafft-Ebing, Ham- 
mond, Forel und mir nütgeteilt^). Nach den bisherigen Erfahrungen kommt 
dieser Defekt nur in Verbindung mit anderen psychischen und nervösen Anomahen 
vor und darf daher als eine Entartungserscheinung gedeutet werden. 



^) Auch Fürbringer hat Fälle kongenlMer aexueller Anästhesie bei AKnneni beobachtet 
nnd erachtet deren Vorkommen nicht fUr ganz so selten wie von anderer Seite angenommen wird. 



C^^^f^.^^.^ Orrgrnatfrom 

DiCJHiied by \.it" ■ ■ UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die Anomalien das Sexualtriebee. 107 



Ungleich häufiger findet sich, wie wir schon an früherer Stelle sahen, gänz- 
liches Fehlen der Libido (nach Einleitung des geschlechthchen Verkehre) als 
angeborener Mangel bei Frauen. Da dieser Defekt bei Frauen sich nicht immer 
mit anderen ausgesprochenen psycho- und neuropathischen Erscheinungen ver- 
gesellschaftet, so mag für einen Teil der betreffenden Fälle die Annahme Eulen- 
burgs zutreffen, daß es sich bei denselben um eine Art sexualer Entwicklungs- 
hemmung (psychosexualen InfantiUsmus) handelt. 

Angeborener Mangel des Geschlechtstriebes kann aber auch durch periphere 
Ursachen, Verkümmerung oder Mangel der Sexualorgane (bei Idioten, manchen 
Hermaphroditen) bedingt sein. 

Viel häufiger als dem gänzlichen Mangel begegnen wir bei beiden Geschlechtern 
sehr geringer Entwicklung des Sexualtriebes; ganz besonders gilt dies für das 
weibliche Geschlecht. Berücksichtigt man die außerordentUchen Schwankungen 
in der Intensität des Sexualtriebes bei zweifellos gesunden Badividuen, so begreift 
es sich, daß sich bei geringer Ausbildung der Libido eine Grenze zwischen Physio- 
logischem und Pathologischem scbwer ziehen läßt. Die große Häufigkeit der 
Frigidität bei Frauen gestattet auch kaum die Annahme, daß es sich hierbei immer 
um eine pathologische Erecheinung handelt, zumal auch ein sehr erheblicher Teil 
der frigiden Frauen zweifellos in psychischer und nervöser Hinsicht keine Störungen 
aufweist. 

Ähnlich scheint es sich bei Männern zu verhalten. Mangel und hochgradige 
Herabsetzung der Libido kann femer durch Entfernung der Geschlechtsdrüsen 
(Kastration) ^), sexuelle Exzesse und einer Eeihe von Krankheitszuständen, 
Entartung der Geschlechtsdrüsen, erschöpfende Krankheiten, Intoxikationen 
(Alkoholismus, Morphinismus), Diabetes, organische Eückenmarks- und Gehim- 
krankheiten, Neurosen (Neurasthenie und Hysterie) und Psychosen bedingt 
werden. Zu direkten gesundheitlichen Nachteilen führt weder der gänzliche 
Mangel, noch die Herabsetzung der Libido. Doch sind beide Zustände durchaus 
nicht gleichgültig. Der Mangel sexueller Bedürfnisse kann für den Mann ein 
Hindernis für die Eheschließung und damit die Erlangung von Familienfreuden 
bilden ^). Erhebliche Herabsetzung der Libido bei früher sexuell normal ver- 
anlagten, im Alter noch nicht vorgeschrittenen Männern führt nicht selten zu 
melancholischen Verstimmungszuständen, die gewöhnlich von Befürchtungen 
eines Verlustes der Potenz ausgehen. Bei weiblichen Personen bildet die sexuelle 
Anästhesie, da dieselbe gewöhnlich erst in der Ehe sich manifestiert, kein Hindernis 
für die Verheiratung ; dagegen bedingt sie manche Störungen im eheUchen Leben. 
Da der Mangel der Libido sich gewöhnlich mit Ausfall der orgastischen Fähigkeit 
verknüpft, kann derselbe ein Konzeptionshindemis bilden. Manche der frigiden 
Frauen bemühen sich ihrem Gatten zu Liebe, ihre Interesselosigkeit für den 
sexuellen Verkehr möglichst zu verschleiern, während andere — und deren Zahl 
ist nicht gering — aus ihrer Abneigung gegen den Koitus keinerlei Hehl machen. 
Zu welchen ehelichen Verhältnissen dies imter günstigeren Umständen führen 
mag, hierfür sei nur ein Beispiel gegeben. Der Gatte einer jungen, sehr hübschen 

^) Daß die Kastration derartige Folgen nicht immer hat, haben wir an früherer Stelle 
geaehen. Anomalien in bezng auf die Samenbereitung (Aspomatif mns und Azooepennie) bleiben 
überhaupt ohne Einfluß auf die Libido. 

- *) Westphal beobachtete einen jungen Mann, der wegen melancholificher Geistesstörung 
und wiederholter SelbetmordTersuche in die Irrenabteilung dev Charit^ aufgenommen wurde 
und bei welchem von jeher vollständiger Mangel des Oeechlechtstriebes bestand. „Die Selbet- 
mordversuche waren zum Teil durch die quftlende Vorstellung dieses Zustandee bedingt." 






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108 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

Frau von blühendem Äufiem erzählte mir gelegentlich, daß er mit Bücksioht 
auf die hochgradige Aversion seiner Frau gegen den ehelichen Verkehr seine 
sexuellen Bedürfnisse öfters durch Masturbation befriedige, und dabei handelte 
es sich um einen Mann von bescheidenen Bedürfnissen. Unter minder günstigen 
Umständen bildet die Frigidität der Frau häufig eine Quelle ehelicher Dissidien, 
die für beide Teile die peinlichsten Folgen nach sich zdehen können. 

B. Krankhafte Stelgemog des Gesehlechtstrlebes. 

Sexuelle Übererregbarkeit. Sexuelle Hyperästhesie, sexuelle Hyper- 

lagnie (Eulenburg), Libido nimia. 

Die Intensität des Geschlechtstriebes kann zweifellos eine Steigerung erfahren, 
welche wir als krankhaft betrachten müssen. Die Umstände, unter welchen die 
exzessive Libido auftritt, wie die Arten ihrer Äußerung lassen hierüber leinen 
Zweifel. Eine Grenze zwischen noch Normalem und Pathologischem ist jedoch 
hier wie bei dem entgegengesetzten Verhalten des Geschlechtstriebes schwer 
zu ziehen, da einerseits die Stärke der Libido durch verschiedene Faktoren (Lebens- 
alter, Basse, Emährun^weise usw.) beeinflußt wird, andererseits bei Individuen 
in gleichen Lebensverhältnissen, wie schon früher erwähnt wurde, sehr erhebliche, 
konstitutionell bedingte Schwankungen in den geschlechtlichen Bedürfnissen vor- 
kommen. Die bisherigen Versuche, die pathologische Steigerung der Libido genauer 
zu definieren, haben denn auch zu keiner einwandfreien Annahme geführt. Wenn 
z. B. Emminghaus das unmittelbare Wiedererwachen der Libido nach der 
Befriedigung mit Inbeschlagnahme der ganzen Aufmerksamkeit und ebenso das 
Erwachen der Libido bei an und für sich sexuell nicht erregendem Anbhck von 
Personen und Sachen als entschieden pathologisch betrachtete, so kann diese 
Auffassung nicht für alle Fälle als gerechtfertigt erachtet werden. Die Libido 
kann vorübergehend auch bei gesunden Individuen durch verschiedene Um- 
stände (Abstinenz, Lektüre, Umgang mit weiblichen Personen usw.) eine sehr 
bedeutende Steigerung erfahren, die sich jedoch nicht als krankhaft bezeichnen 
läßt. 

_ ^ I 

Während die sexuelle Frigidität bei Frauen weit häufiger als bei Männern 
sich findet, ist das umgekehrte Verhältnis bezüglich der sexuellen Übererregbar- 
keit der Fall. Die krankhaft gesteigerte Libido ist als psychisches Phänomen immer 
zerebral bedingt. Wir müssen nach unseren derzeitigen Erfahrungen annehmen, 
daß hierbei ein abnormer Erregbarkeitszustand derjenigen Eindenelemente vor- 
hegt, an welche der Geschlechtssinn gebunden ist. Dieser Erregungszustand 
muß jedoch nicht immer durch krankhafte Gehimvorgänge hervorgerufen werden; 
er kann auch durch von der Peripherie oder den spinalen Genitalzentren aus- 
gehende Erregungen bedingt sein. Die verschiedenen Ursachen sind, wie wir 
sehen werden, nicht ohne Bedeutung für die Symptomatologie, und wir werden 
im folgenden eine spinale und eine zerebrale Form der krankhaften Libido zu 
unterscheiden haben. Diese zeigt aber in den Einzelfällen auch sehr erhebliche 
Unterschiede in bezug auf die Intensität und Dauer der Symptome, so daß wir 
auch eine leichtere und eine schwerere Form annehmen müssen. Auf letztere 
beschränken wir die Bezeichnungen Satyriasis und Nymphomanie. Die krankhaft 
erhöhte Libido kann femer als andauernder Zustand mit zeitweihgen Bemissionen 
imd erhebliehen Exazerbationen, aber auch intermittierend und periodisch, selbst 
in Form ausgesprochener transi torischer Anfälle auftreten. Bei den chronischen 
Formen handelt es sich fast ausschließlich um die leichteren Grade der Störung; 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 199 

die schwereren Formen andererseits treten vorzugsweise intermittierend, die 
schwersten in der Begel nur anfallsweise auf. 

Bei den leichteren Formen der zerebral bedingten krankhaften Steigerung 
der Libido drängen sich Vorstellungen sexuell-sinnhchen Inhalts abnorm häufig 
und auch bei femerÜegenden Assoziationen in das Bewußtsein und bilden dadurch 
oft eine Belästigung für den Patienten. Die von den sexuellen Vorstellungen 
ausgehenden Impulse versetzen das spinale Genitalzentrum in Erregung und 
beeinflussen durch dessen Vermittlung auch den Zustand der Sexualorgane. Die 
hierdurch ausgelösten Erregungen (Empfindungen) wirken ihrerseits wiederum 
auf das Gehirn und fördern die Produktion und Dauer sexueller Vorstellungen. 
Das Lidividuum ist hierbei immer imstande, durch energische Willensanstrengungen 
die sexuellen Vorstellungen zu verdrängen und den Einfluß derselben auf sein 
Handeln auf das mit seiner sozialen Stellung Verträgliche zu beschränken. Wir 
sehen oft genug Individuen, die durch ihre sexuelle Hyperästhesie sich weder 
zu kriminellen, noch auch nur zu ausgesprochen unmoraHschen oder perversen 
Handlungen verleiten lassen. 

Bei der schweren Form beherrschen sexuelle Vorstellungen wenigstens zeit- 
weilig vollständig das Bewußtsein. Weder das Aufgebot des Willens, noch die 
durch die augenblickUchen Verhältnisse geweckten Vorstellungen (Bücksichten 
ii^endwelcher Art) vermögen diese Gedanken zu verdrängen und ihren Einfluß 
auf das Handeln ganz zu verhindern. Bei den höchsten Graden sexueller Er- 
regung kann es zu einem rauschartigen Zustande mit Trübung des Bewußtseins 
und folgender Amnesie kommen. Das Individuum sucht seinen wutartigen Drang 
ohne Eücksicht auf Zeit und Ort an der nächstbesten weiblichen Person zu be- 
friedigen. Jung oder alt, blutsverwandt oder nicht, macht keinen Unterschied. 
Bei Mangel eines weiblichen Objektes kann Befriedigung durch perverse Sexual- 
akte (Päderastie und Bestiahtät) oder exzessive Masturbation gesucht werden. 
Exzessive sexuelle Erregung äußert sich wohl nur selten, man darf sagen aus- 
nahmsweise, bei nicht an ausgesprochener Geistesstörung leidenden oder sonst 
gehimkranken Individuen in Anfällen der geschilderten Art. In der großen Mehr- 
zahl der Fälle bildet die blind nach Befriedigung drängende sexuelle Erregung 
lediglich Teilerscheinung einer transitorischen psychischen Störung (psychisch- 
epileptisches Äquivalent) oder andauernder Geisteskrankheiten. Auf das Vor- 
kommen psychisch-epileptischer Äquivalente in der Form von SatyriasisanfäUen 
hat insbesondere Lombroso die Aufmerksamkeit gelenkt. Derartige paroxys- 
male Zustände zeigen sich femer auf der Höhe maniakahscher Erkrankungen, 
in der manischen Periode des zirkulären Irrseins und namentUch auch in den 
Erregungsphasen der progressiven Paralyse. Ein verheirateter Paralytiker meiner 
Beobachtung machte kurze Zeit, nachdem er durch eine Schmierkur gebessert 
schien, einen äußerst brutalen Notzuchtsversuch an einem 15jährigen Mädchen. 
Ein anderer zeigte sich zeitweihg so erregt, daß er ohne Bücksicht auf die Um- 
gebung seine Frau zum Beischlaf aufforderte. Ein paralytischer Lehrer, den 
ich zu begutachten hatte, verging sich, nachdem er seiner Frau schon durch seine 
übermäßige sexuelle Begehrhchkeit lästig geworden war, mit Sohulmädchen . 
Man hat femer satyrias tische Anfälle bei früher geistig normalen Individuen 
nach Kopftraumen, bei zerebralen Herderkrankungen, namentlich Tumoren des 
Cerel>ellum und Pons, und bei Idioten beobachtet. ' 

Die clironische, kontinuierliche und gewöhnhch leichtere Form der sexuellen 
Hyperästhesie findet sich am häufigsten bei erbUch Belasteten. „Derlei Indi- 
viduen", bemerkt v. Krafft-Ebing, „tragen einen großen Teil ihres Lebens 






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200 Die Auomalien des Sexualtriebes. 

schwer unter der Last dieser konstitutionellen Anomalie ihres Trieblebens." Häufig 
ist aber auch die in Frage stehende Form erworben. Wir begegnen derselben 
namentlich bei Neurasthenikem, deren Kervenzustand durch Exzesse im natür- 
Hchen öeschlechtsverkehr oder durch Masturbation verursacht, resp. mitbedingt 
wurde, femer im Gefolge relativer oder absoluter Abstinenz bei neurasthenischen 
und neuropathisch veranlagten Männern. Letzterer Faktor bedingt nach meinen 
Beobachtungen eine eigenartige Form sexueller Hyperästhesie, die meines Wissens 
von anderer Seite noch nicht genügend gewürdigt wurde. Die Patienten meiner 
Beobachtung waren vorherrschend verheiratete Männer in den 4per und anfangs 
der 50er Jahre, die zum Teil aus Bücksichten für die eigene Gesundheit den ehe- 
hchen Verkehr bedeutend eingeschränkt hatten oder wegen Erkrankung der 
Frau auf denselben gänzhch (oder fast gänzlich) verzichten mußten. Zwei der 
betreffenden Patienten standen in den 30er Jahren und übten aus hygienischen 
und moralischen Gründen Abstinenz. Dieselben hatten eine lange Behandlung 
wegen Urethritis posterior hinter sich. Bei sämthchen Patienten bestand von 
Haus aus eine gewisse neuro pathische Veranlagung. Bei Tage waren die in Frage 
stehenden Männer von sexuellem Drange im allgemeinen nicht sehr belästigt, 
dagegen waren ihre Beschwerden bei Nacht um so erhebhcher. Alsbald, oder 
einige Stunden nach dem Einschlafen (nicht erst gegen Morgen) stellten sich 
bei denselben Erektionen ein, die häufig so intensiv und andauernd wurden, daß 
sie zu Schmerzen im Gliede und den benachbarten Teilen führten, den Schlaf 
hochgradig störten und am Morgen ein Gefühl der Abspannung und Schwäche 
hinterließen. In diesen Fällen handelte es sich offenbar um eine abnorme Erreg- 
barkeit des genitalen Erektionszentrums, die nicht j^ychisch vom kortikalen 
Zentrum des Geschlechtssinnes, sondern peripher durch von den Sexualorganen 
ausgehende Erregungen bedingt wurde. Die Übererregbarkeit des Erektions- 
zentrums, die sich beim Ausfall der kortikalen hemmenden Impulse in Schlafe 
sofort geltend machte, wirkte erst sekundär erregbarkeitssteigemd und dadurch 
Libido wachrufend auf das Bindengebiet. Dieser nächthche beschwerliche 
Priapismus kann nach meinen Beobachtungen selbst Jahre hindurch sich geltend 
machen. 

Im folgenden will ich Bruchstücke aus der Leidensgeschichte eines dieser 
Patienten mitteilen, die um so mehr Interesse beanspruchen dürfte, als es sich 
um einen Ende der 50 er Jahre stehenden Mann handelt. 

Beobachtung. 

Der Patient, ein den gebildeten Ständen angehörender, verheirateter Herr nahm vor etwa 
26 Jahren meinen Bat wegen einer lange bestehenden schweren Neurasthenie in Anspruch. 
Schon damals wurde der Patient, welcher durch eheliche MißverhältnisEe mehrere Jahre zu 
vollständiger Abstinenz genötigt vrax, durch Eehr hartnäckige nächtliche Erektionen heim- 
gesucht. Im Verlaufe von Jahren, unter dem Einflüsse verschiedener Kuren und wohl auch 
wieder geregelten geschlechtlichen Verkehrs trat bei Herrn X. eine eo weitgehende Begeerung 
ein, dafi er sich fast als gesund betrachten konnte. Dieser günstige Zu&tand hielt an, bis es Herrn 
X. infolge andauernder Erkrankung seiner Frau nur mehr selten und noch dazu meist unter 
ungilnstigen Umständen möglich wurde, seine noch immer mächtigen sexuellen BedUrfnisee 
zu befriedigen. Diese relative Abstinenz führte mit ihren Folgezust&nden (Störungen des Schlafes 
usw.) allmählich wieder zu einer Verschlechterung dee Nervenzustandes, welche im Laufe der 
Zeit durch gemütliche Erregungen wegen dee Zustandee der Frau noch gesteigert wurde. Zu 
den nervösen Beschwerden gesellte sich hochgradige Verstimmung. Der Zustand besserte sich 
im Verlaufe eines Jahres erheblich; doch verblieb eine auBerordentliche gemütliche Reizbarkeit, 
die bei Auh^ungen gelegentlich zu tobsuchta&hnlichen Ausbrüchen führte. I>etztere waren von 
äußerst heftigen Hinterkopfschmerzen begleitet und hinterließen eine gewisse Geraüttver- 






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Die Anomalien des Sexualtriebes* 201 

Stimmung. Bezüglich dieser Änf&lle bemerkt Patient: ,,Auch bei diesen zum Glück nur auf 
stärkere Aufregungen erfolgenden und wieder vorübergehenden Explosionen spielten^ soweit 
ich mich entsinne, nachte zuvor vorausgegangene, sehr mühsam niedergekämpfte Erektionen 
häufig ihre Bolle, so daß man es wohl eine Art Hysterie nennen konnte." Dem Patienten gelang 
es, durch verschiedene Bfaßnahmen auch diese abnorme Reizbarkeit mehr und mehr einzu- 
dämmen und seine Nerven derart zu kräftigen, daß er Uneingeweihten als gesund erschien. 
X^ber seinen Zustand berichtet Patient w^ter: 

,Jch brauche niemals Schlafmittel, kann m jeder Zeit leicht einschlafen, erwache aber 
immer bei den Erektionen, die meist schon nach 8— 4stÜndigem Schlafe eintreten, und deshalb 
kommt es fast niemals zu Pollutionen. Durch Kneten und Massieren der Bein* und Axmmukseln 
usw. gelingt es mir zwar, das Blut momentan zu vertreiben; aber sobald ich wieder 1 — 2 Stund^i 
geschlafen, b^nnt die Szene wieder von neuem und oft noch heftiger und brünstiger als zuvor. 
Ich muß dann oft den nach Schlaf dürstenden Körper nach einer kalten Ganzwaachung gänzlich 
aus dem Bett heben und aufstehen, wobei ich dann natürlich das hOchst unbehagliche Gefühl 
des NichtauBgeschlafenhabens, Afters auch Anwandlungen einer melancholischen Verstimmung 
stundenlang mit mir führe! Zum vollen Kraftgeftthl komme ich, wenn ich nach Tisch mich 
nochmals 1 — 2 Stunden niederlege und dadurch den nächtlichen Schlafmangel ausgleiche. Dann 
stehe ich meist eo gekräftigt und frisch an Qeißt und Körper auf, daß ich im Scbnellschritt große 
W^e zurÜcklegNi, auch geistig mich tätig zeigen kann. Leider ab« ist alles Laufen (bis zur 
vollkommenen Ermüdung) und alle Gymnastik nicht genügend, mich vor den nächtlichen Be- 
schwerden zu bewahren. Ja, je wohler und leistungsfähiger ich mich am Nachmittage fühle, 
um so sicherer ist mir eine recht schlechte darauffolgende Nacht. Oft wecken mich die Erektionen 
dann schon nach den ersten zwei Stunden Schlafs, und ganz erschöpft stehe ich am andern 
Morgen auf. Ja, es ist etwas ganz Gewöhnliches, daß ich nach solchen Tagen des kräftigsten 
Wohlbefindens infolge der maßlos auftretenden Erektionen, wdche sich zuletzt durch teilweises 
Abgehen des Sperma beim Urinieren Luft zu machen suchen, in einen hochgradigen Zustand 
von Erschöpfung verfalle. Abgeschlagenheit in den Gliedern, Rltokenschmer^en, Ziehen in den 
Waden und Gelenken, dazu geistige Trägheit und Arbeitsunlust bei konstanter Schläfrigkeit, 
Brennen in der Harnröhre beim Abgange des Turins und häufiger Harndrang, manchmal sogar 
Schwindelgefühl im Bett markieren dann deutlich den wohl durch teilweisen Spermaverlust 
entstehenden Schwächezustand. Sehr mühsam und langsam, meist nur in Wochen und nach 
Fußwanderungen (im Gebirge) gelingt es mir dann wieder einmal, dieses Zustandes Herr zu werden, 
um nach einigen vielleicht recht guten Tagen, in denen ich mich wieder sehr plethorisch fühle, 
infolge der übermäßigen Erektionen in den alten Zustand zu verfallen. So kaim ich nie wirklich 
zu Kräften und zu einer geistigen Arbeitsfähigkeit gelangen, obgleich mich alle Welt als ganz 

besonders kräftig und gesund anspricht" Patient bemerkt weiter, daß er sehr frugal 

lebt und Bier und Wein nur ausnahmsweise genießt. Er fährt dann fort: „Stünde ich noch in 
den 30er oder 40 er Jahren, so wäre der Zustand ja leicht erklärlich. In meinem Alter aber muß 
es doch wohl pathologisch sein, zumal ich gleichzeitig, namentlich früh zur Zeit der Erektionen, 
an Taubheit der Fingerspitzen leide. Eine fast regelmäßige Begleiterscheinung bei den Erektionen 
ist auch der fast konstante Abgang von Blähungen (Darmgasen, geruchlos), bei deren Eintritt 
dann die Erektionen meist allmählich nachlassen. Daß gleichzeitig der Bücken, auch der Bauch 
(Blaseng^end), kurz der ganze Unterleib ' und ganz beeondei^ das Perineum (Pars proetatica) 
von Blutfülle förmlich brennt, habe ich wohl schon bemerkt. Dieses unablässige Drängen {aus- 
gehend von der Pars prost.) macht mich am Tage natürlich sehr reizbar, und es ist begreiflich, 
daß anderweitige starke Aufregungen (Ärger, Angst usw.) große Explosionen (bis zum Schreien) 
hervorzubringen verminen. Augenblicklich habe ich meine Widerstandskraft durch Gebirgs- 
aufenthalt gehoben. Aber es kann wieder kommen ^).'* 

Auch in dem folgenden Falle, der einen nahezu 50 Jahre alten, in anstrengender 
Praxis tätigen Kollegen betrifft, handelt es sich vorwaltend um die oben geschil- 
derte spinale Form sexueller Hyperästhesie. 

Beobachtung. 

Der Patient, nach seiner Mitteilung» obwohl von gesunden Eltern stammend, etwas 
neuropathiach veranlagt, dabei jedoch von sehr krSftiger Konstitution und von sanguinischem 
Temperament, lebt seit mehr als 20 Jahren in durchaus glücklicher Ehe und war vor derselben 

^} Ich sah den Patienten noch einmal nach einer Anzahl von Jahren. Sein Zustand hatte 
sich inzwischen so gebessert, daß er bei einer Reise durch Italien den Vesuv und den Ätna be- 
steigen konnte. 






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202 Die Anomalien des 

ExzeBsen weder in Baocho noch in Venere ergeb^i. Er war nie erheblich krank und in »emeni 
Berufe früher sehr leiBtungBf&hig. Aub eeinem Berichte gestatte ich mir, nachstehendes Bruch- 
stück wiederzugeben: „Seit 6 Jahren indessen leide ich an Neurasthenie» die lange Zeit alle 
möglichen Et^cheinungen machtet Parästhesie in den Beinen, motorische Schwäche, Herz- 
palpitationen, Schwindelanfälle, Schlaflosigkeit und namentlich zerebrale ErschöpfungEZustände. 
Letztere haben viele Monat« das Krankheitebild beherrscht. Das Gewöhnliche der täglichen 
Praxis konnte ich wohl bewältigen, aber abends war ich bo fertig, daß ich keine Zeile mehr leeen» 
kaum mehr draiken konnte. Vernünftige Lebensweise, 7 Monate Älkoholabstinenz, Gebirgs- 
touren alljährlich, Vermeiden fast jeder Geselligkeit usw. hatten mich all dieses überwinden lassen, 
als vor nunmehr 2^/^ Jahren, teilwei£e noch hineinragend in die geecbilderten gruppenweise 
aufgetretenen mannigfachen Erschöpfungserscheinungen, nächtliche Priapismen eich einstellten, 
die seitdem das ganze Krankheitebild beherrschen und mir traurige Freunde Nacht für Nacht 
geblieben sind. Seit November 1001 habe ich im ganzen 3 — 4 mal ungeetörten Schlaf gehabt, 
oft sogar während der Siesta untor Erektionen leiden müssen. Ich habe niemals sinnliche Träume* 
niemals Pollutionen oder Spermatorrhöe gehabt; die Anfälle selber haben mit sexuellen Vor- 
stellungen oder Lustgefühlen nichts zu tun, nicht eine der zahllosen Er^tionen ist von ii^end 
einer derartigen Erscheinung b^leitet geweeen. Sowie ich im ersten Schlafe liege oder in Zeiten 
der Besserung erst in d&a. frühesten Morgenstundrai, tritt mit dem Ausfall der kortikalen Hem- 
mungszentren eine gewöhnlich leichtere Erektion ein; ich schlafe wieder ein, sehr bald folgt 
eine stärkere, andauerndere und eine noch stärkere, oft bis 6 mal in einer Nacht. Fast stet« 
folgt auf die Erektion eine gewisse vasomotoriEche Schwäche im Abdomen, es bebt in dem unteren 
Menseben bei lebhafterraa gespannten Pulse, Schmerzhaft sind die Priapismen nicht» nur zuweilen 
ist eine gewisse Spannung im Penis unangenehm. Gewöhnlich nehme ich die Knie>Ellenbogenlage 
ein, bei da wahrsoheinlioh durch den negativen Druck in den Gefäßen des Unterleibs, d^ hier- 
durch entsteht, eine raschere Entleerung der Corpora cavemoea herbeigeführt wird. Diese reiz- 
bare Schwäche des lumbalen Erektionszentruma wird durch alle mißlichen nervösen Beize 
befördert, die am Tage oder abends noch einsetzen; es ist wie ein Akkumulator» der sich immer 
wieder neu mit Energie speist und sie nachts in Fonn von Erektionen abgibt. Mein Allgemein- 
befinden ist dabei im allgemeinen gut, ich bin mit 3 — 1 Stunden Schlaf zufrieden, namentlich 
wenn ich nachmittags ein Stündchen nachholen kann. Aber das ganze Verhalten dieeee abnormen 
Zustandes an sich und sein V^hältnis zu mir selbst ist ein gänzlich r^elloses und kapriziöse«. 
Wae einmal mir miserabel bekommt^ macht das nächste Mal wenig Eindruck. Mein Befinden 
und meine nervöse Energie stehen oft gerade in umgekehrtem Verhältnis zu den nächtlichen 
Störungen. Wag mein sexuelles Verhalten betrifft, so besteht (ob Ursache, ob Wirkung, vermag 
ich nicht zu entecheiden), ein staric erotischer Zustand; das Sexuellsinnliche steht unangenehm 
im Vordffl^runde und mischt sich mir unendlich peinlich in mein Vorstellungs- und Gedanken- 
leben; essind Vorgänge, die sich wohl meist ohne mein Zutun unter der Schwelle des BewuQteeins 
vollziehen. Mein ästhetisches Empfinden in Kunst und Literatur hat sich geändert, nicht daß 
ich absichtlich Sinnlicherregendes mir ansähe oder lese, das tue ich niemals, aber sexuelle Vor- 
steUungen knüpfen sich an alles,^ was das Weib betrifft, auch wram eigentlich für jeden anderen 
Mensehen absolut nichts Sexuelles dabei sein würde, seien es Erzeugnisse der bildenden Kunst 
oder Lektüre, In der ganzen sexuellen Sphäre besteht ein hyperästhetiEcher Zustand, eine starke 
Reaktion auf alles Sinnliche, der keine Hemmung, keine Willencenei^e gegenübersteht. Jede 
aktive oder passive Zärtlichkeit im ehelichen Zusammenleben verursacht Erektionen oder 
wenigstttis den Beginn dazu und als Folge der venösen Stase schmerzhafte Empfindungen in den 
Testikeln und im Penis* Impotent bin ich bis dato eigentlich nicht gewesen, wiewohl mancherlei 
Störungen psychischer und funktioneller Art zeitweise verglommen sind^ aber eben nur vorüber- 
gehend. Seit zirka 6 Wochen scheint es aber damit zu Ende zu gehen ; es besteht bei Kohabitations- 
versuchen Mangel an Erektionsfähigkeit bei fortwährender Gefahr der präzipitierten Ejakulation, 
mimgelnde Voluptas und, wenn auch sonst alle Bedingungen erfüllt ^ind, Ausbleiben der Ejaku- 
lation; der ganze Vorgang ist wie mit einem Messer plötzlich abgeschnitten. — Die Ursachen 
der Erkrankung sind, glaube ich, nur zu klar. Tabes ist ausgeschlossen, an den Genitalien hat 
der Urologe endoskopisch nichts gefunden, d. h. vor einem Jahre außer einer unbedeutenden 
mir seitrat verborgen gebliebenen Striktur, Der Versuch, sie zu beEeitigen, mußte aufgegeben 
werden, weil die Dilatationen die Priapismen enteetzlich steigerten." 

Bei Besprechung der Ätiologie seines Falles äußert Eich Dr. X. dahin, daß wohl die Haupt- 
schuld an seinem Leiden der Mangel weiser Mäßigung im ehelichen Verkehr trage, der auch nach 
dem Auftreten neurasthenischer Erscheinungen in gewohnter Weise fortgesetzt worden sei 
Im übrigen war seine Lebensweite eine durchaus hygienische, Atkoholgenuß nur sehr mäßig, 
Rauchen nikotinfreier Zigarren usW. 

Über die Resultate der bisher geübten Behandlung berichtet Dr. X. folgendes; 






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Die AnomftUon des SexaaltriebeB. 203 

„An meiner GeBundbeit arbeite loh nun schon seit 6 Jahren und bin ja auoh alle neur- 
Mthenischen Beechwerden loegeworden bis'uuf die Bexuellen Zust&nde, aber dieee isolierte Er- 
krankung des spinalen Genitalzentrums trotzt jeder Behandlung. Ich habe gebraucht alle mög- 
lichen Badeformen» Kühlschlange im Rücken, Kühlkatheter, viele Medikamente» Bromver- 
bindungen pfundweise, war 1902 und 1903 in Sanatorien» machte die verschiedensten Prozeduren 
durch» GalvaniBieren des BückenmaAs» faradische B&der» Wachsuggeetion, Galvanüieren des 
Gentrum« himbc^e auch w&hrend leichter Hypnose. Die Kollegen haben sich redlich bemüht, 
mir zu helfen in ihren Anstalten, alles umsonst. In beiden Sanatorien wurde ich sohlieBlich 
fast echlafloB» bis ich durch Brom das gestörte nervöse Gleichgewicht wieder herstellte und meine 
gemütliche Stimmung wieder gewann. Der Eindruck, den ich bisher von allen örtlichen Methoden 
der Behandlung «halten habe, ist der gewesen» daB alle st&rkeren thermischen Reize, alles schock- 
artig Einwirkende nur Bchadet, den Beizzustand erhöht und daB die Gedanken viel zu sehr 
dadurch und durch die Besprechungen mit den Kollegen auf den Locus morbi hingelenkt werden," 

In Betreff des weiteren Verlaufs des Falles sei hier nur erw&hnt, daß Dr. X. durch Über- 
gang zur vegetarischen Lebensweise zeitweilig Erieichterung fand. Der Gebrauch eines Seebades 
wirkte auf das Allgemeinbefinden sehr vorteilhaft» auf die sexuellen Störungen ungünstig. Naoh 
dem letztwi» ungefähr ein Jahr nach dem eraten mir zuge^ngencn Berichte war dae Allgemein- 
befind«! befriedigend» währ«id die Erscheinungen der sexuellen HTperSsthesie nach der 
psychischen wie der Bomatischen Seite (Pria{nBmen)» wenn auch unter mannigfachen Schwan- 
kungen, andauerten. Bezüglich der Priapismen betont der Patient» dsfi dieselben keineswegs 
ausschließlich durch sexuelle Beize hervorgerufen oder verst^ct werden» sondern in dieser 
Richtung alle mOglichea Insulte^ die das nervQse oder psychische Gleichgewicht btörrai» sich 
wirksam erweisen. 

Bei Personell, welche durch Masturbation oder Exzesse in Venere sich 
schädigten^ habe ich eine Belästigung durch übermäßige nächtliche Erektionen 
nie konstatieren können. Die sexuelle Hyperästhesie dieser Individuen führt 
meist za gehäuften Pollutionen» wodurch übermäßige nächtliche Erektionen 
verhindert werden. Nur in seltenen Pällen kommt es auch bei den Exzedenten 
in Venere zu Erscheinungen von Priapismus, welche aber dann nicht lediglich 
während der Nacht auftreten und nicht durch den Ausfall kortikaler Hemmungen, 
sondern durch die Lebhaftigkeit und Ändauer sexuell-sinnlicher Vorstellungen, 
die ihre Gedankenwelt ganz und gar beherrschen, bedingt sind. 

Zustände krankhaft eihöhter sexueller Erregbarkeit können, at)gesehen vom 
Priapismus, noch zu anderen lokalen Beschwerden führen, wie folgende Beob- 
achtung zeigt. 

Beobachtung« 

Dr. X.f 36 Jahre alt, ohne erweisliche erbUche Belastung» kam als Knabe durch einen 
Zufall dazu, Blastorbation zu üben, der er. jedoch auch sp&ter sich noch ergab. Im Alter von 
22 Ji^iren wurde er infolge von übeimifiigem Studium von Schlafmangel heimgesucht. Gleich- 
zeitig geriet er durch ein platonisches Liebesrerh&ltnis, das er damals unterhielt, in einen Zu- 
stand hochgradiger sexueller Errc^ng, der zeitweilig zu Zuckungen der Hodenmuskeln führte. 
Diese Beschwerden verloren sich allm&hlich, kehrten jedoch in den 30er Jahren in zunehmender 
Intensität wieder, wohl infolge des Umstandes, dafi Patient aus religiösen Motiven trotz seiner 
hochgradigen Libido seit Jahren in vollständiger Eexueller Abstinenz lebt. Die Andauer der 
sexuellen Erregung erschwert dem Patienten die geistige Arbeit auflerordentlich. Auch die 
Belästigung durch Muskelzuckungen ist sehr erheblich ; diese betreffen nicht nur den M. cremaster, 
sondern sie erstrecken sich zum Teil offenbar auch auf das Gebiet der Perinealmuskeln. 

Äußer in den erwähnten Fällen begegnen wir der sexuellen Hyperästhesie 
noch insbesondere in den Anfangsstadien der progressiven Paralyse und in der 
manischen Phase des zirkulären Irrseins. Von den Paralytikern ist bekannt, daß 
dieselben häufig in der ersten Krankheitsperiode sich durch einen von ihren früheren 
Gewohnheiten abstechenden liederlichen Lebenswandel (Verkehr mit Dirnen usw.) 
auffällig machen. Wo eine gewisse sexuelle Hyperästhesie schon früher bestand, 
erfährt dieselbe durch die Paralyse gewöhnlich eine bedeutende Steigerung. Das 
gleiche gilt nach meinen Beobachtungen von der arteriosklerotischen Demenz, 






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204 Die Anomalie des SexuAltriebeB. 

Es ist noch zu erwähneB, daß auch durch rein periphere Ursachen von länger 
dauernder Einwirkung (Pruritus und Ekzem der Genitalien mit starkem Juckreiz) 
und toxische Einflüsse (Canthariden) Zustände abnormer sexueller Erregbarkeit 
hervorgerufen werden können. 

Neben den im vorstehenden besprochenen Formen von sexueller Hyper- 
ästhesie ist mir im Iiaufe der Jahre ein Znstand bekannt geworden, bei welchem 
die Libido nimia zwar in deuthch ausgeprägter Weise vorhanden ist, der Trieb 
jedoch auf ein bestimmtes Sexualobjekt sich beschränkt und nur durch dieses 
befriedigt werden kann. Ich bezeichne diese Eorm der Libido nimia, die meines 
Wissens noch nicht von anderer Seite beschrieben wurde, als elektive. Das 
Sexualobjekt kann bei derselben ein normales heterosexuelles ebensowohl wie 
ein homosexuelles sein. Nachstehende Beobachtung mag zur Illustration des 
Bemerkten dienen. 

Beobachtung« 

Dr. X., 60 Jahre alt, seit 26 Jahren verheiratet und Vater mehrerer erwachsener Kinder, 
ohne erweiatiohe erbliche Belastung leidet seit mehreren Dezennien (wiüuvoheinlich seit seiner 
Jngend) an sexueller Hyperttsthesie, Diese hielt sieh immer in gewissen Qrensen; ast in den 
letzten Jahren hat sie aUm&hlich derart zugenommen, daß sie für ihn zu einer st&ndigen echveren 
Belästigung wurde, die seine berufliche lieistungsf&higlceit echm&lerte und seinai Schlaf beein- 
trächtigte. Sexuelles Verlangen wird bei ihm nicht durch beliebige weibliche Penionen, ob jünger 
odeir &lter err^; auch angenehmes AuBere genügt nicht; Prostituierte wecken bei ihm lediglich 
einen entsohiedenen d^üt. Nur ein gewisser Typus weiblicher Personen ist imstande, auf 
ihn sexuelle Attraktionskraft auszuüben. Die Betreffenden müssen ihm durch ihre kOrpeiiichesi 
wie seelischen Eigenschaften s3rmpathisch sein. Veriiebtheitspidt dabei keine Bolle. Die Objekte 
seiner Neigung haben im Laufe der Jahre vidfach gewechselt und, da er nicht immra* solche 
zur Verfügung hatte, litt er und leidet er noch gegenwärtig vielfach unter den Qualen der Abstinenz 
Das Verlangen, das er den in Frage stehenden Pereonen gegenüber empfindet, betrifft nicht 
ausschließlich den Koitus, eondem auch den Umgang und macht sich Mters mit so zwingender 
Gewalt geltend, daß das Aufgebot seiner ganzen Willenskraft und aller erdenklichen Vernunft- 
gründe (die Rücksichten ajf seine soziale Stellung, seine Familie usw.) nichts dag^en auszu- 
richten verminen. War das Objekt seines Verlangrais von seinem Wohnorte entfernt, so hat 
er deshalb h&ufig den Tel^raphen in Anspruch genommen, um möglichst rasch eine Zusammen- 
kunft herbeizuführen. £r ist dann trotz seiner Jahre imstande, den Koitus 3 mal an einem Tage 
auszuüben. Die £re^ionsfiLhigkeit hat zwar in letzter Zeit etwas nachgelasEen, ist aber noch 
immer genügend. Nach dem Koitus fühlt er sich ruhiger, frisch und leistungsfähiger; doch h&It 
diese günstige Wirkung nicht lange an» dann macht sich wieder sexueUes Bedürfnis lebhaft 
geltend. 

Der Schlaf ist ^ehr mangelhaft, häufig unterbrochen und von kurzer Dauer, was Patient 
selbst mit seinem sexuellen Ztistand in Verbindimg bringt. Bei Tag treten oft Schwäche- 
gefUhle auf. 

Patient leidet seit längerer Zeit, wie auch von spezialärztlicher Seite konstatiert wurde, 
an Prostatahypertrophie; der Harndrang ist vermehrt und der Strahl bei der Entleerung abge- 
schwächt. 

Der im vorstehenden mitgeteilte Fall von sexueller Hyperästhesie weist die 
Eigentümlichkeit auf, daß die übermäßige Libido sich nicht jeder "weiblichen Person 
gegenüber, die überhaupt auf Männer attraktiv einzuwirken geeignet ist, kund* 
gibt. Sie macht sich lediglich für einen bestimmten Typus weiblicher Wesen 
geltend, diesen gegenüber aber zeitweilig in so stürmischer Weise, daß der Patient 
alle Bücksichten beiseite setzt, um sich von seinem sexuellen Drange zu befreien. 
Hat er die gewünschte Gelegenheit erlangt, so gestattet er sich Leistungen im 
geschlechtlichen Verkehr» die bei seinem Älter als Exzesse zu betrachten sind. 

Wenn der Patient sich für die Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse auf 
gewisse weibliche Personen beschränkt, so spielen hierbei moralische oder hygienische 
Bedenken keine Rolle. Auch Verliebtheit kann zur Erklärung dieser Beschränkung 






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Die Anomalien des Sexnftltriebes. 205 

nicht herangezogen werden. Nach meiner Erfahrung verhindert Verliebtheit 
einen Mann mit sehr reger Libido wenigstens sehr häufig nicht, seine sexuellen 
Bedürfnisse mit einer ihm gleichgültigen weiblichen Person, mitunter sogar einer 
Prostituierten zu befriedigen. Das Verhalten des Patienten erklärt sich ledighch 
daraus, daß nur gewisse ihm sympathische Personen für ihn auch genügende 
sexuelle Attraktionskraft besitzen, eine EigentümHchkeit seiner Vita sexuaÜs, 
die dem Fetischismus nahesteht ^). 

Der gleichen Eorm sexueller Hyperästhesie begegnen wir bei Bbmosexuellen. 
Unter diesen existiert eine zahbeiche Klasse, für welche ledighch Individuen in 
sehr jugendhchem Alter vom 13. — 16. oder 17. Lebensjahre sexuelle Attraktion 
besitzen (Pädophilie). Manche dieser Homosexuellen wissen sich soweit zu be- 
herrschen, daß sie sich nie zu sexuellen Handlungen mit den Objekten ihrer Neigung 
verleiten lassen. Bs mangelt aber auch nicht an Fällen, in welchen der Drang 
zu sexuellem Verkehr mit einem bestimmten Lidividuum im fragUchen Alter so 
mächtig sich geltend macht, daß er selbst durch exzessive Masturbation nicht 
herabgesetzt werden kann und den Betreffenden dahin bringt, alle kriminal- 
rechtUchen und sozialen Folgen außer acht lassend, Befriedigung sich zu ver- 
schaffen. So verhielt es sich in zwei Fällen meiner Beobachtung. In dem einen 
derselben war der Uft-boy eines Hotels der Gegenstand des Dranges eines in den 
30er Jahren stehenden Homosexuellen, der denn auch in der Folge seitens des 
jungen Burschen und eines Freundes desselben Erpressungen zu erdulden hatte. 

Bei weibhchen Personen entwickelt sich die Nymphomanie unter den gleichen 
pathologischen Verhältnissen wie bei Mäimem die Sat3masis. Auch die leichteren 
Formen der sexuellen Hyperästhesie treten unter denselben Bedingungen wie 
bei Männern auf. 

Was die Hysterie anbelangt, so hat man früher den mit diesen Leiden Be- 
hafteten vielfach besonders lebhafte erotische Neigungen zugeschrieben. Diese 
Ansicht hat sich jedoch als irrtümhch erwiesen. Die Hysterie als solche führt 
im allgemeinen keineswegs zu stärkerem Hervortreten sinnlicher Neigungen; 
die sexuell Anästhetischen mit Mangel der orgastischen Fähigkeit sind unter den 
Hysterischen sogar häufig vertreten. Nur vorübergehend und im Zusammenhang 
mit Zuständen allgemeiner Erregung, sowie bei einzelnen Formen hysterischer 
Anfälle zeigt sich mitunter gesteigerte sexuelle Appetenz. Bei zwei hysterischen 
Frauen meiner Beobachtung, die im allgemeinen durchaus kein ausgeprägtes 
sinnhches Temperament aufwiesen, machten sich nach der Mitteilung ihrer Gatten 
zu gewissen Zeiten neben großer allgemeiner Erregtheit auffällig vermehrte sexuelle 
Bedürfnisse bemerkhch, deren Befriedigung bei der einen derselben noch überdies 
mit einem leichten hysterischen Anfall gewöhnhch abschloß. Brügelmann und 
Stadelmann beobachteten bei zwei Patientinnen in hypnotischen Zuständen, 
die durch hysterische Somnambuhe komphziert waren, hochgradige sexuelle 
Erregung. Die Patientin Brügelmanns, ein Mädchen aus guter FamiUe und 
im Wachzustande vöUig wohlgesittet, machte dem behandelnden Arzte in Gegen- 
wart Dritter Liebeserklärungen und forderte denselben in unzweideutiger Weise 
zu Annäherungen auf, gerierte sich aber in gleich sexuell erregter Weise auch 
einer den Arzt gelegentlich vertretenden weibhchen Person gegenüber. Man 
darf jedoch hieraus keineswegs folgern, daß die hysterische Somnambuhe an sich 
unter Umständen sexuelle Begehren wachruft. In beiden Fällen bestand offenbar 

^) Daß die Steigerung der sexuellen Hyper&atheeie dee Patienten in den letzten Jahren 
mit der bei ihm vorli^mden Proetatahypertrophie in urs&chlichem Zusammeoihange steht, 
darf als mindestens sehr wahrscheinlich betrachtet werden. 






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206 Die Anomalien dee Sexualtriebes. 

auch im Wachzustande ausgesprochene sexuelle Erregtheit, die sich in der 
Somnambulie nur unverhüllt kundgab ^). 

Aus dem Vorstehenden dürfte erhellen, daß die krankhafte Steigerung des 
Geschlechtstriebes einen Zustand bildet, welcher die ärztliche Beachtung in hohem 
Maße verdient. Dieselbe kann einerseits zu Exzessen im natürlichen Geschlechts- 
verkehr und zu masturba torischen Gepflogenheiten führen, durch welche das 
Nervensystem mehr oder weniger geschädigt wird, andererseits die andauernde 
sexuelle Abstinenz zu einem Zustande machen, welcher ebenfalls das Nerven- 
system in ausgesprochen ungünstiger Weise beeinflußt. Wir verweisen in letzterem 
Funkte auf das an früherer Stelle (Abschnitt VIII und IX) Bemerkte. 

Nicht minder wichtig ist aber, daß die sexuelle Hyperästhesie auch zu per- 
verser sexueller Befriedigung führen und den' Anstoß zu kriminellen Handlungen 
geben kann, also auch für das Individuum noch Gefahren anderer Art in sich bii^t. 

II. Qualitative Anomalien. 

A. Uomosexaalitftt. 

Konträre Sexualempfindung. 
1. Konträre Sexualempfindung beim Manne. TJranismus, Urning tum. 

Unter den quaUtativen Anomalien des Geschlechtstriebes bildet die als 
konträre Sexualempfindung (nach Westphal), HomosexuaUtät, Inversion des 
Geschlechtstriebes, bei Männern auch als Uranismus oder Umingtum bezeichnete 
Perversion die häufigste und praktisch wichtigste Erscheinung. Das Wesentliche 
dieser Anomalie besteht darin, daß bei den damit Behafteten sexuelle Neigungen 
für Personen des gleichen Geschlechtes bestehen, das sexuelle Triebleben also 
eine dem normalen Verhalten entgegengesetzte (konträre) Richtung zeigt. Die 
Kenntnis der Homosexualität reicht weit in das Altertum zurück; dieselbe war 
ja bekanntlich schon bei den alten Kulturvölkern des Abendlandes, insbesondere 
bei den Griechen, sehr verbreitet. Trotzdem ist von einer wissenschaftlichen 
Beschäftigung mit dieser Perversion bis in die zweite Hälfte des verflossenen 
Jahrhimderts kaum die Bede. Der Grund dieses auffälligen Umstandes ist darin 
zu suchen, daß man früher die HomosexuaUtät beim Manne einfach mit der 
Päderastie identifizierte, die von alters her nicht als Äußerung eines krankhaften 
Zustandes, sondern als widernatürliches und deshalb von den Gesetzen der meisten 
Staaten mit schweren Strafen belegtes Laster galt. Als solches konnte die Homo- 
sexuahtät nur den Juristen und den Gerichtsarzt interessieren, und letzterer 
beschäftigte sich mit der Sache auch nur so w^t, als der Nachweis päderastischer 
Akte in Frage kam. Den ersten Versuchen, tiefer in das Wesen der HomosexuaUtät 
einzudringen und deren psychopathologischen Ursprung darzulegen, begegnen 
wir bei zwei Gerichtsärzten, Caspar in Berlin und Tardi^n in Paris. 

Caspar wies schon 1852 der älteren Auffassung gegenüber, welche die homo- 
sexuellen Beziehungen lediglich als eine Form geschlechtlicher Ausschweifung 
bei moralisch verkommenen Individuen betrachtete, darauf hin, daß jedenfalls 
bei einem Teile der in Betracht kommenden Individuen eine angeborene Anomalie 
des sexuellen Trieblebens bestehe und infolge dieser die geschlechtlichen Bedürf- 
nisse der Betreffenden nur auf homosexuellem Wege (aber nicht ausschließlich 
durch Päderastie) sich befriedigen ließen. 

>) S. Löwenfeld: Der HypnotiBmus. Handbuch dw Lehre von der Hypnoee und der 
Suggestion. Wiesbaden 1001. S. 209. 






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Die Anomalien dos Sexualtriebes. 207 

Ähnlich wie Caspar gelangte Tardien 1858 auf Grund eines sehr reichen 
Beobachtungsmaterials zu der Anschauung, daß es sich bei einem Teile der 
Päderasten um eine angeborene Abnormität der sexuellen Neigungen handle. 
Er konnte auch mehrfach bei Urningen weiblichen Habitus und Vorliebe für 
weibliche Beschäftigung konstatieren. 

Die Mitteilungen der beiden genanntefi Autoren vermochten jedoch in den 
wissenschaftlichen Kreisen kein nachhaltiges Interesse für die Homosexualität 
zu erwecken. Von entschiedenem Einflüsse in dieser Bichtung war erst die Arbeit, 
welche Westphal im Archiv für Psychiatrie 1869 über „konträre Sexualempfin- 
dung" veröffentlichte. Dieser Autor folgerte aus seinen Beobachtungen, daß die 
von ihm so Ijenannte Anomalie der Vita sexualis nicht nur beim Manne, sondern 
bei beiden Geschlechtem „angeboren als Symptom eines pathologischen Zustandes 
auftreten kann". Diesen Zustand als einen psychopathischen zu bezeichnen, 
trug der Autor Bedenken, weil bei demselben andere Erscheinungen seitens des 
Zentralnervensystems die psychischen überwiegen und letztere sogar fehlen können ; 
er hielt deshalb den Ausdruck „neuropathisch", weil umfassender, für entsprechen- 
der. Westphal betonte zugleich, daß es ihm nicht in den Sinn komme, alle Indi- 
viduen, welche sich widernatürlicher Unzucht hingeben, für pathologisch zu 
erklären. 

Durch die Westphalsche Arbeit wurde die Homosexualität dem Gebiete 
der Psychopathologie einverleibt und damit die Aufmerksamkeit der Psychiater 
und Neurologen auf dieselbe in nachhaltiger Weise gelenkt. In den nächsten 
Dezeimien wuchsen die PubUkationen über konträre Sexualempfindung allmähhch 
bedeutend an. In besonders eingehender Weise haben sich mit derselben von 
deutschen Autoren v. Krafft-Ebing, v. Schrenck-Notzing, Moll, Eulen- 
burg, Magnus Hirschfeld, Iwan Bloch, Naecke, Merzbach und Freud 
beschäftigt. Von diesen Autoren hat v. Krafft-Ebing, abgesehen von Detail- 
arbeiten, auch in seiner Psychopathia sexualis der Anomahe eine sehr ausführ- 
liche Darstellung gewidmet. Durch die Forschungen der genannten und zahl- 
reicher ausländischer Autoren (es seien hier nur von französischen Ärzten Lacca- 
sagne, Magnan, Chevalier, Binet, Fär^, Laupds und Laurent, von 
russischen Tarnowsky, von holländischen v. Eömer, von itahenischen Lom- 
broso und Bitti erwähnt), ist unsere Kenntnis der HomosexuaUtät bei beiden 
Geschlechtem nach ihrer klinischen wie ätiologischen Seite sehr bedeutend ge- 
fördert worden. Auch zahlreiche nicht medizinische Schriftsteller haben sich 
mit der HomosexuaHtät nach der einen oder anderen Bichtung hin beschäftigt 
und Aufklärung über dieselbe zu verbreiten gesucht. Insbesondere hat der unter 
dem Schriftstellemamen Numa Numantius bekannte Assessor Ulrichs in 
Verfechtung der Sache der Homosexuellen eine überaus rege Tätigkeit entfaltet. 

Hat die HomosexuaUtät bis in die 70 er Jahre des vorigen Jahrhundert in der 
Literatur eine gewisse Vemachlässigimg erfahren, so ist seit einer Anzahl von 
Jahren ein Umschlag nach der entgegengesetzten Bichtung eingetreten. Die 
hterarischen Arbeiten von medizinischer und nicht medizinischer Seite, die sich 
in der einen oder anderen Beziehung mit der HomosexuaHtät befassen, sind all- 
gemach zu einer Zahl angeschwollen, die in keinem Verhältnis zu der Bedeutung 
des Gegenstandes steht. 

Die Anomalie des sexuellen Fühlens, welche die Homosexualität darstellt, 
ist in den einzelnen Fällen sehr verschieden entwickelt. Man bat deshalb mehrere 
Grade oder Abstufungen der Anomalie bisher unterschieden, die sich jedoch nicht 
strenge voneinander abgrenzen lassen, da die Erfahrung lehrt, daß von den 






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206 Die Anomalien des SexualtriebeB* 

leichtesten Andeutungen bis zur fortgeschrittensten Anomalie fließende Übergänge 
sich finden. Wenn ich meiner eigenen Erfahrung folge, so lassen sich nachstehende 
drei Stufen unterscheiden: 

1. Ein Zustand psychoaexualen Zwittertums (Hermaphrodisie), Bei den 
betreffenden Individuen bestehen neben normalen Gefühlen für das weibliche 
Geschlecht homosexuelle Neigungen. Bas Verhältnis der betero* und homosexuellen 
Neigungen zueinander ist ein sehr -wechselndes. Auf der untersten Stufe stehen 
die Fälle, in welchen neben einer im allgemeinen völlig normalen heterosexuellen 
Triebrichtung homosexuelle Neigungen sozusagen in Latenz bestehen, die sich 
nur im Traume und in psychischen Ausnahmezuständen (Bausch, epileptischen 
Anfall usw.) oder ganz vorübergehend bei besonderen Anlässen geltend machen. 
An diese reihen sich die Fälle, in welchen sich beide Arten sexueller Neigung 
neben- oder nacheinander in wechselnder Stärke zeigen, und an diese schließt 
sich eine dritte Gruppe, in welcher die homosexuellen Neigungen im allgemeinen 
entschieden überwiegen. Der letzteren Kategorie scheint die große Mehrzahl 
der Bisexuellen anzugehören. 

Beobachtang. 

Herr X., 34 Jabre alt» den gebildeten Ständen angehörig, ohne erwetalicbe erblicbe Be* 
lastung, verfiel mit 12 oder 13 Jahren auf Maeturbation und Übte dieeelbe bis zu seinem 18, oder 
10. Lebensjahre in erheblichem Maße. Der erste masturbatorische Akt wurde dadurch angeregt. 
daS er sich vorstellte, er bekomme Schl&ge auf das Ges&B. Dabei legte er sich auf einen Stahl» 
so daß ein Druck auf den Hoden ausgeübt wurde, welcher eine sexuelle En^pmg herbeiführte. 
Später wurde die Masturbation mit der Vorstellung verknüi^t, daß er Knaben auf das Gee&B 
eofalage, jedoch ohne ihnen Schmerzen zuzufügen. Wie die angeführte Ideenverbindung bei der 
eraten Masturbation entstand, hierüber weiß Patient nichts Näherra zu sagen. Herr X. ent- 
behrte nie, seitdem er erwachsen ist, des normalen sexuellen Qefühls gegenüber dem weiblichen 
Geechlecbte; Neigung zu p&derastischem oder sonstigem homosexuellen Verkehr trat bei ihm 
nie zutage. Er unterhielt vor Jahren längere Zeit ein platonisches Verhältnis mit einem acht- 
baren Madchen, das er jedoch wegen Mangel an Subsistenzmitteln nicht heiraten konnte. Sexu- 
ellen Verkehr mit Frauen hat er bisher aus moralischen und bj^gi^üschen Gründen nicht gepflogen. 
Er hat sieb deshalb auch von der Masturbation noch nicht ganz frei zu machen vermocht, die 
er jedoch nur selten übt. Dabei sind die oben erwähnten Ideen in letzter Zeit zurückgetreten. 
D^egen ist es ihm neuerdings passiert, daß er im Gespräche mit Knaben, mit welchen er beruflich 
zu verkehren hatte, plötzlich Erektionen bekam, was ihm höchst peinlich war. Patient wünscht 
lebhaft, sich zu verheiraten, nachdem er schon seit einiger Zeit sich eine gesicherte Stellung 
errungen hat; doch ist er wegen seiner Potenz besorgt, da nächtliche Erektionen sich bei ihm 
nicht häufig zeigen und Pollutionen ein sehr seltenes Vorkommnis bilden. Objektiv ist bei dem 
gesund aussehenden Manne nichts zu konstatieren. 

Der Fall ist in mehrfacher Hinsicht von Interesse. Wir finden hier in den 
Vorstellungen, mit welchen sich die Masturbation verknüpfte, Rudimente einer 
homosexuellen und zugleich sadistischen Neigung. Diese hat sich jedoch im 
Verlaufe vieler Jahre nicht weiter ausgebildet und die Entwicklung normaler 
heterosexueller Gefühle nicht zu verhindern vermocht. Sehr bemerkenswert ist 
das gelegentUche Auftreten sexueller Erregung beim Verkehre mit Knaben nach 
dem Zurücktreten der homosexuell sadistischen Ideen bei der Masturbation, Es 
ist sehr wahrscheinlich, daß eine unterbewußte Eeproduktion der fraglichen 
Assoziationen beim Verkehr mit Knaben die sexuelle Erregung auslöste. 

Beobaehtiing. 

Der FaU betrifft emen ledigen Privatier £., der im Alter von 53 Jahren wegen Melancholie 
in meine Behandlung kam und biü zu aeinem 11 Jabre Bpäter erfolgten Tode in meiner Beob- 
achtung blieb. Ich beschränke mich darauf, aufi der Lebens- und Leidenf geechichte des Patienten 
das uns hier Interessierende mitzuteilen. Herr K, war in geringem Maße erblich neuropatliiach 






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Die Anomalien des Sexualtriebes, 209 

belastet (sein Vater ein schrullenhafter, jähzorniger Mann, seine Mutter eine nervenschwache 
Frau, die schon in jungen Jahren an Phthisis starb). Die erste sexuelle Erregung wurde bei ihm 
im Alter von 12 oder 13 Jahrrai durch eine körperliche Züchtigung Eeitens seiner Stiefmutter 
— Schläge auf den Hintern — geweckt. Die Folge dieses Umstandes war, daß der Anblick des 
betreffenden Teiles bei jungen Leuten ihn ebenfalls sexuell erregte und er sich der Onanie ergab. 
Er frönte diesem Miflbrauche in erheblichem Maße bis zu Anfang der 20er Jahre. Sein Nerven* 
System wurde hierdurch, zumal er in der fraglichen Zeit noch anderen Schädlichkeiten (Arbeiten 
in der Nähe eines OFens bei 22 — 28** R) ausge^ietzt war, mehr und mehr zerrüttet. Schon im 
23. Lebensjahre bestand bei dem Patienten ein ausgeprägter neurasthenischer Zustand. Die 
homosexuellen B^ungen erhielten sich bei dem Patienten bis in die 50er Jahre seines Lebens. 
In späterer Zeit wurde er insbesondere durch den Anblick kräftig gebauter Männer in knapp 
anliegender Kleidung, welche die Posteriora plastisch hervortreten ließ (z. B. von Kunstreitern) 
sexuell erregt. Zu päderasti^hen oder sonstigen homosexuellen Yerirrungen lieB eich der Patient 
jedoch nie verleiten. Seine Angaben in dieser Beziehung eind durchaus glaubwürdig, da er ein 
Mann von streng reUgiÖser Gesinnung und durchaus ehrenhaftem Charakter war. Neben den 
homosexuellen Inklinationen, deren Abnormität Herr £. selbst wohl erkannte, bestand bei 
demselben, wenigstens in den jüngeren Jahren, auch Neigung für das andere Geschlecht, Er 
unterhielt Ende der 20 er Jahre sein^ Lebens einige Zeit ein Verhältnis mit einem achtbaren 
Mädchen, in der Absicht, dasselbe zu heiraten. Die Realisierung dieses Vorhab^is wurde lediglich 
dadurch verhindert, daß ihm sein Vater die Mittel zur Erwerbung eines eigenen Geschäftes 
verweigerte. Die Trennung von seiner Geliebten, die hierdurch notwendig wurde, fiel ihm sehr 
schwer. Auf sexuellen Verkehr mit Frauen hat Patient verzichtet, nachdem es bei dem ersten 
Versuche (wohl infolge übermäßiger Erregung) zu einem Fiasko gekommen war. 

Im obigen Falle handelt es sich um einen Patienten mit geringer Libido^ 
"wodurch demselben die Abstinenz von homosexuellen Handlungen jedenfalls 
erleichtert wurde. Ein Seitenstück zu unserer Beobachtung bildet der von Für- 
bringer mitgeteilte Fall eines Schauspielers mit sehr mächtiger Libido, welcher 
in dem Betasten der Genitalien eines Mannes die höchste Befriedigung seines 
impulsiven Dranges fand, dabei aber trotz reiferen Alters und onanistischer Exzesse 
halberwachsenen Mädchen gegenüber noch leidlich potent war. 

Beobachtung. 

Herr X,, 23 Jahre alt, Student, iät erblieh belastet (die Mutter hysterisch, zwei Schwestern 
sehr nervös) und wurde im Alter von 12 oder 13 Jahren von einem Mitschüler zur Onanie ver- 
leitet. Im 15. Jahre bereite machten sich bei ihm ausgesprochene kontr&rsexuale Neigungen 
geltend. Der bald starker, bald schwächer sich regende homosexuelle Drang wurde bis vor etwa 
einem halben Jahre durch mutuelle und solitAre Masturbation befriedigt. Über die Vorgänge, 
wodurch 63 bei ihm zur Entwicklung der homosexuellen Aberration kam, geben die Mitteilungen 
des Patienten keinen genügenden Aufschluß. Der homosexuelle Trieb vermochte, obwohl sich 
derselbe im Laufe der Jahre stärker entwickelte, bei Herrn X. doch das Interesse für das weib- 
liche Geichlecht nicht ganz zu verdrängen. Ein gewisser Mädch^itypus (schlanke, graziöse 
Figur) errate bei dem Patienten immer entschiedenes Wohlgefallen. Zu sexuellem Verkehr 
mit weiblichen Personen sah er sich jedoch außerstande- Infolge geistiger Überanstrengung 
traten bei dem Patienten wiederholt zerebrasthenische Beschwerden auf, die jedoch bei ent- 
sprechender Ausspannung sich alsbald wieder verloren. Herr X.^ ein sehr b^^bter und gebildeter 
junger Mann, sah das Krankhafte und sozial Bedenkliche seines sexuellen Verhaltens völlig ein 
und hatte sich deshalb schon vor einem halben Jahre einer hypnotischen Behandhing unterzogen* 
die nicht ohne Erfolg war. Die homosexuellen Neigungen waren, als Patient in meine Beob- 
achtung kam, zwar noch nicht völlig überwunden, doch war derselbe bereite imstande» mit einem 
Mädchen, mit welchem er ein Verhältnis angeknüpft hatte, sexuell zu verkehren, wobei er völlige 
Befriedigung fand. Ich verlor Herrn X. alsbald aus den Augen, da derselbe Familienverhältnisse 
halber abreisen mußte und sah denselben erst nach mehreren Jahren wieder. Die Besserung 
hatte inzwischen noch Fortschritte gemacht, und die homosexuellen Regungen machten sich 
bei dem Patienten nur mehr ganz vorübergehend, wenn es ihm an Gelegenheit zu sexuellem 
Verkehr mit ihm zusagenden Mädchen gebrach, geltend, so z. B. auf Reisen. 

Eine ÄnderuDg in der Richtung des Sexualtriebs kann aber auch noch im 
Alter, allerdings nur unter besonderen Umständen, eintreten, wie die folgende 
Beobachtung lehrt. 

Löwenfeld, SexuaUebea und Ifervenleiden. Sechste Aufl. I4e 



^ /'^,-^^.,,L, Orrgrnötfrom 



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210 Die AnomaHen des Sexnaltriebee. 

B«obaelttiing. 

Herr X., ohne erweiflliche cnrUicfae Bdaatang» unverfaeiratet, dem Lehrentande ange- 
h&ig, wurde infolge ungünstiger konstitationdler VeriiUtniete und andauernder* dnroh Kügitee 
Gründe bedingter Abetinens in den 20er Jahrco von einer gewisBcn eexudlcn Hyperlethesie 
heimgesucht. Auf Grund dies« eotwi<^dte sich bei ihm in den SOer Jahren eine ausgeepnoheiie 
Gyn&kopbobiet die ihm bei Eeincn* beruflichen l^tigfceit Tiele Beechwerdea Terursaohte, und im 
Laufe der Jahrzehnte derart zunahm, dafi ihm sdbet der Vericehr mit alteo Frauen schwer fi^ 
Unter dem Einfhisse dieser I^bie und den hknrdurch bedingten» schwerai, gemütlichen Er- 
regungen, sowie anderer ungünstiger Umst&nde kam es bei drai Patienten rilm&hlich su einer 
schweren Neuraetiiaiie. Hierdurch sab sich dieser in den Wer Jahren TeranlaStp seine Berufs- 
tätigkeit aufzugeben und eieh ein Untes^mmen in einer Anstalt su vcnchaffcnt in weicher 
nur m&nnliche Personen Aufnahme ^W^Wi und die Bedienung auch nur duroh mtnnli^hftf Per* 
flonal geschieht» sohin d» Auslösung weiterer gynfikophobiscbcv Anf&Ue mOgUchst vorgebeugt 
war. Die Wiricung des neuen AufentliMtas aita|vach auch etwa 2 Jahre den Erwartungen des 
Patieot^i und führt« zu einer Besserung seines Befindens, Allein dann machte der Patient^ 
bei dem sich früher nie eine Andeutung homosexuriler Neigungen gezeigt hat^ za seinem Leid- 
weeen die Wahrnehmung, dafi einz^e jüngere Leute vom Dienstpersonal auf ihn sexueU er- 
regend wirkten^ so daß er den Verehr mit ihnen aufs iufierste beechrinken muBte. Allmfthlioh. 
bun es auch dahin, daß er sdbst Uteren Anataltsgenossen gegenüber sich nicht mehr ganz frei 
fühlte und auch den Umgang mit diesen zu reduziere veranlaßt wu. Hierbei handelte es sich 
um keinen vorübergehenden Zustand. Die homosexuelle Erregbarkeit nahm zwar idlmiUich 
wieder ab, erhidt sich aber in gewissem Uaße noch Jahre hindurch bis nm Ableben des 
Patienten. 

Der Fall ist wegen des Alters des FatieBten {% Hälfte der 60er Jahre)» in 
welcher sich die homosexuelle Erregbarkeit entwickelte, besonders bemerkenswert, 
sowie in Anbetracht der Tatsache, daß hier der Einfluß äußerer Umstände und 
somit der Modus des Erwerbs der Anomalie klar zutage hegt. 

Bei an Zwangsvorstellungen leidenden bisexuellen Individuen, bei welchen 
die heterosexuelle Triebrichtung weit überwiegt xmd die sexuelle Betätigung 
ausschheßhch in normaler Weise geschieht, kann sich die homosexuelle Komponente 
(abgesehen von Traumen) lediglich in Zwangsimputsen äußern, die zum Teil 
unterdrückt, zum Teil aber auch ausgeführt werden, so z* B. in dem Triebe, Pissoirs 
oder andere örtlichkeiten aufzusuchen, an welchen sich Gelegenheit findet, die 
Genitalien von Männern zu sehen, 

2. Ein Zustand exklusiver HomosexuaÜtät. Sexuelle Begungen werden aus* 
schließUch durch Personen männlichen Geschlechts wachgerufen. Die Gefiihle 
diesen gegenüber beschränken sich nicht auf das sexueU sinnliche Element; auch 
alle Nuancen erotischer Neigungen, von der einfachen Sympathie bis zur glühend- 
sten Liebesleiden^chaft und abgöttischer Verehrung für Personen des gleichen 
Geschlechtes kommen nicht selten vor, 

BeobaehtuDg. 

HeiT X., 23 Jahre alt, Kommis, Btammt nach seiner Erz&htuDg von geistig völlig noimalen 
Eltern* Sein Vater starb im Alter von 52 Jahren an Lungenentzündung, seine Mutter mit 
40 Jahren angeblich an GehimratKündung. In seiner ganzem Familie Eollen Qeistc«- und Nervei- 
krankheiten nicht vorgekommen sein; doch sind diese Angaben, da er Über die Gecundheite- 
verh&Itni^Be eine« Teiles der Familienmitglieder nicht n&her unterrichtet ifit, nicht ganz suver- 
läsaig. Herr X. hat aufier Kinderkrankheiten keine erhebliche Krankheit durchgemacht. Nach 
dem Tode seiner Eltern kam er, 13 Jahre alt, in ein von katholischen Geifltlicben geleitetes Er«- 
uebungsinfititut, wo er bis zu feinem 18. Lebensjahre verblieb. Dort verkdirten die Knaben 
sehr viel onaDlstiEch unterdnander, und n wurde ebenfalls zu dem Laster verleitet* Nach dem 
Veriaesen des Pensionates trat Patient als Lehriing in ein GeechAft» in wdchem er zwei Jahre 
lang verblieb, worauf er seiner zweijährigen Milit&rpflicht Genüge leistete. Zur Zeit hat er in einoa 
hiesigai Geschäfte eine Stelle als Kommis, Was den Patienten veranlaßt, meinen Bat in An- 
spruch £0 nehmen, ist sein sexuelles Verhalten. Er ist, wie er selbst angibt» kontrftrsexuid, und 






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Die Anomalien de« Sexualtiiebea. 211 

Änomdie macht sich bei ihm bereite seit einer Reihe von Jahren deutlich geltend. Ob 
dieselbe erst in dem Pensionate infolge mutueller Onanie entetand, oder ob echon früher An- 
deutungen kontr&rsexualer Neigungen bei ihm voriianden waren, geht ans den Angaben dee 
Patienten nicht mit Sicherheit hervor. Er selbet ist der Ansicht, daß die im Pensionate allgemein 
geübte Onanie an der Entwicklung seiner perversen Neigungen die Hauptechuld trägt. Für 
weibliche Personen hat er keinerlei Intereese, dag^en ausgesprochenes Verlangen nach Ver* 
kehr mit m&nnlicben Individuen und zwar s^iezieU mit jungen Leuten von 16 — 20 Jahren, Seine 
Bc^erde ist jedoch lediglich auf mutuelle Onanie gerichtet; Päderastie wird mit Entschiedenheit 
in Abrede gestellt. Patient sieht die Perversion seinefl Sexualtriebes völlig ein und wünEcht, 
von derselben befreit zu werden. Bisher gelang es ihm nur einmal, mit einer weiblichen Person 
den Koitus auszuüben. Es war dies nach einer Kamevalsunterhaltung (Alkoholwirkung?) 
und die Betreffende befand sich in Knabenkleidung. Patient wurde einige Zeit« und« wie es 
schien« nicht ohne Erfolg, hypnotisch behandelt. 

Beobachtung. 

Herr X. aus W. (England), 27 Jahre alt, wurde mir von einem auswärtigen Kollegen zur 
Untersuchung überwiesen, weil bei dem Patiesiten Verdacht auf Tabes bestand. Herr X* ist 
erblich schwer belastet; sein Vater starb in einer Irrenanstalt, seine noch lebende Mutter ist sehr 
nervös. Eine Schwester desselben war zeitweilig melancholüch. Patient hat als Kind Maeem 
und Scharlach und im Alter von 16 Jahren eine Pneumonie durchgemacht. Uit 9 oder 10 Jahren 
b^;ann er, v^eitet von einem älteren Spielkameraden, zu masturbier^i. Mit H odcdT Ifi Jahren 
machten sich bereite neben erheblicher Libido deutlich homosexuelle Neigungen geltend, auf 
deren Entwicklung der Umstand von EinfhiB gewesen sein mag, daß der Pati^it auf dem Lande 
aufwuchs und wenig Umgang mit weiblichen Personen hatte. Den homosexuellen Drang, der 
mit den Jahren immer mächtiger wurde, befriedigte Patient anfänglich nur durch mutuelle 
Masturbation, seit einer Reihe von Jahren aber zum Teil (wahrscheinlich sogar ganz vorwaltend) 
durch I^erastie, was durch den Umstand erleichtert wird, daß Patient eich sehr viel auf Reisen 
befindet und dabei vorzugsweise sich in Großstädten aufhält, wo ihm bei eeineoi Geldmitteln 
die männliche Prostitution jederzeit zur Verfügung steht. Daneben übt aber Patient, um seiner 
Libido nimia Genfige zu leisten, auch reichlich Maaturbation. Vor vier Jahren wurde Patient 
und zwar jedenfalls auf päderasticchem Wege infiziert. Dieser Umstand hat seinen perversen 
Inklinationen nicht den geringsten Eintrag getan. Perconen weiblichen Geechlechtes haben 
Herrn X. nie ii^end ein Interesse eingeflößt; mit solchen sexuell zu verkehren, ist ihm ganz 
unmj^lich. DerGedankeanetwasDerartigesflöfitihmschonAbscheu ein. In dem homosexuellen 
Verkehre andererseits erblickte er weder etwas Unmoralifches, noch etwas Krao^aftee. Er 
weist daher auch den Gedanken einer Behandlung in dieser Richtung entschieden von sich. 
Auch die aus dem Verkehre mit männlichen Prostituierten erwachsenden sozialen und strafrecht- 
lichen Gefahren lassen Herrn X. völlig gleichgültig. Alle Vorstellungen, die man ihm in dieser 
Beziehung macht, sind nutzlos. Bei dem Patienten, welcher, wie ee Echeint, in intellektueller 
Hinsicht gut begabt ist, besteht offenbar ein moralischer Defekt. Nerröee Begehwerden sind 
bei Herrn X., und zwar wohl infolge sexueller Überanstrengungen, vorübergehend schon zu 
Beginn der 20er Jahre aufgetreten (Kopfdruck, Rttekenschmerzen, Schwäche in den Beinen usw.). 
In den letzten zwei Jahren haben sich solche Beachwerden dauernder eingestellt und namentlich 
seit einem Vierteljahre bedeutend gesteigert. Es bestehen u. a. RückenEchmerzen und ein Gefühl 
von Schwäche im Bücken, sehr hartnäckige Parästheeien an den Beinen (Kälte, Taubheits- 
gefühle uBW.)t racchea Ermüden und eine gewiss^ Unsicheriieit in den Beinen beim Gehen» femer 
öfters intensive Kopfschmerzen und leichte SchwindelanfäUe; auf psychischem Gebiete zeit- 
weilig VerstimmungE zustände und hochgradige Reizbarkeit (letztere Erscheinungen schon in 
früheren Jahren nicht ganz selten). 

Patient ist ein großer, schlank, aber kräftig gebauter Mann» der in seiner äußeren Er- 
scheinung den männlichen caiglischen Typus gut repräsentiert: Gesichtszüge von eneigischem, 
männlichen Charakter, Bartwuchs spärlich. Seitens des Nerrensystems außer Steigerung des 
Kni^hänomens und der Bauchreflexe nichts nachweisbar. 

In den vorgeschrittenen Stadien zeigt der Urning, namentlich wenn derselbe 
die passive Rolle spielt, weibliche Neigungen und eine mehr minder ausgesprochene 
Imitation des weiblichen Wesens* Auch der Charakter kann eine VeräQderung 
ins Weibische erfahren (Putzsucht, Gefallsucht, Lügenhaftigkeit usw.). 

3. Die Veränderung des psychischen Wesens kann noch weiter gehen, so daß 

14* 






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212 Die Anomalien des Sexnaltriebee. 

die ganze Richtung des Denkens, Püblens und Wollens den weiblichen Typus 
annimmt. Man spricht in diesen Fällen von Effeminatio ^). 

Mit den der 2. und 3. Stufe angehörigen psychosexualen Anomalien kann 
sich eine mehr oder minder ausgesprochene Annäherung der Körperform an den 
weiblichen Typus (Androgynie) verknüpfen. 

Die Körperkonturen sind abgerundeter als beim normalen Manne, die Haut 
zarter, der Bartwuchs dürftig. Hirschfeld legt besonderes Gewicht auf das 
Verhältnis des Schultergürtels zum Beckengürtel. Während beim normalen 
Manne der Schultergürtel etwas breiter ist als der Beckengürtel, begegnet man 
beim umischen Manne oft dem umgekehrten Verhalten, wie es für das Weib normal 
ist *)• Daß es sich bei der Androgynie um eine Anpassung des Körpers an den 
psychischen Habitus handelt, erscheint mit Kücksicht auf die Beteiligung der 
Skeletteile ausgeschlossen. Die vorliegenden Beobachtxingen weisen entschieden 
darauf hin, daß die Abweichung der Körperform vom männUohen Typus ebenso 
durch erbliche Veranlagung bedingt ist wie die psychische AnomaUe, und beide 
koordinierte Erscheinungen bilden. Nachstehende Beobachtung aus meiner 
Praxis betrifft einen Urning mit sehr ausgeprägtem androgynem Typus. 

Beobachtung. 

M. B., Bauemsohn auB H. (Oberbayren), 33 Jahre alt, ist wahrscheinlich erblich neuro- 
pathisch belastet. Sein Vater starb mit 72 Jahren an einem Lungenleiden, seine Mutter in d«L 
40er Jahren (Ursache unbekannt). Von 10 Geschwistern ist nur eine Stiefschwester am Leb^i» 
starben in den ersten Lebensjahren angeblich an Krämpf^i, Patient war schon als Knabe 
kränklich und nervenschwach. Während der Schulzeit litt Patient zweimal an akutem Gelenk- 
rheumatismus. I^nträrnexuale Neigungen zeigten sich bei ihm schon von Jugend auf» doch 
machen sich dieselben erst seit 8 Jahren stärker geltend. Er hatte vorher Männern gegenüber 
kein ausgesprochen sexuelles Verlangen empfunden; erst vor 8 Jahren kam es bei ihm beim 
Verkehre mit einem Manne, an den er sich wegen eines ihm sympathischen Äußeren näher an- 
schloß, zu Erektionen. Er erfuhr damals Näheres über das sexuelle Verhalten einer verstorbenen 
hochgestellten Persönlichkeit, hierdurch wurde er auf das Pathologische seines eigenen Zustandee 
aufmerksanx gemacht und veranlaßt, sich Über denselben durch Lektüre Aufklärung zu ver- 
schaffen. Br las unter anderem Molls Schrift Über konträre Sexualempfindung. Patient hat 
sich bis jetzt auf Umarmung und mutuelle Masturbation beschränkt. Die solitär geübte Mastur- 
bation verschaffte ihm keine rechte Befriedigung, Wenn er Bier trinkt und sich dabei unter 
Männern befindet, ist die sexuelle Erregung sehr groß. Während des Sommers macht sich die 
Belästigung durch homosexuellen Drang immer am meisten bemertdich. In bezug auf das weib- 
liche Geschlecht bemerkt Patient, daß ihm ein gewisser Typus von Frauenzimmern zwar besser 
gefällt als ein anderer» daß er jedoch mit keiner weiblichen Person geschlechtlichen Verkdir 
Üben könnte. Patient hat vollkommene Krankheitaeinaicht bezüglich seiner sexuellen Perversion; 

^) V. Kraf f t-Ebing nahm noch eine 4. Entwicklungsstufe der Anomalie an, welche dadurch 
zustande kommt, daß auf Qrund schwerer erblicher Belastung die Wahnidee geschlechtlicher 
Verwandlung sich bildet (Metamorphosis sexualis paranoica). Da es sich hier um eine Form 
der Paranoia handelt, können wir die in Frage stehenden Fiüe nicht mehr als hierher gehörig 
betrachten, wo wir lediglich die Anomalien des Geechlechtetriebes behandeln. 

>} In neuerer Zeit hat ArthurWeil durch exakte Messungen den Nachweis der kongenitalen 
Verschiedenheit im Körperbau des Homo- und des Heterosexuellen zu liefern versucht. Er 
berflcksicht hierbei nur zwei Verhältnisse, das des Ober- zum Unterkörper» gemessen vom 
Scheitel bis zum Ende der Wirbelsäule und von diesem bis zum Boden, sowie das Verhältnis 
der Schulter zur Hüftbreite. Er fand, daß 95% ^Uer untersuchten männlichen Homosexuellen 
in dem Verhältnis der Ober^ zur Unterlänge von dem heterosexuellen Durchschnitt abwichen 
und zwar betrug das Durchschnitteverhättnis 100: 108. Femer ei^b sich, daß die honu)sexueUen 
Proportionen Schulter: Hüftbreite nach der weiblichen Seite hin verschoben sind, da das Durch- 
schnitteverhältnis bei Frauen 100:97 ist gegenüber dem hetwosexuellen männlichwi Durch- 
schnitt von etwa 100:81. (A. Weil: Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen 1921. Heft 3 u. 4. 
8. 113.) 



^ /"^^-^^^..L, Orrgrnöf from 



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Die Anomalien des Sexualtriebes. 213 

er verkennt auch die Gefabren nicht, weiche dieselbe für ihn in gesundheitlicher und sonstiger 
Beziehung in sich schließt. 

Die Untersuchung ergibt: Großes, Bchlankes und auffallend grazil gebautes Individuum 
mit ausgesprochen weiblichen Gesichtszügen. Bart rasiert; Hals lang und schmächtig; leichte 
Skoliose. Die Brust ziemlich behaart, dabei jedoch sehr bedeutende Entwicklung der beiden 
Mammae, eo daß die vordere Thoraxpartie entschieden weiblichen Habitus zeigt. Das Fett- 
polster an den Annen und dem Rumpfe dürftig, die Uuekulatur an den Armen straff, aber nicht 
sehr voluminös, Hände und Füße klein. Penis gut entwickelt, keine Phimosis, Hoden etwas 
klein. Kremastcor- und Bauchreflex sehr lebhaft. Im übrigen seitens des Nerv^itystems nichts 
Bemerkenswertes, ebenso auch betreffs der Organe der Brust- und Bauchhöhle. 

Von manchen neueren Autoren wird, wie wir noch sehen werden, neben 
der echten Homosexualität eine scheinbare, i. e. Fseudo -Homosexualität unter- 
schieden. Die Individuen, bei welchen sich letztere zeigt, besitzen von Hause 
aus einen normalen heterosexuellen Trieb, befriedigen aber ihre sexuellen Be- 
dürfnisse wegen Mangel an Gelegenheit zum Verkehr mit weiblichen Personen 
durch homosexuelle Betätigungen. In Internaten, Gefängnissen, Kasernen und 
auf Schiffen begegnet man begreiflicherweise am häufigsten dieser Scheinhomo- 
sexuahtät. Die Betreffenden wenden sieh gewöhnlich dem normalen Geschlechts- 
verkehr wieder zu, wenn ihnen solcher mc^lich wird; nur in ganz vereinzelten 
Fällen bleibt die Neigung zu homosexueller Befriedigung dauernd. Daß Über- 
sättigung am normalen geschlechtlichen Verkehr zur Pseudo-Homosexualität 
führt, dürfte gegenwärtig eine große Seltenheit bilden. Früher mag Derartiges 
häufiger vorgekommen sein ^). 

Man hat mit Kücksicht auf die Verschiedenheiten der somatischen Charaktere 
der Homosexuellen einen femininen und einen virilen Typus unterschieden, doch 
mangelt auch bei den Vertretern des letzteren Typus ein gewisser weiblicher 
Einschlag zumeist nicht. Zugleich muß jedoch betont werden, daß die voUste 
Männlichkeit der Körperform sich mit dem ausgeprägtesten Umingtum verbinden 
kann. Über die relative Häufigkeit der Vertreter der beiden Typen sind die Mei- 
nungen verschieden. Meißner neigt der Ansicht zu, daß der feminine Typus 
erheblich überwiegt, während Bloch glaubt, daß virile und feminine Urninge 
sich ungefähr gleich häufig finden. 

Was die Auffassung der Homosexuellen bezüglich der bei ihnen bestehenden 
Perversionen betrifft, so kann volle Erkenntnis der Abnormität ihrer Triebrichtung 
bei allen Entwicklungsstufen vorhanden sein. Diese Erkenntnis fehlt bei den 
leichteren Formen niemals, aber auch dem Effeminierten kann der Widerspruch 
zwischen der Bichtung seines Sexualtriebes und seiner männlichen Körper- 
beschaffenheit als etwas Abnormes oder Krankhaftes zum Bewußtsein kommen. 
Bei den typischen Urningen besteht jedoch die Auffassung sehr häufig, daß ihr 
geschlechtliches Fühlen, wenn auch von dem anderer männhcher Individuen 
abweichend, doch in seiner Art dem gewöhnlichen (heterosexuellen) gleichberechtigt 
und deshalb weder unmoralisch noch krankhaft sei. Die Urninge dieser Kategorie 
wollen nach meiner Erfahrung konsequenterweise auch von einer Behandlung 
ihrer Anomalie nichts wissen; sie sind mit ihrer perversen Neigung ebenso zu- 
frieden wie der Heterosexuelle mit seiner normalen Libido. 

Die Stärke des Geschlechtstriebes zeigt bei Homosexuellen ähnliche Schwan- 
kungen wie bei Heterosexuellen. Man begegnet ebensowohl Individuen, beiweichen 
derselbe sehr schwach entwickelt, wie solchen, bei welchen er von abnonuer 
Stärke ist. Häufig, doch keineswegs immer, ist sexuelle Frühreife zu konstatieren. 

*) Es sei hier beispielsweise auf die Mitteilungen in den Briefen der Liselotte über die Ver- 
hältnisse am Hofe Ludwig XIV. hingewiesen. 






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214 Die Anomalien des Sexiutltnebee. 

Was die Arten sexueller Befriedigung bei homosexuellen Männern anbelangt, 
so ist vor allem zu betonen, daß die Päderastie (Koitus per anum), welche man 
früher als das Gewöhnliche annahm, nach den derzeitigen Erfahrungen relativ 
selten, nach Hirschfeld in 8%, nach Merzbach nur in 6**/(, der Fälle geübt, 
und von den morahsch höherstehenden Urningen geradezu verabscheut wird. 
Bei der großen Mehrzahl der aktiven und passiven Päderasten spielt das Umingtum 
keine Bolle. Bei ersteren handelt es sich zumeist um Befriedigung einer abnorm 
starken Libido bei Mangel eines weiblichen Objektes, weit seltener jedenfalls 
um eine durch sexuelle Ausschweifungen bedingte Abstumpfung für den normalen 
Geschlechtsverkehr. Die passiven Päderasten andererseits gehören zumeist der 
Klasse der männUchen Prostituierten an, der es ledighch um Gelderwerb zu tun 
ist. Biese Individuen zählen zu dem gefährUchsten Gesindel, welches unsere 
Großstädte beherbergen. Nach den Ermittelungen der kompetentesten Beob- 
achter, mit welchen meine Erfahrungen übereinstimmen, findet bei den Homo- 
sexuellen am häufigsten mutuelle Onanie statt, neben der auch der G. inter femora 
und in os (Fellation) sowie der sogenannte Zungenkuß figurieren. Ethisch hoch- 
stehende I^mosexuelle mit geringer Libido beschränken sich auf Küsse und 
Umarmungen. Da sich die Pbmosexualität auch mit anderen Perversionen 
(Sadismus, Masochismus, Fetischismus) nicht selten verknüpft, fehlt es bei Urningen 
auch nicht an diesen Kombinationen entsprechenden perversen Sexualakten. 

Über die Häufigkeit der Homosexualität wurden von Hirschfeld und 
V. Bömer Untersuchungen angestellt. Nach einer Berechnung Hirschfelds, 
welche sich auf die Ergebnisse einer bei den Studierenden der Charlottenburger 
Hochschule und 5700 Metallarbeitern angestellten Enqußte, sowie auf die Besultate 
einer von Dr. v. Bö mer bei Amsterdamer Studierenden voi^enommenen Umfrage 
und verschiedene Stichproben stützt, sollen auf 100 000 Einwohner 5400 sexuell 
abweichend Veranlagte und unter diesen 1500 rein Homosexuelle, also IViVo» 
sich finden ^). Bas Material, auf welches Hirschfeld seine Berechnungen stützte, 
ist jedoch, wie schon Bunke und Moll gezeigt haben, keineswegs einwandfrei. 
Es liegt auch nahe, daß die Berechnungen, welche für Berlin und Umgebung 
eine gewisse Geltung besitzen mögen, sich nicht ohne weiteres auf die Bevölkerung 
des ganzen Deutschen Beiches und namentUch nicht auf die Landbevölkerung 
ausdehnen lassen. Ich möchte nach meinen Erfahrungen den Prozentsatz der 
Homosexuellen speziell in München und Oberbayem für erheblich geringer taxieren, 
als nach den Berechnungen Hirschfelds anzunehmen wäre. Aus letzteren köimen 
wir bei genauerer Prüfung aller in Betracht kommenden Verhältnisse nur so viel 
entnehmen, daß die Homosexualität erheblich verbreiteter ist, als man früher 
gemeinbin annahm, und die mit ihr Behafteten in Deutschland jedenfalls nach 
Hunderttausenden zählen. 

Bie homosexuelle Veranlagung offenbart sich oft schon im Kindesalter. 
Knaben zeigen auffallende Vorliebe für weibhche Beschäftigung und Spiele, 
Mädchen bekunden in ihren Neigungen und ihrem Benehmen Knabennatur. In 
der Pubertätszeit bleibt bei Knaben der Stimmwechsel mitunter ganz aus, häufig 
tritt derselbe auch verspätet ein und erstreckt sich über längere Zeit, während 
bei homosexuellen Mädchen um die Pubertätszeit öfters eine tiefere Stimmlage 
eintritt. Nach Hirsohfeld soll bei umischen Knaben während der Pubertät 
öfters schmerzhaftes Anschwellen der Brüste beobachtet werden. 



*) In Bpftteren Publikationen taxiert Hirschfeld die Zahl der Homoeexuellen in unserer 
Berölkening auf 2Vo- 






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Die Anomalien des Sexualtriebe«. 215 

Es mangelt aber auch nicht an Fällen, in welchen die Homosexualität sich 
scheinbar erst in späterem Lebensalter geltend macht. Von v. Krafft-Ebing 
wurde nachgewiesen, daß in einem Teile dieser Fälle Anzeichen konträrer Sexual- 
empfindung schon während der Pubertätszeit und selbst vor dieser bestehen. 
In einem weiteren Teile der hierhergehörigen Fälle handelt es sich nach dem Autor 
um bisexuell Veranlagte, bei welchen die ursprüngüch vorherrschende heteroexuelle 
Neigung durch äußere Umstände (Furcht vor Ansteckung usw.) in den Hinter- 
grund gedrängt wurde. Zu ähnhchen Anschauungen gelangte Naecke. Nach 
diesem Autor bildet die tardive HomosexuaUtät eine bisexuelle Form des Uranismus, 
bei welcher die homosexuelle Komponente nach einer Periode der Latenz oder 
schwacher Ausbildung prädominierend wird. Die meisten der tardiv auftretenden 
Fälle gehören jedoch nach Naecke der Pseudo-Homosexualität an. 

Die Frage nach der Entätebung der HomosexuaUtät beschäftigte schon 
im griechischen Altertum denkende Köpfe, wie aus den Ausführungen des Aristo- 
pbanes in Piatons Gastmahl zur Genüge erhellt imd es ist sehr merkwürdig, 
daß der Mythos, den Aristophanes zur Erklärung des Umingtums heranzieht, 
Anklänge an eine Theorie (Bisexualitätstheorie) enthält, die in neuerer Zeit in 
den Schriften über HomosexuaUtät eine erhebUche Bolle spielt. 

Man hat, seitdem die wissenschaftUche Erforschung der HomosexuaUtät von 
einer größeren Anzahl von Ärzten in Angriff genommen wurde, der Ätiologie 
dieses Zustandes besondere Aufmerksamkeit gewidmet, doch bildet in der Lehre 
von der HomosexuaUtät gerade die Ätiologie zur Zeit noch den strittigsten Teil, 
Daß die Auffassungen auf diesem Gebiete noch auseinandergehen, erklärt sich 
zum Teil jedenfalls aus dem Umstände, daß die einzelnen Forscher ihre Ansichten 
auf die Beobachtungen stützen, die sie an dem von ihnen untersuchten Homo- 
sexuellen machen konnten. 

Der Irren- und Nervenarzt, an den sich HomosexueUe ledigUch als Kranke 
wenden, muß in manchen Beziehungen über cUese zu einem anderen Urteil ge- 
langen, als Ärzte, die, wie z. B. einzelne BerUner Kollegen, Gelegenheit haben, 
eine Menge Konträraexualer in den verschiedensten Lebensstellungen kennen 
zu lernen, ohne daß hierbei ärztUche Hilfe in Anspruch genommen wird. Immerhin 
ist nicht zu verkennen, daß in neuerer Zeit das eingehendere Studium des körper- 
lichen und seeHschen Verhaltens einer großen Anzahl von Homosexuellen eine 
Annäherung der Auffassung der Mehrzahl der Forscher, die sich mit der Homo- 
sexuaUtät beschäftigen, herbeigeführt hat. 

Das Problem der Genese der HomosexuaUtät umfaßt eine Anzahl von Fragen, 
die eng miteinander zusammenhängen und deren Beantwortung weit über die 
wissenschaftUche Erklärung der Liversion hinausgeht. Es handelt sich darum: 
Ist die HomosexuaUtät eine an- resp. eingeborene oder eine ledigUch erworbene 
AnomaUe, oder bestehen beide Möglichkeiten nebeneinander, oder endUch ist 
zur Entstehung der HomosexuaUtät zwar eine angeborene Anlage erforderUch, 
deren Entwicklung jedoch von der ISinwirkung besonderer okkasioneUer Momente 
abhängt? 

Soweit die genetische Seite des Problems, zu der die physio-pathologische 
kommt: Ist die HomosexuaUtät als Krankheitserscheinung oder als Äußerung 
der Entartung zu betrachten, oder bildet sie ledigUch eine seltene Variation im 
Bereiche des Normalen, also eine dem heterosexueUen Triebe gleichwertige Er- 
scheinung? Sind die Träger, dM HomosexuaUtät gewöhnUch noch mit anderen 
Krankheits- oder Entartungssymptomen auf psychisch -nervösem oder körper- 
lichem Gebiete behaftet oder finden sich auch unter ihnen Individuen in größerer 






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216 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

oder geringerer Zahl, die, abgesehen von ihrer Inversion, weder auf körperlichem 
noch auf seehsehem Gebiete von der Norm abweichen? 

Wir sehen, das Problem der Genese der Homosexualität enthält Punkte, 
die von der größten Wichtigkeit für die Beurteilung der Homosexuellen als Glieder 
der Gesellschaft und der ihnen im Eechtsstaate zukommenden Stellung sind. 

Wie wir erwähnten, gelangten schon Caspar, Tardieu xmd Westphal 
zu der Anschauung, daß die Homosexualität eine auf angeborener Anlage be- 
ruhende Anomahe sein kann. Mit besonderem Nachdruck hat v. Krafft-Ebing 
lange Zeit diese Ansicht vertreten. Die Homosexualität sollte nur in einer Minder- 
zahl der Fälle eine meist auf Grund neuropathischer Bisposition erworbene 
Anomalie des Geschlechtstriebes, überwiegend dagegen Äußerung einer angeborenen 
abnormen psychosexuellen Veranlagung, sohin ein funktionelles Degenerations- 
zeichen sein. Für die angeborene Natur des TJmingtums führte der Autor eine 
Beihe von Momenten an : Präkozität und abnorme Stärke des Geschlechtstriebes, 
auffällig frühzeitiges Hervortreten konträrsexualer Eegungen, namenthch zwischen 
dem 5. und 15. Ijebensjahre und vor Übung der Masturbation, Vorhandensein 
anderweitiger funktioneller und anatomischer Degenerationszeichen, 

Die hier erwähnte frühere Auffassung v. Krafft-Ebing fand in Möbins 
und Porel sehr entschiedene Verfechter. Möbius ging in seinen Ansichten noch 
etwas über v. Krafft-Ebing hinaus, indem er bemerkte: „Alle Abweichungen 
des Geschlechtstriebes sind Formen der Entartung; es gibt keinen Unterschied 
zwischen angeborener und erworbener Anlage." Die Gründe, welche man für das 
Vorkommen erworbener Homosexualität anführt, sind nach Möbius nicht stich- 
haltig. Die okkasionellen Momente, welche die Abweichung des Geschlechts- 
triebes bedingen sollen, äußern nur dann eine Wirkung, wenn der Mensch eine 
bestimmte Anlage hierfür mitbringt. Möbius betrachtete auch die bei den alten 
Griechen so verbreitete Knabenliebe als eine Äußerung der Entartung und glaubte^ 
daß die Athener nach Perikles in bezug auf Degenerationserscheinungen den 
beutigen Parisem viel ähnlicher waren, als man gewöhnlich denkt. Er hielt auch 
das Vorkommen von Entartung bei den sogenannten Naturvölkern für keineswegs 
ausgeschlossen. Zur Stütze seiner Auffassung erwähnte Möbius, daß bei den 
Abweichungen des Sexualtriebes stets erbliche Belastung besteht und auch außer- 
halb des Gebietes des GeschlechtUchen stets körperUche und geistige Zeichen der 
Entartung nachzuweisen sind. 

Nach Forel ist und bleibt das Umingtum wenigstens in der weitaus über- 
wiegenden Zahl der Fälle das Produkt abnormer sexueller psychopathischer 
Anlagen. Nahezu alle Urninge sind, abgesehen von ihrer sexuellen Abnormität, 
mehr oder minder ausgeprägte Psychopathen, deren Geschlechtstrieb in der 
Kegel gesteigert ist. 

Ähnlich ist die Auffassung anderer Irrenärzte. Für die erworbene Natur der 
Homosexuellen traten insbesondere v. Schrenck-Notzing und Iwan Bloch 
ein. V. Schrenck-Notzing bemerkt, daß zweifellos bei der großen Mehrzahl 
Konträrsexualer eine angeborene (hereditäre) neuro psychopathische Belastung 
besteht, aber nie allein imstande ist, die perverse Eichtung des Sexualtriebes 
zu bestimmen. Die abnorme Determination des sexualen Empfindens auf bestimmte 
Objekte ist nach v. Schrenck-Notzing nie angeboren, sondern durch zufälhge 
okkasionelle Momente (Schädlichkeiten) bedingt. Der Autor betonte zugleich, 
daß als solche Schädlichkeiten nicht lediglich mutuelle Onanie und solitäre Mastur- 
bation rnit homosexuellen Vorstellungen in Betracht kommen, sondern auch 






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f Die Anomalien des Sexualtriebes. 217 

das Zusammenfallen geschlechtlicher Erregungen mit gewissen Sinnesein drücken 
wirksam werden kann. 

Iwan Bloch bekannte sich zu der Ansicht, daß die verschiedenen Ab- 
weichungen des Sexualtriebes nicht krankhafte Äußerung einer angeborenen 
oder ererbten Anlage, sondern erworbene Anomalien seien. Speziell in bezug auf 
die Homosexualität betonte er, daß dieselbe nicht immer ein Zeichen von Krank- 
heit oder Entartung, sondern meist, wenn nicht immer, im Leben erworben sei. 
Al8 wichtigste, die homosexuelle Trie brich tung bestimmende Momente führte 
er an: Übersättigung, Onanie, Furcht vor Geschlechtskrankheiten, abnorme 
Beschaffenheit der Analgegend, Flagellation, künstliche Verweiblichung des 
Mannes, psychische Infektion durch das Uriningtum selbst, bei Weibern auch 
Ekel vor der Geschlechtsgier des Mannes, falsche Emanzipationsbestrebungen. 
Von manchen Seiten wurden auch die Erfolge der Suggestivbehandlung bei 
Homosexualität gegen die angeborene Natur dieser Anomahe geltend gemacht. 

In einer späteren Arbeit (Jahrbücher für sexuelle Zwischenstufen 1901, 
Bd. 3, S. 5) hat v. Krafft-Ebing seine Entartungstheorie der HomosexuaUtät 
in einer Weise eingeschränkt, die einem Aufgeben gleichkommt. ,,I)er Erkenntnis 
gegenüber, daß die konträre Sexualität eine eingeborene Anomale, eine Störung 
in der Evolution des Geschlechtslebens qua monosexualer und der Artung der 
Geschlechtsdrüsen kongruenter seehsch-körperhcher Entwicklung darstellt, läßt 
sich der Begriff der „Krankheit" nicht festhalten. Viel eher kann man hier von 
einer Mißbildung sprechen xmd die Anomalie mit körperlichen Mißbildungen, 
z. B. anatomischen Abweichungen vom Bildungstypus, in Parallele stellen. Damit 
ist aber der Annahme einer gleichzeitigen Psychopathie nichts präjudiziert, denn 
Personen, welche derartige anatomische und auch funktionelle Abweichungen 
vom Typus (Stigmata degenerationis) darbieten, können zeitlebens physisch 
gesund bleiben, ja selbst überwertig sein. 

Baß die konträre Sexualempfindung an und für sich nicht als psychische 
Entartung oder gar Krankheit betrachtet werden kann, geht u. a. daraus hervor, 
daß sie sogar mit geistiger Superiorität vereinbar ist. Beweis dafür Männer bei 
aUen Nationen, deren konträre Sexualität festgestellt ist imd die gleichwohl als 
Schriftsteller, Dichter, Künstler, Feldherren, Staatsmänner, der Stolz ihres 
Volkes sind. 

Ein weiterer Beweis dafür, daß die konträre Sexualempfindung nicht Krank- 
heit, aber auch nicht lasterhafte Hingabe an das Unsittliche sein kann, liegt darin, 
daß sie alle die edlen Regungen des Herzens, welche die heterosexuale Liebe her- 
vorzubringen vermag, ebenfalls entwickeln kann in Gestalt von Edelmut, Auf- 
opferung, Menschenliebe, Kunstsinn, eigene schöpferische Tätigkeit usw., aber 
auch die Leidenschaften und Fehler der Liebe (Eifersucht, Selbstmord, Mord, 
unglückliche Liebe mit ihrem deletären Einfluß auf Seele und Körper usw.).'* 

Von den Autoren, welche die Homosexualität als erworbene Anomalie der 
sexuellen Triebrichtung betrachteten, hat Iwan Bloch in späteren PubUkationen 
seine Ansicht wesentlich modifiziert. Er ist dahin gelangt, eine echte und eine 
Pseudo-HomosexuaUtät zu unterscheiden. Erstere ist nach seiner Ansicht „an- 
geboren, originär, dauernder Wesensausfluß der Persönlichkeit, die 
Pseudo -Homosexualität dagegen eine entweder äußerlich suggerierte, vorüber- 
gehende, nicht mit dem Wesen der PersönUchkeit verknüpfte gleichgeschlecht- 
liche Empfindung oder gar nur eine scheinbare durch Hermaphroditismus oder 
andere körperliche und psychische Abnormitäten voi^etäuschte Homos^ualität". 



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DiCJHiied by \.it" ■ ■ UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



218 Die Anomalien des Ssxualtriebes. 

Für die Entstehung der Homosexualität können nach Bloch die Greschlechtsteile 
und Keimdrüsen nicht bestimmend sein, da bei völlig normalem männlichen 
Geschlechtsapparate Homosexualität auftritt. ,,Äuch das Gehirn an sich kann 
bei der echten Homosexualität nicht das Bestimmende sein, da trotz stärkster 
absichtlicher und unabsicbthcher heterosexueller Einflüsse auf Denken und 
Phantasie doch die HomosexuaUtät nicht auszurotten ist und sich weiter ent- 
wickelt," 

Mit Bücksicht auf das Auftreten homosexueller Neigungen vor der Pubertät 
neigt er zu der Annahme, daß die Anomalie der Triebrichtung durch eine Ver- 
änderung eines zwar mit der Sexualität, aber nicht direkt mit den Keimdrüsen 
zusammenhängenden physiologischen Vorganges herbeigeführt wird. Bloch 
glaubt, daß es sich hierbei um irgendwelche, vielleicht schon embryonale Störungen 
des Sexualchemismus handelt, und daß diese Annahme eine Erklärung dafür 
liefern würde, daß die HomosexuaHtät so oft als vereinzelte Erscheinung in völlig 
gesunden Famihen auftritt. 

Auch Magnus Hirschfeld tritt für die angeborene Veranlagung der Homo- 
sexuaHtät ein, aber auf Grund eines eigenartigen Ideenganges. Die HomosexuaUtät 
gehört nach dem Autor zu den Übergangserscheinungen, die auf dem Gebiete 
der Geschlechtsunterschiede sich finden und mit der ursprüngUchen bisexuellen 
Anlage des Menschen zusammenhängen. Wenn auch die Beschaffenheit der 
Geschlechtsorgane über die Zugehörigkeit des einzelnen Individuums zu dem 
einen oder anderen Geschlechte gewöhnlich keinen Zweifel läßt, findet sich doch 
in jedem Manne und jedem Weibe eine Mischung von Charakteren beider Ge- 
schlechter, in welcher je nach der stärkeren oder geringeren Ausprägung des 
Geschlechtstypus das spezifisch Männliche oder spezifisch Weibliche mehr oder 
weniger überwiegt. Auch im Bereiche der sexuellen Neigungen finden sich, wie 
wir bereits gesehen haben, zahlreiche Übergänge von den rein heterosexuellen 
bis zur rein homosexuellen Triebrichtung, so daß die letztere nur das Endglied 
einer Beihe von Zwischenstufen bildet. In neuerer Zeit hat Hirschfeld seine 
Anschauung, daß die Homosexualität auf einer spezifischen angeborenen Kon- 
stitution beruht, hauptsächhch durch Steinacha Arbeiten zu stützen versucht; 
er legt hierbei großes Gewicht auf die Unterschiede in der histologischen Struktur 
der Hoden, welche die Homosexuellen gegenüber den Normalen aufweisen sollen. Wie 
es sich mit diesen Unterschieden verhält, werden -vrir an späterer Stelle ersehen. 
(S, Hirschfeld, Sexualpathologie. IL Bd. S. 216). Die auch von Michaelis 
adoptierte BisexufJitäts- oder Zwischenstufentheorie, für welche der unglückliche 
Weininger die Priorität in Anspruch nahm, ist, wie Bloch mit Becht hervor- 
hebt, keineswegs neueren Datums; sie wurde schon von einem Schriftsteller des 
18. Jahrhunderts, Heinse, in seinem Werke Ardinghello vertreten. 

Moll läßt die meisten der Momente, welche man zugunsten der eingeborenen 
Natur der Homosexualität angeführt hat, nicht gelten. Für weit wichtiger hält 
er den Umstand, daß die normale Bichtung des Geschlechtstriebes als eine ein- 
geborene Eigenschaft betrachtet werden muß. Sie zählt nach seiner Ansicht 
zu den sekundären Geschlechtscharakteren wie viele körperliche und Seefische 
Eigenschaften des Menschen. Das gleiche ist für die homosexuelle Triebrichtung 
anzunehmen. Sie läßt sich als einen eingeborenen konträrentwickelten Ge- 
schlechtscharakter betrachten, eine Annahme, die jedoch nicht für alle Fälle 
nötig ist, da auch okkasionelle Momente bei der Entwicklung der HomosexuaUtät 
eine Bolle spielen können. Durch ungünstige Verhältnisse kann eine angeborene 






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ie Anomalien des Sexualtriebes. 219 

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Disposition zur Homosexualität zur Entwicklung gebracht, durch günstige ge- 

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hemmt werden ^). 

Naecke hält das Vorkommen einer erworbenen Homosexualität nicht für 
erwiesen. Er unterscheidet nur echte Homosexuelle, deren Triebrichtung auf 
angeborener Anlage beruht, und Pseudo-Homosexuelle, die bei normalem hetero- 
sexuellen Fühlen laute de mieux homosexuelle Akte begehen. Die einzig wahr- 
scheinhche Erklärung der Homosexuahtät findet der Autor in der Hypothese 
einer bisexuellen Veranlagung der Geschlechtsempfindung. Während beim Nor- 
malen von den beiden Komponenten des Geschlechtstriebes, der homo- und der 
heterosexuellen, die letztere sehr bald die Überhand gewinnt, ist es bei dem Homo- 
sexuellen die erstere, was nach dem Verfasser eine Art Entwicklungshemmung 
darstellt. 

Havelock Ellis verwirft die Bisexualitätstheorie, nach welcher jeder Mensch 
aus einer schwankenden Mischung von männlichen und weibUchen Elementen 
bestehen soll. Er hält es für sicher gerechtfertigt, wenn man die Homosexualität 
als eine Anomahe betrachtet, die auf angeborenen Bedingungen beruht. „Eine 
eingeborene Homosexualität", bemerkt der Autor weiter, „steht also auf der- 
selben Stufe wie eine biologische Variation, die vielleicht durch unvollständige 
sexuelle Differenzierung veranlaßt ist, nicht aber einen erkennbaren Zusammen- 
hang mit ii^end einem Krankheitszustand des Individuums hat,** 

Wieder einen anderen Standpunkt nimmt Steinach ein. 

Steinach bemerkt hierüber: „Auch die dauernde oder im individuellen 
Leben auftretende Homosexuahtät läßt sich auf das Vorhandensein einer zwittrigen 
Fubertätsdrüse zurückführen, also, wie es Hirschfeld richtig vermutet hat, 
wenn er von der angeborenen Disposition zur Homosexuahtät spricht. Innerhalb 
einer solchen zwittrigen Fubertätsdrüse — nehmen wir den Fall eines männUchen 
Individuums mit scheinbar normalen Testikeln an — hemmen die an Masse über- 
wiegenden männhchen Pubertätsdrüsenzellen die Wirksamkeit' der weiblichen 
Fubertätsdrüsenzellen und es entwickelt sich zunächst der durchaus männliche 
Geschlechtscharakter mit all seinen körperhchen Merkmalen. Wenn nun früher 
oder später aus irgend einer Ursache die männhchen Zellen ihre innersekre- 
torische Funktion einstellen, so werden die vorhandenen weibhchen Zellen durch 
das Nachlassen der Hemmung „aktiviert". Ebenso wie dadurch der eine oder 
andere somatische weibhche Geschlechtscharakter hervorgerufen werden kann 
und etwa eine Mamma entsteht, kann sich der Einfluß auch auf das zentrale 
Nervensystem allein erstrecken, und nun tritt die umische Neigung in die Er- 
scheinung." 

Die Steinachsche Erklärung der Homosexuahtät kann aus zwei Gründen 
nicht als zutreffend erachtet werden. 1. Das Sexualobjekt bei Menschen ist, wie 
ich a. 0. gezeigt habe *), in seiner Entwicklung und Art nicht dem der Batteu 
und Meerschweinchen analog und daher das für diese geltende nicht auf den 
Menschen zu übertragen. 2. Und insbesondere die Pubertätszellen bei Menschen 

1} In einer späteren Arbeit (Behandlang der Homosexualität) vertritt Moll die Ansieht. 
daS die Homosexualität angeboren sein kann, aber dies nicht immer der Fall ist; in den FäUent 
in welchen sie erworben ist, ist auch ein eingeborener Faktor vorhanden, eine Labilität des 
NOTvensystems. Selbst wenn man nur eingeborene Homosexualität annimmt, bleiben doch 
noch Eahlreiche E%lle übrig, bei denen sie erst duroh spätere psyohische Einwirkungen zur Ent- 
wicklung gebracht wird, so dafi man auch hier einen Erwerb anndunen kann. 

*) S. Löwenfeld: Sexualchemismus and Sexualobjekt. Zeitschr. f. Sexualwissensch. 
IV. Bd. 5. He£t. 






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220 [Die AnoiiuUien des Sexuallziebefl* 

ermangeki, wie wir bereits gesehen haben, der inkretorischen Fähigkeiten und es 
kann sich daher die umische Neigung in der von Steinach angeführten Weise 
nicht entwickehi. Der Autor will auch mikroskopisch histologische tJntersdbiede 
im Bau der Hod^i von Urningen den Strukturverhältnissen Normaler gegenüber 
gefunden haben, eine Angabe« welche jedoch von anderer Seite (Stieve) be- 
stritten wird. 

Von den bisher angeführten Autoren, welche für die angeborene Natur des 
Umingtums eintraten, wurden, wie wir sahen, zur Erklärung letzterer verschiedene 
Hypothesen herangezogen, die uns jedoch keinen Einblick in die Vorgänge ver- 
schaffen, welche zur Entwicklung der HomosexuaUtät führen mögen. Das Ver- 
dienst, in dieser Bichtung einen Fortschritt in unseren Kenntnissen angebahnt 
zu haben, gebührt Freud , der sich in semen drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 
auch mit den Ferversionen beschäftigt. Freud betont vor allem, daß das Sexual- 
objekt, d. h. das Objekt (die Person), von dem aus die Libido angeregt und durch 
welches die Befriedigung derselben angestrebt wird, mit dem Sexualtrieb nicht 
so innig verknüpft ist, wie man sich gewöhnlich vorgestellt hat. 

„Die Erfahrung bei den Invertierten lehrt, daß hier nur eine Verlötung vor- 
hegt, die man unter normalen Verhältnissen leicht übersieht. Der Qeschlechts- 
trieb ist wahrscheinHch zunächst unabhängig von seinem Objekte und verdankt 
wohl auch nicht den Beizen desselben seine Entstehung." 

An der Verursachung der Perversionen hat nach Freud in erster Linie die 
Veischiedenheit der angeborenen sexuellen Konstitution Anteil, die er durch 
Überwiegen der einen oder anderen der mannigfachen Quellen der Sexualerregung 
als bedingt erachtet, doch ist durch die verschiedenen Komponenten der sexuellen 
Konstitution die Gestaltung des Sexuallebens noch nicht einseitig bestimmt. 

Unter den Momenten, welche speziell für die Entwicklung der Homosexualität 
von Bedeutung sind, spielt die sexuelle Frühreife keine unerhebhche Bolle ; diese 
wird dadurch zu einer Quelle von Störungen, daß sie Sexualäußerungen veranlaßt, 
die sowohl wegen des Mangels ausreichender Hemmungen als wegen des unent- 
wickelten Genitalsystems nur den Charakter von Ferversionen annehmen können. 
Verstärkt wird der Einfluß der sexuellen Frühreife durch die bei Neurotikem 
und Perversen nachweisbare erhöhte psychische Haftbarkeit infantiler Sexual- 
erlebniese. „Die letzteren", schheßt der Autor, „(Verführung durch andere Kinder 
oder Erwachsene in erster Linie), bringen das Material bei, welches mit Hilfe 
der ersteren (der erhöhten Haftbarkeit) zur dauernden Störung fixiert werden 
kann. Ein guter Teil der später beobachteten Abweichungen vom normalen 
Sexualleben ist so bei Neurotikem wie bei Perversen durch die Eindrücke der 
angebUch sexualfreien Kindheitsperiode von Anfang an festgelegt. In die Ver- 
ursachung teilen sich das Entgegenkommen der Konstitution, die Frühreife, die 
Eigenschaft der erhöhten Haltbarkeit und die zufällige Anregung des Sexual- 
triebes durch fremden Emfluß." 

Wie wir sehen, legt auch Freud okkasionellen SchädUchkeiten eine gewichtige 
ätiologische Bedeutung bei. Ihre Wirksamkeit ist jedoch von dem Vorhandensein 
anderer Momente abhängig, einer gewissen sexuellen Konstitution, sexueller 
Frühreife und der gesteigerten Fixierbarkeit der Erinnerungen infantiler Sexual- 
erle bnisse. 

Wenn wir nach dem Dargelegten auf die 1 . Gruppe von Fragen zurückkommen^ 
die wir eingangs anführten, müssen wir vor allem Klarheit darüber zu erlangen 
suchen, in welcher Beziehung das Sexualobjekt zum Sexualtrieb steht, wie es 
sich mit der Beschaffenheit des ersteren verhält und was von demselben auf an- 






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- Die Anomalien des Sexualtriebes. 221 

geborener (zentraler) Veranlagung beruhen kann. Hier kommt vor allem in 
Betracht; daß der Geschlechtstrieb (die Libido) des Mannes, des Weibes und des 
Urnings an sich in seinem Wesen nicht verschieden ist. Verschieden ist ledighch 
bei beiden Geschlechtem und bei Konträrsexualen von der Norm abweichend 
das Sexualobjekt, das sich bei näherer Betrachtung als ein Komplex von Vor- 
stellungen erweist*). Dieser Komplex ist nicht nur bei beiden Geschlechtem 
verschieden, sondern variiert auch bei den einzelnen Individuen in gewissem 
Maße. Wir wissen, daß der Geschmack in sexuellen Dingen verschieden ist, daneben 
sind jedoch unter normalen Verhältnissen wenigstens gewisse Eigenschaften des 
Sexualobjektes sehr konstant. Alte und sehr jugendhche Individuen bilden 
gewöhnhch keinen Gegenstand sexueller Attraktion, ebenso auffallend miß- 
gestaltete und schwerkranke Individuen. Jugend und körperüche Wohlgestalt 
erhöhen andererseits die sexuelle Attraktionskraft. Der sexuelle Geschmack erfährt 
im Laufe der Jahre häufig Veränderungen. Was die Libido des jungen Menschen 
anregt, bleibt oft ohne Wirkung auf den reifen Mann. Das Sexualobjekt des 
Negers, der noch keine Weiße gesehen hat, ist von anderer Beschaffenheit als 
das des Europäei^; das des Blinden setzt sich aus anderen Elementen zusammen 
als das des normal Sehenden. 

Im Bereiche der Perversionen begegnen wir noch auffälligeren Variationen 
des Sexualobjektes. Das des Urnings wird, wie wir sahen, oft nur durch einen 
bestimmten männlichen Typus gebildet. Beim Fetischisten erlangt ein Teil des 
weibüchen Körpers die Bedeutung des Sexualobjekts usw. 

Alle diese Tatsachen weisen darauf hin, daß die Gestaltung des Sexualobjektes 
in jedem Einzelfalle durch Vorstellungselemente zustande kommt, welche ihren 
Ursprung in der individuellen Erfahrung haben. 

Das Sexualobjekt und damit die Bichtung des Sexualtriebes kann demnach 
nicht durch eine angeborene Anlage bestimmt sein, so sehr dies auch bei dem 
außerordentlichen Überwiegen der heterosexuellen über die homosexuelle Trieb- 
richtung und dem öfters schon sehr frühzeitigen Hervortreten der letzteren den 
Anschein hat. Diese theoretischen Erwägungen werden durch die Erfahrung 
reichlich bestätigt. Der Sexualtrieb des Kindes ist noch völlig objektlos, was 
sich speziell bei den masturba torischen Vorgängen, an welchen es schon in den 
ersten Lebensjahren nicht mangelt, zeigt. In der Entwicklung des Geschlechts- 
triebes findet sich femer öfters vor der und um die Pubertätszeit, wie schon erwähnt 
wurde, ein Stadium der Indifferenziertheit, in welchem das Sexualobjekt schwankt, 
homo- und heterosexuelle Neigungen nacheinander oder auch nebeneinander 
auftreten. 

Man könnte nach dem Angeführten zu der Annahme gelangen, daß, nachdem 
das Sexualobjekt auf einem psychischen Erwerb beruht, die Homosexualität 
nicht duroh eine angeborene Anlage bedingt sein kann, sondern eine rein erworbene 
Anomahe darstellt, welche durch Einwirkung verschiedener okkasioneller Momente 
während der Jugend des Individuums zustande kommt. Die Erfahrung bestätigt 
jedoch diese Annahme keineswegs. Unter allen okkasionellen Schädlichkeiten, 
die nach den bisherigen Ermittelungen für die Ablenkung des Geschlechtstriebes 
in die homosexuelle Bahn in Betracht kommen können, findet sich keine einzige, 
die mit Regelmäßigkeit die Inversion nach sich zieht. Den gleichen Schädürfikeiten 

*) Wir haben hier den Einzelfall im Auge; in diesem erweist sich das Sexualobjekt immer 
als Komplex von Wahrnehmungen oder von Phantasievorstellungen. Bei allgemeiner Betrachtung 
ist das Sexualobjekt aU Schema oder Begriff einer Person des anderen Geaehlechtes aufzufassen, 
die bestimmte Charaktere besitzen muB. 






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222 Die Anomalieii des Sexualtriebes. 

flind zahlreiche Individuen im Laufe ihres Lebens ausgesetzt gewesen, deren 
Geschlechtstrieb den heterosexuellen Charakter bewahrte. Auch bei hereditär 
neuropathisch veranlagten Personen können die fraglichen SchädMchkeiten ohne 
Einfluß auf die Biohtung des Sexaaltriebes bleiben. So habe ich mit manchen 
Nervenleidenden zu tun gehabt, bei welchen trotz hereditär-neuropathischer 
Konstitntion die Erziehung in Fensionaten und in der Jagend mutuell geübte 
Onanie keine Spur von homosexueller Ferversion zur Folge hatte, während hin- 
wiederam in einzelnen anderen Fällen !bidividuen mit homosexaeUen Ndgnngen 
an deren Verursachung in der Jagend geübter mntueller Onanie einen wesent- 
lichen Anteil zuschrieben. 

Es ist demnach die Annahme, daB der Homosexaalität (wenigstens der eohten, 
dauernden) eine angeborene Anlage zugrunde hegt, nicht abzuweisen. Nur dürfen 
wir nicht glauben, daß mit dieser Anlage allein schon die abnorme Triebrichtung 
organisch fixiert ist. Zur Entetehung und Fixierung dieser ist vielmehr noch 
die Einwirkung gewisser Momente während des extrauterinen Lebens des Indi- 
viduums erforderlich. 

Es erhebt sich zunächst nun die Frage» ob die in Betracht kommende Ver- 
anlagung oder Konstitution von einer Art ist, daß sie unter den Lebensverhältnissen, 
denen alle Individuen unterliegen, zur Entwicklung der Hoinosexualität führt, 
mit anderen Worten, daß sie an sich diese AnomaUe zur notwendigen Folge hat, 
oder ob die Entwicklung letzterer an die Einwirkung bestimmter Schädlichkeiten 
gebunden ist. Die bisherigen Erfahrungen gestatten keine ganz präzise Beant- 
wottung dieser Frage; doch will es mir scheinen, daß ohne die Einwirkung be- 
stimmter okkasioneller Momente die Entwicklung der HomosexuaÜtät kaum 
zustande kommt. Bei der anzunehmenden Veranlagung handelt es sich zweifellos 
um Eigentümlichkeiten der Organisation der nervösen Zentralteile, speziell des 
Gehirns. Über die Art dieser Eigentümlichkeiten wurden verschiedene Ansi^ten 
geäußert. Von manchen Seiten wurde hier die Bisexualitätstheorie und die Ver- 
mischung männlicher und weiblicher Charaktere in einem Individuum heran- 
gezogen. Die Erfahrung lehrt, wie wir sahen, daß viele Urninge in ihrem j^ychisohen 
Verhalten, ihren Neigungen und ihrem Charakter sich sehr dem Weibe nähern, 
und man hat diese Erfahrung in der Behauptung einer Anima mulieris virili corpore 
inclusa oder weibliches Gehirn im männhchen Körper (Ulrichs) zusanunen- 
gefaßt. Man könnte sich daher vorstellen, daß die weibliche, resp. weibische 
psychische Veranlagung unter der Einwirkung gewisser begünstigender okka- 
sioneller Momente (verweiblichende Erziehung, Mangel an (Gelegenheit zu 
liebem Geschlechtsverkehr bei früh auftretender Libido, Verführung zur 
speziell zur mutuellen, Furcht vor Ansteckung, Verkehr mit Urningen) zur Ent- 
wicklung der Homosexnahtät führt. Unter den Urningen sind jedoch auch solche 
vertreten, die in ihrem geistigen Habitus die Züge der Männhchkeit in vollem 
Maße aufweisen, für welche daher die vorstehende Annahme keine Verwendung 
finden kann^). 

Wir wissen auch, daß andererseits Männer von exqaisit weibischem psychischen 
Habitus, wie Weiber von ausgesprochen männUchem Charakter ein völlig normales 



1) Eb ist «ich nicht außer Betracht zu laeECxi, daß viele Urninge sich ihron SexnaIob)dite 
gegmüber als Mann fühlen und als Sezualobjekt Individuen von weiblichem Habitus bevonngen. 
Freud hat darauf hingewieeeu, daß bei den Griechen, bei wichen die m&nnlichEten If&nnw 
unter den Invertierten eich fanden, offenbar nicht der m&nnliche Charakter des Knaboi, eondem 
dessen körperiiche und secjische Ann&herang an das Weib die homoeexuellen Neigungen uifachte 
(Freud, 3 Abhandl. zur Sexualtfaeorie S. 9). 



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Die Anomalien des Sexualtriebes. 223 

sexuelles Verhalten zeigen können. Man kann daher m der Gehimorganisation, 
die dem weihhchen, resp. männlichen Typas sich nähert, nur ein die Ent^cklung 
der Homosexualität begünstigendes Moment erblicken, das keineswegs in allen 
Fällen vorhanden ist. Allgemeiner verwertbar für die Erklärung der Homosexuali- 
tät sind die Momente, auf welche Freud hingewiesen hat: eine gewisse sexuelle 
Konstitution, sexuelle Frühreife und gesteigerte Fixierbarkeit der Erinnerungen 
infantiler Sexualerlebnisse. Alle diese Momente müssen ihre Grundlage in Eigen- 
tümlichkeiten der nervösen Oi^anisation des Individuums haben. 

BezügUch der sexuellen Konstitution möchte ich auf einen Punkt hinweisen, 
der mir von Belang zu sein scheint: die Auslösung sexueller Erregungen durch 
Schmerz. Bei manchen Individuen werden die ersten sexuellen Erregungen durch 
Züchtigungen, insbesondere Schläge auf das Gesäß, mitunter aber auch durch 
den Anblick solcher Vorgänge angeregt, und Äußerungen, die ich von einzelnen 
Mäzmem vernahm, weisen darauf hin, daß durch derartige Vorkommnisse der Keim 
zu einer homosexuellen Triebrichtung gelegt werden kann. Die sexuelle Frühreife 
findet sich nach meinen Erfahrungen bei Homosexuellen nicht konstant. Daß 
dieselbe die Entwicklung der Homosexualität begünstigen kann, unterUegt keinem 
Zweifel. Die erhöhte Haftbarkeit von Sexualerlebnissen, die bei Homosexuellen 
in Frage kommt, beschränkt sich nicht auf die eigentUche Kindheitsperiode, sie 
erstreckt sich auch über die Pubertätszeit, vielleicht auch noch darüber hinaus. 
Zu derselben muß indes noch ein Moment treten, wenn sie zur Entwicklung aus- 
geprägten Umingtums führen soll. Erfahrungen, die ich an bisexuellen Individuen 
machte, weisen darauf hin, daß die erhöhte Haftbarkeit von Sexualerlebnissen 
im Idndhchen oder jugendlichen Alter zwar zur Entwicklung homosexueller 
Neigungen führen kann, aber das spätere Auftreten heterosexueller Gefühle deshalb 
noch nicht ausschließt. 

Die Erinnerungen von Sexualerlebnissen, durch welche homosexuelle Nei- 
gungen herbeigeführt werden, müssen daher in den Fällen ausgeprägten Umingtums 
neben der erhöhten Haftbarkeit noch die EigeuFchaft besitzen, daß sie zur Bildung 
eines Sexualobjekts führen, welches dauernd und ausschließlich die Bich- 
tung des Sexualtriebes bestimmt, d. h. die Bildung eines arderen Sexual- 
objekts nicht zuläßt. 

Wir sehen, daß sich der Mechanismus der Entstehung der HomosexuaUtät 
in letzter Bistanz auf eine ziemlich einfache Formel zurückführen läßt: die 
Fixierung der Erinnerung gewisser infantiler oder juveniler Sexualerlebnisse 
und die dauernde Exklusivität des durch diese Erinnerungen bestimmten Sexual- 
objektes. Als Momente, welche die Wirksamkeit dieser Paktoren unterstützen, 
kommen noch in Betracht: sexuelle Frühreife, eine dem weiblichen Typus sich 
nähernde Gehimoi^anisation, gewisse Eigen tümhchkeiten der Sexualkonstitution 
(Auslösung sexualer Erregungen durch schmerzverursachende Prozeduren). 

Die Beantwortung der 2. Gruppe der oben angeführten Fragen — die physio- 
pathologische Seite des Problems — stößt zur Zeit auf weniger Schwierigkeiten. 

Wir haben bisher die Homosexualität, in gewissem Maße, dem Gange unserer 
Erörterungen vorgreifend, als Anomalie, d. h. Abweichung von der Norm und 
damit als nicht der heterosexuellen Triebrichtung völlig gleichwertig bezeichnet. 
Dies will jedoch keineswegs besagen, daß die Homosexualität als Krankheits- 
erscheinung oder Äußerung der Entartung aufzufassen ist. Wir kennen zahlreiche 
Anomalien sowohl auf körperhchem wie auf geistigem Gebiete, die den Träger 
nicht als krank erscheinen lassen; Kurzsichtigkeit, Farbenblindheit, der Besitz 
einer sechsten Zehe, sogenannte Muttermäler sind derartige AnomaUen, die mit 



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224 Die Änomaliea des Sexualtrieben. 

dem Besitze völliger Gesundheit vereinbar sind. Für die Auffassung einer Erschei- 
nung als Äußerung einer Entartung kann anderei^eits nicht diese allein ma^ebend 
sein, und spwar auch dann nicht, wenn es sich um vererbbare Anomalien handelt, 
wie Möbius annahm. Es kommt auf die Vergesellschaftung, in der die Anomalie 
auftritt, die Anwesenheit oder den Mangel anderer Anomalien und die Schwere 
derselben an, sonst müßten wir den Kurzsichtigen ohne Eücksicht auf seinen 
sonstigen körperlichen und seehschen Zustand zu den Entarteten zählen ^). 

Von den Irren- und Nervenärzten wurde früher die echte und dauernde 
Homosexuahtät zumeist als Stigma degenerationis, Äußerung einer ererbten 
psychoneuropathischen Veranlagung, betrachtet, und es ist wohl nicht zu bezweifeln, 
daß diese Auffassung für die große Mehrzahl der von den betreffenden Autoren 
beobachteten Homosexuellen zutraf. Diese Ansicht hat sich der erweiterten 
Erfahrung über Gesundheits- und Abstammungsverhältnisse der Homosexuellen 
gegenüber als unzutreffend erwiesen. Schon v, Kraf f t-E hing hat, wie wir sahen^ 
seine frühere Ansicht in diesem Punkte geändert und betont, daß die konträre 
Sexualempfindung an und für sich nicht als psychische Entartimg oder gar als 
Krankheit betrachtet werden kann. 

Iwan Bloch erklärt, daß der größere Bruchteil der originären HomosexueQen 
durchaus gesund, hereditär nicht belastet, körperhch und psychisch normal ist. 

Magnus Hirschfeld, der unter den Autoren der Gegenwart die größte 
Erfahrung auf dem Gebiete der Homosexualität besitzt, berichtet, daß von den 
von ihm beobachteten Homosexuellen 75°Iq von gesunden Eltern, glückUchen, 
oft sehr kinderreichen Ehen stammen. „Nervöse oder geistige Anomalien, Alko- 
hohsmus, Blutsverwandtschaft, Lues sind in der Aszendenz keineswegs häufiger, 
wie unter den Vorfahren normal sexueller Personen." Von den 20 — 257o Homo- 
sexueller mit erblicher Belastung fand Hirschfeld bei nur 16% ausgesprochene 
Entartungszeichen. Hirschfeld hebt zugleich hervor, daß eine, wenn auch 
nicht kranMiafte, Familienanlage zur Homosexuahtät bestehen muß; er folgert 
dies aus dem verhältnismäßig häufigen Vorkommen homosexueller Geschwister. 
Iwan Bloch geht so weit, aus seinen Beobachtungen zu folgern, daß das Ver- 
hältnis von Gesunden und Kranken bei den Homosexuellen ursprünghch das gleiche 
ist, wie bei den Heterosexuellen und sich nur im Laufe des Lebens infolge der sozialen 
und individuellen Isolierung der Homosexuellen, die wie ein psychisches Trauma 
wirkt, zugunsten der Kranken etwas verschiebt. Naecke betonte, daß die Urninge 
nicht oder kaum entarteter sind als andere Menschen und die Homosexualität 
nicht als Krankheit, sondern nur als anormaler Zustand zu betrachten ist. Auch 
Havelock Ellis vertritt die Anschauung, daß Homosexuelle vollständig gesund 
seien und, abgesehen von ihrer sexuellen Abweichung, normal sein können. Ber 
Autor pfhchtet auch Hirschfeld darin bei, daß sich erbUche Belastung bei nicht 
mehr als 25% der Homosexuellen findet. 

Zu diesen Erfahrungen kommen andere. Die Homosexuellen sind in in- 
tellektueller und morahscher Hinsicht den Heterosexuellen im Durchschnitt 
völlig gleichwertig. Es finden sich unter ihnen Personen, welche ebensowohl 
durch Gaben des Verstandes wie des Gemütes ausgezeichnet sind. Manche Schrift- 
steller neuerer Zeit, z. B. M er z ba ch , gehen so weit, die Homosexuellen als psychisch 
feiner organisierte Menschen und somit als einen über den heterosexuell stehenden 

*} Ich schließe mich in bezug auf die Entartung völlig der Ansicht Freuds an, der erklärt, 
daß man von Degeneration nicht sprechen sollte, „1. wo nicht mehrere Abweichungen von der 
Norm zusammentreffen, 2. wo nicht Leistungs- und Existenzfähigkeit im allgemeinen aohw^ 
gescbädigt erscheinen." 



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• Die Anomalien des Sexualtriebes. 225 

Typus zu. erklären. Es sind dies Übertreibungen. Beachtenswert ist jedoch eine 
Beobachtung Hirschfelds, die von Bloch bestätigt wird, daß die Homosexuellen 
aus niederen Ständen, Arbeiter, Hausdiener usw., ihr MiHeu geistig überragen, 
und die von Havelock Ellis mitgeteilte Erfahrung, daß sich künstlerische 
Fähigkeiten bei gebildeten Homosexuellen häufiger finden als bei Heterosexuellen. 

Zu alledem kommt der Umstand, daß die Eigentümhchkeiten der nervösen 
Organisation, die, wie wir sahen, zur HomosexuaUtät führen, nicht von einer 
Art sind, daß sie die psychische oder körperüche Leistungsfähigkeit ungünstig 
beeinflussen, und dergestalt eine Minderwertigkeit des Individuums, abgesehen 
von seinem sexuellen Verhalten, bedingen. 

Wir können nach dem Angeführten nur zu dem Schlüsse kommen, daß die 
Homosexualität eine AnomaUe darstellt, die zwar mit Krankheit und Entartung 
auf körperüchem und seeUschem Gebiete vergesellschaftet vorkommt, in der 
Mehrzahl der Fälle jedoch eine isoliert bestehende psychische Abweichung von 
der Norm bildet, die nicht als krankhafter oder degenerativer Natur betrachtet 
werden kMm und den Wert des Individuums als Glied der büi^erlichen Gesell- 
schaft nicht herabzusetzen geeignet ist. 

Die durch die Homosexualität bedingte Gestaltung des Geschlechtslebens 
ist nicht selten von nachteiligem Einflüsse auf das Nervensystem, v. Krafft- 
Ebing glaubte, daß bei den geborenen Urningen fast immer temporär oder dauernd 
Neurasthenie sich finde, welche durch Masturbation oder erzwungene Abstinenz 
geweckt und unterhalten wird. Eulenburg betonte dem genannten Autor 
gegenüber, daß die konträre Sexualempfindung keineswegs Neurasthenie zur 
unbedingten Voraussetzung und ebensowenig zur notwendigen Folge zu haben 
braucht. Die neueren Forschungen über die Gesondheitsverhältnisse der Homo- 
sexuellen haben Eulenburg recht gegeben und gezeigt — was schon aus dem 
an früherer Stelle Bemerkten hervorgeht — , daß die Homosexuellen in bezug 
auf ihre Nervengesundheit nicht entfernt so übel daran sind, wie v. Krafft- 
Ebing seinerzeit annahm. Bei alledem muß jedoch zugegeben werden, daß die 
Homosexuahtät in nicht wenigen Fällen sich als eine Quelle von Schädlichkeiten 
für das Nervensystem erweist, deren Wirksamkeit zumeist durch eine in der an- 
geborenen nervösen Konstitution begründete geringe Besistenzfähigkeit be- 
günstigt wird. Bei den morah^ch auf niederem Niveau stehenden Individuen 
mit starker Libido kann es zu Exzessen im homosexuellen Verkehr kommen, deren 
schädigender Einfluß auf das Nervensystem nicht hinter dem des exzessiven 
normalen Geschlechtsgenusses zurückbleibt. Die Folgen beschränken sich auch 
hier nicht immer auf das sexuell-nervöse Gebiet; nach meinen Beobachtungen 
kann es auch zur Entwicklung allgemeiner Neurasthenie kommen. Konträrsexuale 
dagegen, Welche auf Grund sittücher oder rehgiöser Bedenken oder auch aus 
Furcht vor den Konsequenzen auf homosexuellen Verkehr jeder Art verzichten, 
werden häufig, da ihnen der Verkehr mit Frauenzimmern, sofeme derselbe über- 
haupt möglich ist, keinerlei Befriedigung gewährt, mitunter auch ihr Nerven- 
system außerordenthch angreift, zu masturba torischer Befriedigung ihrer Libido 
veranlaßt und können dadurch allmählich dahin gelangen, ihr Nervensystem 
auf onanistischem Wege mehr und mehr zu zerrütten. Ebenso wichtig als die 
genannten Schädlichkeiten ist aber der Gemütszustand, welchen das Bewußtsein 
von der abnormen Gestaltung ihres Sexualtriebes und die Erwägung der Folgen 
dieses Zustandes bei vielen Konträrsexualen herbeiführt *). In den Autobio- 

*) Nicht nar das Erlebnis der eigenen Veranlagung senkt so den Keim zu nervösen Ab- 
wegigkeitMi in den Charakter des Homosexuellen, sondern, in weit höherem Grade, das immer 

LÖweateld, Sexuallebeo und Vemnlaideo. Becbita Aufl. 15 



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226 Die Anomalien des Sexualtriebes. • 

graphien der Urninge, die von verschiedenen Autoren veröffentlicht sind, füllen 
die Klagen über den inneren Zwiespalt, unter dem sie zu leiden haben, den Kontrast 
zwischen ihrem körperlichen Wesen und den Anforderungen des Lebens und ihren 
sinnlichen und erotischen Neigungen, sowie die Schwierigkeiten und Grefahren, 
welche ihnen letztere bereiten, einen breiten Kaum. 

2. Die konträre Sexualempfindung beim Weibe (Viraginität, Mas- 

kulinität, Gynandrie). 

Das Vorkommen homosexueller Neigungen bei weiblichen Individuen war 
schon im Altertume wohl bekannt, und es ist auch nicht zu bezweifeln, daß der- 
artige Neigungen insbesondere in der Verfallzeit Boms unter den sozial höher- 
stehenden Klassen der weiblichen Bevölkerung sehr verbreitet waren. Von ärzt- 
licher Seite wurde der Inversion des Greschlechtstriebes beim Weibe bis in die 
Neuzeit noch weniger Aufmerksamkeit geschenkt, als der gleichen Anomahe beim 
männlichen Geschlechte, was zum Teil sich aus dem Umstände erklärt, daß die 
Gesetzgebung zur gerichtlich medizinischen Beurteilung der in Betracht kommen- 
den Fälle keine Veranlassung gab. Wie es gegenwärtig mit der Verbreitung der 
sogenannten lesbischen Liebe steht, ist schwer zu beurteilen, weil homosexuelle 
Beziehungen imter Frauen sich viel leichter der Beachtung entziehen als imter 
Männern, solche auch seltener zur Kenntnis der Ärzte gelangen, da die Homo- 
sexualität für das Weib nicht dieselbe Bedeutung hat wie für den Mann. Der 
Eindruck, den ich bezüglich dieses Punktes gewonnen habe, geht dahin, daß die 
rudimentären und wahrscheinUch auch die Zwitterformen der Homosexualität 
beim weibUchen Geschlechte sich sehr viel häufiger, die ausgebildeten Formen 
der konträren Sexualempfindung dagegen seltener finden als beim männlichen 
Geschlechte ^). Als rudimentäre Formen der Homosexualität lassen sich die so 
häufigen schwärmerischen Freundschaften unter Mädchen, welche selten bis ins 
reifere Alter sich erhalten, und die ebenfalls recht häufige schwärmerische Ver- 
ehrung von Lehrerinnen, Sängerinnen, Schauspielerinnen und anderen fem- 
stehenden weiblichen Persönlichkeiten von schöner Erscheinung, der man bei 
jungen Mädchen begegnet, deuten. Diesen rudimentären, d. h. über die ersten,. 
leicht verwischbaren Ansätze nicht hinausgehenden homosexuellen Neigungen 
bei Mädchen stehen auf der männlichen Seite ähnliche Vorkommnisse nur in 
sehr beschränktem Maße gegenüber *). Das gänzliche Fehlen der Libido bei von 
sexuellen Erregungen unberührten Jungfrauen und die geringe EntwicUung 
derselben bei einem erheblichen Prozentsatze der nicht jungfräulichen weiblichen 

erneute Erleben der Tat«ache, um diefer Veranlagung willen von der Mehrzahl der Mitmenschea. 
verachtet und verfolgt oder bestenfalla als „krank" bemitleidet zu werden. Die Schädigungen^ 
welche diese ungerechte Wertung der Homosexualität durch die Geeelkchaft und durch das 
Gesetz in der Seele des Betroffenen bewirkt, eie bilden den GroBteil der dem Nervraiarzt zu 
Gesicht kommenden nervösen Folgeerscheinungen der Homosexualität. (Br. A. Eranfeldr 
Nervöse Folgeerscheinungen der Homoeezualität. Jahrb. f. eex. Zwiechenstufen. Jahrg. XX. 
Heft 3 u. 4. Juli u. Oktober 1920.) 

*) Nach den fiütteilungen von Havelock Ellis scheint es eich in dieser Hineicht in Eng- 
land ähnlich zu verhalten wie in Deutschland. „Die ganz auE gesprochenen Fälle", bemerkt' 
der Autor (Molls Handbuch S. 648) „werden vielleicht seltener angetroffen als unter llännem, 
aber weniger ausgeprägte und weniger tief eingewurzelte sind bei Frauen wafarecheinlich häufiger.**' 

') Nach meinen Erfahrungen sind schwänneiische Frcundechaften für ihresgleichen bei 
Böiaben und Jünglingen ungleich seltener als bei Mädchen. Der schwärmerifchen Verehrung 
femstehender älterer Personen (Lehrer usw.), die man bei Mädchen so oft antrifft, bin ich bei 
Knaben überhaupt nie begegnet. 






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Die Anomalien dee Sexualtriebes. 227 

Personen bilden andererseits Umstände, welche die Ent^wicklung ausgeprägter 
Homosexualität erschweren. 

Ebenso wie beim Manne sind auch bei der Frau homosexuelle Akte irgend- 
welcher Art nicht notwendig durch eine Anomalie des psychosexualen Fohlens, 
i. e. Erregbarkeit sexueller Neigungen lediglich durch Personen des gleichen Ge- 
schlechtes bedingt. Es kann sich hierbei lediglich um eine perverse Befriedigung, 
nicht um eine Perversion des Geschlechtstriebes handeln, und nach den vorUegenden 
Erfahrungen scheint ersteres sogar bei einem großen Teile der Fälle zuzutreffen. 
Nach Eulenburgs Schilderung, welche jedoch sich hauptsächlich auf Pariser 
Verhältnisse bezieht, rekrutieren sich die Anhängerinnen des homosexuellen Ver- 
kehrs zum größten Teile aus zwei zwar sozial, aber nicht ethisch voneinander 
entfernten Kreisen, nämlich Damen der großen Welt, reichen Müßiggängerinnen, 
welche durch alle möglichen Genüsse übersättigt und blasiert in dem homosexuellen 
Verkehr einen neuen Beiz suchen, und feineren Prostituierten, welchen durch 
ihr Gewerbe der Verkehr mit Männern zum Ekel geworden ist und die homo- 
sexuelle Befriedigung als etwas Eeineres, Unschuldigeres erscheint. In nicht 
ganz seltenen Fällen mag aber der homosexuelle Verkehr auch faute de mieux, 
d. h. eines Mannes oder aus Furcht vor den Folgen heterosexuellen Umgangs 
geübt werden. 

Halten wir alle diese Umstände zusammen, so können wir den Schluß nicht 
abweisen, daß eine zweifellose Anomalie des Geschlechtstriebes wohl nur bei einer 
nicht sehr erheblichen Minderzahl der der lesbischen Ldebe Huldigenden vorliegt. 
Die konträre Sexualempfindung äußert sich klinisch beim Weibe in analoger 
Weise wie beim Manne, zeigt auch vom psychosexualen Zwittertame anfangend 
ähnliche Abstufungen in ihrer Entwicklung. Die Frauen, bei welchen homo- 
und heterosexuelle Neigungen nebeneinander bestehen, aber auch diejenigen 
mit ausschließlich homosexuellen Inklinationen müssen in ihrem übrigen psychischen 
Verhalten ebenso wie in ihrer äußeren Erscheinung nichts von dem weiblichen 
Typus Abweichendes aufweisen. Bei einem Teile der ausgesprochen konträr- 
sexualen Frauen begegnen wir aber auch wie bei den Männern einer Assimilierung 
der Neigungen und Gewohnheiten an das sexuelle Fühlen : VorUebe für männliche 
Beschäftigungen, Neigung, sich als Mann zu verkleiden, männliche Haartracht usw. 
(Viraginität). In den fortgeschrittensten Fällen läßt die ganze psychische Per- 
sönlichkeit einen ausgeprägt männUchen Charakter konstatieren. Die spezifischen 
seelischen Eigentümlichkeiten des Weibes (größere Emotivität und Suggestibilität, 
geringere Entwicklung der Willensenergie als beim Manne) fehlen gänzlich; im 
Denken, Fühlen und Wollen tritt die Art des Mannes zutage. Hiermit kann sieh 
auch eine mehr oder minder weitgehende Annäherung der Körperform an den 
männlichen Tjrpus verknüpfen (männliche Gesichtszüge, massiver Knodienbau, 
geringe Entwicklung des Fettpolsters und der Mammae, rauhe, tiefe Stimme usw.). 
Wir dürfen hier aber nicht unberücksichtigt lassen, daß äußerliche und psychische 
Gynandrie nicht notwendig mit konträrer Sexualempfindung einhergeht. Ein 
großer Teil der typischen Mannweiber zeigt ganz normale sexuelle Neigungen, 
und ein weiterer Teil gehört zur Kategorie der Frigiden ohne homosexuelle Per- 
version — das sogenannte III. Geschlecht — . 

Bei den weiblichen Konträrsexualen kommen nicht nur Liebesverhältnisse 
untereinander, sondern auch eheähnliche Verbindungen vor, wobei die ältere 
gewöhnlich die Bolle des aktiven Teiles (des Mannes), die jüngere die des passiven 
Teiles übernimmt. Diese Bollen werden von den homosexuellen Frauen lücht 
immer beibehalten, da die ursprünghch Verleitete im Laufe der Zeit an dem 

15* 






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228 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

homosexuellen Verkehr so viel Gefallen finden kann, daß sie bei Gelegenheit 
aktiv, d. h. Verführerin wird. Wie bei den männhchen variiert auch bei den weib- 
hchen Homosexuellen die Art der geschlechthchen Befriedigung sehr. Die moralisch 
höherstehenden und wenig sinnlich veranlagten Personen begnügen sich mit 
Küssen und Umarmungen; bei sehr reizbaren Naturen mag es hierbei zu Orgasmus 
kommen (v. Krafft-Ebing). Auch solitäre Onanie ist nicht selten. Zweifellos 
am häufigsten wird jedoch die Befriedigung durch mutuelle Masturbation erzielt, 
an welche sich noch verschiedene, die sexuelle Erregung fördernde Akte knüpfen 
können. Auf diese Praktiken weist auch schon die im Altertume übliche Bezeich- 
nung der Anhängerinnen der lesbiscben Liebe als Tribaden (von rgißeiv, reiben) hin. 

Daß der homosexuelle Verkehr auch bei Frauen zu Schädigungen des Nerven- 
systems führen kann, unterhegt wohl keinem Zweifel, wenn man erwägt, daß 
hierbei die Masturbation eine erhebliche Bolle spielt und die Friktion der Sexual- 
teile hierbei zum Teil auf instrumentellem Wege durch Benützung künstlicher 
Nachbildungen des Membrum virile geschieht. Zu berücksichtigen ist auch, daß 
durch die konträre Sexualempfindung, sofeme dieselbe als abnorme Erscheinung 
erkannt wird, der Gemütszustand des Weibes ebenso ungünstig beeinflußt werden 
kann, wie der des Mannes. Da homosexuelle Neigungen bei einer Frau den Koitus 
mit einem Manne nicht unmöglich machen, ist es begreifhch, daß konträrsexoale 
und hermaphroditisch angelegte weibUche Personen sich öfters verheiraten. Die 
Frau kann durch Fortsetzung homosexuellen Verkehrs in der Ehe sich für den 
Entgang heterosexueller Genüsse entschädigen. Nicht selten führt aber die Per- 
version des Geschlechtstriebes zu einem Abscheu gegen den ehelichen Verkehr 
und zunehmende Abneigung gegen die Persönlichkeit des Mannes, so daß eine 
Trennung der Ehe notwendig wird. Daß diese Verhältnisse für den Nervenznstand 
der Frau nicht gleichgültig sind, Hegt nahe. 

Wir haben im vorstehenden der HomosexuaUtät eine ihrer praktischen Be- 
deutung entsprechende Berücksichtigung zuteil werden lassen, soweit eine solche 
im Bahmen dieser Schrift möghch ist. Mit der Homosexualität vei^eseUschaften 
sich, wie wir schon andeuteten, oft noch andere, mehr oder weniger ausgesprochene 
sexuelle Perversionen, die ihrerseits sowohl selbständig, wie in Verbindung mit 
anderen heterosexuellen Anomalien des Geschlechtstriebes vorkommen. Wir 
müssen uns im folgenden darauf beschränken, diejenigen Perversionen zu be- 
rühren, deren Kenntnis für den Arzt von besonderer Wichtigkeit ist. 



Anhang. 

XarzismaSa 

Der HomoeezuaUtat ist in gewlBsem M&Se jene sexuelle Neigung verwandt, welche in der 
neueren Literatur unter der Bezeichnung „Narzisrnua" beechrieben wurde: Die Verliebtheit 
in die eigene Person. Von Havelock Ellis wurden die ersten hierher gehörigen Beobachtungen 
^Alienist und Neurologist April 1898) mitgeteilt. Die Bezeichnung r,Narzism\is" stammt von 
Naeoke (Die sexuellen PerversitAten in der Irrenanstalt, ^ychiatriscbe und neurologische 
Bladen 1899. Nr. 2.) 

In rudimentArer Form ist diese Neigung insbedondere beim weiblichen Geechlechte ziemlich 
verbreitet. Man kann eine gewisse Spezies der Eitelkeit (das übermaßige Wohlgefallen an der 
eigenen Person und die übertriebene Schätzung der eigenen körperiichen Vorzüge) als eine Variante 
des Narzismus auffassen. Die Bedeutung einer Perversion gewinnt dra Narzismus jedoch nur 
in jenen Fällen, in welchen die Betrachtung des eigenen Körpers in natura oder im Sjü^el sexuelle 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 229 

Erregung, die Mb zum Orgaamoe aicb steigern kann» auslöst und ein Interesse ftir sexuellen Ver- 
kehr mangelt Nach den bisherigen Beobachtungen bilden derartige Fälle jedoch bei Geistes- 
gesunden äuBerst seltene Vorkommnisee. 

Die Entetehung des Xarzismus vurde auch zum Gegenstände psychoanalytischer For- 
schungen gemacht. „Neuere psychoanalytische Erfahrungen *', bemerkt Rank (ein Beitrag zum 
Karzismus, Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen III. Bd* 
S, 401) „insbesondere an Pfttienten mit gleichgeschlechtlichen Neigungen, haben es zunächst 
nahe gelegt, den Narzismus, die Verliebtheit in die eigene Person, als ein normales Entwicklungs- 
Stadium aufzufassen, welches die Pubert&tszeit einleitot und dazu bestimmt ist, den notwendigen 
Übergang vom reinen AatoerotiBmus zur Objektliebe zu vermitteln.'' 

Meine Erfahjrungen sprechen jedoch nicht dafür, fUB der Narzismua ein: normales Stadium 
in der Entwicklung der Sexualität bildet, dagegen erscheint mir die Annahme Banks wohl 
gereohtf^ligt, daß der Narzismus die Entwicklung der Homosexualität begünstigt, speziell jener 
Form, bei wdcher lediglich jugendliche Individuen Objekte der gleicbgeschletshtUchen Neigung 
bilden. 

Bohleder hat die hier erwähnt« Perversion als „Automonosexualismus" bezeichnet und 
Über 2 von ihm beobachtete Fälle ausführliche MitteUungen veröffentlicht (Berliner Klinik» 
Heft 225. 1007). Im folgendeo geben wir einen kuraen Auszug aus dem Berichte über den ersten 
der beiden F&üe. 

Es bandelt sich um einen 26jährigen Schiffsmaschinisten, einen in seinem Berufe sehr 
tüchtigen Menscheai, der, ein außereheliches Kind, von einer Tante erzogen worden war. Der 
Patient hatte anfänglich (im 13. Jahre) infolge von Verleitung durch Kameraden Masturbation 
rein mechanisch, ohne an irgend etwas zu denken, getrieben. »,Vom ca. 14. Lebensjahre an, 
erwachte in mir eine Achtung vor mir selbst» eine mächtige Eigenliebe, ich hatte mich furchtbar 
lieb, ich konnte nicht umhin, mich selbst zu küscen, derart, daB ich mich vor den Spi^el stellte 
und meinem eigenen Spiegelbilde Küsce gab» dabei bekam ich Erektionen, gleichzeitig war es mein 
höchster Genuß {dem ich mich» wenn ich allein war, hingab), mich nackend vor den gröDten Spiegd» 
den wir besaßen, zu stellen und mein eigenes Glied zu beobachten, welche Beobachtung mich 
manchmal allein, bevor ich mein Glied angefaßt, bis zur Ejakulation reizte. Ich lebte jetzt 

mein eigenes Sexualleben" Zärtlichkeiten von weiblicher 

Seite ließen den Patienten in den nächsten Jahren völlig kalt, und ein Koitus-Versuch in einem 
Bordell mißlang. Männliche Individuen vermochten auf ihn ebensowenig einen Beiz ao&zuüben 

als das hübscheste Mädchen Bezüglich seineB Sexuallebens 

bemerkt der Patient weiter: Er habe ei allmählich dahin gebracht, daß er sich selbst begatten 
könne, worüber er folgende Erklärung gibt. „Ich presse mein Glied an das im Spiegel wieder 
gebildete Glied oder zwischen die Oberschenkel und empfinde dabei das höchste Seligkeitsgef tthl, 
abstoßend wirkt hierbei nur die Kälte des Spiegels. Noch günstiger wirkt hierbei aber das 
Reiben des stehenden Gliedes an meinem Oberschenkel, hierbei empfinde ich, besonders durch 
die Wärmedes Oberschenkels, ein Kribbeln und Jucken in der Harnröhre und gleich darauf erfolgt 
der Samenerguß/' In den THumen des Patienten, die zu Pollutionen führen, sieht er sich zumeist 
nackt in einem großen Salon vor einem großen Spiegel oder in einem Zimmer, dessen Wände mit 
Spiegeln bedeckt sind. Er liebkost sein Spiegelbild, wodurch es zu Erektion und Pollution 
kommt. Der Patient erwähnt femer, daß bei dem Sehen vor dem Spiegel ihm immer der Ge- 
danke komme, das Spiegelbild sei sein zweites lebendes Ich und dieses zweite Ich sei das von 

ihm inbrünstig geliebte Wesen Der physische Giesundbeitszustand des 

Patienten ist ein vorzüglicher, auch geistig ist er, nach R/s Angabe, völlig intakt. Sein 
sexuelles Verhalten betrachtet er selbst nicht als krankhaft. Zur Erklärung der in Frage 
stehenden Perversion nimmt R. an» daß bei dem Patienten ein psychischer eingeborener 
Defekt im psychoeexu eilen Zentrum der Hirnrinde oder wenigstens eine psychische Ab- 
normität desselben vorliegt. 

Transvestitismns ^). 

Unter dieser Bezeichnung versteht man nach Hirschfeld den pathologischen 
Drang in der äußeren Gewandung des Geschlechtes aufzutreten, der eine Persoa 
nach ihren sichtbaren Geschlechtsorganen nicht angehört. Die Kleidung muß 
als Ausdrucksform der innersten Persönlichkeit angesehen werden. Der Einfluß, 
welchen die männliche oder weibliche Kleidung auf das Seelenleben des Indivi- 

^) Auszug aus M, Hirschfcld, TransTestitismus» Sexualpathologie» 11, Bd. 






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230 Die Anomalien des SsxuaUriebes. 

dunms äußert, ist ein ganz außerordentlicher. In der Tracht seines äußeren 
Geschlechts fühlt sich der Transvestit nicht bloß unbehaglich, sondern eingeengt, 
gedrückt, diese Kleidung ist ihm etwas Fremdes, Nichtentsprechendes, seine 
Buhe Störendes, während er sich nicht genug tun kann, um das Glück und Wohl- 
behagen, das Gefühl der Sicherheit und Buhe zu schildern, das er in der dem 
anderen Gteschlechte gehörigen Kleidung findet. Sie betrachten dann auch die dem 
anderen Geschlechte dienenden Kleidungsstücke mit einer gewissen Verehrung. 

Man hat früher die Transvestiten einlach den Homosexuellen zugerechnet. 
Die eingehenden Untersuchungen Hirsohfelds haben jedoch gelehrt, daß es auch 
Transvestiten gibt, welche völlig normal heterosexuell empfinden. Nach Hirsoh- 
felds Statistik finden sich unter den Transvestiten 95% Heterosexuelle und 
35% Homosexuelle, 15% Bisexuelle, während der Best automonosexuell, einige 
vielleicht auch asexuell sein mögen. Verheiratungen finden sich unter den Trans- 
vestiten häufig, aber in der Wahl ihrer Gattin zeigtsich ihr Typus mehr oder 
minder unverhüllt. Die meisten männlichen Transves^ten bevorzugen eine 
Frau mit männlichen, die meisten weiblichen einen Mann mit weiblichen Ein- 
schlägen; die Bisexuellen haben Neigung für beide Geschlechter, 

Der Einfluß, welchen Frauenkleidung auf die Potenz bei männüchen Trans- 
vestiten äußert, ist sehr verschieden. Manche derselben erklären daß sie ohne 
Frauenkleidung fast impot^t seien, dagegen bei Anlegen einer neuen Damen- 
toilette, die gut sitzt, starke Erektionen, häufig mit Ejakulation bekommen. 
Daneben gibt es wieder andere, bei welchen die Bekleidung an sich noch keine 
geschlechthche Empfindung verursacht; sie betrachten sie lediglich als einen Aus- 
druck ihres weiblichen Innenlebens undmanche derselben sind zufrieden, wenn sie in 
weiblicher Kleidung spazieren gehen können. Der Transvestitismus kann sich auch 
verallgemeinern und sich insbesondere auch auf den Vornamen erstrecken; aus 
dem Otto wird eine Ottilie, aus dem Emil eina Emilie, aus der WalU ein Willi. 

Auch feminine Züge sind bei Transvestiten nicht selten, weiche gerundete 
Körperformen, zarte Haut, stark entwickelte Brust, feminine Gesten und Mimik. 
Die Stärke des Triebes zeigt große Verschiedenheiten. Bei manchen macht sich 
der Trieb nur in der Phantasie geltend, er beschäftigt nur ihr Innenleben; bei 
anderen hinwiederum ist der Trieb außerordenthch stark und nicht ganz zu über- 
winden. Aber der Kampf gegen den Trieb bleibt nicht ohne Folgen für das Nerven- 
system. Sehr lange oder dauernde Unterdrückung des Triebes wird zumeist 
schwer ertragen, sie wirkt deprimierend und lähmend auf die Arbeitskraft und 
den Lebensmut. Die Verstimmung kann sich bis zu Selbstmordideen steigern 
und nach den vorliegenden Beobachtungen scheint die Selbstentleibung bei Trans- 
vestiten nicht sehr selten. Der Transvestitismus muß daher als ein für den Nerven- 
und Geisteszustand des Indi\'iduums durchaus nicht gleichgültiger Faktor be- 
trachtet werden. 

B. SnbstitntiTe Formen heterosexii«ll«r Perversion. GeschleohtUcher 

Symbolismus. 

I. Fetischismus, 

Unter den hier noch in Betracht kommenden sexuellen Perversionen bildet 
die von v. Krafft-Ebing im Anschlüsse an Binet und Lombroso als „Feti- 
schismus" ^) bezeichnete die relativ harmloseste und den noch der Breite des 

') T. Krafft-Ebing bezeichnete die Schwärmerei für einzelne Teile de» weiblichen 
Kdrpers oder weibliche Kleidungsstücke als Fetischismus, weil dieselbe an die den Bellqnieii 
und anderen Kultu^egenst&nden gewidmete religiöse Verehrung erinnert. 



C^^^f^.^^.^ Orrgrnatfrom 

DiCJHiied by \.it" ■ ■ UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die Anomalien des Sexualtriebea, 231 

Physiologischen angehörenden Vorkommnissen am nächsten stehende Anomalie 

der Vita sexualis. 

Das Wesen des Fetischismus besteht darin, daß bei demselben Pars pro toto 

substituiert wird, d. h. daß die unter normalen Verhältnissen der ganzen weiblichen 
Persönlichkeit zukommende sexuelle Eeizwirkung von einem einzelnen, jedoch 
nicht zum Geschlechte in Beziehung stehenden Körperteile, oder sogar nur von 
einem leblosen, von weiblichen Personen als Kleidungsstück oder zu anderem 
Zwecke benützten Objekte ausgeübt wird. Der pathologische Körper teilfe Uschis 
mus läßt sich, wie v. Krafft-Ebing mit Becht hervorhebt, nicht strenge von 
gewissen noch als physiologisch zu erachtenden EigentümUchkeiten des erotischen 
Geschmackes abtrennen. Wir wissen, daß bei vielen Männern eine Schwärmerei 
für einzelne Körperteile, sofern dieselben eine gewisse Beschaffenheit aufweisen 
— Augen, Haar, Nacken, Hände und Füße insbesondere — , besteht und diese 
Teile nicht ledigUch eine Quelle ästhetischen Wohlgefallens bilden, sondern auch 
an dem von dem weiblichen Körper ausgeübten sexuellerregenden Gesamtein- 
druck einen wesentlichen Anteil besitzen. Während aber bei diesem noch physio- 
logischen Fetischismus, wie groß auch immer die Schwärmerei für den attraktiven 
Körperteil sein mag, die Gesamtpersönlichkeit des Weibes doch ihre Bedeutung 
nicht verliert, übernimmt bei dem pathologischen Fetischismus der betreffende 
Körperteil ausschheßlich die Bolle des Sexualreizes. 

Das Abnorme bei dem Fetischisten liegt, wie schon von Krafft-Ebing 
hervorgehoben hat, nicht in dem, was auf ihn sexuell erregend wirkt, sondern 
in der Einschränkung des Gebietes der sexuellen Eeize. Nicht nur der weibHche 
Gesamtkörper, sondern auch diejenigen Teile desselben, welche unter normalen 
Verhältnissen in erster Linie sinnhch erregend wirken, lassen den Fetischisten 
vöUig unberührt. Nur der eine Teil oder das eine Objekt ist imstande, sexuellen 
Drang in ihm wachzurufen, und dieser Drang kann so bedeutend werden, daß 
er das Individuum zu lächerlichen, unanständigen und selbst zu kriminellen Hand- 
lungen fortreißt. 

Unter den Körperteilen, welche bei den Fetischisten das sexuelle Interesse 
in Beschlag nehmen, figurieren in erster Linie dieselben, die auch physiologisch 
am häufigsten einen gewissen Zauber ausüben : Äugen, Haar, Nacken, Hände, Füße. 
Ähnlich können aber auch das Ohr, der Mund, das ganze Bein wirken. Die Nuan- 
cierung der Perversion kann aber auch weiter gehen; häufig muß der attraktive 
Teil in bestimmter Weise bekleidet oder von einer besonderen Beschaffenheit 
(Färbung) sein, um seinen Einfluß als Fetisch zu äußern. So kommt es bei den 
Fußfetischisten vor, daß nur der mit einem Strumpfe von gewisser Farbe oder 
mit schmutzigen Schuhen bekleidete oder aber auch der nackte und schmutzige 
Fuß einen Eeiz auszuüben vermag. Nachstehende Beobachtung Foreis, die 
sich bei Krafft-Ebing mitgeteilt findet, bildet ein typisches Beispiel der hier 
in Frage stehenden Perversion. 

Beobachtung. 

Fußfetischismus bei dauernder HeteroSexualität. 

Herr X., 50 Jahre, ledig, den höheren Ständen angehörig, konsultierte den Arzt wegen 
„nervöeer" Beschwerden. Er ist belastet, von Kindesbe nen an nervös, sehr empfindlich gegen 
Kälte und Wärme, seit Jahren von Z^vangsrorsteUungen geplagt, die den Charakter eines korri- 
gierten und vorübergehenden Verfolgungswahnes haben. Wenn er z. 6. an einer Wirtstafel 
«itzt, kommt es ihm vor, als wären aller Augen auf ihn gerichtet und alle Anwesenden flüsterten 
und spotteten über ihn. Sobald er aufgestanden ist, ist dieses Gefühl vorbei und glaubt er nicht 






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232 Die AnomaJien des Sexualtriebes 

m^tr sn seine vermeintJicfaen Wahrnehmungen. Er fflhlt sich nirgends auf die Dauer wohl uncl 
zieht deshalb von einem Orte zum anderen. Gel^mtlich passierte es ihm, dafi er in einem Gaat;- 
hofe Zimmer bestellt hatte und nicht hin konnte, weil bezügliche Zwangsvorstellungen ihn dai»>ii 
hinderten. Die Libido dieses Mannes war nie grofi. Er empfand nie anders als heteroeezual. 
Seine einzige Befriedigung war angeblich normaler (seltener) Koitus. X. gestand dem Arzte^ 
dafi er in seinem Sexualleben von Jugend auf sehr eigentfimlich seL Weder durch FrauMi noch. 
durch Mbmer werde er geschlechtlich gereizt, sondern ausschiieSlioh durch das Sehoi vaa 
nacktep Fttßen weiblicher Individuen, gleichgültig ob es Kinder oder Erwachsene sind. AIlo 
ttbrigen Körperteile von Frauoi laaaen ihn vollstfindig kalt. Hat er Gel^enheit die nacktea 
FUfie von Peraonen, die sich „im Sande" herumtreiben, zu sehen, so kann w stundenluig^ 
aUiiai, um sie su beibrachten, und empfindet dabei den .fürchterlichen" Trieb, terere genitriist 
{woiHia ad pedes iUamm. Bis jetzt ist ee ihm gehmgen, sich nicht zur Befriedigung dieses 
Diangee hinreißen zu lassoL Was ihn am meisten &rg«rt, ist der Schmutz, mit welchem ge- 
wöhnlich die nackten Füße der sich Tummelnden bedeckt sind. Er möchte sie g&me recht schta. 
rein haben. Wie er zu diesem Fetischismiis gelangt sei, wußte er nicht anzugeben. 

Den Übergang zu der Gruppe der Kleidongsstüokfetiscbisten bilden einerseits 
die Individuen, bei denen das vom Körper abgetrennte Haar als Sexualreiz fungiert^ 
andererseits die noch ungleich -widerlicheren Perversen, bei denen die Exkrete des 
weiblichen Körpers die gleiche KoUe spielen (Kopromanie). Die Verehrer des 
vom Körper getrennten Frauenhaai-es werden durch ihre Perversion nicht selten 
verleitet, sich ihres Fetischs widerrechtUch zu bemächtigen. Gewöhnlich smd es 
die Zöpfe jüngerer Weibhcher Personen, die ihrer Gier zum Opfer fallen, und der 
Erfolg, mit welchem manche dieser Perversen längere Zeit hindurch ihren Nei- 
gungen frönen konnten, bevor es zu ihrer Bestrafung kam, ist sehr merkwürdig ^}. 

Unter den Stücken der weiblichen Toilette, welche Fetischeigenschaften 
gewinnen können, spielt die Leibwäsche eine hervorragende Bolle (Hemden, Unter- 
kleider, Korsetts, Strümpfe); aber auch die weniger intimen Teile der Toilette, 
wie Schürzen, Schuhe, Unterröcke, Nachthauben, Kragen und selbst Gegenstände, 
die nicht zur eigen thchen Toilette gehören, wie Taschentücher, figurieren nicht 
selten als Fetische. Einzelne Beobachtuilgen zeigen, daß auch Körperfehler 
(Hinken, kmmme Beine, Schielen) Fetischeigenschaften erlangen können. In 
vielen Fällen behält ein und derselbe Fetisch dauernd seine Kraft; die Art des 
Fetisches kann aber auch im Einzelfalle wechseln, ebenso können auch mehrere 
Fetische gleichzeitig bestehen. 

Ich will hier Bruchstücke aus zwei brieflichen Mitteilungen über die Lebens- 
und Leidensgeschichte eines Fetischisten, der meinen Bat in Anspruch nahm, 
folgen lassen. Dieselben werden genügen, die wichtigsten Charaktere der in Frage 
stehenden Perversion und deren Einfluß auf die Lebensgestaltung eines Indivi- 
duums zu illustrieren. Von einer vollständigen Wiedergabe der betreffenden 
Mitteilungen muß ich aus räundichen Gründen und mit Bücksicht auf den heiklen 
Inhalt absehen. 

,»Ich bin im April .... geboren» daher jetzt im 35. Lebensjahr stehend. Der Vater 
war ein in sittlicher Beziehung durchaus einwandfreier Mann, einfach und schlicht in aUem^ 
geachtet von allen, die ihn kannten. Er starb im 70. Lebensjahre an einer Lungenerweiterung 
und AsUunaleiden, das er sich ein Jahr vor seinem Tode durch eine Influentaericrankung «uzog. 
Die Mutter steht jetzt im 62. Jahre, lebt gesund und rüstig. Von Verwandten des Vaters kann ich 
angeben: L einen Bruder, der in den 30er Jahren starb; 2. einen anderen Bruder, der jetzt noch 
lebt, Tertieiratet» hat 7 Kinder, von denen einige ebenfalls verheiratet sind; alle.^ normale, gesunde 
Mcoischen. 

Von mOtterlicher Seite zwei Brüder, verheiratet, ebenfalls nur normale Umst&nde zu ver- 
zeichnen. Ich habe zwei Schwestern, beide verheiratet, die eine hat zwei Kinder, die andere 
gegenwärtig kinderlos, ein Kind starb bald nach der Geburt. 

^) So wurden in der Behausung eines in Paris festgenonmienen Zopfab3chneiders, ttbv 
dessen Fall Voipin, Socquet und Motet berichteten, 65 Zöpfe und Haarflechten vorgefunden. 



Dicnrued Ly «..OtV^K UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die Anomalien dee Sexualtriebee. 233 

Die erste Spar einer pervereen Neigung merkte ich an mir schon in meinen Kinder- bsw* 
Knabenjahren; damals empfand ich schon eine wollüstige Empfindung, wenn ich an anderen 
Knaben Rohrstiefel mit steifen Sch&ften sah, besonders solche mit Lackleder. Ich muB hier 
vor allem einschalten* dafi der Vater vqn Beruf Schuhmacher war, ich also ein großes Feld für 
meine Leidoischaft hatte. DeuUich eiinnere ich mich noch» in den ersten Schuljahren öfter 
einem Knaboi nachgeechliche n zu sein, der solche Stiefel trug. Diese Neigung nahm aber bald 
einen größeren Umfang an und richtete sich auch auf M&dchen, die weiße Strümpfe und Schuhe 
mit Spangen trugen, wie man dies früher oft sehen konnte. Als Kundschaft hatten wir unter 
uideren auch einen Profee^or H., der drei hübsche, reizende Mädchen hatte, die oft bei uns 
plauderten imd bei der Arbeit zusahen. 

Damals schon verstand ich es, wenn die Madchen da waren, mir einen geeigneten Platz zu 
suchen und mit der raffinierten Sinnlichkeit eines Erwacheenen dieee M&dcben zu beobaohten« 
wie ihre Füße in den verschiedensten Paraden sieb zeigten, wie sie neue Schuhe anprobierten 
usw. Auch trieb ich damals schon Onanie. Ich konnte mich im Bette in eine gewisse wollüstige 
Stellung bringen, mich meinen Gedanken an Schuhe hingeben und ein gewisses Höcbst^efÜhl 
von Wollust haben. Später einmal las ich etwas über Onanie der Kinder, über Abgang eines 
gewissen Samenhauches und erinnerte mich an meine damaligen Handlungen- Wenn zu jener 
Zeit Schuhe von diesen hübschen Kindern da waren, konnte ich sie nicht genug betasten, beriechen 
und vor allem hineingreifen. 

So vergingen Jahre. Mein schrecklicher Hang für Schuhe vermehrte sich nur und dehnte 
sich auch auf Knopfstiefel, hübsche hohe Schnürstiefel aus. Ich wurde im Geschmack förmlich 
raffiniert, vor allem verehrte ich solche Stiefel und Schuhe, die Mädchen'und Frauen angehörten» 
die nur wenig oder gar keinen Fußschweiß hatten. Die Schuhe von solchen verglich ich im 
Geiste nur mit einem „engelreinen Kelche". Es reizten mich auch vor allem solche Knopfstiefel, 
die mit weißem Flanell gefuttert waren, der Duft eines solchen Stiefels konnte mich förmlich 
berauschen. 

In meinen ersten Schuljahren hatte ich auch Öfters ohne allen Grund eintretende Erd£tion«i ; 
die£e Steifheit des Gliedes war aber mit keinem WoUustgefühl, Eondem mit einem Brennen im 
Glied, allgemeinem Unbehagen im Untwleibe verknüpft. Auch litt ich zu jener Zeitan Bettnässen, 
dies alles verlor sich aber nieder. Noch mehr aber, als die Leidenfchaft für Stiefel, machte sich 
nach und nach eine schrecklichere und nachhaltigere in mir breit, eine merkwürdige Neigung, 
unter der ich jetzt schon über 20 Jahre leide, und der ich ungezählte schmerzliche Stunden zu 
verdanken habe. Ich mochte vielleicht 10 — 12 Jahre zählen, als ich anfing, solche Knaben und 
Mädchen mit Interesee zu beobachten, die steife Kragen trugen. Zu jener Zeit waren gewisie 
breite Leinenchemifetten für Knaben und Mädchen im Gebrauch, und os machte mir ein Wol- 
luetgefühl, an diesen steifen Kragen zu kratzen. Ich erinnere mich an einen kleinen Verwandten, 
damals einem hübschen Jungen, der ein eolches Ding am Halse hatte; er sagte zu mir, es sei ihm 
zu eng, und zeigte mir eine wunde Stelle am Halse, die ihm der Kragen verursacht hätte; damals 
empfand ich eine heftige geschlechtliche Erregung. Seit jener Zeit war ich wie von einem höl- 
lischen Zauber umstrickt, die Gedanken an steife, weiße Kragen gewannen immer mehr Raum, 
insbesondere konnte mich der Anblick eines solchen Kragens an einem hübschen Mädchen ganz 
ratend machen. Ich bekam jedesmal heftiges Herzklopfen und geschlechtliche Erregung; wenn 
der Kragen hoch war, ein förmliches Gefühl von Schwindel. Dazwischen kamen auch noch 
die Neigungen für Schuhe, Knopfstiefel usw. In meinem 13. Jahre hatte ich schon eine Ahnung 
von dem unseligen Drang, der mich erfaßt hatte, obwohl mir der eigentliche Begriff „pervers^' 
noch fremd war; so glaubte ich bereits, daß mein Zustand ein besonderer sei, ein unheilbarer, 
wie ich dies eigentlich auch jetzt noch glaube. Damals schon las ich einzelnes Über Selbst- 
befleckung usw. Ich sollte nun auch irgend einem Beruf mich widmen; einige Handwerksmeister 
verschiedener Professionen schilderten ihr Gewerbe aber selbst in ungünstigem Lichte, warnten 
förmlich vor ihrem Handwerk, und so kam es, daß ich damals das Geschäft des Vaters lernen 
sollte. Trotz meiner Leidenschaft für Stiefel verspürte ich hierzu keine rechte lAist, das Sitzen 
wollte mir nicht behagen, auch hatte ich ein Gefühl, daß ich hier ewigen Anfechtungen ausgesetzt 
sei, es wäre besser für mich, etwas anderes zu ergreifen. Um keinen Preis aber hätte ich mich 
entdecken mögen. ^ kam es also, daß ich zu Hause blieb und mich der Schuhmacherei widmete. 
Über ein Jahr verging so, ich wurde geschlechtlich reifer, bei meinen Selbstbefriedigungen 
erfolgten bald Samenabgänge, was ich aber nicht weiter beachtete. Nach einiger Zeit aber 
verspürte ich die Folgen der Onanie, besonders wenn ich dieeeibe maßlos getrieben hatte. Eine 
schreckliche Angegriffenheit des ganzen Körpers, Kreuzschmerzen, Kopfweh zeigten sich nun. 
Diese Anzeichen steigerten sich in den folgenden Jahren, ich werde daher dieses im besonderen 
schildern. Immer aber wieder kamen die schrecklichen wollüstigen Vorstellungen.*' £s folgt hier 






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234 Die Anomalien des SexualtriebeB, 

die Schilderung der Leidenschaft für eine hübsche Köchin, von der nur erwähnt werden mag, daß 
der Patient deren Schuhe küßte, in die er auch Wasser goß, um dasselbe auszutrinken. 

,,So Tei^ingen Jahre, bald mehr bald weniger meinem unseligen Drange folgend. Ich 
-wechselte meinen Beruf in jener Zeit, denn ich sah nur zu deutlich, daß ich es auf diesem Felde 
zu nichts bringen würde. Das Sitzen war mir eine Qnal, auch peinigten mich wieder jene schon 
erwähnten Erdetionen dazu, so kam es, daß ich in ein Handlungshaus eintrat, wo ich harte Tage^ 
lange Arbeitszeit hatte, in spaterer Zeit fand ich wieder andere Stellung. In meinem 20. Jahre 
endlich geluig ee mir in einem großen Geschäft, in dem viele Angestellte beideriei Geschlechta 
beschäftigt waren, eine ganz nette Stellung, wenn auch nicht besonders gut bezahlt, zu erlangen. 
Zu jener Zeit raffte ich mich oft auf, um meiner Leidenschaft Herr zu werden, und es gelang mir 
dies auch zeitweise; leider aber kamen immer wieder die Rückfalle. Ich möchte hier noch 
bemerken, daß ich schon von jeher ein großer Lesefreund gewesen bin — nicht von gewöhnlichem 
Schund. In dieser letzterwähnten Stellung, in der ich vor allem mich einer großen freien Zeit 
erfreuen konnte, erwetterte ich mein Wissen durch ganz begeistertes Lesen populär Wissenschaft* 
lieber Werke, die ich mit großer Aufmerksamkeit durchnahm. Ich entsagte dem I^ater, um 
morgens Lust zum Aufstehen zu habrai, und fand bald den schönen Wert und Genuß heraus, 
den wirkliche Bildung gibt. Ich muß hier noch eines Herrn gedenken^ mit dem ich im Geschäfte 
bekannt wurde; er war, wie ich bald herausfand, Urning und stand mit einem anderen jungen 
Manne in diesbezüglichem Briefwechsel. Von diesem jungen Manne erhielt ich eines Tagra auf 
kurze Zeit das bekannte Werk Dr, Kraflt^Ebings zum Lesen. Dies Buch traf mich wie ein 
Donnerschlag. Mit Entsetzen, starkem Herzklopfen und Aiifregung ersah ich, daß ich mit 
mMnen €}efühlen nicht allein war, wie ich immer glaubt« — eine fremde Welt voll Schauder, 
der also auch ich angehören sollte, tat sich vor mir aui. Auch das Werk Dr. Molls kam damals in 
meine Hände, im 22. Jahre. Ich möchte hier noch erwähnen, daß ich auch in jener Zeit mit 
einem Bekannten zu einer Prostituierten ging, der Erfolg war der bekannte. Über eine anfängt 
liehe Erektion brachte ich es nicht hinaus; ich ging mit der halben Überzeugung, impotent zu 
sein, und ähnlich den Personen in Krafft - Ebings Werke verspürte ich keine Lust mehr, zu 
einer öffentlichen Dirne zu gehen. 

Ich möchte hier auch noch die Anfechtungen erwähnen, die mir die weiblichen Angestellten 
durch Kleidung, Schuhwerk erregten. Zu jener Zeit war schon längst in mir der Wunsch r^e 
geworden, auch ein Mädchen zu haben, nach Herzenslust küssen ujid alle die perversen Triebe 
einmal befriedigen zu können. Das Höchste wäre mir gewesen, einem weiblichen Wesen die 
Schuhe auszuziehen, um, wie ich mich im Geiste aiisdrückte, den warmen Lebenshauch spüren 
zu können. Schrecklich litt ich zu damaliger Zeit an dem Anblick der vielen steifen weißen 
Krag^i, die die Fräulein, besonders gewisse, oft trugen. Maßlose Onanie war oft die Folge. 
So verging die Zeit. Ich kam wieder in andere Stellung, verbesserte mich in bezug auf Ein- 
nahmen usw« Von den Mitteln, die ich damals ergriff, meiner schrecklichen Triebe Herr zu 
ww de ir , möchte ich auch die weiten Spaziei^änge nennen, die ich damals unternahm, um nur 
recht müde zu werden. Die Freude an den Schönheiten der Natur ist es hauptsächlich auch heute, 
die mir meia Los erträglicher macht. 

Es kommt nun eine neue Periode; es gelang mir, eine erste Bekanntschaft anzuknüpfen 
im 26, Jahr! Das Mädchen meiner Wahl hatte einfache regelmäßige Züge, ebenmäßige Figur 
und selbstverständlich hübsche Füße. Ich glaubte damals, für meine gewissen Wünsche nun 
endlich Befriedigung gefunden zu haben, doch sah ich bald, daß ich mich getäuscht hatte. Die 
Betreffende war von sehr normalem Temperament, harmlos, ziemlich religiös gesinnt, sie glaubte 
ohne weiteres, daß einer Bekanntschaft mit einem ihr anständig erscheinenden jungen Manu 
sicher eine Heirat folgen würde. Noch erinnere ich mich ihres verwunderten Blickes, als ich sie 
bei nächster Gelegenheit bat, ihr doch den Knopfstiefel ausziehen zu dürfen. Sie ließ mich 
gewähren, ohne irgendwie weiter Anteil zu nehmen oder zu fragen. Die lang unbefriedigte Glut 
meiner Wünsche war indes gestillt, ich konnte mich wenigstens satt küssen, und ich tat dies auch, 
buchstäblich gesprochen, ich konnte das Mädchen minutenlang küssen; sie ließ mich immer 
willenlos gewahren. Ablehnender aber zeigte sie sich schon meinem zweiten hauptsächlichrai 
Wunsche, einen steifen weißen Kragen recht hoch zu tragen; sie machte kein Hehl daraus, daß 
ihr das unsinnig vorkomme, doch gelang meinen Bitten und Drängen auch hier die Erfüllung 
meines Triebes. Sie selbst blieb aber kalt,, ähnlich den Umingfreunden, die keinen Sinn für 
die Gefühle ihrer Verehrer haben." , . , 

Es folgt hier weitere Schilderung des sexuellen, zum Teil perversen Verkehrs zu dem frag* 
liehen Mädchen, auf die nicht näher eingegangen werden kann, P. bemerkt hierbei auch, daß 
er damals Masturbation ohne Herbeiführung der Ejakulation trieb und hiervon dieselben nach- 
teiligen Folgen, wie von dem vollständig durchgeführten masturbatorischen Akte, wahrnahm* 
Das Verhältnis zu dem betreffenden Mädchen wurde nach mehrmonatlicher Dauer gelöst^ und 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 235 

einige Zeit spater knüpfte Patient eine neue LiaiBon an. Es heißt dann weiter in dem Berichte; 
t^ein eiBtes war, ihr meine Komplimente über ihre kleincoi FUfie zu machen, und ich konnte 
beobachten, daß aie hierfür Sinn zeigte. Bei einem Spazieigang führte ich sie ebenfalk an einen 
geeigneten Platz, bat sie» ihr die Schuhe auBziehen und ihr den Fuß küssen zu dürfen. Mit 
reizender Veri^enheit, aber freundlicher Bereitwilligkeit ging sie auf meinen Wansch ein, mit 
raschem Blick hatte ich mich von ihrer Reinheit überzeugt, meine Leidenschaft stieg. Ich hatte 
damals oft das Gefühl, es sei mir eigentlich mehr um Befriedigung perverser Triebe als um 
Befriedigung des notmalen Gescfalechtetriebee zu tun. Wie intensiv mich der perverse Trieb 
beheiTBcbte, möcht« ich am besten in einer Detailscbilderung darlegen, bei anderen pervers ver- 
anlagten Personen werden wohl ähnliche Verhaltnisse vorliegen. Wenn ich z. B. eine (am besten 
schwarz gekleidete) Dame sab, die einen hohen, engen, weißen Kragen trug, so ging ich ihr oft 
so lange nach, bis sie mit der Hand eine Bew^ung an dem Kragen machte» oder beim Um- 
sehen oder Seitwärtssehen eine gewisse Kopfhaltung machte, als ob der hohe Kraben ihr 
eine Unbequemlichkeit verursache ' — ' — in diesem Momente fühlte ich immer einen Schlag, 
einen Druck am Herzen, den ich am besten mit einer Blutwelle vergleichen möchte. Sobald 
aber diese obenerwähnte Bewegung an Kopf oder Hand des weiblichen Wesens geschah, blieb 
immer ein gedankenerzeugender Moment dazwischen, in dem sich der Begriff herausschälte: 
,,Kräftig wirkt der Zauber und so bist du verlorenl'* und gleich daratif fühlte ich prompt den 
Druck, die Blutwelle in der Brust. Und so ist es auch heute noch* 

Ich kaufte dem Mädchen damals einen hoben Leinenkragen^ ein paar Manschetten und 
freute mich wahnsinnig, einen genußreichen Abend zi\ haben. Sie zeigte auch hierfür viel Sinn, 
ich konnte mich nicht satt sehen jenen Abend an ihr, buchstäblich gesprochen, sie mußte mir 
unzählige Male immer wieder den Kragen, den aie sich auf mein glühendes Bitten recht eng 
gerichtet hatte, mit dem Finger lockern lassen, und als ich bemericte, daß an ihrem Hals eme auf- 
gescheuerte Stelle entetand, verspürte ich die Sinneslust, wie sie ein Sadist vielleicht empfindet. 
So oft sie die Hand an den Kragen legte, gingen mir die sinnlichen Wellen durch den Körpen 
Äbnlichee könnte ich schildern, als aie einst neue Knopfstiefel trug; als ich die neuen hübschen 
Stiefel sah, stand mir schon wieder der Genuß vor Augen, den mir das Ausziehen geben 
würde. 

Das Verhältnis blieb aber nicht immer so ungetrübt und wurde ebenfalls nach kurzer 
Dauer gelöst/* 

Es folgte eine dritte Liaison, diesmal mit einem Mädchen, das sich als geschwängert und 
von ihrem Liebhaber verlassen erwies. Es heißt dann weiter: „Ich darf hier nicht vergessen, 
eine neue Liebhaberei zu erwähnen, die sich bei mir schon seit geraumer Zeit gebildet hatte: die 
Liebhaberei für enge ÄrmeL Dem Mädchen nun wußte ich hierfür Interesse einzuflößen. Sie 
war von etwas voller Figur, und es machte mir Genuß, ihr unter den Arm zu greifen und den 
Schweiß spüren zu können, wenn sie eine anschließende Taille getragen hatte. Ich verstand es 
jetzt vortrefflich, das Mädchen mir abzurichten. Große Beredsamkeit, listige Komplimente, 
immerwährende Schmeichelei über ihre körperiichen Vorzüge wandte ich an, um sie für meine 
perversen Liebhabereien empfänglich zu machen, und ich kann sagen, es gelang mir auch. Im 
Laufe der Monate entetand ein förmlicher Briefwechsel in dieser Hinsicht zwischen uns; ich 
schrieb ihr die phantasiereichsten Schilderungen, und sie antwortete enteprechend. Diese Briefe 
habe ich verbrannt, um dem Reiz zu entgehen, den sie doch iomier gehabt hatten. Der Inhalt ist 
mir aber doch noch im Gedächtnis/' 

Auch die weitere Schilderung des sexuellen Verkehrs mit diesem Mädchen muß übergangen 
werden. „Seit jener Zeit hatte ich kein Verhältnis mehr, es kamen wieder Bückfälle trotz 
Bemühungen, dem unsittlichen Sumpf zu entrinnen. Oft habe ich mich bestrebt, dem höllischen 
Zauber zu entkommen und mir vorgestellt, wie es denn nur möglich sei, daß ein weißer Leinwand- 
streif ai von einem gewöhnlichen Gesicht getragen, mir dieselbaals anziehendstes Wesen erscheinen 

lasee, während ohne denselben sie mir absolut gleichgültig wäre umsonst — - — bei nächster 

Gelegenheit fühlte ich wieder die Kraft, die reizt und wirkt, und ich konnte mich ihr nicht 
erwehren/* 

Aus der zweiten Mitteilung Die verschiedenen Schriften, die ich über diesen Gegen- 
stand las, um über meinen eigenen Zustand klarer zu werden, brachten mir nicht die Erklärung, 
die ich eigentlich erwartet hatte.'' . . . „Eine Bemerkung, die ich in einem bezüglichen Werke 
fand, möchte ich vor allem hier erwähnen und ausnehmen, in der gesagt wird, daß die Mode mit 
ihrem Wechsel die Perversität fördere. Mit dieser Bemerkung, in der ich gewissermaßen mit 
Trauer und Befriedigung meine eigenen Gedanken wieder fand, ist wohl sicher das Richtige ge* 

troffen'' Ich hatte in meinem Geschäfte einmal ein Gespräch mit einem jangen Mann, 

der sich mir gegenüber als Stiefelfetiscbist zu erkennen gab. Er sprach sich ganz ungeniert 
über ihm als höchst reizvoll erscheinende Änderungen in der Schuhmode aus. Wie ungemein stark 



^ /"^^-^^^..L, Onginäf from 



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236 Die Anomalien des Sexualtriebee. 

da8 moderne BamenBchubwerk auf die Sinnesreize wirkt, ist ja sicher schon beschrieben wor^n ; 
die ungeheuere Verbreitung und Wirkung dieses Reizmittels kann aber kaum gcmug wirklieb 
geahnt werden/* . . . ftWie stark das rein Perverse bei mir zum Aiisdnick kommt, geht daraus 
hervor, daß sogar eine weibliche Person in Torgerttckten Jahren, sofepi sie nur eine regelm&Bige 
Figur noch zeigt und vor allem den bewußten Halsschmuck zeigt, mich vollständig aufregea 
kann." . . . „Über eine andere OefühlBeracheinung möchte ich noch berichten; n&mlich, dafi 
eine weibliche Person, die einen Zwicker trägt, mir auf jeden FaU nur wenig oder kein Interesse 
einflößen kann, wenn sie auch die betreffenden Attribute am Leib hat. Sonderbar ist es mir 
auch schon erschienen, daß lüich sogar im Traum diese schrecklichen Bilder verfolgen, nicht 
nur einmal, öfters, und merkwürdigerweise immer diesdbe Handtung- Ich muß hier vorana- 
schicken, daß ich alljährlich mindestens ein- oder zweimal eine gewisce Landschaft aufsuche; 
einen mir abeolut ideal erscheinenden Platz, der mir als eine Zuflucht vor allen unreinen Dingen 

erscheint von dieser stillen G^end nun bringt mir der Traum ein Bild vor die Seele, dafi 

hier plötzlich ein Gebäude steht, und wenn ich erstaunt unwillig um die Ecke des Hauses gehe; 
£0 begegnet mir plötzlich eine ältere Frau, die zu Boden sieht, gefolgt von drei hübschen Mädoheai, 
die zu meiner Bestürzung das zeigen» dem zu entftieh^i ich gekommen war. 

Es gibt Zeiten, wo ich glaube* der ganzen Sache gegenüber geklärter zu stehen» dann wieder 
kommen Momente von tiefsinniger entsetzlicher Traurigkeit, In förmlichen Schrecken und 
sinnliche Aufregung kann mich auch etwas Gedrucktes bringen, das meine Leidenschaft berührt. 

Ich möchte nun zu dem tibergehen» was mir als das Wichtigste und Bedeutendste 

erscheint, nämlich zu dem Gefühl des doppelten Ich, das mir bei besonderem Auftreten der per- 
versen Gefühle zum Ausdruck kommt. Wie schon berichtet, bemühe ich mich ja fortwährend, 
die perversen Geftihle und die damit verbundenen Laster zu unterdrücken, teilweise gelingt es, 
aber immer kommen die Zeiten der Rückfälle; es ist wie mit einer auf- und absteigenden Periode, 
Es gibt Zeiten, wo die perversen Neigungen stärker als sonst auftreten, der Körper befindet sich 
wie in einem fieberhaft entzündlichen Zustand, das Druckgefühl, unter einer Leidenschaft zu 
stehen, die von Normalen nur mit äußerstem Spott bedacht wird, die Meinung, daß auch der 
beste Arzt hinterher schließlich auch nur ähnlich denkt, wirkt lähmend auf alles. Und wenn dann 
Glieder ein besonders reizvoll erscheinendes weibliches Wecen mir über den Weg kommt» dann 
tritt der gefürchtete Augenblick wieder ein, wo ich eehe» wie schrecklich tief das Übel Wurzel 
gefaßt hat. Manche Schilderung könnte ich hierüber geben, es kann aber eine für viele gelten. 
Ich sah mich einmal zwei Mädchen gegenüber, von denen die eine den bewußten Halsschmuck 
zeigte, mächtig setzte sofort die schon beschriebene Blutwelle, der Schlag am Herzen ein. Und 
nun entstand der seelißche Kampf, der Streit zwischen Vernunft und Sinnlichkeit, der, oft geführt, 
mir nur zeigte, daß es vergebens ßei, gegen eine Leidenschaft sich zu stemmen, die förmlich unab- 
hängig von allen Gedanken und aller klaren Vernunft, wie in einer besonderen Kammer von 
Herz und Hirn verborgen Hege und, wenn geweckt, übermächtig alles andere zurückdränge. Das 

Mädchen machte die bewußte Kopfbewegung , wie es mich durchfieberte; ein förmliches 

Schwindelgefühl überkam mich, wie nach einem starken Laufe mußte ich atmen, fortwährend 
spürte ich, wie heftig in mir das Herz klopfte; und nun war es mir, wie wenn zwei unabhängig 
voneinander laufende Gedankenstreifen sich ablösten: auf der einen Seite die Vernunft, die mir 

»^agte: „Ruhe, es ist ja nichts das eben ist die Sünde, du aber herrsche über sie!" Hit 

einer wirklich gewiseen Gedankenruhe und Beobachtungsgabe konnte ich mich wundem und 
nachdenken, beobachten förmlich, daß die Erregung to heftig einsetze, ßobald die Kopfbewegung 
von Seiten des Mädchens kam. Sofort setzte die Welle am Herzen ein, unabhängig vom Gefühl 
der sich losreißenden befreienden Vernunft, wie festgebannt, überwältigt mich der Zauber und 
unterlegen kommt der Gedanke zum Ausdruck: „Was eoll man da tun, wenn uns so die Ver- 
suchung gleich einem Gewappneten überfällt!" In diesem Moment ist es mir nicht anders, als 
wenn der Sitz der Sinnlichkeit mehr im Herzen alle Quellen und Beize hatte wie im Hirn. Ich 
kann es nicht lebhaft genug schildern, diese förmliche Trennung aller Gedanken, so wahrhaft 
vollkommen kommt alle^ zum Ausdruck, die gewissermaßen vollständige Beobachtung des 
f'innlich angelegten Teiles meiner Person trägt nur dazu bei, das Gefühl von Bestürzung und 
Hilflosigkeit zu vermehren/' 

Der vorstehend mitgeteilte Fall ist in mehrfacher Hinsicht von besonderem 
Interesse. Er zeigt uns das Auftreten ausgesprochener sexueller Erregungszustände 
und fetischistischer Neigungen schon im Kindesalter, die Vervielfältigung, welche 
letztere im Laufe der Jahre erlangen können und den hierbei zutage tretenden 
Einfluß der Mode sowie die Kombination fetischistischer mit sadistischen Ele- 
menten. Hierher ist der Umstand zu rechnen, daß die sexuelle Lust, welche dem 






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Die Anomalien d^ Saxualtriebas* 237 

T 

Patienten der Anblick und das Betasteh steifer Halskragen bei weiblichen Personen 
verursacht, durch die Wahrnehmung der Unannehmlichkeiten, welche diese Toi- 
lettestücke den Trägerinnen bereiten (Aufscheuem des Halses usw.), gesteigert 
wird. "Über den Entstehungsmodus des Fetischismus gibt der Bericht des Patienten 
keine direkte Aufklärung, aber es war wohl in dieser Hinsicht nicht ganz ohne Be- 
lang, daß Patient als Sohn eines Schuhmachers Gelegenheit hatte, viel mit weib- 
Uchem Schuhwerk sich zu beschäftigen. Dieser Umstand dürfte in Verbindung 
mit der Präkozität der sexuellen Erregungen zur Entwicklung des Schuh fe tischis- 
mus geführt haben. 

Den reinen Kleiderfetischisten stehen die Individuen nahe, welche nur mit 
Frauen in einer bestimmten Toilette geschlechtlich zu verkehren imstande sind 
und deren Potenz bei Fehlen diese Bekleidung, wie sehr auch die betreffende 
weibhche Person ihrem Geschmacke entsprechen mag, völhg versagt. 

Was die Form sexueller Betätigung anbelangt, die bei dem Fetischismus vor- 
kommen, so ist zunächst zu bemerken, daß bei einem erheblichen Teile der Feti- 
schisten die Befriedigung des perversen Triebes durch Manipulationen an dem 
Fetischteile oder Gegenstande (Berühren, Streicheln, Andrücken), auch durch 
Küssen desselben, erreicht wird, wodurch diese Vorgänge zu einem Äquivalent des 
normalen Geschlechtsaktes sich gestalten. Der Eintritt von Ejakulation kann 
hierbei mehr oder weniger rasch erfolgen oder auch ganz ausbleiben. In einzelnen 
Fällen genügt schon der Anbhck des Fetisches, um eine Ejakulation herbeizu- 
führen. 

Neben der perversen Befriedigungsmöglichktit besteht häufig vöUige Un- 
fähigkeit zum normalen Geschlechts verkehre. Letzterer gelingt zwar einem 
Teile der Fetischisten, aber nur dann, wenn sie in der Lage sind, während der Ko- 
habitation den Fetisch zu sehen, zu fühlen oder sich wenigstens lebhaft vorzustellen. 

Iq den selteneren Fällen, in welchen neben der fetischistischen Neigung sich 
die normale Triebrichtung geltend macht, mangelt natürlich auch nicht die Fähig* 
fceit zu sexuellem Verkehr ohne die erwähnten Hilfen. 

Im folgenden gebe ich den Bericht eines in Italien lebenden Herrn wieder, 
der meinen Rat wegen der bei ihm bestehenden fetischistischen Neigungen in 
Anspruch nahm, 

,3in in M. im Juni 1877 von deuteeben Eltern geboren, meine Mutter ist vor 4 Jahren an 
einem Herzleiden gestorben» mein Vater lebt noch. Ein Bruder von mir, 1878 geboren, starb 
1882; dagegen lebt nocb*mein Bruder, geboren 1889, aouBt habe ich keine Geachwister. Äußer 
Marem, Scbariach und Ohrenentzündungen habe keine Krankheiten gehabt; mein Körperbau 
iBt grazil, auch bin ich pervös, was sich darin äu&ert, daß ich leicht an den Händen zittere. Habe 
daher AlkoholgenuB fast abgeschafft und im Sommer nahm ich fleiBig kalte Schwimmb&der. 
Was nun die geschlechtliche Frage betrifft, so muB ich wobi al^ Kind einmal irgendwo im Theater 
oder auf der Straße eine Reitdame zu Gericht bekommen haben, die hohe Schaftstiefel trug. 
Das hat auf mich einen bleibenden Eindruck gemacht; denn ich habe als Knabe immer die 
mericwürdige Tendenz gehabt, mit Vorliebe mir den Anblick von Reitdamen zu verschaffen, 
sei es in natura oder auf Abbildungen und zwar waren es vor allem die hohen Stiefel, die mein 
be£ondere8 Interesse erregten, aber nur wenn von weibliehen Personen getragen, dagegen von 
Männern absolut nicht. AU Jüngling entstand beim Anblick derartiger Damen dann Samen-^ 
erguß, und ich gestehe, daß mich die Neigung so packte, daB ich, wenn sich mir Gelegenheit bot, 
im Theater, Zirkus, in der Nähe von Beitschulen einen solchen Anblick mir zu verschaffen, 
ich der Versuchung absolut nicht widerstehen konnte. Dabei erfolgte dann stets Samenerguß. 
Infolgedessen pfl^te ich keinen normalen geschlechtlichen Verkehr, sondern suchte meinen 
Ciescblecbtstrieb auf diese Weise zu befriedigen. Da sich in dieser Frage niemand um mich 
bekümmert hat, so habe ich bis zum 26, Jahre so weiter gemacht. Im 26. Jahre micbte^ ich 
en:llich in ilL einen italienischen Psychiater auf, Prof. Ä. R, und bat um Ratschlag. Derselbe 
riet mir, ein geeignetes Mädchen zu suchen, dasselbe so zu kleiden, wie es meine Phantasie liebe 
und dann dea GeachlechtAakt zu versuchen. Das tat ich und der Qeschlechtoakt gelang; ich 






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23S Die Anomalien des Sexualtriebes. 

fädelte dea normalen Geschlechtevericehr langsam ein* Ich versuchte nun auch ohne Kleid 
und Stiefel den Akt zu vollbringen, manchmal gelang er, manchmal auch nicht; bei entepreohendcr 
Kleidung ist eben mehr Sicherheit vorhanden. Die weiblichen Geschlechteteile intereseief^i 
mich wenig. Es hat sich nun bei mir die Tendenz herausgebildet, auf der Straße die FoBbe- 
kleidung der Frauen bisweilen zu beobachten und ruft hohe elegante Fußbekleidung leicht 
Erektion hervor, die sich zum Samenerguß steigern kann, wenn ich der betreffenden Person folge* 
In Schaufensterauslagen rufen wohl hohe und Schaftstiefel für Damen einiges Interesse hervor^ 
jedoch keine Erektion und Samenerguß. Derselbe tritt erst ein, wenn der Gegenstand von der 
PeTEon getragen wird. Da ich nun jedoch den Schlüssel zum normalen GeschlechtsvOTkehr 
gefunden habe, so suche ich meine Neigung im Zaun zu halten und den richtigen Geschlechtsakt 
einmal in der Woche zu voUlnnngen. Diese 'Neigung, mit der ich behaftet bin, ist für mich von 
größtem Schaden; leicht schweben mir Gaukelbilder von Beitdamen vor, auch bin ich ziemlich 
indifferent im GescbSftsverkehr. Ich betreibe hier ein Geschäft, und wäre es spater vielleicht 
von Vorteil für mich, wenn ich h^i^^ton könnte, um eine Hilfe im GeschMt zu haben. Jetzt 
unterstützt mich noch mein Vater, aber er ist alt. Das Heiraten wird jedoch absolut nicht gehen» 
so lange ich solche mei^würdige Neigungen habe. Der italienische Professor, mit dem ich einmal 
darüber sprach, sagte mir, ich solle eine Reitdame heiraten. Das mag ja nun theoretisch vielleicht 
richtig sein, aber praktisch ist es nun nicht durchführbar; denn was tue ich in meiner Lebcmslage 
mit einem Sportweibe, außerdem müßte ich doch erst Bekanntechaft machen. Ich würde beim 
Anblick der Kleidung und speziell der Stiefel der betreffenden Dame dann immer in Aufregung 
und Samenverlust geraten, wBkS mich nur noch mehr schwachen würde." 

Wir ersehen aus dem im vorstehenden Mitgeteilten, daß bei dem Patienten 
schon der Anblick des !Fetisches genügte, nicht nur sexuelle Erregung, sondern 
auch Ejakulation herbeizufiihren, daß es sich also bei ihm um einen höheren Grad 
von FetischMdrkung handelte. Trotzdem war die normale Triebrichtung bei dem 
Patienten nicht völlig unterdrückt, Sie machte sich, nachdem Patient enteprechend 
aufgeklärt war, geltend und ermögUchte ihm, wenigstens mit gewissen Hilfen, 
normalen Geschlechtsverkehr. 

Der Fetischismus ist, wenn auch die Vertreter desselben in der Eegel neuro- 
oder psychopathisch belastete Individuen sind, doch immer eine erworbene Ano- 
mahe, zu deren Entwicklung das zufällige Zusammentreffen gewisser Sinnes* 
eindrücke mit sexueller Erregung bei geschlechtÜcher Frühreife den Anstoß gibt ^)^ 
Man hat daher den Fetischismus einfach auf eine Zwangsassoziation zurückführen 
zu können geglaubt. Biese Annahme läßt jedoch die Einschränkung des sexuellen 
Interesses auf ein bestimmtes, bei normalen Individuen nicht sinnlich wirkendes 
Objekt unerklärt. Neben der durch einen Zufall bedingten Verknüpfung von 
bestimmten Sinneseindrücken mit sexuellen Lustgefühlen müssen beim Fetischisten 
Umstände wirksam sein, durch welche das dem Geschlechtssinne dienende kortikale 
Gebiet für die normalen Erregungs quellen (Vorstellungsreize) unzugänghch gemacht 
wird. Hierüber fehlt es noch an Aufklärung. 

Die fetischistische Perversion hat für ihre Träger eine negative und eine 



^) Freud erwäbnt, daß in einem Teile der EUlIe von FetiBchismuB eine den Betroffeneck 
meist nicht bewußte symbolische Gedankenverbindung den Ersatz des normalen Sexualobj^laB 
duucob den Fetisch herbeigeführt hat; doch scheint nach dem Autor diese Symbolik nicht immor 
unabhängig Ton sexuellen Erlebnissen der Kinderzeit. Ich glaube, daß solche Erlebnisse hierbei 
immer eine Bolle spielen. Havelock EUis nimmt fttr den FuBfetlschismus ein angeborenes 
Element an« ,»So exzentriBch*\ bemerkt er, ,,der Fußfetischismus uns erscheinoi mag, so ist er 
doch nur das durch einen PBeudoatavismus oder durch eine Entwicklungshemmung erfolgende^ 
Wiederauftauchen eines Triebes» den wahrscbeinlich unsere Vorfahre gehabt haben und der 
beute noch bei Jungen Kindern nachweisbar ist/* 

Ich muß gestehen, daß ich bei Kindern nie eine Andeutimg von fußfetischistischer Neigung- 
beobachtet habe und eine angeborene Disposition in dieser Richtung bei der europäischen BevöU 
kerung nicht annehmen kann. Dagegen scheint in China eine ererbte Dupoeition zum Fuß- 
fetischismns außerordentlich verbreitet zu sein, da sie zu der dort in weiten Kreisen noch jetsU 
bestehenden Sitte der künstlichen FußverkrUppelung der jungen M&dchen geführt hat. 



^ /'^,-^^^,,L, Orrgrnötfrom 



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Die Anomalien des Sexualteiebee. 239 

positive Seite. Es ist begreiflich, daß der Fetischist sich das Vergnügen, das ihm 
das Manipuheren mit seinem Petisch gewährt. Öfters zu verschaffen trachtet und 
daß dies nicht immer auf einwandfreiem Wege gelingt. Bei großer Stärke des 
perversen Triebes kommt es daher nicht selten und zwar auch bei sonst unbeschol- 
tenen Individuen zu kriminellen Handlungen. Die Haarfetischisten werden, wie 
wir schon erwähnten, Zopfabschneider, und die Kleiderfetischisten setzen sich oft 
durch Diebstahl in den Besitz der für sie attraktiven Objekte. Manche Diebs- 
spezialitäten, so insbesondere die Diebe von Frauenschürzen und Taschentüchern, 
gehören der Kategorie der Fetischisten an, und es sind Fälle bekannt, in welchen 
selbst wiederholte Bestrafung den perversen Drang nicht zu unterdrücken ver- 
mochte. Die negative Seite' des Fetischismus ist dadurch gegeben, daß derselbe 
das damit behaftete Individuum unfähig zu normalem geschlechtlichen Verkehr 
mit weibüchen Personen macht oder wenigstens die Befriedigung bei demselben 
verhindert, sofern der Fetdschist nicht imstande ist, mit Hilfe seiner 
Phantasie an Stelle des vorhandenen Weibes den Fetisch als sexuell erregendes 
Medium zu setzen. 

Man hat dem Gebiete des Fetischismus auch noch manche oben nicht er- 
wähnte Anomalie im sexuellen Triebleben einverleibt. So unterschied v. Kraff t - 
Ebing neben dem Körperteil- und Kleidungsstückfetischismus noch einen Stoff* 
und einen Tierfetischismus. Bei den betreffenden Bidividuen werden durch das 
Berühren von gewissen Stoffen, Seide, Samt, Pelz, oder durch das Streicheln 
von Tieren (Hund, Katze) sexuelle Erregungszustände hervorgerufen. Da es sich 
hierbei, wie auch v. Kraff t - Ebing annimmt, um eine eigenartige Wirkung von 
Tasteindrücken handelt, scheinen mir diese Fälle mehr in das Grebiet der sexuellen 
Idiosynkrasien als der sexuellen Perversionen zu gehören. Einen den erwähnten 
nahestehenden Fall habe ich vor Jahren beobachtet. 

Bei einem 22 jährigen Studenten bestand seit mehreren Jahren die Eigen- 
tümlichkeit, daß die Berührung der Kopfhaare mit kaltem Wasser Erektionen 
hervorrief, und bei ausgedehnter oder fortgesetzter Durchnässung der Haare es 
sogar zu Ejakulationen kam. Der junge Mann mußte deshalb darauf verzichten, 
sich den Kopf mit kaltem Wasser zu waschen, und beim Baden das Untertauchen 
vermeiden. 

IL Ändere substitutive Formen heterosexueller Per Version. 

Exhibitionismus. 

Eulenburg hat unter dem Titel „geschlechtlicher oder erotischer Sym- 
bolismus" mit dem Fetischismus eine Reihe anderer sexueller Perversionen zu einer 
Gruppe vereinigt, „die das gemeinschaftlich hat, daß an Stelle des eigenthchen 
adäquaten Sexualreizes, als Äquivalente dafür, eigentümliche, scheinbar paradoxe, 
aber doch bestimmten sexualen Ideenassoziationen entspringende oder wenigstens 
irgendwie damit zusammenhängende Reizvorstellungen treten". 

Da in den hier in Betracht kommenden Fällen jedoch nur die normalen und 
adäquaten Sexualreize konstant durch abnorme Reize ersetzt werden, die Be- 
friedigung dagegen zum Teil durch sexuelle Akte (Masturbation usw.), und nur 
zum Teil durch einen äquivalenten ideellen (symbolischen) Vorgang erreicht wird, 
scheint es mir zweckmäßiger, von „substitutiven Formen" heterosexueller Per- 
version zu sprechen, nachdem bei denselben durchwegs die Beziehung zum weib- 
lichen Gieschlechte gewahrt ist. Hierher gehören die Frotteurs, die sexuelle Be- 
friedigung dadurch suchen, daß sie sich an Frauen im Gedränge reiben, femer diö 



^ /'^,-^^^,,L, Orrgrnötfrom 



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240 Die AnomaliAn dea Sexualtriebes* 

Pygmallonisten, welche durch weibliche Statuen oder lebendige Imitation der- 
selben (lebende Bilder) sexuell, resp. erotisch erregt werden und sich entweder 
durch Masturbation befriedigen oder sich mit dem Betrachten begnügen, auch 
die Voyeurs, deren Begierden sich auf die ZuschauerroUe bei den sexuellen Ver- 
gnügungen anderer (Kohabitation oder Masturbation) beschränken. Von den 
widerlicheren Nuancen letzterer Kategorie wollen wir hier absehen. Auch der 
sogenannte Exhibitionismus wurde dem sexuellen Symbolismus zugeteilt. Bei 
demselben handelt es sich um die Vornahme unzüchtiger Akte (Entblößung der 
GenitaHen, Masturbation usw.) durch Männer in Gegenwart fremder weibhcher 
Personen, jedoch ohne weitere a^^ressive Absichten. Die Kasuistik lehrt jedoch, 
daß bei den Exhibitionisten ganz verschiedenartige pathologische Zustände vor- 
liegen. Die meisten der betreffenden ladividuen sind sexuell impotente Geistes- 
schwache (an Dementia senilis oder paralytica, Alkoholismus usw. Leidende)» 
die durch eine mächtige Libido zu dem läppischen Gebaren veranlaßt werden. 
In anderen Fällen liegt dem exhibitionistischen Akte Epilepsie zugrunde, (psychisch- 
epileptisches Äquivalent). Auch Zwangs- und Dämmerzustände bei Neurasthe- 
nischen und Degenerierten können zu exhibitionistischen Akten fähren, und wohl 
nur ganz selten dürfte, wie in dem von Hoohe mitgeteilten und einem von mir 
untersuchten Falle, eine psychopathisohe Grundlage für die exhibitionistisohen 
Neigungen nicht nachweisbar sein. 

C. AlgolagBfe. 

Sadismus und Masochismus. 

Unter den Anomahen des Sexualtriebes haben in neuerer Zeit die als Sadismus 
und Masochismus bezeichneten ganz besonderes und weit über die medizinischen 
Kreise hinausgehendes Interesse erregt. Beide Anomahen lassen sich auf den- 
selben Grundzug, die Verknüpfung von Grausamkeit mit Wollust, genauer gesagt, 
die Verknüpfung von psychischem oder physischem Schmerz mit sexuellen Lust- 
gefühlen und sexuellen Erregungen zurückführen. Beim Sadismus handelt es sich 
um einem anderen Individuum zugefügten, beim Masochismus um selbst erdul- 
deten seehschen oder körperlichen Schmerz. Die Bezeichnungen Sadismus und 
Masocbismus sind von den Namen zweier Schriftsteller, Marquis de Sade und 
V. Sacher • Masoch, abgeleitet. Welche beide in doppelter Beziehung zu der nach 
ihnen benannten Perversion standen. Beide waren nicht nur in eigener Person 
hervorragende Bepräsen tauten der betreffenden Perversion, sie schilderten und 
verherrlichten dieselbe auch in einer Beihe von dichterischen Werken und heferten 
80 den Beweis, wie sehr krankhafte Zustände im Berei'ihe des Sexuallebens auch 
das Denken und damit die hterarische Tätigkeit geistig hochstehender Männer 
beeinflussen bönnen. 

"Der Ausdruck Sadismus wurde schon früher von französischen Autoren, 
jedoch in schwankendem und weitgehendem Sinne, gebraucht, so daß darunter 
sehr verschiedene psychosexuelle Anomalien zu verstehen waren. Die in der neueren 
und insbesondere der deutschen Literatur üblich gewordene Beschränkung der 
Bezeichnung auf die sexuelle Perversion, welche durch die Verbindung von zuge- 
fügtem Schmerze und Wollust charakterisiert ist, rührt von v. Kraf f t - E bing her; 
hiermit ist der Sadismus zu einer scharf umgrenzten psychosexuellen Anomalie 
geworden, die sich den übrigen Anomalien auf diesem Gebiete, wenn auch gerade 
nicht an Häufigkeit, so doch an wissenschafthchem Interesse anreiht. 

Viele dem Gebiete des Sadismus angehörige Tatsachen sind schon lange be- 
kannt und haben auch oft genug die Gerichte in älterer wie neuerer Zeit beschäftigt. 






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Die ÄnomaJÜBn des Sexualtriebes. 241 

Die Kenntnis der dem Masochismus angehörigen Erscheinungen ist dagegen 
eine Errungenschaft neuerer Zeit und in erster Linie v. Krafft-Ebing zu ver- 
danken, welcher Autor auch die Bezeichnung Masochismus in die Literatur ein- 
führte. BasStudium des früher ganz und gar unbeachtet gebhebenen Masochismus 
mußte auch die Aufmerksamkeit in erhöhtem Maße auf sein Gegenstück, den Sadis- 
mus, lenken, und infolge dieses Umstandes haben sich auch unsere Kenntnisse in 
betreff dieser letzteren Perversion beträchtlich erweitert. Einen deutlichen Be- 
weis hierfür liefern u. a- die geistvolle Abhandlung Eulenburgs (Grenzfragen 
des Nerven- und Seelenlebens Nr. XIX, 2. Aufl. 1911) und das Kapitel „Erotik 
und Schmerz" in dem Havelock Ellissehen Werke „Das Geschlechtsgefühl", 
deutsch von Kurella, 1903. 

Nach der urBprünglicben Auffassung t, Kraf f t - Ebings sollten der SadismuB und Maso- 
chiBmas eich auf den Mann beschränken. Der Sadismus sollte dadurch charalttedsiert sein, 
daß Orauaamkeitst^te an weiblichen Personen nicht blofi zum Zwecke sexueller Stimulation« 
Bondem auch als Selbstzweck zur Befriedigung eines krankhaften Triebes verübt werden. Das 
Weeen des MaEochismus sollte darin liegen» daß der Mann auf Grund sexueller Empfindungen 
und Dränge sich vom Weibe erniedrigen und mißhandeln läßt und in der Rolle des Unterworfenen 
seine Befriedigung findet, t, Krafft-Ebing ist jedoch das Vorkommen sadistischer und 
masochistischer Neigungen bei Frauen später nicht entgangen; er hat hierhergehörige Fälle in 
dxax neueren Auflagen seiner F&ychopathia sexualis mitgeteilt und dementsprechend auch seine 
früb^^n Definitionen geändert. 

T. Schrenck - Notzing hat für die durch die Verbindung von Wollust und Grausamkeit 
cbarakterieierten sexuellen P«TGrsionen die gemeinschaftliche Bezeichnung „Algolagnie" (von 
dXyos nnd Xa vög) und die Unterscheidung einer aktiven und einer passiven Algolagnie vorge- 
schlagen; erstere entspricht dem Sadiemus, letztere dem Maeocbismus. 

Eulenburg hält die Bezeichnung ,,Lagnänomanie" für Sadismtis und »^iMhlänomanie" 
für MaeochiEmus für zutreffender. 

Die innere Verwandtechaft, welche beide Perversionen trotz ihrer scheinbaren G^en- 
s&tzlichkeit besitzen, macht es verständlich, daß Sadismus und MaGochismus auch nebeneinander 
bei demselben Individuum bratehen können. Das Weib z. B., das einem Manne gegenüber 
eadisttBch verfährt, kann einem anderen gegenüber sich masochistisch verhalten. Bemerkenswert 
ist ferner, daß die sadistischen Neigungen sich nicht lediglich Personen des anderen Geschlechtes 
gegenüber äußern; bei Männern sowohl als bei Frauen kommt es vor, daß sie an Personen des 
eigenen Geschlechtes ihre sadistische Perversion betätigen; bei Frauen scheint dies sc^r da« 
Vorwaltende zu sein. 

L Sadismus. 

Das Wesentliche dieser Perversion ist dadurch gegeben, daß bei den mit der- 
selben behafteten Individuen die Wahrnehmung oder auch nur die Vorstellung 
von Akten, durch "welche einem anderen Menschen oder auch einem Tiere körper- 
liche oder seehsche Pein verursacht wird, sexuelle Lustgefühle und sexuelle Er- 
regung hervorruft. Mit diesem abnormen Verhalten verknüpft sich sehr häufig, 
aber glückhcherweise nicht immer der Drang» durch anderen Individuen zuge- 
fügtes Leiden sich sexuelle Lust zu verschaffen. Meine eigene Erfahrung veranlaßt 
mich, von vereinzelten Ausnahmen abgesehen, v. Krafft-Ebing beizustimmen, 
wenn er den Sadismus als eine angeborene, auf degenerativer Grundlage basierende 
psychosexuale Anomalie betrachtet. Es ist notwendig, dies hervorzuheben, weil 
man manchen von Sadisten verübten Scheußlichkeiten gegenüber geneigt sein 
mag, neben dem Verbrecherischen und Unnatürlichen das Krankhafte in der Be- 
tätigung ihres Sexualtriebes ganz zu übersehen. In einer Anzahl von Pällen 
meiner eigenen Beobachtung machten sich schon bei Kindern, und zwar wohl- 
erzogenen und ethisch in keiner Weise defekten, sadistische Erscheinungen be- 
merklich. 

Löweafeld, Sexualleben und Xervenleideo. SechBta Aufl. 16 



^ /'^,-^^.,,L, Orrgrnötfrom 



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242 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

Beobachtung. 

Dr. X., Jurist, 26 Jahre alt, stammt aus einer neuropathischen Familie. Sein Vater» der 
sn einem DrUsenleiden starb, war nervös; seine noch lebende Hutter hat manch^ei nervöse 
Zxist&nde; auch seine zwei Geschwister sind nervös. 

Der Patient hat als Kind im Alter von 6—8 Jahren Masern und Pneumonie darchgemacht 
und war epäter bis zur Pubertätszeit körperlich gesund, doch zeigten sich bei ihm schon in diesen 
Jahren verschiedene psychische Anomalien: Neigung zu Verstimmangs* und AngstzustAnden, 
Furcht vor dem Tode, auch Zwangsvorstellungen und Zwangshandlungen, insbesondere ein 
peinlicher zwangsmaßiger Ordnungssinn, Beichten seiner Mutter gegenüber jede Nacht, weil er 
glaubte, daß ihm sonst etwas passieren könnte, auch andere Zwangshandlungen, durch welche 
verhütet werden sollte, daß ihm etwas Schlimmes widerfahre. Patient glaubt, daß die Zwangs- 
vorstellungen (Zwangshandlungen) nach einem schrecklichen Traume bei ihm auftraten. Femer 
machte sich bei ihm schon sehr früh eine die ViiA sexualis betreffende Anomalie geltend. Er sah 
als Knabe einmal zufällig in der Nähe einer Eisenbahnstation junge Tiere schlachten. Der ihm 
ganz und gar ungewohnt^, an sich peinliche Anblick rief bei ihm eine gewisse wollüstige gescblecht* 
liehe Erregung hervor. In der Folge stellten sich bei ihm beim Anblick junger Tiere, welche 
gefesselt zum Schlachten transportiert wurden, Erektionen ein. Auch entwickelte sich eine gewisse 
Zwangsneigung, solche gefesselte Tiere aufzusuchen und zu streicheln; die geschlechtliche 
Erregung wurde hierbei allmählich lebhafter. Zu gleicher Zeit kam es bei ihm aber auch bei 
Vorgängen, die ihn selbst betrafen und ihn mit Angst erfüllten (Angstzuständen) zu Elrektionen. 
Patient faßt« erstere Erscheinungen zwar als etwas Abnormes, aber nicht als eigentliche Per* 
Version, sondern lediglich als eine abnorme Äußerung ded Mitleids ajf. Mit 14 oder 16 Jahren 
wurde Patient von einer fieberhaften mit einem Exanthem verbundenen Erkrankung befallen; 
er wurde in der Folge anämisch und von verschiedenen, früher nicht vorhandenen nervösen 
Beschwerden belästigt. Patient überanstrengte sich geistig schon während seiner Gynmasiaixeit 
zeitweilig, noch mehr aber während der Universitatsjahre durch Studium. In seinem 21. Lebens- 
jahre fühlte er sich daher bereits sehr schwach und erschöpft (häufige Pollation^i); auch traten 
damals öfter heftige Magenbeschwerden (Magenkrampf) bei ihm auf, weshalb ihm eine Kur in 
KM-lsbad verordnet wurde. Auch während dieser Kur studierte Patient fleißig, und bei der 
Rückkehr an sein Domizil bestand Darmatonie und machten sich noch längere Zeit Verdau- 
ungsbeschwerden geltend. Im folgenden Jahre trank Patient zu Hause mehreremal 1—2 Wochen 
lang Karlsbader Wasser, und zwar sehr warm. Dies bekam ihm sehr übel ; er konnte in der Folge 
k^im gehen, war ganz arbeitsunfähig und wurde außerdem von Schwächeanfällen und ver- 
schiedenen nervösen Magenbeschwerden heimgesucht. Patient gebrauchte wegen dieses Zustandes 
zuerst eine Massagekur mit Gymnastik, später eine Art Mastkur, beides ohne wesentlichen Erfolg* 
Noch im gleichen Jahre besuchte Patient Nordemey; während des Aufenthaltes dortselbst fühlte 
sich Patient nicht wohler; im folgenden Herbste trat jedoch eine entschiedene Besserung bei ihm 
ein. Auch das sexuelle Verhalten des Patienten in diesen Univereitätsjahren bot manches Be- 
merkenswerte. Er verliebte sich zwar wiederholt in hübsche Mädchen, seine Neigung ging jedoch 
nie über eine gewisse platonische Schwärmerei hinaus; die sexuelle Seite der Angel^enheit 
machte sich bei ihm gar nicht fühlbar. Während der Zeit seines schlimmeren Befindens bestand 
keinerlei Neigung zu geschlechtlichem oder überhaupt irgendwelchem Verkehre mit weiblichen 
Personen. Patient betrachtet dieses Verhalten als einfache physische Folge seines Nervenzu- 
ßtandes. Trotz seiner Abneigung wurde dem Patienten von einem Arzte sexueller Verkehr 
empfohlen. Ein Versuch in dieser Ricbtimg schlug jedoch fehl, da die Erektion axisblieb; ds^^en 
stellte sich nach gewissen Träumen nachts enorme sexuelle Erregung ein. 

In der Folge machte sich perodisch abnorm heftige Libido geltend; der Kohabitationaver- 
Buch gelang dann auch, Patient erwähnt jedoch, daß hierbei die eigentliche Befriedigung fehlte; 
die Psyche war nach seiner Ansicht bei diesem Akte nicht beteiligt; es bandelte sich nur um eine 
physische Entlastung, 

Im 23. Lebensjahre strengte sich Patient wiederum durch Studium sehr erheblich Ui, 
wodurch sein Befinden sich neuerdings verschlechterte. Er versuchte es deshalb mit dem Ge- 
brauche von Moorbädern und Gebirgsaufenthalt, und es gelang ihm auch m der Folge, sein Sehhifi- 
examen zu bestehen. Sexueller Verkehr wurde während dieser Zeit bald mit, bald ohne Erfolg 
versucht. Im folgenden Jahre wurde dem Patienten von einem Arzte an seinem Domizile emo 
Seereise empfohlen, er unternahm auch eine solche im mittelländischen Meere, akqoirierte jedoch 
wahrend eines Abstechers, den er nach Kairo unternahm, eine leichte Dj^enterie, deren Behand- 
lung 8 Tage erheischte. Mehrere kleine Seereisen, die er in der Folge unternahm, wirkten auf 
sein Befinden entschieden günstig, desgleichen ein Aufenthalt im Oberengadin. Patient trat 
bei der Rückkehr an sein Domizil in die Rechtspraxis. In betreff der Potenz änderte sich damate 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 243 



sein Zustand nur w^üg, dagegw kam es öfters vor, daß er im Geriohtesaale Erektionen b^am, 
wenn eine Person Terurteilt TUide. Patient trat Bpäter wieder in ärztliche Behandlung, ohne 
jedoch die gewünschten Erfolge zu erzielen. 

Als ders^be in meine Beobachtung kam, betrafen seine Klagen hauptsächlich: Gefühl 
andauernder Müdigkeit und ErsobÖj^ng, Arbeitsunfähigkeit, nervös dyspeptische Beschwerden. 
In sexueller Hinsicht erwähnte Patient seltenes Auftreten Ton Pollutionen trotz längerem Verzicht 
auf sexuellen Verkehr. 

Objektiv O. 

Ich sah den Patienten noch einige Male in Zwischenräumen von einem Jahre. Sein Nerven- 
zustand war trotz wiederholten längeren Hochgebirgsaufenthaltes und verschiedener andere 
Euren immer unbefriedigend, und unter den KJagen des Patienten figurierte auch immer Mangel 
ui Interesse für das weibliche Geschlecht, ein Umstand, der ihm den Verkehr in Damenf* 
kreisen und damit auch die psyclusche Ablenkung von seinem Zttstande erschwerte. 

Der hier mitgeteilte Fall ist sehr lehrreich, sofeme er die kongenitale Natur 
der sadistischen Anomalie in recht deutlicher Weise zeigt. Wir sehen, daß bei 
einem wohlerzogenen Knaben, bei dem keinerlei Hang zur Grausamkeit, überhaupt 
kein moralischer Defekt, sondern eher eine moralische Überempfindlichkeit 
besteht, der Anblick einer Tierschlachtung sexuelle Erregung hervorruft und später 
ähnliche Wahrnehmungen (Anblick gefesselter Tiere) dieselbe Wirkung äußern. Wir 
sehen zugleich, daß der bei dem Knaben sich entpuppende sadistische Keim keinerlei 
Weiterentwicklung erfährt und zu keiner sadistischen Handlung führt, auf der 
anderen Seite aber auch nicht völlig schwindet, da Äußerungen desselben noch in 
späteren Jahren nicht mangeln. Bemerkenswert ist femer der Umstand, daß 
auch der Angstaffekt bei dem Patienten zu sexueller Erregung führte, daß also 
hier die sadistische Anomalie mit einer anderen verknüpft war, die man als dem 
Gebiete des Masochismus angehörig betrachten kann (Verursachung sexueller 
Erregung durch selbsterduldete psychische Pein). Wir können daher den Fall als 
einen Beleg für die innere Verwandtschaft und Zusammengehörigkeit beider Per- 
veraionen betrachten. 

Ebenso deutlich wie der vorstehende Fall werden uns die beiden folgenden 
die kongenitale Natur des sadistischen Grundzugs und dessen Unabhängigkeit 
von jedem moralischen Defekte dartun, 

Beobachtung. 

Herr X., 42 Jahre alt, dem Gelehrtenstande angehOrig, aus Rußland, stammt von einem 
hochgradig neurasthenischen Vater und einer gesunden Mutter. Auch ein Bruder des Pati^iten 
ist neuraathenisch. Herr X war schon als Kind sehr nervös und reizbar und bis zum 16. Lebwis- 
jalire mit Enuresis noct. behaftet. Er hatte das Unglück, seine Mutter früh za verlieren und eine 
Stiefmutter zu bekommen, die Um sehr schlimm behandelte, was nicht ohne nachteiligen Einf lufl 
für seine Nerven blieb. Von frühester Jugend au machte sich bei Herrn X. eine äußerst lebhaft« 
Phantasie bemerklich, so daß er die Gebilde seiner Einbildungskraft deutlich vor Augen sieht* 
Infolge dieses Umstandes konnte er sich als Kind mit sinnlicher Deutlichkeit vorstellen, daß er 
von seinen Eltern gestraft werde oder selbst als Vater, wie dies in den Kinderspielen geechieht, 
ein anderes Kind bestrafe. D«i Vorgang dachte er sich in letzterem Falle als eine auf das 
entblößte Gesäß applizierte Züchtigung, welche ein Mädchen, und zwar ein braves Madchen 
betraf, so daß es sich also um eine unverdiente Strafe handelte. Mit diesen Phantasievorstel- 
lungen verknüpfte sich bei ihm anfänglich schon ein deutliches Vergnügen, später mit 9 oder 
10 Jahren bereits auch Erektion. Bei der Bildung dieser Vorstellungen wirkte offenbar die Er- 
innerung an manche unverdiente Züchtigung, welche Patient durch seine Stiefmutter erlitten 
hatte, mit Die erwähnten Phantasien, denen sich Patient bis in die jüngste Zeit hingab, erregten, 
als Patient älter wurde (während der letzten Gymnasialjahre und der Universitätezeit), sehr 
starke und andauernde Erektionen ohne Ejakulation, wodurch bei der häufigen Wiederkehr dee 
Vorganges seine Nerven sehr irritiert und erschöpft wurden. Begünstigt wurde diese nAchteil'ge 
Wirkung noch durch den Umstand, daß Herr X während der fraglichen Zeit in sehr ungünstigen 
äußeren Verhältnissen sich befand; er mußte während seiner Universitätsstudien, zum Teil 
auch schon früher, seinen Unterhalt durch Instruktionen gewinnen und wurde infolge dürftiger 

16* 






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'244 Die Anomalien des Sexaaltriebes. 

Ern&faning bei ge^tiger Überanfitr^igiing idim&blich anämisch. Dieee VOThiltniaBe führten 
(etwa vom 20* Lebensjahre an) zu Schlafmangel und Eoirfbeschwerdai, «dche Stönmgen mehiere 
Jahre ajibielten und ihm die geistige Arbeit Bpbr ersohwerten. Nach seinen UniTersitAtastudien 
widmete sich Herr X. einem wisBenschaftUcben Bemfe, in wdch^n er infolge seinw boheo 
intellektuellen Begabung bedeutende Erfolge erziehe. Gegen Ende der 20er Jahre fand Herr 
X, Gel^enheit, mit einem Mädchen auB niederem Stande fiexuc^lea Umgang eu pfiffen; dieeee 
Verhältnis währte jedoch nicht luige, und-Herr X. übte in der Folge bis zd sei^ Vwfaeiratungt 
jedoch nur selten», Masturbation» da ihm, nachdem er den geschlechtlichen Verkehr kefinen 
gelernt hatte, die^Herrorrufung von Erektion^i durch FbantasierorsteUungen nicht mehr genttgte. 

Vor neun Jahren verheiratete er sich, und seiner Ehe sind airei bisher gesunde Kinder 
'entsprossen. Sein eheliches Leb^i gestaltete sich jedoch infolge erheblicher Chamkterrer* 
'schiedenheit der beiden Gatten allmählich recht ungünstig; die immer wiederkehrenden Dissidiea 
Teranlaßt^i ihn, zu seinen Torehelichen Gepfkigenheiten zurückzukehren, d. h« seine sexudle 
Befriedigung auf maflturbatorischem Wege nach voriiergäi^iger Insdispruchnahme seiner Ulan« 
ta^ie zu suchen. Seit ungefähr IV2 Jahrm hat er auf den ebelichen Verkehr gänzlich verzichtet 
und überhaupt von seiner Frau sich m^ichst fem gebalten. Diese Abstinenz blieb für Herrn X 
nicht ohne ungünstige Folgen; es hat sich bei ihm allmählich eine erhebliche sexuelle Hyper- 
ä&tbeeie entwickelt» so daB er bei relativ unbedeutenden Anreizen von Er^Etionen geplagt ist^ 
auch ist er der Masturbation ganz und gar verfaU^i. Der AnstoB zu dieser geht immer von 
den erwähnt^i PbantOBievorsteUungoi aus, die zum Teil von ihm willkürlich produziert werden, 
zum Teil aber auch unabhängig von sdnem Willen bei beliebiger Beschäftigung sich einstellen 
und inmiOT andauernde Erektionen hervorrufen* In den Phantasievorstellungen ist in neuerer 
Zeit jedoch iuEofeme eine Änderung eingetreten, als in denselben nicht mehr lediglich kleine 
Mädchen, sondern auch erwachsene weibliche Personen als Strafobjekt figuri^^i. Da dieee 
Vorstellungen täglich mehreremal auf dem einen oder anda«n Wege bei dem Patienten auf- 
tauchen, kommt es bei ihm ebenso häufig zu masturbatorischen Akten. Dieser sexuelle Hiß* 
brauch, dem Patient durch die Kraft seines eigenen Willens ein Ende zu machen nicht imstande 
ist, obwohl er von dessen Schädlichkeit völlig überzeugt ist, hat bei H^m X schon Suizidideeii 
hervorgerufen. 

Die Killen dea Patienten betreffen indes noch einige andere Umstände, mangelhaften 
Schlaf» zeitweilige UnregelmäBigkeit der Herztätigkeit und Anfälle von Herzschwäche, besond^s 
aber ein gewisees Zwangedenken. Patient hat sich gewöhnt, beim Alleinsein stund^ang über 
G^e^tände nachzudenken, die ihn an sich w^g interessieren, z. B. politische Tagesfragen« 
oder auch endlos in Eriimerungen sich zu verlieren. Dieses Nachdenken setzt sich oft die Nacht 
hindurch bis zum Morgen fort, und er ist nicht imstande, dasselbe abzubrechen, obwohl er deutlich 
fühlt, daß er dadurch überanstrengt und aufgeregt wird. 

Objektiv negativer Befund. 

Im vorstehenden Falle sehen wir, daß sexuelle Erregungen und Lustgefühle 
schon im frühen Knabenalter durch die Vorstellung der unverdienten körperlichen 
Züchtigung, also Mißhandlung eines weiblichen Wesens, hervorgerufen werden. 
Die Auslösung von Lustgefühlen durch die Voistellung eines Grausamkeitsaktes 
ist auch in diesem Falle unabhängig von einem Hange zur Grausamkeit imd über- 
haupt irgend einem moralischen Defekte. In späterer Zeit mag bei dem Patienten 
neben der Vorstellung der Mißhandlung wohl auch die des entblößten Körper- 
teiles sinnhch erregend gewirkt haben, ursprünghch handelte es sich jedoch jeden- 
falls um eine rein sadistische Erscheinung, die, was auch in diesem Falle sehr 
bemerkenswert ist, im Laufe von Dezennien keine "weitere Entwicklung erfuhr 
und nie zu sadistischen Akten führte. 

Schon in einer früheren Beobachtung haben wir die Hervorrufung sexueller 
Erregung durch die Phantasievorstellung der Vornahme einer körperhchen Be- 
strafung gefunden ; in diesem Falle waren die Objekte der Phantasiestrafe Knaben 
und die Verknüpfung der sexuellen Erregung mit der Vorstellung der Strafe ist 
auf einen äußeren zufäUigen Umstand zurückzufuhren, während im vorstehenden 
Falle ein solcher nicht nachweisbar ist und daher die Verbindung der ideell verübten 
Mißhandlung mit Lustgefühlen usw. nur auf angeborene Veranlagung zu beziehen ist. 

Noch deuthcher tritt die Bedeutung der kongenitalen Anlage in folgendem 
Falle hervor. 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 245 

Beobachtung, 

Der FalJ betrifft eine unverheiratete Dame, welche im Alter von 38 Jahren wegen peri- 
odischer DepressioDfiznstände und Zwangavorstetlungen in n^ine Behandlung kam. Aus der ziem- 
lich langen Krankengeschichte der Patientin seien nur die una hier interessierenden Vorkomm- 
ni&£e uigeführt. Patientin, eine sehr feinfühlige und in moralischer Hinsicht hochstehende 
PerEÖnliehkeit, ist erheblich neuTopathisch und zwar von selten Ihrer beiden Eltern belastet. 
Da ihr Vater, ein Eehr jähzorniger und mißtrauischer Mann, schon früh starb, war sie als Kind ganz 
dem Einflüsse ihrer Mutter überlassen. Diese erzog ihre Tochter, wohl veranlaßt durch den Um- 
stand, daß sie in ihrer kurzen Ehe mit ihrem Manne sehr unglücklich gelebt hatte, in Furcht und 
Abscheu vor den Hännem. Es mag wohl mit eine Folge dieses Umstandes gewesen sein, daß die 
Patientin schon kurze Zeit, nachdem sie in die Schule kam, eine schwärmerische Verehrung für 
ihre Lehrerinnen zeigte und im Verkehr mit Kindern sich von Knaben ^nztich fernhielt. Im 
Alter von 12 oder 13 Jahren hörte Frl, X, zufällig beim Vorübergehen an zwei Arbeiterfrauen, 
daß die eine derselben zur anderen sagte. „Das L. . . . hat mich heute wieder sehr geärgert, 
ich habe ihr aber dafür auch den Hintern ordentlich verhauen." Diese Bemerkung machte eiuen 
tiefen Eindruck auf die junge Hörerin; dieselbe mußte sich das ihr höchst widerwärtige Bild des 
Züchtigungsvorganges lebhaft vorstellen und fühlte dabei in den Genitalien eine sehr intensive 
Erregung, verbunden mit einzelnen schmerzhaften Rissen und Zuckungen, die aber mit einer An* 
deutung von WollustgefüUen verknüpft waren. Dieser Zustand hielt etwa ^/^ Stunde an und 
behinderte fast das Gehen. In der Folge wiederholte sich derselbe Zustand, nicht nur wenn 
Pati^itin zufälligerweÜEe Zeugin einer auf das Gesäß verabreichten Züchtigung bei Mädchen 
war, sondern auch, wenn sie durch irgend einen Umstand veranlaßt war, sich eine derartige 
Szene vorzustellen, oder wenn dieselbe anscheinend spontan in ihrer Erinnerung auftauchte. 
Die gleiche Szene ließ sie unbeeinflußt, wenn sie Knaben betraf. Auch spielten in ihrer Phantasie 
Züchtigungs Vorgänge an Knaben nie eine Rolle. An dem sexuell erregenden Einflüsse der erwähnten 
Vorstellung (oder Wahrnehmung) hatte neben dem Gedanken der Züchtigung das Bild des ent- 
blößten Teiles jedenfalls nur einen geringen Anteil, da die Wahrnehmung dieses TeUes in natura 
oder auch in Abbildung von weiblichen Personen nur zuweilen eine Andeutung von sexueller' 
Erregung hervorrief und Abbildungen nackter Männei^estEÜten überhaupt keinen Bindruck auf 
die Patientin ausübten. Die erwähnten Vorstellungen und MädchenzUchtigungen behielten 
auch im späteren Leben d^ Patientin ihre sexuell erregende Wirksamkeit, und dieselbe machte 
sich namentlich zur Zeit der Menses geltend. Daneben traten aber auch gewisse homosexuell^ 
Erscheinungen mehr und mehr hervor. Das männliche Geschlecht interessierte sie überhaupt 
in keiner Weise, weshalb sie auch verschiedene Heiratsanträge zurückwies. Die Freundschaft 
zu einzelnen ihrer weiblichen Gefährtinnen nahm dagegen lange Zeit hindurch einen außerordent- 
lich schwärmerischen Charakter bxi^ ohne dabei jedoch irgendwie über das rein Platonische 
hinauszugehen. 

Im vorstehenden Falle haben wir eine Kombination von sadistischen mit 
homosexuellen Zügen. Während letztere wahrscheinhch ein Produkt der Erziehung 
bilden und sohin erworben sind, lassen sich erstere nur auf kongenitale Veran- 
lagung zurückführen. Bemerkenswert ist auch hier, daß die sadistische Gefühls- 
anomahe sich nicht mit einem moralischen Defekte, sondern umgekehrt mit 
moralischer Überempfindlichkeit verbindet und das sadistische Element in keiner 
Weise eine weitere Entwicklung im Laufe der Zeit erfuhr ^). 

Anders verhielt es sich bei einer weiteren Patientin meiner Beobachtung; 
einer in den 40er Jahren stehenden Dame^). Bei dieser bestand seit ihrer Kindheit 



Einhierhergehöriger Fall wurde auch von W. Hammer (Über «inen Pall von Algolagnie 
im Kindesalter, Monateschrift für Hamkrankheiten und sexuelle Hygiene. 1. Jahrg. S. 131) 
mitgeteilt. Ein Lehrer berichtete dem Autor, daß er als Sjähriger Knabe bereit« sexuelle Wollust^ 
gefUhle hatte, wenn andere Knaben auf das GeeäB geschlagen wurden. Die Vorstelhing der-- 
artiger Züchtigiingsszenen in der Phantasie oder das Anhören der Schilderung derselben erregte 
bei ihm in den folgenden Jahren die gleichen sexuellen Oefühlfi- Ahnliche Wiikung äufiarte 
aber auch der Gedanke, selbst von einem gewissen Lehrer geschlagen zu werden. Die in Frage 
stehende Perversion verlor sich in den 20 er Jahren völlig. 

^) S. Loewenfeld: ,,Uber die bypermn<3tischen Ijeistungen in der Hypnose in bemg auf 
Kindheitserinnerungen". Zeitecfarift für Psychotherapie und medizinische Psychologie. 11. 
1910. & 1 Q. f. 






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246 Prophylaxe und Behandlung der sexuellen Neurasthenie. 

die Eigentümlichkeit, daß beim Anblick oder auch nur Hören von Schlägen, die 
einem Kinde auf das Gesäß erteilt wurden, sehr widerwärtige, fast schmerdiafte 
Empfindungen in den Geschlechtsteilen (Hitze, Brennen, Fibrieren), verbunden 
mit einer gewissen Absonderung, auftraten. Durch Ausnutzung der hypnotischen 
Hjpermnesie konnte eruiert werden, daß diese Eigentümlichkeit mindestens mit 
größter Wahrscheinlichkeit davon herrührte, daß die Patientin in früher Kindheit, 
wahrscheinlich im 4. Lebensjahre, von ihrer Mutter bei einem masturbatorischen 
Akte betroffen und durch Schläge auf das Gesäß bestraft worden war. Die Patientin 
selbst war der Überzeugung, daß der bei ihr bestehende sadistische Zug auf diesen 
Vorfall zurückzuführen sei, und diese Annahme wird durch den Umstand sehr 
gestützt, daß lediglich einem Kinde auf das Gesäß erteilte Schläge, nicht aber 
irgendwelche Mißhandlungen anderer Art die in Frage stehende Wirkung hervor- 
rufen. In dem Leben der Dame spielte die erwähnte Gefühlsanomahe, abgesehen 
von gelegenthchen Belästigungen, keine Bolle. 

Bei einem in den 40er Jahren stehenden Herrn, bei welchem die sadistische 
Perversion sich in der Form fJagellatorischer Neigungen geltend machte, deren 
Beseitigung sehr wünschenswert geworden war, wandte ich das psychoanalytische 
Verfahren in der Hypnose an, in der Hoffoung, daß sich durch dasselbe vielleicht 
infantile (psychotraumatische) Wurzeln der Anomahe eruieren lassen würden. 
Diese HofiEnung erfüllte sich jedoch nicht, obwohl es gelang, ein großes Material 
von Erinnerungen, die bis in das 3. Lebensjahr zurückreichten, zur Beproduktion 
zu bringen. Unter den weitest zurückreichenden Erinnerungen betrafen manche 
gewisse Vorfälle, bei welchen die Anomahe sich schon mehr oder weniger deuthch 
offenbarte, aber kein Erlebnis, welches als Ursache letzterer angesehen werden 
konnte. Es lag daher hier nichts vor, was gegen die Annahme sprach, daß die 
sadistische Gefühlsanomahe bei dem Patienten auf angeborener Veranlagung 
beruhte *). 

Der Grundzug der sadistischen Anomalie, die Erregung sexueller Lustgefühle 
durch die Wahrnehmung oder Vorstellung von Leiden anderer Lidividuen, ist, 
wie wir gesehen haben, nicht immer mit einem Triebe, sich sexuelle Lustgefühle 
durch Grausamkeitsakte zu verschaffen, verbunden •). Wo die Perversion sich 
in nicht ganz belanglosen Akten äußert, dürfen wir daher annehmen, daß die 
morahschen Widerstände bei dem Ladividuum sehr gering sind oder auch ganz 
fehlen (moraUscher Irrsinn), oder das Handehi des Individuums durch Antriebe 
von Zwangscharakter bestimmt wurde. Die einzelnen sadistischen Akte sind 
sehr verschieden, und es ist gegenwärtig noch keineswegs aufgeklärt, wodurch 
diese Verschiedenheiten bedingt sind. Es handelt sich um eine lange, traurige 
Beihe, die mit relativ harmlosen, im Grunde nur läppischen Handlungen, wie 
z. B. Kleiderbesudelung, beginnt und mit den scheußlichsten Verbrechen, grau- 
samer Tötung von Menschen (Lustmord) und Lteichenschändung endet. Es Uegt 

^) Der erblich sehr belastete und auch mit Terschiedei^n anderen Anomalien behaftete 
Pfttient war imstande, den sexuellen Verkehr in durchaus normaler Weise su üben. Die flagel- 
latorischen Neigungen traten bei ihm nur periodisch in deutlicher Weise hervor und die Befriedi- 
gung derselben ersetzte (nach dem Eintritt der Pubertät wenigstens) nie den Sexualakt; sie bildete 
nur ein sexuelles Stimulans. 

*) Es ist daher ganz und gar ungerechtfertigt, wenn man sich, wie es vielfach geschieht, die 
mit dieser AnomsJie Behafteten ohne weiteres als moralisch tiefstehende oder ausgesprochea 
verbrecherische Naturen vorstellt. Die Erfahrungen von Havelock Etlis stimiaea in dieser 
EGnsicht mit den meinigen überein. Der genannte Autor bemerkt: „Interessant ist es, daß der 
Sadist häufig von allgemein nervöser Konstitution und eine furchtsame, zarte, weibische Per- 
sönlichkeit ist, während der Masochist männlich und robust sein kann." 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 247 

Ib der Natur der Dinge, daß sadistische Akte von geringerer krimineller Bedeutung 
häufiger verübt werden als andere von großer Atrozität, einerseits weil die mo- 
ralischen und intellektuellen Widerstände gegen Handlungen letzterer Kategorie 
größer sind, andererseits auch derartige Akte in der Regel sofortige energische 
gerichtliche Verfolgung nach sich ziehen. Am häufigsten wird wohl der sadistische 
Grausamkeitstrieb durch Mißhandlung in Form der Flagellation betätigt, und 
unter diesen sadistischen (aktiven) Flagellanten bilden wieder die Knabengeißler 
eine besondere Spezies. Es ist begreiflich, daß die noch heute sehr verbreitete 
Verwertung körperlicher Züchtigung als Erziehungsmittel dieser Form sadistischer 
Betätigung großen Vorschub leistet, die denn auch vorwaltend von Lehrern und 
Erziehern geübt wird. Welche SchändUchkeiten dabei mitunterlaufen und welche 
traurigen Folgen diese für Leben und Gesundheit der sadistischen Opfer nach sich 
ziehen können, hierfür hat der berüchtigte Fall Dieppold erschütternde Belege 
geliefert. Den Knabengeißlem stehen Mädchenstecher gegenüber, deren sexueller 
Drang auf den Anblick fließenden Blutes gerichtet ist, und von diesen ist nur ein 
Schritt zu den Lustmördem. Unter den sadistischen Akten figuriert auch das 
Stupmm, wobei jedoch weniger die gewaltsame sexuelle Befriedigung, als die 
Entehrung und Mißhandlung des Weibes das eigentliche Ziel des Attentäters 
bildet. Die Beziehung der sexuellen Vorgänge zu den sadistischen Akten wechselt 
in den einzelnen Fällen. Bei der Mehrzahl der Sadisten scheinen Gewalttätigkeite- 
oder Grausamkeitsakte lediglich die Bolle eines präparatorischen Von^anges, 
eines sexuellen Stimulans, bei temporär oder überhaupt verminderter Potenz 
zu spielen. Bei anderen bilden die sadistischen Akte Begleitvorgänge der Koha- 
bitation, die zur Erzielung völliger Befriedigung dienen. Bei fehlender oder mangel- 
hafter Potenz kann der sadistische Akt auch die Bedeutung eines Äquivalents 
für den Koitus gewinnen, d. h. nicht bloß Erektion, sondern auch Ejakulation 
hervorrufen. Endlich kann der sadistische Antrieb sich auch erst post coitum 
geltend machen. Nach v. Krafft -Ebing soll es sich in diesen Fällen um Nicht- 
be&iedigung einer Libido nimia handeln. 

Der sadistische Drang richtet sich beim Manne im allgemeinen gegen Frauen, 
doch kann der Sadist, wie wir schon früher gesehen haben, zur Befriedigung seines 
Triebes auch männliche Objekte auf Grund homosexueller Neigungen oder faute 
de mieux wählen, selbst an Tieren seine Perversion betätigen. 

Ungleich seltener als beim Manne begegnen wir dem Sadismus beim Weibe, 
obwohl diesem ein gewisser Hang zur Grausamkeit quasi als ein psychisches 
Geschlechtsmerkmal zugeschrieben wird. Eulenburg ist sogar der Ansicht, daß 
rein sadistische Züge dem Weibe überhaupt ursprünglich nicht eigen, sondern 
nur durch den entnervten masochistisch verÜebten Mann bei demselben provoziert 
sein mögen. Der an sich so seltene Sadismus des Weibes dürfte in der Tat zumeist 
durch das masochistische Verbalten des Mannes geweckt und ausgebildet worden 
sein. Allein der sadistische Keim kann auch bei dem Weibe auf Grund angeborener 
Anlage, wie wir schon gesehen haben, bestehen. Dies wird auch durch nach- 
stehende Beobachtung erhärtet. 

Beobachtang* 

Von einem völlig glaubwürdigen Herrn wurde mir mitgeteilt, daß ein demselboi persönlich 
wohlbekannter hiesiger Gewerbemeister sich nach kaum einjähriger Ehe von seiner noch sehr 
Jungen Gattin scheiden ließ, weil dieselbe beim ehelichen Verkehr ihn regelmäßig derart durch 
Bisse und Zerkratzen, insbesondere der Brust, malträtierte, daß er auf die Fortsetzung der ehe- 
lichen BeziehuEigen Terzicht<m mußte. Es handelte sich dabei um einen swar gutmütigen, aber 



f^,^/-,-^}-. Orrgrnötfrom 

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ä4S Die Anomalien des Sexualtriebes. 

keineswegs masochiatisch angel^ten Mann, wie schon aus dem Uimtande hervorgeht, daß der- 
selbe an der Malträtierung durch seine Frau keinesw^s Gefallen fand; diese war ihrerseits der 
Kohabitation an sich durchaua nicht abgeneigt, so dag man ihr Verhalten nicht mit einem Ab- 
webrbestreben in Verbindung bring^en kann. 

II. Masochismns. 

V. Krafft- Ebing, welcher, wie wir schon erwähntpen, den Masochismus 
wissenschaftlich entdeckt hat, bezeichnete denselben als „eine eigentümhche 
Perversion der Vita sexualis, welche darin besteht, daß das von derselben ei^ffene 
Individuum in seinem geschlechtlichen Fühlen und Benken von der Vorstellung 
beherrscht wird, dem Willen einer Person des anderen Geschlechts vollkommen 
und unbedingt imterworfen zu sein, von dieser Person herrisch behandelt, ge- 
demütigt und selbst mißhandelt zu werden". Da diese Vorstellungen mit sexuellen 
Lustgefühlen verknüpft sind, sucht der Masochist, wenn auch nicht immer, so doch 
häufig dieselben in die Praxis umzusetzen, d. h. von weiblichen Personen Miß- 
handlung zu erfahren, um sich dadurch sexuellen Genuß zu vei^chaffen. 

Die einzelnen masochistischen Akte differieren wie die sadistischen; von ein- 
fach läppischen und nur moralisch verletzenden finden sich Übergänge zu schweren 
und raffinierten körperhchen Mißhandlungen. Selbstverständlich fehlen auf 
masochistiBchem Gebiete die Kndgheder der sadistischen Scheu ßUchkeiten, schwere 
Körperverletzung und Tötung, da derartigen Begierden, sofern dieselben über- 
haupt vorkommen, der Selbsterhaltungstrieb entgegenwirkt. Das am häufigsten 
von den Masochisten in Anspruch genommene Mittel ist zweifellos die passive 
Flf^llation, was sich schon aus dem Umstände erklärt, daß Schläge auf das Gesäß 
ähnlich anderen in dieser Gegend applizierten Hautreizen (z. B. der Faradisation) 
wenigstens in vielen Fällen auf rein spinal -reflektorischem Wege sexuelle Erregung 
(Erektion) auslösen. Die passive Flagellation hat denn auch in einzelnen Ländern, 
so namentlich in England und Frankreich, zahlreiche Anhänger gefunden, und in 
den erstklassigen Bordellen finden sich. dort, wie Eulenburg mitteilt, Einrich- 
tungen für die Vornahme der Flagellation, die den Ansprüchen der verwöhntesten 
Habitu^ genügen. Die Flagellationsliebhaber sind jedoch keineswegs sämtlich 
und nicht einmal vorherrschend Masochisten, Häufig wird die Flagellation von 
Wüstlingen mit gesunkener Potenz und noch sehr reger Libido einfach als sexuelles 
Stimulans in Anspruch genommen, ohne daß dabei ein masochistischer Gedanke 
von Unterwerfung unter das die Prozedur vornehmende Weib im Spiele ist. Für 
den echten Masochisten ist aber dieser Gedanke die,!FIauptsache, die Flagellation, 
der er sich unterzieht, nur von sekundärer Bedeutung als Ausdruck seiner Unter- 
werfung xmter die Gewalt des Weibes. Daß aber dabei auch die rein reflektorisch 
vermittelte Wirkung der Flagellation zur Geltung kommt, ist nicht zu bezweifeln. 

Wie die Flagellation dienen auch andere Mißhandlungen dem Masochisten 
zu präparatorischem Zwecke zu dem im übrigen normal ausgeführten Koitus. 
Manche Masochisten sind in der Lage, auch ohne derartige Stimulation mit weib- 
lichen Personen sexuell zu verkehren, während bei anderen dies nicht der Fall ist, 
sohin eine Art psychischer Impotenz besteht. Bei Individuen mit sehr herabge- 
setzter oder fehlender Potenz kann auch die masochistische Prozedur allein als 
Äquivalent für den Koitus zum Zwecke sexueller Befriedigung herangezogen 
werden. 

Obwohl der Masochismus der seelischen Artung des Weibes viel näher hegt 
als der des Mannes — eine Folge der Jahrtausende hindurch fortgesetzten Unter- 
werfung unter den Willen des Mannes — , findet sich der ausgebildete pathologische 



Dicnrized Ly «..tXV?! ■ , UNIVERSITV OF CALIFORNIA 



Die Anomalien des Sexualtriebes. 24$ 

Masochismus -wenigsteEs bei den Angehörigen des zarten Geschlechtes unserer 
Bevölkerung allem Anscheine nach ungleich seltener als bei Männern. Die Literatur 
enthält auch nur relativ wenige Beobachtungen vom weibhchen Masocbismus. 
Bei den Weibern der unteren Klassen der slavischen Völker sollen, nach vielfach 
wieder^hrenden Berichten, ausgeprägte masochistische Neigungen eine Art 
nationaler Eigentümlichkeit bilden, doch ist dies noch keineswegs über jeden 
Zweifel festgestellt. 

Wenn wir nach einer Erklärung der beiden im vorstehenden besprochenen, 
in ihrem inneren Wesen trotz scheinbarer Gegensätzlichkeit verwandten Perver- 
sionen suchen, so finden sich für den Sadismus ungleich leichter Anknüpfungs- 
punkte an Erfahrungstatsachen, die noch dem Bereiche des Physiologischen 
angehören, als für den Masochismus. Der Sadismus, dessen Vertreter doch weit 
überwiegend dem männhchen Geschlechte angehören, läßt sich mit dem aggressiven 
Charakter des Mannes, gewissen noch normalen Äußerungen seines Sexualtriebes 
und der heutzutage noch sehr verbreiteten Lust am Grausamen in Verbindung 
bringen, während der Masochismus, dessen Beprasentanten ebenfalls zumeist 
Männer sind, wie v. Krafft-Ebing mit Recht bemerkte, nur eine Ausartung 
spezifisch weiblicher psychischer Eigentümlichkeiten darstellt. 

Wenn wir hier zunächst den Sadismus in Betracht ziehen, so muß in erster 
Linie daran erinnert werden, daß der Affekt der Liebe mit einem Drang zu moto- 
rischer Entladung (Äußerung) verknüpft ist, welcher sich gegen das Objekt der 
zärtlichen Gefühle richtet. Biese motorische Äußerung kann in ihrer Form sich 
schon einigermaßen der Mißhandlung nahem (Totdrücken-, Totküssenwollen 
des geliebten Gegenstandes) und geht im sexuellen Affekt direkt in solche über, 
wenn Bisse an Stelle der Küsse treten, welch letztere übrigens wahrscheinlich 
nur eine symboUsierte Form des Beißens aus Zärthchkeit bilden. Von diesen Bissen, 
zu den schweren sadistischen Akten finden sich füeßende Übergänge. Hierzu 
kommt der Umstand, daß der sexuelle Drang, wenigstens beim Manne, den Trieb 
in sich schließt, des reizenden und begehrten Objektes sich voll und ganz zu 
bemächtigen, dasselbe sich zu unterwerfen, und daß dieser Trieb durch Widerstand, 
gesteigert wird. Während wir dergestalt im Bereiche der normalen Vita sexuahs 
Andeutungen einer Verknüpfung sexueller Erregung und sexueller Lust mit 
gewaltsamen, resp. schmerzerregenden Akten finden, begegnen wir andererseits 
der Hervorrufung von Lustgefühlen durch Grausamkeitsakte, i. e. dem Vergnügen 
am Grausamen als normaler Erscheinung auch bei den zivilisierten Nationen der 
Jetztzeit noch in sehr ausgedehntem Maße. Bei den Menschen der Vorzeit war 
der Hang zur Grausamkeit, dem wir auch in der Tierwelt überall begegnen, zweifel- 
los viel verbreiteter und mächtiger als bei den Kulturmenschen der Jetztzeit. 
Dieser Umstand hat dazu geführt, daß man den Sadismus dadurch zu erklären 
versuchte, daß man denselben als atavistische Erscheinung hinstellte. Gegen 
diese Auffassung hat Eulen bürg geltend gemacht, daß sich algolagnistische In- 
stinkte bei den höher organisierten Tieren nicht entdecken lassen und auch für 
den Menschen, soweit unsere geschichtlichen Kenntnisse reichen, eine größere 
Verbreitung sadistischer Neigungen nicht nachzuweisen ist. Das gleiche gilt von 
den heutigen Naturvölkern. Allein der Autor ist trotz dieser Einwände genötigt, 
einen gewissen Kern der atavistischen Theorie als berechtigt zu erklären. Der 
Kampf ums Dasein mußte bei dem Menschen dazu fähren, daß sich bei demselben 
der anderen Wesen zum Zwecke der Selbsterhaltung zugefügte Schmerz mit 
Lustgefühlen verknüpfte. Diese Lustgefühle steigerten sich wohl im liaufe der 
Zeit und assoziierten sich, wie das nahe hegt, nicht mehr ledighch mit Grausam- 






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250 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

keitsakten, die der Selbsterhaltung dienten, sondern auch mit anderen, an sich 
unnötigen. So entstand der Hang zur Grausamkeit, das Vergnügen an der Ver- 
übung und an der Wahrnehmung von Grausamkeitsakten, das sich bei den Kultur- 
völkern des Altertums, wie das Interesse an den Gladiatorenkämpfen, die bar- 
barische Art der Kriegführung usw. zeigen, noch ganz unverhüllt äußerte. Die 
fortschreitende Kultur hat diesen vom Urmenschen herrührenden Hang zwar 
gewaltig zurückgedrängt und in gewissem Maße verfeinert, aber keineswegs aus- 
gerottet. Die Freude an Stier- und Hahnenkämpfen, -an gefährhchen Schau- 
stellungen, das Jagdvergnügen, das Interesse für Hinrichtungen, viele Vorkomm- 
nisse in den Kriegen der Neuzeit und noch verschiedene andere Tatsachen zeigen 
uns zur Genüge, daß der Hang zur Grausamkeit dem Kulturmenschen keineswegs 
Tollständig abhanden gekomnien ist ^). 

Die Beziehung der Grausamkeit zur Sexualität ist aber eine viel engere, als 
man nach dem eben Angeführten glauben möchte. Die sinnlichen Lustgefühle 
und die diesen nahestehenden ideellen wirken in gewissem Maße sexuell erregend. 
So erklärt es sich, daß ein schwelgerisches Mahl oft sexuelle Oi^en einleitet und 
in den Kriegen früherer Jahrhunderte an Mord und Plünderung sich häufig Schän- 
dungen anschlössen. Auch der sogenannte Tropenkoller, eine der ehemaligen 
Söldnerzügellosigkeit analoge Erscheinung, verbindet sich häufig mit sexuellen 
Exzessen. Wir sehen demnach, daß von zwei Seiten aus eine Verknüpfung von 
Schmerzzufügung und sexuellen Lustgefühlen möglich ist, indem einers^te der 
sexuelle Affekt zur Verübung gewaltsamer und grausamer Akte führen, anderer- 
seits die Verübung solcher Akte sexuell erregend wirken kann. Diese Verhältnisse 
machen es bis zu einem gewissen Maße verständUch, daß bei manchen Individuen 
auf Grund ererbter krankhafter Veranlagung als funktionelle Degenerations- 
erscheinung die sadistische Gefühlsanomahe auftritt. Es läßt sich aber vorerst 
nicht ausschließen, daß diese gelegentlich auch durch zufäUige assoziative Ver- 
bindungen, wie es v. Schrenok- Notzing annimmt, entstehen mag. Einen 
Beleg in dieser Eichtung bildet unsere eine Dame betreffende Beobachtung. Nach 
den bisherigen Erfahrungen dürften jedoch derartige Fälle nur sehr selten — 
man darf wohl sagen ausnahmsweise — vorkommen. Die Annahme Binets, 
welcher den Sadismus wie den Masochismus als eine in der Begel durch zufäUige 
Assoziationen erworbene Anomaüe betrachtet, erscheint mir schon meinen eigenen 
Beobachtungen gegenüber völlig unhaltbar. 

Von den bisherigen Versuchen, den Masochismus zu erklären, kann meines 
Erachtens keiner als völlig gelungen betrachtet werden. Die Erklärung des Maso- 
chismus muß auch differieren, je nachdem man als das Wesentliche bei demselben 
die Verbindung von erduldetem Schmerz und sexuellen Lustgefühlen oder die 
mit Lust betonte Vorstellung der Unterwerfung unter das Weib betrachtet. 
V. Krafft-Ebing, welcher letzterer Auffassung zuneigte, wollte eine Wurzel des 
Masochismus in dem Umstände finden, daß im Zustande wollüstigen Affektes 
dem Erregten jede Einwirkung von selten der erregenden Person, unabhängig 
von der Art derselben, willkommen ist. Der Autor legte diesem Umstände, der 
jedenfalls nur in einer beschränkten Anzahl von FäUen zutrifft und für die Genese 

') Auch Havelock Ellis ist nicht abgeneigt, ein atavistiBchee Element der Algoli^ie 
anznei^ennen. „Jede olgolagnische Auöesung des Geschlechtstriebes", bemerkt er, ,4Bt mt- 
weder die hypertxophiBche Äußerung (zuweilen vielleicht von atavistischem Charakter) einer 
primitiven Phase der Bewerbung, oder sie ist der Versuch eines geschwächten Organismus, 
ein mächtiges, den Gesohlechtetrieh erregendes Hilfsmittel für die Err^ung der Tumeazeoz 
EU erhalten.'* 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 261 

des Masochismus kaum in Betracht kommen kann, nur eine untergeordnete Be- 
deutung bei. Die Hauptwurzel des Masochismus erblickte er in dem von ihm als 
„geschlechtliche Hörigkeit" bezeichneten abnormen psychischen Verhalten, der 
völligen Unterwerfung eines Individuums unter den Willen einer Person anderen 
Geschlechts (Pantoffelheldentum usw.). Aus der geschlechtlichen Hörigkeit 
kann sich nach v. Kraf f t - E hing ein leichter Grad von Masochismus entwickeha, 
indem durch die Gewöhnung an die Tyrannei diese allmähhch zu einer Quelle der 
Lust wird. Der echte Masochist ist aber in der Kegel geboren. Die kongenitale 
Natur des Masochismus ist nach v. Kraf ft-E hing darauf zurückzuführen, 
daß die Anlage zur geschlechthchen Hörigkeit auf ein psychopathisches Indi- 
viduum vererbt und dabei zur Perversion des Masochismus transformiert wird. 
„Aus diesen beiden Elementen", bemerkte v. Krafft - Ebing, „aus der geschlecht- 
lichen Hörigkeit einerseits, aus jener oben erörterten Disposition zur geschlecht- 
lichen Ekstase, welche selbst %£6handlungen mit Lustbetonung apperzipiert, 
andererseits, aus diesen beiden Elementen, deren Wurzeln sich bis in das Gebiet 
psychologischer Tatsachen zurückverfolgen lassen, entsteht auf einem geeigneten 
psychopathischen Boden der Masochismus, indem die sexuelle Hyperästhesie 
allerlei zuerst physiologisches, dann nur abnormes Beiwerk der Vita sexuaUs zur 
krankhaften Höhe der Perversion steigert." 

Dieser Auffassung gegenüber ist geltend zu machen, daß, wenn auch die ge- 
schlechthche Hörigkeit eine Art Vorstufe des Masochismus bildet, doch das regel- 
mäßige Vorkommen dieses abnormen Phänomens bei den Eltern oder anderen 
Vorf^ren der Masochisten nicht nachgewiesen ist, andererseits die Abstammung 
von einem geschlechtUch hörigen Vater bei dem Sohne trotz psychopathischer 
Veranlagung nicht zum Masoobismus führen muß (eigene Beobachtimg). Legt 
man beim Masochismus das Hauptgewicht auf die Verbindung von erduldetem 
ßchmerz und sexuellen Lustgefühlen, so läßt sich zur Erklärung desselben, wie es 
von Binet geschehen ist, die sexuell erregende Wirkung der passiven Flagellation 
heranziehen. Auch die von mir zuerst konstatierte Tatsache der Auslösung 
sexueller Erregung durch Ängstzustande kann als hierher gehörig in Betracht 
kommen. Indes ist auch die Entstehung des Masochismus aus der passiven Flagel- 
lation allein beim Mangel kongenitaler Veranlagung nicht nachgewiesen. Die 
Wirkung letzterer scheint über die sexuelle Stimulation meist nicht hinauszu- 
gehen. Wir sind daher veranlaßt, nach der Möglichkeit einer anderen Erklärung 
Umschau zu halten. Diese ergibt sich aus dem Umstände, daß der Masochist 
sich als Weib seiner Herrin gegenüber fühlt, welche er in seiner Phantasie wenigstens 
mit männlichen Eigenschaften ausstattet. Dadurch charakterisiert sich der Maso- 
obismus im Grunde als eine Abart der konträren Bexualempfindung ^). Hierdurch 
wird aber eine Annahme nahe gelegt, welche die hypothetische Übertragung 
einer Anlage zdr geschlechtlichen Hörigkeit überflüssig macht. Nachdem der 
Masochismus lediglich eine Steigerung spezifisch weiblicher psychischer Eigen- 
tümhchkeiten darstellt, genügt zur Erklärung seines kongenitalen Ursprungs die 
Voraussetzung, daß dem Masochisten eine weibhche (resp. weibische) psychische 
Veranlagung angeboren ist. "Es muß hier jedoch beigefügt werden, daß, wie die 
psychischen Eigentümhchkeiten des Weibes bei den einzelnen weibUchen Indi- 
viduen variieren, dieselben auch bei den männlichen Individuen von weibUchem 
psychischen Habitus in ihren Komponenten Abstufungen der Entwicklung dar- 

1) Aach T. Krafft - Ebing kam zu dem Schlüsse, daß der Masochismus im Grunde eine 
ntdimentäre Form der konträren Sexualempfindung ist, eine partielle Effeminatio, welche nur 
die sekundären Grescblechtscharaktere der psychischen Vita sexualis ergriffen hat. 






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262 Die Anomalien des Sexualtriebes. 

bieten können, äub diesen Variationen mag es sich erklären, daB in dem einen 
Fall Masochismus, imanderen eine Kombination von Umingtummitmasochistischen 
Zügen entsteht. Bei dieser Annahme bleibt auch dem Einflüsse anderer Momente, 
wie der passiven Elagellation, zufälliger begünstigender Assoziationen, der Erzie- 
hung, des Milieus, der Lektüre usw. ein genügender Spielraum gewahrt. Bei dem 
weiblichen Masochismus bildet nach den vorhegenden Beobachtungen die Ver- 
knüpfung von sexueller Erregung und Lust mit erduldetem Schmerz das wesent- 
hche Element. Daneben mag (so bei den Weibern slavischer Nationahtät) eine 
hypertrophische Entwicklung des normalen Hanges zur Unterwerfung unter deü 
Mann eine gewisse Rolle spielen. 

Der Sadismus hat neben dem psychopathologischen fast aussehheßlicb 
forenses Literesse, während dem Masochismus auch eine Bedeutung als nerven^ 
schädigendes Moment zukommt. Der Masochist ist, wie wir schon erwähnten» 
häufig zum normalen geschlechtlichen Verkehr unfähig; da ihm zudem die Be- 
friedigung seiner masochistischen Begierden nur selten möglich ist, so verfällt 
er gewöhnlich der Onanie, und zwar recht oft wegen Libido ninüa in exzessivem 
Maße. Die Folgen für das Nervensystem sind die an früherer Stelle geschilderten. 
Es unterliegt aber auch keinem Zweifel, daß die sexuelle Stimulation oder auch 
Befriedigung durch körperhche Mißbandlungen, in welcher Form dieselben auch 
geübt werden mögen, kein für den Nervenzustand gleichgültiger Faktor ist; der 
gewaltsamen Anregung der Libido bei meist verringerter Potenz muß eine größere 
Erschöpfung des Nervensystems folgen, als bei dem normalen geschlechthchen 
Verkehr. Der Masochismus ist daher geeignet, nervöse Störungen verschiedener 
Art zu verursachen und solche zu steigern, gleichgültig, ob dem Masochisteo 
eine Befriedigung seiner perversen Neigungen möglich ist oder nicht. 



Anhang. 

Periodisches Auftreten von Anomalien des Sexaaltriebes. 

In den periodisch auftretenden Geistesstörungen (Manie, zirkuläres Irresein 
insbesondere) können nicht nur, wie wir schon sahen, quantitative, sondern auch 
qualitative Anomahen des Geschlechtstriebes (Homosexualität usw.) sich geltend 
machen. Daneben werden jedoch auch Fälle beobachtet, in welchen periodisch 
Anomahen des Sexualtriebes, insbesondere homosexuelle Impulse, als isoUerte 
psychische Störungen auftreten oder wenigstens im Vordergrund der psychischen 
Veränderung«! stehen, v. Krafft-Ebing hat diese Fälle unter dem Titel 
„Psychopathia periodica" zusammengefaßt. Tarnowsky , der auf diesem Gebiete 
umfängliche Erfahrungen sammelte, erwähnt, daß die Patienten nicht selten 
verheiratete Männer und Famihenväter sind und sich in Zwischenräumen der 
Päderastie ergehen, wie Dipsomanen der Trunksucht. Derartige perverse Triebe 
(neben der Päderastie insbesondere auch Elagellation) machen sich nur zwei- 
oder dreimal im Laufe eines Jahres geltend, während der übrigen Zeit verkehren 
die Betreffenden in normaler Weise mit ihren Frauen. 

Die periodische Perversion kommt bei Frauen wie bei Männern vor. Ein hier- 
her gehöriger Fall wurde von AnjöH) mitgeteilt: Eine erbUch stark belastete, 

♦ 

>) Anj61 (Ärch. f. Fäychiatrie, XV, Heft 2). 






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Die Anomalien des Sexualtriebes. 253 

^ 

dem Klimakterium nahestehende Frau, welche in jungen Jahren an Petit mal gelitten 
hatte und stets exzentrisch, dabei jedoch streng sittlich war, wurde vor mehreren 
Jahren nach gemütlichen Erregungen von einem hystero -epileptischen Anfalle 
mit folgendem mehrwöchentlichen Irresein heimgesucht. Daran schloß sich 
mehrmonatlicher Schlafmangel. In der Fo^e machte sich bei ihr während der 
Menses neben Insomnie ein Drang geltend, Knaben unter 10 Jahren an sich zu 
locken, zu küssen und ihre Gerütalien zu betasten; Drang zu sexuellem Verkehr 
mit Erwachsenen bestand dabei nicht. Die Frau, welche intervallär keiijderlei 
geschlechtliche Begehrlichkeit zeigte, verlangte während der kritischen Zeit Über* 
wachung, da sie sich ihrem Drange gegenüber nicht sicher fühlte. 

Die folgende Beobachtung, die schon anderweitig mitgeteilt wurde, entstammt 
meiner eigenen Praxis. 

Beobachtung. 

F^odische homoeexueUe Zwangsneigung. 

Frl. A., anfangs der 40er Jahre stehend* erblich belastet (Mutter hysterisch), seit langem 
ueurasthenisch, mit Zwangsvorstellungen und VerstimmungszuBt&nden behaftet, wird seit einigen 
Jahren periodisch von einer ganz Überschwänglichen Neigung für eine ungef&hr gleichalterige, 
ihr befreundete Dame B. befallen, welche sich der ihr gewidmeten Verehrung gegenüber ziemlich 
passiv verhalt. Von irgendwelchen sexuellen Intimitäten zwischen den beiden Damen ist keine 
Bede, es handelt sich um rein platonische Beziehungen. Die Liebesanwandlungen treten bei Frl. 
A. nur in Perioden besonderer nervöser Ängegriffenheit auf und währen nie länger als einige 
Monate. Während dieser Affektphasen schwankt die Neigung nicht unerheblich. Sieht Frl. A. 
ihre Angebetete längere Zeit nicht, so nimmt die Verehrung für dieselbe beträchtlich ab, um jedoch 
bei jedem neuen ZuBammentreffen wieder mächtig angefacht zu weiden* Bei letzterem fühlt 
sie beständig den Drang, ihrer Freundin Zärtlichkeiten zu erweisen» insbesondere aber ihr die 
Hand zu küsßen, was sie auch soweit als tunlich ausführt. Trifft sie mit ihrer Freundin in einer 
Gesellschaft oder in einem Öffentlichen Lokale zusammen» in welchem die Verhältnisse die Be- 
tätigung ihres Zartlichkeitedranges nicht gestatten, ^o gerät sicT in eine qualvolle Aiifregung. 
In den Zeiten stärkerer Neigung muß sie sich in Gedanken beständig mit Frl. B. beschäftigen, 
und dieses Zwangsdenken setzt sich mitunter auch während der Nacht fort, so daß das Einschlafen 
verhindert wird. Dabei macht sich auch der Drang, ihrer Freundin die Hand zu küssen, in leb- 
haftester Weise geltend, dem sie dadurch eine gewisse Befriedigung verschafft, daß sie sich selbst 
die Hand unzählige Male küßt. Die Patientin sieht das Krankhafte ihrer Neigung beständig ein; 
auch in den Zeiten, in welchen der Affekt sie ganz und gar beherrscht, mangelt ea bei ihr an 
Krankheitfieinsicht nicht. In den affektfreien Zeiten beurteilt sie ihre Freundin sogar mit ziem- 
licher Schärfe und kritisiert ihren Charakter mit geringerer Nachsicht als andere Personen. Dabei 
ärgert es sie häufig, daß sie von der, wie sie selbst wohl erkennt, durch die Persönlichkeit ihrer 
Freundin keineswegs motivierten Neigung sich nicht dauernd frei machen kann. In der affekt- 
freien Zeit suchte sie auch den Verkehr mit Frl. B. keine3weg8, ja sie vemachlä^igt diese mitunter 
derart, daß sich dieselbe darüber beklagt. 

Die Veratimmungszustände, von welchen Frl. A. schon früher zeitweilig heimgesucht wurde, 
sind seit dem Auftreten der homosexuellen Zwangsneigung nicht ausgeblieben, sondern nur viel* 
leicht etwas seltener geworden. Es mangelt auch in den Affektperioden nicht an Depreasions- 
anwandlungen von kürzerer oder längerer {tagelanger) Dauer, in welchen jedoch die Verstimmung 
zumeist an die bestehende Zwangsneigung und die dadurch verursachte geistige Unfreiheit 
anknüpft. Nur in den Zeiten stärkerer Entwicklung der Zwangsneigung bleiben die Ver- 
stimmungen völlig weg. 

In bezug auf die Sexualempfindung bei Frl. A. ist noch beizufügen, daß dieselbe auch schon 
früher einzelnen ihrer Freundinnen gegenüber homosexuelle Neigungen zeigte. Diese waren 
jedoch immer von jahrelanger Dauer und zeigten nie die auffallenden Schwankungen, die sich 
während der oben erwähnten Anfälle geltend machten. Auch fehlte bei diesen Neigungen jedes 
Bewußtsein des Krankhaften. Frl. A. glaubte, daß es sich bei ihrem schwärmerischen Empfinden 
für einzelne ihrer Freundinnen lediglich um ein gewöhnliche? warmes Freundschaftsgefühl handelte. 






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XIX. 



Prophylaxe und Behandlang der sexuellen Neurasthenie 



Die neurathenischen Zustände, welche wir unter dem Titel „sexuelle Neur- 
asthenie'* zusammenfassen und von anderen Varietäten der Neurose unter- 
scheiden, bilden nicht eine ätiologische, sondern eine klinische Einheit, i. e. wir 
dürfen „sexuelle Neurasthenie" nicht als gleichbedeutend mit sexuell verursachter 
Neurasthenie betrachten. Ich habe anderenorts schon dargelegt, daß wir der 
sexuellen Neurasthenie nur jene Fälle zuweisen können, bei welchen Störungen 
der sexuellen Verrichtungen entweder allein vorhanden sind, oder wenigstens her- 
vorstechende Züge im Krankheitsbilde darstellen. Diese klinische Form der Neur- 
asthenie tritt aber, wie auch schon von anderer Seite (Beard und v. Krafft* 
E bin g) hervorgehoben wurde, nicht ledighch als Folge sexueller Noxen und anderer- 
seits die durch diese herbeigeführte Neurasthenie nicht immer in der Form der 
sexuellen auf. Dabei muß jedoch betont werden, daß unter den Ursachen der 
sexuellen Neurasthenie die der Sexualsphäre entstammenden weitaus überwiegen, 
ein Umstand, der auch für die Prophylaxe und Therapie dieses Leidens nicht 
belanglos ist. 

Die Prophylaxe der sexuellen Neurasthenie fällt einerseits zusammen mit 
der Prophylaxe der Neurasthenie überhaupt, andererseits mit der sexuellen 
Hygiene. Wir können natürhch rücht daran denken, diese Themata, von welchen 
das letztere schon von mehreren Seiten zum Gegenstand besonderer Darstellung 
gemacht wurde, hier erschöpfend zu bebandeln ; wir müssen uns darauf beschränken, 
eirüge für die Prophylaxe der sexuellen Neurasthenie besonders wichtige Umstände 
kurz zu besprechen *), 

Die Schäden, welche die Masturbation für das Nervensystem nach sich zieht, 
haben wir im vorstehenden kennen gelernt. Mit der Verhütung der Masturbation 
ist daher schon für die Prophylaxe der sexuellen Neurastheme viel erreicht. Da 
die Onanie im Alter vor der Pubertätsentwicklung besonders nachteilige Wir- 
kungen äußert und zugleich bei kindlichen Individuen ungleich leichter bei ent- 
sprechender Sorgfalt hin tan zuhalten ist als bei Erwachsenen, so muß auch ärzt- 
Ucherseits die vollste Aufmerksamkeit der Verhütung der Onanie im Kindesalter 



1) Ich möchte nicht unt«rIasEen, hier darauf hinzuweisen, daß durch eine aachgemäße 
sexuelle Aufklärung der reiferen Jugend, die heutzutage trotz eneigischer Befürwortung von 
kompetentester Seite noch immer auf den Widerstand einflußreicher Kreise stößt, sehr vieles zur 
Verhütung sexueller Neurasthenie geschehen könnte. Dem Arzte, welcher viel mit Sexualneur- 
a&thenikem zu tun hat, bietet sich häufig genug Gelegenheit, die mißlichen Folgen ungenügender 
und fakcher Aufklärung über sexuelle Vorgänge zu konstatieren, und er ist keineswegs immer 
imstande, den auf diese Weite verureachten Schaden zu reparieren. 



^ /'^,-^^^,,L, Orrgrnötfrom 



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Prophylaxe und Behandlung der sexuellen Neurasthenie. 265 

zugewendet werden. In erster Linie kommt hier die Beseitigung örtlicher Äffek- 
tionen in Betracht (Ekzem, Prurigo usw.), welche Veranlassung zu Öfteren 
Berührungen der Genitalien bilden und damit zur Onanie führen können. Des 
weiteren ist es Aufgabe des Arztes, auf stetige Überwachung der Kinder bei Tag 
und Nacht, speziell im Hinblick auf die MögUchkeit onanistischer Vorkommnisse» 
und zwar von den ersten Lebensjahren an zu dringen. Diese Überwachung hat sich 
nicht bloß auf das Verhalten der Kinder in der Häuslichkeit und beim Alleinsein 
derselben, sondern ganz besonders auf deren Verkehr mit anderen Kindern unah* 
lässig zu erstrecken. Von welcher Wichtigkeit letzterer Umstand ist, ergibt sich 
aus der Tatsache, daß in der großen Mehrzahl der Fälle Onanie bei Kindern auf 
Verführung durch Spielgefährten oder Gefährtinnen, Mitschüler usw. zurückzu- 
führen ist. Selbst bei Kindern, die noch nicht im schulpflichtigen Alter stehen, 
darf man die Möglichkeit einer Verführung durch Spielgenossen nicht außer acht 
lassen; eine Beobachtung, die ich gelegentlich machte, zeigt dies zur Genüge« 
Der 4jährige Knabe einer mir bekannten Familie wurde dur